Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Das Ende Roms 4
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- Die Geschichte Ungarns - 4. - Römische Provinz Pannonia (1.-5. Jahrhundert)
- Zivilisation an der Grenze
- DIE GESCHICHTE UNGARNS
- Vorgeschichte und Urgeschichte
Das Ende Roms: Völkerwanderung und neue Mächte (4.-5. Jahrhundert)
[Bearbeiten]- 1. Das 4. und 5. Jahrhundert nach Christus zählen zu den entscheidendsten Epochen der europäischen Geschichte.
- 2. In diesen beiden Jahrhunderten ging das Weströmische Reich zugrunde.
- 3. Mit ihm versank eine politische Ordnung, die fast ein halbes Jahrtausend Bestand gehabt hatte.
- 4. An die Stelle Roms traten neue Völker und neue Mächte.
- 5. Aus diesem Umbruch ging schließlich das mittelalterliche Europa hervor.
- 6. Auch für das Karpatenbecken, in dem das heutige Ungarn liegt, war diese Zeit von größter Bedeutung.
- 7. Das Becken gehörte als Provinz Pannonia zum Römischen Reich.
- 8. Es lag an der Donau, also unmittelbar an der bedrohten Reichsgrenze.
- 9. Damit war Pannonia von den Umwälzungen dieser Epoche besonders betroffen.
- 10. Der folgende Abschnitt schildert das Ende der römischen Welt im Karpatenbecken.
- 11. Um diese Epoche zu verstehen, muss man mehrere Entwicklungen zusammen betrachten.
- 12. Der Untergang Roms war kein einzelnes Ereignis, sondern ein langer Prozess.
- 13. Viele Ursachen wirkten dabei über lange Zeit zusammen.
- 14. Eine wichtige Rolle spielten innere Schwächen des Römischen Reiches.
- 15. Schon im 3. Jahrhundert hatte das Reich eine schwere Krise durchlebt.
- 16. Politische Unruhen, Bürgerkriege und wirtschaftliche Not hatten es geschwächt.
- 17. Diese inneren Probleme setzten sich im 4. Jahrhundert teilweise fort.
- 18. Das geschwächte Reich konnte seine langen Grenzen immer schwerer schützen.
- 19. Gleichzeitig wuchs der Druck von außen beständig an.
- 20. Jenseits der Grenzen lebten zahlreiche Völker, die ins Reich drängten.
- 21. Die wichtigsten dieser Völker waren die germanischen Stämme.
- 22. Zu ihnen gehörten unter anderem die Goten, Vandalen und Langobarden.
- 23. Diese Völker waren keine bloßen Plünderer, sondern suchten oft neues Land.
- 24. Viele von ihnen flohen ihrerseits vor einer noch größeren Bedrohung.
- 25. Diese Bedrohung ging von einem Reitervolk aus dem Osten aus.
- 26. Dieses Volk waren die Hunnen, die aus den Steppen Asiens vordrangen.
- 27. Das Erscheinen der Hunnen setzte zahlreiche Völker in Bewegung.
- 28. Diese großen Wanderungsbewegungen werden als Völkerwanderung bezeichnet.
- 29. Die Völkerwanderung ist das zentrale Geschehen dieser Epoche.
- 30. Sie veränderte die politische Landkarte Europas grundlegend.
- 31. Im Mittelpunkt vieler dieser Bewegungen lag das Karpatenbecken.
- 32. Das Becken war ein wichtiger Durchgangsraum zwischen Ost und West.
- 33. Seine weiten Ebenen zogen besonders die Reitervölker an.
- 34. So wurde Pannonien zum Schauplatz wechselnder Mächte.
- 35. Der folgende Abschnitt gliedert dieses Geschehen in sechs Schritte.
- 36. Zunächst wird der innere Niedergang der römischen Macht betrachtet.
- 37. Dabei stehen die wirtschaftlichen und politischen Krisen im Vordergrund.
- 38. Anschließend folgen die ersten Invasionswellen der germanischen Völker.
- 39. Besonders die Goten spielten dabei eine herausragende Rolle.
- 40. Danach rücken die Hunnen und ihr König Attila in den Blick.
- 41. Ihr Reich hatte sein Kernland im Karpatenbecken selbst.
- 42. Ein weiterer Schritt schildert den Zusammenbruch der Provinz Pannonia.
- 43. Damit endete die römische Herrschaft im Gebiet des heutigen Ungarn.
- 44. Der nächste Schritt behandelt die Zeit nach dem Ende Roms.
- 45. In dieser Zeit rangen neue Mächte um die Herrschaft im Becken.
- 46. Den Abschluss bildet die Transformation der antiken Welt.
- 47. Aus dem römischen Pannonien wurde dabei ein frühmittelalterliches Land.
- 48. Diese sechs Schritte zeichnen gemeinsam das Ende einer Epoche nach.
- 49. Sie zeigen den Übergang von der Antike zum Frühmittelalter.
- 50. Damit bilden sie die Grundlage für die weitere Geschichte des Karpatenbeckens.
Der Niedergang der römischen Macht: Wirtschaftliche und politische Krisen
[Bearbeiten]- 1. Das Römische Reich erlebte im 3. Jahrhundert nach Christus eine tiefgreifende Krise, die seine Grundfesten erschütterte.
- 2. Diese Krise war kein plötzliches Ereignis, sondern ein langer Prozess aus vielen ineinandergreifenden Schwierigkeiten.
- 3. Wirtschaftliche, politische und militärische Probleme verstärkten sich gegenseitig und schwächten das Reich von innen.
- 4. Für die Provinz Pannonia, in der das heutige Ungarn lag, hatte dieser Niedergang weitreichende Folgen.
- 5. Pannonia war eine Grenzprovinz und damit besonders von Unsicherheit und äußerem Druck betroffen.
- 6. Um den Niedergang zu verstehen, muss man die verschiedenen Krisenfelder einzeln betrachten.
- 7. Das 2. Jahrhundert gilt gemeinhin als Höhepunkt römischer Macht und Stabilität.
- 8. In dieser Zeit erstreckte sich das Reich über drei Kontinente und umfasste viele Millionen Menschen.
- 9. Eine lange Phase des inneren Friedens, von der Forschung Pax Romana genannt, hatte Wohlstand ermöglicht.
- 10. Pax Romana bezeichnet den vergleichsweise friedlichen Zustand innerhalb der Reichsgrenzen.
- 11. Doch bereits unter Kaiser Mark Aurel zeigten sich erste ernsthafte Risse in diesem Gefüge.
- 12. Germanische Stämme drangen über die Donau ein und bedrohten unmittelbar die Provinz Pannonia.
- 13. Diese sogenannten Markomannenkriege banden über Jahre hinweg große militärische Kräfte.
- 14. Gleichzeitig brachte eine schwere Seuche, die Antoninische Pest, den Tod über weite Teile des Reiches.
- 15. Diese Epidemie tötete vermutlich Millionen Menschen und schwächte Wirtschaft und Heer erheblich.
- 16. Der Bevölkerungsverlust führte zu Arbeitskräftemangel in Landwirtschaft und Handwerk.
- 17. Damit deuteten sich schon im späten 2. Jahrhundert die Probleme des folgenden Jahrhunderts an.
- 18. Die eigentliche Reichskrise brach jedoch erst nach dem Jahr 235 in voller Schärfe aus.
- 19. Den Beginn dieser Krise markierte die Ermordung des Kaisers Severus Alexander durch eigene Soldaten.
- 20. Damit begann eine Epoche, die als Reichskrise des 3. Jahrhunderts bekannt ist.
- 21. Das wohl auffälligste Merkmal dieser Zeit war die politische Instabilität an der Reichsspitze.
- 22. Innerhalb von rund fünfzig Jahren herrschten mehr als zwanzig Kaiser über das Reich.
- 23. Die meisten dieser Herrscher regierten nur wenige Monate oder Jahre.
- 24. Nur sehr wenige von ihnen starben eines natürlichen Todes.
- 25. Die übergroße Mehrheit wurde ermordet, fiel im Bürgerkrieg oder wurde gestürzt.
- 26. Diese Herrscher werden in der Forschung oft als Soldatenkaiser bezeichnet.
- 27. Der Begriff Soldatenkaiser verweist darauf, dass das Heer die Kaiser ein- und absetzte.
- 28. Die Macht im Staat lag faktisch bei den Legionen und ihren Befehlshabern.
- 29. Wer die Unterstützung der Soldaten gewann, konnte sich zum Kaiser ausrufen lassen.
- 30. Verlor ein Kaiser diese Unterstützung, war sein Sturz meist nur eine Frage der Zeit.
- 31. Häufig riefen mehrere Heeresgruppen gleichzeitig verschiedene Männer zum Kaiser aus.
- 32. Die Folge waren zahlreiche Bürgerkriege, in denen Römer gegen Römer kämpften.
- 33. Auch die Provinz Pannonia spielte bei diesen Machtkämpfen eine wichtige Rolle.
- 34. In Pannonia lagen starke Legionen, deren Unterstützung für jeden Thronbewerber wertvoll war.
- 35. Mehrfach wurden in den Donauprovinzen eigene Kaiser ausgerufen.
- 36. Diese ständigen Erhebungen banden militärische Kräfte, die an den Grenzen fehlten.
- 37. Statt die Reichsgrenzen zu verteidigen, kämpften die Legionen gegeneinander.
- 38. Die politische Zersplitterung erreichte um die Mitte des 3. Jahrhunderts ihren Höhepunkt.
- 39. Zeitweise zerfiel das Reich in mehrere weitgehend unabhängige Teilreiche.
- 40. Im Westen entstand das sogenannte Gallische Sonderreich mit eigenen Kaisern.
- 41. Im Osten bildete sich um die Handelsstadt Palmyra ein eigenes Machtzentrum.
- 42. Die Zentralregierung in Rom kontrollierte für einige Jahre nur noch einen Teil des Reiches.
- 43. Dass das Reich diese Zersplitterung überstand, war keineswegs selbstverständlich.
- 44. Zur politischen Krise trat eine schwere wirtschaftliche Krise hinzu.
- 45. Beide Krisen waren eng miteinander verflochten und verstärkten sich gegenseitig.
- 46. Ein zentrales Problem der Wirtschaft war die Entwertung der Münzen.
- 47. Die römische Währung beruhte auf Münzen aus Edelmetall, vor allem aus Silber.
- 48. Der wichtigste Silberkrieg, der Denar, verlor im Lauf des 3. Jahrhunderts stark an Wert.
- 49. Die Kaiser brauchten ständig Geld, um die Soldaten zu bezahlen und sich Loyalität zu sichern.
- 50. Um mehr Münzen prägen zu können, verringerten sie den Silbergehalt der Münzen.
- 51. Neue Münzen enthielten immer weniger Silber und immer mehr unedles Metall.
- 52. Am Ende bestanden viele Münzen nur noch aus Kupfer mit einem dünnen Silberüberzug.
- 53. Diese Verschlechterung der Münzen wird als Münzverschlechterung bezeichnet.
- 54. Die Menschen erkannten rasch, dass die neuen Münzen weniger wert waren.
- 55. In der Folge stiegen die Preise für Waren stark an.
- 56. Dieser anhaltende Preisanstieg wird heute als Inflation bezeichnet.
- 57. Inflation bedeutet, dass man für dieselbe Geldmenge immer weniger kaufen kann.
- 58. Das Vertrauen in die staatliche Währung ging weitgehend verloren.
- 59. Vielerorts kehrten die Menschen zum direkten Tausch von Waren gegen Waren zurück.
- 60. Der Tausch von Gütern ohne Geld wird Naturalwirtschaft genannt.
- 61. Auch der Staat selbst forderte Steuern zunehmend in Form von Naturalien ein.
- 62. Statt Geld mussten die Untertanen nun Getreide, Vieh oder andere Güter abliefern.
- 63. Die Geldwirtschaft, eine wichtige Grundlage des römischen Wohlstands, geriet damit ins Wanken.
- 64. Eine schwache Währung erschwerte den überregionalen Handel erheblich.
- 65. Der Handel litt zudem unter der allgemeinen Unsicherheit im Reich.
- 66. Kriege, Plünderungen und Überfälle machten die Reisewege gefährlich.
- 67. Kaufleute konnten Waren nicht mehr zuverlässig über weite Strecken transportieren.
- 68. Das gut ausgebaute Netz römischer Straßen verlor durch fehlende Pflege an Qualität.
- 69. Viele Fernhandelsbeziehungen brachen zusammen oder schrumpften deutlich.
- 70. Die Wirtschaft zog sich auf kleinere, regionale Kreisläufe zurück.
- 71. Regionen versorgten sich zunehmend selbst, statt Waren aus fernen Provinzen zu beziehen.
- 72. Diese Entwicklung wird in der Forschung als Regionalisierung der Wirtschaft beschrieben.
- 73. Auch das städtische Leben, einst ein Kennzeichen römischer Zivilisation, geriet in die Krise.
- 74. Viele Städte zogen Mauern um ihren Kern, um sich vor Angriffen zu schützen.
- 75. Solche Stadtmauern waren in der friedlichen Hochzeit des Reiches oft unnötig gewesen.
- 76. Der Bau und Unterhalt der Mauern verschlang erhebliche finanzielle Mittel.
- 77. Häufig wurden die Mauern aus dem Baumaterial zerstörter oder ungenutzter Gebäude errichtet.
- 78. Manche Städte schrumpften flächenmäßig, weil nur noch ein kleinerer Kern befestigt wurde.
- 79. Öffentliche Bauten wie Theater, Bäder und Tempel verfielen mancherorts.
- 80. Die wohlhabende Oberschicht zog sich teilweise aus dem städtischen Leben zurück.
- 81. Viele Reiche verlegten ihren Wohnsitz auf befestigte Landgüter.
- 82. Solche großen, weitgehend selbstversorgenden Güter werden als Villen oder Latifundien bezeichnet.
- 83. Auf diesen Gütern arbeiteten abhängige Bauern und Sklaven für den Grundbesitzer.
- 84. Diese Verlagerung schwächte die Städte als wirtschaftliche und politische Zentren.
- 85. Besonders schwer lastete die Steuerlast auf der Bevölkerung des Reiches.
- 86. Der Staat brauchte immer mehr Geld für Heer, Verwaltung und Kriegsführung.
- 87. Daher wurden die Steuern wiederholt erhöht und strenger eingetrieben.
- 88. Viele Bauern konnten die geforderten Abgaben kaum noch aufbringen.
- 89. Manche gaben ihren Hof auf und flohen vor den Steuereintreibern.
- 90. Andere begaben sich freiwillig in die Abhängigkeit eines mächtigen Grundherrn.
- 91. Im Gegenzug für Schutz verloren sie einen Teil ihrer persönlichen Freiheit.
- 92. Diese Entwicklung band die Bauern zunehmend an den Boden, den sie bearbeiteten.
- 93. Hier zeigen sich erste Ansätze einer Ordnung, die später das Mittelalter prägen sollte.
- 94. Die wirtschaftliche Not führte vielerorts zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge.
- 95. Felder fielen brach, weil es an Arbeitskräften oder an Sicherheit fehlte.
- 96. Geringere Ernten bedeuteten Versorgungsengpässe und Hunger für viele Menschen.
- 97. Hunger und schlechte Lebensbedingungen schwächten zudem die Widerstandskraft gegen Krankheiten.
- 98. So verstärkten sich Wirtschaftskrise, Bevölkerungsrückgang und Seuchen gegenseitig.
- 99. Ein weiteres schweres Problem war der ständige militärische Druck an den Grenzen.
- 100. Das Römische Reich besaß lange, schwer zu verteidigende Grenzlinien.
- 101. Diese befestigte Grenzlinie wurde als Limes bezeichnet.
- 102. Der Limes verlief im Bereich Pannoniens entlang der Donau.
- 103. An vielen Stellen drängten nun Feinde gleichzeitig gegen die Grenzen.
- 104. Im Norden bedrohten zahlreiche germanische Stämme den Limes.
- 105. Diese Stämme schlossen sich häufig zu größeren Verbänden zusammen.
- 106. Mächtige Gruppen wie die Alamannen und die Goten traten in dieser Zeit hervor.
- 107. Im Osten erstarkte mit dem Sassanidenreich ein gefährlicher Gegner der Römer.
- 108. Das Reich musste somit an mehreren weit entfernten Fronten zugleich kämpfen.
- 109. Die Legionen reichten kaum aus, um alle bedrohten Abschnitte zu sichern.
- 110. Wurden Truppen an eine Front verlegt, entstanden an anderer Stelle gefährliche Lücken.
- 111. Mehrfach gelang es Feinden, den Limes zu durchbrechen und tief ins Reich vorzudringen.
- 112. Plünderungszüge erreichten Gebiete, die seit Generationen keinen Krieg gesehen hatten.
- 113. Auch die Provinz Pannonia wurde wiederholt von solchen Einfällen heimgesucht.
- 114. Die Bevölkerung der Grenzregionen lebte in ständiger Unsicherheit.
- 115. Der dauerhafte Kriegszustand verschlang gewaltige Summen an Geld und Material.
- 116. Damit war der militärische Druck zugleich eine wesentliche Ursache der Finanzkrise.
- 117. Die Verteidigung verschlang Mittel, die für Wirtschaft und Verwaltung fehlten.
- 118. So bildeten militärische, finanzielle und politische Krise einen einzigen Zusammenhang.
- 119. Ein viel diskutiertes Phänomen der Krisenzeit ist der Rückgang der Bevölkerung.
- 120. Seuchen, Kriege und Hungersnöte forderten zahllose Menschenleben.
- 121. Eine sinkende Bevölkerungszahl bedeutete weniger Bauern, Handwerker und Soldaten.
- 122. Damit fehlten sowohl Arbeitskräfte als auch Steuerzahler und Rekruten.
- 123. Der Mangel an Soldaten zwang die Römer zu einer folgenreichen Entscheidung.
- 124. Zunehmend wurden Angehörige fremder Völker in das römische Heer aufgenommen.
- 125. Besonders germanische Krieger dienten in großer Zahl unter römischen Fahnen.
- 126. Ganze Verbände solcher Krieger kämpften unter eigenen Anführern für Rom.
- 127. Diese Entwicklung veränderte den Charakter des römischen Heeres tiefgreifend.
- 128. Das Heer wurde weniger römisch und stärker von fremden Kriegern geprägt.
- 129. Langfristig verwischte dadurch die Grenze zwischen Römern und Nichtrömern.
- 130. Auch innerhalb der Gesellschaft führte die Krise zu spürbaren Veränderungen.
- 131. Der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich deutlich.
- 132. Eine kleine Oberschicht konnte ihren Reichtum und Einfluss bewahren oder ausbauen.
- 133. Die breite Masse der Bevölkerung verarmte hingegen zunehmend.
- 134. Das Vertrauen in den Staat und seine Schutzfunktion schwand bei vielen Menschen.
- 135. In Zeiten der Unsicherheit wandten sich viele verstärkt religiösen Fragen zu.
- 136. Neue Religionen und Kulte gewannen in dieser Epoche an Anhängern.
- 137. Auch das Christentum verbreitete sich trotz zeitweiliger Verfolgung weiter.
- 138. Die alte römische Staatsreligion verlor demgegenüber an Bindekraft.
- 139. Trotz aller Krisen ging das Römische Reich im 3. Jahrhundert nicht unter.
- 140. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gelang mehreren tatkräftigen Kaisern eine Wende.
- 141. Diese Herrscher stammten häufig aus den Donauprovinzen, darunter auch aus Pannonia.
- 142. Sie hatten sich in der Regel als fähige Heerführer bewährt.
- 143. Schritt für Schritt schlugen sie die Feinde zurück und sicherten die Grenzen.
- 144. Die abgespaltenen Teilreiche im Westen und Osten wurden wieder eingegliedert.
- 145. Damit war die staatliche Einheit des Reiches zunächst wiederhergestellt.
- 146. Die tiefer liegenden Probleme aber waren damit noch nicht gelöst.
- 147. Eine grundlegende Neuordnung des Reiches gelang erst dem Kaiser Diokletian.
- 148. Diokletian gelangte im Jahr 284 zur Macht und regierte über zwanzig Jahre.
- 149. Er erkannte, dass ein einzelner Herrscher das riesige Reich kaum sichern konnte.
- 150. Daher teilte er die oberste Macht auf mehrere Herrscher auf.
- 151. Diese Form der geteilten Herrschaft wird als Tetrarchie bezeichnet.
- 152. Tetrarchie bedeutet wörtlich die Herrschaft von vier Personen.
- 153. Zwei ranghöhere und zwei rangniedere Kaiser teilten sich die Verantwortung.
- 154. Jeder von ihnen war für einen bestimmten Teil des Reiches zuständig.
- 155. So konnte an mehreren Fronten zugleich gehandelt werden.
- 156. Diokletian reformierte zudem die Verwaltung und die Steuererhebung grundlegend.
- 157. Die Zahl der Provinzen wurde erhöht und ihre Fläche verkleinert.
- 158. Auch Pannonia wurde im Zuge dieser Reformen in mehrere kleinere Provinzen geteilt.
- 159. Kleinere Provinzen ließen sich leichter kontrollieren und verwalten.
- 160. Das Steuersystem wurde vereinheitlicht und auf eine festere Grundlage gestellt.
- 161. Diokletian versuchte außerdem, durch ein Preisedikt die Inflation einzudämmen.
- 162. Dieses Edikt setzte Höchstpreise für zahlreiche Waren und Dienstleistungen fest.
- 163. In der Praxis ließ sich diese Preisbindung jedoch kaum durchsetzen.
- 164. Die Reformen stabilisierten das Reich, doch sie hatten auch einen hohen Preis.
- 165. Verwaltung und Heer wurden größer und teurer als zuvor.
- 166. Damit stieg die Steuerlast für die Bevölkerung weiter an.
- 167. Der Staat griff nun tiefer und straffer in das Leben der Menschen ein.
- 168. Viele Berufe wurden faktisch erblich gemacht, um Arbeitskräfte zu sichern.
- 169. Söhne mussten häufig denselben Beruf wie ihre Väter ausüben.
- 170. Die persönliche Freiheit vieler Untertanen wurde dadurch weiter eingeschränkt.
- 171. Das Reich des 4. Jahrhunderts unterschied sich deutlich von dem der frühen Kaiserzeit.
- 172. Es war straffer organisiert, stärker militarisiert und kontrollierte seine Untertanen enger.
- 173. Die wirtschaftliche Erholung blieb jedoch begrenzt und ungleich verteilt.
- 174. Für eine Grenzprovinz wie Pannonia bedeutete dies eine ungewisse Zukunft.
- 175. Die Provinz blieb dauerhaft von äußerem Druck und innerer Schwäche bedroht.
- 176. Die Krise des 3. Jahrhunderts hatte das Reich nachhaltig verändert.
- 177. Sie schwächte die Städte, die Geldwirtschaft und den Fernhandel auf Dauer.
- 178. Zugleich bahnten sich Strukturen an, die für das spätere Mittelalter kennzeichnend wurden.
- 179. Das Reich überlebte die Krise, doch es ging geschwächt aus ihr hervor.
- 180. Damit war der Boden bereitet für die Erschütterungen der Völkerwanderungszeit.
Die Goten und andere germanische Völker: Erste Invasionswellen
[Bearbeiten]- 1. Das geschwächte Römische Reich des 4. Jahrhunderts sah sich an seinen Grenzen einem wachsenden Druck ausgesetzt.
- 2. Dieser Druck ging vor allem von den germanischen Völkern jenseits der Grenze aus.
- 3. Für die Provinz Pannonia, in der das heutige Ungarn lag, bedeutete dies eine ständige Bedrohung.
- 4. Pannonia grenzte mit der Donau an Gebiete, in denen zahlreiche germanische Stämme lebten.
- 5. Um diese Bedrohung zu verstehen, muss man zunächst die germanischen Völker selbst betrachten.
- 6. Der Begriff Germanen fasst eine Vielzahl von Völkern und Stämmen zusammen.
- 7. Diese Stämme bildeten keine politische Einheit und kannten kein gemeinsames Reich.
- 8. Sie waren durch eine verwandte Sprache und ähnliche Lebensweisen lose miteinander verbunden.
- 9. Schon die Römer der frühen Kaiserzeit hatten diese Völker als Germanen bezeichnet.
- 10. Die germanischen Stämme siedelten in einem weiten Raum nördlich und östlich des Reiches.
- 11. Ihr Siedlungsgebiet reichte von Skandinavien bis weit nach Osteuropa hinein.
- 12. Die meisten Germanen lebten von Ackerbau und Viehzucht in kleinen Dörfern.
- 13. Ihre Gesellschaft war kriegerisch geprägt und kannte deutliche soziale Unterschiede.
- 14. An der Spitze standen Anführer, die sich auf eine Gefolgschaft von Kriegern stützten.
- 15. Wichtige Entscheidungen wurden häufig in einer Versammlung der freien Männer getroffen.
- 16. Die einzelnen Stämme waren nicht dauerhaft festgefügt, sondern wandelten sich beständig.
- 17. Stämme konnten sich teilen, neu zusammenschließen oder unter einem starken Anführer wachsen.
- 18. Diese Beweglichkeit erschwerte es den Römern, ihre Nachbarn dauerhaft einzuschätzen.
- 19. Das Verhältnis zwischen Römern und Germanen war keineswegs nur von Krieg bestimmt.
- 20. Über lange Zeiträume hinweg überwogen sogar friedliche Beziehungen.
- 21. Über die Grenze hinweg fand ein reger Handel mit Waren statt.
- 22. Die Germanen schätzten römische Erzeugnisse wie Wein, Geschirr, Schmuck und Waffen.
- 23. Im Gegenzug lieferten sie Vieh, Felle, Bernstein und auch Sklaven.
- 24. Viele Germanen dienten zudem als Soldaten im römischen Heer.
- 25. Manche von ihnen stiegen sogar in hohe militärische Ränge auf.
- 26. Trotzdem brach immer wieder Krieg zwischen Römern und germanischen Stämmen aus.
- 27. Schon im 1. Jahrhundert hatten die Römer schwere Niederlagen gegen Germanen erlitten.
- 28. Im 2. Jahrhundert bedrohten die Markomannenkriege unmittelbar die Provinz Pannonia.
- 29. Während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts häuften sich die germanischen Einfälle.
- 30. Plündernde Verbände drangen über den Limes ins Reichsgebiet ein.
- 31. Der Limes war die befestigte Grenzlinie, die im Bereich Pannoniens entlang der Donau verlief.
- 32. Die römischen Truppen konnten diese Grenze nicht überall zugleich sichern.
- 33. Im Lauf der Zeit bildeten sich aus vielen kleinen Stämmen größere Verbände.
- 34. Diese großen Stammesgruppen waren militärisch deutlich gefährlicher als einzelne Stämme.
- 35. Zu den bedeutendsten dieser neuen Gruppen gehörten die Alamannen und die Franken.
- 36. Im Donauraum traten vor allem die Goten als mächtige Kraft hervor.
- 37. Die Goten sollten für die Geschichte des Reiches eine herausragende Rolle spielen.
- 38. Über die Herkunft der Goten berichtet vor allem ein spätantiker Geschichtsschreiber.
- 39. Dieser Autor namens Jordanes verfasste im 6. Jahrhundert eine Geschichte der Goten.
- 40. Nach seiner Darstellung stammten die Goten ursprünglich aus dem hohen Norden.
- 41. Ihre Wanderung soll sie von Skandinavien aus an die Ostsee geführt haben.
- 42. Von dort zogen sie der Überlieferung nach langsam nach Südosten.
- 43. Die Forschung beurteilt diese frühe Wanderungsgeschichte heute mit großer Vorsicht.
- 44. Manche dieser Berichte vermischen historische Erinnerung mit späterer Legendenbildung.
- 45. Gesichert ist jedoch, dass die Goten im 3. Jahrhundert nördlich des Schwarzen Meeres siedelten.
- 46. Dort kontrollierten sie ein weites Gebiet zwischen Donau und Don.
- 47. Von diesem Raum aus unternahmen sie wiederholt Vorstöße gegen das Römische Reich.
- 48. Bereits um die Mitte des 3. Jahrhunderts überquerten gotische Verbände die Donau.
- 49. Sie verwüsteten römische Provinzen auf der Balkanhalbinsel.
- 50. Im Jahr 251 erlitt das römische Heer eine schwere Niederlage gegen die Goten.
- 51. In dieser Schlacht fiel sogar der römische Kaiser Decius.
- 52. Es war das erste Mal, dass ein Kaiser im Kampf gegen Germanen den Tod fand.
- 53. Dieses Ereignis zeigte deutlich, wie gefährlich die gotische Bedrohung geworden war.
- 54. In den folgenden Jahren unternahmen die Goten auch Raubzüge zur See.
- 55. Mit Schiffen plünderten sie Küstenstädte im Schwarzen Meer und in der Ägäis.
- 56. Erst in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts gelang den Römern eine Wende.
- 57. Mehrere tatkräftige Kaiser schlugen die Goten in schweren Kämpfen zurück.
- 58. Der Kaiser Claudius siegte 269 in einer großen Schlacht über die Goten.
- 59. Wegen dieses Erfolges erhielt er den Beinamen Gothicus.
- 60. Trotz dieser Siege blieben die Goten ein mächtiger Nachbar des Reiches.
- 61. Die Römer mussten sich dauerhaft mit ihrer Anwesenheit an der Donau abfinden.
- 62. Im Lauf der Zeit teilten sich die Goten in zwei große Gruppen.
- 63. Die eine Gruppe wird in den Quellen als Westgoten bezeichnet.
- 64. Die andere Gruppe ist unter dem Namen Ostgoten bekannt.
- 65. Diese Zweiteilung war anfangs eher geographisch als politisch zu verstehen.
- 66. Die Westgoten siedelten näher an der römischen Donaugrenze.
- 67. Die Ostgoten lebten weiter östlich in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres.
- 68. Beide Gruppen sollten in der Folgezeit eigene Wege gehen.
- 69. Zwischen Römern und Goten entwickelten sich vielfältige Beziehungen.
- 70. Es gab Kriege, aber auch Verträge, Handel und gegenseitige Beeinflussung.
- 71. Häufig schlossen die Römer mit germanischen Stämmen feste Verträge ab.
- 72. In solchen Verträgen wurde den Stämmen Land oder Sold zugesichert.
- 73. Im Gegenzug verpflichteten sich die Stämme zu militärischer Hilfe.
- 74. Verbündete germanische Völker dieser Art wurden als Föderaten bezeichnet.
- 75. Der Begriff Föderaten leitet sich vom lateinischen Wort für Vertrag ab.
- 76. Föderaten siedelten teilweise innerhalb der Reichsgrenzen auf zugewiesenem Land.
- 77. Sie behielten dabei oft ihre eigenen Anführer und ihre eigene Lebensweise.
- 78. Diese Praxis brachte dem Reich kurzfristig militärische Vorteile.
- 79. Langfristig schuf sie jedoch halbselbständige germanische Verbände im Reich.
- 80. Solche Verbände konnten sich gegen Rom wenden, wenn Verträge gebrochen wurden.
- 81. Auch in kultureller Hinsicht näherten sich Goten und Römer einander an.
- 82. Ein besonders wichtiges Beispiel ist die Übernahme des Christentums.
- 83. Im 4. Jahrhundert wirkte unter den Goten der Bischof Wulfila.
- 84. Wulfila war selbst gotischer Herkunft und verbreitete das Christentum unter seinem Volk.
- 85. Er übersetzte die Bibel aus dem Griechischen in die gotische Sprache.
- 86. Für diese Übersetzung schuf er eine eigene gotische Schrift.
- 87. Diese Bibelübersetzung gehört zu den ältesten Zeugnissen einer germanischen Sprache.
- 88. Wulfila vertrat allerdings eine besondere Richtung des Christentums.
- 89. Diese Richtung wird nach ihrem Begründer als Arianismus bezeichnet.
- 90. Der Arianismus unterschied sich in der Lehre vom Christentum der römischen Reichskirche.
- 91. Die Reichskirche betrachtete diese Lehre als Irrglauben, also als Häresie.
- 92. Dadurch entstand ein religiöser Gegensatz zwischen Goten und Römern.
- 93. Dieser Gegensatz sollte das Zusammenleben über Jahrhunderte hinweg belasten.
- 94. Insgesamt waren die Germanen für das Reich Bedrohung und Hilfe zugleich.
- 95. Sie griffen die Grenzen an, dienten aber auch in großer Zahl im römischen Heer.
- 96. Dieses zwiespältige Verhältnis prägte das gesamte 4. Jahrhundert.
- 97. Die Lage änderte sich grundlegend durch ein Ereignis aus dem fernen Osten.
- 98. Aus den Steppen Asiens näherte sich ein bis dahin unbekanntes Reitervolk.
- 99. Dieses Volk waren die Hunnen, deren Erscheinen die Goten unmittelbar bedrohte.
- 100. Die Hunnen waren berittene Krieger von großer Schnelligkeit und Kampfkraft.
- 101. Um das Jahr 375 stießen sie auf das Reich der Ostgoten.
- 102. In kurzer Zeit unterwarfen sie die Ostgoten ihrer Herrschaft.
- 103. Der Sieg der Hunnen löste bei den benachbarten Völkern große Furcht aus.
- 104. Die Westgoten erkannten, dass auch ihnen die Unterwerfung drohte.
- 105. Sie entschlossen sich daher zu einer folgenschweren Entscheidung.
- 106. Die Westgoten beschlossen, vor den Hunnen ins Römische Reich zu fliehen.
- 107. Im Jahr 376 erschienen sie in großer Zahl am Nordufer der Donau.
- 108. Dort baten sie den römischen Kaiser um Aufnahme in das Reich.
- 109. Der oströmische Kaiser hieß damals Valens und residierte im Osten.
- 110. Valens gestattete den Westgoten schließlich den Übertritt über die Donau.
- 111. Er hoffte, die Goten als Soldaten und Siedler nutzen zu können.
- 112. Die Aufnahme so vieler Menschen war jedoch schlecht vorbereitet.
- 113. Die römischen Beamten versorgten die Goten nur unzureichend mit Lebensmitteln.
- 114. Manche Beamte nutzten die Notlage der Goten zudem schamlos aus.
- 115. Sie verkauften ihnen Nahrung zu Wucherpreisen und behandelten sie schlecht.
- 116. Unter den Goten breiteten sich Hunger, Wut und Verzweiflung aus.
- 117. Schließlich erhoben sich die Westgoten gegen die Römer.
- 118. Sie begannen, die Provinzen auf dem Balkan zu plündern.
- 119. Kaiser Valens stellte daraufhin ein Heer auf, um den Aufstand niederzuschlagen.
- 120. Im Jahr 378 kam es bei der Stadt Adrianopel zur Entscheidungsschlacht.
- 121. In dieser Schlacht erlitt das römische Heer eine vernichtende Niederlage.
- 122. Der Großteil der römischen Truppen wurde auf dem Schlachtfeld vernichtet.
- 123. Auch Kaiser Valens selbst fiel in dieser Schlacht.
- 124. Die Schlacht von Adrianopel gilt als ein tiefer Einschnitt der Spätantike.
- 125. Sie zeigte, dass germanische Heere ein römisches Heer offen besiegen konnten.
- 126. Das Reich war nicht mehr in der Lage, die Goten einfach zu vertreiben.
- 127. Der neue Kaiser Theodosius musste sich mit den Westgoten arrangieren.
- 128. Im Jahr 382 schloss er einen Vertrag mit ihnen ab.
- 129. Die Westgoten erhielten Land innerhalb des Reiches zur Besiedlung.
- 130. Sie durften unter eigenen Anführern leben und blieben als Verband bestehen.
- 131. Damit lebte erstmals ein großes, geschlossenes germanisches Volk im Reichsinneren.
- 132. Dieses Volk war den Römern nur lose verpflichtet und behielt seine Waffen.
- 133. Die Folgen dieser Entwicklung sollten sich bald zeigen.
- 134. Nach dem Tod des Theodosius wurde das Reich endgültig geteilt.
- 135. Seitdem gab es ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich.
- 136. Die Westgoten erhoben sich erneut unter einem neuen Anführer.
- 137. Dieser Anführer trug den Namen Alarich.
- 138. Unter Alarich zogen die Westgoten plündernd durch das Reich.
- 139. Im Jahr 410 eroberten und plünderten sie schließlich die Stadt Rom.
- 140. Die Plünderung Roms erschütterte die Zeitgenossen zutiefst.
- 141. Rom galt als ewige Stadt und war seit Jahrhunderten von keinem Feind erobert worden.
- 142. Die Eroberung zeigte deutlich die Schwäche des weströmischen Staates.
- 143. Auch andere germanische Völker nutzten die Schwäche des Reiches aus.
- 144. Um die Jahreswende 406 auf 407 überquerten mehrere Stämme den Rhein.
- 145. Zu diesen Stämmen gehörten die Vandalen, die Sueben und die Alanen.
- 146. Diese Völker zogen plündernd durch Gallien bis nach Spanien.
- 147. Ein Teil von ihnen setzte später sogar nach Nordafrika über.
- 148. Das Weströmische Reich verlor so nach und nach die Kontrolle über seine Provinzen.
- 149. Auf seinem ehemaligen Gebiet entstanden mehrere germanische Königreiche.
- 150. Die Westgoten gründeten ein Reich in Gallien und später in Spanien.
- 151. Die Vandalen errichteten ein eigenes Reich in Nordafrika.
- 152. Auch für die Donauprovinzen hatten diese Entwicklungen schwere Folgen.
- 153. Die Provinz Pannonia lag im Schnittpunkt vieler Wanderungsbewegungen.
- 154. Verschiedene germanische Völker zogen durch dieses Gebiet oder siedelten dort.
- 155. Die römische Verwaltung in Pannonia verlor zunehmend an Wirksamkeit.
- 156. Truppen wurden abgezogen, um andere bedrohte Reichsteile zu schützen.
- 157. Die verbliebene römische Bevölkerung lebte in wachsender Unsicherheit.
- 158. Befestigte Orte und Städte boten nur noch begrenzten Schutz.
- 159. Schritt für Schritt entglitt Pannonia der Kontrolle des Reiches.
- 160. Die erste große Welle germanischer Invasionen veränderte Europa nachhaltig.
- 161. Sie markiert den Beginn der sogenannten Völkerwanderungszeit.
- 162. Der Begriff Völkerwanderung bezeichnet die großen Bevölkerungsbewegungen dieser Epoche.
- 163. Auslöser dieser Bewegungen war nicht zuletzt der Druck der Hunnen.
- 164. Die Hunnen brachten ganze Völkerketten in Bewegung.
- 165. Geriet ein Volk unter Druck, drängte es auf seine Nachbarn weiter.
- 166. So pflanzte sich die Unruhe über weite Strecken Europas fort.
- 167. Die germanischen Völker waren dabei nicht nur Angreifer, sondern oft auch Flüchtende.
- 168. Viele von ihnen suchten im Reich Schutz vor einer noch größeren Bedrohung.
- 169. Das Römische Reich war zu schwach geworden, um diesen Strom aufzuhalten.
- 170. Es konnte die Germanen weder vollständig abwehren noch friedlich eingliedern.
- 171. Aus dem Zusammenprall von Römern und Germanen entstand eine neue Ordnung.
- 172. Diese neue Ordnung verband römische und germanische Elemente miteinander.
- 173. Aus ihr sollten die Reiche des frühen Mittelalters hervorgehen.
- 174. Für Pannonia bedeutete diese Zeit das nahende Ende der römischen Herrschaft.
- 175. Die germanischen Invasionen waren jedoch nur der erste Teil des Umbruchs.
- 176. Die eigentliche Erschütterung des Donauraums ging von den Hunnen aus.
- 177. Unter ihrem König Attila sollten die Hunnen bald selbst zur Großmacht aufsteigen.
- 178. Ihr Reich erstreckte sich später über weite Teile Mitteleuropas.
- 179. Damit rückte das Karpatenbecken in den Mittelpunkt des Geschehens.
- 180. Die Geschichte der Hunnen und Attilas bildet das nächste Kapitel dieser Darstellung.
Die Hunnen und Attila: Schrecken aus dem Osten
[Bearbeiten]- 1. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts erschien in Europa ein bis dahin unbekanntes Volk.
- 2. Dieses Volk waren die Hunnen, ein Reitervolk aus den Steppen Asiens.
- 3. Ihr Auftreten löste eine der größten Umwälzungen der europäischen Geschichte aus.
- 4. Für das Karpatenbecken, in dem das heutige Ungarn liegt, sollten die Hunnen besondere Bedeutung gewinnen.
- 5. Dieses Becken wurde zeitweise zum Kernland eines mächtigen hunnischen Reiches.
- 6. Um die Hunnen zu verstehen, muss man zunächst ihre Herkunft betrachten.
- 7. Die Hunnen stammten aus den weiten Grassteppen Zentralasiens.
- 8. Diese Steppen erstrecken sich über Tausende von Kilometern von Osten nach Westen.
- 9. Die Lebensweise der Steppenvölker war von der Viehzucht und vom Pferd geprägt.
- 10. Solche Völker werden als Nomaden bezeichnet, weil sie mit ihren Herden umherziehen.
- 11. Über die genaue Herkunft der Hunnen wird in der Forschung bis heute gestritten.
- 12. Lange wurden sie mit einem Steppenvolk in Verbindung gebracht, das chinesische Quellen erwähnen.
- 13. Dieses Volk trug in den chinesischen Berichten den Namen Xiongnu.
- 14. Ob die europäischen Hunnen tatsächlich von den Xiongnu abstammen, ist jedoch ungewiss.
- 15. Sicher ist, dass die Hunnen aus dem Osten nach Europa vordrangen.
- 16. Ihr Vorstoß brachte zahlreiche andere Völker in Bewegung.
- 17. Die Hunnen waren vor allem berittene Krieger von großer Beweglichkeit.
- 18. Schon als Kinder lernten sie das Reiten und den Umgang mit dem Pferd.
- 19. Ihre wichtigste Waffe war der Reflexbogen, ein besonders kräftiger Bogen.
- 20. Dieser Bogen war aus Holz, Horn und Sehnen zusammengesetzt.
- 21. Mit ihm konnten die hunnischen Krieger auch vom galoppierenden Pferd aus treffen.
- 22. Die Hunnen kämpften meist nicht im geschlossenen Nahkampf, sondern aus der Entfernung.
- 23. Sie umkreisten den Gegner und überschütteten ihn mit Pfeilen.
- 24. Bei Bedarf täuschten sie eine Flucht vor, um den Feind in eine Falle zu locken.
- 25. Diese bewegliche Kampfweise war den schwerfälligen römischen Heeren oft überlegen.
- 26. Die Schnelligkeit der hunnischen Reiter machte sie zu einem gefürchteten Gegner.
- 27. Ihre Heere konnten in kurzer Zeit große Entfernungen zurücklegen.
- 28. Damit überraschten sie ihre Feinde immer wieder.
- 29. Auf die Bewohner des Römischen Reiches wirkten die Hunnen fremd und furchterregend.
- 30. Römische Schriftsteller beschrieben sie in düsteren und übertriebenen Bildern.
- 31. Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus verfasste eine bekannte Schilderung der Hunnen.
- 32. Er stellte sie als wilde, kaum menschliche Wesen dar.
- 33. Solche Beschreibungen sagen mehr über die Furcht der Römer als über die Hunnen selbst aus.
- 34. Sie sind daher als historische Quelle nur mit Vorsicht zu verwenden.
- 35. Tatsächlich waren die Hunnen ein straff organisiertes und kriegstüchtiges Volk.
- 36. Um das Jahr 375 erreichten die Hunnen das Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres.
- 37. Dort trafen sie zuerst auf das Reich der Ostgoten.
- 38. In kurzer Zeit unterwarfen sie die Ostgoten ihrer Herrschaft.
- 39. Der Zusammenbruch des Ostgotenreiches erschütterte die gesamte Region.
- 40. Die benachbarten Westgoten gerieten dadurch ebenfalls unter Druck.
- 41. Aus Furcht vor den Hunnen flohen die Westgoten in das Römische Reich.
- 42. Damit lösten die Hunnen mittelbar die große Völkerwanderung aus.
- 43. In den folgenden Jahrzehnten drangen immer mehr hunnische Verbände nach Westen vor.
- 44. Schließlich verlegten die Hunnen ihren Schwerpunkt in das Karpatenbecken.
- 45. Die weite Tiefebene dieses Beckens bot ihren Pferdeherden reiche Weidegründe.
- 46. Damit wurde das Gebiet des heutigen Ungarn zum Mittelpunkt des Hunnenreiches.
- 47. Von hier aus beherrschten die Hunnen weite Teile Mitteleuropas.
- 48. Zahlreiche andere Völker gerieten unter ihre Oberhoheit.
- 49. Unterworfene Germanen und andere Stämme mussten den Hunnen Tribut zahlen und Krieger stellen.
- 50. Das Hunnenreich war somit ein Vielvölkerreich unter hunnischer Führung.
- 51. Anfangs standen die Hunnen mit dem Römischen Reich nicht nur im Krieg.
- 52. Hunnische Krieger dienten zeitweise sogar als Söldner in römischen Heeren.
- 53. Auch römische Feldherren nutzten hunnische Verbände für ihre Zwecke.
- 54. Das Verhältnis zwischen Hunnen und Römern war somit zwiespältig.
- 55. Es schwankte zwischen Bündnis, Tributzahlungen und offener Feindschaft.
- 56. Das Oströmische Reich zahlte den Hunnen wiederholt hohe Geldsummen.
- 57. Diese Zahlungen sollten die Hunnen von Angriffen abhalten.
- 58. Solche Zahlungen wurden oft als Geschenke oder Soldzahlungen verschleiert.
- 59. In Wahrheit handelte es sich um eine Art erkauften Frieden.
- 60. Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunnen an diese regelmäßigen Einkünfte.
- 61. Blieben die Zahlungen aus, drohten sie mit neuen Angriffen.
- 62. Zur größten Macht stieg das Hunnenreich unter einem bestimmten Herrscher auf.
- 63. Dieser Herrscher war Attila, der bedeutendste König der Hunnen.
- 64. Attila übernahm um das Jahr 434 zunächst gemeinsam mit seinem Bruder die Herrschaft.
- 65. Der Bruder trug den Namen Bleda.
- 66. Einige Jahre lang regierten die beiden Brüder das Hunnenreich gemeinsam.
- 67. Um das Jahr 445 starb Bleda unter ungeklärten Umständen.
- 68. Nach verbreiteter Darstellung ließ Attila seinen Bruder beseitigen.
- 69. Von da an herrschte Attila allein über die Hunnen.
- 70. Unter seiner Führung erreichte das Hunnenreich seine größte Ausdehnung und Macht.
- 71. Attila war ein fähiger Feldherr und ein geschickter Herrscher.
- 72. Er verstand es, die vielen unterworfenen Völker zusammenzuhalten.
- 73. Sein Hof lag in der Tiefebene des Karpatenbeckens.
- 74. Ein oströmischer Gesandter namens Priskos besuchte diesen Hof.
- 75. Priskos hinterließ einen wertvollen Bericht über sein Erlebnis bei den Hunnen.
- 76. Dieser Bericht ist eine der wichtigsten Quellen über Attila und seine Welt.
- 77. Priskos beschrieb Attila als einen schlichten, aber selbstbewussten Herrscher.
- 78. Während seine Gefolgsleute prunkvoll auftraten, lebte Attila auffallend einfach.
- 79. Er trug schmucklose Kleidung und aß von schlichtem Geschirr.
- 80. Diese Schlichtheit unterstrich seine herausgehobene Stellung auf eigene Weise.
- 81. In den folgenden Jahren führte Attila zahlreiche Feldzüge.
- 82. Zunächst richteten sich seine Angriffe gegen das Oströmische Reich.
- 83. Hunnische Heere verwüsteten wiederholt die Provinzen auf dem Balkan.
- 84. Zahlreiche Städte wurden geplündert oder zerstört.
- 85. Das Oströmische Reich musste die Tributzahlungen an Attila deutlich erhöhen.
- 86. Dennoch blieb das Hunnenreich von ständigen Eroberungen abhängig.
- 87. Beute und Tribut waren die wirtschaftliche Grundlage von Attilas Macht.
- 88. Um seine Krieger zu belohnen, brauchte Attila immer neue Erfolge.
- 89. Daher richtete er seinen Blick schließlich gegen das Weströmische Reich.
- 90. Ein bekannter Bericht nennt einen besonderen Anlass für diesen Feldzug.
- 91. Die weströmische Prinzessin Honoria soll Attila um Hilfe gebeten haben.
- 92. Attila deutete diese Bitte als Heiratsangebot.
- 93. Als Mitgift forderte er einen Teil des Weströmischen Reiches.
- 94. Diese Forderung wies der weströmische Kaiserhof zurück.
- 95. Attila nahm die Ablehnung zum Vorwand für einen Krieg.
- 96. Im Jahr 451 fiel er mit einem großen Heer in Gallien ein.
- 97. Sein Heer bestand nicht nur aus Hunnen, sondern aus vielen unterworfenen Völkern.
- 98. Darunter waren auch zahlreiche germanische Krieger, etwa Ostgoten.
- 99. Die hunnischen Heere verwüsteten zahlreiche Städte in Gallien.
- 100. Gegen Attila bildete sich nun ein Bündnis aus Römern und Germanen.
- 101. Der römische Feldherr Aëtius führte dieses Bündnisheer an.
- 102. Aëtius war einer der fähigsten Feldherren des Weströmischen Reiches.
- 103. Er hatte in seiner Jugend selbst längere Zeit unter den Hunnen gelebt.
- 104. Daher kannte er ihre Kampfweise sehr genau.
- 105. An der Seite des Aëtius standen vor allem die Westgoten.
- 106. Die Westgoten wurden von ihrem König Theoderich angeführt.
- 107. Im Jahr 451 kam es zur Entscheidungsschlacht.
- 108. Sie fand auf den sogenannten Katalaunischen Feldern in Gallien statt.
- 109. Diese Schlacht war eine der größten der gesamten Spätantike.
- 110. Sie endete blutig und ohne einen klaren Sieger.
- 111. Der Westgotenkönig Theoderich fiel im Verlauf der Schlacht.
- 112. Attila zog sich nach der Schlacht mit seinem Heer zurück.
- 113. Damit war seine bisherige Unbesiegbarkeit gebrochen.
- 114. Zum ersten Mal hatte Attila einen Feldzug nicht siegreich beendet.
- 115. Doch das Hunnenreich war damit noch nicht entscheidend geschwächt.
- 116. Bereits im folgenden Jahr unternahm Attila einen neuen Feldzug.
- 117. Im Jahr 452 fiel er in Italien ein.
- 118. Sein Heer verwüstete den Norden der Halbinsel.
- 119. Die bedeutende Stadt Aquileia wurde dabei vollständig zerstört.
- 120. Flüchtlinge aus der zerstörten Region suchten Schutz in den Lagunen der Küste.
- 121. Aus diesen Fluchtsiedlungen ging der Überlieferung nach später Venedig hervor.
- 122. Trotz seiner Erfolge zog Attila schließlich aus Italien ab.
- 123. Über die Gründe dieses Abzugs berichten die Quellen unterschiedlich.
- 124. Hunger und Krankheiten hatten das hunnische Heer geschwächt.
- 125. Auch fürchtete Attila möglicherweise das Eingreifen oströmischer Truppen.
- 126. Die Überlieferung nennt zudem eine Begegnung mit dem römischen Bischof.
- 127. Papst Leo der Erste soll Attila persönlich zum Abzug bewogen haben.
- 128. Wie groß der Einfluss dieser Begegnung wirklich war, lässt sich nicht sicher sagen.
- 129. Wahrscheinlich gaben mehrere Gründe gemeinsam den Ausschlag.
- 130. Attila kehrte schließlich in das Karpatenbecken zurück.
- 131. Im Jahr 453 starb Attila völlig unerwartet.
- 132. Nach der Überlieferung verstarb er in der Nacht nach seiner Hochzeit.
- 133. Er soll an einem Blutsturz erstickt sein.
- 134. Sein plötzlicher Tod hatte gewaltige Folgen für das Hunnenreich.
- 135. Das Reich der Hunnen beruhte ganz auf der Person Attilas.
- 136. Nach seinem Tod stritten seine Söhne um die Nachfolge.
- 137. Sie konnten sich nicht auf eine gemeinsame Herrschaft einigen.
- 138. Sie teilten das Reich und die unterworfenen Völker unter sich auf.
- 139. Diese Uneinigkeit schwächte das Hunnenreich entscheidend.
- 140. Die unterworfenen germanischen Völker nutzten diese Schwäche aus.
- 141. Unter Führung der Gepiden erhoben sie sich gegen die Hunnen.
- 142. Um das Jahr 454 kam es zur entscheidenden Schlacht.
- 143. Diese Schlacht fand am Fluss Nedao statt, vermutlich in Pannonien.
- 144. In dieser Schlacht wurden die Hunnen vernichtend geschlagen.
- 145. Einer von Attilas Söhnen fiel im Kampf.
- 146. Die Macht der Hunnen im Karpatenbecken war damit gebrochen.
- 147. Die Reste der Hunnen zogen sich nach Osten zurück.
- 148. Als geschlossenes Volk verschwanden die Hunnen bald aus der Geschichte.
- 149. Das Hunnenreich hatte somit kaum länger als eine Generation Bestand.
- 150. Im Karpatenbecken entstand nach den Hunnen eine neue Ordnung.
- 151. Verschiedene germanische Völker teilten sich nun die Herrschaft.
- 152. Die Gepiden gewannen die Kontrolle über große Teile des Beckens.
- 153. Auch die Ostgoten siedelten für einige Zeit in Pannonien.
- 154. Damit blieb das Gebiet weiterhin ein Schauplatz wechselnder Mächte.
- 155. Die Hunnen hatten die politische Landkarte Mitteleuropas tiefgreifend verändert.
- 156. Sie hatten zur endgültigen Zerstörung der römischen Ordnung im Donauraum beigetragen.
- 157. Die Provinz Pannonia war unter dem Druck der Völkerwanderung zerfallen.
- 158. Eine römische Verwaltung gab es dort faktisch nicht mehr.
- 159. An ihre Stelle traten Herrschaften wechselnder Stämme und Völker.
- 160. Die Erinnerung an Attila blieb in Europa über die Jahrhunderte lebendig.
- 161. In der westlichen Überlieferung wurde er zum Sinnbild des grausamen Eroberers.
- 162. Ihm wurde der Beiname Geißel Gottes zugeschrieben.
- 163. Dieser Beiname deutete seine Verwüstungen als göttliche Strafe.
- 164. In der germanischen Heldensage erscheint Attila in anderem Licht.
- 165. Dort tritt er unter dem Namen Etzel auf.
- 166. In der Sage wird Etzel als mächtiger, aber nicht durchweg böser König geschildert.
- 167. Auch im berühmten Nibelungenlied spielt der Hunnenkönig eine wichtige Rolle.
- 168. Besonders bedeutsam ist die Rolle Attilas in der ungarischen Überlieferung.
- 169. Mittelalterliche ungarische Chronisten stellten eine Verbindung zwischen Hunnen und Ungarn her.
- 170. Sie behaupteten, die Ungarn seien Nachkommen der Hunnen.
- 171. Attila galt nach dieser Vorstellung als ein Vorfahr der ungarischen Fürsten.
- 172. Auf diese Weise sollte die spätere Landnahme der Ungarn gerechtfertigt werden.
- 173. Die Ungarn erschienen so als rechtmäßige Erben des Hunnenreiches.
- 174. Die moderne Forschung hat diese Abstammungslehre jedoch widerlegt.
- 175. Zwischen den Hunnen des 5. Jahrhunderts und den Ungarn besteht kein nachweisbarer Zusammenhang.
- 176. Die Ungarn erreichten das Karpatenbecken erst rund vierhundert Jahre nach Attila.
- 177. Die Hunnen-Sage bleibt dennoch ein wichtiger Teil der ungarischen Geschichtskultur.
- 178. Sie zeigt, wie stark die Erinnerung an Attila bis heute nachwirkt.
- 179. Mit dem Untergang des Hunnenreiches begann für Pannonien eine neue Epoche.
- 180. Der endgültige Zusammenbruch der römischen Provinz bildet das nächste Kapitel dieser Darstellung.
Der Zusammenbruch der Provinz Pannonia: Das Ende der römischen Herrschaft
[Bearbeiten]- 1. Die römische Herrschaft über Pannonia endete nicht durch ein einziges, klar datierbares Ereignis.
- 2. Sie zerfiel vielmehr in einem langen, schleichenden Prozess über mehrere Jahrzehnte.
- 3. Pannonia war jene römische Provinz, die das heutige Westungarn und angrenzende Gebiete umfasste.
- 4. Über Jahrhunderte hatte sie als befestigte Grenzregion des Reiches gedient.
- 5. Im 5. Jahrhundert jedoch löste sich die römische Ordnung dort endgültig auf.
- 6. Um diesen Zusammenbruch zu verstehen, muss man die Lage der Provinz betrachten.
- 7. Pannonia lag an der Donau, einer der wichtigsten Grenzen des Reiches.
- 8. Diese Grenze war zugleich eine Schwachstelle, weil hinter ihr feindliche Völker lebten.
- 9. Eine Grenzprovinz wie Pannonia war daher stets besonders gefährdet.
- 10. Schon im 3. Jahrhundert hatte die Provinz unter germanischen Einfällen gelitten.
- 11. Während der Reichskrise war Pannonia wiederholt verwüstet worden.
- 12. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage zunächst wieder.
- 13. Mehrere Kaiser aus dem Donauraum sicherten die Grenze erneut.
- 14. Auch die Reformen des Kaisers Diokletian stärkten die Provinz für einige Zeit.
- 15. Diokletian teilte das große Pannonia in mehrere kleinere Provinzen auf.
- 16. Kleinere Provinzen ließen sich leichter verwalten und verteidigen.
- 17. Im 4. Jahrhundert erlebte Pannonia daher noch einmal eine Phase relativer Sicherheit.
- 18. Die Kaiser ließen die Festungen am Limes ausbessern und verstärken.
- 19. Der Limes war die befestigte Grenzlinie entlang der Donau.
- 20. Auch einzelne Städte der Provinz wurden in dieser Zeit noch gefördert.
- 21. Mehrere spätrömische Kaiser hielten sich zeitweise in pannonischen Städten auf.
- 22. Die Stadt Sirmium an der Save war ein bedeutendes Zentrum der Region.
- 23. Sirmium diente zeitweise sogar als eine der Residenzstädte des Reiches.
- 24. Damit lag Pannonia im 4. Jahrhundert keineswegs am Rand des Geschehens.
- 25. Dennoch zeigten sich bereits damals die Vorboten des späteren Niedergangs.
- 26. Der Druck der Völker jenseits der Donau nahm beständig zu.
- 27. Die entscheidende Wende brachte das Erscheinen der Hunnen.
- 28. Um das Jahr 375 erreichten die Hunnen den Raum nördlich des Schwarzen Meeres.
- 29. Ihr Vorstoß setzte zahlreiche andere Völker in Bewegung.
- 30. Diese großen Wanderungsbewegungen werden als Völkerwanderung bezeichnet.
- 31. Im Jahr 378 erlitt das römische Heer bei Adrianopel eine schwere Niederlage.
- 32. Diese Niederlage erschütterte die Verteidigungskraft des Reiches nachhaltig.
- 33. Auch der Donauraum geriet in der Folge zunehmend unter Druck.
- 34. Verschiedene Völker zogen plündernd durch die Provinz Pannonia.
- 35. Die römische Verwaltung konnte die Provinz immer schwerer schützen.
- 36. Ein grundlegendes Problem war der Mangel an Truppen.
- 37. Das Reich musste an vielen Grenzen zugleich kämpfen.
- 38. Wurden Truppen an eine Front verlegt, fehlten sie an anderer Stelle.
- 39. Häufig wurden Einheiten aus Pannonia in andere bedrohte Gebiete abgezogen.
- 40. Damit schwand der militärische Schutz der Provinz immer weiter.
- 41. Die verbliebenen Grenztruppen waren oft schlecht versorgt und unterbezahlt.
- 42. Manche Festungen am Limes wurden nur noch von kleinen Mannschaften gehalten.
- 43. Andere Festungen wurden ganz aufgegeben und verfielen.
- 44. Die einst geschlossene Grenzverteidigung löste sich nach und nach auf.
- 45. Auch die Versorgung der Provinz mit Geld und Waren brach zunehmend ein.
- 46. Die Soldzahlungen aus der Reichskasse erreichten Pannonia immer unregelmäßiger.
- 47. Ohne regelmäßigen Sold verloren die Grenztruppen ihre Einsatzbereitschaft.
- 48. Manche Soldaten suchten ihren Lebensunterhalt nun durch Ackerbau zu sichern.
- 49. Die Trennung zwischen Soldat und Bauer verwischte zunehmend.
- 50. Damit war die Provinz immer weniger in der Lage, sich zu verteidigen.
- 51. Eine wichtige Quelle für diese Endzeit Pannoniens ist eine spätantike Lebensbeschreibung.
- 52. Sie schildert das Wirken des heiligen Severin im benachbarten Ufernoricum.
- 53. Diese Schrift verfasste ein Mönch namens Eugippius.
- 54. Sie beschreibt die Auflösung der römischen Ordnung in den Donauprovinzen.
- 55. Die Schilderung lässt sich in Grundzügen auch auf Pannonia übertragen.
- 56. Sie berichtet von ausbleibendem Sold und von der Auflösung der Grenztruppen.
- 57. Sie zeigt, wie die Bevölkerung in wachsender Unsicherheit lebte.
- 58. Solche Quellen vermitteln ein eindrückliches Bild vom Ende der römischen Herrschaft.
- 59. Ein weiterer Faktor des Zusammenbruchs war die Politik des Reiches selbst.
- 60. Das geschwächte Reich konnte fremde Völker nicht mehr fernhalten.
- 61. Daher siedelte es solche Völker zunehmend innerhalb der Grenzen an.
- 62. Im Gegenzug sollten diese Völker das Reich militärisch unterstützen.
- 63. Solche verbündeten Völker wurden als Föderaten bezeichnet.
- 64. Auch in Pannonia siedelten die Römer auf diese Weise fremde Verbände an.
- 65. Diese Föderaten behielten ihre eigenen Anführer und ihre Lebensweise.
- 66. Damit gab es in der Provinz bald Gebiete unter halbselbständiger Fremdherrschaft.
- 67. Die römische Kontrolle über Pannonia war dadurch nur noch eingeschränkt.
- 68. Im frühen 5. Jahrhundert verschärfte sich die Lage weiter.
- 69. Mehrere germanische Völker zogen durch die Donauprovinzen oder siedelten dort.
- 70. Zeitweise hielten sich Westgoten in der Region auf.
- 71. Auch andere Stämme nutzten Pannonia als Durchzugs- oder Siedlungsraum.
- 72. Die römische Verwaltung verlor in vielen Gebieten jede Wirksamkeit.
- 73. In manchen Quellen wird ein bestimmtes Jahr als Wendepunkt genannt.
- 74. Um das Jahr 433 trat das Weströmische Reich Teile Pannoniens förmlich ab.
- 75. Diese Gebiete wurden den Hunnen vertraglich überlassen.
- 76. Damit verzichtete das Reich offiziell auf einen Teil seines alten Bodens.
- 77. Pannonia wurde so in das entstehende Hunnenreich einbezogen.
- 78. Unter hunnischer Oberhoheit blieb von der römischen Ordnung wenig übrig.
- 79. Die Tiefebene der Region diente den Hunnen als Weideland für ihre Pferde.
- 80. Damit lag das ehemalige Pannonia nun im Kernbereich des Hunnenreiches.
- 81. Eine geordnete römische Provinzverwaltung gab es dort nicht mehr.
- 82. Steuern flossen nicht mehr nach Rom, sondern als Tribut an die Hunnen.
- 83. Auch nach dem Tod Attilas kehrte die römische Herrschaft nicht zurück.
- 84. Nach 453 zerfiel das Hunnenreich rasch.
- 85. Die unterworfenen germanischen Völker erhoben sich gegen die Hunnen.
- 86. In der Schlacht am Fluss Nedao wurden die Hunnen geschlagen.
- 87. Diese Schlacht fand vermutlich auf pannonischem Boden statt.
- 88. Nach dem Sieg teilten die siegreichen Völker das Karpatenbecken unter sich auf.
- 89. Verschiedene germanische Stämme übernahmen nun die Herrschaft in der Region.
- 90. Die Gepiden gewannen die Kontrolle über große Teile des östlichen Beckens.
- 91. Die Ostgoten siedelten für einige Jahrzehnte in Pannonien selbst.
- 92. Das Oströmische Reich erkannte diese Ostgoten als Föderaten an.
- 93. Damit blieb formal ein gewisser Bezug zum Römischen Reich bestehen.
- 94. In Wahrheit aber regierten in Pannonia germanische Könige.
- 95. Eine römische Provinz im eigentlichen Sinn existierte nicht mehr.
- 96. Im Jahr 476 endete schließlich auch das Weströmische Reich selbst.
- 97. In diesem Jahr wurde der letzte weströmische Kaiser abgesetzt.
- 98. Damit verschwand jene Macht, der Pannonia einst unterstanden hatte.
- 99. Für die Provinz selbst änderte dieses Ereignis kaum noch etwas.
- 100. Die römische Herrschaft war dort schon lange zuvor erloschen.
- 101. Der Zusammenbruch Pannoniens war somit Teil eines größeren Vorgangs.
- 102. Er gehörte zum allgemeinen Untergang des Weströmischen Reiches.
- 103. Besonders aufschlussreich ist das Schicksal der Bevölkerung Pannoniens.
- 104. Die Frage, was aus den Bewohnern der Provinz wurde, ist viel diskutiert.
- 105. Ein Teil der Bevölkerung verließ die unsicheren Gebiete und floh.
- 106. Diese Flüchtlinge zogen in besser geschützte Regionen des Reiches.
- 107. Manche suchten Zuflucht in Italien oder in den Küstenstädten.
- 108. Andere zogen sich in befestigte Orte oder schwer zugängliche Gegenden zurück.
- 109. Ein Teil der Bevölkerung blieb jedoch in der Heimat.
- 110. Diese Menschen arrangierten sich mit den neuen germanischen Herren.
- 111. Die verbliebene römische Bevölkerung wird oft als Romanen bezeichnet.
- 112. Die Romanen behielten zunächst ihre Sprache und ihren Glauben.
- 113. Sie lebten neben den germanischen Neuankömmlingen in derselben Region.
- 114. Über die Generationen vermischten sich beide Gruppen allmählich.
- 115. Die romanische Bevölkerung ging dabei nach und nach in den Neuankömmlingen auf.
- 116. Eine durchgehende romanische Tradition wie in anderen Gebieten entstand in Pannonien nicht.
- 117. Damit unterschied sich Pannonia von Provinzen wie Gallien oder Spanien.
- 118. Dort lebte die romanische Bevölkerung in großer Zahl fort.
- 119. In Pannonien hingegen riss die römische Kontinuität weitgehend ab.
- 120. Auch das Schicksal der Städte verdeutlicht den Niedergang.
- 121. Viele Städte Pannoniens schrumpften im 5. Jahrhundert stark.
- 122. Die Bevölkerungszahl der Städte ging deutlich zurück.
- 123. Öffentliche Gebäude verfielen oder wurden anders genutzt.
- 124. Manche Bewohner errichteten einfache Hütten zwischen den alten Ruinen.
- 125. Steine alter Bauten wurden für neue, bescheidenere Zwecke wiederverwendet.
- 126. Das städtische Leben der römischen Zeit erlosch fast vollständig.
- 127. Auch das gut ausgebaute Straßennetz verlor seine Bedeutung.
- 128. Ohne staatliche Pflege verfielen die Straßen allmählich.
- 129. Der Fernhandel, der einst durch die Provinz führte, brach weitgehend zusammen.
- 130. Die Wirtschaft zog sich auf kleine, örtliche Kreisläufe zurück.
- 131. Geld verlor seine Bedeutung, der Tausch von Waren trat an seine Stelle.
- 132. Die Lebensverhältnisse vereinfachten sich in vielen Bereichen.
- 133. Auch in religiöser Hinsicht veränderte sich die Provinz.
- 134. Im 4. Jahrhundert hatte sich das Christentum in Pannonia ausgebreitet.
- 135. Es gab Bischöfe, Kirchen und christliche Gemeinden.
- 136. Mit dem Zerfall der römischen Ordnung gerieten diese Strukturen in Bedrängnis.
- 137. Manche Gemeinden lösten sich auf, Bischofssitze wurden verlassen.
- 138. Christliche Reste hielten sich dennoch teilweise unter den verbliebenen Romanen.
- 139. Die neu eingewanderten Germanen hingen oft anderen Glaubensformen an.
- 140. Viele germanische Völker waren Anhänger des arianischen Christentums.
- 141. Der Arianismus galt der römischen Reichskirche als Irrglaube.
- 142. So entstand auch in religiöser Hinsicht ein Gegensatz in der Region.
- 143. Insgesamt zeigt sich in Pannonien ein tiefgreifender Bruch.
- 144. Die antike, römisch geprägte Welt verschwand fast völlig.
- 145. An ihre Stelle traten neue, einfachere Lebensformen.
- 146. Die Forschung diskutiert seit langem über die Gründe dieses Zusammenbruchs.
- 147. Einigkeit besteht darin, dass viele Ursachen zusammenwirkten.
- 148. Der Druck der Völkerwanderung war eine wesentliche Ursache.
- 149. Hinzu kam die innere Schwäche des Weströmischen Reiches.
- 150. Auch der Abzug der Truppen schwächte die Provinz entscheidend.
- 151. Schließlich trug der Zusammenbruch der Wirtschaft zum Niedergang bei.
- 152. Keine dieser Ursachen allein erklärt das Ende der Provinz.
- 153. Erst ihr Zusammenwirken führte zum vollständigen Zusammenbruch.
- 154. Umstritten ist auch, wie abrupt dieses Ende verlief.
- 155. Manche Forscher betonen den Bruch und das rasche Ende der römischen Welt.
- 156. Andere heben langsame Übergänge und gewisse Kontinuitäten hervor.
- 157. Einzelne Elemente der römischen Kultur überdauerten den Zusammenbruch.
- 158. So blieben etwa Ortsnamen oder einzelne Bauwerke teilweise erhalten.
- 159. Im Großen und Ganzen aber endete die römische Epoche Pannoniens.
- 160. Mit dem 5. Jahrhundert schloss sich somit ein langes Kapitel.
- 161. Pannonia war fast fünf Jahrhunderte lang Teil des Römischen Reiches gewesen.
- 162. In dieser Zeit hatte die Provinz Städte, Straßen und eine eigene Kultur entwickelt.
- 163. All dies versank nun weitgehend in den Stürmen der Völkerwanderung.
- 164. Das Karpatenbecken trat damit in eine neue geschichtliche Epoche ein.
- 165. Diese Epoche wird als Frühmittelalter bezeichnet.
- 166. Das Frühmittelalter war eine Zeit wechselnder Völker und Herrschaften.
- 167. Nach den Ostgoten zogen weitere Völker in das Karpatenbecken.
- 168. Die Langobarden gewannen für einige Zeit die Vorherrschaft in Pannonien.
- 169. Bald darauf erschien ein neues Reitervolk aus dem Osten.
- 170. Dieses Volk waren die Awaren, die das Becken über zwei Jahrhunderte beherrschten.
- 171. Mit den Awaren begann ein neuer Abschnitt der Geschichte des Raumes.
- 172. Von der römischen Provinz Pannonia blieb da nur noch die Erinnerung.
- 173. Der Name Pannonien aber überdauerte den Untergang der Provinz.
- 174. Er wurde noch lange als Bezeichnung für die Region verwendet.
- 175. So erinnerte der Name an die einstige römische Vergangenheit des Gebiets.
- 176. Der Zusammenbruch Pannoniens markiert das Ende der Antike im Karpatenbecken.
- 177. Zugleich bildet er den Auftakt zu den dunklen Jahrhunderten des Frühmittelalters.
- 178. Über diese Jahrhunderte sind die Quellen oft spärlich und lückenhaft.
- 179. Umso wichtiger werden für sie die Ergebnisse der archäologischen Forschung.
- 180. Die folgende Darstellung wendet sich der Zeit nach dem Ende Roms zu.
Nach Rom: Neue Machthaber und Machtvakuum in Pannonien
[Bearbeiten]- 1. Mit dem Ende der römischen Herrschaft begann für Pannonien eine unruhige Übergangszeit.
- 2. Pannonien war jene Region, die das heutige Westungarn und angrenzende Gebiete umfasste.
- 3. Über Jahrhunderte war sie eine geordnete Provinz des Römischen Reiches gewesen.
- 4. Im 5. Jahrhundert jedoch zerfiel diese römische Ordnung vollständig.
- 5. An ihre Stelle trat zunächst kein neues, festes Herrschaftsgefüge.
- 6. Stattdessen folgte eine Epoche rasch wechselnder Mächte und Völker.
- 7. Diese Zeit lässt sich treffend als ein Machtvakuum beschreiben.
- 8. Ein Machtvakuum bezeichnet einen Zustand fehlender, dauerhafter Herrschaft.
- 9. In einem solchen Zustand ringen verschiedene Kräfte um die Vorherrschaft.
- 10. Genau dies geschah im Karpatenbecken nach dem Ende Roms.
- 11. Um diese Epoche zu verstehen, muss man das Hunnenreich als Ausgangspunkt nehmen.
- 12. Im 5. Jahrhundert hatte das Hunnenreich weite Teile des Beckens beherrscht.
- 13. Unter König Attila war dieses Reich auf seinem Höhepunkt gewesen.
- 14. Im Jahr 453 jedoch starb Attila völlig unerwartet.
- 15. Sein Tod entzog dem Hunnenreich seine entscheidende Stütze.
- 16. Das Reich beruhte ganz auf der Person seines mächtigen Königs.
- 17. Attilas Söhne stritten nach seinem Tod um die Nachfolge.
- 18. Sie konnten sich nicht auf eine gemeinsame Herrschaft einigen.
- 19. Diese innere Uneinigkeit schwächte das Hunnenreich entscheidend.
- 20. Die unterworfenen germanischen Völker erkannten ihre Chance.
- 21. Sie wollten die hunnische Oberherrschaft abschütteln.
- 22. Den Aufstand gegen die Hunnen führten vor allem die Gepiden an.
- 23. Die Gepiden waren ein ostgermanisches Volk im Karpatenbecken.
- 24. Um das Jahr 454 kam es zur Entscheidungsschlacht.
- 25. Diese Schlacht fand am Fluss Nedao statt, wohl auf pannonischem Boden.
- 26. In dieser Schlacht wurden die Hunnen vernichtend geschlagen.
- 27. Einer von Attilas Söhnen fiel im Kampf.
- 28. Mit dieser Niederlage endete die Macht der Hunnen im Karpatenbecken.
- 29. Die Reste der Hunnen zogen sich nach Osten zurück.
- 30. Als geschlossenes Volk verschwanden die Hunnen bald aus der Geschichte.
- 31. Nach dem Sieg teilten die siegreichen Völker das Becken unter sich auf.
- 32. Damit begann die Epoche der germanischen Königreiche in Pannonien.
- 33. Die Gepiden gewannen die Herrschaft über große Teile des östlichen Beckens.
- 34. Ihr Schwerpunkt lag im Gebiet östlich der Theiß.
- 35. Die Ostgoten siedelten sich vor allem im westlichen Pannonien an.
- 36. Damit teilten sich zwei germanische Völker den einstigen römischen Raum.
- 37. Beide Völker waren zuvor dem Hunnenreich unterworfen gewesen.
- 38. Nun traten sie als eigenständige Mächte hervor.
- 39. Das Oströmische Reich versuchte, auf diese Lage Einfluss zu nehmen.
- 40. Das Weströmische Reich war zu schwach, um in der Region zu handeln.
- 41. Im Jahr 476 ging es vollständig unter.
- 42. Damit lag die Verantwortung für den Donauraum allein beim Oströmischen Reich.
- 43. Das Oströmische Reich hatte seine Hauptstadt in Konstantinopel.
- 44. Es wird in der Forschung auch als Byzantinisches Reich bezeichnet.
- 45. Byzanz besaß jedoch keine Kraft, Pannonien militärisch zurückzuerobern.
- 46. Daher griff es zu einem bewährten Mittel der römischen Politik.
- 47. Es schloss Verträge mit den germanischen Völkern ab.
- 48. In solchen Verträgen erkannte Byzanz die Völker als Verbündete an.
- 49. Solche verbündeten Völker wurden als Föderaten bezeichnet.
- 50. Die Föderaten erhielten Land und oft auch Geldzahlungen.
- 51. Im Gegenzug verpflichteten sie sich zu militärischer Hilfe.
- 52. Auf diese Weise band Byzanz die Ostgoten an sich.
- 53. Die Ostgoten siedelten als Föderaten in Pannonien.
- 54. Damit blieb ein formaler Bezug zum Römischen Reich erhalten.
- 55. In Wahrheit aber regierten in Pannonien eigene germanische Könige.
- 56. Die Ostgoten standen in dieser Zeit unter dem Geschlecht der Amaler.
- 57. Aus diesem Geschlecht stammte ihr berühmtester König.
- 58. Dieser König trug den Namen Theoderich.
- 59. Theoderich verbrachte einen Teil seiner Jugend als Geisel in Konstantinopel.
- 60. Dort lernte er die römische Welt und ihre Politik kennen.
- 61. Später führte er sein Volk aus Pannonien fort.
- 62. Im Jahr 488 brach Theoderich mit den Ostgoten nach Italien auf.
- 63. Im Auftrag des oströmischen Kaisers sollte er dort die Herrschaft übernehmen.
- 64. Theoderich gründete in Italien ein bedeutendes Ostgotenreich.
- 65. Mit dem Abzug der Ostgoten verloren sie ihre Stellung in Pannonien.
- 66. In der Region entstand dadurch erneut ein Machtvakuum.
- 67. Verschiedene kleinere Völker rückten nun nach.
- 68. Auch Reste anderer Stämme bewegten sich durch das Becken.
- 69. Pannonien blieb somit ein Raum ständiger Bewegung.
- 70. Die Gepiden konnten ihre Stellung in dieser Zeit ausbauen.
- 71. Sie dehnten ihren Einfluss auf weite Teile des Beckens aus.
- 72. Zeitweise kontrollierten die Gepiden auch die alte Stadt Sirmium.
- 73. Sirmium war einst eine wichtige römische Residenzstadt gewesen.
- 74. Ihr Besitz verlieh den Gepiden hohes Ansehen.
- 75. Bald jedoch erschien ein neuer Gegner der Gepiden.
- 76. Aus dem Westen rückten die Langobarden in den Donauraum vor.
- 77. Die Langobarden waren ebenfalls ein germanisches Volk.
- 78. Sie siedelten sich im 6. Jahrhundert in Pannonien an.
- 79. Zwischen Langobarden und Gepiden entstand eine erbitterte Feindschaft.
- 80. Beide Völker kämpften jahrzehntelang um die Vorherrschaft im Becken.
- 81. Das Oströmische Reich nutzte diesen Gegensatz für seine Zwecke.
- 82. Es spielte die beiden Völker geschickt gegeneinander aus.
- 83. Mal unterstützte Byzanz die Langobarden, mal die Gepiden.
- 84. So sollte verhindert werden, dass ein Volk zu mächtig wurde.
- 85. Diese byzantinische Politik verlängerte die Konflikte in der Region.
- 86. Den Ausschlag im Krieg gab schließlich ein neues Volk aus dem Osten.
- 87. Aus den asiatischen Steppen näherte sich ein Reitervolk.
- 88. Dieses Volk waren die Awaren.
- 89. Die Awaren waren berittene Krieger nach Art der früheren Hunnen.
- 90. Sie suchten ein neues Siedlungsgebiet in Mitteleuropa.
- 91. Die Langobarden verbündeten sich mit den Awaren gegen die Gepiden.
- 92. Um das Jahr 567 wurde das Reich der Gepiden vernichtet.
- 93. Damit endete die Geschichte der Gepiden als eigenständige Macht.
- 94. Doch auch die Langobarden konnten ihren Sieg nicht nutzen.
- 95. Sie fürchteten ihre mächtigen neuen Verbündeten, die Awaren.
- 96. Im Jahr 568 verließen die Langobarden Pannonien.
- 97. Sie zogen nach Italien und gründeten dort ein eigenes Königreich.
- 98. Mit dem Abzug der Langobarden endete die germanische Epoche Pannoniens.
- 99. Das Karpatenbecken fiel nun fast vollständig an die Awaren.
- 100. Damit endete eine über hundertjährige Zeit wechselnder Herrschaften.
- 101. Die Zeit zwischen Hunnen und Awaren war von ständigem Wandel geprägt.
- 102. Innerhalb weniger Generationen hatten zahlreiche Völker das Becken beherrscht.
- 103. Auf die Hunnen folgten Gepiden, Ostgoten und Langobarden.
- 104. Keines dieser Völker schuf eine dauerhafte Ordnung.
- 105. Erst die Awaren begründeten wieder eine längerfristige Herrschaft.
- 106. Es lohnt sich, die Lebensverhältnisse dieser Übergangszeit zu betrachten.
- 107. Für die Bevölkerung Pannoniens war es eine Zeit großer Unsicherheit.
- 108. Kriege und Plünderungen gehörten zum Alltag.
- 109. Die Grenzen der Herrschaftsgebiete verschoben sich häufig.
- 110. Wer heute Herr war, konnte morgen schon besiegt sein.
- 111. Unter diesen Bedingungen war geordnetes Wirtschaften kaum möglich.
- 112. Die alte römische Bevölkerung hatte sich stark verringert.
- 113. Viele Romanen waren geflohen oder in den Wirren umgekommen.
- 114. Die verbliebenen Romanen lebten neben den germanischen Neuankömmlingen.
- 115. Über die Generationen vermischten sich beide Gruppen allmählich.
- 116. Eine durchgehende römische Tradition entstand in Pannonien nicht.
- 117. Auch die Städte der römischen Zeit verfielen weiter.
- 118. Viele ehemalige Stadtzentren waren nur noch dünn besiedelt.
- 119. Zwischen den Ruinen entstanden einfache, dörfliche Siedlungen.
- 120. Das städtische Leben der Antike war weitgehend erloschen.
- 121. Die Wirtschaft beschränkte sich auf kleine, örtliche Kreisläufe.
- 122. Ackerbau und Viehzucht sicherten den Lebensunterhalt der meisten Menschen.
- 123. Geld spielte im Alltag nur noch eine geringe Rolle.
- 124. Der Fernhandel der römischen Zeit war weitgehend zusammengebrochen.
- 125. Auch das einst gepflegte Straßennetz verfiel zunehmend.
- 126. In dieses Bild fügt sich die Quellenlage dieser Epoche.
- 127. Über die Zeit nach Rom berichten nur wenige schriftliche Quellen.
- 128. Die meisten Berichte stammen von Autoren außerhalb der Region.
- 129. Byzantinische Geschichtsschreiber liefern wichtige Hinweise.
- 130. Auch eine Geschichte der Goten und eine Geschichte der Langobarden sind erhalten.
- 131. Diese Werke wurden jedoch erst später und mit eigener Absicht verfasst.
- 132. Sie müssen daher kritisch ausgewertet werden.
- 133. Für die Bevölkerung Pannoniens selbst gibt es kaum eigene Zeugnisse.
- 134. Umso wichtiger werden die Ergebnisse der archäologischen Forschung.
- 135. Gräberfelder dieser Zeit liefern aufschlussreiche Funde.
- 136. Aus Grabbeigaben lassen sich Herkunft und Lebensweise erschließen.
- 137. Waffen, Schmuck und Trachtbestandteile geben Hinweise auf einzelne Völker.
- 138. So lassen sich gepidische, ostgotische und langobardische Spuren unterscheiden.
- 139. Die Archäologie ergänzt damit die spärlichen schriftlichen Quellen.
- 140. Sie zeigt das Karpatenbecken als einen Raum mit gemischter Bevölkerung.
- 141. Verschiedene Völker lebten dort neben- und miteinander.
- 142. Ein einheitliches Volk Pannoniens gab es in dieser Zeit nicht.
- 143. Die Forschung diskutiert die Deutung dieser Epoche bis heute.
- 144. Strittig ist, wie tief der Bruch mit der römischen Zeit wirklich war.
- 145. Manche Forscher betonen den vollständigen Untergang der antiken Welt.
- 146. Andere heben einzelne Kontinuitäten und langsame Übergänge hervor.
- 147. Einzelne Elemente der römischen Kultur überdauerten den Umbruch.
- 148. So blieben manche Ortsnamen und einzelne Bauwerke erhalten.
- 149. Im Großen und Ganzen aber begann eine neue geschichtliche Epoche.
- 150. Diese Epoche wird als Frühmittelalter bezeichnet.
- 151. Für Pannonien war das Frühmittelalter eine besonders bewegte Zeit.
- 152. Die Lage an der Donau machte das Becken zu einem Durchgangsraum.
- 153. Wandernde Völker zogen immer wieder durch die Region.
- 154. Die geographische Lage Pannoniens prägte somit sein Schicksal.
- 155. Das Becken war von fruchtbarem Land und weiten Ebenen geprägt.
- 156. Solche Ebenen waren für Reitervölker besonders anziehend.
- 157. Daher zog das Becken Steppenvölker geradezu an.
- 158. Nach den Hunnen sollten weitere Reitervölker folgen.
- 159. Die Awaren waren das nächste dieser Völker.
- 160. Auch die späteren Ungarn gehörten zu dieser Reihe.
- 161. Das Machtvakuum nach Rom war somit kein Dauerzustand.
- 162. Es wurde durch immer neue Völker vorübergehend ausgefüllt.
- 163. Doch keine Herrschaft erwies sich als endgültig.
- 164. Erst sehr viel später entstand im Becken eine dauerhafte Ordnung.
- 165. Diese dauerhafte Ordnung begründeten schließlich die Ungarn.
- 166. Bis dahin aber blieb Pannonien ein Raum des Wandels.
- 167. Die Zeit nach Rom war geprägt von Unsicherheit und Bewegung.
- 168. Sie brachte den Niedergang der antiken Lebensformen.
- 169. Zugleich legte sie den Grund für eine neue Welt.
- 170. Aus römischen Resten und germanischen Einflüssen entstand etwas Neues.
- 171. Diese neue Welt war einfacher und kriegerischer als die römische.
- 172. Sie war zugleich offen für die Einflüsse der Steppenvölker.
- 173. Das Karpatenbecken wurde so zu einem Treffpunkt der Kulturen.
- 174. Hier begegneten sich die Welt Roms, Germaniens und der Steppe.
- 175. Diese Vielfalt prägte die weitere Geschichte des Raumes.
- 176. Mit dem Eintreffen der Awaren begann ein neuer Abschnitt.
- 177. Die Awaren beherrschten das Becken über zwei Jahrhunderte lang.
- 178. Sie schufen erstmals nach Rom wieder eine längerfristige Herrschaft.
- 179. Damit endete die Zeit des reinen Machtvakuums in Pannonien.
Die Transformation: Vom römischen zum frühmittelalterlichen Pannonien
[Bearbeiten]- 1. Der Übergang von der römischen Antike zum Frühmittelalter war für Pannonien ein tiefgreifender Wandel.
- 2. Pannonien bezeichnet jene Region, die das heutige Westungarn und angrenzende Gebiete umfasste.
- 3. Über Jahrhunderte war sie eine wohlgeordnete Provinz des Römischen Reiches gewesen.
- 4. Am Ende dieser Entwicklung stand eine völlig veränderte Welt.
- 5. Diesen Vorgang des grundlegenden Wandels bezeichnet die Forschung als Transformation.
- 6. Der Begriff Transformation betont den Wandel ebenso wie das Fortbestehen einzelner Elemente.
- 7. Er steht im Gegensatz zu Begriffen, die nur den Untergang betonen.
- 8. Die ältere Forschung sprach häufig vom Untergang oder Fall Roms.
- 9. Sie verstand das Ende der Antike als plötzliche Katastrophe.
- 10. Die neuere Forschung sieht den Vorgang differenzierter.
- 11. Sie betont, dass der Wandel sich über lange Zeiträume erstreckte.
- 12. Manches verschwand, anderes wandelte sich, einzelnes blieb bestehen.
- 13. Diese Sichtweise lässt sich auch auf Pannonien anwenden.
- 14. Um die Transformation zu verstehen, muss man den Ausgangszustand betrachten.
- 15. Im 4. Jahrhundert war Pannonien eine geordnete römische Provinz.
- 16. Es gab Städte, Straßen und eine ausgebaute Verwaltung.
- 17. Eine Grenzlinie, der Limes, schützte das Gebiet entlang der Donau.
- 18. Die Wirtschaft beruhte auf Geldverkehr, Handel und Landwirtschaft.
- 19. Das Christentum hatte sich als Religion ausgebreitet.
- 20. Dieses geordnete Gefüge zerfiel im 5. Jahrhundert vollständig.
- 21. Am Ende der Transformation stand eine grundlegend andere Welt.
- 22. Diese neue Welt war einfacher, ländlicher und kriegerischer.
- 23. Der Wandel betraf alle Bereiche des Lebens.
- 24. Besonders deutlich zeigt er sich an den Städten.
- 25. Die römische Welt war in hohem Maße eine Welt der Städte gewesen.
- 26. Städte waren Zentren von Verwaltung, Handel und Kultur.
- 27. Im 5. Jahrhundert verloren die Städte Pannoniens ihre Bedeutung.
- 28. Ihre Einwohnerzahl ging stark zurück.
- 29. Öffentliche Gebäude verfielen oder wurden anders genutzt.
- 30. Manche Bewohner errichteten einfache Hütten zwischen den alten Ruinen.
- 31. Steine römischer Bauten wurden für bescheidenere Zwecke wiederverwendet.
- 32. Das städtische Leben der Antike erlosch fast vollständig.
- 33. An die Stelle der Städte traten ländliche Siedlungen.
- 34. Die Menschen lebten nun überwiegend in kleinen Dörfern.
- 35. Damit verschob sich der Schwerpunkt des Lebens auf das Land.
- 36. Auch die Wirtschaft veränderte sich grundlegend.
- 37. Die römische Wirtschaft hatte auf Geld und Fernhandel beruht.
- 38. Beides verlor in der Transformation seine Bedeutung.
- 39. Münzen wurden seltener und seltener verwendet.
- 40. An die Stelle des Geldes trat oft der unmittelbare Tausch von Waren.
- 41. Diese Wirtschaftsform wird als Naturalwirtschaft bezeichnet.
- 42. Der Fernhandel der römischen Zeit brach weitgehend zusammen.
- 43. Die Wirtschaft beschränkte sich auf kleine, örtliche Kreisläufe.
- 44. Jede Siedlung musste sich weitgehend selbst versorgen.
- 45. Ackerbau und Viehzucht bildeten die Grundlage des Lebens.
- 46. Handwerk wurde meist nur noch für den örtlichen Bedarf betrieben.
- 47. Auch das Straßennetz der Römer verfiel zunehmend.
- 48. Ohne staatliche Pflege verloren die Straßen ihre Qualität.
- 49. Damit erschwerte sich der Verkehr zwischen den Regionen.
- 50. Der Niedergang der Infrastruktur verstärkte die wirtschaftliche Vereinfachung.
- 51. Ein weiterer Bereich des Wandels war die Herrschaftsordnung.
- 52. Die römische Verwaltung war stark gegliedert und schriftlich organisiert gewesen.
- 53. Beamte, Steuern und Gesetze hatten das Leben geordnet.
- 54. Diese Verwaltung verschwand mit dem Ende der römischen Herrschaft.
- 55. An ihre Stelle traten einfachere Herrschaftsformen.
- 56. Die neuen Herren waren germanische Könige und ihre Gefolgschaften.
- 57. Ihre Herrschaft beruhte auf persönlicher Bindung und Treue.
- 58. Eine schriftliche Verwaltung kannten diese Herrschaften kaum.
- 59. Das Recht beruhte stärker auf mündlicher Überlieferung und Gewohnheit.
- 60. Damit wandelte sich die Grundlage von Herrschaft und Ordnung.
- 61. Auch die Bevölkerung Pannoniens veränderte sich grundlegend.
- 62. Die römische Bevölkerung hatte sich stark verringert.
- 63. Viele Romanen waren geflohen oder in den Wirren umgekommen.
- 64. Romanen sind die verbliebenen Bewohner römischer Herkunft.
- 65. Zu ihnen kamen zahlreiche neue Völker in das Becken.
- 66. Nacheinander siedelten Hunnen, Gepiden, Ostgoten und Langobarden dort.
- 67. Schließlich übernahmen die Awaren die Herrschaft über das Becken.
- 68. Die Bevölkerung Pannoniens wurde dadurch zu einem Gemisch vieler Gruppen.
- 69. Über die Generationen vermischten sich diese Gruppen allmählich.
- 70. Die romanische Bevölkerung ging dabei nach und nach in den Neuankömmlingen auf.
- 71. Eine durchgehende römische Tradition entstand in Pannonien nicht.
- 72. Darin unterschied sich Pannonien von Gallien oder Spanien.
- 73. Dort lebte die romanische Bevölkerung in großer Zahl fort.
- 74. In Pannonien hingegen riss die römische Kontinuität weitgehend ab.
- 75. Auch die Sprache der Region veränderte sich dadurch.
- 76. Das Lateinische verlor in Pannonien seine Stellung als Alltagssprache.
- 77. An seine Stelle traten die Sprachen der neuen Völker.
- 78. Damit verschwand ein wichtiges Erbe der römischen Zeit.
- 79. Ein weiterer Bereich des Wandels war die Religion.
- 80. Im 4. Jahrhundert hatte sich das Christentum in Pannonien ausgebreitet.
- 81. Es gab Bischöfe, Kirchen und feste christliche Gemeinden.
- 82. Mit dem Zerfall der römischen Ordnung gerieten diese Strukturen in Bedrängnis.
- 83. Manche Gemeinden lösten sich auf, Bischofssitze wurden verlassen.
- 84. Reste des Christentums hielten sich dennoch unter den verbliebenen Romanen.
- 85. Die neu eingewanderten Völker hingen oft anderen Glaubensformen an.
- 86. Manche germanische Völker waren Anhänger des arianischen Christentums.
- 87. Der Arianismus galt der römischen Reichskirche als Irrglaube.
- 88. Die später eintreffenden Awaren waren überwiegend keine Christen.
- 89. Sie folgten den Glaubensvorstellungen der Steppenvölker.
- 90. Damit verlor das Christentum in Pannonien zeitweise an Bedeutung.
- 91. Erst Jahrhunderte später sollte es sich erneut durchsetzen.
- 92. Trotz allen Wandels gab es auch gewisse Kontinuitäten.
- 93. Nicht alles aus der römischen Zeit verschwand spurlos.
- 94. Einige römische Bauwerke wurden weiterhin genutzt.
- 95. Befestigte Orte boten auch späteren Bewohnern Schutz.
- 96. Manche römischen Ortsnamen blieben über die Jahrhunderte erhalten.
- 97. Auch der Name Pannonien selbst überdauerte den Untergang der Provinz.
- 98. Er wurde noch lange als Bezeichnung für die Region verwendet.
- 99. Damit erinnerte der Name an die römische Vergangenheit.
- 100. Auch die alten Verkehrswege wurden teilweise weiter genutzt.
- 101. Selbst verfallene Straßen gaben noch grobe Reiserichtungen vor.
- 102. Solche Kontinuitäten waren jedoch eher Ausnahmen.
- 103. Im Großen und Ganzen überwog der Wandel deutlich.
- 104. Die antike Welt Pannoniens war am Ende fast völlig verschwunden.
- 105. Besonders aufschlussreich ist die Frage nach der Bevölkerungszahl.
- 106. In der römischen Zeit war Pannonien vergleichsweise dicht besiedelt gewesen.
- 107. Im Verlauf der Transformation ging die Bevölkerung deutlich zurück.
- 108. Kriege, Flucht und Seuchen forderten zahlreiche Opfer.
- 109. Ganze Landstriche fielen zeitweise wüst und unbebaut.
- 110. Erst allmählich füllten sich diese Gebiete wieder mit Menschen.
- 111. Die neuen Bewohner brachten andere Lebensformen mit.
- 112. Damit veränderte sich auch das Bild der Landschaft.
- 113. Die Quellenlage erschwert die Erforschung dieser Epoche.
- 114. Über die Transformation Pannoniens berichten nur wenige schriftliche Quellen.
- 115. Die meisten Berichte stammen von Autoren außerhalb der Region.
- 116. Für das Innere Pannoniens fehlen eigene Zeugnisse fast völlig.
- 117. Umso wichtiger werden die Ergebnisse der archäologischen Forschung.
- 118. Die Archäologie untersucht Siedlungen, Gräber und einzelne Funde.
- 119. Aus Grabbeigaben lassen sich Herkunft und Lebensweise erschließen.
- 120. Veränderungen der Sachkultur zeigen den Wandel der Lebensformen.
- 121. So lässt sich der Übergang von der Antike zum Mittelalter nachzeichnen.
- 122. Die Forschung diskutiert die Deutung dieser Epoche bis heute.
- 123. Strittig ist vor allem das Tempo des Wandels.
- 124. Manche Forscher betonen einen raschen und gewaltsamen Bruch.
- 125. Andere heben langsame Übergänge und einzelne Kontinuitäten hervor.
- 126. Wahrscheinlich verlief der Wandel je nach Gebiet unterschiedlich.
- 127. In manchen Regionen brach die römische Ordnung schnell zusammen.
- 128. In anderen hielt sie sich noch einige Zeit länger.
- 129. Auch innerhalb Pannoniens verlief die Transformation ungleichmäßig.
- 130. Der Begriff Transformation trägt dieser Vielfalt Rechnung.
- 131. Er erlaubt es, Bruch und Kontinuität gemeinsam zu betrachten.
- 132. Die Transformation Pannoniens war Teil eines größeren Vorgangs.
- 133. In ganz Europa wandelte sich die antike Welt zum Mittelalter.
- 134. Überall verschwanden Städte, Fernhandel und römische Verwaltung.
- 135. Überall entstanden neue Reiche und einfachere Lebensformen.
- 136. Pannonien war somit kein Einzelfall, sondern ein Beispiel.
- 137. Doch die Region wies auch eigene Besonderheiten auf.
- 138. Pannonien lag an der Donau in einer Grenzlage.
- 139. Diese Lage machte das Becken zu einem Durchgangsraum der Völker.
- 140. Immer wieder zogen wandernde Völker durch die Region.
- 141. Daher war der Wandel in Pannonien besonders heftig.
- 142. Die römische Kontinuität riss hier stärker ab als in anderen Gebieten.
- 143. Zugleich war das Becken offen für Einflüsse aus der Steppe.
- 144. Reitervölker wie Hunnen und Awaren prägten die Region.
- 145. Damit unterschied sich Pannonien vom Westen des einstigen Reiches.
- 146. Im Westen blieb das römische Erbe oft stärker erhalten.
- 147. In Pannonien hingegen mischten sich römische, germanische und steppische Einflüsse.
- 148. Aus dieser Mischung entstand eine eigene frühmittelalterliche Welt.
- 149. Diese Welt war ärmer und einfacher als die römische.
- 150. Sie war zugleich vielfältig und in ständiger Bewegung.
- 151. Das Karpatenbecken wurde so zu einem Treffpunkt der Kulturen.
- 152. Hier begegneten sich die Welt Roms, Germaniens und der Steppe.
- 153. Diese Vielfalt prägte die weitere Geschichte des Raumes.
- 154. Am Ende der Transformation stand das frühmittelalterliche Pannonien.
- 155. Es war eine Welt ohne Städte römischer Prägung.
- 156. Es war eine Welt ohne geordnete Verwaltung und Fernhandel.
- 157. Es war eine ländliche Welt kleiner Siedlungen und Herrschaften.
- 158. Über dieser Welt herrschten zunächst die Awaren.
- 159. Die Awaren beherrschten das Becken über zwei Jahrhunderte lang.
- 160. Ihre Herrschaft bildete den Rahmen des frühen Frühmittelalters.
- 161. Mit der Transformation endete somit endgültig die Antike im Karpatenbecken.
- 162. Eine lange Epoche der Geschichte war damit abgeschlossen.
- 163. Fast fünf Jahrhunderte römischer Geschichte gingen zu Ende.
- 164. Was folgte, war eine Zeit des Neuanfangs unter schwierigen Bedingungen.
- 165. Die Quellen dieser Zeit sind spärlich und oft schwer zu deuten.
- 166. Daher werden diese Jahrhunderte auch als dunkle Jahrhunderte bezeichnet.
- 167. Der Begriff meint vor allem die schlechte Quellenlage.
- 168. Er bedeutet nicht, dass in dieser Zeit nichts geschah.
- 169. Im Gegenteil war es eine Epoche tiefgreifender Veränderungen.
- 170. In dieser Zeit bildeten sich die Grundlagen des mittelalterlichen Europa.
- 171. Auch für Pannonien begann eine neue geschichtliche Epoche.
- 172. Das Becken sollte noch viele weitere Völker aufnehmen.
- 173. Nach den Awaren kamen Slawen und schließlich die Ungarn.
- 174. Erst die Ungarn schufen im Becken eine dauerhafte Ordnung.
- 175. Bis dahin aber blieb Pannonien ein Raum des Wandels.
- 176. Die Transformation der Antike war somit der Auftakt dieser Entwicklung.
- 177. Sie verwandelte die römische Provinz in eine frühmittelalterliche Welt.
- 178. Damit endet die Betrachtung der römischen und spätantiken Epoche.
- 179. Die folgende Darstellung wendet sich dem Frühmittelalter zu.
- 180. Sie beginnt mit der Herrschaft der Awaren im Karpatenbecken.