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Astronomie von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit/ Vorwort

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Die astronomischen Erkenntnisse der Urvölker machen die Astronomie zur ältesten exakten Wissenschaft der Menschheit. In der Beschäftigung mit den Vorgängen am Himmel wurde das zeitliche und räumliche Vorstellungsvermögen der Menschen gefordert, geprägt und weiterentwickelt. Nur mit Hilfe der damit verbundenen geometrischen Erkenntnisse konnten zum Beispiel Himmelsrichtungen definiert werden, mit denen auf der Erdoberfläche eine exakte Orientierung im Horizontsystem der Menschen möglich wurde. Das Zählen von Zeitabschnitten wie Tagen, Monaten und Jahren führte zwanglos zur Addition, zur Multiplikation und zum Vergleich ganzer Zahlen. Dadurch wurden die Grundlagen der Arithmetik auf abstrakte astronomische Sachverhalte übertragen.

Wie bei allen Wissenschaften ist auch bei der Astronomie eine historische Betrachtung sinnvoll und horizonterweiternd. Die Himmelskunde gehörte im Mittelalter zum Kanon der sieben freien Künste der Philosophie, den drei trivialen Künsten Grammatik, Rhetorik und Logik sowie den vier quadrivialen Künsten Musiklehre, Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Diese freien Künste wurden bereits in der Antike gepflegt, wo insbesondere das Quadrivium zur Vernunfterkenntnis beitragen sollte.

→ Siehe auch Wikibook Quadriviale Kuriositäten

Die  Astronomie (altgriechisch ἄστρον ("'astron") und νόμος ("nomos"), zu Deutsch: „Sternengesetz“) beschäftigt sich mit den Gesetzen der Bewegungen, die am Himmel beobachtet werden können. Dazu sind nicht unbedingt Teleskope oder noch kompliziertere Geräte erforderlich, und so konnte diese Wissenschaft bereits im Altertum betrieben werden. Dies hat schon vor Jahrtausenden zu beeindruckenden Erkenntnissen über die  Himmelsmechanik geführt.

Kurzer Historischer Abriss

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Schon die Sumerer hatten lange vor der Erfindung der Keilschrift in Mesopotamien im dritten Jahrtausend Eigennamen für Himmelsobjekte, die dort später als Fremdwörter in die semitische Sprache Akkadisch übernommen wurden. Es gibt an vielen Orten auf der Welt steinzeitliche und bronzezeitliche Stätten und Artefakte, bei denen wir davon ausgehen dürfen, dass sie für astronomische Zwecke eingesetzt worden waren. Sofern sie jemals existierte, ist die schriftliche Überlieferung von astronomischen Sachverhalten im Laufe der Jahrtausende häufig verloren gegangen. Manche Schriftzeugnisse harren noch ihrer Entzifferung, und etliche dürften sicherlich noch gar nicht entdeckt worden sein.

Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) war Schüler von Platon.

 Aristoteles (384–322) beschreibt in seinen Werken „Meteorologikon“ (altgriechisch: "Μετεωρολογικῶν", zu Deutsch in etwa: "Einsichten zu Himmelserscheinungen") und „Peri uranu“ (altgriechisch: "Περὶ οὐρανοῦ", zu Deutsch: "Über den Himmel") zahlreiche astronomische Phänomene und gelangte schon damals zu erstaunlichen Erkenntnissen. Er beschreibt die Milchstraße, Kometen, Sternschnuppen, Finsternisse, aber auch Hydrometeore (Wetter), Photometeore (Halo, Regenbogen, Mondregenbogen, Nebensonnen) und Elektrometeore (Gewitterblitze, Polarlicht). Nichtsdestoweniger beruhte sein Wissen auch nach seiner Aussage nicht nur auf der eigenen umfassenden Anschauung, sondern auch auf Erkenntnissen, die damals teilweise schon lange bekannt waren und in den Kreisen von Gelehrten oft nur mündlich tradiert wurden.

Die astronomischen Berechnungen und Voraussagen wurden mit Beginn der Neuzeit um 1500 immer exakter. Die schon in der Antike verbreiteten Mutmaßungen, dass bestimmte Konstellationen am Himmel irgendwelche Auswirkungen auf das Klima, Himmelserscheinungen oder das Weltgeschehen haben, führten zusammen mit der Erfindung des Buchdrucks zu einen neuen Blüte der Sterndeutung beziehungsweise der modernen Form der  Astrologie.[1]

Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543).

 Nikolaus Kopernikus (1473–1543) hat aus verschiedenen eigenen Beobachtungen und denen seiner Zeitgenossen wichtige Vorarbeiten für die geradezu revolutionäre Weiterentwicklung der Astronomie geleistet.

 Tycho Brahe (1546–1601) hat die Positionsmessung von Himmelsobjekten im 16. Jahrhundert ganz ohne Fernrohre zur einem damaligen Höhepunkt gebracht.

Johannes Kepler (1571 bis 1630) bemerkte, dass Planeten auf Ellipsenbahnen um die Sonne kreisen.

Sein Assistent und Nachfolger  Johannes Kepler (1571–1630) und dessen Zeitgenossen konnten seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts mit Hilfe von Teleskopen genauere Himmelsbeobachtungen durchführen und die Himmelsmechanik zu einer herausragenden Wissenschaft machen, die auch als Treiber für innovative Techniken wirkte.

Die auf astronomischen Beobachtungen beruhenden geodätischen Vermessungen von Hannover, Osnabrück und Stade von Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) erschienen 1777.

Der Universalgelehrte  Georg Christoph Lichtenberg (* 1742; † 1799) erachtete Anfang der 1770er Jahre die Astronomie als den Prototypen der Erkenntnis:[2]

Die Astronomie ist vielleicht diejenige Wissenschaft, worin das wenigste durch den Zufall entdeckt worden ist, wo der menschliche Verstand in seiner ganzen Größe erscheint, und wo der Mensch am besten kennen lernen kann wie klein er ist.

Immanuel Kant (1724 bis 1804) hat Zeit seines Lebens in Königsberg gearbeitet. Seine erste wichtige wissenschaftliche Veröffentlichung war 1755 die ''Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels''.

Der Philosoph  Immanuel Kant (* 1724; † 1804), der bereits 1755 in seiner Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels das innere Wesen unserer  Milchstraße erkannte, kam 1788 im Beschluss seiner "Kritik der praktischen Vernunft" zur folgenden Einsicht:[3]

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.
...
Die Weltbetrachtung fing von dem herrlichsten Anblicke an, den menschliche Sinne nur immer vorlegen, und unser Verstand, in ihrem weiten Umfange zu verfolgen, nur immer vertragen kann, und endigte – mit der Sterndeutung.

Friedrich Wilhelm Bessel (1784 bis 1846) war der bedeutendste Astronom des 19. Jahrhunderts.

Der bedeutendste Astronom des 19. Jahrhundert war  Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846), der viele verschiedene Disziplinen sehr zielgerichtet verknüpfte.[4] Die beeindruckende Präzision seiner Positionsmessungen trieb er bis an die Grenzen des damaligen Stands der Beobachtungstechnik. Ferner entwickelte er zahlreiche mathematische Methoden und machte die astronomischen Messungen aus verschiedenen Epochen mit der erforderlichen Genauigkeit vergleichbar. Dies alles führte zu zahlreichen neuen Erkenntnissen und zutreffenden Aussagen, die in der folgenden Liste aufgeführt sind:

  • Bestimmung der sehr langfristigen periodischen Verlagerung der Erdachse (Präzession) innerhalb von knapp 26000 Jahren.
  • Bestimmung der Masse der großen Gasplaneten.
  • Bestimmung der Entfernung von benachbarten Sternen.
  • Bestimmung der ellipsoidischen Form der Erdoberfläche.
  • Vorhersage der Existenz sowie die Berechnungsgrundlagen für die Entdeckung des Planeten Neptun.
  • Vorhersage der zunächst nicht sichtbaren Begleitsterne in Doppelsternsystemen.
  • Aussagen zur Natur der Kometen.

Sein Zeitgenosse, der deutsche Pädagoge  Adolph Diesterweg (* 1790; † 1866) schrieb 1840 zu Beginn seines Vorworts im „Lehrbuch der mathematischen Geometrie und populären Himmelskunde“ folgendes:[5]

Des Menschen Antlitz ist nicht zur Erde, sondern aufwärts gerichtet; zum aufrechten Gange ist er von Natur bestimmt. Sein Blick fällt daher schon in früher Jugend auf den Himmel, und die ältesten Naturvölker kannten die allgemeinen Erscheinungen desselben. Sie zeigen ewigen Wechsel in ewigem Bestand unter unabänderlichen allgemeinen Gesetzen. Alles ist dort Regel und Gesetz. Sie zu erkennen, fordert die Würde des Menschen. Die Wissenschaft, die sich mit dem Himmel beschäftigt, ist die „erhabenste im Raume“. Aechtes Natur-Wissen oder mit einem Worte Natur-Erkenntniß ist Kenntniß der Erscheinungen, ihrer Ursachen und ihres gesetzmäßigen Verlaufs.
...
Zu allen Zeiten haben daher ruhige und stille Gemüther eine besondre Anziehung zur Kenntniß des gestirnten Himmels verspürt. Tieferen Kindern ist sie in besonderem Grade eigen. Ganz allgemein ist das Interesse für dieses Wissen. Wo es nicht gefunden wird, da ist es nicht mehr vorhanden, war also da, entspricht der Natur und der natürlichen Stellung des Menschen, ist folglich leicht wieder zu erwecken. Nur der von den Sorgen des Lebens ganz erfüllte, unter den irdischen Lasten erliegende, oder auch der von den Leidenschaften ganz unterjochte Mensch ist für ein so reines, an und für sich schon veredelndes Wissen unempfänglich. Aber, wie die Erfahrung lehrt, selbst die unglücklichsten der Wesen, abgearbeitete Fabrikkinder, freuen sich, wenn dem müden Leib nur einige Ruhe und Stärkung geworden, noch in späten Abendstunden etwas von Sonne, Mond und Sternen zu hören.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden zunächst im Sonnenlicht und einige Jahrzehnte später auch im Licht der Sterne Spektrallinien entdeckt. Dies beflügelte die Forscher, die immer neue Details herausfinden und ausgestattet mit diesen Erkenntnissen Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich die Quantentheorie entwickeln konnten.[6][7]

Durch die Entwicklung der Photographie konnten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch astronomische und spektroskopische Aufnahmen hergestellt werden.[8] Mit ihnen entstand durch die immer weiter zunehmende Empfindlichkeit der Aufnahmetechnik, durch die die Verbesserung von Objektiven und durch die Ermöglichung von immer längeren Belichtungszeiten ein enormer Erkenntnisgewinn.[9]

Interdisziplinarität

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Die  Philosophie wird seit der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit unter der qualifizierten Berücksichtigung fundierter astronomischer Kenntnisse betrieben. Astronomen haben sich seit langer Zeit auch mit den Fachgebieten der  Mechanik, der  Geometrie, der  Algebra, der  Analysis und der  Logik beschäftigt.

Kaum eine wissenschaftliche Disziplin dürfte mittelbar mit so vielen und verschiedenen weiteren Teilgebieten verknüpft sein und diese manchmal sogar entscheidend beeinflusst oder begleitet haben wie die Astronomie. Hierzu einige Beispiele:

  • Die meisten  Zeitintervalle und viele  Feiertage wurden in der  Kalenderrechnung anhand astronomischer Ereignisse festgelegt.
  • Die  astronomische Chronologie ist sowohl eine physikalische Disziplin als auch eine historische Hilfswissenschaft.
  • Die  Keplerschen Gesetze spiegeln wesentliche Grundsätze der  Kinetik und der  Gravitation wider.
  • Die  Optik wurde vor allem durch die Erfindung von  Fernrohren weiterentwickelt.
  • Die  Spektroskopie hat sich zunächst bei der Beobachtung der Sonne, später aber auch durch die Untersuchung von Sternenlicht herausgebildet.
  • Die  Photographie wurde insbesondere in der Anfangszeit durch die astronomische Beobachtung vorangetrieben.
  • Die  Geodäsie erfasst mit astronomischen Mitteln die Form der Erdoberfläche und ermöglicht dadurch beispielsweise die  Satellitennavigation.
  • Die  Raumfahrt entwickelt und verwendet Technologien auf höchstem wissenschaftlichen Niveau und führt zu immer weiteren Erkenntnissen.
  • Die  Archäoastronomie beschäftigt sich unter Berücksichtigung astronomischer Sachverhalte mit Artefakten und Bauwerken seit der Frühgeschichte und mit Entdeckungen aus der  Archäologie.
  • Die  Zukunftsforschung wurde seit jeher von den Visionen beflügelt, die sich aus astronomischen Erkenntnissen ergeben haben.
  • Die  Mineralogie und die  Kosmochemie werden immer häufiger eingesetzt, um die Bestandteile erdfremder Körper zu untersuchen und zu analysieren.

Der Begriff "Erkenntnis" ist in diesem Wikibook allerdings keineswegs nur im Sinne der  Naturwissenschaften gemeint, sondern auch im Sinne der Entstehung von Vorstellungen, die zu Sagen, Mythen oder Legenden sowie zu ethischen, moralischen sowie religiösen Ansichten geführt haben können. Insofern hat die Astronomie auch Anknüpfungspunkte zu den  Geisteswissenschaften wie zum Beispiel der  Religionswissenschaft, der  Theologie oder der  Ethnologie. Viele Erzählungen und Gottesbilder beziehen sich explizit auf das natürliche Geschehen am Himmel beziehungsweise auf die Objekte, die dort in Erscheinung treten. Als Beleg möge ein kurzes Zitat aus dem christlichen Vaterunser-Gebet dienen:

Wie im Himmel, so auf Erden.

Es bleibt hinzuzufügen, dass die "Archäologie der Urwelt" mit Hilfe der Archäoastronomie ein wesentlich umfassenderes und somit nutzbringend erweitertes Bild des Altertums geben kann. Im Schlusssatz des Ägyptologen  Gustav Seyffarth (1796–1885) in einem Beitrag zum phönizischen Historiker  Sanchuniathon, auf den sich wiederum  Herennios Philon von Byblos in seinem griechischsprachigen Werk über die phönizische Geschichte und  Eusebius von Caesarea im Kapitel über die Theologie der Phönizier in seiner lateinischsprachigen  Praeparatio evangelica bezogen, wurde dies schon vor zwei Jahrhunderten ganz allgemein zum Ausdruck gebracht:[10]

Indessen mögen diese Bemerkungen zur Bestätigung des Satzes dienen, dass die Schriften der Alten, wozu die blosse Sprachkenntnis nicht ausreicht, um so vollkommener verstanden werden, jemehr wir mit der Archäologie der Urwelt vertraut werden.

Heutige Situation

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Die grundlegenden Kenntnisse zu astronomischen Sachverhalten werden durch den Mangel an eigener unmittelbarer Anschauung bedauernswerter Weise immer geringer. Dieses Problem könnte durch das wieder zunehmende Angebot an qualifiziertem Unterricht abgeschwächt werden. Die Planetarien und Volkssternwarten spielen bei der Verbreitung des Wissens über die Astronomie eine nicht genug hervorzuhebende Rolle. Leider gibt es in Deutschland kein einziges staatliches Museum, das sich ausschließlich mit Astronomie beschäftigt.

Nördliche Hemisphäre mit der Sommermilchstraße im Internationalen Sternenpark Westhavelland um Mitternacht. Der Horizont befindet sich vollständig an der Außenkante der kreisrunden Aufnahme und zeigt eine Reihe von Lichtglocken, die durch die Beleuchtung in den benachbarten Städten verschiedener Größe und verschiedener Entfernung hervorgerufen wurden. Links ist Osten, rechts ist Westen.

Der negative Trend verstärkt sich zusehends aufgrund der immer weiter zunehmenden  Lichtverschmutzung, die eine eigenständige Beobachtung des Nachthimmels immer schwieriger werden lässt. Der Planet Neptun konnte 1846 von der Berliner Sternwarte aus entdeckt werden, die sich im Stadtzentrum befand (am heutigen südlichen Ende vom Besselpark und der Enckestraße in Berlin-Mitte). Bis vor einhundert Jahren konnte noch in fast jeder Gegend auf der Erdoberfläche die Milchstraße bestaunt werden. In den 1970er Jahren war dies bei günstigen Sichtverhältnissen sogar noch in Großstädten, wie zum Beispiel auf dem Trümmerberg Insulaner in Berlin möglich. Inzwischen ist dies durch die zu geringe Berücksichtigung von Aspekten des Umweltschutzes und einhergehend mit immer mehr künstlichen Lichtquellen praktisch nicht mehr möglich. Mittlerweile gibt es neben unverbindlichen Empfehlungen und Leitlinien erste Gesetze, die aus Gründen des Lichtschutzes und der Verringerung des Energieaufwands, die Verwendung von entbehrlicher künstlicher Beleuchtung in den Nachtstunden untersagen.[11][12] Erschwerend kommt hinzu, dass durch die Verwendung energieeffizienter Leuchtmittel, der blaue Lichtanteil der nächtlichen Beleuchtung immer größer wird, da diese sehr häufig blaue Leuchtdioden (LED) einsetzen, um mit phosphoreszierenden Leuchtstoffen zusätzlich weißliches Licht zu erzeugen. Da kurzwelliges blaues Licht erheblich stärker gestreut wird als Licht mit größeren Wellenlängen, verunreinigt es den dunklen Nachthimmel stärker.[13] Ferner werden immer mehr erdnahe Satelliten in eine Umlaufbahn gebracht, die von ihren Flugbahnen aus das direkte Sonnenlicht auf die Nachtseite der Erdoberfläche reflektieren, und dabei nicht nur mit bloßen Auge sichtbar sind, sondern auch bei astronomischen Beobachtungen sowie in der Astrophotographie das natürliche Sternenlicht verschmutzen.[14]

Oft können in den Innenstädten am Nachthimmel – wenn überhaupt – nur noch sehr wenige und sehr helle Sterne gesehen werden. Selbst bei scheinbar klarem Nachthimmel gibt es einen großen Anteil von Streulicht, der in der Astrofotographie bei längeren Belichtungszeiten deutlich zum Vorschein tritt. Das Falschlicht kann mit Hilfe von speziellen optischen Filtern oder mit einer Bildverarbeitung zwar reduziert werden, in den Bildern gehen dann allerdings zunehmend auch Details des Sternhimmels verloren. Die folgende Aufnahme im Bereich der Galaxie Messier 101 mit der scheinbaren Helligkeit von 7,5m mit allen Fixsternen bis zur 10. Größenklasse wurde in einer sternklaren Nacht am Stadtrand von Berlin gegen Mitternacht mit einem lichtstarken Objektiv bei einer Belichtungszeit von fünf Sekunden und bei einem Belichtungsindex von ISO 12800 in Zenitnähe aufgenommen:

Erschwert wird die Motivation, sich intensiver mit der Astronomie zu beschäftigen, vermutlich auch noch durch die allgemein verbreitete Ansicht, dass inzwischen alles gut verstanden ist und berechnet werden kann. Das ist jedoch keineswegs der Fall, und die Astronomie erfordert heute oft die Anwendung leistungsfähiger Technologien und Datenverarbeitungsanlagen sowie komplexer numerischer Verfahren. Sie verbindet somit unmittelbar die Fächer  Mathematik,  Physik,  Elektronik und  Informatik. Hierfür sind eine umfassende Bildung und Ausbildung unumstößliche Voraussetzungen.

Häufig sind gesellschaftliche Bezüge zur Astronomie im Laufe der Zeit umgedeutet oder so umformuliert worden, dass ihre Wurzeln heute nicht mehr offensichtlich sind. Aufgrund von unvollständiger, unzuverlässiger oder verfälschter Tradierung beziehungsweise in Ermangelung einer Dokumentation in Form von eindeutigen Abbildungen oder nachvollziehbaren Texten kann die Kenntnis davon sogar verloren gegangen sein. In der Regel wird es sehr schwierig und disputabel sein, die ältesten Zeugnisse noch richtig und vollständig zu deuten, da uns ein hinreichend umfassender Überblick über die mündlich tradierten Ansichten und Überzeugungen sowie die ungeschriebenen Gesetze des Altertums und selbst des Mittelalters heute nicht mehr gegeben ist. Als Beispiel seien zwei Anmerkungen des jüdischen Historikers  Heinrich Graetz (1817–1891) aus dessen Werk Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart genannt. Er weist darauf hin, dass schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert zu Zeiten des levitischen Beamten  Esra, den der Kirchenvater Hieronymus als „Wiederhersteller“ des Pentateuch bezeichnet hat,[15] Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Tradition bestanden.[16]

Der Unterschied zwischen schriftlicher und mündlicher Lehre, wiewohl mindestens schon unter dem Restaurator Esra vorhanden, trat wahrscheinlich erst in dem Kampfe zwischen Sadduzäismus und Pharisäismus als Gegensatz auf.
...
Die Lehrweise der Halacha bestand darin, daß die überlieferten Sätze ganz trocken ohne Erläuterung tradiert wurden, und zu ihrer Aneignung reichte ein treues Gedächtnis aus, der Midrasch hingegen gab die Anleitung, wie mündliche Bestimmungen aus dem Schrifttexte hergeholt wurden.

Nichtsdestoweniger können im multi- und interdisziplinären Fachgebiet der Archäoastronomie, die die kognitive Archäologie mit der Astronomie verknüpft, alle verfügbaren Indizien und Fakten zusammengetragen, verbunden und ausgewertet werden.

Die gesellschaftlichen Einflüsse anderer Kulturen und die Anforderungen zu interdisziplinärem Denken stellen uns Menschen zusehends vor neue und große Herausforderungen. Hierfür sind fundiertes und vernetztes Wissen aus einem breiten Themenspektrum sowie eine große Vorstellungskraft und Neugier für fremde und unbekannte Wissenswelten in hohem Maße nützlich. Man denke hierbei ganz besonders auch an die schnell fortschreitenden Entwicklungen in den zahlreichen und vielfältigen Anwendungsfeldern der großen Datenmengen (Big Data) sowie der Künstlichen Intelligenz (Artificial Intelligence).[17][18]

Dies alles zusammengenommen führt geradewegs auf die folgende Frage:

Welche Wissenschaft könnte geeigneter als die Astronomie sein, um sich weltweit auf einen gemeinsamen Kanon (von altgriechisch κανών (kanón = Maßstab)) berufen zu dürfen, um existierende Unterschiede verstehen zu lernen und um bestehende Grenzen überwinden zu können ?

Dieses Wikibook möge dazu beizutragen, das Interesse an der Astronomie zu wecken, bestehende Wissenslücken zu schließen und das Verständnis für die universellen Vorgänge am Himmel zu wecken oder zu vergrößern.

Einzelnachweise

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  1. Markus Bautsch, Friedhelm Pedde: Vor 500 Jahren: Die Sintflut von 1524 die nicht stattfand. In: Dem Himmel nahe.. Nr. 19, Berlin, ISSN 2940-9330, S. 16–19 (https://wfs.berlin/wp-content/uploads/2024/05/A19-BROplanetA4_40s-feb2024ff_www-rz.pdf).
  2. Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbuch C, Seite 56, Göttingen, 1772-1773
  3. Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft - Beschluß, 1781
  4. Markus Bautsch: Friedrich Wilhelm Bessel. In: Dem Himmel nahe.. Nr. 20, Berlin, ISSN 2940-9330, S. 10–13 (https://wfs.berlin/wp-content/uploads/2024/09/A20-BROplanetA4_40s-feb2024ff_www-rz.pdf).
  5. Adolph Diesterweg: Lehrbuch der mathematischen Geometrie und populären Himmelskunde, Verlag Theodor Christian Friedrich Enslin, Berlin, 1840
  6. Markus Bautsch: Johann Jakob Balmer und das Geheimnis der Wasserstofflinien. In: Dem Himmel nahe.. Nr. 22, Berlin, ISSN 2940-9330, S. 8–11 (https://wfs.berlin/wp-content/uploads/2025/05/A22BROplanetA4-feb2025ff_www-rz.pdf).
  7. Markus Bautsch: Die von Johann Jakob Balmer gefundenen Zahlenverhältnisse bei den Spektrallinien des Wasserstoffs, Tagung des Arbeitskreises Astronomiegeschichte in der Astronomischen Gesellschaft in Berlin im September 2023. In: Gudrun Wolfschmidt (Herausgeberin): Nuncius Hamburgensis - Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschafte, Band 59, Januar 2025, ISBN 978-3-384-44634-3 (Softcover), 978-3-384-44635-0 (Hardcover), 978-3-384-44636-7 (e-Book)
  8. Markus Bautsch: Die älteste erhaltene astronomische Fotografie. In: Dem Himmel nahe.. Nr. 22, Berlin, ISSN 2940-9330, S. 32–33 (https://wfs.berlin/wp-content/uploads/2025/05/A22BROplanetA4-feb2025ff_www-rz.pdf).
  9. Markus Bautsch: Die Anfänge der Astrophotographie. (DOI:10.13140/RG.2.2.27102.75840) (https://rgdoi.net/10.13140/RG.2.2.27102.75840).
  10. Gustav Seyffarth: Erklärung einer Stelle in Sanchuniathons Geschichte nach Philo Byblius Uebersetzung bei Eusebius (Praeparatio evangelica, Liber I, capitulum X). In: Gottfried Seebode, Johann Christian Jahn und Reinhold Klotz (Herausgeber): Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik oder Kritische Bibliothek für das Schul- und Unterrichtswesen, zweiter Supplementband, erstes Heft, Leipzig, Benedictus Gotthelf Teubner Verlag, 1833
  11. Arrêté du 25 janvier 2013 relatif à l'éclairage nocturne des bâtiments non résidentiels afin de limiter les nuisances lumineuses et les consommations d'énergie, Légifrance, 25. Januar 2013
  12. Siehe auch NABU-Leitlinien für eine energieeffiziente und naturverträgliche Stadtbeleuchtung, Naturschutzbund Deutschland e. V., Berlin, November 2020, abgerufen am 7. November 2025
  13. Rainer Kayser: Die Sterne am Nachthimmel verschwinden, Welt der Physik, 19. Januar 2023
  14. Erhalt des dunklen und stillen Nachthimmels, Europäische Südsternwarte (ESO), abgerufen am 7. November 2025
  15. Hieronymus: Adversus Helvidium de perpetua virginitate b. Mariae 7: sive Moysen dicere volueris auctorem Pentateuchi, sive Ezram ejusdem instauratorem operis, non recuso.
  16. Heinrich Graetz: Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1908, Band 4, S. 386–390.
  17. Peter Dabrock: Wir sollten auf klassische Bildung setzen. In: Aufbruch Künstliche Intelligenz – Was sie bedeutet und wie sie unser Leben verändert, Google LLC, SZ Scala GmbH, 2018, Seite 34
  18. Ethikratsvorsitzender plädiert für klassische Bildung, Evangelischer Pressedienst (epd), Bildung, Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), Frankfurt am Main, 20. März 2019