Benutzer:Methodios/1971-2021: Fünfzig Jahre KunstHausSteidner
Bernburg war schon lange vor der Wende und friedlichen Revolution in der DDR im Jahr 1989 eine Hochburg der Subkulturen im Bereich von Musik, Kunst und Literatur. Insbesondere die Bernburger Punkszene hatte in der Wendezeit überregionale Bedeutung für den Bereich der DDR und später der neuen Bundesländer erlangt.
In der Umbruchszeit wurde Anfang 1990 mittels Tape-Trading das Punk-Label Aggressive Punk Tapes (APT oder auch A.T.P.) zur Verbreitung des Punkrocks in der DDR gegründet.[108]
Bereits zehn Jahre zuvor war Bernburg ein Zentrum des illegalen Austausches von bespielten Kompaktkassetten geworden, eingeführt durch die illegalen Hinterhausdiskotheken in Abrisshäusern. Diese entstanden nach der Gleichschaltung der Castle-Disco (benannt nach dem Schloss Bernburg) durch die Stasi und das Kreiskabinett für Kulturarbeit (Krumbholzallee) im März 1980.
Erste Lokation der Szene war das zugemauerte, aber damals noch denkmalgeschützte Haus Steidner in der Breiten Straße in der Talstadt, wo im Sommer 1980 die Punk-Bands Zwitschermaschine (Juli) und Müllstation (August) auftraten.
Das große, leerstehende und an der Straßenseite zugemauerte Haus Steidner wurde auch für Kunstausstellungen und Lesungen genutzt. Es verfügte über sehr viele Seiten- und Hintergebäude und besaß mittelalterliche Tonnengewölbe im Keller. Von 1979 bis 1982 wurde hier der Anhalter Wahrheitsbote gedruckt, eine Samisdat-Quartalsschrift, die sich an dem Wahrheitsboten für Stadt und Land in Anhalt-Bernburg (1848 bis 1852) und am Hessischen Landboten (1834) von Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig orientierte. Ein „Mitarbeiter Reprotechnik“ der Hochschule für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft Bernburg-Strenzfeld hatte aus drei abgeschriebenen Spiritus-Umdruck-Maschinen eine funktionierende aufgebaut, mit der im Ormig-Verfahren[111] gedruckt werden konnte. Erst 1987 gab es eine zweite illegale Druckmaschine für die alternative Szene der DDR in der Umwelt-Bibliothek der Berliner Zionskirchgemeinde. Die Ostberliner Druckmaschine stammte von Roland Jahn und wurde vom damaligen Bundestagsabgeordneten der Grünen Wilhelm Knabe mittels seiner Immunität von Westberlin nach Ostberlin eingeschmuggelt.[112] Der Anhalter Wahrheitsbote war direkter Nachfolger des Unwelt-Blättchens von 1973 bis 1979, das anfänglich mit Kopierstift und zuletzt mittels Schreibmaschinenkopien sowie Linolschnitten regelmäßig eine untere dreistellig Auflage erreichte. Der Anhalter Wahrheitsbote erschien zunächst in einer Auflage von an die 500, ab Frühjahr 1980 dann von an die 1000 Exemplaren.
(El) „cartel de HOY“: Plakat von heute: „¡Venceremos!“ Chile, 9. April 1970
Rote Rosenfaust (Graffiti in Vancouver, British Columbia, Kanada). Eine solche wuchs auf dem von der Stasi inkriminierten Plakat durch ein Gitter mit DDR-Umrissen. Elf Jahre vor der Wende wurde so bereits der Wunsch nach einer friedlichen Revolution symbolisiert. Ebenfalls seit 1979 gab es infolge der technischen Möglichkeiten auch illegale Ausstellungskataloge und illegale kleine Druckschriften in Zusammenhang mit den Lesungen oder zu Alternativthemen wie vegane Rezepte in einem Schwarzdruckverlag. Die Tonnengewölbe des Hauses Steidner wurden seit 1969 für die ab 1968 zensierten Literarisch-Musikalischen Abende und ab 1971 unter dem Namen KunstHausSteidner für Kunstausstellungen genutzt. Höhepunkte waren 1972/73 die Ausstellung GegenKunst und 1978 die Ausstellung Unser kleines Land, in welchen u. a. die Selbstisolationspolitik der DDR aufgespießt wurden. Das illegale Plakat zur illegalen Ausstellung – eine geballte Faust in Form einer Rose, die sich durch ein Gitter reckt – wurde von der Stasi besonders gejagt, weil die Umrisse des vergitterten „Fensters“ denen der DDR glichen. Vorbild dafür war die damals in der DDR vielfach rezipierte Venceremos-Faust (spanisch für „Wir werden siegen“)[113], eines politischen Kampfliedes und Schlachtrufes aus Chile, das in einer alternativen Version im Jahr 1970 die Hymne für den Wahlkampf von Salvador Allendes sozialistischer Unidad-Popular-Bewegung und daraufhin in der DDR auf Deutsch sehr populär wurde.[114] In Bernburg wurde die neue Siedlung auf dem Kirschberg[115] dann Salvador-Allende-Siedlung getauft.
„18.4.1984: Eine erweiterte Straßenbahntrasse verbindet seit wenigen Tagen den jüngsten Bauabschnitt des Schweriner Neubaugebiets Großer Dreesch mit dem Stadtzentrum und dem Industriekomplex Schwerin-Süd. Für rund 17000 Schweriner verbesserten sich damit die Nahverkehrsbedingungen.“ (nach sechs Jahren Wartezeit)
Beschlagnahmt wurde beispielsweise ein 1,40 m mal 1,10 m großes Ölgemälde mit dem Titel „Großer Drasch“ im illegalen Atelier des Künstlers. Von einer DDR-Kaufhalle ziehen Menschen sternförmig wie auf kribbelbunten Ameisenstraßen durch die etliche Meter tiefe schlammige Baugrube einer Sporthalle, die nie gebaut wurde, hin zu den Eingängen ihrer noch unbefestigten Straßen. Das Gemälde bezog sich auf den problematischen Aufbau der Plattenbausiedlung Großer Dreesch III während der untergehenden DDR. Auch viele Bernburger wohnten nach großartigen Versprechungen dort in Viermannzimmern in Arbeiterwohnheimen und wurden jahrelang immer wieder bei der Versorgung mit einer Neubauwohnung vertröstet, während Frau und Kind(er) in Bernburg mit hofften. Dort wurde zu dieser Zeit noch viel weniger gebaut – wohingegen in Schwerin damals rund die Hälfte der Einwohner in Plattenbauten wohnte.
Auch das raumhohe 2,60 m mal 1,70 m große Ölgemälde „Unser kleines Land“ fiel einer „Operativen Kombination“ der Stasi im illegalen Atelier des observierten und gerade abwesenden Künstlers zum Opfer. Zu sehen war die DDR von Süden aus der Vogelperspektive bis hin zur Ostseeküste - mit für den Sozialistischen Realismus zu realistische und zu wenig sozialistische Miniaturen, welche das Leben im Lande darstellten. Regelmäßig wurden auch Bilder mit Türen beschlagnahmt. Nach der nicht genehmigten „Türen-Ausstellung“ von 1979 im Leonhardi-Museum in Dresden, welche anhand des Türen-Motivs das Eingeschlossensein in der DDR thematisierte, reagierte die Staatssicherheit hochnervig auf alle Türen in der Kunst. Schließlich wurden sogar die Türen des Leonhardi-Museums von 1982 bis 1986 von staatlicher Seite wegen vorgeblicher Renovierungsarbeiten geschlossen.
Perestroika-Briefmarke der Sowjetunion von 1988
Ab 1986 waren unter dem Motto „Der Doofe Rest“ (eine Anspielung auf die Abkürzung „DDR“) wechselnde Ausstellungen von alternativen Künstlern zu sehen, die sich trotz der Bekämpfung von Glasnost und Perestroika für einen Verbleib im Land entschieden hatten. Das bei der Eröffnungs-Ausstellung gezeigte Konzept „MüL-Menschen“ eines großen Müllberges, in dem sich menschliche Umrisse abzeichneten, wurde ein, zwei Jahre später in der Stadthalle Magdeburg noch erheblich größer umgesetzt, wobei die menschlichen Hohlkörper im meterhohen Müll dort infolge der riesigen Halle sogar Originalgröße erreichten. „MüL-Menschen“ bezog sich auch auf die oktroyierte Ideologie des Marxismus-Leninismus (ML), die von Andersdenkenden als „geistiger Müll“ empfunden wurde.
Neue Straße. Im Hinterhof der höheren Häuser am linken Bildrand gab es ab 1981 kurzzeitig eine illegale Disco
1981 wurde eine weitere Hinterhausdisco für die Bergstadt in der Neuen Straße gegründet, die aber durch den Verfolgungsdruck mehrfach verlegt werden musste.