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Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Das nomadische Leben vor der Landnahme 8

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Die Geschichte Ungarns - 8. - Das nomadische Leben vor der Landnahme
Gesellschaft und Kultur
DIE GESCHICHTE UNGARNS
Frühmittelalter und Ethnogenese

Das nomadische Leben vor der Landnahme: Gesellschaft und Kultur

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1. Bevor die Magyaren das Karpatenbecken eroberten, lebten sie als Nomaden in den Steppen des Ostens.
2. Diese Zeit vor der Landnahme prägte ihr Volk tiefer als jede spätere Epoche.
3. In den weiten Grasländern formte sich jene Lebensweise, die sie nach Europa trugen.
4. Wer die Ungarn verstehen will, muss zuerst diese nomadische Frühzeit betrachten.
5. Denn in ihr wurzeln Gesellschaft, Wirtschaft, Glaube und Kunst des Volkes.
6. Das folgende Kapitel zeichnet das Bild dieser fernen und fremden Welt.
7. Es betrachtet das Leben der Magyaren von mehreren Seiten zugleich.
8. Sechs große Bereiche zusammen ergeben das Gesamtbild dieser Lebensweise.
9. Der erste Bereich ist die soziale Struktur, der Aufbau der Gesellschaft.
10. Die magyarische Gesellschaft war streng nach Rang und Geburt gegliedert.
11. An ihrer Spitze stand ein schmaler Adel aus Fürsten und vornehmen Sippen.
12. Darunter lag die breite Schicht der freien, waffentragenden Krieger.
13. Den Sockel bildete die rechtlose Masse der Unfreien und Sklaven.
14. Diese Dreiteilung in Adel, Freie und Unfreie war typisch für die Steppenvölker.
15. Der zweite Bereich ist die Siedlungsweise und die Beweglichkeit des Volkes.
16. Die Magyaren kannten keine festen Städte, sondern zogen mit ihren Herden umher.
17. Sie wohnten in der Jurte, dem leichten und tragbaren Filzzelt der Steppe.
18. Mehrere Zelte bildeten ein Lager, das den Mittelpunkt des Lebens darstellte.
19. Auf festen Wanderrouten zog man zwischen Sommer- und Winterweiden hin und her.
20. Diese Beweglichkeit war keine Not, sondern eine große Stärke des Reitervolkes.
21. Der dritte Bereich ist die Wirtschaft, die Grundlage der Versorgung.
22. Sie ruhte auf zwei Säulen: der Viehzucht und dem kriegerischen Raubzug.
23. Das wichtigste Tier war das Pferd, das Mittelpunkt des ganzen Lebens.
24. Daneben hielt man große Herden von Rindern, Schafen und Ziegen.
25. Was die Herden nicht hergaben, das holte man sich durch Beute und Handel.
26. So war der Krieg für die Magyaren zugleich eine Form des Wirtschaftens.
27. Der vierte Bereich ist die Religion, der Glaube der heidnischen Magyaren.
28. Ihr Glaube war ein Naturglaube, den man als Schamanismus bezeichnet.
29. Im Mittelpunkt stand der Schamane, bei den Ungarn der táltos genannt.
30. Er galt als Mittler zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister.
31. Eine große Rolle spielte die Verehrung der verstorbenen Ahnen.
32. Die Natur galt als beseelt, und heilige Tiere wie der Turul verbanden Himmel und Volk.
33. Der fünfte Bereich ist das Kunsthandwerk und die materielle Kultur.
34. Die Magyaren waren geschickte Schmiede und kunstfertige Metallhandwerker.
35. Sie schufen treffliche Waffen für den Reiterkrieg und kostbaren Schmuck aus Edelmetall.
36. Ihre Kunst war ganz auf das Tragbare und Kostbare ausgerichtet.
37. Geschwungene Ranken und Tiergestalten zierten ihre kleinen Kunstwerke.
38. Die Funde aus den Gräbern sind das beredteste Zeugnis dieser Kultur.
39. Der sechste Bereich ist die Familie und die Ordnung der Geschlechter.
40. Die Familie bildete den Grundstein, aus dem sich die ganze Gesellschaft aufbaute.
41. Sie war patriarchalisch geprägt, der Mann stand als Oberhaupt an ihrer Spitze.
42. Die Frau herrschte über das Zelt und die häusliche Wirtschaft.
43. Die Abstammung und der Besitz vererbten sich über die väterliche Linie.
44. Über allem wachte die Erinnerung an die gemeinsamen Vorfahren.
45. Diese sechs Bereiche fügen sich zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.
46. Alles war aufeinander bezogen und auf das Leben in der Steppe zugeschnitten.
47. Über diese Frühzeit weiß die Forschung jedoch nur erstaunlich wenig Sicheres.
48. Die Magyaren selbst hinterließen keine Schriften, die Quellen sind spärlich und fremd.
49. Vieles ist daher nur erschlossen, verglichen oder vorsichtig vermutet.
50. Mit dieser Mahnung zur Vorsicht beginnt nun die Betrachtung der einzelnen Bereiche.

Soziale Struktur: Adel, Freie und Unfreie

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1. Die Gesellschaft der Magyaren vor der Landnahme war keine Gemeinschaft von Gleichen, sondern streng nach Rang und Geburt gegliedert.
2. An ihrer Spitze stand ein Adel, darunter standen die freien Männer, und ganz unten lebten die Unfreien.
3. Diese Dreiteilung in Adel, Freie und Unfreie war typisch für viele Steppenvölker jener Zeit.
4. Über die genaue Ausgestaltung dieser Ordnung weiß die Forschung allerdings erstaunlich wenig.
5. Die Magyaren der Steppenzeit hinterließen selbst keine schriftlichen Quellen über ihre eigene Gesellschaft.
6. Was man weiß, stammt aus den Berichten fremder Beobachter und aus Rückschlüssen späterer Verhältnisse.
7. Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse stammen von Byzantinern und arabisch schreibenden Gelehrten.
8. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschrieb die Magyaren im zehnten Jahrhundert.
9. Sein Werk trägt den lateinischen Titel De administrando imperio, was so viel bedeutet wie „Über die Verwaltung des Reiches“.
10. Daneben berichteten muslimische Autoren wie Ibn Rusta und Gardīzī über die Lebensweise der Ungarn.
11. Diese fremden Berichte sind kostbar, aber sie sind auch lückenhaft und oft schwer zu deuten.
12. Vieles über die soziale Struktur muss die Forschung daher erschließen oder vorsichtig vermuten.
13. An der Spitze der magyarischen Gesellschaft stand eine kleine Schicht von Vornehmen, der Adel.
14. Den Adel bildeten die Anführer der Stämme und der einflussreichen Sippen.
15. Eine Sippe ist ein großer Familienverband, dessen Mitglieder von gemeinsamen Vorfahren abstammen.
16. Die vornehmsten Sippen beanspruchten oft eine besonders ruhmreiche oder gar göttliche Abstammung.
17. Die Zugehörigkeit zum Adel beruhte in erster Linie auf der Geburt in eine solche Familie.
18. Man wurde als Adliger geboren, man konnte es kaum durch eigene Leistung werden.
19. Doch in einer Kriegergesellschaft eröffneten Tapferkeit und Beute auch dem Tüchtigen gewisse Aufstiegschancen.
20. Reichtum und Gefolgschaft konnten den Rang einer Familie über Generationen hinweg heben.
21. Den höchsten Rang nahmen die Fürsten der einzelnen Stämme ein.
22. Ein Stamm war ein Zusammenschluss mehrerer Sippen unter einem gemeinsamen Anführer.
23. Nach der Überlieferung bestand der magyarische Stammesverband aus sieben Stämmen.
24. Diese Sieben Stämme nannte man auf Ungarisch die Hétmagyar, wörtlich „die sieben Magyaren“.
25. Jeder Stamm hatte seinen eigenen Fürsten und seine eigene kriegerische Gefolgschaft.
26. Über den einzelnen Stammesfürsten erhob sich allmählich eine übergeordnete Führung.
27. Die Quellen berichten von einer doppelten Spitze an der Führung des Stammesverbandes.
28. Es gab den Kende und den Gyula, zwei Würdenträger mit unterschiedlichen Aufgaben.
29. Der Kende war vermutlich der sakrale Oberherr, dessen Macht religiös begründet war.
30. Das Wort sakral bedeutet „heilig“ und verweist auf eine Verbindung zur Welt der Götter.
31. Der Gyula hingegen war wohl der tatsächliche militärische Heerführer und Lenker der Politik.
32. Diese Aufteilung in einen heiligen und einen weltlichen Herrscher kannte man auch bei den Chasaren.
33. Die Chasaren waren ein mächtiges Steppenvolk, unter dessen Einfluss die Magyaren zeitweise standen.
34. Es ist gut möglich, dass die Magyaren dieses Modell der Doppelherrschaft von den Chasaren übernahmen.
35. Sicher belegt ist diese Übernahme jedoch nicht, sie bleibt eine begründete Vermutung der Forschung.
36. Hier sei eine ausschmückende Spekulation erlaubt, die kein gesichertes Wissen darstellt.
37. Man stelle sich vor, wie der Kende in seinem Zelt saß, umgeben von Pferdeschwänzen als Zeichen seiner Würde.
38. Vielleicht durfte ihn das gemeine Volk niemals essen oder trinken sehen, damit seine Heiligkeit unbefleckt blieb.
39. Solche Tabus umgaben heilige Könige bei manchen Steppenvölkern, doch für die Magyaren ist dies reine Vermutung.
40. Festzuhalten bleibt allein der Kern: An der Spitze standen wenige Mächtige, getrennt nach heiliger und weltlicher Gewalt.
41. Eine entscheidende Wende brachte der Aufstieg des Fürsten Árpád.
42. Árpád wurde zum gemeinsamen Anführer des gesamten Stammesverbandes erhoben.
43. Mit ihm begann die Vorherrschaft einer einzigen Familie, der späteren Dynastie der Árpáden.
44. Eine Dynastie ist eine Herrscherfamilie, in der die Macht innerhalb derselben Linie vererbt wird.
45. Der Überlieferung nach schlossen die Stammesführer mit Árpád einen feierlichen Vertrag.
46. Dieser Vertrag wird in der ungarischen Tradition als Blutvertrag bezeichnet.
47. Bei diesem Ritual sollen die sieben Anführer Blut aus ihren Adern in ein Gefäß haben fließen lassen.
48. Das vermischte Blut besiegelte ihr Bündnis und ihre Treue zur Familie Árpáds.
49. Ob dieser Blutvertrag wirklich so stattfand, ist unter Historikern höchst umstritten.
50. Die Erzählung wurde erst Jahrhunderte später aufgeschrieben und enthält gewiss legendäre Züge.
51. Dennoch spiegelt sie eine wichtige Wahrheit wider: den Übergang von vielen Anführern zu einer Spitze.
52. Unter dem Adel, doch weit über den Unfreien, stand die breite Schicht der freien Männer.
53. Die Freien bildeten den Kern und das Rückgrat der magyarischen Gesellschaft.
54. Ihr wichtigstes Kennzeichen war das Recht und die Pflicht, Waffen zu tragen.
55. Ein freier Mann war zugleich immer auch ein Krieger.
56. In einer Gesellschaft, die vom Reiterkrieg lebte, war der Waffenträger der vollwertige Mensch.
57. Wer in den Krieg ziehen und sich selbst ein Pferd leisten konnte, galt als frei.
58. Die Freien zogen mit ihren Herden über die Steppe und folgten ihren Anführern in den Kampf.
59. Sie besaßen eigenes Vieh, eigene Zelte und eigene Waffen.
60. Das Pferd war dabei das wichtigste Gut, denn ohne Pferd gab es keinen Krieger.
61. Innerhalb der Freien gab es allerdings große Unterschiede an Reichtum und Ansehen.
62. Mancher Freie besaß riesige Herden und zahlreiche Knechte, ein anderer nur wenige Tiere.
63. So verlief die Grenze zwischen einem reichen Freien und einem kleinen Adligen oft fließend.
64. Die Gesellschaft war also nicht starr in feste Kästen geteilt, sondern kannte Übergänge.
65. Die freien Männer versammelten sich vermutlich, um über gemeinsame Angelegenheiten zu beraten.
66. Solche Versammlungen freier Krieger sind von anderen Steppenvölkern bekannt.
67. Ob auch die Magyaren regelmäßige Volksversammlungen abhielten, ist nicht sicher überliefert.
68. Wahrscheinlich aber hatte die Stimme der Krieger bei wichtigen Entscheidungen ihr Gewicht.
69. Denn ein Anführer ohne die Gefolgschaft seiner Krieger war machtlos.
70. Die Treue zwischen Herr und Gefolgsmann beruhte auf einem Geben und Nehmen.
71. Der Herr bot Schutz, Führung und einen Anteil an der Beute.
72. Der Gefolgsmann bot dafür seine Waffen, seinen Mut und seine Treue.
73. Dieses Verhältnis von gegenseitiger Verpflichtung durchzog die ganze freie Kriegergesellschaft.
74. Eine besondere Rolle spielte die kriegerische Gefolgschaft eines Fürsten.
75. Diese ausgewählte Kriegerschar lebte oft unmittelbar im Umfeld ihres Herrn.
76. Sie bildete den verlässlichen Kern jedes Heeres und genoss hohes Ansehen.
77. Aus solchen Gefolgschaften konnten mit der Zeit neue adlige Familien hervorgehen.
78. Am unteren Ende der Gesellschaft standen die Unfreien.
79. Die Unfreien waren Menschen ohne eigene Rechte, die anderen gehörten.
80. Man bezeichnet ihren Stand auch mit dem Begriff der Sklaverei oder Knechtschaft.
81. Ein Unfreier konnte gekauft, verkauft und vererbt werden wie ein Stück Vieh.
82. Über sein Leben und seine Arbeit bestimmte allein sein Herr.
83. Die wichtigste Quelle für neue Unfreie war der Krieg.
84. Wer in einem Feldzug gefangen genommen wurde, verlor seine Freiheit.
85. Die Magyaren machten auf ihren Raubzügen zahlreiche Gefangene.
86. Diese Kriegsgefangenen wurden zu Sklaven gemacht oder weiterverkauft.
87. Der Handel mit Sklaven war für die Steppenvölker ein einträgliches Geschäft.
88. Besonders die Byzantiner und die Völker des Orients zahlten gute Preise für Sklaven.
89. So zogen die Magyaren nicht nur wegen Gold und Vieh in den Krieg, sondern auch wegen der Menschen.
90. Die arabischen Quellen berichten ausdrücklich, dass die Ungarn Gefangene an die Byzantiner verkauften.
91. Im Tausch erhielten sie kostbare Stoffe, Teppiche und andere Waren.
92. Nicht jeder Unfreie wurde jedoch verkauft, viele blieben im eigenen Lager.
93. Sie verrichteten dort die schwere und niedere Arbeit, die kein Freier tun wollte.
94. Die Unfreien hüteten das Vieh, melkten die Stuten und bauten die Zelte auf und ab.
95. Auch im Handwerk und bei der Feldarbeit dürften Unfreie eingesetzt worden sein.
96. So trugen sie unsichtbar einen großen Teil der wirtschaftlichen Last der Gesellschaft.
97. Die Zahl der Unfreien in einem Lager galt zugleich als Zeichen des Reichtums ihres Besitzers.
98. Wer viele Knechte hatte, der zeigte damit seine Macht und sein Ansehen.
99. Über das tägliche Leben der Unfreien schweigen die Quellen jedoch fast völlig.
100. Hier sei wieder eine erlaubte Spekulation gewagt, die kein gesichertes Wissen ist.
101. Man male sich das morgendliche Lager aus, in dem die Unfreien noch vor Sonnenaufgang die Stuten melken.
102. Vielleicht sangen sie dabei Lieder in einer fremden Sprache, denn viele stammten aus eroberten Völkern.
103. Ein magyarisches Lager war womöglich ein bunter Ort vieler Zungen und Herkünfte.
104. Slawen, gefangene Krieger und versklavte Bauern mochten dort Seite an Seite arbeiten.
105. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn die Berichte erzählen davon nichts Genaues.
106. Sicher ist allein, dass die Unfreien das unterste und rechtloseste Glied der Ordnung bildeten.
107. Zwischen den großen Schichten gab es vermutlich auch Übergangsgruppen.
108. Nicht jeder Abhängige war ein völlig rechtloser Sklave.
109. Manche Unfreie mochten bestimmte Rechte oder kleine eigene Habe besessen haben.
110. Andere dienten als halbfreie Hirten, die an einen Herrn gebunden, aber nicht sein Eigentum waren.
111. Solche Abstufungen kannten viele frühe Gesellschaften, und bei den Magyaren waren sie wohl ähnlich.
112. Auch der Aufstieg eines Unfreien in die Freiheit war grundsätzlich denkbar.
113. Ein treuer Diener konnte von seinem Herrn freigelassen werden.
114. Die Freilassung eines Unfreien nennt man mit einem Fachbegriff Manumission.
115. Ob die Magyaren solche Freilassungen kannten, ist nicht ausdrücklich belegt.
116. Wahrscheinlich aber gab es Wege, durch Treue oder Tapferkeit aufzusteigen.
117. Denn eine Kriegergesellschaft brauchte stets neue, ergebene Kämpfer.
118. Die soziale Ordnung war also durchlässiger, als die strenge Dreiteilung zunächst vermuten lässt.
119. Ein wichtiger Maßstab für den Rang eines Menschen war stets sein Besitz an Tieren.
120. Reichtum bemaß sich nicht in Geld, sondern in Pferden, Rindern und Schafen.
121. Wer große Herden besaß, der stand hoch, wer keine besaß, der stand niedrig.
122. Das Vieh war zugleich Nahrung, Kleidung, Werkzeug und Statussymbol.
123. So war die soziale Struktur eng mit der Wirtschaftsweise der Nomaden verbunden.
124. Die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft zeigte sich auch nach seinem Tod.
125. Die Gräber der Magyaren verraten der Forschung viel über die sozialen Unterschiede.
126. Vornehme Tote wurden mit reichen Beigaben bestattet, einfache Tote fast ohne alles.
127. Als Beigaben bezeichnet man die Gegenstände, die man dem Toten ins Grab legte.
128. In den Gräbern der Reichen fanden sich Waffen, Goldschmuck und kostbares Pferdegeschirr.
129. Oft wurde dem Krieger sogar sein Pferd oder Teile davon mit ins Grab gegeben.
130. Diese Sitte, Pferd und Reiter gemeinsam zu bestatten, war im Steppenraum weit verbreitet.
131. Die Gräber der Armen dagegen enthielten meist nur einfache Tongefäße oder gar nichts.
132. So spricht die stumme Sprache der Gräber deutlich von Reich und Arm, von Hoch und Nieder.
133. Die Archäologie ergänzt damit die wenigen schriftlichen Berichte auf wertvolle Weise.
134. Die Familie bildete die kleinste Zelle dieser ganzen sozialen Ordnung.
135. Mehrere Familien zusammen bildeten eine Sippe, mehrere Sippen einen Stamm.
136. Diese Gliederung von der Familie bis zum Stammesverband war streng hierarchisch aufgebaut.
137. Eine Hierarchie ist eine Rangordnung, in der jede Ebene einer höheren untergeordnet ist.
138. An jeder Stufe dieser Ordnung stand ein Anführer, der nach oben Rechenschaft schuldete.
139. So fügte sich der einzelne Mensch in ein festes Gefüge von Über- und Unterordnung.
140. Die Abstammung entschied dabei wesentlich über den Platz, den man in diesem Gefüge einnahm.
141. Wer aus einer vornehmen Sippe stammte, dem stand ein hoher Platz nahezu von Geburt an offen.
142. Wer als Kind eines Unfreien geboren wurde, der teilte zunächst das Los seiner Eltern.
143. Dennoch war die Steppengesellschaft beweglicher als das spätere Feudalsystem Europas.
144. Der Krieg konnte den Niedrigen erheben und den Hohen stürzen.
145. Eine verlorene Schlacht konnte eine ganze Familie in die Knechtschaft führen.
146. Ein erfolgreicher Raubzug konnte einen einfachen Krieger reich und mächtig machen.
147. So lag in der kriegerischen Lebensweise zugleich eine große soziale Bewegung verborgen.
148. Diese Beweglichkeit unterschied die Magyaren von den festgefügten Bauerngesellschaften des Westens.
149. Mit der Landnahme im Karpatenbecken begann sich diese alte Ordnung allmählich zu verändern.
150. Aus den nomadischen Kriegern wurden im Lauf der Zeit sesshafte Grundherren.
151. Aus den freien Hirten wurden teils Bauern, teils sanken sie in die Abhängigkeit.
152. Aus den Unfreien und den verarmten Freien entstand die spätere bäuerliche Unterschicht.
153. Der alte Adel der Steppenzeit aber bildete den Grundstock des späteren ungarischen Hochadels.
154. So reichen die Wurzeln der mittelalterlichen Ständeordnung Ungarns bis in die Steppe zurück.
155. Die Dreiteilung in Adel, Freie und Unfreie überdauerte den Wandel in veränderter Gestalt.
156. Es lohnt sich, die magyarische Ordnung mit der anderer Steppenvölker zu vergleichen.
157. Bei den Chasaren, den Petschenegen und den Bulgaren herrschten ganz ähnliche Verhältnisse.
158. Überall gab es einen kriegerischen Adel, eine Schicht freier Reiter und eine Masse von Unfreien.
159. Diese Ähnlichkeit half der Forschung, die Lücken der magyarischen Überlieferung zu füllen.
160. Denn was bei vielen Steppenvölkern gleich war, das galt vermutlich auch für die Magyaren.
161. Solche Rückschlüsse durch Vergleich nennt man in der Wissenschaft Analogieschlüsse.
162. Ein Analogieschluss überträgt Bekanntes von einem Fall auf einen ähnlichen anderen Fall.
163. Diese Methode ist nützlich, aber sie birgt auch die Gefahr des Irrtums.
164. Denn nicht alles, was bei den Nachbarn galt, muss auch für die Magyaren gegolten haben.
165. Die Forschung geht daher mit solchen Schlüssen vorsichtig und kritisch um.
166. Vieles über die soziale Struktur der frühen Magyaren bleibt darum bis heute unsicher.
167. Die Zahl der gesicherten Tatsachen ist klein, die Zahl der offenen Fragen groß.
168. Wer sich mit dieser Frühzeit beschäftigt, muss die Grenzen des Wissens stets im Blick behalten.
169. Gerade diese Unsicherheit aber macht den Reiz der Erforschung jener fernen Zeit aus.
170. Aus wenigen Knochen, Gräbern und fremden Berichten entsteht das Bild einer ganzen Gesellschaft.
171. Dieses Bild ist niemals vollständig, doch es wird mit jedem neuen Fund ein wenig schärfer.
172. Zusammenfassend lässt sich die magyarische Gesellschaft als steile Pyramide beschreiben.
173. An ihrer Spitze thronte ein schmaler Adel mit den Fürsten und der Doppelherrschaft aus Kende und Gyula.
174. Darunter lag die breite, waffentragende Schicht der freien Krieger und Hirten.
175. Den Sockel der Pyramide bildete die rechtlose Masse der Unfreien und Sklaven.
176. Reichtum, Abstammung und Kriegsglück bestimmten den Platz des Einzelnen in diesem Bau.
177. Die Ordnung war hierarchisch und doch beweglicher als die spätere europäische Ständewelt.
178. Sie war ganz auf den Krieg und die nomadische Wirtschaft zugeschnitten.
179. Und sie legte den Grund für jene Gesellschaft, die nach der Landnahme im Karpatenbecken erwuchs.
180. So führt der Weg von den Reiterscharen der Steppe geradewegs zur Ständeordnung des mittelalterlichen Ungarn.

Siedlungsweise und Mobilität: Jurten, Lager und Wanderrouten

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1. Die Magyaren der Steppenzeit kannten keine festen Städte und keine dauerhaften Dörfer.
2. Ihr Leben war geprägt von der ständigen Bewegung über die weiten Ebenen.
3. Diese Lebensweise des umherziehenden Hirtenvolkes bezeichnet man als Nomadismus.
4. Das Wort Nomade stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „Weidehirte“.
5. Ein Nomade besitzt keinen festen Wohnsitz, sondern zieht mit seinen Herden durch das Land.
6. Doch dieses Umherziehen folgte keineswegs dem Zufall oder der bloßen Willkür.
7. Es war eine wohlüberlegte und seit Generationen erprobte Form der Lebensführung.
8. Die Fachleute sprechen daher nicht von einfachem Umherirren, sondern vom Halbnomadismus.
9. Beim Halbnomadismus zieht eine Gruppe zwischen festen, immer gleichen Plätzen hin und her.
10. Diese geregelte Wanderung zwischen Sommer- und Winterweiden nennt man Transhumanz.
11. Die Magyaren hatten somit feste Punkte, zu denen sie Jahr für Jahr zurückkehrten.
12. Im Sommer suchten sie die saftigen Weiden, im Winter geschützte und mildere Lagen.
13. Der Rhythmus ihres Lebens richtete sich ganz nach den Jahreszeiten und dem Gras.
14. Denn das Gras war die Lebensgrundlage der Herden und damit der Menschen selbst.
15. War eine Weide abgegrast, so musste die Gruppe weiterziehen, um neues Futter zu finden.
16. So zwang das Vieh den Menschen zur Bewegung, nicht umgekehrt.
17. Die wichtigste Behausung der Magyaren war das transportable Zelt.
18. Dieses runde Filzzelt der Steppenvölker ist heute unter dem Namen Jurte bekannt.
19. Das Wort Jurte stammt aus einer Turksprache und bezeichnet die Behausung selbst.
20. Die Ungarn selbst nannten ihr Zelt vermutlich mit einem eigenen, altungarischen Wort.
21. Die Jurte war ein Meisterwerk an Zweckmäßigkeit und Anpassung an das Steppenleben.
22. Ihr Gerüst bestand aus einem leichten, zusammenklappbaren Holzgitter.
23. Dieses Scherengitter ließ sich auseinanderziehen und zu einem runden Wandkranz formen.
24. Auf dem Wandkranz ruhten zahlreiche Dachstangen, die nach oben zur Mitte zusammenliefen.
25. In der Mitte des Daches trafen sich die Stangen an einem hölzernen Ring.
26. Dieser Dachring ließ Licht herein und den Rauch des Feuers nach außen.
27. Über das ganze Gerüst spannte man dicke Decken aus gewalztem Filz.
28. Filz entsteht, indem man Schafwolle durch Feuchtigkeit, Wärme und Druck verdichtet.
29. Der Filz hielt die Kälte des Winters draußen und die Hitze des Sommers ab.
30. Bei großer Hitze konnte man die unteren Filzbahnen anheben und Luft hereinlassen.
31. So war die Jurte im Winter warm und im Sommer kühl und gut durchlüftet.
32. Ihre runde Form bot dem Wind der Steppe wenig Angriffsfläche.
33. Selbst heftige Stürme konnten dem niedrigen, runden Zelt kaum etwas anhaben.
34. Der größte Vorteil der Jurte aber lag in ihrer leichten Beweglichkeit.
35. Eine erfahrene Familie konnte ihr Zelt in kurzer Zeit auf- und abbauen.
36. Zerlegt ließ sich die ganze Behausung auf wenigen Tieren oder Wagen verstauen.
37. So trug das Volk seine Häuser gleichsam mit sich durch die Steppe.
38. Im Inneren der Jurte herrschte eine feste, sinnvolle Ordnung.
39. In der Mitte brannte die Feuerstelle, der wärmende und kochende Mittelpunkt des Hauses.
40. Das Feuer galt vielen Steppenvölkern zugleich als heilig und durfte nicht beleidigt werden.
41. Um das Feuer herum waren die Plätze nach Rang und Geschlecht verteilt.
42. Der Ehrenplatz lag meist dem Eingang gegenüber, dem Hausherrn und Gästen vorbehalten.
43. Eine Seite des Zeltes galt oft als die der Männer, die andere als die der Frauen.
44. Den Boden bedeckten Filzteppiche, Felle und gewebte Decken.
45. An den Wänden hingen Waffen, Sättel, Geschirr und die Habe der Familie.
46. Truhen und Säcke bargen Kleidung, Vorräte und kostbare Gegenstände.
47. Auf engem Raum war so alles Nötige für das Leben griffbereit verstaut.
48. Hier sei eine ausschmückende Spekulation gestattet, die kein gesichertes Wissen ist.
49. Man stelle sich den Geruch im Inneren einer solchen Jurte vor.
50. Es roch wohl nach Rauch, nach Pferdeschweiß, nach saurer Stutenmilch und nach Leder.
51. Im Halbdunkel glommen die Kohlen, während draußen der Wind über die Ebene strich.
52. Vielleicht hingen getrocknete Kräuter und Fleischstreifen unter dem Dach.
53. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn die Quellen schweigen über solche Einzelheiten.
54. Gesichert ist allein, dass die Jurte Schutz, Wärme und Heimat zugleich bot.
55. Nicht alle Magyaren wohnten freilich das ganze Jahr über in Zelten.
56. In den Winterlagern errichteten manche auch festere, halb in die Erde gegrabene Hütten.
57. Solche teils eingetieften Behausungen boten zusätzlichen Schutz gegen die Winterkälte.
58. Die Archäologie hat Spuren solcher Grubenhäuser an einstigen Winterplätzen gefunden.
59. Die Lebensweise war also nicht starr, sondern passte sich der Jahreszeit an.
60. Im Sommer das leichte Zelt, im Winter die festere Hütte, so wechselte die Behausung.
61. Die einzelne Jurte stand niemals allein in der Weite der Steppe.
62. Stets schlossen sich mehrere Zelte zu einem größeren Lager zusammen.
63. Ein solches Lager bildete die Familie, die Sippe oder ein Teil des Stammes.
64. Die Zelte standen oft im Kreis oder Halbkreis um einen freien Platz herum.
65. Diese Anordnung bot Schutz und schuf einen gemeinsamen Mittelpunkt des Lagerlebens.
66. In der Mitte des Lagers mochten sich die Herden zur Nacht sammeln.
67. Am Rand wachten Hunde und Posten gegen Raubtiere und feindliche Reiter.
68. Das Lager war der eigentliche Lebensraum, in dem sich der Alltag abspielte.
69. Hier wurde gekocht, gehandwerkt, gefeiert und Recht gesprochen.
70. Die Größe eines Lagers richtete sich nach dem Reichtum und der Zahl seiner Bewohner.
71. Ein mächtiger Fürst führte ein großes Lager mit vielen Zelten und Gefolgsleuten.
72. Eine arme Familie zog nur mit einem oder zwei Zelten durch das Land.
73. Die Lage eines Lagers wählte man stets mit Bedacht und großer Erfahrung.
74. Zwei Dinge mussten in der Nähe sein: frisches Wasser und ausreichend Weidegras.
75. Ohne Wasser konnten weder Mensch noch Tier auch nur wenige Tage überleben.
76. Darum lagen die bevorzugten Plätze meist an Flüssen, Bächen oder Seen.
77. Auch der Schutz vor Wind und Feinden spielte bei der Wahl eine Rolle.
78. Eine Anhöhe bot Übersicht, ein Tal bot Schutz vor den Stürmen.
79. Die Steppe selbst gab den Rahmen für diese ganze Lebensweise vor.
80. Eine Steppe ist eine weite, baumarme Graslandschaft mit trockenem Klima.
81. Sie erstreckte sich in einem gewaltigen Gürtel von Asien bis nach Osteuropa.
82. Auf diesem Grasmeer konnten sich Reiter und Herden über riesige Strecken bewegen.
83. Die offene Weite begünstigte die Mobilität und damit den ganzen nomadischen Lebensstil.
84. Das Wort Mobilität bedeutet Beweglichkeit, die Fähigkeit, rasch den Ort zu wechseln.
85. Diese Mobilität war für die Magyaren kein Mangel, sondern eine große Stärke.
86. Wer schnell ziehen konnte, der entkam dem Feind und fand stets neue Weiden.
87. Das Herz dieser Beweglichkeit war das Pferd.
88. Ohne das Pferd wäre das ganze Steppenleben der Magyaren undenkbar gewesen.
89. Das Pferd trug den Reiter, zog die Wagen und sicherte die Bewegung des Volkes.
90. Die Magyaren galten als hervorragende Reiter, die fast auf dem Pferd zu leben schienen.
91. Schon die Kinder lernten das Reiten, kaum dass sie laufen konnten.
92. Neben dem Reitpferd nutzte man Rinder und Wagen für den Transport schwerer Lasten.
93. Auf vierrädrigen Wagen führte man die zerlegten Zelte und die Habe mit sich.
94. Manche Quellen berichten gar von Zelten, die auf den Wagen selbst errichtet waren.
95. Solche fahrenden Behausungen sind von anderen Steppenvölkern gut bezeugt.
96. Ob auch die Magyaren auf Wagenzelten wohnten, ist jedoch nicht sicher belegt.
97. Der Umzug eines ganzen Lagers war ein großes und wohlorganisiertes Unternehmen.
98. Zelte wurden abgebaut, Wagen beladen, Herden zusammengetrieben.
99. Ein langer Zug aus Menschen, Tieren und Wagen setzte sich dann in Bewegung.
100. Die Reihenfolge und Ordnung dieses Zuges folgte vermutlich festen Regeln.
101. Krieger sicherten die Spitze und die Flanken gegen mögliche Angriffe.
102. In der Mitte zogen die Familien, die Wagen und die wertvollen Herden.
103. So bewegte sich das Lager als geordnetes Ganzes durch die Landschaft.
104. Die Wege, die man dabei zog, waren keine zufälligen Pfade.
105. Es waren feste, seit langem bekannte Wanderrouten zwischen den Weidegebieten.
106. Diese Routen folgten dem Wasser, dem Gras und der Beschaffenheit des Geländes.
107. Flüsse boten Wasser und ihre Täler oft den bequemsten Weg.
108. Gebirge und Sümpfe dagegen mied man oder überquerte sie nur an bekannten Stellen.
109. Das Wissen um diese Routen wurde von Generation zu Generation weitergegeben.
110. Die Anführer und die alten Männer kannten die Wege und die guten Plätze genau.
111. Dieses Erfahrungswissen war für das Überleben der Gruppe von größtem Wert.
112. Auf ihrer langen Wanderung aus dem Osten legten die Magyaren gewaltige Strecken zurück.
113. Von ihrer Urheimat zogen sie über mehrere Zwischenstationen nach Westen.
114. Zu diesen Stationen gehörten die Gebiete Levedia und später Etelköz.
115. Levedia lag vermutlich im Raum der südrussischen Steppe.
116. Etelköz lag weiter westlich, zwischen den großen Flüssen nördlich des Schwarzen Meeres.
117. Der Name Etelköz bedeutet ungefähr „Zwischenstromland“ oder „Land zwischen den Flüssen“.
118. Von Etelköz aus führte der letzte große Zug schließlich ins Karpatenbecken.
119. Diese große Wanderung war keine ziellose Flucht, sondern eine gerichtete Bewegung.
120. Sie führte das Volk über Jahrzehnte hinweg seinem späteren Wohnsitz entgegen.
121. Die genaue Lage von Levedia und Etelköz ist bis heute umstritten.
122. Die Quellen sind spärlich und widersprechen sich in manchen Punkten.
123. Die Forschung kann die Wanderrouten daher nur ungefähr nachzeichnen.
124. Vieles über den genauen Weg der Magyaren bleibt darum Vermutung.
125. Sicher ist allein die Richtung: aus den Steppen des Ostens nach Mitteleuropa.
126. Das Ziel dieser langen Wanderung war das Becken im Inneren der Karpaten.
127. Das Karpatenbecken ist eine große Ebene, von einem Gebirgsbogen umschlossen.
128. Dieser Gebirgsbogen, die Karpaten, bildet einen natürlichen Schutzwall.
129. Im Inneren lag die weite Tiefebene, die später das ungarische Kernland werden sollte.
130. Diese Ebene erinnerte die Magyaren wohl an die vertraute Steppe ihrer Herkunft.
131. Hier fanden sie Weideland, Wasser und Raum für ihre Herden und Zelte.
132. So war das Karpatenbecken für ein Reitervolk ein geradezu idealer Lebensraum.
133. Die ungarische Tiefebene wird auf Ungarisch Alföld genannt.
134. Sie bot die weiten Grasflächen, welche die nomadische Lebensweise verlangte.
135. In dieser Landschaft konnten die Magyaren ihre gewohnte Lebensform zunächst fortsetzen.
136. Doch das Karpatenbecken war kleiner und begrenzter als die endlose Steppe des Ostens.
137. Ringsum schlossen Gebirge und sesshafte Nachbarvölker den Raum ein.
138. Auf Dauer ließ sich das weiträumige Umherziehen hier nicht mehr fortsetzen.
139. Hier liegt der Keim für die spätere Veränderung der Lebensweise.
140. Nach der Landnahme begann sich das Verhältnis von Bewegung und Sesshaftigkeit zu wandeln.
141. Die Wanderungen wurden kürzer und beschränkten sich auf engere Gebiete.
142. Aus den weiten Zügen wurde ein Wechsel zwischen nahen Sommer- und Winterlagern.
143. Allmählich entstanden an den bevorzugten Plätzen die ersten festen Siedlungen.
144. Aus dem Winterlager an einem Fluss konnte mit der Zeit ein Dorf erwachsen.
145. So verwandelten sich die Lagerplätze nach und nach in dauerhafte Wohnorte.
146. Die Jurte wich langsam dem festen Haus aus Holz, Lehm und Flechtwerk.
147. Doch dieser Wandel vollzog sich nicht über Nacht, sondern über viele Generationen.
148. Noch lange nach der Landnahme hielten manche an der alten Lebensweise fest.
149. Besonders die Hirten zogen weiterhin mit ihren Herden zwischen den Weiden umher.
150. Diese halbnomadische Hirtenkultur überdauerte in Ungarn bis in viel spätere Zeiten.
151. Noch heute erinnern die Hirten der Puszta an dieses uralte Erbe der Steppe.
152. Die Puszta ist die weite, baumlose Grassteppe der ungarischen Tiefebene.
153. In ihrer Landschaft und ihren Bräuchen lebt die Erinnerung an die Reiternomaden fort.
154. Die Archäologie ergänzt das Bild der Siedlungsweise durch ihre Funde.
155. An einstigen Winterlagern fand man Reste von Feuerstellen und Grubenhäusern.
156. Verstreute Fundstücke verraten die Plätze, an denen einst Zelte standen.
157. Aus der Verteilung der Gräber lässt sich auf die Lage der Lager schließen.
158. Denn die Toten bestattete man oft in der Nähe der Wohnplätze.
159. So fügt sich aus vielen kleinen Spuren das Bild der einstigen Lebensräume zusammen.
160. Dennoch bleibt vieles über die Siedlungsweise der frühen Magyaren im Dunkeln.
161. Vergängliche Zelte hinterlassen weit weniger Spuren als steinerne Häuser.
162. Wer über die Steppe zieht, der hinterlässt der Nachwelt nur wenig.
163. Gerade darin liegt die Schwierigkeit, das Nomadenleben zu erforschen.
164. Die Forschung ist daher erneut auf Vergleiche mit anderen Steppenvölkern angewiesen.
165. Was bei Mongolen, Türken und Skythen bekannt ist, hilft die Lücken zu füllen.
166. Solche Analogieschlüsse sind nützlich, doch sie bleiben stets unsicher.
167. Denn nicht jedes Volk lebte und zog auf genau dieselbe Weise.
168. Die magyarische Siedlungsweise hatte gewiss auch ihre eigenen Besonderheiten.
169. Festzuhalten bleibt das Grundmuster aus Zelt, Lager und geregelter Wanderung.
170. Die Jurte war das bewegliche Haus, das man überallhin mitnehmen konnte.
171. Das Lager war die Gemeinschaft, in der sich das tägliche Leben abspielte.
172. Die Wanderroute verband die festen Plätze des Sommers und des Winters.
173. Das Pferd verlieh dem ganzen Leben seine außerordentliche Beweglichkeit.
174. Diese drei Dinge zusammen ergaben eine vollkommene Anpassung an die Steppe.
175. Sie war keine primitive Vorstufe der Sesshaftigkeit, sondern eine eigene, hochentwickelte Lebensform.
176. Erst die enge Welt des Karpatenbeckens zwang dieser Lebensform allmählich ihr Ende auf.
177. Doch ihr Erbe wirkte in der ungarischen Kultur über Jahrhunderte hinweg fort.
178. Im Reiter, im Pferd und in der weiten Puszta blieb die Steppe stets gegenwärtig.
179. So führt der Weg von der Jurte der Nomaden bis zum Dorf der sesshaften Ungarn.
180. Und in diesem Wandel von der Bewegung zur festen Wohnstatt liegt ein Stück des Wesens der ungarischen Geschichte.

Wirtschaft und Subsistenz: Pferdezucht und Raubzüge

[Bearbeiten]
1. Die Wirtschaft der Magyaren vor der Landnahme beruhte auf zwei großen Säulen.
2. Die erste Säule war die Viehzucht, die zweite war der Krieg in Gestalt der Raubzüge.
3. Beide zusammen sicherten das Überleben und den Wohlstand des Volkes.
4. Die Grundlage des täglichen Lebens bildete die Versorgung aus den eigenen Herden.
5. Diese Wirtschaft der reinen Selbstversorgung nennt man mit einem Fachbegriff Subsistenzwirtschaft.
6. Bei der Subsistenzwirtschaft erzeugt eine Gemeinschaft fast alles, was sie zum Leben braucht, selbst.
7. Man wirtschaftete also nicht in erster Linie für den Verkauf, sondern für den eigenen Bedarf.
8. Die Magyaren waren in dieser Hinsicht weitgehend auf sich selbst gestellt.
9. Ihre Herden lieferten ihnen Nahrung, Kleidung, Werkzeug und Brennstoff zugleich.
10. Das wichtigste Tier in dieser ganzen Wirtschaft war das Pferd.
11. Das Pferd stand im Mittelpunkt des magyarischen Lebens wie kein anderes Geschöpf.
12. Es war Reittier, Lasttier, Nahrungsquelle und Statussymbol in einem.
13. Ohne das Pferd hätte die ganze Lebensweise der Reiternomaden nicht bestehen können.
14. Darum widmeten die Magyaren der Zucht ihrer Pferde größte Sorgfalt.
15. Die Pferde der Steppenvölker waren klein, zäh und außerordentlich widerstandsfähig.
16. Sie waren keine edlen Rennpferde, sondern genügsame und ausdauernde Tiere.
17. Selbst im harten Winter konnten sie sich ihr Futter unter dem Schnee selbst scharren.
18. Diese Fähigkeit, ganzjährig im Freien zu überleben, machte sie für Nomaden unersetzlich.
19. Ein einzelner Krieger besaß oft mehrere Pferde, die er auf dem Zug abwechselnd ritt.
20. So konnte er gewaltige Strecken zurücklegen, ohne dass ein Tier erschöpfte.
21. Diese Vielzahl an Pferden verlieh den Magyaren ihre berüchtigte Schnelligkeit.
22. Die Stutenmilch war zudem ein wichtiges Nahrungsmittel der Steppenvölker.
23. Aus vergorener Stutenmilch stellte man ein leicht berauschendes Getränk her.
24. Dieses gegorene Getränk aus Pferdemilch ist unter dem Namen Kumys bekannt.
25. Ob auch die Magyaren Kumys bereiteten, ist wahrscheinlich, aber nicht ausdrücklich belegt.
26. Neben dem Pferd hielten die Magyaren auch große Herden anderer Tiere.
27. Dazu zählten vor allem Rinder, Schafe und Ziegen.
28. Das Rind lieferte Fleisch, Milch, Häute und diente als kräftiges Zugtier.
29. Das Schaf gab Wolle, Milch, Fleisch und das Fell für die Kleidung.
30. Vor allem aber lieferte das Schaf die Wolle für den lebenswichtigen Filz.
31. Aus diesem Filz fertigte man die Decken der Zelte und warme Kleidungsstücke.
32. So war das Schaf für das Zelt ebenso wichtig wie das Pferd für den Krieg.
33. Die Ziege ergänzte die Herden als genügsames und anspruchsloses Tier.
34. Diese verschiedenen Tiere weideten oft in gemischten oder getrennten Herden.
35. Die Hut der Herden war eine ständige und mühevolle Aufgabe.
36. Hirten, oft Unfreie oder junge Männer, bewachten die Tiere Tag und Nacht.
37. Sie schützten die Herden vor Raubtieren wie Wölfen und vor menschlichen Dieben.
38. Denn der Diebstahl von Vieh war auf der Steppe ein verbreitetes Übel.
39. Der Verlust einer Herde konnte eine Familie in kurzer Zeit ins Elend stürzen.
40. Darum galt das Vieh als der höchste Schatz und wurde streng gehütet.
41. Der Reichtum eines Menschen bemaß sich allein nach der Zahl seiner Tiere.
42. Es gab kein Geld im heutigen Sinne, das den Wohlstand hätte messen können.
43. Wer tausend Pferde besaß, der war reich, wer keine besaß, der war arm.
44. Das Vieh war zugleich Vermögen, Nahrungsvorrat und Tauschmittel in einem.
45. Die Ernährung der Magyaren war stark auf tierische Erzeugnisse gegründet.
46. Fleisch, Milch und Milchprodukte bildeten die Hauptbestandteile ihrer Kost.
47. Aus der Milch gewann man Käse, Quark und haltbare getrocknete Milchprodukte.
48. Getrocknete Milch und getrocknetes Fleisch ließen sich lange aufbewahren und mitführen.
49. Solche haltbaren Vorräte waren auf den langen Wanderungen und Feldzügen unentbehrlich.
50. Das Fleisch stammte von den eigenen Tieren, aber auch von der Jagd.
51. Die Jagd ergänzte die Ernährung und war zugleich eine Übung für den Krieg.
52. Auf der Jagd schulten die Reiter ihre Geschicklichkeit mit Bogen und Pferd.
53. Man erlegte Wild wie Hirsche, Wildschweine, Hasen und allerlei Vögel.
54. Auch das Fischen in den Flüssen trug zur Versorgung bei.
55. Trotz dieser nomadischen Lebensweise war den Magyaren der Ackerbau nicht völlig fremd.
56. Wahrscheinlich betrieben sie an ihren festen Winterplätzen einen einfachen Anbau.
57. Dort konnte man im Frühjahr Getreide säen und im Sommer ernten.
58. Dieser begrenzte Ackerbau lieferte Hirse und andere genügsame Körnerfrüchte.
59. Die Hirse war ein anspruchsloses Getreide, das auch auf trockenen Böden gedieh.
60. Sprachliche Spuren deuten darauf hin, dass die Magyaren früh den Ackerbau kannten.
61. Mehrere ungarische Wörter für Ackerbau und Korn stammen aus dem Türkischen.
62. Dies zeigt, dass die Magyaren landwirtschaftliches Wissen von Turkvölkern übernahmen.
63. Die Begegnung mit den Chasaren und anderen Türken hinterließ also Spuren in der Wirtschaft.
64. Dennoch blieb der Ackerbau gegenüber der Viehzucht stets von geringerer Bedeutung.
65. Die Magyaren waren in erster Linie Hirten und Reiter, nicht Bauern.
66. Neben der Selbstversorgung spielte auch der Handel eine gewisse Rolle.
67. Bestimmte Güter konnte die eigene Wirtschaft nicht hervorbringen.
68. Dazu zählten kostbare Stoffe, Waffen aus gutem Metall und Luxusgegenstände.
69. Solche Waren musste man von sesshaften Nachbarvölkern eintauschen oder erbeuten.
70. Im Tausch boten die Magyaren vor allem ihre Tiere und ihre Erzeugnisse an.
71. Pferde, Felle, Häute und Wachs waren begehrte Handelsgüter.
72. Eine besonders wichtige und einträgliche Handelsware aber waren Sklaven.
73. Die Magyaren verkauften ihre Kriegsgefangenen an die Händler der Nachbarvölker.
74. Besonders die reichen Byzantiner zahlten gute Preise für menschliche Ware.
75. So war der Sklavenhandel eng mit der zweiten Säule der Wirtschaft verbunden: dem Krieg.
76. Damit kommt die Betrachtung zur zweiten großen Quelle des magyarischen Wohlstands.
77. Diese zweite Säule war der Raubzug, der bewaffnete Beutezug in fremdes Land.
78. Für ein Reitervolk war der Krieg nicht nur Verteidigung, sondern auch Wirtschaft.
79. Der Raubzug diente dem gezielten Erwerb von Gütern, die man selbst nicht erzeugte.
80. Man könnte sagen, der Krieg war für die Magyaren eine eigene Form des Wirtschaftens.
81. Was der Boden der Steppe nicht hergab, das holte man sich mit dem Schwert.
82. Die Ziele dieser Raubzüge waren die reichen, sesshaften Länder ringsum.
83. Dort lockten gefüllte Vorratskammern, Gold, Silber und kostbare Waren.
84. Vor allem aber lockten dort die Menschen, die man als Sklaven fortführen konnte.
85. Ein erfolgreicher Raubzug konnte einen Krieger mit einem Schlag wohlhabend machen.
86. Die Beute teilte man nach festen Regeln unter den Teilnehmern auf.
87. Der Anführer erhielt den größten Anteil, doch auch der einfache Krieger ging nicht leer aus.
88. Diese Aussicht auf Beute war ein starker Antrieb für die Teilnahme am Krieg.
89. Sie band zugleich die Krieger eng an ihre erfolgreichen Anführer.
90. Denn ein Fürst, der reiche Beute verhieß, fand stets willige Gefolgsleute.
91. So waren Krieg, Beute und die soziale Ordnung untrennbar miteinander verflochten.
92. Die magyarische Kriegführung beruhte ganz auf der berittenen Bogenschützentaktik.
93. Ihre wichtigste Waffe war der zusammengesetzte Reflexbogen.
94. Ein Reflexbogen ist aus mehreren Schichten Holz, Horn und Sehne gefertigt.
95. Diese Bauweise verlieh ihm bei geringer Größe eine gewaltige Durchschlagskraft.
96. Vom galoppierenden Pferd aus konnten die Magyaren ihre Pfeile mit großer Treffsicherheit verschießen.
97. Sie schossen nach vorn, zur Seite und sogar rückwärts über den Pferderücken hinweg.
98. Dieser Schuss nach hinten im Rückzug war eine besonders gefürchtete Kriegslist.
99. Man bezeichnet ihn nach einem alten Steppenvolk als den Partherschuss.
100. Die gegnerischen Heere wurden aus der Ferne mit Pfeilen überschüttet und zermürbt.
101. Erst dann griffen die Magyaren mit Säbel und Lanze zum Nahkampf an.
102. Eine ihrer wirksamsten Taktiken war der vorgetäuschte Rückzug.
103. Die Reiter flohen scheinbar, lockten den Feind in die Verfolgung und in die Unordnung.
104. Dann wendeten sie plötzlich und vernichteten den auseinandergerissenen Gegner.
105. Diese List setzte eine eiserne Disziplin und große Erfahrung der Reiter voraus.
106. Ihre Schnelligkeit erlaubte es den Magyaren, weit entfernte Ziele überraschend anzugreifen.
107. Sie erschienen unerwartet, raubten und plünderten und verschwanden wieder, bevor Hilfe kam.
108. Die schwerfälligen Heere der sesshaften Völker konnten ihnen oft nichts entgegensetzen.
109. So verbreiteten die magyarischen Reiter über weite Teile Europas Angst und Schrecken.
110. Diese Beutezüge richteten sich später vor allem gegen das Gebiet des heutigen Deutschland und Italien.
111. Doch dies gehört bereits in die Zeit nach der Landnahme.
112. In der Steppenzeit galten die Raubzüge zunächst den näheren Nachbarn.
113. Man überfiel die slawischen Stämme und andere benachbarte Völker.
114. Bei diesen Überfällen erbeutete man Vieh, Vorräte und vor allem Gefangene.
115. Die slawischen Nachbarn waren eine bevorzugte Quelle für den Sklavenhandel.
116. Hier sei eine ausschmückende Spekulation erlaubt, die kein gesichertes Wissen ist.
117. Man stelle sich einen heimkehrenden Raubzug vor, beladen mit fremder Beute.
118. Vor sich her trieben die Reiter erbeutetes Vieh und gefesselte Gefangene.
119. Auf den Packpferden schwankten Bündel mit Stoffen, Geschirr und Hausrat.
120. Im Lager wurde die Heimkehr vielleicht mit einem Fest und der Teilung der Beute begangen.
121. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn die Quellen schildern solche Bilder nicht im Einzelnen.
122. Gesichert ist allein, dass die Beute die Wirtschaft der Magyaren bedeutend bereicherte.
123. Krieg und Frieden bildeten so zwei Seiten derselben wirtschaftlichen Lebensweise.
124. In Friedenszeiten lebte man von den Herden, in Kriegszeiten von der Beute.
125. Eine weitere Form des kriegerischen Erwerbs war der erpresste Tribut.
126. Ein Tribut ist eine regelmäßige Zahlung, die ein Schwächerer einem Stärkeren leisten muss.
127. Schwächere Nachbarn kauften sich durch solche Zahlungen von Überfällen frei.
128. Sie lieferten Gold, Silber oder Waren, um ihre Ruhe zu erkaufen.
129. Auch die Magyaren selbst mussten zeitweise Tribut an mächtigere Völker entrichten.
130. So zahlten sie wohl eine Zeitlang Tribut an die übermächtigen Chasaren.
131. Tribut, Beute und Handel flossen so zu einem dichten Geflecht zusammen.
132. All dies zusammen ergab eine Wirtschaft, die auf Bewegung und Stärke beruhte.
133. Sie war anfällig in schlechten Jahren, aber in guten Jahren überaus erfolgreich.
134. Eine harte Dürre oder ein strenger Winter konnten die Herden dahinraffen.
135. Ein verheerendes Tiersterben unter den Herden nennt man eine Viehseuche.
136. Solche Katastrophen zwangen die Magyaren oft erst recht zu Raubzügen.
137. Wer seine Herden verloren hatte, der musste sich neue erbeuten oder verhungern.
138. So konnte Not die Kriegslust noch zusätzlich anstacheln.
139. Die Wirtschaft der Steppe war damit eng an Natur und Klima gebunden.
140. Der Mensch war den Launen von Wetter, Gras und Wasser ausgeliefert.
141. Diese Abhängigkeit prägte das ganze Denken und Handeln der Nomaden.
142. Vorsorge, Mobilität und die Bereitschaft zum Krieg waren die Antworten darauf.
143. Mit der Landnahme im Karpatenbecken begann sich auch die Wirtschaft zu wandeln.
144. Die reichen Böden der Tiefebene luden verstärkt zum Ackerbau ein.
145. Allmählich gewann der Anbau von Getreide an Bedeutung gegenüber der Viehzucht.
146. Aus den Hirten wurden über Generationen hinweg teils sesshafte Bauern.
147. Doch die Viehzucht und besonders die Pferdezucht blieben noch lange wichtig.
148. Auch die Raubzüge setzten sich nach der Landnahme zunächst sogar verstärkt fort.
149. Erst nach schweren Niederlagen im zehnten Jahrhundert endete diese Ära der Beutezüge.
150. Die berühmteste dieser Niederlagen war die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955.
151. Dort wurde das magyarische Heer durch ein deutsches Aufgebot vernichtend geschlagen.
152. Nach diesem Schlag verloren die Raubzüge nach Westen ihre Grundlage.
153. Die Magyaren mussten sich nun ganz auf eine sesshafte Wirtschaft umstellen.
154. Aus dem Volk der Reiterkrieger wurde so allmählich ein Volk der Bauern und Hirten.
155. Doch dies gehört bereits weit über die hier betrachtete Steppenzeit hinaus.
156. Für die Zeit vor der Landnahme bleibt das Bild der zwei Säulen bestehen.
157. Die Pferdezucht und die Viehzucht ernährten das Volk im Frieden.
158. Die Raubzüge und der Handel bereicherten es darüber hinaus.
159. Beides war auf das Pferd und die Beweglichkeit des Reiters gegründet.
160. So bildeten Viehzucht und Krieg eine in sich geschlossene wirtschaftliche Einheit.
161. Die archäologischen Funde bestätigen dieses Bild auf eindrucksvolle Weise.
162. In den Gräbern fand man Knochen von Pferden, Rindern und Schafen.
163. Man entdeckte Trensen, Steigbügel und Sättel als Zeugnisse der Reiterei.
164. Pfeilspitzen, Säbel und Bogenreste zeugen von der kriegerischen Lebensweise.
165. Erbeutete Münzen und fremde Schmuckstücke belegen die Raubzüge und den Handel.
166. So fügen sich Funde und Berichte zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.
167. Dennoch bleiben auch hier viele Einzelheiten der Wirtschaft im Dunkeln.
168. Wie groß die Herden waren, wie viel man anbaute, das weiß man nicht genau.
169. Die Forschung muss sich erneut mit Schätzungen und Vergleichen behelfen.
170. Was bei anderen Steppenvölkern bekannt ist, hilft die Lücken zu füllen.
171. Doch solche Übertragungen bleiben stets mit Unsicherheit behaftet.
172. Festzuhalten bleibt das Wesentliche der magyarischen Wirtschaft vor der Landnahme.
173. Sie war eine Subsistenzwirtschaft, gegründet auf Viehzucht und vor allem auf das Pferd.
174. Sie wurde ergänzt durch begrenzten Ackerbau, durch Jagd und durch Handel.
175. Und sie wurde gekrönt durch den Krieg als eigene Form des wirtschaftlichen Erwerbs.
176. Beute, Tribut und Sklavenhandel füllten, was die Herden allein nicht hergaben.
177. Diese Wirtschaft war vollkommen auf das Leben in der Steppe zugeschnitten.
178. Sie machte die Magyaren reich, beweglich und kriegerisch zugleich.
179. Und sie legte die Grundlage für jene Macht, mit der sie das Karpatenbecken eroberten.
180. So führt der Weg von der Stutenmilch und dem Reflexbogen geradewegs zur Landnahme von 896.

Religiöse Überzeugungen: Schamanismus und Ahnenverehrung

[Bearbeiten]
1. Die Magyaren der Steppenzeit waren keine Christen, sondern hingen einem alten Naturglauben an.
2. Ihre Religion war eng mit der Welt der Steppe, der Tiere und der Ahnen verbunden.
3. Über diesen alten Glauben weiß die Forschung allerdings nur sehr wenig Sicheres.
4. Denn die heidnischen Magyaren hinterließen selbst keine Schriften über ihren Glauben.
5. Eine Religion ohne heilige Schriften und feste Lehrsätze nennt man oft eine Naturreligion.
6. Was man über diesen Glauben weiß, stammt aus späten und fremden Quellen.
7. Christliche Geistliche, die das Heidentum bekämpften, berichteten darüber nur abschätzig.
8. Sie schilderten den alten Glauben als Aberglauben und Werk des Teufels.
9. Solche feindseligen Berichte sind als Quelle nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen.
10. Vieles über die magyarische Religion muss daher erschlossen oder vermutet werden.
11. Die Forschung greift dabei erneut zum Vergleich mit verwandten Völkern.
12. Besonders der Glaube anderer finno-ugrischer und türkischer Völker dient als Vorbild.
13. Aus diesen Vergleichen entsteht ein ungefähres, doch lückenhaftes Bild.
14. Der alte Glaube der Magyaren wird gemeinhin als Schamanismus bezeichnet.
15. Der Schamanismus ist eine Glaubensform, die bei vielen Völkern Nordasiens verbreitet war.
16. In seinem Mittelpunkt steht eine besondere Person, der Schamane.
17. Das Wort Schamane stammt ursprünglich aus der Sprache eines sibirischen Volkes.
18. Der Schamane galt als Mittler zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister.
19. Man glaubte, er könne mit seiner Seele in andere Welten reisen.
20. In diesem Zustand der Verzückung trat er mit Geistern und Göttern in Verbindung.
21. Diesen Zustand veränderten Bewusstseins erreichte der Schamane durch Trcommeln, Tanz und Gesang.
22. Die Trommel war dabei sein wichtigstes und heiligstes Werkzeug.
23. Mit ihrem gleichmäßigen Schlag versetzte er sich in einen rauschartigen Zustand.
24. Man nennt diesen Zustand der seelischen Entrückung die Trance.
25. In der Trance, so glaubte man, verließ die Seele des Schamanen seinen Körper.
26. Sie stieg empor in die Oberwelt oder hinab in die Unterwelt.
27. Dort suchte der Schamane Rat, heilte Krankheiten oder geleitete die Seelen der Toten.
28. Bei den ungarischen Magyaren trug dieser Geisterbeschwörer einen eigenen Namen.
29. Man bezeichnete ihn vermutlich mit dem altungarischen Wort táltos.
30. Der táltos war der ungarische Schamane, der Seher und Heiler des Volkes.
31. Nach dem Volksglauben wurde ein táltos bereits mit besonderen Zeichen geboren.
32. Manche Erzählungen berichten, er sei mit überzähligen Zähnen oder Fingern zur Welt gekommen.
33. Solche Zeichen galten als Beweis seiner Berufung durch die Geister.
34. Der táltos heilte Kranke, deutete die Zukunft und beschwor Regen oder gutes Wetter.
35. Er stand zwischen den Menschen und den unsichtbaren Mächten, die ihr Leben lenkten.
36. Die Vorstellungswelt der Magyaren kannte vermutlich einen dreigeteilten Aufbau der Welt.
37. Man glaubte an eine Oberwelt, eine Mittelwelt und eine Unterwelt.
38. In der Oberwelt im Himmel wohnten die Götter und die guten Geister.
39. In der Mittelwelt auf der Erde lebten die Menschen, Tiere und Pflanzen.
40. In der Unterwelt hausten die Geister der Toten und die finsteren Mächte.
41. Diese drei Welten dachte man durch eine gewaltige Achse miteinander verbunden.
42. Diese Verbindung stellte man sich oft als einen riesigen Weltenbaum vor.
43. Der Weltenbaum reichte mit seinen Wurzeln in die Unterwelt und mit der Krone in den Himmel.
44. Auf ihm konnte die Seele des Schamanen zwischen den Welten auf- und absteigen.
45. Die Vorstellung eines solchen Weltenbaums findet sich bei vielen Völkern Nordasiens.
46. In den ungarischen Volksmärchen lebt dieser Baum als der „himmelhohe Baum“ fort.
47. Diese Märchen bewahrten womöglich uralte Bruchstücke des heidnischen Glaubens.
48. An der Spitze der himmlischen Mächte stand vermutlich ein höchster Himmelsgott.
49. Viele Steppenvölker verehrten den Himmel selbst als oberste Gottheit.
50. Bei den Türken hieß dieser Himmelsgott Tengri, der ewige blaue Himmel.
51. Ob auch die Magyaren einen solchen Himmelsgott kannten, ist wahrscheinlich, aber unsicher.
52. Möglicherweise verehrten sie den Himmel und die Sonne als göttliche Mächte.
53. Auch die Naturkräfte wie Wind, Wasser und Feuer galten als beseelt.
54. Diesen Glauben, dass alle Dinge der Natur eine Seele besitzen, nennt man Animismus.
55. Im Animismus sind Flüsse, Berge, Bäume und Tiere von Geistern erfüllt.
56. Der Mensch musste diese Geister achten und durch Opfer gnädig stimmen.
57. Besonders heilig war den Magyaren wohl das Feuer.
58. Das Feuer im Mittelpunkt der Jurte galt als rein und durfte nicht verunreinigt werden.
59. Man durfte nicht ins Feuer spucken oder Abfall hineinwerfen, um es nicht zu beleidigen.
60. Auch das Wasser der Flüsse und Quellen umgab man mit Ehrfurcht.
61. Eine zentrale Rolle im Glauben der Magyaren spielte die Verehrung der Ahnen.
62. Als Ahnen bezeichnet man die verstorbenen Vorfahren einer Familie oder Sippe.
63. Man glaubte, die Toten lebten in einer anderen Welt weiter und wachten über die Lebenden.
64. Die Geister der Ahnen konnten den Nachkommen helfen oder ihnen zürnen.
65. Darum war es wichtig, die Toten zu ehren und ihr Andenken zu pflegen.
66. Man brachte den Ahnen Opfer dar und gedachte ihrer bei wichtigen Anlässen.
67. Vernachlässigte man die Toten, so fürchtete man ihren Zorn und ihre Rache.
68. Diese enge Bindung an die Vorfahren stärkte zugleich den Zusammenhalt der Sippe.
69. Denn die gemeinsamen Ahnen verbanden alle Mitglieder einer Familie miteinander.
70. Die vornehmen Sippen leiteten ihre Macht oft von besonders ruhmreichen Ahnen her.
71. Die Bestattung der Toten war daher ein bedeutsames religiöses Geschehen.
72. Die Art der Bestattung verrät der Forschung viel über den Glauben der Magyaren.
73. Man bestattete die Toten mit reichen Beigaben für das Leben im Jenseits.
74. Beigaben sind die Gegenstände, die man dem Toten mit ins Grab legte.
75. Man gab dem Toten Waffen, Schmuck, Speisen und Werkzeug mit auf den Weg.
76. Diese Sitte zeigt den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod.
77. Im Jenseits, so dachte man, brauchte der Tote dieselben Dinge wie im Leben.
78. Ein Krieger benötigte dort seine Waffen, eine Frau ihren Schmuck.
79. Besonders bezeichnend war die Sitte der Pferdebestattung.
80. Dem toten Reiter gab man sein Pferd oder Teile davon mit ins Grab.
81. Oft legte man den Schädel und die Beine des Pferdes zu dem Toten.
82. Manchmal fügte man auch das Reitzeug wie Sattel und Trense hinzu.
83. Man glaubte, der Tote werde sein Pferd auch im Jenseits brauchen.
84. Denn ohne Pferd war ein magyarischer Krieger auch im Tod nicht denkbar.
85. Diese Pferdebestattungen sind durch zahlreiche archäologische Funde gut bezeugt.
86. Sie gehören zu den wichtigsten Zeugnissen des heidnischen Glaubens.
87. Die Ausrichtung der Gräber folgte oft einer bestimmten Himmelsrichtung.
88. Häufig blickten die Toten nach Osten, der Richtung der aufgehenden Sonne.
89. Auch dies deutet auf eine religiöse Bedeutung der Sonne und des Lichts hin.
90. Hier sei eine ausschmückende Spekulation gestattet, die kein gesichertes Wissen ist.
91. Man stelle sich das Begräbnis eines großen Fürsten in der Steppe vor.
92. Vielleicht versammelte sich das ganze Lager um das offene Grab.
93. Der táltos mochte mit seiner Trommel die Seele des Toten ins Jenseits geleiten.
94. Man opferte Pferde, hielt ein Totenmahl und stimmte Klagegesänge an.
95. Über dem Grab errichtete man womöglich einen Hügel als sichtbares Zeichen.
96. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn die Quellen schildern es nicht im Einzelnen.
97. Gesichert ist allein, was die stummen Gräber selbst der Forschung verraten.
98. Neben dem Glauben an Götter und Ahnen gab es die Verehrung heiliger Tiere.
99. Bestimmte Tiere galten den Magyaren als heilig oder als Sinnbild ihrer Herkunft.
100. Ein solches mythisches Wappentier war der Raubvogel namens Turul.
101. Der Turul war vermutlich ein Falke oder Adler von übernatürlicher Bedeutung.
102. Er galt als heiliger Vogel und als Ahnherr des Herrscherhauses der Árpáden.
103. Eine berühmte Sage verbindet den Turul mit der Geburt der Herrscherdynastie.
104. Nach dieser Sage erschien der Vogel der Stammmutter Emese in einem Traum.
105. Aus diesem Traum ging der Überlieferung nach das Geschlecht der Fürsten hervor.
106. Diese Sage von Emeses Traum gehört zu den ältesten Mythen der Ungarn.
107. Sie verband das Herrscherhaus mit der himmlischen und tierischen Sphäre.
108. Solche Tiersagen begründeten oft den Herrschaftsanspruch einer Dynastie.
109. Der Glaube an eine Abstammung von einem heiligen Tier nennt man Totemismus.
110. Beim Totemismus führt eine Gruppe ihren Ursprung auf ein Tier oder einen Geist zurück.
111. Ob der Turul ein echtes Totemtier war, ist unter Forschern umstritten.
112. Sicher aber war er ein mächtiges Sinnbild der herrschenden Sippe.
113. Neben dem Turul spielte auch der Hirsch in der Sagenwelt eine große Rolle.
114. Eine berühmte Sage erzählt von einem Wunderhirsch, der Jäger nach Westen lockte.
115. Dieser Hirsch führte die Ahnen der Ungarn in ihr späteres Wohngebiet.
116. Solche Tiersagen verbanden den Glauben eng mit der Geschichte des Volkes.
117. Sie erklärten die Herkunft und die Wanderung der Magyaren auf mythische Weise.
118. Die Religion und die Geschichtserinnerung waren so untrennbar miteinander verwoben.
119. Der heidnische Glaube kannte vermutlich auch feste Opferbräuche.
120. Bei wichtigen Anlässen brachte man den Göttern und Ahnen Tieropfer dar.
121. Man opferte vor allem Pferde, das kostbarste Gut der Magyaren.
122. Das geopferte Tier wurde geschlachtet, und sein Fleisch bei einem Mahl verzehrt.
123. Solche Opfermähler stärkten die Gemeinschaft und besänftigten die höheren Mächte.
124. Vor Feldzügen mochte man opfern, um den Beistand der Geister zu erbitten.
125. Auch zur Besiegelung von Bündnissen vollzog man heilige Handlungen.
126. Der schon erwähnte Blutvertrag der sieben Anführer war eine solche heilige Handlung.
127. Durch das Vermischen des Blutes rief man die übernatürlichen Mächte zu Zeugen an.
128. Der Eid und der Fluch hatten in dieser Glaubenswelt große bindende Kraft.
129. Wer einen heiligen Eid brach, der zog den Zorn der Geister auf sich.
130. So durchdrang der Glaube alle Bereiche des Lebens, vom Krieg bis zum Vertrag.
131. Die Religion war kein abgesonderter Bereich, sondern Teil des ganzen Daseins.
132. Götter, Geister und Ahnen waren im Alltag der Magyaren stets gegenwärtig.
133. Diese enge Verflechtung von Glaube und Leben ist für Naturreligionen typisch.
134. Mit der Landnahme und der Begegnung mit dem Christentum begann der Wandel.
135. Im Karpatenbecken trafen die heidnischen Magyaren auf christliche Nachbarn.
136. Allmählich drangen christliche Vorstellungen in ihre Glaubenswelt ein.
137. Doch der alte Glaube wich nur langsam und unter großem Widerstand.
138. Die entscheidende Wende kam erst um das Jahr 1000 mit König Stephan.
139. Stephan der Heilige machte das Christentum zur Religion des ungarischen Reiches.
140. Er ließ Kirchen bauen und das Heidentum mit Gewalt zurückdrängen.
141. Die heidnischen Bräuche und die táltos wurden verboten und verfolgt.
142. Mehrfach erhob sich das Volk in Aufständen gegen den neuen Glauben.
143. Diese Heidenaufstände zeigen, wie tief der alte Glaube noch verwurzelt war.
144. Doch am Ende setzte sich das Christentum dauerhaft durch.
145. Der alte Schamanenglaube verschwand als öffentliche Religion.
146. Dennoch überlebten Reste des Heidentums im Verborgenen über Jahrhunderte.
147. Sie lebten fort im Volksglauben, im Aberglauben und in den Märchen.
148. Die Gestalt des táltos verwandelte sich in die des zauberkundigen Helden der Märchen.
149. Der Weltenbaum, der Turul und der Wunderhirsch blieben in den Erzählungen lebendig.
150. So bewahrte die Volksüberlieferung verborgene Spuren des uralten Glaubens.
151. Die Forschung sucht heute in diesen Märchen nach den Resten der heidnischen Religion.
152. Aus solchen späten Spuren versucht sie, den alten Glauben zu rekonstruieren.
153. Doch diese Rekonstruktion bleibt mühsam und voller Unsicherheiten.
154. Denn zwischen dem Heidentum und seiner Aufzeichnung liegen viele Jahrhunderte.
155. In dieser langen Zeit veränderten und vermischten sich die alten Vorstellungen.
156. Christliche und heidnische Elemente verschmolzen im Volksglauben miteinander.
157. Die ursprüngliche Gestalt der magyarischen Religion lässt sich daher kaum noch fassen.
158. Vieles, was man darüber liest, ist begründete Vermutung, nicht gesichertes Wissen.
159. Gerade darum ist bei allen Aussagen über diesen Glauben Vorsicht geboten.
160. Die Forschung unterscheidet sorgfältig zwischen Beleg und Mutmaßung.
161. Sicher belegt sind allein die archäologischen Funde aus den Gräbern.
162. Die Pferdebestattungen, die Beigaben und die Grabausrichtung sprechen für sich.
163. Alles Weitere ergänzt die Forschung aus Vergleichen und späten Überlieferungen.
164. Festzuhalten bleibt das Grundbild eines schamanistischen Naturglaubens.
165. In seinem Mittelpunkt stand der táltos als Mittler zu den Geistern.
166. Die Welt war dreigeteilt und durch den Weltenbaum verbunden.
167. Die Natur war beseelt, und die Ahnen wachten über die Lebenden.
168. Heilige Tiere wie der Turul verbanden das Volk mit der himmlischen Sphäre.
169. Opfer, Eide und Bestattungsbräuche prägten das religiöse Leben.
170. Dieser Glaube war ganz auf das Leben in der Steppe zugeschnitten.
171. Er gab den Magyaren Halt, Deutung und Verbindung zu den höheren Mächten.
172. Mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit verlor er allmählich seine Grundlage.
173. Das Christentum bot der neuen, sesshaften Lebensweise die passende Religion.
174. So spiegelt der Wandel des Glaubens den Wandel der ganzen Lebensweise wider.
175. Vom Schamanen der Steppe führte der Weg zum christlichen Priester im Dorf.
176. Doch unter der christlichen Oberfläche blieb ein heidnischer Grund erhalten.
177. In Sagen, Märchen und Bräuchen wirkte die alte Glaubenswelt verborgen fort.
178. Sie gehört bis heute zu den geheimnisvollsten Kapiteln der ungarischen Frühgeschichte.
179. Aus wenigen Funden und späten Spuren entsteht das Bild einer versunkenen Glaubenswelt.
180. Und in diesem Bild des Schamanen, des Weltenbaums und des Turul lebt die Steppe der Ahnen fort.

Kunsthandwerk und materielle Kultur: Waffen, Schmuck und Alltagsgegenstände

[Bearbeiten]
1. Die Magyaren der Steppenzeit schufen eine reiche und kunstvolle materielle Kultur.
2. Als materielle Kultur bezeichnet man die Gesamtheit der von Menschen gefertigten Gegenstände.
3. Dazu zählen Waffen, Schmuck, Geschirr, Kleidung und alle Dinge des täglichen Gebrauchs.
4. Diese Gegenstände verraten der Forschung viel über das Leben und Können ihrer Schöpfer.
5. Denn anders als der Glaube oder die Sprache überdauern Dinge aus Metall im Boden.
6. Die materielle Kultur ist darum die wichtigste und sicherste Quelle für die Frühzeit.
7. Was über sie bekannt ist, stammt vor allem aus den Funden der Gräber.
8. In den Gräbern legte man den Toten ihre kostbarsten Habseligkeiten bei.
9. So blieben Waffen, Schmuck und Geräte über die Jahrhunderte erhalten.
10. Die Archäologie hat zahlreiche solcher Gräber aus der Zeit der Landnahme erforscht.
11. Aus ihren Funden lässt sich das Bild einer hochstehenden Handwerkskunst gewinnen.
12. Diese Kunst war ganz auf das bewegliche Leben der Reiternomaden zugeschnitten.
13. Man fertigte vor allem Dinge, die man tragen und mit sich führen konnte.
14. Schwere und unbewegliche Gegenstände passten nicht zur nomadischen Lebensweise.
15. Darum richtete sich die ganze Kunst auf das Kleine, Tragbare und Kostbare.
16. Im Mittelpunkt des Kunsthandwerks stand die Verarbeitung der Metalle.
17. Die Magyaren waren geschickte Schmiede und Metallhandwerker.
18. Sie verarbeiteten Eisen zu Waffen und Werkzeug von hoher Güte.
19. Aus Gold und Silber schufen sie kostbaren Schmuck und Zierat.
20. Die Kunst der Metallbearbeitung hatten sie in den Steppen des Ostens erlernt.
21. Dort gab es eine lange Tradition kunstvoller Metallarbeit unter den Reitervölkern.
22. Die Magyaren standen so in der Nachfolge der alten Steppenkunst.
23. Am Anfang jeder Betrachtung steht die Waffe, das wichtigste Gerät des Kriegers.
24. Die bedeutendste Waffe der Magyaren war der zusammengesetzte Reflexbogen.
25. Dieser Bogen wurde aus Holz, Horn und Tiersehnen kunstvoll zusammengeleimt.
26. Die Schichten verschiedener Stoffe verliehen ihm seine große Spannkraft.
27. An den Enden verstärkte man den Bogen oft mit Plättchen aus Knochen oder Horn.
28. Diese Knochenplättchen blieben in den Gräbern erhalten und bezeugen den Bogenbau.
29. Der Bau eines solchen Bogens war eine langwierige und anspruchsvolle Arbeit.
30. Ein Meister brauchte oft mehrere Jahre, um einen guten Bogen zu vollenden.
31. Die Pfeile bewahrte der Krieger in einem Köcher an seiner Seite.
32. Die Pfeilspitzen aus Eisen hatten je nach Zweck verschiedene Formen.
33. Es gab schmale Spitzen zum Durchschlagen von Rüstungen und breite gegen ungeschützte Feinde.
34. Diese verschiedenen Pfeilspitzen gehören zu den häufigsten Funden in den Gräbern.
35. Die zweitwichtigste Waffe war der leicht gekrümmte Säbel.
36. Ein Säbel ist eine einschneidige Hiebwaffe mit gebogener Klinge.
37. Seine Krümmung machte ihn besonders geeignet für den Kampf vom Pferd herab.
38. Mit ihm führte der Reiter im Vorbeireiten kraftvolle Hiebe gegen den Feind.
39. Die Griffe und Scheiden der Säbel waren oft kostbar mit Metall verziert.
40. Ein reich geschmückter Säbel war zugleich Waffe und Zeichen des hohen Ranges.
41. Daneben benutzten die Krieger auch Lanzen und Streitäxte im Nahkampf.
42. Zum Schutz dienten Helme und mancherlei Formen der Rüstung.
43. Wohlhabende Krieger trugen Panzerhemden aus eng verflochtenen Eisenringen.
44. Ein solches Hemd aus Eisenringen nennt man einen Kettenpanzer.
45. Ärmere Krieger schützten sich mit Rüstungen aus Leder oder festem Filz.
46. Die Ausrüstung eines Kriegers zeigte so unmittelbar seinen Reichtum und Rang.
47. Untrennbar mit der Waffe verbunden war die Ausrüstung des Reiters und seines Pferdes.
48. Hier zeigte sich die Handwerkskunst der Magyaren in besonderer Pracht.
49. Zum Reitzeug gehörten der Sattel, die Trense und die Steigbügel.
50. Die Trense ist das Mundstück aus Metall, mit dem man das Pferd lenkt.
51. Die Steigbügel gaben dem Reiter im Sattel einen festen und sicheren Halt.
52. Erst der feste Halt in den Steigbügeln ermöglichte den treffsicheren Bogenschuss im Galopp.
53. Die Steigbügel waren daher eine der wichtigsten technischen Voraussetzungen des Reiterkrieges.
54. Das Pferdegeschirr war oft über und über mit Metallbeschlägen verziert.
55. Auf das Lederzeug nietete man kleine Plättchen aus Silber oder vergoldetem Metall.
56. Diese Zierbeschläge bildeten glänzende Muster auf dem Geschirr des Pferdes.
57. Ein prächtig geschmücktes Pferd war ein wandelndes Zeichen des Wohlstands.
58. So verband sich auch hier der praktische Zweck mit dem Schmuck und der Zurschaustellung.
59. Den Höhepunkt des Kunsthandwerks aber bildete der Schmuck.
60. Die Magyaren liebten reichen Schmuck aus Gold, Silber und Bronze.
61. Männer und Frauen trugen ihn gleichermaßen als Zier und als Zeichen des Ranges.
62. Zu den verbreitetsten Schmuckstücken gehörten Haarringe und Ohrgehänge.
63. Frauen schmückten ihr Haar mit kunstvoll gearbeiteten Ringen und Anhängern.
64. An den Schläfen trug man besondere Ringe, die sogenannten Schläfenringe.
65. Diese Schläfenringe sind ein häufiger und kennzeichnender Fund in Frauengräbern.
66. Um den Hals trug man Ketten aus Perlen, Glas und edlen Steinen.
67. An den Armen und Fingern fanden sich Armreife und Fingerringe.
68. Besonders kennzeichnend für die magyarische Tracht waren die Zierbeschläge der Kleidung.
69. Man nähte zahlreiche kleine Metallplättchen auf Gewänder und Gürtel.
70. Diese aufgenähten Plättchen bedeckten manchmal das ganze Gewand mit glänzendem Schmuck.
71. Ein so geschmücktes Gewand muss bei jeder Bewegung gefunkelt haben.
72. Eine besondere Bedeutung kam dem Gürtel des Mannes zu.
73. Der Gürtel war nicht nur praktisch, sondern auch ein wichtiges Zeichen des Standes.
74. Man beschlug ihn mit kunstvollen Platten und Anhängern aus Edelmetall.
75. An ihm hingen die Waffen, der Beutel und das tägliche Gerät des Mannes.
76. Je reicher der Gürtel beschlagen war, desto höher war der Rang seines Trägers.
77. Die Verzierung dieser Gegenstände folgte einem unverwechselbaren Stil.
78. Das vorherrschende Schmuckmotiv war das Pflanzenornament aus Ranken und Blättern.
79. Geschwungene Ranken, Palmetten und Blütenformen überzogen die Metallflächen.
80. Eine Palmette ist ein fächerförmiges Pflanzenmotiv aus der Kunst des Orients.
81. Diese Vorliebe für Pflanzenmuster verband die Magyaren mit der Kunst der Steppe.
82. Neben den Pflanzen erschienen auch Tiergestalten in der Verzierung.
83. Vögel, Greife und andere Fabelwesen bevölkerten die kleinen Kunstwerke.
84. Ein Greif ist ein Mischwesen aus Adler und Löwe aus der alten Sagenwelt.
85. Solche Tierdarstellungen wurzelten in der uralten Tierkunst der Reitervölker.
86. Diese Steppenkunst stellte Tiere oft in Kampf oder Bewegung dar.
87. Die magyarische Kunst übernahm und wandelte diese alten Bildvorstellungen ab.
88. Die Technik der Metallbearbeitung war dabei vielfältig und anspruchsvoll.
89. Man goss Schmuckstücke in Formen aus geschmolzenem Metall.
90. Man trieb Muster von der Rückseite her in dünnes Blech, sodass sie hervortraten.
91. Diese Technik des erhabenen Treibens nennt man Treibarbeit.
92. Feine Muster ritzte oder grub man mit Werkzeug in die Oberfläche ein.
93. Manche Stücke vergoldete man, um sie kostbarer erscheinen zu lassen.
94. Bei der Vergoldung überzog man Silber oder Bronze mit einer dünnen Goldschicht.
95. Hier sei eine ausschmückende Spekulation gestattet, die kein gesichertes Wissen ist.
96. Man stelle sich die Werkstatt eines magyarischen Goldschmieds im Lager vor.
97. Vielleicht hockte er vor einem kleinen Feuer und trieb mit feinen Punzen das Muster ins Silber.
98. Um ihn herum lagen Modelle, Werkzeuge und glänzende Plättchen verstreut.
99. Womöglich gab er sein Wissen nur an die eigenen Söhne weiter.
100. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn von den Handwerkern selbst berichten die Quellen nichts.
101. Gesichert ist allein die hohe Vollendung der erhaltenen Werke.
102. Diese Werke zeugen von Meistern, die ihr Handwerk vollkommen beherrschten.
103. Neben dem kostbaren Schmuck stand das schlichte Gerät des Alltags.
104. Nicht alles Handwerk diente dem Prunk, vieles diente dem täglichen Leben.
105. Aus Ton fertigte man Gefäße zum Kochen, Vorräten und Aufbewahren.
106. Diese Tongefäße formte man teils mit der Hand, teils auf der Töpferscheibe.
107. Sie waren meist schlicht verziert mit eingeritzten Linien und Wellenmustern.
108. Aus Holz schnitzte man Schüsseln, Löffel und allerlei Hausrat.
109. Holzgegenstände sind im Boden jedoch meist vergangen und selten erhalten.
110. Aus Leder fertigte man Gürtel, Riemen, Beutel und Stiefel.
111. Aus Knochen und Geweih schnitzte man Werkzeuge, Pfeilspitzen und Zierat.
112. Auch das Weben und das Verarbeiten von Filz gehörten zum täglichen Handwerk.
113. Aus Schafwolle stellte man durch Walken den lebenswichtigen Filz her.
114. Diesen Filz brauchte man für die Zelte und für warme Kleidung.
115. Das Weben von Stoffen und das Nähen der Kleidung war vermutlich Sache der Frauen.
116. So teilte sich das Handwerk wohl nach Geschlecht und Aufgabe auf.
117. Die kunstvolle Metallarbeit lag dagegen in den Händen weniger Meister.
118. Solche spezialisierten Handwerker genossen wohl ein hohes Ansehen im Volk.
119. Ihr Können war selten und für die Gemeinschaft von großem Wert.
120. Nicht alle kostbaren Gegenstände stammten aus eigener Herstellung.
121. Viele Stücke gelangten durch Handel oder als Beute zu den Magyaren.
122. Auf ihren Raubzügen erbeuteten sie Gold, Silber und fertige Kunstwerke.
123. Münzen aus fremden Ländern fand man häufig in den Gräbern wieder.
124. Solche Münzen verarbeitete man oft selbst zu Schmuck oder Zierat.
125. Erbeutetes Silber schmolz man ein und schuf daraus neue, eigene Werke.
126. So vermischten sich fremde und eigene Formen in der magyarischen Kunst.
127. Byzantinische, persische und andere Einflüsse flossen in das Handwerk ein.
128. Die Magyaren nahmen Anregungen auf und formten daraus einen eigenen Stil.
129. Dieser eigene Stil der Landnahmezeit ist heute gut erkennbar und erforscht.
130. Die Forschung kann magyarische Funde von denen anderer Völker unterscheiden.
131. Bestimmte Formen des Schmucks und der Beschläge gelten als kennzeichnend.
132. Anhand solcher Funde lässt sich die Ausbreitung der Magyaren verfolgen.
133. Wo man ihre Gräber findet, dort siedelten oder zogen sie einst.
134. So wird die materielle Kultur zum Wegweiser durch die dunkle Frühgeschichte.
135. Besonders aufschlussreich sind die Unterschiede zwischen reichen und armen Gräbern.
136. Die Gräber der Vornehmen quellen über von Gold, Waffen und kostbarem Geschirr.
137. Die Gräber der Armen enthalten nur wenige schlichte Beigaben.
138. So spiegelt der Schmuck im Grab die soziale Ordnung der Lebenden wider.
139. Der Reichtum an Metall war ein sichtbares Zeichen von Macht und Rang.
140. Wer im Leben reich war, der nahm seinen Reichtum mit ins Grab.
141. Auch zwischen Männer- und Frauengräbern bestehen deutliche Unterschiede.
142. In Männergräbern überwiegen Waffen und Reitzeug.
143. In Frauengräbern überwiegen Schmuck und die Zierbeschläge der Kleidung.
144. So verraten die Beigaben sogar das Geschlecht und die Rolle der Toten.
145. Die materielle Kultur ist damit eine außerordentlich vielseitige Quelle.
146. Sie erzählt von Krieg und Reichtum, von Mann und Frau, von Kunst und Alltag.
147. Wo die Schriftquellen schweigen, da sprechen die Funde aus dem Boden.
148. Dennoch bleiben auch hier Grenzen des Wissens bestehen.
149. Vergängliche Stoffe wie Holz, Leder und Textil sind meist verloren.
150. Was die Forschung kennt, ist daher vor allem die Welt aus Metall und Stein.
151. Das Bild der materiellen Kultur ist somit notgedrungen unvollständig.
152. Vieles vom täglichen Leben bleibt für immer im Dunkeln verborgen.
153. Mit der Landnahme und der Sesshaftigkeit wandelte sich auch die materielle Kultur.
154. Die nomadische Kunst der Steppe trat allmählich zurück.
155. An ihre Stelle traten neue Formen unter christlichem und westlichem Einfluss.
156. Der heidnische Brauch der reichen Grabbeigaben verschwand mit dem Christentum.
157. Denn der christliche Glaube kannte keine Ausstattung der Toten für ein Jenseits.
158. Damit versiegte zugleich die wichtigste Quelle der Forschung.
159. Die kunstvolle Steppenkunst der Landnahmezeit blieb so ein abgeschlossenes Kapitel.
160. Sie gehört ganz der heidnischen und nomadischen Frühzeit der Ungarn an.
161. Festzuhalten bleibt das Bild einer reichen und beweglichen Handwerkskunst.
162. Sie schuf Waffen von hoher Güte für den Reiterkrieg.
163. Sie schuf kostbaren Schmuck aus Gold und Silber für Mann und Frau.
164. Sie verzierte ihre Werke mit Ranken, Palmetten und Tiergestalten.
165. Und sie fertigte daneben das schlichte Gerät des täglichen Lebens.
166. Diese Kunst war ganz auf das Tragbare und Kostbare ausgerichtet.
167. Sie verband den praktischen Zweck stets mit Schmuck und Zurschaustellung.
168. In ihr lebte das Erbe der alten Steppenkunst des Ostens fort.
169. Zugleich nahm sie fremde Einflüsse auf und formte einen eigenen Stil.
170. Dieser Stil der Landnahmezeit ist bis heute ein Kennzeichen der ungarischen Frühgeschichte.
171. Die Funde aus den Gräbern sind sein kostbarstes und beredtestes Zeugnis.
172. Sie füllen heute die Vitrinen der ungarischen Museen.
173. Dort kann man die goldenen Beschläge und die kunstvollen Säbel bewundern.
174. Sie geben dem fernen Volk der Landnehmer ein sichtbares Gesicht.
175. Aus stummen Gegenständen entsteht so das Bild einer lebendigen Kultur.
176. Jeder Schmuckbeschlag und jede Pfeilspitze erzählt ein Stück dieser Geschichte.
177. So wird die materielle Kultur zum Schlüssel des Verständnisses der Frühzeit.
178. Sie ergänzt und übertrifft oft die spärlichen schriftlichen Berichte.
179. In ihr begegnet uns das Volk der Magyaren unmittelbarer als in jedem Text.
180. Und in jedem goldenen Schläfenring und jedem geschwungenen Säbel glänzt die Steppe der Ahnen.

Familie und Geschlechterordnung: Rollen und Hierarchien

[Bearbeiten]
1. Die Magyaren der Steppenzeit schufen eine reiche und kunstvolle materielle Kultur.
2. Als materielle Kultur bezeichnet man die Gesamtheit der von Menschen gefertigten Gegenstände.
3. Dazu zählen Waffen, Schmuck, Geschirr, Kleidung und alle Dinge des täglichen Gebrauchs.
4. Diese Gegenstände verraten der Forschung viel über das Leben und Können ihrer Schöpfer.
5. Denn anders als der Glaube oder die Sprache überdauern Dinge aus Metall im Boden.
6. Die materielle Kultur ist darum die wichtigste und sicherste Quelle für die Frühzeit.
7. Was über sie bekannt ist, stammt vor allem aus den Funden der Gräber.
8. In den Gräbern legte man den Toten ihre kostbarsten Habseligkeiten bei.
9. So blieben Waffen, Schmuck und Geräte über die Jahrhunderte erhalten.
10. Die Archäologie hat zahlreiche solcher Gräber aus der Zeit der Landnahme erforscht.
11. Aus ihren Funden lässt sich das Bild einer hochstehenden Handwerkskunst gewinnen.
12. Diese Kunst war ganz auf das bewegliche Leben der Reiternomaden zugeschnitten.
13. Man fertigte vor allem Dinge, die man tragen und mit sich führen konnte.
14. Schwere und unbewegliche Gegenstände passten nicht zur nomadischen Lebensweise.
15. Darum richtete sich die ganze Kunst auf das Kleine, Tragbare und Kostbare.
16. Im Mittelpunkt des Kunsthandwerks stand die Verarbeitung der Metalle.
17. Die Magyaren waren geschickte Schmiede und Metallhandwerker.
18. Sie verarbeiteten Eisen zu Waffen und Werkzeug von hoher Güte.
19. Aus Gold und Silber schufen sie kostbaren Schmuck und Zierat.
20. Die Kunst der Metallbearbeitung hatten sie in den Steppen des Ostens erlernt.
21. Dort gab es eine lange Tradition kunstvoller Metallarbeit unter den Reitervölkern.
22. Die Magyaren standen so in der Nachfolge der alten Steppenkunst.
23. Am Anfang jeder Betrachtung steht die Waffe, das wichtigste Gerät des Kriegers.
24. Die bedeutendste Waffe der Magyaren war der zusammengesetzte Reflexbogen.
25. Dieser Bogen wurde aus Holz, Horn und Tiersehnen kunstvoll zusammengeleimt.
26. Die Schichten verschiedener Stoffe verliehen ihm seine große Spannkraft.
27. An den Enden verstärkte man den Bogen oft mit Plättchen aus Knochen oder Horn.
28. Diese Knochenplättchen blieben in den Gräbern erhalten und bezeugen den Bogenbau.
29. Der Bau eines solchen Bogens war eine langwierige und anspruchsvolle Arbeit.
30. Ein Meister brauchte oft mehrere Jahre, um einen guten Bogen zu vollenden.
31. Die Pfeile bewahrte der Krieger in einem Köcher an seiner Seite.
32. Die Pfeilspitzen aus Eisen hatten je nach Zweck verschiedene Formen.
33. Es gab schmale Spitzen zum Durchschlagen von Rüstungen und breite gegen ungeschützte Feinde.
34. Diese verschiedenen Pfeilspitzen gehören zu den häufigsten Funden in den Gräbern.
35. Die zweitwichtigste Waffe war der leicht gekrümmte Säbel.
36. Ein Säbel ist eine einschneidige Hiebwaffe mit gebogener Klinge.
37. Seine Krümmung machte ihn besonders geeignet für den Kampf vom Pferd herab.
38. Mit ihm führte der Reiter im Vorbeireiten kraftvolle Hiebe gegen den Feind.
39. Die Griffe und Scheiden der Säbel waren oft kostbar mit Metall verziert.
40. Ein reich geschmückter Säbel war zugleich Waffe und Zeichen des hohen Ranges.
41. Daneben benutzten die Krieger auch Lanzen und Streitäxte im Nahkampf.
42. Zum Schutz dienten Helme und mancherlei Formen der Rüstung.
43. Wohlhabende Krieger trugen Panzerhemden aus eng verflochtenen Eisenringen.
44. Ein solches Hemd aus Eisenringen nennt man einen Kettenpanzer.
45. Ärmere Krieger schützten sich mit Rüstungen aus Leder oder festem Filz.
46. Die Ausrüstung eines Kriegers zeigte so unmittelbar seinen Reichtum und Rang.
47. Untrennbar mit der Waffe verbunden war die Ausrüstung des Reiters und seines Pferdes.
48. Hier zeigte sich die Handwerkskunst der Magyaren in besonderer Pracht.
49. Zum Reitzeug gehörten der Sattel, die Trense und die Steigbügel.
50. Die Trense ist das Mundstück aus Metall, mit dem man das Pferd lenkt.
51. Die Steigbügel gaben dem Reiter im Sattel einen festen und sicheren Halt.
52. Erst der feste Halt in den Steigbügeln ermöglichte den treffsicheren Bogenschuss im Galopp.
53. Die Steigbügel waren daher eine der wichtigsten technischen Voraussetzungen des Reiterkrieges.
54. Das Pferdegeschirr war oft über und über mit Metallbeschlägen verziert.
55. Auf das Lederzeug nietete man kleine Plättchen aus Silber oder vergoldetem Metall.
56. Diese Zierbeschläge bildeten glänzende Muster auf dem Geschirr des Pferdes.
57. Ein prächtig geschmücktes Pferd war ein wandelndes Zeichen des Wohlstands.
58. So verband sich auch hier der praktische Zweck mit dem Schmuck und der Zurschaustellung.
59. Den Höhepunkt des Kunsthandwerks aber bildete der Schmuck.
60. Die Magyaren liebten reichen Schmuck aus Gold, Silber und Bronze.
61. Männer und Frauen trugen ihn gleichermaßen als Zier und als Zeichen des Ranges.
62. Zu den verbreitetsten Schmuckstücken gehörten Haarringe und Ohrgehänge.
63. Frauen schmückten ihr Haar mit kunstvoll gearbeiteten Ringen und Anhängern.
64. An den Schläfen trug man besondere Ringe, die sogenannten Schläfenringe.
65. Diese Schläfenringe sind ein häufiger und kennzeichnender Fund in Frauengräbern.
66. Um den Hals trug man Ketten aus Perlen, Glas und edlen Steinen.
67. An den Armen und Fingern fanden sich Armreife und Fingerringe.
68. Besonders kennzeichnend für die magyarische Tracht waren die Zierbeschläge der Kleidung.
69. Man nähte zahlreiche kleine Metallplättchen auf Gewänder und Gürtel.
70. Diese aufgenähten Plättchen bedeckten manchmal das ganze Gewand mit glänzendem Schmuck.
71. Ein so geschmücktes Gewand muss bei jeder Bewegung gefunkelt haben.
72. Eine besondere Bedeutung kam dem Gürtel des Mannes zu.
73. Der Gürtel war nicht nur praktisch, sondern auch ein wichtiges Zeichen des Standes.
74. Man beschlug ihn mit kunstvollen Platten und Anhängern aus Edelmetall.
75. An ihm hingen die Waffen, der Beutel und das tägliche Gerät des Mannes.
76. Je reicher der Gürtel beschlagen war, desto höher war der Rang seines Trägers.
77. Die Verzierung dieser Gegenstände folgte einem unverwechselbaren Stil.
78. Das vorherrschende Schmuckmotiv war das Pflanzenornament aus Ranken und Blättern.
79. Geschwungene Ranken, Palmetten und Blütenformen überzogen die Metallflächen.
80. Eine Palmette ist ein fächerförmiges Pflanzenmotiv aus der Kunst des Orients.
81. Diese Vorliebe für Pflanzenmuster verband die Magyaren mit der Kunst der Steppe.
82. Neben den Pflanzen erschienen auch Tiergestalten in der Verzierung.
83. Vögel, Greife und andere Fabelwesen bevölkerten die kleinen Kunstwerke.
84. Ein Greif ist ein Mischwesen aus Adler und Löwe aus der alten Sagenwelt.
85. Solche Tierdarstellungen wurzelten in der uralten Tierkunst der Reitervölker.
86. Diese Steppenkunst stellte Tiere oft in Kampf oder Bewegung dar.
87. Die magyarische Kunst übernahm und wandelte diese alten Bildvorstellungen ab.
88. Die Technik der Metallbearbeitung war dabei vielfältig und anspruchsvoll.
89. Man goss Schmuckstücke in Formen aus geschmolzenem Metall.
90. Man trieb Muster von der Rückseite her in dünnes Blech, sodass sie hervortraten.
91. Diese Technik des erhabenen Treibens nennt man Treibarbeit.
92. Feine Muster ritzte oder grub man mit Werkzeug in die Oberfläche ein.
93. Manche Stücke vergoldete man, um sie kostbarer erscheinen zu lassen.
94. Bei der Vergoldung überzog man Silber oder Bronze mit einer dünnen Goldschicht.
95. Hier sei eine ausschmückende Spekulation gestattet, die kein gesichertes Wissen ist.
96. Man stelle sich die Werkstatt eines magyarischen Goldschmieds im Lager vor.
97. Vielleicht hockte er vor einem kleinen Feuer und trieb mit feinen Punzen das Muster ins Silber.
98. Um ihn herum lagen Modelle, Werkzeuge und glänzende Plättchen verstreut.
99. Womöglich gab er sein Wissen nur an die eigenen Söhne weiter.
100. Doch all dies bleibt Vorstellung, denn von den Handwerkern selbst berichten die Quellen nichts.
101. Gesichert ist allein die hohe Vollendung der erhaltenen Werke.
102. Diese Werke zeugen von Meistern, die ihr Handwerk vollkommen beherrschten.
103. Neben dem kostbaren Schmuck stand das schlichte Gerät des Alltags.
104. Nicht alles Handwerk diente dem Prunk, vieles diente dem täglichen Leben.
105. Aus Ton fertigte man Gefäße zum Kochen, Vorräten und Aufbewahren.
106. Diese Tongefäße formte man teils mit der Hand, teils auf der Töpferscheibe.
107. Sie waren meist schlicht verziert mit eingeritzten Linien und Wellenmustern.
108. Aus Holz schnitzte man Schüsseln, Löffel und allerlei Hausrat.
109. Holzgegenstände sind im Boden jedoch meist vergangen und selten erhalten.
110. Aus Leder fertigte man Gürtel, Riemen, Beutel und Stiefel.
111. Aus Knochen und Geweih schnitzte man Werkzeuge, Pfeilspitzen und Zierat.
112. Auch das Weben und das Verarbeiten von Filz gehörten zum täglichen Handwerk.
113. Aus Schafwolle stellte man durch Walken den lebenswichtigen Filz her.
114. Diesen Filz brauchte man für die Zelte und für warme Kleidung.
115. Das Weben von Stoffen und das Nähen der Kleidung war vermutlich Sache der Frauen.
116. So teilte sich das Handwerk wohl nach Geschlecht und Aufgabe auf.
117. Die kunstvolle Metallarbeit lag dagegen in den Händen weniger Meister.
118. Solche spezialisierten Handwerker genossen wohl ein hohes Ansehen im Volk.
119. Ihr Können war selten und für die Gemeinschaft von großem Wert.
120. Nicht alle kostbaren Gegenstände stammten aus eigener Herstellung.
121. Viele Stücke gelangten durch Handel oder als Beute zu den Magyaren.
122. Auf ihren Raubzügen erbeuteten sie Gold, Silber und fertige Kunstwerke.
123. Münzen aus fremden Ländern fand man häufig in den Gräbern wieder.
124. Solche Münzen verarbeitete man oft selbst zu Schmuck oder Zierat.
125. Erbeutetes Silber schmolz man ein und schuf daraus neue, eigene Werke.
126. So vermischten sich fremde und eigene Formen in der magyarischen Kunst.
127. Byzantinische, persische und andere Einflüsse flossen in das Handwerk ein.
128. Die Magyaren nahmen Anregungen auf und formten daraus einen eigenen Stil.
129. Dieser eigene Stil der Landnahmezeit ist heute gut erkennbar und erforscht.
130. Die Forschung kann magyarische Funde von denen anderer Völker unterscheiden.
131. Bestimmte Formen des Schmucks und der Beschläge gelten als kennzeichnend.
132. Anhand solcher Funde lässt sich die Ausbreitung der Magyaren verfolgen.
133. Wo man ihre Gräber findet, dort siedelten oder zogen sie einst.
134. So wird die materielle Kultur zum Wegweiser durch die dunkle Frühgeschichte.
135. Besonders aufschlussreich sind die Unterschiede zwischen reichen und armen Gräbern.
136. Die Gräber der Vornehmen quellen über von Gold, Waffen und kostbarem Geschirr.
137. Die Gräber der Armen enthalten nur wenige schlichte Beigaben.
138. So spiegelt der Schmuck im Grab die soziale Ordnung der Lebenden wider.
139. Der Reichtum an Metall war ein sichtbares Zeichen von Macht und Rang.
140. Wer im Leben reich war, der nahm seinen Reichtum mit ins Grab.
141. Auch zwischen Männer- und Frauengräbern bestehen deutliche Unterschiede.
142. In Männergräbern überwiegen Waffen und Reitzeug.
143. In Frauengräbern überwiegen Schmuck und die Zierbeschläge der Kleidung.
144. So verraten die Beigaben sogar das Geschlecht und die Rolle der Toten.
145. Die materielle Kultur ist damit eine außerordentlich vielseitige Quelle.
146. Sie erzählt von Krieg und Reichtum, von Mann und Frau, von Kunst und Alltag.
147. Wo die Schriftquellen schweigen, da sprechen die Funde aus dem Boden.
148. Dennoch bleiben auch hier Grenzen des Wissens bestehen.
149. Vergängliche Stoffe wie Holz, Leder und Textil sind meist verloren.
150. Was die Forschung kennt, ist daher vor allem die Welt aus Metall und Stein.
151. Das Bild der materiellen Kultur ist somit notgedrungen unvollständig.
152. Vieles vom täglichen Leben bleibt für immer im Dunkeln verborgen.
153. Mit der Landnahme und der Sesshaftigkeit wandelte sich auch die materielle Kultur.
154. Die nomadische Kunst der Steppe trat allmählich zurück.
155. An ihre Stelle traten neue Formen unter christlichem und westlichem Einfluss.
156. Der heidnische Brauch der reichen Grabbeigaben verschwand mit dem Christentum.
157. Denn der christliche Glaube kannte keine Ausstattung der Toten für ein Jenseits.
158. Damit versiegte zugleich die wichtigste Quelle der Forschung.
159. Die kunstvolle Steppenkunst der Landnahmezeit blieb so ein abgeschlossenes Kapitel.
160. Sie gehört ganz der heidnischen und nomadischen Frühzeit der Ungarn an.
161. Festzuhalten bleibt das Bild einer reichen und beweglichen Handwerkskunst.
162. Sie schuf Waffen von hoher Güte für den Reiterkrieg.
163. Sie schuf kostbaren Schmuck aus Gold und Silber für Mann und Frau.
164. Sie verzierte ihre Werke mit Ranken, Palmetten und Tiergestalten.
165. Und sie fertigte daneben das schlichte Gerät des täglichen Lebens.
166. Diese Kunst war ganz auf das Tragbare und Kostbare ausgerichtet.
167. Sie verband den praktischen Zweck stets mit Schmuck und Zurschaustellung.
168. In ihr lebte das Erbe der alten Steppenkunst des Ostens fort.
169. Zugleich nahm sie fremde Einflüsse auf und formte einen eigenen Stil.
170. Dieser Stil der Landnahmezeit ist bis heute ein Kennzeichen der ungarischen Frühgeschichte.
171. Die Funde aus den Gräbern sind sein kostbarstes und beredtestes Zeugnis.
172. Sie füllen heute die Vitrinen der ungarischen Museen.
173. Dort kann man die goldenen Beschläge und die kunstvollen Säbel bewundern.
174. Sie geben dem fernen Volk der Landnehmer ein sichtbares Gesicht.
175. Aus stummen Gegenständen entsteht so das Bild einer lebendigen Kultur.
176. Jeder Schmuckbeschlag und jede Pfeilspitze erzählt ein Stück dieser Geschichte.
177. So wird die materielle Kultur zum Schlüssel des Verständnisses der Frühzeit.
178. Sie ergänzt und übertrifft oft die spärlichen schriftlichen Berichte.
179. In ihr begegnet uns das Volk der Magyaren unmittelbarer als in jedem Text.
180. Und in jedem goldenen Schläfenring und jedem geschwungenen Säbel glänzt die Steppe der Ahnen.