1020-2020: Tausend Jahre Dresdner Frauenkirche (2. Auflage)/ Nisan im Spannungsfeld zwischen Böhmen, Sachsen und Polen
Nisan im Spannungsfeld zwischen Böhmen, Sachsen und Polen
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Germanische Stämme im Frühmittelalter
Der Elbtalkessel (auf der Karte rechts oberhalb des letzten R von Thüringer) war etwa von der Mitte des 1. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung bis in die Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. germanisch besiedelt. Zunächst ließen sich in vorgeschichtlicher Zeit die Träger der Jastorf-Kultur hier nieder, eine Vorgängerkultur der archäologischen elbgermanischen Kultur. Historisch werden die Elbgermanen unter Vorbehalt am ehesten mit den suebischen Stämmen gleichgesetzt. Das Stammvolk der Sueben waren die Semnonen, welche auch den Elbtalkessel besiedelten. Nach deren Abzug nach Süddeutschland zu Beginn des 3. Jahrhunderts folgten wohl die suebischen Hermunduren, was in der neueren Forschung allerdings wieder strittig ist. Der Elbtalkesssel war um das Jahr 500 wahrscheinlich Teil des Königreiches der Thüringer und auch Durchzugsgebiet der Langobarden von der Unterelbe nach Pannonien, wie die Langobardengräber von Dresden-Nickern zeigen.
In den Jahren von 529 bis 534 wurde das Thüringer Königreich von den Franken zerschlagen. Ob die Sachsen dabei eine aktive Rolle spielten oder ob sie lediglich Nutznießer waren und sich dabei die Gunst der Stunde nutzend lediglich in den Besitz des Nordthüringgaues und weiterer Gebiete des ehemaligen Thüringerreiches brachten, ist strittig.
Slawisierung des Elbtalkessels im 7. Jahrhundert
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Slawische Expansion in Europa
Nach rund einem Jahrtausend ausschließlich germanischer Besiedlung erfolgte im 7. Jahrhundert eine signifikante Zuwanderung von Slawen in den Elbtalkessel.
Nach dem De Administrandum Imperio, einem Werk des byzantinischen Kaisers Konstantin Porphyrogennetos gehörte dieser Raum zu Boiki, dem Land der Weißen Serben.
Die Karte zeigt zentral (dunkelgrün) die Ursprungsgebiete der Slawen. Innerhalb kurzer Zeit besiedelten diese den größten Teil des ehemaligen germanischen Gebietes auf dem Kontinent, auf der Karte in der linken oberen Ecke hellgrün dargestellt. Das graue Gebiet darunter stellt die ehemals keltische Besiedlung dar.
Als zeitlicher Anhaltspunkt dient ein awarischer Vorstoß an die Mittelelbe im Jahre 562. Sigibert I., fränkischer König im östlichen Teilreich Austrasien mußte zur deren Abwehr den Heerbann aufbieten. Bei der Schlacht in Thüringen an der Elbe (entweder bei Riesa/Strehla oder an der Saalemündung) waren die Awaren und ihre slawischen Hilfsvölker siegreich. Dennoch wird diese militärische Auseinandersetzung des Öfteren so interpretiert, Sigibert I. habe die Awaren "abgewehrt". Diese hatten als Reitervolk hingegen ohnehin kein Interesse an einem Siedelraum außerhalb des Eurasischen Steppengürtels. Dieser endet im Westen in der Puszta. Hingegen wurde mit dieser Aktion seitens der Awaren der Zweck erreicht, Siedelland für ihr Hilfsvolk der weißserbischen Slawen zu erlangen. Nach dieser Schlacht kam es zur Rücknahme der fränkischen Herrschaftsgrenze an die Elbe-Saale-Linie. Noch 555/556 war ein Aufstand der Thüringer und Warnen gegen die Tributpflicht und militärische Hilfspficht in diesem Raum von den Franken niedergeschlagen worden. Das Warnenfeld lag östlich der unteren wie auch mittleren Saale.
Die Awaren besiegten 566 im Kampf um Pannonien (das heutige Ungarn) den fränkischen Heerbann unter dem austrasischen König Sigibert I. und stießen abermals an die Mittelelbe vor. Sigibert erlitt dabei eine so schwere Niederlage, daß ihm die Gefangennahme drohte. Nur mit großzügigen „Geschenken“ und einem Friedensvertrag, in welchem sich die Franken zu hohen Tributzahlungen verpflichteten, konnte er freien Abzug erkaufen. Abermals wurde auch diese Niederlage des Öfteren als "Abwehr" der Awaren interpretiert und Sigibert I. lange Zeit als Vorbild für Siegfried den Drachentöter des Nibelungenlieds angesehen.
Bereits im Januar 558 war das Byzantinische Reich unter Kaiser Justinian I. den Awaren tributpflichtig geworden - die Byzantiner entwickelten die Lesart des Vertrages, daß die Awaren ihre Foederaten wären. Mit dem Sieg über die Franken begann die Vormachtstellung der Awaren auch im Westen Europas.
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Wanderung der Sorben (Weiße Serben) Mitte des 6. Jahrhunderts (die Entstehung von Serbien erfolgte Jahrhunderte später).
In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts drangen Slawen aus dem oberen Weichselgebiet durch die Mährische Pforte die Morava (March) entlang nach Südmähren und in die Westslowakei und danach bis nach Ostböhmen vor.
Die Weißen Serben überquerten anschließend die Erzgebirgspässe und kamen in den Raum Nisan und von dort weiter elbabwärts nach Westen. Sie brachten die slawische Kultur der Prager Gruppe mit, dem westlichen Teil der Prag-Kortschak-Kultur. Dieser Besiedelungszug stand wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem awarischen Vordringen in den Jahren 562 und 566. Das Awarengrab von Dresden-Stetzsch zeugt von dieser Zeit.
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Die Awaren in Pannonien und die von ihnen unterworfenen slawische Kulturen. Nisan lag zusammen mit Böhmen und der Slowakei in der Prager Kultur, die damals bis in das Saalemündungsgebiet reichte (grün dargestellt).
Im Jahre 567 drängten die Awaren mit Macht donauaufwärts und trieben dabei Slawen vor sich her oder rissen sie mit sich. Im Verbund mit den Langobarden besiegten sie das Reich der Gepiden und ließen sich anschließend in der Pannonischen Tiefebene nieder, dem westlichsten Teil der Eurasischen Steppe. Die ungarische Puszta war bereits Jahrhunderte zuvor Lebensraum für andere asiatische Reitervölker wie die Jazygen oder die Hunnen.
Im gleichen Jahr zogen Teile der Sachsen zu den Langobarden nach Pannonien. Wohl bereits unter dem Druck der Awaren/Slawen bezogen daraufhin Teile der Nordsueben aus dem Bereich nordöstlich der mittleren Elbe die freigewordenen Räume westlich der Elbe-Saale-Linie und begründen den Schwabengau.
Nach anderer Meinung wurden im Jahre 569 unter König Siegbert I. neben Franken auch Sueben angesiedelt. Die Ansiedler behaupteten sich gegenüber den Sachsen, die 573 von dem gemeinsam mit Langobarden unternommenen Italienzug heimkehrten. Die Langobarden waren 568 von ihren "verbündeten" Awaren aus Pannonien nach Italien verdrängt worden. Für einige Historiker endete damit die Völkerwanderung, es traten stabilere Verhältnisse in Europa ein. Die Awaren unterwarfen nach den Gepiden alle Slawen in Südeuropa, Böhmen, Mähren und der Slowakei. Nisan ist damals eng mit Böhmen verbunden, wie an dem gemeinsamen Kulturraum der Prager Gruppe zu erkennen ist.
571 fielen Awaren auch in Thüringen ein und unterwarfen auch noch den Rest der slawischen Bevölkerung selbst noch westlich der Saale. Bis dahin hatten diese Slawen den Franken Tribut geleistet, nach einer Mindermeinung den östlichen Sachsen, zumindest bis zu deren Italienzug.
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Sorbisches Reich des Derwan um 620
Mindestens um 623/631 war der Slawe Derwan (Dervanus) vom Stamm der Weißen Serben/Sorben (Surborum) Fürst im Bereich der Saale bis hin zum heutigen Bautzen und Cottbus, also Grenznachbar des Merowingerreiches der Franken. Gestützt auf die überlegene militärische Macht der Awaren beherrschte er auch die sorbischen Siedlungsgebiete westlich der Saale.
In den frühen 620er Jahren versuchten die Awaren mit ihren südslawischen Hilfsvölkern und im Bündnis mit den persischen Sassaniden, Konstantinopel zu erobern. Nach der schweren Niederlage der Awaren 626 befreite sich das Großbulgarische Reich unter dem Khan Kubrat von der awarischen Vorherrschaft. Aber auch die Serben und Kroaten strebten, unterstützt von Byzanz, nach Unabhängigkeit. Die Awaren verloren selbst ihre Bündnispartner, die persischen Sassaniden, welche nach einer weiteren Niederlage gegen Ostrom in der Schlacht bei Ninive 627 ihre Römisch-Persischen Kriege nach rund 400 Jahren einstellen mußten und wegen ihrer Schwäche kurz darauf von den moslemischen Arabern überrannt wurden.
Derwan nutzte die Schwäche der Awaren, um sich 628 oder 629 dem Reich des Samo anzuschließen. Damit gehörte der Elbtalkessel erstmals zu einem slawischen Staatsgebiet, nachdem er um 500 vermutlich bereits das östliche Ende des Königreichs der Thüringer gebildet hatte.
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Reich des Samo (623/631 bis nach 658).
Bereits 623 hatten sich die Slawen auf dem Gebiet des heutigen Böhmens und der Slowakei von der Herrschaft der Awaren befreit. Die Slawen waren gezwungen, in den ersten Reihen in der awarischen Armee zu kämpfen und sie mußten den Awaren hohen Tribut leisten. Zusätzlich verbrachten die Awaren bei den Slawen alljährlich den Winter und zeugten mit ihren slawischen Frauen Kinder zeugten. Den Quellen zufolge waren die Aufständischen Kinder awarischer Väter und slawischer Mütter.
Möglicherweise war der Aufstand von dem damaligen fränkischen Unterkönig Dagobert I. initiert worden. Dagobert I. war der Sohn von Chlothar II., König der Franken von 584 bis 629 und von seinem Vater 623 als Unterkönig in w:de:Austrasien eingesetzt worden, dem östlichen Teil des Frankenreiches.
Mit dem Aufstand der Slawen und dem Reich des Samo war eine dritte Macht zwischen den Awaren und dem fränkischen Reich aufgebaut worden und letzteres vor weiteren awarischen Angriffen geschützt.
Samo war fränkischer Abstammung und kam aus dem Gau „Senonago“[1]
Im 40. Regierungsjahr von Chlothar II. (also 623/624) begab sich der negucians (vielleicht Unterhändler) Samo mit seinen Gefährten auf eine Handelsreise zu den „auch als Wenden bezeichneten Slawen“ und lieferte wohl trotz eines fränkischen Verbotes mit einer militärisch gut ausgerüsteten Karawane. Samo und seine Krieger beteiligten sich nicht nur aktiv am Kampf der Slawen gegen die Awaren, sondern Samos „militärische Fähigkeit“ verhalf nach der Fredegar-Chronik den Slawen sogar zum Sieg. Nach der entscheidenden siegreichen Schlacht wurde Samo deshalb von den Slawen zum rex („König“) gewählt. Dieser Titel lehnte sich an den fränkischen Königstitel an. Auffallend ist die zeitliche Übereinstimmung zwischen der Königserhebung des Dagobert I. und der des rex Samo.


