1020-2020: Tausend Jahre Dresdner Frauenkirche (2. Auflage)/ Božkov
Božkov (auch: Boschkov oder Boschkow) war eine altsorbische Streusiedlung am Bornberg in der Südvorstadt (heute: nördlich des Beutlerparks).
Geschichte
[Bearbeiten]Erstmals Erwähnungen fand diese Streusiedlung in den sorbisch-orthodoxen Quellen zu 926 bis 928[1][2] und zu 991 bis 997[3]. Der Ortsname bedeutet Leute des Božk. Aber auch der Quell und Bach hießen Božkov (Bach). Ob der Born (und Bach) den Ortsnamen stiftete oder umgekehrt, ist ungeklärt.
Die Streusiedlung wurde an diesem fruchtbaren Boden und quellreichen Bach vermutlich bereits unmittelbar nach der altsorbischen Landnahme der Nisaner im 7. Jahrhundert gegründet.
Grabfunde mit Beigaben aus der Kugelamphoren-Kultur (3450 v. Chr. bis 2700 v. Chr.) belegen eine Besiedlung dieses besonders günstigen Areals bereits vier Jahrtausende vor der elbslawischen Landnahme.
Kurz vor dem Jahr 1200 erfolgte die grundherrschaftliche Zusammenfassung der zuvor in den Niederungen siedelnden slawischen Bewohner zwecks optimalerer Flächennutzung und Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion zu Rundlings-Dörfern. Infolge dieser Verdorfung entstand der Rundling Boschkau.
Dieses Rundlingsdorf entstand an einem neuen Platz, während die altsorbischen Hofstellen dem Grundherren zufielen. Es hatte lediglich noch den alten Namen mit der Streusiedlung gemein.
Božkov wurde zu 1212 (als Wehrdorf) erwähnt.[4] Demzufolge besaß das neue Božkov zu diesem Zeitpunkt nachweislich bereits die Form eines Rundlings: eng aneinander liegende Häuser und Höfe und eine Umfriedung (Einhegung). Die erste deutsche urkundliche Überlieferung stammt von 1315 in der falsch transkribierten Form Boscou (U 2042).
Božk
[Bearbeiten]Božk wird als Stammesältester oder Stammesführer aus der vordeutschen Zeit angesehen. Als der Lokator des kurz vor 1200 im Auftrag der neuen deutschen Grundherren entstandenen Rundlings kommt er entgegen anderslautenden Meinungen einiger Historiker kaum in Frage.
6./7. Jahrhundert: Quellheiligtum und frühe Besiedlung während der slawischen Landnahme
[Bearbeiten]Božkov entstand sehr zeitig am Heiligen Brunnen der Nisaner am Bornberg (heute Beutlerpark).
Auf der seit der Eiszeit im Dresdner Süden angewehten und angespülten Lößlehmdecke entstanden sehr fruchtbare Böden. Der Heilige Brunnen ermöglichte eine sehr frühzeitige Besiedlung dieses Bereiches bereits seit der Jungsteinzeit (Neolithikum). Nach der Vita des heiligen Josef von Kayticz war er bei der Auflösung der Akademie Nisan zu Ostern (20. April) 1212 in das "uralte Dorf Božkov"[5] (= Boschkow, deutsch: Boschkau) gegangen. Demzufolge war dieser Bereich schon damals Jahrhunderte zuvor besiedelt worden, wahrscheinlich bereits mit der slawischen Landnahme im 6. Jahrhundert oder 7. Jahrhundert. In der versumpften Zone der Elbterrassen war das Siedeln bis auf Fischerdörfer, welche umfangreiche Jehsen in der Elbe errichteten, in der Frühzeit schlecht möglich (vgl. Drežďany (Dresden) = Sumpf- oder Auwaldbewohner).
Wasser: bei den Slawen und damit den Sorben ein heiliges Element
[Bearbeiten]Wasser galt den Sorben als heiliges Element und hatte offenbar eine zentrale Bedeutung. Die Sorben siedelten immer sehr in der Nähe von Gewässern, vor allem Fließgewässer.
Quell- u. Stromgötter gibt es ... bei allen Slawen, weil ihnen Ströme, Bäche, Quellen heilig waren. .. Flußgöttinnen [hießen] Rusalki, jugendliche, schöne, sanfte, freundliche Gottheiten mit langen, grünen, wallenden Haaren, welche sie, auf Felsen in Bächen sitzend, im Sonnenschein trocknen, kämmen u. flechten.[6]
Quellbrunnenverehrung
[Bearbeiten]Brunnen galten als Sinnbild weiblicher Fruchtbarkeit. Ursprünglich wurde dabei kein Unterschied zwischen einer Quelle und einem Brunnen gemacht. Erst später wurde in natürliche und eingefasste Quellen unterschieden und nur letztere als Brunnen bezeichnet. In England war der Brunnenkult unter dem speziellen Namen "Wilweorthunga" bekannt. Alle heidnischen Bräuche wie "Wilweorthunga" (Brunnenverehrung), "Licwiglunga "(Beschwören der Toten = Ahnenkult), "Hwata" (Omen = Wahrsagen), "Galdra" (Magie = Zaubern) und "Frithspottum" (Friedenseinfriedungen mittels Bäumen oder Steinen = das Anlegen von heiligen Tabuzonen) wurden mit der kanonischen Gesetzgebung von König Edgar (reg. 959 bis † 8. Juli 975) unter Androhung des Landesverweises verboten:
"Wenn irgeneine "Wicca" (Hexe), ein "Wiglaer" (Zauberer), falscher Schwur, "Morthwyrtha" (Anbeter der Toten) oder irgendein verschmutztes, offensichtliches "Horcwean" (Hure) irgendwo im Land ist, wird der Mensch sie vertreiben. Wir lehren, daß jeder Priester das Heidentum auslöschen und "Wilweorthunga" (Brunnenverehrung), "Licwiglunga "(Beschwören der Toten), "Hwata" (Omen), "Galdra" (Magie), Menschenverehrung und die Gräuel, die die Menschen in verschiedenen Arten von Hexerei ausüben, und in "Frithspottum" (Friedenseinfriedungen) mit Ulmen und anderen Bäumen, mit Steinen und mit vielen Phantome, verbieten soll."[7]
Zwar sind die Vorschriften für die lateinische Mission der Reichsabtei Hersfeld ab 965 nicht überliefert, sie dürften sich aber nur unwesentlich von denen der zeitgleichen lateinischen Mission in England unterschieden haben. So war der Baum der heiligen Einfriedungen bei den Sorben vor allem die Linde und nicht die Ulme. Demzufolge war nicht nur das Brunnenheiligtum in Božkov von Linden eingefriedet, sondern auch in Kaytitz gab es Linden (vgl. Kaditzer Linde). Das sorbische Leipzig wurde zu 1015 von Thietmar von Merseburg als "urbs Libzi" (= Stadt der Linden; von sorbisch "lipa" = Linde) ersterwähnt.[8]
Mit der Christianisierung wurden viele Dinge aus der sogenannten heidnischen Vorzeit oft ins genaue Gegenteil verkehrt. Aus dem Quell des Lebens wurde der "Haderbrunnen" - genau so wie aus dem Lebens- und Liebesapfel der Apfel der Zwietracht und des "Sündenfalls" wurde. Manche Brunnen wurden deswegen mit dem Kreuz Christi "geprennt". Damit sollten sie ihres magischen, heidnischen Einflusses auf die Menschen beraubt werden. Solche Brunnen wurden fortan häufig als Tivuelprenne, Tevelprenne oder Teuflprenne (Teufelsbrunnen) bezeichnet.
- ↑ Sorbisch-orthodoxes Synaxarion D II, Bl. 49.
- ↑ Vita der heiligen Aquilina von Nisan IV, Bl. 56.
- ↑ Vita des heiligen Ignatios (Hatto) von Krakau III, Bl. 74.
- ↑ Vita des heiligen Josef von Kayticz II, Bl. 23.
- ↑ Vita des heiligen Josef von Kayticz II, Bl. 23.
- ↑ Das Wasser u. seine Gottheiten. Gleich den übrigen Völkern dachten sich auch die Slawen das Wasser durch Götter belebt, wiewohl sie dieselben nicht einer Hauptgottheit unterordneten. Zwar geschieht in russischen Volksliedern zuweilen eines Morskoj Zar (Meereskönigs) Erwähnung, da aber einige Stämme vom Meer gänzlich isolirt lebten, so ist hierin vielleicht der Grund zu suchen, daß eine eigentliche Meeresgottheit keine allgemeine Verehrung fand. Quell- u. Stromgötter gibt es dagegen bei allen Slawen, weil ihnen Ströme, Bäche, Quellen heilig waren. Die meisten Slawen (Russen, Serben, Slowaken, Czechen, Polen) nennen die Flußgöttinnen Rusalki, jugendliche, schöne, sanfte, freundliche Gottheiten mit langen, grünen, wallenden Haaren, welche sie, auf Felsen in Bächen sitzend, im Sonnenschein trocknen, kämmen u. flechten. Ein Eid der Slawen an einer Quelle geleistet war bes. verbindlich. Noch heute gibt es in Rußland heilige Brunnen, in welche man kleine Kupfer- od. Silberstücke wirst, zum Dank für den gespendeten Trank od. die durch denselben empfangene Genesung, u. kein Dieb vergreift sich an denselben. Die Sitte der Besprengung u. Untertauchung von Jünglingen u. Jungfrauen (Smitsch) am zweiten Ostertage, welche noch bis heute in einem Theile Rußlands, in ganz Polen u. Polnisch-Schlesien herrscht, weist ebenfalls auf eine heidnische allgemeine Wasserverehrung hin; endlich erinnern an die heidnische Wasserverehrung auch die noch in Rußland bestehenden großen Wasserweihfeste. Dem Wasser wurde auch eine Zauberkraft zugeschrieben, deren oft in alten Nationalliedern der Russen, Polen etc. Erwähnung geschieht, u. unzählige Opfer sollen an Quellen, Strömen u. Seen dargebracht worden sein, um sich von Zaubern zu lösen. In: Slawische Mythologie, Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 208-211.
- ↑ Kanonische Gesetzgebung (Teil XVI.) von König Edgar (reg. 959 bis † 8. Juli 975).
- ↑ Erstmals erwähnt wurde Leipzig zu 1015, als Thietmar von Merseburg von einer "urbs Libzi" (= Stadt der Linden; sorbisch "lipa" = Linde) berichtete (vgl. Chronikon VII, 25).