Der Wellensittich - Das glückliche Haustier: Entwicklung
Seine Entwicklung: Der Wellensittich als Haustier [Bearbeiten]
Geschichte
Seit seiner Entdeckung (1794) und Einführung als Haustier (1840) erfreut sich der Wellensittich großer Beliebtheit. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann er seinen Siegeszug in europäische Wohnstuben. Dabei war er besonders für sein Paarverhalten beliebt. Die Menschen erfreuten sich an der rührenden Pflege, die ein Wellensittich dem anderen zukommen ließ. Sein aufgewecktes Wesen und seine “klugen” Augen wurden oft beschrieben. Daher war die Paarhaltung des Wellensittichs eigentlich Grundvoraussetzung und in den ersten Haltungsbüchern von Karl Ruß wird darauf hingewiesen, dass ein einzeln gehaltener Wellensittich nicht glücklich ist. Er rät dazu, das Leid eines Vogels, dessen Partner verstorben ist, durch Aufhängen eines Spiegels zu verringern, ihm aber alsbald einen neuen Partner hinzuzugesellen. Binnen 50 Jahren machte der Wellensittich dem bis dahin beliebtesten Stubenvogel, dem Kanarienvogel, seinen Platz streitig. Um den Bedarf zu decken, mussten Millionen Wellensittiche im Laufe der Jahre gefangen werden – unter grausamen Bedingungen mit hohen Verlusten. Auch die Überfahrt war die reinste Strapaze, die viele Tiere das Leben kostete. 1894 sah sich die Regierung Australiens gezwungen, ein Ausfuhrverbot für Wellensittiche zu verhängen, um die heimischen Bestände zu erhalten – ein Glück für den australischen Wellensittich. Die seit den 50er Jahren des 19ten Jahrhunderts entstehenden Zuchten innerhalb Europas konnten den Bedarf jedoch auch weiterhin decken. Eine heute unvorstellbare Massenproduktion setzte ein. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges tötete ein französischer Züchter 120 000 Wellensittiche, da der Absatzmarkt aufgrund des Krieges weggebrochen war. Mit Auftreten und Bekanntwerden neuer Farbmutationen setzte ab 1910 ein neuerlicher Wellensittichboom ein. In den 30er Jahren brach in immer mehr Massenzuchten die gefürchtete Psittakose aus. Die hygienischen Missstände öffneten Infektionskrankheiten Tür und Tor. Die Massenzuchten wurden unrentabel. Selbst jene, die von Infektionskrankheiten verschont blieben, mussten so hohe Auflagen erfüllen, dass sich die Massenproduktion kaum noch lohnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das Verhalten gegenüber dem Wellensittich – erneut beliebt, wurde er nun bevorzugt einzeln gehalten – sein Sprachtalent und die leichte Zähmung, aus reiner Einsamkeit geboren, wurde geschätzt und machte “Hansis” und “Bubis” zu beliebten Haustieren.
Wissenschaft am Wellensittich
Während dieser Umstand die Haltung in den Privathaushalten zu einer weniger artgerechten Angelegenheit machte, begannen auch die Züchtungen immer unnatürlichere Auswüchse anzunehmen. Der nach englischem Standard gezüchtete Wellensittich erfreute sich wachsender Beliebtheit. Der Wunsch, die Form- und Farbgebung des Tieres nach menschlichen Vorstellungen zu beeinflussen zog immer größere Kreise.
Bereits in den Anfängen der europäischen Wellensittichhaltung wurde genetisch an den Vögeln herumexperimentiert, um neue Farbschläge hervorzubringen. So setzte sich mehr und mehr die Blaureihe durch, später Grünvarianten, Lutinos und schließlich Schecken. Die Zucht nach Farbschlägen konnte sicherlich die Mendelschen Regeln deutlich unterstreichen und genetische Erkenntnisse wissenschaftlich vorantreiben. Dies ist ein Verdienst, den sich heute noch Züchterverbände gerne auf die Fahnen schreiben. Dennoch ist diese Art von Erzeugung von Mutationen eher der Befriedigung individueller menschlicher Neugier, Erfolgsstreben und Missachtung natürlicher Auslesekriterien zuzuschreiben und von daher eher kritisch zu betrachten, zumal die Lebenserwartung bei Wellensittichen in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist.
Jene Züchterverbände steckten weiteren Ehrgeiz in die Mutation der Wellensittiche nicht nur in Hinblick auf die Farbschläge, sondern auch auf Statur und Befiederung, mit der Folge, dass die europäischen Wellensittiche heute meistens größer sind als ihre australischen Vorfahren; mit den sogenannten Standards ist eine Zuchtform entstanden, die nicht mehr viel mit dem australischen Wellensittich gemein hat und aufgrund seiner Körpersubstanz, Trägheit und Sichtbehinderung durch zu üppiges Kopfgefieder in freier Wildbahn schon physisch nicht mehr überlebensfähig wäre. Diese Vögel haben ferner ein zu langes Kloakengefieder, was die reinliche Gefiederpflege der Vögel stellenweise unmöglich macht und Ort von parasitären Erkrankungen ist.
Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde mit der Verhaltensforschung an Wellensittichen begonnen. Man kann davon ausgehen, dass sich ab diesem Zeitpunkt ein verändertes Bewusstsein über die Wahrnehmung der Heimvögel entwickelte und ihnen eine Individualität zuerkannt wurde, die sie von der Massenware zum schützenswerten Lebewesen machte.
Wellensittichhaltungen in Deutschland im Wandel
In deutschen Haushalten entstand nach den Wiederaufbauarbeiten des kriegszerstörten Landes das Bedürfnis nach Häuslichkeit und Hobby. Nach damaligem Verständnis war die Wellensittichzucht und –haltung dabei ein sehr kostengünstiges Vergnügen, denn die Vögel galten als pflegeleicht, genügsam, sie brauchten nicht viel Platz und waren günstig in der Anschaffung. Auch ärmere Familien konnten sich so ein Haustier leisten, welches sicher liebevoll in die Familie aufgenommen und dort umsorgt wurde und es mit besonderer Zahmheit „dankte“. So lernte der Wellensittich sprechen, aß gemeinsam mit der Familie am Tisch, war immer für einen Spaß zu haben, und besonders zutrauliche Vögel übernahmen auch die Zahnpflege ihrer Besitzer, indem sie mit Vorliebe Essensreste aus den Zähnen zupfen durften. So war der Vogel sehr beliebt, und augenscheinlich war er ja glücklich.
Erst als die Nation immer wohlhabender wurde und Zeit fand, sich kritisch mit dem Wohlstand und seiner Umwelt auseinanderzusetzen, entdeckte man, dass auch ein Haustier wie der Wellensittich Bedürfnisse haben könnte. Mehr und mehr setzte und setzt sich das Bewusstsein durch, dass ein Wellensittich ein Schwarmtier ist und die Sicherheit und Kommunikation eines weiteren Artgenossen benötigt. Dieses veränderte Bewusstsein ist längst noch nicht in alle Haltungen vorgedrungen, noch immer spielen die alten Ansichten der früheren Haltergenerationen eine gewichtige Rolle. Auch wenn sich immer mehr Anzeichen dafür finden, dass auch Kinder schon ihre Mitschüler und Nachbarn und Kollegen sich untereinander darauf aufmerksam machen, dass deren Wellensittich einsam ist, auch wenn Medien wie das Fernsehen diesen Aspekt immer stärker in den Mittelpunkt rücken, gibt es doch noch unzählige Fälle von Ahnungslosigkeit oder Uneinsichtigkeit bei Besitzern einzelner Wellensittiche. Die wieder hohen Zahlen an Nachzuchten in Deutschland bei abnehmenden Einzelhaltungen lassen jedoch annehmen, dass immer mehr Tiere mindestens zu zweit gehalten werden, wenn nicht sogar in kleinen Schwärmen.
Jedoch ist die Art der Unterbringung vielfach noch mangelhaft in Bezug auf die Bedürfnisse der in Gefangenschaft lebenden Vögel. Häufig wird nicht oder nicht genug Freiflug gewährt, der Käfig ist viel zu klein, als dass die Vögel darin mal ein paar Flügelschläge machen könnten; noch immer werden Rundkäfige verkauft, Spiegel und Plastiksitzstangen. Viele Menschen machen sich noch keine Gedanken über giftige Pflanzen im Zimmer und schädliche Küchendämpfe. Dieser Ratgeber soll helfen, dem vorhandenen Bewusstsein und der Bereitschaft zur artgerechten Haltung von Wellensittichen die Informationen und Tipps zuzufügen, die zur Umsetzung dieser Bereitschaft noch fehlen. Damit Wellensittiche Freude durch ihr Wesen nicht nur geben, sondern selbst auch Freude in ihrer Haltung erleben dürfen.