Free as in Freedom

Aus Wikibooks

Wechseln zu: Navigation, Suche

[Bearbeiten] Richard Stallmans Kreuzzug für freie Software

Von Sam Williams, März 2002
übersetzt von der Wikibooks-Community

Translation arrow.svg Dieser Buchabschnitt benötigt eine Übersetzung ins Deutsche – der fremdsprachige Text ist [| hier ] zu finden. Wenn sie Fragen haben, wie man Texte übersetzt, so schauen Sie in diese Hilfe. Ihre textbezogenen Fragen und Anmerkungen können Sie auf dieser Diskussionsseite besprechen.

Hinweis: rote Sätze sind noch unübersetzte Sätze inklusive Sätze die ich übersprungen habe, weil sie mir zu schwer zum Übersetzen waren.

Cover der englischen original Auflage von Free as in Freedom

Richard Matthew Stallman.jpeg


[Bearbeiten] Kapitel 1: Um eines Druckers Willen

Ich fürchte die Griechen. Auch dann, wenn sie Geschenke bringen. -- Vergil, Die Aeneis

Der neue Drucker war kaputt - wieder einmal.

Richard M. Stallman, ein Programmierer am Artificial Intelligence Laboratory (AI Lab) des Massachusetts Institute of Technology, erfuhr die Fehlfunktion am eigenen Leib. Eine Stunde, nachdem er eine 50-seitige Datei an den Büro-Laserdrucker gesendet hatte, unterbrach Stallman, 27, eine produktive Arbeitssitzung, um seinen Ausdruck abzuholen. Als er eintraf, fand er gerade einmal vier Seiten im Auswurfschacht des Druckers. Noch schlimmer: die vier Seiten gehörten einem anderen Mitarbeiter, was hieß, dass Stallmans Druckauftrag und zudem noch der unvollendete von jemand anderem noch immer irgendwo in den Leitungen des Computernetzwerks fest saßen.

Auf Maschinen zu warten, ist ein Berufsrisiko, wenn man Softwareentwickler ist, deshalb traf Stallman der Frust nicht ganz so schwer. Trotzdem macht es einen erheblichen Unterschied, ob man auf eine Maschine wartet, oder ob man vor einer Maschine wartet. Es war nicht das erste Mal, dass er gezwungen war, vor dem Drucker stehen zu bleiben und zuzusehen, wie eine Seite nach der anderen gedruckt wurde. Als eine Person, die den Großteil ihrer Tage und Nächte damit verbrachte, die Effizienz von Maschinen und der Software, die diese steuert, zu verbessern, verspürte Stallman einen natürlichen Drang, die Maschine zu öffnen und in ihren Eingeweiden zu suchen, um die Wurzel des Übels ausfindig zu machen.

Unglücklicherweise reichten Stallmans Fertigkeiten als Computer-Programmierer nicht in den Bereich des Maschinenbaus. Während die frisch gedruckten Seiten aus der Maschine strömten, hatte Stallman die Gelegenheit, sich über andere Wege Gedanken zu machen, das Problem mit dem Druckerstau einzukreisen.

Wie lange war es her, seit die Mitarbeiter am AI Lab den neuen Drucker mit offenen Armen empfangen hatten? fragte sich Stallman. Die Maschine war eine Spende der Xerox Corporation. Ein Prototyp der neuesten Generation, eine modifizierte Version des beliebten Xerox Fotokopierers. Anstatt Kopien anzufertigen, verwandelte er Daten, die über ein Computernetzwerk gesendet wurden, in professionell aussehende Dokumente. Von Ingenieuren am weltberühmten Xerox Palo Alto Research Facility entwickelt, war er ganz einfach ein früher Vorgeschmack auf die Bürodrucker-Revolution, die die restliche Computerindustrie gegen Ende des Jahrzehnts ergreifen sollte.

Getrieben durch den instinktiven Drang, stets mit den neuesten Geräten herumzuspielen, integrierten Programmierer die neue Maschine umgehend in die ausgefeilte Computer-Infrastruktur des Labors. Die Ergebnisse waren sofort sehr ansprechend. Im Gegensatz zu dem alten Bürodrucker war der neue Xerox Drucker schnell. Die Seiten flogen mit einer Rate von einer pro Sekunde aus dem Gerät, was einen 20-Minuten-Druckauftrag in einen 2-Minuten-Druckauftrag verwandelte. Die neue Maschine war zudem noch genauer. Kreise sahen aus wie Kreise, nicht wie Ellipsen. Gerade Linien sahen aus wie gerade Linien und nicht wie niederfrequente Sinuskurven.

Die Spende war im Grunde zu gut, um sie zurückzuweisen.

Erst nach ein paar Wochen traten die ersten Probleme der Maschine zu Tage. Das größte Manko war die angeborene Veranlagung der Maschine zu Papierstaus. Die Programmierer, die wie Ingenieure dachten, verstanden schnell, woher das Problem kam. Als Fotokopierer benötigte die Maschine grundsätzlich die Aufsicht eines menschlichen Benutzers. Davon ausgehend, dass diese menschlichen Benutzer verfügbar wären, um einen auftretenden Papierstau zu beheben, sobald er auftrat, hatten die Xerox Ingenieure ihre Zeit und Energie verwendet, um andere ärgerliche Probleme zu beheben. Mit den Worten eines Ingenieurs: der Benutzereingriff war in das System eingebaut worden.

Mit der Umwandlung der Maschine für den Druckbetrieb hatten die Xerox-Entwickler das Mensch-Maschine Verhältnis in einer subtilen, aber tiefgreifenden, Weise geändert. Anstatt die Maschine einem individuellen Benutzer zu unterwerfen, hatten sie ihr die ganze Bevölkerung eines Netzwerks von menschlichen Bedienern gegenübergestellt. Anstatt der Maschine direkt gegenüberzustehen, schickte ein menschlicher Bediener am einen Ende des Netzwerks seinen Druckbefehl durch eine ausgedehnte Eimerkette von Maschinen und erwartete, dass das Gewünschte korrekt und am richtigen Ort ankommen würde. Erst wenn er schließlich losging, um nach dem fertigen Ausdruck zu sehen, stellte er fest, wie wenig des gewünschten Inhalts angekommen war.

Stallman selbst war der erste gewesen, der das Problem identifizierte, und auch der erste, der eine Lösung vorschlug. Jahre zuvor, als das Institut noch den alten Drucker benutzt hatte, hatte Stallman ein ähnliches Problem gelöst, indem er das Programm verändert hatte, das den Drucker auf der alten PDP-11 gesteuert hatte. Stallman konnte keinen Papierstau verhindern, aber er konnte einen Befehl einfügen, der die PDP-11 anwies, den Drucker regelmäßig zu überprüfen und eine Statusnachricht an die PDP-10 zu senden, den Zentralrechner des Instituts. Um sicherzustellen, dass die Unaufmerksamkeit eines Nutzers nicht eine ganze Reihe von Druckaufträgen lahm legte, fügte Stallman außerdem ein Kommando ein, das die PDP-10 anwies, alle Nutzer mit einem Auftrag in der Warteschlange zu informieren, wenn der Drucker hängen geblieben war. Die Nachricht war einfach, etwas in der Art "Der Drucker ist kaputt. Bitte repariere ihn". Da sie zu den Leuten gesendet wurde, die das stärkste Bedürfnis hatten, das Problem zu beheben, standen die Chancen besser, dass das Problem auch rechtzeitig behoben wurde.

Stallmans Korrektur war indirekt, aber elegant. Sie behob nicht die mechanische Seite des Problems, aber sie tat das Nächstbeste, indem sie die Informationslücke zwischen Benutzer und Maschine schloss. Dank ein Paar zusätzlicher Zeilen Codes konnten die Mitarbeiter des AI Lab die 10 bis 15 Minuten sparen, die sie jede Woche damit verschwendeten, hin und her zu laufen, um den Drucker zu überprüfen. Im Sinne der Programmierung zog Stallmans Korrektur Nutzen aus der verstärkten Intelligenz des gesamten Netzwerks.

"Wenn du diese Nachricht bekommen hattest, konntest du nicht davon ausgehen, dass es jemand anderes richten würde," sagt Stallman, sich die Logik in Erinnerung rufend. "Du musstest zum Drucker gehen. Ein oder zwei Minuten, nachdem am Drucker ein Problem aufgetreten war, trafen die zwei oder drei Leute ein, die die Nachricht erhalten hatten, um die Maschine zu reparieren. Unter diesen zwei oder drei Leuten war meist zumindest einer, der wusste, wie man das Problem beheben konnte."

Solche cleveren Lösungen waren das Markenzeichen des AI Lab und den einheimischen Programmieren. Allerdings verachteten die besten Programmierer am AI den Titel Programmierer. Sie bevorzugten stattdessen den eher umgangssprachlich gebrauchten Titel Hacker. Diese Jobbezeichnung umfasste eine Menge von Aktivitäten - alles von der kreativen Freude am Schaffen bis hin zum Verbessern existierender Software und Computersysteme. Inbegriffen war indessen auch der altmodische Begriff des Einfallsreichtums der Yankees. Um ein Hacker zu sein, musste man die Philosophie akzeptieren, dass ein Programm zu schreiben nur der Anfang war. Das Programm zu verbessern war der wahre Test für die Fähigkeiten eines Hackers. [1]

Solch eine Philosophie war der Hauptgrund, weshalb Firmen wie Xerox die Strategie verfolgten, ihre Maschinen und Softwareprogramme an Orte zu verschenken, an denen sich Hacker versammelten. Wenn Hacker die Software verbesserten, konnten sich die Firmen die Verbesserungen zurück borgen und diese in Aktualisierungen für den kommerziellen Markt einfließen lassen. Im Sinne der Firmen waren die Hacker ein Aktivposten, eine zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsabteilung, verfügbar zu minimalen Kosten.

Aufgrund dieser Geben-und-Nehmen-Philosophie machte Stallman sich keine Sorgen, als er den Defekt am Drucker ausmachte. Er suchte einfach nach einem Weg, um die alte Lösung oder den "Hack" für das neue System brauchbar zu machen. Als er sich jedoch die Laserdrucker-Software von Xerox anschauen wollte, machte Stallman eine ärgerliche Entdeckung. Der Drucker hatte keine Software mitgeliefert, zumindest nichts, das Stallman oder einer seiner Kollegen hätte lesen können. Bis dahin hatten die meisten Firmen als Hilfestellung ihre Quellcode-Dateien veröffentlicht - lesbare Textdateien, die die einzelnen Befehle der Software dokumentierten, die der Maschine sagten, was sie tun sollte. Xerox dagegen hatte die Software fertig compiliert als Binärdateien mitgegeben. Programmierer konnten diese Dateien zwar öffnen, wenn sie wollten, aber solange sie keine Experten darin waren, einen endlosen Strom von Einsen und Nullen zu entschlüsseln, war der resultierende Text reines Kauderwelsch.

Obwohl Stallman vieles über Computer wusste, war er kein Experte im Übersetzen binärer Daten. Als Hacker jedoch hatte er andere Quellen zur Verfügung. Der Wissensaustausch war so zentral für die Kultur der Hacker, dass Stallman wusste, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis andere Hacker an einem Universitätsinstitut oder im Computerraum einer Firma eine Version des Quelltextes mit den begehrten Quellcode-Dateien für den Laserdrucker zur Verfügung stellen würden.

Nach den ersten Druckerausfällen tröstete sich Stallman mit der Erinnerung an eine ähnliche Situation ein paar Jahre zuvor. Das Institut brauchte ein netzwerkumspannendes Programm, damit die PDP-11 effizienter mit der PDP-10 zusammenarbeiten konnte. Die Hacker des Instituts waren der Sache mehr als gewachsen, aber Stallman als Harvard-Alumnus erinnerte sich an ein ähnliches Programm, das die Programmierer in der Abteilung für Computerforschung von Harvard entwickelt hatten. Das Computerinstitut in Harvard nutzte zwar einen Rechner des gleichen Modells, die PDP-10, allerdings mit einem anderen Betriebssystem. Dort gab es darüber hinaus die Regel, dass für alle Software, die auf der PDP-10 installiert war, der Quellcode veröffentlicht sein musste.

Stallman nutzte die Gelegenheit, dass er Zugang zum Computerlabor in Harvard hatte, schaute dort vorbei und fertigte eine Kopie des Quellcodes des Netzwerkprogramms an und brachte sie zum AI Lab. Er überarbeitete den Quelltext, damit er besser unter dem Betriebssystem am AI Lab lief. Mit wenig Aufwand schloss das AI Lab so eine große Lücke in seiner Softwareausstattung. Stallman fügte sogar noch einige neue Funktionen hinzu, die im Originalprogramm aus Harvard gefehlt hatten, wodurch das Programm sogar noch hilfreicher wurde. "Wir haben es viele Jahre lang benutzt," sagt Stallman.

Aus der Perspektive der Programmierer der 1970er war dieser Vorgang das Software-Äquivalent zu einem Nachbarn, der vorbei schaut, um sich elektrisches Werkzeug oder eine Tasse Zucker zu leihen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Hacker aus Harvard weiterhin mit ihrem Programm arbeiten konnten, als Stallman sich die Kopie der Software auslieh. Wenn überhaupt, dann profitierten die Hacker in Harvard von dem Vorgang, weil Stallman seine eigenen zusätzlichen Funktionen in das Programm einbrachte, Funktionen, die sich die Hacker in Harvard selbstverständlich zurückborgen konnten. Obwohl niemand aus Harvard jemals kam, um das Programm zurück zu holen, erinnert sich Stallman doch an einen Programmierer der privaten Computerentwicklungsfirma Bolt, Beranek & Newman, der sich das Programm auslieh und ein Paar zusätzliche Funktionen hinzufügte, die Stallman wiederum in das Quellcode-Archiv des AI Lab übernahm.

"Ein Programm entwickelte sich in der Art, wie sich eine Stadt entwickelt," sagt Stallman in Erinnerung an die Softwareinfrastruktur des AI Lab. "Teile wurden ersetzt und neu gebaut. Neues wurde hinzugefügt. Aber man konnte immer auf einen bestimmten Abschnitt schauen und sagen, 'Hmm, am Stil erkenne ich, dass dieser Teil in den frühen 60ern geschrieben wurde und dieser hier Mitte der 1970er.'"

Mit diesem einfachen System des intellektuellen Zuwachses schufen die Hacker am AI Lab und anderswo robuste Werke. An der Westküste bauten Informatiker der UC Berkely, in Kooperation mit ein paar maschinenorientierten Entwicklern von AT&T auf diese Weise ein komplettes Betriebssystem. Die Software, welche in Anspielung an ein älteres und ehrenwerteres Betriebssystem namens Multics Unix genannt wurde, war für jeden Programmierer verfügbar - vorausgesetzt, er bezahlte die Kosten, es auf ein neues Magnetband zu kopieren und dieses zu verschicken. Nicht alle Programmierer, die an dieser Kultur teilnahmen, beschreiben sich selbst als Hacker, aber die meisten teilten die Empfindungen von Richard M. Stallman. Wenn ein Programm oder ein Softwarefix gut genug war, um deine Probleme zu lösen, war es auch gut genug, die Probleme von jemandem anderem zu lösen. Wieso sollte man es nicht, rein aus Wunsch nach gutem Karma, teilen?

Dass Xerox nicht bereit war, seine Quellcode-Dateien freizugeben, schien zuerst nur ein kleineres Ärgernis. Um die Quellcode-Dateien aufzustöbern, machte sich Stallman gar nicht erst die Mühe, Xerox zu kontaktieren. "Sie gaben uns bereits den Laserdrucker", sagte Stallman. "Wieso sollte ich ihnen für mehr auf den Wecker gehen?"

Als die gewünschten Dateien nicht auftauchten, begann Stallman jedoch misstrauisch zu werden. Im Jahr davor hatte Stallman bereits einen Krach mit einem Doktoranden der Carnegie Mellon University miterlebt. Der Student Brian Reid war Autor eines nützlichen Textsatzprogramms namens Scribe. Eines der ersten Programme, bei welchem der Anwender die Möglichkeit hatte, die Schriftart und -attribute festzulegen, wenn er ein Dokument über das Computer-Netzwerk sendete. Das Programm war ein früher Vorläufer von HTML, der Lingua franca des World Wide Web. 1979 entschied sich Reid, Scribe an eine in der Nähe von Pittsburgh ansässige Softwarefirma namens Unilogic zu verkaufen. Reid sagt, dass er nach dem Ende seiner Doktorandenlaufbahn einfach eine Möglichkeit gesucht hat, das Programm an andere Entwickler weiterzugeben, die alles dafür tun würden, dass es nicht Public-Domain wird. Versüßt wurde der Handel noch dadurch, dass sich Reid dazu bereit erklärte, eine Reihe von zeitabhängigen Funktionen - im Programmiererjargon Zeitbomben genannt - einzufügen, welche kostenlos kopierte Versionen des Programms nach einer 90-tägigen Testphase deaktivierten. Um die Deaktivierung zu verhindern, zahlten die Anwender an die Softwarefirma, die ihnen dann einen Code verriet, welcher die Zeitbombe entschärfte.

Für Reid war der Handel ein Gewinn für beide Seiten. Scribe wurde nicht Gemeingut und Unilogic wurde für ihren Kapitaleinsatz entschädigt. Für Stallman war es schlicht und einfach Verrat am Programmierer-Ethos. Anstatt die Ansicht vom Teilen und Gleichteilen zu ehren, schuf Reid einen Weg für Firmen, um Programmierer dazu zu zwingen, für den Zugang zu Informationen zu zahlen.

Als die Wochen vergingen und er mit seinen Versuchen, die Quellcode-Dateien für den Xerox Laserprinter aufzutreiben, auf Granit biss, befürchtete Stallman, dass ihm bei der Arbeit ein ähnliches Szenario bevorstand. Bevor Stallman irgendetwas dagegen tun oder sagen konnte, verbreiteten sich gute Nachrichten durch die Programmierer-Gerüchteküche. Man munkelte, dass ein Wissenschaftler an der Fakultät für Informatik der Carnegie Mellon University gerade einen Job im Xerox Palo Alto Research Center gekündigt habe. Nicht nur, dass dieser Wissenschaftler am fraglichen Laserdrucker gearbeitet hat, gemäß den Gerüchten arbeitete er immer noch daran als Teil seines Forschungsauftrags an der Carnegie Mellon.

Trotz seines Anfangsverdachtes entschied sich Stallman, beim nächsten Besuch des Campuses der Carnegie Mellon die fragliche Person ausfindig zu machen.

Er musste nicht lange warten. An der Carnegie Mellon gab es ebenfalls ein Labor für die Erforschung künstlicher Intelligenz, und nach wenigen Monaten ergab sich für Stallman ein geschäftlicher Anlass, um den Campus der Carnegie Mellon zu besuchen. Während dieses Besuches stellte er sicher, auch der Informatikfaktultät einen Besuch abstatten zu können. Angestellte der Fakultät verwiesen ihn an das Büro des Fakultätsmitglieds, welches das Xerox-Projekt leitete. Als Stallman dort ankam, fand er den Professor an seinem Arbeitsplatz vor.

In wahrer Entwickler-zu-Entwickler Tradition war die Unterhaltung hart aber herzlich. Nach einer kurzen Selbstvorstellung als Besucher vom MIT, bat Stallman ihn um eine Kopie der Laserdrucker-Quelltextes um ihn auf den PDP-11 portieren zu können. Zu seiner Verwunderung schlug ihm der Professor diesen Wunsch ab.

"Er sagte mir, er hätte versprochen mir keine Kopie zu geben," sagte Stallman.

Erinnerungen sind eine komische Sache. Zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen hat Stallmans mentales Geschichtsspeicherband einige offenkundige weiße Flecken.[2] Nicht nur, das er sich nicht mehr an den Grund für seine Reise oder gar die Jahreszeit als er sie antrat, erinnert, er hat auch keinerlei Erinnerung an den Professor oder Doktoranden, mit welchem er das Gespräch führt, mehr. Laut Reid war die Person mit der er gesprochen hat, vermutlich Robert Sproull, ein ehemaliger Xerox PARC Forscher und derzeitiger Direktor der Sun Laboratories, einer Forschungsabteilung des Computertechnologie Mischkonzerns Sun Microsystems. Während der 1970er Jahren war Sproull der Hauptentwickler der betroffenen Laserdruckersoftware am Xerox PARC. Um 1980, nahm Sproull eine Forscherstelle an der Carnegie Mellon an, wo er neben andern Projekten seine Arbeit an Laser-Druckern fortsetze.

"Der Quelltext, den Stallman wollte, war der Spitzencode des neuesten Stands der Technik, welchen Sproull, im Jahr bevor er an die Carnegie Mellon ging, schrieb," erinnert sich Reid. "Ich denke das Sproull weniger als einen Monat an der Carnegie Mellon war, als die Anfrage kam."

Als ich Sproull jedoch direkt ansprach, zog ich eine Niete. "Ich kann keinen fachlichen Kommentar geben," schrieb Sproull via E-mail. "Ich habe absolut keinerlei Erinnerung an den Vorfall."

Da beide Teilnehmer der kurzen Unterhaltung Schwierigkeiten haben, sich an entscheidende Details zu erinnern, einschließlich der Frage ob die Konversation überhaupt stattfand, ist es schwer die Deutlichkeit der Ablehnung Sproulls zu beurteilen, an die sich zumindest Stallman erinnert. In Reden vor Publikum hat Stallman wiederholt auf den Vorfall hingewiesen und angemerkt dass Sproulls Widerwille den Quellcode herauszugeben von einer Vertraulichkeitsvereinbarung herrührte, einer vertraglichen Vereinbarung zwischen Sproull und der Xerox Corporation, die Sproull, oder jedem anderen Unterzeichner, im Gegenzug zu dem Versprechen der Geheimhaltung den Zugang zum Quellcode der Software ermöglichte. Inzwischen ein Standardmittel im Geschäft der Softwareindustrie, war die Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA – nondisclosure agreement) zu der damaligen Zeit eine neue Entwicklung, die gleichzeitig den kommerziellen Wert des Laserdruckers und der Informationen die benötigt wurden um ihn zu betreiben für Xerox widerspiegelte. „Xerox versuchte zu der Zeit aus dem Laserdrucker ein kommerzielles Produkt zu machen“, erinnert sich Reid, „sie wären verrückt gewesen wenn sie den Quellcode veröffentlicht hätten.“

Für Stallman war das NDA jedoch etwas vollkommen anderes. Es war die Weigerung seitens Xerox und Sproulls, oder wer auch immer die Person war die seine Quellcode-Anfrage an diesem Tag ablehnte, an einem System teilzunehmen, das bis zu diesem Zeitpunkt Softwareprogrammierer dazu ermutigt hatte, Programme als Gemeingut anzusehen. Wie ein Bauer, dessen jahrhundertealter Bewässerungsgraben plötzlich ausgetrocknet war, war Stallman dem Graben bis zu seiner Quelle gefolgt, nur um einen funkelnagelneuen hydroelektrischen Damm vorzufinden, auf dem das Xerox-Logo prangte.

Stallman brauchte eine Weile, um sich der Erkenntnis, dass Xerox einen Programmierer-Kollegen dazu getrieben hatte, an diesem neumodischen System der erzwungenen Geheimhaltung mitzuwirken, bewusst zu werden. Alles, woran er im ersten Augenblick denken konnte, war die persönliche Ebene der Zurückweisung. Als Person, die sich bei den meisten direkten Begegnungen unbeholfen und unbehaglich fühlte, hatte Stallman den Versuch, unangemeldet bei einem Kollegen vorbeizuschauen, als eine Demonstration nachbarschaftlichen Verhaltens vorgehabt. Als nun die Anfrage abgewiesen wurde, wirkte alles wie ein großer Fehler. „Ich war so wütend, dass ich nicht wusste wie ich es zum Ausdruck bringen sollte. Also drehte ich mich einfach um und ging ohne ein weiteres Wort hinaus“, entsinnt sich Stallman, „Ich könnte die Tür zugeschlagen haben. Wer weiß? Alles an das ich mich erinnern kann ist, dass ich da raus wollte.“

Zwanzig Jahre danach hält der Zorn immer noch soweit an, dass Stallman das Ereignis als bedeutenden Wendepunkt bezeichnet. Während der nächsten paar Monate brach eine Serie von Ereignissen über Stallman und die AI Lab Hacker-Gemeinschaft herein, die die 30 Sekunden der Spannungen in einem entfernten Büro der Carnegie Mellon im Vergleich unbedeutend aussehen ließ. Dennoch, wenn es darum geht die Ereignisse zu finden, die Stallman von einem einsamen Hacker, instinktiv misstrauisch gegenüber zentralisierter Autorität, in einen kämpfenden Aktivisten verwandelten, der die traditionellen Ansichten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Welt der Softwareentwicklung anwandte, greift Stallman die Carnegie-Mellon-Begegnung für die genauere Betrachtung heraus.

„Es ermutigte mich über etwas nachzudenken über das ich bereits nachgedacht hatte“, sagt Stallman. „Ich hatte bereits den Gedanken, dass Software gemeinsam genutzt werden sollte, aber ich war nicht sicher wie ich darüber nachdenken sollte. Meine Gedanken waren nicht so klar und strukturiert, dass ich sie dem Rest der Welt präzise mitteilen konnte.“


[Bearbeiten] Fußnote

  1. Mehr zum Begriff Hacker finden sie im Anhang B
  2. Anmerkung des Übersetzers: Das Wortspiel, dass "Memory" im englischen sowohl Erinnerung als auch Speicher heißen kann, ist bei der Übersetzung leider nicht erhalten geblieben.
Persönliche Werkzeuge