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Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Die Ursprünge der Ungarn 6

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Die Geschichte Ungarns - 6. - Die Ursprünge der Ungarn
Theorien und Quellen
DIE GESCHICHTE UNGARNS
Frühmittelalter und Ethnogenese

Die Ursprünge der Ungarn: Theorien und Quellen

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1. Die Frage nach den Ursprüngen der Ungarn gehört zu den faszinierendsten und zugleich schwierigsten Gegenständen der mittelalterlichen Geschichtsforschung.
2. Sie ist deshalb so faszinierend, weil sie einen Bogen über mehrere Jahrtausende spannt und von den Wäldern Sibiriens bis in die Pannonische Tiefebene führt.
3. Sie ist deshalb so schwierig, weil die Ungarn der Frühzeit selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen und ihre Vorgeschichte sich nur indirekt erschließen lässt.
4. Dieses Kapitel widmet sich der Frage, welche Wege die Forschung gegangen ist, um sich diesen Ursprüngen anzunähern.
5. Es geht dabei nicht um die Landnahme selbst, die Gegenstand des folgenden Kapitels ist, sondern um die ihr vorausgehende lange Geschichte des Volkes.
6. Und es geht zugleich um eine grundsätzlichere Frage, nämlich wie die Wissenschaft eine Vergangenheit rekonstruiert, die in keiner einzigen Quelle vollständig überliefert ist.
7. Der Begriff der Ursprünge ist dabei mit Vorsicht zu gebrauchen, denn er suggeriert einen festen Anfangspunkt, den es in der Wirklichkeit so nicht gegeben hat.
8. Ein Volk entsteht nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern bildet sich in einem langen Prozess aus verschiedenen Bestandteilen heraus.
9. Dieser Prozess der Volksbildung wird in der Forschung als Ethnogenese bezeichnet und steht im Mittelpunkt der modernen Betrachtung.
10. Anstelle eines einzigen Ursprungs sucht die Forschung daher nach den Bestandteilen, aus denen sich das ungarische Volk im Laufe der Zeit zusammensetzte.
11. Zur Klärung dieser Frage stehen ihr fünf grundsätzlich verschiedene Quellengattungen zur Verfügung, die in den folgenden Abschnitten einzeln behandelt werden.
12. Die erste Quellengattung ist die archäologische Evidenz, also die Gesamtheit der materiellen Hinterlassenschaften, die der Boden bewahrt.
13. Gräber, Siedlungen, Waffen, Schmuck und Werkzeuge zeichnen ein Bild der Lebensweise, das keine andere Quelle in dieser Anschaulichkeit liefert.
14. Besonders die landnahmezeitlichen Gräber des Karpatenbeckens mit ihren reichen Beigaben und der charakteristischen Pferdebeisetzung sind ein Schlüssel zur ungarischen Frühgeschichte.
15. Die zweite Quellengattung sind die schriftlichen Berichte, die fremde Beobachter über die Ungarn hinterlassen haben.
16. Byzantinische Verfasser wie Kaiser Konstantin VII. und arabisch-persische Geographen wie Ibn Rusta und Gardizi liefern hier die ergiebigsten Auskünfte.
17. Diese Berichte überliefern Namen, politische Verhältnisse und Wohnsitze, die in den stummen Funden naturgemäß fehlen.
18. Die dritte Quellengattung ist die Sprache selbst, deren Bau und Wortschatz die ferne Herkunft eines Volkes bewahren.
19. Die vergleichende Sprachwissenschaft hat zweifelsfrei gezeigt, dass das Ungarische zur finno-ugrischen Familie gehört und seine Wurzeln in der eurasischen Waldzone hat.
20. Die vierte Quellengattung ist die genetische Untersuchung der Skelette aus alter Zeit, die seit wenigen Jahrzehnten ganz neue Einblicke ermöglicht.
21. Die Archäogenetik kann reale Wanderungen von Menschen nachweisen und das Verhältnis von Einwanderern und Einheimischen quantitativ abschätzen.
22. Die fünfte Quellengattung schließlich ist die mythologische und legendäre Überlieferung des Volkes selbst, wie sie in den mittelalterlichen Chroniken aufgezeichnet wurde.
23. Sie berichtet von Árpád und dem Bund der Stammesführer, vom Turul und vom listigen Erwerb des Landes, und sie zeigt, wie das Volk seine eigene Herkunft deutete.
24. Diese fünf Zugänge sind nicht austauschbar, denn jeder beleuchtet einen anderen Strang der ungarischen Vorgeschichte.
25. Die Archäologie liefert die materielle Kultur, die Texte das politische Geschehen, die Sprache die ferne Herkunft, die Gene die biologische Abstammung, die Sagen das Selbstverständnis.
26. Erst aus dem Zusammenspiel aller fünf Zugänge ergibt sich ein tragfähiges Gesamtbild, das keine einzelne Disziplin allein erbringen könnte.
27. Dieses Zusammenspiel ist zugleich das wichtigste methodische Kennzeichen der modernen Forschung zur ungarischen Frühgeschichte.
28. Es löst die ältere Vorstellung ab, nach der eine einzige Quellengattung den Schlüssel zur ganzen Frage liefern könne.
29. Schon hier sei ein Ergebnis vorweggenommen, das die folgenden Abschnitte im Einzelnen entfalten werden.
30. Die Ungarn waren kein einheitliches Volk, das aus einer einzigen Urheimat in das Karpatenbecken einwanderte, sondern ein Verband gemischter Herkunft.
31. Eine sprachlich finno-ugrische Bevölkerung gelangte in die südrussische Steppe, übernahm dort die nomadische Lebensweise und vermischte sich mit Türkvölkern.
32. Diese gemischte Bevölkerung wanderte unter dem Druck der Petschenegen ins Karpatenbecken und traf dort auf eine zahlreiche einheimische Mehrheit.
33. Aus dem langen Zusammenwirken dieser Bestandteile ging das mittelalterliche und schließlich das heutige ungarische Volk hervor.
34. Diese vorweggenommene Skizze ist freilich kein Ersatz für die folgenden Abschnitte, die jeden einzelnen Strang ausführlich zu prüfen haben.
35. Denn jede der fünf Quellengattungen besitzt eigene Stärken und Schwächen, eigene Methoden und eigene Grenzen.
36. Die Stärken liegen dort, wo eine Disziplin Antworten gibt, die keine andere zu liefern vermag.
37. Die Schwächen liegen dort, wo eine Disziplin an die Grenzen ihrer Aussagekraft stößt und auf die Hilfe der anderen angewiesen ist.
38. Eine sorgfältige Darstellung muss daher beides zeigen, das Leistbare und das Unleistbare jeder einzelnen Quelle.
39. Zugleich verlangt sie, jede Quelle der Quellenkritik zu unterziehen, also der methodischen Prüfung auf Herkunft, Absicht und Zuverlässigkeit.
40. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die strikte Trennung von Sprache, Kultur und biologischer Abstammung.
41. Diese drei Ebenen können bei einem Volk auseinanderfallen und gehen tatsächlich bei den Ungarn auf bemerkenswerte Weise auseinander.
42. Die Sprache verweist nach Norden in die Wälder, die materielle Kultur nach Süden in die Steppe, das heutige Erbgut auf Mitteleuropa.
43. Diese scheinbaren Widersprüche lösen sich auf, sobald man Wanderung, Sprachwechsel und Vermischung als historische Vorgänge in Rechnung stellt.
44. Eben dieses Auseinandertreten der drei Ebenen ist die wohl wichtigste methodische Einsicht der ungarischen Frühgeschichtsforschung.
45. Die Quellenlage bringt es mit sich, dass nicht alle Fragen mit gleicher Sicherheit beantwortet werden können.
46. Manche Ergebnisse stehen auf festem Grund, weil mehrere unabhängige Quellen sie übereinstimmend stützen.
47. Andere bleiben umstritten, weil die Quellen lückenhaft sind oder einander widersprechen, und sie werden im letzten Abschnitt eigens betrachtet.
48. Dieses Kapitel zeichnet daher kein einfaches Bild, sondern ein vielschichtiges, dessen Hauptzüge gesichert und dessen Einzelheiten teils noch offen sind.
49. Es führt den Leser durch die fünf Quellengattungen und schließt mit einer Bilanz der Kontroversen und offenen Fragen, die der Forschung erhalten geblieben sind.
50. Am Ende soll deutlich werden, was die Wissenschaft über die Ursprünge der Ungarn heute mit Recht zu wissen beansprucht und wo sie sich, mit guten Gründen, der Antwort enthält.

Archäologische Evidenz: Was die Funde zeigen

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1. Die Frage nach den Ursprüngen der Ungarn lässt sich nicht allein aus schriftlichen Quellen beantworten, sondern verlangt den Einbezug der materiellen Hinterlassenschaften, die der Spaten der Archäologen freilegt.
2. Archäologische Evidenz bezeichnet die Gesamtheit der Funde und Befunde, die durch Ausgrabungen, Geländebegehungen und naturwissenschaftliche Analysen gewonnen werden und Rückschlüsse auf vergangene Gesellschaften erlauben.
3. Anders als ein Schriftzeugnis, das eine bestimmte Absicht verfolgt, ist ein archäologischer Fund zunächst stumm und gewinnt seine Aussagekraft erst durch Vergleich, Datierung und Einordnung in einen größeren Zusammenhang.
4. Gerade für die Frühgeschichte der Ungarn besitzt die Archäologie ein besonderes Gewicht, da die Magyaren selbst vor dem 10. Jahrhundert keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen.
5. Die wichtigsten Fundgattungen sind Gräber und Gräberfelder, Siedlungsreste, Einzelfunde von Waffen und Schmuck sowie die Spuren von Werkstätten und Handwerksbetrieben.
6. Unter diesen nehmen die Bestattungen den ersten Rang ein, weil Nomadenvölker der eurasischen Steppe ihre Toten mit reichen Beigaben ausstatteten und dadurch ganze Ausschnitte ihrer Sachkultur konservierten.
7. Ein Grab überliefert nicht nur Gegenstände, sondern auch Informationen über Bestattungssitten, soziale Stellung, Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand der bestatteten Person.
8. Die Methode, mit der archäologische Funde einer bestimmten Bevölkerung zugeordnet werden, nennt man die Bildung von Kulturen oder Kulturgruppen, also die Zusammenfassung wiederkehrender Fundkombinationen zu einer Einheit.
9. Diese Methode ist nützlich, birgt aber eine grundsätzliche Schwierigkeit: Eine archäologische Kultur ist nicht zwangsläufig identisch mit einem Volk, einer Sprache oder einer ethnischen Gruppe.
10. Gleichartige Gegenstände können durch Handel, Nachahmung, Heirat oder Geschenktausch verbreitet werden, ohne dass dahinter eine Wanderung von Menschen steht.
11. Diese Erkenntnis, in der Forschung seit Jahrzehnten diskutiert, mahnt zur Vorsicht bei jedem Versuch, Funde unmittelbar mit den frühen Ungarn gleichzusetzen.
12. Dennoch bietet die Archäologie eine Reihe von Anhaltspunkten, die in der Zusammenschau ein Bild der ungarischen Frühgeschichte ermöglichen.
13. Der zentrale und am besten erforschte Fundkomplex ist das archäologische Material der Landnahmezeit, also der Jahrzehnte um und nach 895 nach Christus im Karpatenbecken.
14. Die Landnahmezeit bezeichnet jenen Abschnitt, in dem die magyarischen Stammesverbände unter der Führung des Fürsten Árpád das Karpatenbecken in Besitz nahmen und sich dort dauerhaft niederließen.
15. Aus dieser Zeit sind im heutigen Ungarn und in den Nachbarländern mehrere tausend Gräber bekannt, die ein verhältnismäßig einheitliches Erscheinungsbild aufweisen.
16. Charakteristisch für die landnahmezeitlichen Bestattungen ist die enge Verbindung von Mensch und Pferd, die sich in einer besonderen Grabsitte niederschlägt.
17. Häufig wurde dem Toten ein Pferd ins Grab mitgegeben, allerdings meist nicht der vollständige Tierkörper, sondern nur Schädel und Beine.
18. Diese Sitte erklärt sich daraus, dass die Haut des Pferdes mit den daran belassenen Schädel- und Beinknochen über einer Holzkonstruktion ausgebreitet wurde, während das Fleisch beim Totenmahl verzehrt wurde.
19. Dieser sogenannte symbolische oder partielle Pferdebeigabenritus gilt als eines der deutlichsten Erkennungsmerkmale landnahmezeitlicher Gräber.
20. Neben den Pferdeknochen finden sich in den Gräbern die zugehörigen Ausrüstungsteile, vor allem Trensen, Steigbügel und Sattelbeschläge.
21. Der Steigbügel ist dabei von besonderer Bedeutung, denn er ermöglichte dem Reiter einen festen Halt und damit den Einsatz von Bogen und Lanze vom Pferd aus.
22. Die Form der landnahmezeitlichen Steigbügel mit ihrer charakteristischen birnenförmigen Bügelöffnung lässt sich gut von älteren awarischen Typen unterscheiden.
23. Zu den auffälligsten Funden gehören die Beschläge, also kleine, meist aus Silber oder vergoldetem Kupfer getriebene Zierplatten, die Gürtel, Taschen und Pferdegeschirr schmückten.
24. Diese Beschläge tragen häufig ein Pflanzenornament, das in der Forschung als Palmettenstil bezeichnet wird.
25. Die Palmette ist ein fächerförmiges, aus stilisierten Blättern aufgebautes Ornament, dessen Wurzeln in der Kunst des Vorderen Orients und der eurasischen Steppe liegen.
26. Der Palmettenstil gilt als ein verbindendes Merkmal der landnahmezeitlichen Kunst und erlaubt es, das ungarische Material von der Kunst der umgebenden Völker abzugrenzen.
27. Eine herausgehobene Fundgattung sind die sogenannten Taschenplatten, einteilige Metallplatten, die die Vorderseite einer am Gürtel getragenen Ledertasche bedeckten.
28. Solche reich verzierten Taschenplatten sind ein nahezu ausschließlich auf den ungarischen Kulturkreis beschränkter Fundtyp und gelten als Statussymbol der vornehmen Krieger.
29. Die bekannteste dieser Platten stammt aus dem Gräberfeld von Galgóc, dem heutigen Hlohovec in der Slowakei, und zeigt ein dichtes, symmetrisch aufgebautes Palmettengeflecht.
30. Zur Bewaffnung der landnahmezeitlichen Krieger gehörte vor allem der Reflexbogen, eine aus Holz, Horn und Sehnen zusammengesetzte Waffe von großer Durchschlagskraft.
31. Vom Bogen selbst sind im Boden meist nur die knöchernen Versteifungsplatten erhalten, da das organische Material vergeht; aus ihrer Lage lässt sich die ursprüngliche Größe der Waffe rekonstruieren.
32. Als Nahkampfwaffe diente der Säbel, eine einschneidige, leicht gekrümmte Hiebwaffe, die der gerade Schwerttyp der westeuropäischen Krieger nicht aufwies.
33. Der Säbel von Nagyszentmiklós und vergleichbare Prachtexemplare zeigen, dass diese Waffen auch repräsentativen Zwecken dienten und mit kostbaren Beschlägen versehen waren.
34. Streitäxte, Lanzenspitzen und dreiflügelige Pfeilspitzen ergänzen das Bild eines auf berittenen Fernkampf spezialisierten Kriegervolkes.
35. Der Schmuck der Frauengräber umfasst Ohrgehänge, Halsketten aus Glas- und Bergkristallperlen, Armringe und vor allem die typischen Haarringe mit S-förmigem Ende.
36. Diese Haarringe mit S-Ende sind ein weitverbreiteter Fundtyp, der allerdings nicht ausschließlich den Ungarn zugeordnet werden kann, da er auch im slawischen Raum vorkommt.
37. Hier zeigt sich erneut die methodische Schwierigkeit, einzelne Gegenstände als sicheren ethnischen Indikator zu verwenden.
38. Eine besondere Frauentracht der Oberschicht bildeten Kleider, deren Stoff mit zahlreichen kleinen, aufgenähten Silberbeschlägen besetzt war, die bei der Ausgrabung als Streufunde im Grab erscheinen.
39. Die Gräber der Landnahmezeit lassen sich nach ihrer Ausstattung in deutlich unterscheidbare soziale Schichten gliedern.
40. Reich ausgestattete Einzelgräber oder kleine Grabgruppen mit Pferdebeigabe, Waffen und Edelmetallschmuck werden der kriegerischen Führungsschicht zugeschrieben.
41. Daneben stehen große Gräberfelder mit Hunderten von Bestattungen und vergleichsweise einfacher Ausstattung, die als Begräbnisplätze der breiten, dienenden Bevölkerung gelten.
42. Diese großen Gräberfelder werden in der ungarischen Forschung als Bjelo-Brdo-Kultur bezeichnet, benannt nach einem Fundort in Kroatien.
43. Die Bjelo-Brdo-Kultur datiert in das 10. und 11. Jahrhundert und umfasst eine Bevölkerung gemischter Herkunft, in der magyarische und slawische Elemente verschmolzen.
44. Das Nebeneinander reicher Reitergräber und einfacher Gräberfelder spiegelt eine deutlich geschichtete Gesellschaft wider, die nicht aus einem einheitlichen Volk bestand.
45. Damit liefert die Archäologie ein wichtiges Korrektiv gegenüber der älteren Vorstellung von einem geschlossenen, homogenen Eroberervolk.
46. So aussagekräftig das landnahmezeitliche Material ist, so schwierig gestaltet sich die Suche nach archäologischen Spuren der Ungarn vor ihrer Ankunft im Karpatenbecken.
47. Diese Suche führt in die weiten Steppengebiete Osteuropas und in die Waldsteppe östlich des Uralgebirges, also in die vermuteten Urheimats- und Wanderräume des Volkes.
48. Das Grundproblem besteht darin, dass die Magyaren während ihrer Wanderung kein eigenes, unverwechselbares Fundbild hinterließen, das sich von dem anderer Steppenvölker klar abheben würde.
49. Nomadische Kulturen der Steppe glichen sich in Bewaffnung, Pferdegeschirr und Lebensweise stark an, sodass eine ethnische Zuordnung der Funde besonders unsicher ist.
50. Ein wichtiger Bezugspunkt der Forschung ist der Fundort Bolschije Tigani an der Kama, einem Nebenfluss der Wolga im heutigen Tatarstan.
51. Das dortige Gräberfeld zeigt Bestattungssitten und Fundtypen, die mit dem landnahmezeitlichen Material des Karpatenbeckens auffällige Übereinstimmungen aufweisen.
52. Insbesondere die teilweise Pferdebeigabe und bestimmte Schmuckformen verbinden Bolschije Tigani mit der späteren ungarischen Kultur.
53. Viele Forscher bringen dieses Gräberfeld mit jener Gruppe in Verbindung, die in mittelalterlichen Quellen als die im Osten zurückgebliebenen Ungarn erscheint.
54. Diese östlichen Ungarn werden mit dem Gebiet Magna Hungaria gleichgesetzt, der Großen Ungarn genannten ursprünglichen Heimat in der Wolga-Kama-Region.
55. Im 13. Jahrhundert reiste der ungarische Dominikanermönch Julianus in dieses Gebiet und berichtete, dort eine Bevölkerung angetroffen zu haben, deren Sprache er verstehen konnte.
56. Die Funde von Bolschije Tigani gelten manchen Forschern als archäologische Bestätigung dieser Überlieferung, doch ist diese Deutung nicht unumstritten.
57. Weiter südlich, im Raum zwischen Don und Dnjepr, sucht die Forschung nach Spuren jener Etappe, die in den Quellen Etelköz genannt wird.
58. Etelköz bezeichnet das Siedlungsgebiet der Ungarn unmittelbar vor der Landnahme, vermutlich in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres.
59. Eindeutig den Ungarn zuzuweisende Fundkomplexe aus Etelköz fehlen jedoch weitgehend, was die Rekonstruktion dieser Phase erschwert.
60. Eine mögliche Erklärung ist der kurze Aufenthalt: Die Ungarn verweilten dort nur wenige Jahrzehnte und hinterließen entsprechend wenige dauerhafte Spuren.
61. Eine andere Erklärung lautet, dass ihre Funde im allgemeinen Fundbild der osteuropäischen Steppenvölker aufgehen und sich nicht isolieren lassen.
62. Eine wichtige Rolle in der Diskussion spielt das Verhältnis der frühen Ungarn zum Reich der Chasaren.
63. Die Chasaren waren ein Steppenvolk türkischer Herkunft, das vom 7. bis ins 10. Jahrhundert ein mächtiges Reich zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer beherrschte.
64. Die materielle Kultur dieses Raumes wird in der Archäologie als Saltovo-Majaki-Kultur bezeichnet, benannt nach zwei Fundorten in der heutigen Ukraine und in Russland.
65. Die Saltovo-Majaki-Kultur umfasst Funde aus dem 8. bis 10. Jahrhundert und gilt als materieller Ausdruck des chasarischen Herrschaftsraumes.
66. Zahlreiche Elemente der landnahmezeitlichen ungarischen Sachkultur, etwa bestimmte Gürtelbeschläge und Waffenformen, lassen sich auf Vorbilder dieser Kultur zurückführen.
67. Daraus schließt die Forschung, dass die Ungarn während ihres Aufenthalts in der südrussischen Steppe in engem Kontakt zum chasarischen Reich standen und dessen Kultur in sich aufnahmen.
68. Schriftliche Quellen bestätigen diesen Kontakt, indem sie von einer zeitweiligen Abhängigkeit der Ungarn von den Chasaren berichten.
69. Die Archäologie liefert hier also keinen Nachweis einer Wanderung, wohl aber ein Zeugnis kultureller Prägung und Übernahme.
70. Ein weiterer Forschungsstrang verfolgt die finno-ugrische Wurzel der Ungarn anhand der materiellen Kultur der Waldzone östlich des Urals und im westsibirischen Tiefland.
71. Dort lebten in vorgeschichtlicher Zeit Bevölkerungsgruppen, deren Sprachen mit dem Ungarischen verwandt sind, darunter die Vorfahren der heutigen Chanten und Mansen.
72. Die archäologischen Hinterlassenschaften dieser Waldvölker, geprägt von Jagd und Fischfang, unterscheiden sich jedoch grundlegend von der späteren Reiternomadenkultur der Ungarn.
73. Hier offenbart sich eine zentrale Spannung der ungarischen Frühgeschichte: Die Sprache verweist nach Norden in die Wälder, die materielle Kultur jedoch nach Süden in die Steppe.
74. Die Auflösung dieser Spannung sucht die Forschung in einem langen Wanderungs- und Wandlungsprozess.
75. Demnach lösten sich die sprachlichen Vorfahren der Ungarn aus der Waldzone, gelangten in die Steppe und übernahmen dort die nomadische Lebensweise samt der zugehörigen Sachkultur.
76. Die Archäologie kann diesen Übergang nur in groben Umrissen nachzeichnen, da die Funde keine durchgehende, lückenlose Kette bilden.
77. Ein Hilfsmittel der Forschung sind Vergleiche der Bestattungssitten über große Räume hinweg, da Grabsitten oft langlebig und gruppenspezifisch sind.
78. Die teilweise Pferdebeigabe etwa lässt sich von der Wolga-Kama-Region bis ins Karpatenbecken verfolgen und bildet einen verbindenden Faden.
79. Solche Vergleiche stützen die Annahme einer Wanderung aus dem Osten, ohne deren genauen Verlauf und Zeitrahmen sicher festlegen zu können.
80. Die Datierung der Funde erfolgt teils über Münzen, teils über typologische Vergleiche, teils über naturwissenschaftliche Verfahren wie die Radiokarbonmethode.
81. Die Radiokarbonmethode bestimmt das Alter organischer Stoffe anhand des Zerfalls des Kohlenstoffisotops C-14 und liefert für die Frühgeschichte wertvolle, wenn auch mit Unsicherheiten behaftete Zeitangaben.
82. Münzen sind besonders aussagekräftig, da sie sich oft genau datieren lassen und in den Gräbern als Beigabe oder Schmuck erscheinen.
83. In landnahmezeitlichen Gräbern finden sich häufig arabische Dirhems, also Silbermünzen aus dem islamischen Raum, die über Fernhandelswege in die Steppe gelangten.
84. Das Vorkommen solcher Münzen belegt die Einbindung der Ungarn in weiträumige Handelsnetze, die von Mittelasien bis nach Skandinavien reichten.
85. Westeuropäische Münzen aus dem 10. Jahrhundert in ungarischen Gräbern wiederum lassen sich als Beute oder Tribut aus den Raubzügen jener Zeit deuten.
86. Die Streifzüge der Ungarn nach Westen, die das 10. Jahrhundert prägten, haben somit auch ein archäologisches Echo hinterlassen.
87. Ein wichtiges methodisches Werkzeug der jüngeren Forschung ist die naturwissenschaftliche Analyse von Knochen und Zähnen aus den Gräbern.
88. Die Untersuchung stabiler Isotope etwa erlaubt Rückschlüsse auf Ernährung und Herkunftsregion der bestatteten Personen.
89. Das Verhältnis bestimmter Strontiumisotope im Zahnschmelz spiegelt die geologische Beschaffenheit jener Region wider, in der ein Mensch seine Kindheit verbrachte.
90. Weicht dieser Wert von der lokalen geologischen Signatur ab, deutet dies darauf hin, dass die Person zugewandert ist.
91. Solche Analysen an landnahmezeitlichen Gräbern haben gezeigt, dass tatsächlich ein Teil der Bestatteten nicht im Karpatenbecken aufgewachsen war.
92. Damit liefert die Naturwissenschaft einen unabhängigen Hinweis auf eine reale Zuwanderung und stützt die Wanderungshypothese.
93. Zugleich zeigt sich, dass ein anderer Teil der in landnahmezeitlichen Gräbern Bestatteten durchaus aus dem Karpatenbecken selbst stammte.
94. Dies verweist auf die einheimische Bevölkerung, die schon vor der Ankunft der Ungarn im Land lebte.
95. Vor der Landnahme war das Karpatenbecken keineswegs menschenleer, sondern von Slawen, Resten der awarischen Bevölkerung und weiteren Gruppen besiedelt.
96. Die Archäologie weist diese ältere Bevölkerung durch ihre eigenen Siedlungen, Gräberfelder und Keramikformen nach.
97. Die Frage, in welchem Zahlenverhältnis die eindringenden Ungarn zur vorgefundenen Bevölkerung standen, gehört zu den umstrittensten der Forschung.
98. Ältere Schätzungen schwankten erheblich, doch die archäologischen und naturwissenschaftlichen Befunde sprechen für eine zahlenmäßig deutlich überlegene einheimische Bevölkerung.
99. Die Ungarn bildeten demnach eine herrschende Minderheit, die der einheimischen Mehrheit ihre Sprache und politische Ordnung aufprägte.
100. Dieser Vorgang, bei dem eine erobernde Minderheit ihre Sprache durchsetzt, wird in der Forschung als Elitendominanz bezeichnet.
101. Die Archäologie kann das Modell der Elitendominanz stützen, indem sie das Nebeneinander einer kleinen reichen Kriegerschicht und einer breiten einfachen Bevölkerung sichtbar macht.
102. Ein eigenes Kapitel der Forschung bilden die Siedlungsfunde, die im Vergleich zu den Gräbern lange vernachlässigt wurden.
103. Gräber überliefern den Tod und die Repräsentation, Siedlungen hingegen den Alltag und die Wirtschaft der Lebenden.
104. Aus landnahmezeitlichen Siedlungen sind Grubenhäuser bekannt, also teilweise in den Boden eingetiefte Wohnbauten mit einfacher Holzkonstruktion.
105. Solche Grubenhäuser deuten auf eine zumindest teilweise sesshafte Lebensweise hin und stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Bild des reinen Reiternomaden.
106. Die Forschung geht heute davon aus, dass die Ungarn schon vor der Landnahme eine halbnomadische Lebensweise pflegten, die Viehzucht mit Ackerbau verband.
107. Halbnomadismus bezeichnet eine Wirtschaftsform, bei der ein Teil der Bevölkerung mit den Herden zwischen festen Weideplätzen wandert, während Ackerbau und feste Stützpunkte fortbestehen.
108. Funde von Sicheln, Mahlsteinen und verkohlten Getreidekörnern in landnahmezeitlichen Zusammenhängen belegen, dass Ackerbau betrieben wurde.
109. Damit korrigiert die Archäologie das ältere, von romantischen Vorstellungen geprägte Bild des ausschließlich reitenden und plündernden Steppenkriegers.
110. Die Keramik der Landnahmezeit, meist auf der langsam drehenden Töpferscheibe gefertigt und mit Wellenlinien verziert, gehört zu den häufigsten Siedlungsfunden.
111. Keramik ist für die Archäologie besonders wertvoll, da sie kaum vergeht, in großen Mengen anfällt und sich regional wie zeitlich gut gliedern lässt.
112. Allerdings ähnelt die landnahmezeitliche Gebrauchskeramik stark der slawischen Keramik der Region, was ihre ethnische Zuordnung erschwert.
113. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich die einwandernde und die einheimische Bevölkerung im Alltag rasch annäherten und vermischten.
114. Zur materiellen Kultur der frühen Ungarn gehört auch das Handwerk, das sich in den Spuren von Schmieden, Gießern und Edelmetallverarbeitern niederschlägt.
115. Die kunstvollen Beschläge des Palmettenstils setzen erfahrene Werkstätten voraus, deren genaue Lokalisierung der Forschung bislang nur teilweise gelungen ist.
116. Manche Forscher vermuten, dass solche Werkstätten an die Höfe der Stammesführer gebunden waren und für deren Gefolgschaft produzierten.
117. Die Verbreitung gleichartiger Beschläge über weite Gebiete des Karpatenbeckens lässt sich als Ausdruck eines gemeinsamen, von der Führungsschicht getragenen Geschmacks deuten.
118. Ein Sonderfall der Überlieferung sind die sogenannten Schatzfunde, also absichtlich vergrabene oder verlorene Ansammlungen wertvoller Gegenstände.
119. Solche Funde, wie der berühmte Goldschatz von Nagyszentmiklós, werfen eigene Datierungs- und Zuordnungsprobleme auf, da ihr Fundzusammenhang oft nicht dokumentiert ist.
120. Der Schatz von Nagyszentmiklós wird teils awarischer, teils bulgarischer, teils ungarischer Herkunft zugeschrieben, was die Schwierigkeit ethnischer Deutungen anschaulich macht.
121. An solchen Beispielen zeigt sich, dass auch prachtvolle Einzelfunde nur unter Vorbehalt für historische Schlussfolgerungen herangezogen werden können.
122. Die Geschichte der ungarischen Frühmittelalterarchäologie selbst ist eng mit der Entwicklung des nationalen Bewusstseins verflochten.
123. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert diente die Erforschung der Landnahmezeit häufig dem Ziel, die Eigenständigkeit und das hohe Alter der ungarischen Nation zu belegen.
124. Funde wurden in diesem Klima oft vorschnell als rein ungarisch gedeutet und in den Dienst eines nationalen Geschichtsbildes gestellt.
125. Die moderne Forschung bemüht sich, solche Vereinnahmungen zu vermeiden und die Funde nüchtern und methodisch kontrolliert zu interpretieren.
126. Sie betont, dass ethnische Identität ein vielschichtiges, wandelbares Phänomen ist, das sich nicht einfach aus Grabbeigaben ablesen lässt.
127. Dieser Wandel der Sichtweise ist Teil einer allgemeinen Neubewertung des Verhältnisses von archäologischer Kultur und Volk.
128. Die Archäologie versteht sich heute weniger als Beweisinstanz für nationale Ursprungserzählungen denn als Mittel zur Rekonstruktion von Lebensweise, Wirtschaft und sozialer Ordnung.
129. Trotz aller methodischen Vorsicht erlaubt die Gesamtschau der Funde einige tragfähige Aussagen über die Frühzeit der Ungarn.
130. Erstens bestätigt die Archäologie, dass die landnahmezeitliche Kultur des Karpatenbeckens enge Wurzeln in der osteuropäischen Steppe besitzt.
131. Bewaffnung, Pferdegeschirr und Bestattungssitten verweisen eindeutig auf die Welt der eurasischen Reiternomaden.
132. Zweitens belegen die naturwissenschaftlichen Analysen, dass ein realer Zuzug von Menschen aus dem Osten stattfand und die Landnahme nicht bloß ein kultureller Vorgang war.
133. Drittens zeigt die Archäologie, dass die einwandernden Ungarn auf eine zahlreiche einheimische Bevölkerung trafen, mit der sie rasch verschmolzen.
134. Viertens widerlegt der Befund der Siedlungen das Zerrbild des reinen Plünderernomaden und weist eine differenzierte, auch ackerbauliche Wirtschaft nach.
135. Fünftens macht das Nebeneinander reicher Reitergräber und einfacher Gräberfelder eine deutlich geschichtete Gesellschaft sichtbar.
136. Diese fünf Punkte bilden ein Gerüst, das durch schriftliche, sprachwissenschaftliche und genetische Befunde ergänzt und überprüft werden muss.
137. Denn die Archäologie kann zwar Lebensweise und Kontakte erhellen, doch über die Sprache der frühen Ungarn schweigen die Funde.
138. Ein Steigbügel verrät, dass sein Träger ein Reiter war, nicht aber, welche Sprache er sprach oder als welchem Volk er sich zugehörig fühlte.
139. Aus diesem Grund kann die archäologische Evidenz die anderen Quellengattungen nicht ersetzen, sondern nur mit ihnen zusammenwirken.
140. Die Frage nach den Ursprüngen der Ungarn lässt sich nur im Zusammenspiel von Archäologie, Schriftquellen, Sprachwissenschaft und Genetik beantworten.
141. Eine offene Frage der Forschung betrifft die genaue Datierung des Beginns der Wanderung und damit die Dauer des ungarischen Aufenthalts in den einzelnen Steppenräumen.
142. Da eindeutige Fundkomplexe für die frühen Etappen fehlen, beruhen die Zeitangaben überwiegend auf den schriftlichen Quellen und auf Rückschlüssen.
143. Strittig ist auch, wie stark die awarische Bevölkerung des Karpatenbeckens noch fortbestand, als die Ungarn eintrafen.
144. Manche Forscher rechnen mit einem nennenswerten awarischen Bevölkerungsrest, andere halten die awarische Tradition zu diesem Zeitpunkt für weitgehend erloschen.
145. Die archäologische Trennung spätawarischer und früher landnahmezeitlicher Funde ist nicht immer eindeutig, da sich die Lebensweisen ähnelten.
146. Auch das Verhältnis der landnahmezeitlichen Reitergräber zur breiteren Bjelo-Brdo-Kultur ist Gegenstand fortlaufender Diskussion.
147. Strittig bleibt, ob der Übergang zwischen beiden Gruppen einen sozialen Wandel, einen zeitlichen Ablauf oder beides zugleich abbildet.
148. Eine weitere offene Frage betrifft die Lokalisierung der in den Quellen genannten Gebiete Levedia und Etelköz, für die archäologische Belege bislang fehlen.
149. Hier zeigt sich exemplarisch, dass schriftliche Überlieferung und Bodenfunde nicht immer zur Deckung gebracht werden können.
150. Die jüngere Forschung hat zudem darauf hingewiesen, dass nicht jeder Fund mit ungarischer Prägung zwangsläufig von ethnischen Ungarn stammen muss.
151. Auch Angehörige unterworfener oder verbündeter Gruppen konnten die Sachkultur der herrschenden Schicht übernehmen und ihre Toten nach deren Sitte bestatten.
152. Damit kehrt die grundsätzliche methodische Mahnung wieder, die am Anfang dieses Kapitels stand: Funde sind keine unmittelbaren Volkszeugnisse.
153. Trotz dieser Einschränkungen ist die archäologische Evidenz unverzichtbar, denn sie liefert die einzige umfangreiche und stetig wachsende Quellengruppe zur ungarischen Frühgeschichte.
154. Jede neue Ausgrabung kann das Bild ergänzen, verschieben oder in Teilen korrigieren, weshalb der Forschungsstand grundsätzlich vorläufig bleibt.
155. Besonders die naturwissenschaftlichen Verfahren der Isotopen- und Erbgutanalyse haben die Frühmittelalterarchäologie in den vergangenen Jahrzehnten tiefgreifend verändert.
156. Sie erlauben Aussagen über einzelne Individuen, ihre Herkunft, Verwandtschaft und Lebensweise, die mit den klassischen Methoden allein unerreichbar waren.
157. Dadurch ist die Archäologie der Landnahmezeit zu einer in hohem Maße interdisziplinären Wissenschaft geworden.
158. Sie verbindet die klassische Fundauswertung mit Anthropologie, Geochemie, Genetik und historischer Quellenkritik.
159. Das Ergebnis ist ein zunehmend differenziertes Bild, das einfache Erzählungen von einem geschlossenen Eroberervolk endgültig ablöst.
160. An ihre Stelle tritt die Vorstellung eines vielschichtigen, aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzten Verbandes, der sich erst im Karpatenbecken endgültig formte.
161. Die archäologische Evidenz zeigt somit nicht einen fertigen Volkskörper, der aus dem Osten einwanderte, sondern einen Prozess der Vermischung und Neubildung.
162. Genau dieser Prozess ist mit dem Begriff der Ethnogenese gemeint, also der Herausbildung eines Volkes aus unterschiedlichen Wurzeln.
163. Die Funde belegen für diese Ethnogenese sowohl die östliche, steppennomadische Komponente als auch die einheimische Komponente des Karpatenbeckens.
164. Sie machen sichtbar, dass das ungarische Volk des Mittelalters das Ergebnis eines Zusammentreffens und nicht das Produkt einer einzigen Wanderung war.
165. Damit fügt sich die archäologische Evidenz in das übergeordnete Thema dieses Buchabschnitts ein, der nach Frühmittelalter und Ethnogenese fragt.
166. Die folgenden Abschnitte werden die hier gewonnenen Befunde mit den schriftlichen, sprachlichen und genetischen Zeugnissen abgleichen.
167. Erst dieser Abgleich kann zeigen, wo sich die verschiedenen Quellengattungen bestätigen und wo sie einander widersprechen.
168. Die Archäologie liefert dazu das materielle Fundament, auf dem die übrigen Argumente aufbauen.
169. Sie ist gewissermaßen der Boden, aus dem die Geschichte der frühen Ungarn im wörtlichen wie im übertragenen Sinne hervorgeholt wird.
170. Festzuhalten bleibt, dass die Funde keine endgültigen Antworten liefern, wohl aber den Spielraum der möglichen Antworten verlässlich eingrenzen.
171. Sie schließen bestimmte ältere Vorstellungen aus, etwa die eines völlig menschenleeren Karpatenbeckens oder einer rein kulturellen Landnahme ohne Zuzug.
172. Zugleich eröffnen sie neue Fragen, die ohne die naturwissenschaftlichen Methoden gar nicht hätten gestellt werden können.
173. Die Erforschung der ungarischen Frühgeschichte bleibt daher ein offenes, dynamisches Feld, in dem archäologische Neufunde regelmäßig für Bewegung sorgen.
174. Wer die Ursprünge der Ungarn verstehen will, muss die Sprache der Funde lesen lernen, ohne ihr mehr abzuverlangen, als sie zu sagen vermag.
175. Die archäologische Evidenz zeigt einen Reiterverband mit tiefen Wurzeln in der eurasischen Steppe, der im Karpatenbecken auf eine ältere Bevölkerung traf.
176. Sie zeigt eine geschichtete Gesellschaft, eine gemischte Wirtschaft aus Viehzucht und Ackerbau sowie weitreichende Handelsverbindungen.
177. Und sie zeigt vor allem, dass die Entstehung des ungarischen Volkes ein zusammengesetzter Vorgang war, dessen einzelne Stränge die Forschung bis heute zu entwirren versucht.
178. Damit ist der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen die schriftlichen Quellen, die Sprachwissenschaft und die genetischen Studien ihre eigenen Beiträge leisten.
179. Diese Beiträge sind Gegenstand der nun folgenden Abschnitte.
180. Die archäologische Evidenz bleibt dabei stets der Prüfstein, an dem sich jede aus anderen Quellen gewonnene These bewähren muss.

Schriftliche Quellen: Byzantinische und arabische Berichte

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1. Während die Archäologie das materielle Gerüst der ungarischen Frühgeschichte liefert, gewähren die schriftlichen Quellen einen Einblick in das, was die Funde verschweigen: Namen, Ereignisse, politische Verhältnisse und die Wahrnehmung der Ungarn durch ihre Nachbarn.
2. Schriftliche Quellen bezeichnen alle in Buchstaben oder anderen Schriftzeichen festgehaltenen Zeugnisse, die Auskunft über eine vergangene Zeit geben können.
3. Für die Frühgeschichte der Ungarn vor dem 10. Jahrhundert besitzt diese Quellengattung eine eigentümliche Doppelnatur: Sie ist unverzichtbar und zugleich höchst problematisch.
4. Unverzichtbar ist sie, weil sie als einzige Quellengruppe konkrete Namen, Zeitangaben und Handlungsabläufe überliefert.
5. Problematisch ist sie, weil die Ungarn selbst in dieser Frühzeit keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen anfertigten.
6. Alles, was über die frühen Ungarn berichtet wird, stammt somit aus der Feder fremder Beobachter, die das Volk von außen wahrnahmen.
7. Diese Beobachter schrieben in fremden Sprachen, aus fremden Kulturen heraus und verfolgten mit ihren Texten ganz eigene Absichten.
8. Die methodische Auswertung solcher Quellen wird als Quellenkritik bezeichnet, also die systematische Prüfung von Herkunft, Entstehungsumständen, Absicht und Zuverlässigkeit eines Textes.
9. Die Quellenkritik unterscheidet grundsätzlich zwischen der äußeren Kritik, die nach Echtheit, Datierung und Überlieferungsweg fragt, und der inneren Kritik, die den Inhalt selbst auf Glaubwürdigkeit prüft.
10. Eine zentrale Frage der inneren Kritik lautet, ob ein Autor das Berichtete selbst gesehen hat oder ob er sich auf ältere, womöglich verlorene Vorlagen stützte.
11. Im Fall der frühen Ungarn handelt es sich fast ausnahmslos um mittelbare Zeugnisse, deren Verfasser ihr Wissen aus Berichten Dritter bezogen.
12. Hinzu kommt das Problem der ethnischen Bezeichnungen, denn die fremden Autoren benannten die Ungarn mit höchst unterschiedlichen Namen.
13. Die byzantinischen Schriftsteller nannten sie meist Türken, gelegentlich auch Ungroi, während sie eigentlich ein finno-ugrisches und kein türkisches Volk waren.
14. Die arabischen Geographen verwendeten den Namen al-Madschghariyya oder ähnliche Formen, die dem Eigennamen der Magyaren nahekommen.
15. Lateinische Quellen des Westens sprachen von den Ungari oder Hungari und brachten sie zudem mit den gefürchteten Hunnen in begriffliche Verbindung.
16. Diese Namensvielfalt erschwert die Auswertung, da nicht immer eindeutig ist, ob ein Autor tatsächlich die Ungarn oder ein anderes Steppenvolk meinte.
17. Die fremden Beobachter ordneten die Ungarn häufig nach einem festen Schema ein, das alle Reiternomaden der Steppe als eine im Grunde austauschbare Erscheinung behandelte.
18. Dieses Schema, das auf antike Vorbilder zurückgeht, prägte die Wahrnehmung und führte dazu, dass die Ungarn mit den Eigenschaften älterer Steppenvölker beschrieben wurden.
19. Die schriftlichen Quellen zur ungarischen Frühgeschichte lassen sich in drei große Gruppen gliedern: byzantinische, arabisch-persische und westlich-lateinische Zeugnisse.
20. Dieser Abschnitt behandelt vor allem die ersten beiden Gruppen, da sie für die Zeit vor und um die Landnahme die ergiebigsten Auskünfte liefern.
21. Die byzantinischen Quellen entstammen dem Oströmischen Reich, dessen Hauptstadt Konstantinopel am Bosporus lag und das sich selbst als Fortsetzung des Römischen Reiches verstand.
22. Byzanz unterhielt über die Steppe nördlich des Schwarzen Meeres regelmäßige diplomatische und militärische Beziehungen und besaß daher ein praktisches Interesse an genauer Kenntnis der dortigen Völker.
23. Aus diesem Interesse heraus entstand die wichtigste byzantinische Quelle zur ungarischen Frühgeschichte überhaupt, das Werk eines Kaisers.
24. Konstantin VII. Porphyrogennetos regierte von 913 bis 959 und verfasste oder veranlasste mehrere Schriften, die einen einzigartigen Einblick in die Verhältnisse seiner Zeit geben.
25. Sein Beiname Porphyrogennetos bedeutet im Purpur geboren und verweist auf seine Geburt als rechtmäßiger Sohn eines regierenden Kaisers.
26. Sein bedeutendstes Werk für die ungarische Geschichte trägt den überlieferten Titel De administrando imperio, übersetzt etwa Über die Verwaltung des Reiches.
27. Diese Schrift entstand um die Mitte des 10. Jahrhunderts und war als vertrauliche Anleitung für den Thronfolger gedacht.
28. Sie sollte den künftigen Kaiser über die fremden Völker an den Reichsgrenzen unterrichten und ihm Hinweise für deren politische Behandlung geben.
29. Gerade dieser praktische Zweck macht das Werk wertvoll, denn es ging dem Verfasser um nützliches Wissen und nicht um literarische Wirkung.
30. Mehrere Kapitel des Werkes behandeln ausführlich die Ungarn, die der Kaiser durchgehend als Türken bezeichnet.
31. Konstantin schildert die frühere Geschichte der Ungarn, ihre Wohnsitze in der Steppe, ihre Stammesgliederung und ihre Beziehungen zu den Nachbarvölkern.
32. Von ihm stammen die Namen der beiden frühen Siedlungsgebiete, die in der Forschung als Levedia und Etelköz bekannt sind.
33. Levedia bezeichnet nach seiner Darstellung ein erstes Wohngebiet, benannt nach einem ungarischen Anführer namens Lebedias.
34. Etelköz, übersetzt etwa Land zwischen den Flüssen, bezeichnet das spätere Wohngebiet unmittelbar vor der Landnahme.
35. Konstantin berichtet ferner von der zeitweiligen Abhängigkeit der Ungarn vom Chasarenreich und von der Erhebung Árpáds zum Fürsten.
36. Er nennt die Namen der ungarischen Stämme und liefert damit eine der wenigen Listen, die Rückschlüsse auf die innere Gliederung des Volkes erlauben.
37. Die Glaubwürdigkeit dieser Angaben beruht zu einem erheblichen Teil darauf, dass Konstantin seine Informationen aus erster Hand bezog.
38. Er berichtet ausdrücklich von ungarischen Gesandten, die an seinen Hof kamen, darunter ein Nachkomme Árpáds namens Termatzus.
39. Die Ungarn lieferten somit selbst einen Teil des Wissens, das in das Werk einfloss, weshalb es als verschriftlichte mündliche Überlieferung des Volkes gelten kann.
40. Damit besitzt De administrando imperio einen Quellenwert, der dem einer indirekten Selbstaussage der frühen Ungarn nahekommt.
41. Gleichwohl ist auch dieses Werk mit Vorsicht zu lesen, denn der Kaiser verarbeitete unterschiedliche Informanten und Vorlagen zu einem nicht immer widerspruchsfreien Ganzen.
42. Die mündliche Überlieferung der Gesandten kann zudem bereits legendenhafte Züge getragen haben, etwa bei der Erzählung von der Erhebung Árpáds.
43. Die genaue Lokalisierung von Levedia und Etelköz bleibt trotz Konstantins Angaben umstritten, da seine geographischen Beschreibungen nicht eindeutig sind.
44. Ein zweites Werk Konstantins, häufig als Zeremonienbuch bezeichnet, schildert das höfische Zeremoniell und enthält ebenfalls verstreute Hinweise auf die Ungarn.
45. Neben Konstantin VII. ist ein zweites byzantinisches Werk für die ungarische Frühgeschichte von Bedeutung, die sogenannte Taktika.
46. Die Taktika ist eine militärwissenschaftliche Schrift, die unter Kaiser Leon VI., dem Vater Konstantins VII., um 900 entstand.
47. Leon VI. trug den Beinamen der Weise und ließ in seiner Taktika das Kriegswesen der Gegner des Reiches systematisch beschreiben.
48. Ein Abschnitt dieses Werkes ist eigens den Ungarn gewidmet, die auch hier als Türken erscheinen.
49. Leon beschreibt die ungarische Kriegführung mit bemerkenswerter Genauigkeit, da Byzanz die Ungarn um 894 als Verbündete gegen die Bulgaren eingesetzt hatte.
50. Die Taktika schildert die Ungarn als ein zahlreiches und freiheitsliebendes Reitervolk, dessen wichtigste Waffe der Bogen sei.
51. Sie hebt hervor, dass die ungarischen Krieger den Kampf aus der Ferne suchten und den offenen Nahkampf nach Möglichkeit vermieden.
52. Besonders eindringlich beschreibt Leon die Taktik des vorgetäuschten Rückzugs, bei der die Reiter scheinbar flohen, um den verfolgenden Gegner in einen Hinterhalt zu locken.
53. Diese Schilderung deckt sich mit dem archäologischen Befund, der die zentrale Rolle von Reflexbogen und berittenem Fernkampf bestätigt.
54. An diesem Punkt ergänzen sich materielle und schriftliche Quelle auf instruktive Weise und stützen einander wechselseitig.
55. Allerdings ist auch bei der Taktika zu beachten, dass Leon ältere militärische Handbücher als Vorlage benutzte.
56. Manche seiner Aussagen über die Ungarn könnten daher älteren Beschreibungen anderer Steppenvölker entlehnt sein, was ihre Beweiskraft mindert.
57. Hier zeigt sich das verbreitete Phänomen der literarischen Abhängigkeit, bei dem ein Autor Wendungen und Urteile aus seinen Vorlagen übernimmt.
58. Weitere byzantinische Hinweise auf die Ungarn finden sich in den Geschichtswerken und Chroniken des 9. und 10. Jahrhunderts.
59. Die Fortsetzer der Chronik des Theophanes etwa berichten über die ungarisch-bulgarischen Kämpfe und über die Bedrängnis der Ungarn durch die Petschenegen.
60. Solche chronikalischen Notizen sind oft knapp, liefern aber wertvolle Anhaltspunkte für die zeitliche Einordnung der Ereignisse vor der Landnahme.
61. Die zweite große Gruppe der schriftlichen Zeugnisse bilden die arabisch-persischen Quellen, die einer ganz anderen Kulturwelt entstammen.
62. Mit der Ausbreitung des Islam im 7. und 8. Jahrhundert entstand ein riesiger Herrschafts- und Handelsraum, der vom Atlantik bis nach Mittelasien reichte.
63. Innerhalb dieses Raumes entwickelte sich eine hochstehende geographische und enzyklopädische Literatur, die fremde Länder und Völker systematisch beschrieb.
64. Die arabischen Geographen verfolgten teils administrative, teils wissenschaftliche, teils handelspraktische Zwecke und sammelten zu diesem Behuf Berichte von Reisenden und Kaufleuten.
65. Da islamische Kaufleute über die Wolga und den Kaukasus mit der osteuropäischen Steppe Handel trieben, gelangten Nachrichten über die dortigen Völker in die arabische Literatur.
66. Die wichtigste Nachricht über die Ungarn innerhalb dieser Literatur ist eine ausführliche Beschreibung, die in der Forschung als Dschaihani-Tradition bezeichnet wird.
67. Sie ist benannt nach al-Dschaihani, einem Wesir des Samanidenreiches in Mittelasien um 900, dem die Verfasserschaft des ursprünglichen Berichts zugeschrieben wird.
68. Das Reich der Samaniden lag im Gebiet des heutigen Usbekistan und Tadschikistan und war ein bedeutendes Zentrum von Handel und Gelehrsamkeit.
69. Das ursprüngliche Werk al-Dschaihanis ist verloren, doch sein Inhalt wurde von zahlreichen späteren Autoren übernommen und dadurch bewahrt.
70. Zu diesen Autoren, die die Beschreibung der Ungarn weitertradierten, gehören Ibn Rusta, Gardizi und der Verfasser des persischen Werkes Hudud al-Alam.
71. Ibn Rusta verfasste im frühen 10. Jahrhundert ein enzyklopädisches Werk, das einen der vollständigsten erhaltenen Auszüge der Dschaihani-Tradition enthält.
72. Gardizi schrieb im 11. Jahrhundert in persischer Sprache und überlieferte eine eng verwandte, in Einzelheiten ergänzende Fassung desselben Berichts.
73. Da diese Autoren auf eine gemeinsame, ältere Vorlage zurückgehen, beschreiben ihre Texte die Verhältnisse einer Zeit, die vor ihrer eigenen Lebenszeit lag.
74. Die Dschaihani-Tradition spiegelt somit den Zustand der Ungarn in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts wider, also in der Zeit vor der Landnahme.
75. Der Bericht schildert die Ungarn als ein Reitervolk, das zwischen zwei Flüssen in der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres lebte.
76. Er gibt eine Schätzung ihrer militärischen Stärke, beschreibt ihren Anführer mit dem Titel kende und nennt einen zweiten Würdenträger namens gyula.
77. Diese Unterscheidung zweier Führungsämter ist von großem Wert, da sie auf eine doppelte Spitze der ungarischen Stammesverfassung hindeutet.
78. Der Bericht erwähnt ferner, dass die Ungarn Ackerbau betrieben, in Zelten lebten und mit den benachbarten slawischen Gruppen Krieg führten.
79. Besonders aufschlussreich ist die Nachricht, dass die Ungarn slawische Gefangene als Sklaven an die byzantinischen Häfen am Schwarzen Meer verkauften.
80. Diese Angabe belegt die Einbindung der frühen Ungarn in den weiträumigen Sklavenhandel der Steppe und ergänzt das archäologische Bild der Handelsverbindungen.
81. Der Hinweis auf den Ackerbau wiederum bestätigt aus schriftlicher Sicht, was die Siedlungsfunde nahelegen: eine halbnomadische und nicht eine rein nomadische Lebensweise.
82. Erneut treten archäologische und schriftliche Evidenz in ein Verhältnis gegenseitiger Bestätigung.
83. Eine weitere arabische Quelle von herausragender Bedeutung ist der Reisebericht des Ibn Fadlan.
84. Ibn Fadlan war Mitglied einer Gesandtschaft des Kalifen von Bagdad, die im Jahr 921 zur Wolga aufbrach, um das Reich der Wolgabulgaren zu erreichen.
85. Sein Bericht beschreibt die Völker, denen die Gesandtschaft auf ihrem Weg begegnete, und gilt als eine der lebendigsten Quellen zur Steppenwelt des frühen 10. Jahrhunderts.
86. Ibn Fadlan erwähnt unter den Steppenvölkern auch eine Gruppe, deren Name an die Ungarn erinnert, vermutlich jene im Osten zurückgebliebenen Magyaren.
87. Sein Zeugnis ist deshalb besonders wertvoll, weil es als Augenzeugenbericht und nicht als Kompilation älterer Vorlagen entstand.
88. Damit besitzt der Bericht Ibn Fadlans einen höheren unmittelbaren Quellenwert als die abgeschriebene Dschaihani-Tradition.
89. Neben den arabisch-persischen Geographen ist eine hebräische Quelle zu nennen, der sogenannte Briefwechsel der Chasaren.
90. Dieser Briefwechsel, in dem ein chasarischer Herrscher über die Völker seines Umfeldes berichtet, enthält ebenfalls verstreute Hinweise auf die Ungarn.
91. Seine Echtheit und sein Quellenwert sind in der Forschung allerdings umstritten, weshalb er nur mit Vorbehalt herangezogen wird.
92. Aus dem westlichen, lateinischen Kulturraum stammt eine dritte Gruppe von Quellen, die hier nur kurz gestreift werden soll.
93. Die lateinischen Annalen und Chroniken des Frankenreiches berichten über die Ungarn vor allem im Zusammenhang mit deren Raubzügen nach Mitteleuropa.
94. Diese Zeugnisse setzen erst mit dem Eintreffen der Ungarn im Karpatenbecken ein und sind daher für die ältere Frühgeschichte von geringerem Wert.
95. Sie zeichnen zudem ein durchweg feindseliges Bild, da sie die Ungarn als Plünderer und als Geißel der Christenheit erlebten.
96. Die Annalen von Fulda, von Sankt Gallen und ähnliche Werke spiegeln vor allem den Schrecken, den die ungarischen Streifzüge im Westen auslösten.
97. Eine eigene Gruppe innerhalb der lateinischen Überlieferung bilden die ungarischen Chroniken des Hochmittelalters, die erst Jahrhunderte nach der Landnahme entstanden.
98. Die Gesta Hungarorum eines anonymen Notars, in der Forschung kurz Anonymus genannt, schildert die Landnahme aus einer Distanz von rund drei Jahrhunderten.
99. Solche späten einheimischen Chroniken vermischen historische Erinnerung mit Sage, gelehrter Konstruktion und der politischen Absicht ihrer eigenen Entstehungszeit.
100. Sie sind daher keine Quelle für die Frühgeschichte selbst, wohl aber für die spätere Volkserinnerung, die in einem eigenen Abschnitt behandelt wird.
101. Vergleicht man die byzantinischen und die arabischen Quellen miteinander, so zeigen sich aufschlussreiche Übereinstimmungen und Unterschiede.
102. Beide Quellengruppen bestätigen übereinstimmend, dass die Ungarn vor der Landnahme ein Reitervolk in der südrussischen Steppe waren.
103. Beide kennen die Nachbarschaft zu Chasaren, Bulgaren und Petschenegen und beschreiben die Ungarn als Krieger und als Händler von Sklaven.
104. Unterschiede bestehen vor allem in der Perspektive: Byzanz interessierte sich für die Ungarn als militärischen und diplomatischen Faktor, die arabischen Geographen eher als ethnographisches Phänomen.
105. Wo zwei voneinander unabhängige Quellengruppen denselben Sachverhalt überliefern, gewinnt dieser an Glaubwürdigkeit; diesen methodischen Grundsatz nennt man die Konvergenz der Zeugnisse.
106. Die übereinstimmende Schilderung der Ungarn als steppennomadisches Reitervolk durch Byzantiner und Araber ist ein solches konvergentes und daher tragfähiges Ergebnis.
107. Schwieriger zu beurteilen sind jene Angaben, die nur in einer einzigen Quelle erscheinen und sich nicht durch ein zweites Zeugnis stützen lassen.
108. Zu diesen Einzelangaben gehören etwa die genauen Stammesnamen bei Konstantin oder die Bevölkerungsschätzungen der arabischen Geographen.
109. Solche Zahlen sind grundsätzlich mit Zurückhaltung zu behandeln, da mittelalterliche Autoren über keine verlässlichen statistischen Verfahren verfügten.
110. Zahlenangaben dienten in der mittelalterlichen Literatur häufig weniger der genauen Messung als dem Ausdruck von Größe, Stärke oder Bedrohung.
111. Ein grundsätzliches Problem aller fremden Berichte ist die bereits erwähnte Tendenz, fremde Völker nach vorgeprägten Mustern zu beschreiben.
112. Antike und mittelalterliche Autoren griffen auf ein festes Vorrat an Wendungen zurück, mit denen seit der Antike alle Steppennomaden charakterisiert worden waren.
113. Wendungen wie wild, vertragsbrüchig, unbeständig oder grausam sind daher oft weniger Beobachtung als literarisches Klischee.
114. Die Quellenkritik muss solche topischen Elemente erkennen und von den tatsächlich informativen Aussagen trennen.
115. Ein weiteres Problem ist der religiöse und kulturelle Abstand zwischen den Beobachtern und den heidnischen Ungarn.
116. Sowohl die christlichen Byzantiner als auch die muslimischen Araber betrachteten die Ungarn als Ungläubige, was ihre Urteile färbte.
117. Diese Distanz führte teils zu Herablassung, teils aber auch zu sachlichem Interesse, da man den fremden Gegner verstehen wollte, um ihn besser einschätzen zu können.
118. Gerade die byzantinische Diplomatie und die arabische Handelspraxis erforderten ein realistisches Bild der Steppenvölker und begünstigten so brauchbare Beschreibungen.
119. Ein eigenes Feld der Quellenkritik ist die Frage der Überlieferungswege, also wie ein Text vom Original bis zur erhaltenen Handschrift gelangte.
120. Kein Werk des Frühmittelalters ist im Original erhalten; alle Texte liegen nur in späteren Abschriften vor.
121. Bei jeder Abschrift konnten sich Fehler einschleichen, etwa verlesene Namen, ausgelassene Wörter oder eingefügte Erläuterungen späterer Schreiber.
122. Die Wissenschaft, die aus den erhaltenen Handschriften den ursprünglichen Wortlaut zu rekonstruieren versucht, heißt Textkritik.
123. Im Fall des De administrando imperio etwa beruht der überlieferte Text auf einer kleinen Zahl mittelalterlicher Handschriften, deren Lesarten sorgfältig verglichen werden müssen.
124. Bei der Dschaihani-Tradition ist die Lage noch verwickelter, da die ursprüngliche Vorlage verloren ist und nur aus den abweichenden Fassungen ihrer Benutzer erschlossen werden kann.
125. Die Forschung muss hier aus mehreren späteren Texten den vermuteten gemeinsamen Kern herausarbeiten, was ein unsicheres und umstrittenes Verfahren bleibt.
126. Ein weiteres Hindernis ist die Übersetzung, denn die Quellen liegen in griechischer, arabischer, persischer, hebräischer und lateinischer Sprache vor.
127. Schon die zeitgenössische Wiedergabe ungarischer Eigennamen in fremden Schriftsystemen verfälschte deren Lautgestalt erheblich.
128. Die Deutung von Titeln wie kende oder gyula ist daher mit sprachlichen Unsicherheiten belastet, die bis heute nicht restlos geklärt sind.
129. Insgesamt ergibt sich aus den schriftlichen Quellen ein lückenhaftes, aber an entscheidenden Stellen aussagekräftiges Bild der ungarischen Frühgeschichte.
130. Sie überliefern die Existenz früher Wohnsitze in der Steppe, auch wenn deren genaue Lage strittig bleibt.
131. Sie bezeugen die Nachbarschaft und zeitweilige Abhängigkeit gegenüber den Chasaren sowie den Druck der Petschenegen, der die Ungarn nach Westen trieb.
132. Sie liefern Namen von Anführern und Stämmen und damit den einzigen Zugang zur politischen Gliederung des Volkes.
133. Sie beschreiben die Kriegführung der Ungarn so genau, dass diese Schilderungen mit dem archäologischen Befund abgeglichen werden können.
134. Und sie bezeugen wirtschaftliche Tätigkeiten wie Viehzucht, Ackerbau und Sklavenhandel, die ein differenziertes Bild der Lebensweise ergeben.
135. Zugleich machen die Quellen deutlich, was sie nicht zu leisten vermögen.
136. Sie geben keinen sicheren Aufschluss über die Sprache der frühen Ungarn, da die fremden Autoren diese Frage kaum berührten.
137. Sie erlauben keine genaue Bevölkerungsstatistik und keine zweifelsfreie Chronologie der Wanderung.
138. Und sie spiegeln stets die Außensicht fremder Beobachter, nie die Selbstwahrnehmung der Ungarn jener Zeit.
139. Aus diesen Gründen können die schriftlichen Quellen die archäologische und die sprachwissenschaftliche Evidenz nicht ersetzen, sondern nur mit ihnen zusammenwirken.
140. Die Stärke der schriftlichen Überlieferung liegt dort, wo die Funde schweigen, nämlich bei Namen, Ereignissen und politischen Verhältnissen.
141. Die Stärke der Archäologie liegt umgekehrt dort, wo die Texte schweigen, nämlich bei Alltag, Wirtschaft und materieller Kultur der breiten Bevölkerung.
142. Erst die Verbindung beider Quellengattungen führt zu einem belastbaren Gesamtbild der ungarischen Frühgeschichte.
143. Ein gutes Beispiel für dieses Zusammenwirken ist die Kriegführung: Die Taktika beschreibt sie, die Waffenfunde bestätigen sie.
144. Ein weiteres Beispiel ist der Sklavenhandel: Die arabischen Geographen bezeugen ihn, die Münz- und Importfunde belegen die zugehörigen Handelswege.
145. Wo Quelle und Fund sich auf diese Weise gegenseitig stützen, darf das Ergebnis als gesichert gelten.
146. Wo sie einander widersprechen oder wo nur eine Quellengattung spricht, bleibt das Ergebnis vorläufig und umstritten.
147. Die offenen Fragen der schriftlichen Überlieferung betreffen vor allem die Geographie der frühen Wohnsitze.
148. Die Lage von Levedia und Etelköz wird trotz Konstantins Angaben in der Forschung bis heute unterschiedlich bestimmt.
149. Ebenso umstritten ist die genaue Bedeutung der Titel kende und gyula und die Frage, ob die Ungarn eine doppelte oder eine einfache Führung besaßen.
150. Auch die Datierung einzelner Ereignisse vor der Landnahme lässt sich aus den knappen chronikalischen Notizen nur näherungsweise gewinnen.
151. Eine weitere Streitfrage ist, wie viel echte Erinnerung die von ungarischen Gesandten an Konstantin übermittelten Erzählungen enthielten.
152. Manche Forscher sehen darin verlässliche mündliche Überlieferung, andere bereits eine durch Legende und Herrscherlob umgeformte Erzählung.
153. Diese Unsicherheit verweist auf ein grundsätzliches Problem aller mündlich vermittelten Quellen, nämlich die Verformung der Erinnerung im Lauf der Generationen.
154. Die schriftlichen Quellen zur ungarischen Frühgeschichte sind somit ein kostbares, aber sprödes Material, das nur durch sorgfältige Kritik nutzbar wird.
155. Sie verlangen vom Historiker, jede Angabe nach Herkunft, Absicht und Überlieferungsweg zu prüfen, bevor sie verwertet wird.
156. Naive Lektüre, die jede Notiz für bare Münze nimmt, führt ebenso in die Irre wie übertriebene Skepsis, die jede Aussage verwirft.
157. Der angemessene Weg liegt in der methodisch kontrollierten Auswertung, die das Brauchbare vom Klischeehaften scheidet.
158. In diesem Sinne fügen sich die schriftlichen Quellen als zweite große Säule neben die archäologische Evidenz.
159. Beide Säulen tragen, zusammen mit der Sprachwissenschaft und der Genetik, das Gebäude unseres Wissens über die ungarische Ethnogenese.
160. Die byzantinischen Berichte verdanken ihren Wert dem praktischen Interesse eines Reiches, das seine Nachbarn genau kennen musste.
161. Die arabischen Berichte verdanken ihren Wert der gelehrten Neugier und der Handelspraxis einer weltoffenen islamischen Kultur.
162. Beide zusammen bewahren Stimmen über die Ungarn aus einer Zeit, in der das Volk selbst noch keine Schrift besaß.
163. Ohne diese fremden Stimmen wäre die Frühgeschichte der Ungarn auf die stummen Zeugnisse des Bodens beschränkt.
164. Mit ihnen jedoch gewinnt diese Frühgeschichte Namen, Handlungen und einen erzählbaren Verlauf.
165. Die folgenden Abschnitte werden die hier gewonnenen Aussagen mit den Ergebnissen der Sprachwissenschaft und der genetischen Forschung verknüpfen.
166. Erst dieser umfassende Abgleich aller Quellengattungen erlaubt ein abgewogenes Urteil über die Ursprünge der Ungarn.
167. Die schriftlichen Quellen liefern dazu das Gerüst der Ereignisse und Namen, das die anderen Disziplinen mit Inhalt füllen.
168. Festzuhalten bleibt, dass die byzantinischen und arabischen Berichte trotz aller Vorbehalte ein im Kern verlässliches Bild der frühen Ungarn zeichnen.
169. Sie zeigen ein steppennomadisches Reitervolk, eingebunden in das Mächtegefüge der osteuropäischen Steppe, geprägt von Chasaren und Türkvölkern.
170. Sie zeigen ein Volk mit eigener Führungsordnung, eigener Kriegsweise und weitreichenden Handels- und Beutebeziehungen.
171. Und sie zeigen ein Volk in Bewegung, das unter dem Druck der Petschenegen schließlich den Weg ins Karpatenbecken einschlug.
172. Dieses Bild ergänzt und bestätigt im Wesentlichen, was die archäologische Evidenz nahegelegt hat.
173. Zwischen Fund und Text besteht somit kein Widerspruch, sondern eine grundsätzliche Übereinstimmung in den Hauptzügen.
174. Die Abweichungen liegen im Einzelnen, in der Chronologie und in der Geographie, und gerade dort bleibt die Forschung in Bewegung.
175. Damit ist auch für die schriftlichen Quellen der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sie zur Klärung der ungarischen Ursprünge beitragen können.
176. Sie sind unentbehrlich für die Ereignisgeschichte und für die politische Ordnung, unzureichend hingegen für Sprache und Bevölkerungszahl.
177. Ihre volle Aussagekraft entfalten sie erst im Verbund mit den übrigen Quellengattungen.
178. Die Sprachwissenschaft, die im nächsten Abschnitt behandelt wird, kann gerade jene Frage beantworten, vor der die fremden Berichte versagen.
179. Sie führt von den äußeren Zeugnissen zurück zum innersten Merkmal eines Volkes, seiner Sprache.
180. Damit ist der Übergang zum folgenden Abschnitt über die finno-ugrischen Wurzeln der Ungarn vorgezeichnet.

Sprachwissenschaftliche Forschung: Finno-ugrische Wurzeln

[Bearbeiten]
1. Während Archäologie und schriftliche Quellen Auskunft über die Lebensweise, die Wohnsitze und die Geschichte der frühen Ungarn geben, liefert die Sprachwissenschaft den Schlüssel zu der Frage, mit welchem Volk die Ungarn in der Tiefe der Zeit verwandt sind.
2. Sprache gilt der Forschung als eines der zuverlässigsten Zeugnisse für Herkunft und Verwandtschaft, denn sie wird über zahllose Generationen von den Eltern an die Kinder weitergegeben.
3. Anders als Waffenformen oder Kleidungsstücke, die durch Handel und Mode rasch wandern können, verändert sich der Grundbestand einer Sprache nur langsam und nach erkennbaren Regeln.
4. Diese Eigenschaft macht die Sprache zu einer Art Gedächtnis, das auch dann noch Auskunft gibt, wenn keine schriftliche Überlieferung und kein archäologischer Fund mehr vorliegt.
5. Die Wissenschaft, die Sprachen vergleicht und ihre Verwandtschaft untersucht, heißt vergleichende oder historische Sprachwissenschaft.
6. Ihr zentrales Ergebnis für die ungarische Frühgeschichte lautet, dass das Ungarische nicht mit den Sprachen seiner heutigen Nachbarn verwandt ist.
7. Die Nachbarsprachen des Ungarischen, also Deutsch, die slawischen Sprachen und das Rumänische, gehören sämtlich zur großen indogermanischen Sprachfamilie.
8. Das Ungarische hingegen gehört zu einer ganz anderen Sprachfamilie, der finno-ugrischen, die Teil der umfassenderen uralischen Sprachfamilie ist.
9. Eine Sprachfamilie bezeichnet eine Gruppe von Sprachen, die nachweislich aus einer einzigen, meist nicht überlieferten Ursprache hervorgegangen sind.
10. Diese gemeinsame Ursprache wird als Grundsprache oder Protosprache bezeichnet und durch das Verfahren der Rekonstruktion erschlossen.
11. Das Ungarische ist somit eine sprachliche Insel inmitten eines indogermanischen Umfelds, ein Umstand, der schon früh die Neugier der Gelehrten weckte.
12. Die uralische Sprachfamilie umfasst rund drei Dutzend Sprachen, die sich über ein riesiges Gebiet von Skandinavien bis nach Westsibirien verteilen.
13. Sie gliedert sich traditionell in zwei große Zweige, den finno-ugrischen und den samojedischen Zweig.
14. Die samojedischen Sprachen werden von kleinen Völkern im nördlichen Sibirien gesprochen, etwa von den Nenzen.
15. Der finno-ugrische Zweig wiederum teilt sich in eine finno-permische und eine ugrische Untergruppe.
16. Zur finno-permischen Gruppe gehören unter anderem das Finnische, das Estnische, das Saamische sowie kleinere Sprachen in Russland wie das Mordwinische und das Mari.
17. Die ugrische Untergruppe ist für die ungarische Frühgeschichte von entscheidender Bedeutung, denn ihr gehört das Ungarische an.
18. Neben dem Ungarischen umfasst die ugrische Gruppe nur noch zwei weitere Sprachen, das Chantische und das Mansische.
19. Das Chantische und das Mansische, früher auch Ostjakisch und Wogulisch genannt, werden von kleinen Völkern im westsibirischen Tiefland östlich des Urals gesprochen.
20. Diese beiden Sprachen sind die nächsten Verwandten des Ungarischen und werden deshalb als die ob-ugrischen Sprachen zusammengefasst, benannt nach dem sibirischen Strom Ob.
21. Die Erkenntnis, dass die nächsten Verwandten des Ungarischen in den Wäldern Westsibiriens zu suchen sind, gehört zu den wichtigsten Ergebnissen der gesamten Forschung.
22. Sie bedeutet, dass die sprachlichen Vorfahren der Ungarn ihren Ursprung nicht in Mitteleuropa und nicht in der türkischen oder iranischen Welt hatten, sondern in der eurasischen Waldzone.
23. Diese Erkenntnis steht in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu dem Bild, das Archäologie und schriftliche Quellen vom Reitervolk der Steppe zeichnen.
24. Die Auflösung dieses Spannungsverhältnisses bildet eines der zentralen Themen dieses Abschnitts und der ungarischen Frühgeschichte überhaupt.
25. Bevor jedoch die Ergebnisse betrachtet werden, ist nach den Methoden zu fragen, mit denen die Sprachwissenschaft solche Verwandtschaften überhaupt nachweist.
26. Das wichtigste Werkzeug ist die sogenannte komparative oder vergleichende Methode, die im 19. Jahrhundert entwickelt wurde.
27. Diese Methode beruht auf der Beobachtung, dass verwandte Sprachen in ihrem ältesten Wortbestand regelmäßige Lautentsprechungen aufweisen.
28. Eine Lautentsprechung bedeutet, dass einem bestimmten Laut der einen Sprache regelmäßig ein bestimmter Laut der anderen Sprache gegenübersteht.
29. Solche Regelmäßigkeiten lassen sich nicht durch Zufall und nicht durch Entlehnung erklären, sondern nur durch gemeinsame Abstammung aus einer Grundsprache.
30. Ein einzelnes ähnliches Wort beweist daher noch keine Verwandtschaft, denn Ähnlichkeit kann auch auf Zufall oder Entlehnung beruhen.
31. Erst ein ganzes System regelmäßiger Lautentsprechungen, das viele Wörter umfasst, gilt als sicherer Nachweis einer Sprachverwandtschaft.
32. Ein klassisches Beispiel ist die Entsprechung zwischen dem ungarischen Anlaut h und dem finnischen Anlaut k in einer Reihe von Wörtern.
33. Dem ungarischen Wort hal für Fisch entspricht das finnische kala, dem ungarischen ház für Haus eine verwandte finnische Form, und diese Entsprechung kehrt regelmäßig wieder.
34. Solche regelmäßigen Reihen erlauben es, die zugrunde liegende Lautgestalt der Grundsprache zu erschließen.
35. Das Verfahren, mit dem aus den überlieferten Sprachen die nicht überlieferte Grundsprache erschlossen wird, heißt Rekonstruktion.
36. Rekonstruierte, also nicht belegte, sondern erschlossene Formen werden in der Sprachwissenschaft durch ein vorangestelltes Sternchen gekennzeichnet.
37. Auf diese Weise hat die Forschung eine uralische Grundsprache rekonstruiert, das sogenannte Proto-Uralische.
38. Dieses Proto-Uralische ist keine überlieferte Sprache, sondern ein wissenschaftliches Modell, das den vermuteten gemeinsamen Ursprung aller uralischen Sprachen abbildet.
39. Besondere Beweiskraft besitzt bei diesem Vergleich der sogenannte Grundwortschatz.
40. Der Grundwortschatz umfasst jene Wörter, die in jeder Sprache für die elementarsten Dinge des Lebens gebraucht werden und die nur selten aus fremden Sprachen entlehnt werden.
41. Zu ihm gehören Verwandtschaftsbezeichnungen, Körperteile, niedrige Zahlwörter, grundlegende Tätigkeiten sowie Wörter für Naturerscheinungen.
42. Gerade in diesem Grundwortschatz zeigt das Ungarische zahlreiche regelmäßige Übereinstimmungen mit den übrigen finno-ugrischen Sprachen.
43. Die ungarischen Wörter für Vater, Mutter, Hand, Auge, Blut, Wasser, Fisch oder die niedrigen Zahlen gehen auf das gemeinsame uralische Erbe zurück.
44. Dieser Befund im Kernbereich der Sprache gilt als der entscheidende Beweis für die Zugehörigkeit des Ungarischen zur finno-ugrischen Familie.
45. Neben dem Wortschatz liefert die Grammatik ein zweites, womöglich noch gewichtigeres Argument.
46. Die Grammatik, also der Bau der Wörter und Sätze, ist gegen Entlehnung noch widerstandsfähiger als der Wortschatz.
47. Wörter werden leicht von einer Sprache in die andere übernommen, grammatische Strukturen hingegen nur selten und nur unter besonderen Bedingungen.
48. Das Ungarische teilt mit den finno-ugrischen Sprachen eine Reihe grundlegender struktureller Merkmale.
49. Das auffälligste dieser Merkmale ist der agglutinierende Sprachbau.
50. Agglutinierend bedeutet, dass grammatische Beziehungen durch das Anhängen klar voneinander abgegrenzter Endungen an einen unveränderlichen Wortstamm ausgedrückt werden.
51. An ein ungarisches Hauptwort können auf diese Weise mehrere Endungen nacheinander treten, von denen jede eine bestimmte Bedeutung trägt.
52. Dieser Bautyp unterscheidet das Ungarische deutlich von den indogermanischen Nachbarsprachen, die grammatische Beziehungen anders ausdrücken.
53. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist das Fehlen eines grammatischen Geschlechts; das Ungarische kennt weder männliche noch weibliche Hauptwörter.
54. Auch das Personalpronomen kennt im Ungarischen keine Unterscheidung zwischen er und sie, ein Zug, der ebenfalls finno-ugrisches Erbe ist.
55. Charakteristisch ist ferner der Reichtum an Fällen, also an Endungen, die die Rolle eines Wortes im Satz angeben.
56. Ein weiteres strukturelles Merkmal ist die Besitzanzeige durch angehängte Endungen, sodass der Besitz nicht durch ein eigenes Wort, sondern durch eine Endung am besessenen Gegenstand ausgedrückt wird.
57. Schließlich teilt das Ungarische mit vielen verwandten Sprachen die Vokalharmonie.
58. Vokalharmonie bedeutet, dass die Vokale eines Wortes und seiner Endungen einander angeglichen sein müssen, sodass helle und dunkle Vokale nicht beliebig gemischt werden.
59. Diese Übereinstimmung im grammatischen Bau lässt sich nicht durch Entlehnung erklären und stützt den Verwandtschaftsnachweis daher besonders nachdrücklich.
60. Wortschatz und Grammatik zusammen ergeben somit ein dichtes Netz von Belegen, das die finno-ugrische Zugehörigkeit des Ungarischen zweifelsfrei sichert.
61. Die Geschichte der Erforschung dieser Verwandtschaft ist selbst ein lehrreiches Kapitel der Wissenschaftsgeschichte.
62. Erste Vermutungen über eine Verwandtschaft des Ungarischen mit dem Finnischen und Saamischen wurden bereits im 17. Jahrhundert geäußert.
63. Eine wichtige Rolle spielte im 18. Jahrhundert der Jesuit János Sajnovics, der das Ungarische mit dem Saamischen verglich.
64. Sajnovics legte 1770 eine Schrift vor, in der er die Verwandtschaft beider Sprachen durch systematische Vergleiche zu erweisen suchte.
65. Wenig später erweiterte der Gelehrte Sámuel Gyarmathi den Vergleich auf weitere finno-ugrische Sprachen und festigte damit die These.
66. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die finno-ugrische Sprachwissenschaft zu einem eigenständigen Forschungszweig mit zunehmend strenger Methodik.
67. Forschungsreisende wie Antal Reguly bereisten die Wohngebiete der verwandten Völker in Russland und Sibirien und sammelten dort Sprachmaterial.
68. Auf der Grundlage dieses Materials konnte die Verwandtschaft des Ungarischen mit dem Chantischen und Mansischen sicher nachgewiesen werden.
69. Im späten 19. Jahrhundert kam es in Ungarn zu einer heftigen öffentlichen Auseinandersetzung, die als ugrisch-türkischer Krieg bekannt wurde.
70. In diesem Streit ging es um die Frage, ob das Ungarische finno-ugrischen oder türkischen Ursprungs sei.
71. Hinter der sprachwissenschaftlichen Streitfrage stand eine gefühlsbeladene Auseinandersetzung um das Selbstbild der Nation.
72. Ein Teil der Öffentlichkeit empfand eine Verwandtschaft mit den kriegerischen Türkvölkern als ehrenvoller als eine Verwandtschaft mit kleinen Jäger- und Fischervölkern des Nordens.
73. Die fachwissenschaftliche Auseinandersetzung entschied sich jedoch eindeutig zugunsten der finno-ugrischen These.
74. Ausschlaggebend war, dass die finno-ugrischen Übereinstimmungen den Grundwortschatz und die Grammatik betrafen, also die entlehnungsresistenten Kernbereiche der Sprache.
75. Die Übereinstimmungen mit den Türksprachen hingegen ließen sich als spätere Entlehnungen erklären und betrafen nicht den sprachlichen Kern.
76. Damit war die finno-ugrische Zugehörigkeit des Ungarischen wissenschaftlich entschieden, auch wenn die Debatte gesellschaftlich nachwirkte.
77. Die Geschichte des ugrisch-türkischen Krieges zeigt eindrücklich, wie sehr Fragen der Sprachverwandtschaft mit nationalem Empfinden verflochten sein können.
78. Sie mahnt zugleich, sprachwissenschaftliche Ergebnisse nüchtern und unabhängig von Wunschvorstellungen zu beurteilen.
79. Die erwähnten türkischen Bestandteile des Ungarischen sind freilich kein Nebenthema, sondern ein eigenes, wichtiges Forschungsfeld.
80. Denn das Ungarische enthält neben dem finno-ugrischen Erbe eine erhebliche Zahl von Lehnwörtern aus anderen Sprachen.
81. Ein Lehnwort ist ein Wort, das eine Sprache aus einer anderen Sprache übernommen und ihrem eigenen Lautsystem angepasst hat.
82. Lehnwörter sind für den Historiker ungemein wertvoll, denn sie bezeugen Kontakte zwischen Völkern und lassen sich oft zeitlich und räumlich einordnen.
83. Die ältesten Lehnwörter des Ungarischen stammen aus iranischen Sprachen und verweisen auf frühe Kontakte zu iranischsprachigen Steppenvölkern.
84. Die umfangreichste vorgeschichtliche Lehnwortschicht jedoch stammt aus Türksprachen und betrifft vor allem das Wirtschaftsleben.
85. Zahlreiche ungarische Wörter aus den Bereichen Viehzucht, Ackerbau und Handwerk sind türkischen Ursprungs.
86. Begriffe für bestimmte Haustiere, für Getreide und für landwirtschaftliche Tätigkeiten wurden aus dem Türkischen übernommen.
87. Diese Lehnwörter belegen, dass die Ungarn während ihres Aufenthalts in der Steppe in engem Kontakt mit Türkvölkern standen und von ihnen Wirtschaftsformen übernahmen.
88. Damit bestätigt der sprachliche Befund unabhängig, was Archäologie und schriftliche Quellen über die Steppenzeit der Ungarn nahelegen.
89. Das finno-ugrische Erbe verweist also auf die ferne Herkunft aus der Waldzone, die türkischen Lehnwörter auf die spätere Steppenzeit.
90. In der Sprache selbst sind somit beide Etappen der ungarischen Frühgeschichte gleichsam übereinandergeschichtet bewahrt.
91. Nach der Landnahme traten weitere Lehnwortschichten hinzu, vor allem aus dem Slawischen, dem Deutschen und dem Lateinischen.
92. Die zahlreichen slawischen Lehnwörter betreffen Ackerbau, Hauswirtschaft, christliche Begriffe und die staatliche Verwaltung.
93. Sie bezeugen die enge Berührung der Ungarn mit der slawischen Bevölkerung des Karpatenbeckens nach der Landnahme.
94. Damit liefert auch die jüngere Lehnwortschicht ein sprachliches Zeugnis für die Vermischung von Einwanderern und Einheimischen, die bereits die Archäologie nahegelegt hatte.
95. Eine besondere Methode der Forschung versucht, aus dem rekonstruierten Grundwortschatz auf die Lebensumstände der Sprecher der Grundsprache zu schließen.
96. Dieses Verfahren stützt sich auf den Gedanken, dass eine Sprache nur für solche Dinge ein altes, ererbtes Wort besitzt, die ihren Sprechern auch bekannt waren.
97. Lässt sich für einen Baum, ein Tier oder einen Gegenstand ein uralisches Wort rekonstruieren, so kannten die Sprecher der Grundsprache diese Sache vermutlich.
98. Aus der Gesamtheit solcher rekonstruierten Wörter versucht man, die natürliche Umwelt und die Lebensweise der Sprachvorfahren zu erschließen.
99. Diese Forschungsrichtung wird mitunter als sprachliche Paläontologie bezeichnet.
100. Sie ist jedoch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und ihre Ergebnisse sind in der Forschung umstritten.
101. Eine wichtige Schwierigkeit ist der Bedeutungswandel, denn ein Wort kann im Lauf der Zeit seine Bedeutung verschieben.
102. Ein heute für einen bestimmten Baum gebrauchtes Wort könnte ursprünglich einen anderen Baum oder allgemein Holz bezeichnet haben.
103. Trotz dieser Vorbehalte hat die sprachliche Paläontologie zur alten Diskussion über die uralische Urheimat beigetragen.
104. Als Urheimat bezeichnet man jenes Gebiet, in dem die Sprecher der Grundsprache vor der Aufspaltung in die Einzelsprachen lebten.
105. Aus dem rekonstruierten Wortschatz schloss die Forschung lange, dass die uralische Urheimat in der Waldzone zu suchen sei.
106. Diese Waldzone wurde traditionell beiderseits des mittleren Urals vermutet, teils in Osteuropa, teils in Westsibirien.
107. Die genaue Lage der uralischen Urheimat ist jedoch bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung.
108. Verschiedene Forscher haben Gebiete von der mittleren Wolga bis weit nach Sibirien hinein vorgeschlagen.
109. Auch der zeitliche Ansatz für die Existenz der uralischen Grundsprache ist umstritten und wird je nach Methode unterschiedlich bestimmt.
110. Sicher erscheint nur, dass die Aufspaltung der uralischen Grundsprache mehrere Jahrtausende zurückliegt.
111. Für die ungarische Frühgeschichte besonders bedeutsam ist die Frage, wann sich der ugrische Zweig von den übrigen finno-ugrischen Sprachen löste.
112. Und ebenso bedeutsam ist die Frage, wann sich innerhalb des ugrischen Zweiges das Ungarische von den ob-ugrischen Sprachen trennte.
113. Diese Trennung des Ungarischen von seinen nächsten Verwandten markiert den Beginn der eigenständigen ungarischen Sprachgeschichte.
114. Nach dieser Trennung begannen die sprachlichen Vorfahren der Ungarn ihren langen Weg, der sie aus der Waldzone in die Steppe und schließlich nach Mitteleuropa führte.
115. Die Sprachwissenschaft kann diesen Weg nicht unmittelbar nachzeichnen, wohl aber seine Stationen an den Lehnwortschichten ablesen.
116. An dieser Stelle ist auf ein verbreitetes Missverständnis hinzuweisen, das die finno-ugrische Forschung von Anfang an begleitet hat.
117. Sprachverwandtschaft ist nicht dasselbe wie biologische Abstammung oder genetische Verwandtschaft.
118. Dass das Ungarische mit dem Chantischen verwandt ist, bedeutet nicht, dass die heutigen Ungarn von denselben Vorfahren abstammen wie die heutigen Chanten.
119. Eine Sprache kann von einer Bevölkerung übernommen werden, ohne dass diese ihre biologische Herkunft wechselt.
120. Umgekehrt kann eine Bevölkerung ihre angestammte Sprache aufgeben und eine fremde annehmen, ein Vorgang, den man Sprachwechsel nennt.
121. Gerade der Sprachwechsel ist ein Schlüssel zum Verständnis der ungarischen Frühgeschichte.
122. Denn das auffällige Spannungsverhältnis zwischen der finno-ugrischen Sprache und der steppennomadischen Kultur lässt sich am ehesten durch solche Vorgänge erklären.
123. Die Sprache verweist nach Norden in die Wälder, die materielle Kultur nach Süden in die Steppe, und beide Befunde sind gesichert.
124. Die wahrscheinlichste Erklärung lautet, dass eine finno-ugrisch sprechende Bevölkerung in den Steppenraum gelangte und dort die nomadische Lebensweise übernahm.
125. Diese Bevölkerung gab ihre Sprache nicht auf, übernahm aber Wirtschaft, Bewaffnung und Kultur der Steppenvölker.
126. Auf diese Weise konnte ein Volk entstehen, das eine finno-ugrische Sprache mit einer steppennomadischen Kultur verband.
127. Ein anderes denkbares Modell nimmt an, dass die ungarische Sprachgemeinschaft durch Sprachwechsel andere Gruppen in sich aufnahm.
128. In jedem Fall zeigt sich, dass Sprache und Kultur eines Volkes verschiedene Wege gehen und nicht gleichgesetzt werden dürfen.
129. Diese Einsicht ist eine der wichtigsten Lehren, die aus der sprachwissenschaftlichen Erforschung der ungarischen Ursprünge zu ziehen sind.
130. Sie warnt davor, von der Sprache vorschnell auf die biologische Abstammung oder auf die Kultur eines Volkes zu schließen.
131. Die Sprachwissenschaft kann somit eine sehr bestimmte Frage beantworten und eine andere ausdrücklich offenlassen.
132. Sie kann mit Sicherheit sagen, dass die ungarische Sprache finno-ugrischen Ursprungs ist und ihre Wurzeln in der eurasischen Waldzone hat.
133. Sie kann hingegen nicht sagen, von welchen biologischen Vorfahren die heutigen Ungarn abstammen, denn das ist eine Frage der Genetik.
134. Damit verweist die Sprachwissenschaft selbst auf die Grenzen ihrer Aussagekraft und auf die Notwendigkeit, andere Disziplinen hinzuzuziehen.
135. Innerhalb der finno-ugrischen Forschung selbst gibt es zudem eine Reihe offener und umstrittener Fragen.
136. Umstritten ist, wie der innere Stammbaum der uralischen Sprachfamilie genau zu zeichnen ist.
137. Manche Forscher zweifeln, ob die traditionelle Zweiteilung in einen finno-ugrischen und einen samojedischen Zweig den tatsächlichen Verhältnissen entspricht.
138. Andere stellen die Geschlossenheit des finno-ugrischen Zweiges in Frage und bevorzugen abweichende Gliederungen.
139. Auch der zeitliche Tiefenansatz, also die Datierung der Sprachaufspaltungen, wird kontrovers diskutiert.
140. Eine ältere Methode, die das Alter von Sprachtrennungen aus der Geschwindigkeit des Wortschatzwandels berechnen wollte, gilt heute als unzuverlässig.
141. Diese als Glottochronologie bezeichnete Methode beruhte auf der Annahme einer gleichmäßigen Wandlungsgeschwindigkeit, die sich nicht bestätigen ließ.
142. Die moderne Forschung verfährt daher bei zeitlichen Angaben mit großer Vorsicht.
143. Strittig ist ferner, ob es eine einheitliche ugrische Zwischenstufe zwischen dem Proto-Uralischen und dem Ungarischen tatsächlich gegeben hat.
144. Manche Forscher halten die enge Zusammengehörigkeit von Ungarisch, Chantisch und Mansisch für gesichert, andere deuten die Übereinstimmungen anders.
145. Diese fachinternen Auseinandersetzungen ändern jedoch nichts an der grundlegenden Tatsache der finno-ugrischen Zugehörigkeit des Ungarischen.
146. Sie betreffen die Feinzeichnung des Stammbaums, nicht die Zugehörigkeit zur Familie selbst.
147. In jüngerer Zeit hat die Sprachwissenschaft begonnen, ihre Ergebnisse mit denen der genetischen Forschung ins Gespräch zu bringen.
148. Dabei zeigt sich, dass sprachliche und genetische Befunde einander ergänzen, aber nicht ineinander übersetzt werden können.
149. Ein sprachlicher Stammbaum bildet die Geschichte von Sprachen ab, ein genetischer Stammbaum die Geschichte von Bevölkerungen.
150. Beide können sich überschneiden, müssen es aber nicht, da Sprache und Gene auf verschiedenen Wegen weitergegeben werden.
151. Die Sprachwissenschaft liefert somit einen eigenständigen, unverwechselbaren Beitrag zur Klärung der ungarischen Ursprünge.
152. Ihr Hauptergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die ungarische Sprache gehört zur finno-ugrischen Familie und hat ihre Wurzeln in der eurasischen Waldzone.
153. Dieses Ergebnis ruht auf einem dichten und mehrfach abgesicherten Fundament aus Grundwortschatz und Grammatik.
154. Es ist in seinem Kern unumstritten und gehört zu den am besten gesicherten Erkenntnissen über die ungarische Frühgeschichte überhaupt.
155. Zugleich liefert die Lehnwortforschung ein zeitlich gestuftes Bild der Wanderungen und Kontakte der Ungarn.
156. Die iranischen Lehnwörter bezeugen frühe Kontakte, die türkischen die lange Steppenzeit, die slawischen und deutschen die Zeit nach der Landnahme.
157. In der Schichtung dieser Lehnwörter ist die Wanderungsgeschichte des Volkes sprachlich gleichsam aufbewahrt.
158. Damit ergänzt die Sprachwissenschaft die Archäologie und die schriftlichen Quellen um eine eigene zeitliche Tiefendimension.
159. Wo die Funde an der Schwelle der Steppenzeit verstummen, führt die Sprache noch weiter zurück bis in die Waldzone.
160. Wo die schriftlichen Quellen erst um die Landnahme einsetzen, reicht das sprachliche Zeugnis Jahrtausende tiefer.
161. Gerade in dieser Reichweite liegt die besondere Stärke der sprachwissenschaftlichen Forschung.
162. Ihre Schwäche liegt umgekehrt darin, dass sie über die biologische Abstammung und über konkrete Ereignisse keine Auskunft geben kann.
163. Sie kann nicht sagen, wann genau eine Wanderung stattfand, wie viele Menschen daran beteiligt waren oder welchen Weg sie nahmen.
164. Diese Fragen können nur durch das Zusammenwirken mit den anderen Quellengattungen einer Antwort näher gebracht werden.
165. Aus der sprachwissenschaftlichen Forschung ergeben sich somit einige feste Punkte für das Gesamtbild der ungarischen Ethnogenese.
166. Erstens steht die finno-ugrische Herkunft der ungarischen Sprache zweifelsfrei fest.
167. Zweitens liegen die nächsten Sprachverwandten des Ungarischen in Westsibirien, was auf eine ferne Herkunft aus der Waldzone weist.
168. Drittens bezeugen die türkischen Lehnwörter eine lange und intensive Steppenzeit mit Übernahme fremder Wirtschaftsformen.
169. Viertens belegen die slawischen Lehnwörter die enge Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung des Karpatenbeckens.
170. Fünftens mahnt die Sprachwissenschaft zur strikten Trennung von Sprachverwandtschaft und biologischer Abstammung.
171. Diese fünf Punkte bilden den Beitrag der Sprachwissenschaft zu dem Gesamtbild, das dieser Buchabschnitt zu zeichnen versucht.
172. Sie fügen sich widerspruchsfrei zu den Ergebnissen der Archäologie und der schriftlichen Quellen, sofern man Sprache und Kultur sauber auseinanderhält.
173. Das scheinbare Spannungsverhältnis zwischen finno-ugrischer Sprache und steppennomadischer Kultur löst sich auf, sobald man Wanderung und Sprachwechsel als Erklärung zulässt.
174. Die Ungarn erscheinen so als ein Volk, das eine alte Waldsprache durch die Steppe hindurch bis nach Mitteleuropa trug.
175. Auf diesem langen Weg übernahmen sie fremde Kultur, fremde Wirtschaftsformen und fremde Bevölkerungsteile, ohne ihre Sprache aufzugeben.
176. Genau dieser Vorgang ist mit dem Begriff der Ethnogenese gemeint, der Herausbildung eines Volkes aus verschiedenen Bestandteilen.
177. Die Sprache erweist sich dabei als das beständigste Element, das die einzelnen Etappen über Jahrtausende hinweg miteinander verbindet.
178. Welche biologischen Bevölkerungen an dieser Ethnogenese beteiligt waren, kann die Sprachwissenschaft jedoch nicht beantworten.
179. Diese Frage führt zwangsläufig zur genetischen Forschung, die mit ihren eigenen Methoden die Geschichte der Bevölkerungen untersucht.
180. Damit ist der Übergang zum folgenden Abschnitt über die genetischen Studien und die Bevölkerungsbewegungen vorgezeichnet.

Genetische Studien: DNA und Bevölkerungsbewegungen

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1. Während die Sprachwissenschaft die Herkunft der ungarischen Sprache klärt, vermag sie über die biologische Abstammung der Ungarn keine Auskunft zu geben; diese Lücke zu schließen ist die Aufgabe der genetischen Forschung.
2. Die Genetik ist die Wissenschaft von der Vererbung und untersucht, wie biologische Merkmale von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.
3. Träger der Erbinformation ist die Desoxyribonukleinsäure, abgekürzt DNA, ein langes, fadenförmiges Molekül im Inneren nahezu jeder Körperzelle.
4. Die DNA enthält in ihrer Abfolge chemischer Bausteine die gesamte Bauanleitung eines Lebewesens und wird bei der Fortpflanzung an die Nachkommen vererbt.
5. Da sich die DNA bei der Weitergabe nur langsam und nach bestimmten Regeln verändert, trägt auch sie, ähnlich wie die Sprache, ein Gedächtnis der Vergangenheit in sich.
6. Dieses Gedächtnis macht sich die Forschungsrichtung der Archäogenetik zunutze, die genetische Methoden auf historische und vorgeschichtliche Fragen anwendet.
7. Die Archäogenetik untersucht das Erbgut heute lebender Menschen ebenso wie das aus archäologischen Funden gewonnene Erbgut längst Verstorbener.
8. Erbgut, das aus den Knochen oder Zähnen verstorbener Menschen gewonnen wird, bezeichnet man als alte DNA.
9. Die Gewinnung alter DNA ist technisch außerordentlich schwierig, da das Erbmaterial nach dem Tod zerfällt und mit der Zeit immer stärker beschädigt wird.
10. Hinzu kommt die Gefahr der Verunreinigung durch das Erbgut der heutigen Menschen, die mit den Funden in Berührung kommen.
11. Erst seit einigen Jahrzehnten erlauben verfeinerte Verfahren, alte DNA verlässlich zu gewinnen und auszuwerten.
12. Die rasche Entwicklung dieser Verfahren hat die Erforschung vorgeschichtlicher Bevölkerungsbewegungen seit der Jahrtausendwende grundlegend verändert.
13. Für das Verständnis der genetischen Forschung ist die Unterscheidung dreier verschiedener Arten von Erbgut von grundlegender Bedeutung.
14. Die erste Art ist die mitochondriale DNA, ein kleiner Erbgutbestandteil außerhalb des Zellkerns, der ausschließlich von der Mutter an alle ihre Kinder weitergegeben wird.
15. Die mitochondriale DNA bildet daher eine ununterbrochene Linie von Müttern und erlaubt es, die mütterliche Abstammung über viele Generationen zurückzuverfolgen.
16. Die zweite Art ist das Y-Chromosom, ein Erbgutbestandteil, der nur bei Männern vorkommt und ausschließlich vom Vater an die Söhne weitergegeben wird.
17. Das Y-Chromosom bildet daher eine reine Linie von Vätern und erlaubt die Verfolgung der väterlichen Abstammung.
18. Die dritte und umfangreichste Art ist das übrige Erbgut im Zellkern, das von beiden Elternteilen je zur Hälfte beigesteuert wird.
19. Dieses sogenannte autosomale Erbgut spiegelt die gesamte Abstammung eines Menschen und nicht nur eine einzelne mütterliche oder väterliche Linie.
20. Die Auswertung des autosomalen Erbguts gilt heute als die aussagekräftigste Methode, da sie ein vollständiges Bild der Herkunft liefert.
21. Innerhalb der mütterlichen und väterlichen Linien fasst die Forschung verwandte Varianten zu sogenannten Haplogruppen zusammen.
22. Eine Haplogruppe ist eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Abfolge bestimmter Erbgutmerkmale teilen und somit von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen.
23. Haplogruppen sind über die Erdteile unterschiedlich verbreitet, sodass aus ihrem Vorkommen auf geographische Herkunftsräume geschlossen werden kann.
24. Bestimmte Haplogruppen sind etwa in Ostasien häufig, andere in Europa, wieder andere in der eurasischen Steppe oder in der nördlichen Waldzone.
25. Findet sich in einem Gräberfeld eine Haplogruppe, die für einen bestimmten Raum kennzeichnend ist, so liefert dies einen Hinweis auf die Herkunft der dort Bestatteten.
26. Mit Hilfe dieser Methoden lässt sich die Frage stellen, ob die Landnahme der Ungarn mit einer realen Zuwanderung von Menschen verbunden war.
27. Die genetische Forschung hat zur ungarischen Frühgeschichte in den vergangenen Jahren eine Reihe aufschlussreicher Ergebnisse vorgelegt.
28. Untersucht wurden dabei vor allem die Skelette aus landnahmezeitlichen Gräbern des 10. Jahrhunderts im Karpatenbecken.
29. Ein erstes und gut gesichertes Ergebnis betrifft die Führungsschicht, also die in reichen Reitergräbern Bestatteten.
30. In den Skeletten dieser Oberschicht fand sich ein deutlicher Anteil an Erbgutkomponenten, die auf eine Herkunft aus dem Osten verweisen.
31. Diese östlichen Komponenten lassen sich mit Bevölkerungen der eurasischen Steppe und der angrenzenden Regionen Asiens in Verbindung bringen.
32. Damit bestätigt die Genetik unabhängig, was die naturwissenschaftlichen Isotopenanalysen bereits nahegelegt hatten: dass tatsächlich Menschen aus dem Osten einwanderten.
33. Die Landnahme war demnach nicht bloß ein kultureller oder politischer Vorgang, sondern mit einer realen Wanderung von Menschen verbunden.
34. Ein zweites Ergebnis betrifft das Verhältnis dieser Einwanderer zur einheimischen Bevölkerung des Karpatenbeckens.
35. Die genetischen Studien zeigen, dass die östlichen Komponenten in der landnahmezeitlichen Bevölkerung insgesamt nur einen begrenzten Anteil ausmachten.
36. Der weitaus größere Teil des Erbguts entsprach der einheimischen, bereits vor der Landnahme im Karpatenbecken ansässigen Bevölkerung.
37. Dieser Befund stützt nachdrücklich das bereits aus der Archäologie abgeleitete Bild einer zahlenmäßig überlegenen einheimischen Mehrheit.
38. Die einwandernden Ungarn bildeten demnach eine Minderheit, die sich rasch mit der vorgefundenen Bevölkerung vermischte.
39. Damit liefert die Genetik eine unabhängige Bestätigung des Modells der Elitendominanz, das schon im archäologischen Abschnitt erläutert wurde.
40. Nach diesem Modell setzte eine zahlenmäßig kleine, aber militärisch und politisch beherrschende Schicht ihre Sprache und Ordnung durch.
41. Die Genetik kann somit erklären, wie eine finno-ugrische Sprache von einer überwiegend einheimischen Bevölkerung übernommen werden konnte.
42. Ein drittes Ergebnis betrifft die genauere Herkunft jener östlichen Komponente in der Führungsschicht.
43. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass diese Komponente nicht einheitlich ist, sondern selbst aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt war.
44. Sie verbindet Anteile, die auf die westsibirische Waldzone verweisen, mit Anteilen, die für die Steppenvölker Zentralasiens kennzeichnend sind.
45. Dieser gemischte Befund ist von erheblicher Bedeutung, denn er fügt sich auffällig gut zu den Ergebnissen der Sprachwissenschaft.
46. Die Sprachwissenschaft hatte gezeigt, dass die ungarische Sprache aus der Waldzone stammt, ihre Kultur jedoch aus der Steppe.
47. Die Genetik findet nun in der Führungsschicht beide Komponenten zugleich, eine waldzonennahe und eine steppennahe.
48. Damit erscheint die einwandernde Oberschicht selbst bereits als das Ergebnis einer langen Vermischungsgeschichte.
49. Die Ethnogenese der Ungarn begann demnach nicht erst im Karpatenbecken, sondern hatte schon in der Steppe ihre Vorgeschichte.
50. Ein viertes Forschungsfeld betrifft jene Gräberfelder, die mit der im Osten verbliebenen Gruppe der Ungarn in Verbindung gebracht werden.
51. Bereits im archäologischen Abschnitt wurde der Fundort Bolschije Tigani an der Kama erwähnt, der mit der Großen Ungarn genannten Urheimat verknüpft wird.
52. Genetische Untersuchungen an Skeletten aus diesem und verwandten Gräberfeldern haben Übereinstimmungen mit der landnahmezeitlichen Führungsschicht ergeben.
53. Solche Übereinstimmungen stützen die Annahme einer genetischen Verbindung zwischen den Ungarn des Karpatenbeckens und den Bevölkerungen der Wolga-Kama-Region.
54. Damit erhält die alte Überlieferung von einer östlichen Urheimat eine gewisse Stütze durch die genetische Forschung.
55. Insgesamt zeichnen die genetischen Studien das Bild eines mehrstufigen Wanderungs- und Vermischungsprozesses.
56. Eine ursprünglich der Waldzone nahestehende Bevölkerung gelangte in die Steppe und vermischte sich dort mit steppennomadischen Gruppen.
57. Diese bereits gemischte Bevölkerung wanderte weiter nach Westen und traf im Karpatenbecken auf eine zahlreiche einheimische Bevölkerung.
58. Aus der Vermischung der östlichen Einwanderer mit der einheimischen Mehrheit ging schließlich die mittelalterliche ungarische Bevölkerung hervor.
59. Dieses genetische Modell fügt sich nahezu lückenlos in das Bild ein, das Archäologie, schriftliche Quellen und Sprachwissenschaft gemeinsam ergeben.
60. Gerade in dieser Übereinstimmung mehrerer voneinander unabhängiger Disziplinen liegt die besondere Überzeugungskraft des Gesamtbildes.
61. So eindrucksvoll diese Ergebnisse sind, so sehr verlangt die genetische Forschung jedoch eine sorgfältige methodische Bewertung.
62. Denn die Genetik ist trotz ihrer naturwissenschaftlichen Strenge keineswegs frei von Unsicherheiten und Fehlerquellen.
63. Eine erste Schwierigkeit betrifft die Auswahl der untersuchten Skelette, also die Stichprobe.
64. Eine Stichprobe ist die Menge der tatsächlich untersuchten Fälle, aus der auf die Gesamtheit geschlossen werden soll.
65. Die Zahl der untersuchten landnahmezeitlichen Skelette ist im Verhältnis zur einstigen Gesamtbevölkerung sehr klein.
66. Hinzu kommt, dass reiche Reitergräber häufiger untersucht werden als einfache Bestattungen, weil sie besser erkannt und ausgegraben sind.
67. Dadurch kann ein verzerrtes Bild entstehen, das die Führungsschicht überrepräsentiert und die breite Bevölkerung unterrepräsentiert.
68. Eine zweite Schwierigkeit ist die bereits erwähnte Gefahr der Verunreinigung alter DNA durch modernes Erbgut.
69. Eine dritte Schwierigkeit liegt in der Deutung der Ergebnisse, denn genetische Daten sprechen nicht von selbst.
70. Die Zuordnung einer Erbgutkomponente zu einer bestimmten Region beruht auf Vergleichen mit anderen, ihrerseits begrenzten Datensätzen.
71. Fehlen für eine Region genügend Vergleichsdaten, so bleibt die Herkunftsbestimmung unsicher.
72. Eine vierte und besonders grundsätzliche Schwierigkeit betrifft das Verhältnis von Genen, Sprache und Volk.
73. Dieselbe methodische Mahnung, die schon für die Archäologie und die Sprachwissenschaft galt, gilt auch für die Genetik.
74. Ein Gen ist kein ethnischer Ausweis, und eine Haplogruppe ist nicht gleichbedeutend mit einem Volk oder einer Sprache.
75. Menschen vererben ihr Erbgut unabhängig davon, welche Sprache sie sprechen und welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen.
76. Ein genetischer Befund kann daher belegen, dass Menschen aus dem Osten einwanderten, nicht aber, welche Sprache diese Menschen sprachen.
77. Dass die östliche Komponente mit den finno-ugrischen Sprechern gleichzusetzen ist, ist eine Deutung, die erst durch das Zusammenspiel mit der Sprachwissenschaft plausibel wird.
78. Die Genetik allein kann diese Gleichsetzung nicht beweisen, sie kann sie nur stützen.
79. Eine fünfte Schwierigkeit betrifft die Gefahr der politischen und nationalistischen Vereinnahmung genetischer Ergebnisse.
80. Schon die finno-ugrische Sprachforschung war, wie der ugrisch-türkische Krieg zeigte, mit nationalem Empfinden verflochten.
81. Genetische Aussagen über die Herkunft eines Volkes sind in ähnlicher Weise anfällig dafür, für politische Zwecke missbraucht zu werden.
82. Vorstellungen von einer reinen Abstammung oder einem genetisch definierten Volk widersprechen jedoch dem tatsächlichen Befund der Forschung.
83. Die genetische Forschung zeigt im Gegenteil, dass jede Bevölkerung das Ergebnis vielfältiger Vermischung ist.
84. Gerade die Ungarn sind ein anschauliches Beispiel für eine Bevölkerung gemischter und mehrschichtiger Herkunft.
85. Die seriöse Wissenschaft betont diesen Befund und wendet sich ausdrücklich gegen jede Deutung im Sinne einer biologischen Reinheit.
86. Eine sechste Schwierigkeit ergibt sich aus dem Unterschied zwischen alter und heutiger DNA.
87. Das Erbgut der heutigen Ungarn unterscheidet sich deutlich von dem der landnahmezeitlichen Führungsschicht.
88. Im Erbgut der heutigen ungarischen Bevölkerung ist die östliche Komponente nur noch in sehr geringem Maße nachweisbar.
89. Dies erklärt sich daraus, dass die kleine östliche Minderheit über die Jahrhunderte in der weit größeren einheimischen und später zugewanderten Bevölkerung aufging.
90. Das heutige Erbgut der Ungarn ähnelt im Wesentlichen dem ihrer mitteleuropäischen Nachbarn.
91. Hieraus folgt eine wichtige Einsicht: Die heutigen Ungarn sind genetisch keine Steppennomaden, obwohl sie eine finno-ugrische Sprache sprechen.
92. Sprache und Erbgut sind im Fall der Ungarn auf besonders deutliche Weise auseinandergetreten.
93. Die Sprache hat die ferne östliche Herkunft bewahrt, das Erbgut hingegen spiegelt überwiegend die einheimische und mitteleuropäische Abstammung.
94. Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit kein Widerspruch, sondern die natürliche Folge von Sprachwechsel und Vermischung.
95. Er bestätigt erneut die grundlegende Lehre, dass Sprache, Kultur und Erbgut eines Volkes verschiedene Wege gehen.
96. Die genetische Forschung liefert damit kein einfaches, sondern ein vielschichtiges Bild der ungarischen Herkunft.
97. Dieses Bild lässt sich nicht auf eine einzige Aussage über die wahre Abstammung der Ungarn verkürzen.
98. Vielmehr unterscheidet die Genetik sorgfältig zwischen der Herkunft der landnahmezeitlichen Führungsschicht und der Herkunft der heutigen Bevölkerung.
99. Die Führungsschicht des 10. Jahrhunderts trug einen erkennbaren östlichen Anteil, die heutige Bevölkerung trägt ihn nur noch in Spuren.
100. Zwischen beiden liegt ein tausendjähriger Prozess der Vermischung mit der einheimischen Mehrheit und mit später zugewanderten Gruppen.
101. Ein eigenes und besonders aufschlussreiches Anwendungsgebiet der Genetik ist die Untersuchung verwandtschaftlicher Beziehungen innerhalb einzelner Gräberfelder.
102. Mit Hilfe des autosomalen Erbguts lässt sich feststellen, ob in einem Gräberfeld bestattete Personen miteinander verwandt waren.
103. Auf diese Weise können ganze Stammbäume rekonstruiert werden, die mehrere Generationen einer Familie umfassen.
104. Solche genealogischen Rekonstruktionen geben Aufschluss über die soziale Ordnung, etwa darüber, wer neben wem und mit welcher Ausstattung bestattet wurde.
105. Untersuchungen an landnahmezeitlichen Gräberfeldern haben gezeigt, dass Bestattungsplätze oft nach verwandtschaftlichen Linien gegliedert waren.
106. Häufig folgte die Bestattung dabei der väterlichen Linie, was auf eine patrilineare Gesellschaftsordnung hindeutet.
107. Patrilinear bedeutet, dass Abstammung und Zugehörigkeit vorrangig über den Vater bestimmt wurden.
108. Solche Erkenntnisse verbinden die Genetik unmittelbar mit den Fragen nach Familie und Geschlechterordnung, die in anderen Abschnitten dieses Buches behandelt werden.
109. Damit erweist sich die Genetik nicht nur als Mittel zur Klärung großräumiger Wanderungen, sondern auch als Werkzeug zur Erforschung kleinräumiger sozialer Strukturen.
110. Die genetische Forschung steht zudem nicht für sich allein, sondern wird zunehmend mit anderen naturwissenschaftlichen Methoden verbunden.
111. An denselben Skeletten lassen sich Erbgut, Isotopenwerte und anthropologische Merkmale gemeinsam untersuchen.
112. Die Anthropologie, also die Lehre vom menschlichen Körper, bestimmt aus den Knochen Alter, Geschlecht, Körpergröße und Krankheiten der Verstorbenen.
113. Die Verbindung von Genetik, Isotopenanalyse und Anthropologie erlaubt ein außerordentlich genaues Bild des einzelnen Menschen der Vergangenheit.
114. Über ein einzelnes landnahmezeitliches Skelett lässt sich heute oft sagen, woher die Person stammte, wie sie sich ernährte und mit wem sie verwandt war.
115. Diese Verbindung mehrerer Methoden hat die Erforschung der ungarischen Frühgeschichte auf eine neue Grundlage gestellt.
116. Sie hat die alte, allein auf Funde und Texte gestützte Geschichtsschreibung um eine biologische Dimension erweitert.
117. Gerade deshalb ist es wichtig, die Reichweite und die Grenzen dieser neuen Methoden klar zu benennen.
118. Die Stärke der Genetik liegt darin, reale Wanderungen von Menschen nachzuweisen und Vermischungen zu quantifizieren.
119. Sie kann zeigen, dass Menschen sich bewegten, und sie kann ungefähr angeben, in welchem Verhältnis sich Bevölkerungen mischten.
120. Ihre Grenze liegt darin, dass sie über Sprache, Kultur und Selbstverständnis der untersuchten Menschen nichts aussagen kann.
121. Ein Skelett verrät seine Erbgutkomponenten, nicht aber, in welcher Sprache sein Träger dachte oder welchem Volk er sich zurechnete.
122. Aus diesem Grund kann auch die Genetik die anderen Quellengattungen nicht ersetzen, sondern nur mit ihnen zusammenwirken.
123. Die Frage nach den Ursprüngen der Ungarn lässt sich allein genetisch ebenso wenig beantworten wie allein sprachlich oder allein archäologisch.
124. Erst das Zusammenspiel aller vier Disziplinen führt zu einem tragfähigen Gesamtbild.
125. Die Archäologie liefert die materielle Kultur, die schriftlichen Quellen die Ereignisse und Namen, die Sprachwissenschaft die sprachliche Herkunft, die Genetik die biologische Abstammung.
126. Jede dieser Disziplinen beleuchtet einen anderen Strang der ungarischen Ethnogenese.
127. Und gerade weil sie verschiedene Stränge beleuchten, ist ihre Übereinstimmung im Gesamtbild so bedeutsam.
128. Trotz dieser Übereinstimmung bleiben in der genetischen Forschung zahlreiche Fragen offen und umstritten.
129. Umstritten ist die genaue Zusammensetzung der östlichen Komponente in der landnahmezeitlichen Führungsschicht.
130. Verschiedene Studien gewichten die waldzonennahen und die steppennahen Anteile unterschiedlich.
131. Umstritten ist ferner, wie groß der zahlenmäßige Anteil der Einwanderer an der Gesamtbevölkerung tatsächlich war.
132. Die Schätzungen schwanken, und die kleine Stichprobe lässt eine genaue Bezifferung bislang nicht zu.
133. Offen ist auch, über welchen genauen Zeitraum und über welche Zwischenstationen sich die Wanderung erstreckte.
134. Die Genetik kann eine Wanderung nachweisen, ihren Verlauf und ihre Dauer aber nur ungenau bestimmen.
135. Umstritten bleibt schließlich, wie die genetischen Befunde mit den Angaben der schriftlichen Quellen zu Levedia und Etelköz zu verbinden sind.
136. Hier zeigt sich erneut, dass die Quellengattungen nicht immer bruchlos zur Deckung gebracht werden können.
137. Ein weiterer offener Punkt ist die Frage, wie repräsentativ die untersuchten Gräberfelder für die gesamte landnahmezeitliche Bevölkerung sind.
138. Solange überwiegend reiche Gräber untersucht werden, bleibt das genetische Bild der breiten Bevölkerung unscharf.
139. Die Forschung begegnet diesen offenen Fragen, indem sie die Zahl der untersuchten Skelette stetig vergrößert.
140. Mit jedem neu untersuchten Gräberfeld wird das genetische Bild der ungarischen Frühgeschichte dichter und genauer.
141. Die Archäogenetik ist daher ein junges und rasch wachsendes Forschungsfeld, dessen Ergebnisse sich fortlaufend verfeinern.
142. Was heute als gesichert gilt, kann durch künftige Funde ergänzt, verschoben oder in Teilen korrigiert werden.
143. Diese Vorläufigkeit ist kein Mangel, sondern Ausdruck der Lebendigkeit einer sich entwickelnden Wissenschaft.
144. Festzuhalten bleibt gleichwohl ein Kern an Ergebnissen, der bereits jetzt als verlässlich gelten darf.
145. Erstens ist gesichert, dass die Landnahme mit einer realen Einwanderung von Menschen aus dem Osten verbunden war.
146. Zweitens ist gesichert, dass diese Einwanderer eine zahlenmäßige Minderheit gegenüber der einheimischen Bevölkerung bildeten.
147. Drittens ist gesichert, dass die einwandernde Führungsschicht selbst bereits gemischter Herkunft war und Anteile aus Waldzone und Steppe vereinte.
148. Viertens ist gesichert, dass die östliche Komponente im Erbgut der heutigen Ungarn nur noch in geringem Maße fortbesteht.
149. Diese vier Punkte bilden den festen Beitrag der Genetik zu dem Gesamtbild der ungarischen Ethnogenese.
150. Sie fügen sich widerspruchsfrei zu den Ergebnissen der Archäologie, der schriftlichen Quellen und der Sprachwissenschaft.
151. Die Archäologie hatte eine geschichtete Gesellschaft und eine einheimische Mehrheit nahegelegt; die Genetik bestätigt beides.
152. Die schriftlichen Quellen hatten ein Reitervolk in der Steppe geschildert; die Genetik bestätigt die östliche Herkunft der Führungsschicht.
153. Die Sprachwissenschaft hatte eine finno-ugrische Sprache mit Wurzeln in der Waldzone nachgewiesen; die Genetik findet eine waldzonennahe Komponente in der Oberschicht.
154. In der Zusammenschau ergibt sich ein Bild, das alle vier Disziplinen gemeinsam tragen und das gerade deshalb belastbar ist.
155. Die Ungarn erscheinen darin als ein Volk, das aus mehreren Wurzeln in einem langen Prozess zusammenwuchs.
156. Eine waldzonennahe Bevölkerung mit finno-ugrischer Sprache gelangte in die Steppe und vermischte sich mit steppennomadischen Gruppen.
157. Diese gemischte Bevölkerung wanderte ins Karpatenbecken und ging dort in der einheimischen Mehrheit weitgehend auf.
158. Aus diesem mehrstufigen Vorgang ging das mittelalterliche und schließlich das heutige ungarische Volk hervor.
159. Genau dieser Vorgang ist mit dem Begriff der Ethnogenese gemeint, der die Herausbildung eines Volkes aus verschiedenen Bestandteilen bezeichnet.
160. Die Genetik liefert für diese Ethnogenese das biologische Zeugnis, so wie die Sprache das sprachliche und die Funde das materielle Zeugnis liefern.
161. Sie zeigt mit den Mitteln der Naturwissenschaft, dass die Vorstellung eines reinen, einheitlichen Ursprungsvolkes der Wirklichkeit nicht entspricht.
162. An die Stelle der reinen Abstammung tritt das Bild einer vielfach gemischten, mehrschichtigen Bevölkerung.
163. Dieses Bild ist weniger einfach als die alten Ursprungserzählungen, dafür aber durch die Befunde gedeckt.
164. Die genetische Forschung hat damit das Verständnis der ungarischen Frühgeschichte vertieft, ohne es zu vereinfachen.
165. Sie hat reale Wanderungen nachgewiesen und zugleich vor jeder vereinfachenden Deutung gewarnt.
166. Sie hat das Modell der Elitendominanz gestützt und die enge Vermischung von Einwanderern und Einheimischen bestätigt.
167. Und sie hat gezeigt, dass die heutigen Ungarn ihre ferne Herkunft fast nur noch in der Sprache, kaum noch im Erbgut bewahren.
168. Wer die Ursprünge der Ungarn verstehen will, muss daher die genetischen Befunde stets im Verbund mit den übrigen Quellen lesen.
169. Die Genetik liefert den biologischen Faden, der durch die ungarische Frühgeschichte führt, doch dieser Faden ist nur einer von mehreren.
170. Erst gemeinsam mit dem materiellen, dem schriftlichen und dem sprachlichen Faden ergibt er das vollständige Gewebe.
171. Damit ist auch für die genetische Forschung der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sie zur Klärung der ungarischen Ursprünge beitragen kann.
172. Sie ist unentbehrlich für die Frage der biologischen Abstammung und der realen Bevölkerungsbewegungen.
173. Sie ist hingegen unzureichend für Fragen der Sprache, der Kultur und des Selbstverständnisses.
174. Ihre volle Aussagekraft entfaltet sie erst im Zusammenwirken mit Archäologie, Schriftquellen und Sprachwissenschaft.
175. Die vier Disziplinen zusammen haben gezeigt, dass die Entstehung des ungarischen Volkes ein zusammengesetzter und langwieriger Vorgang war.
176. Keine von ihnen allein hätte dieses Ergebnis erbringen können; erst ihr Zusammenklang macht es überzeugend.
177. Dennoch bleiben, wie dieser Abschnitt gezeigt hat, auch nach dem Zusammenwirken aller Disziplinen zahlreiche Fragen offen.
178. Diese offenen Fragen und die Kontroversen, die sie in der Forschung auslösen, sind selbst ein Thema, das eigene Betrachtung verdient.
179. Neben den vier wissenschaftlichen Zugängen wirkt zudem die mythologische und legendäre Überlieferung des Volkes fort, die ein eigenes Bild der Ursprünge zeichnet.
180. Damit ist der Übergang zu den folgenden Abschnitten über die Volkserinnerung sowie über die Kontroversen und offenen Fragen der Forschung vorgezeichnet.

Mythologische und legendäre Traditionen: Árpád und die Volkserinnerung

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1. Neben den vier wissenschaftlichen Zugängen der Archäologie, der schriftlichen Quellen, der Sprachwissenschaft und der Genetik gibt es eine fünfte Überlieferung, die von den Ursprüngen der Ungarn erzählt: die mythologische und legendäre Tradition des Volkes selbst.
2. Diese Überlieferung unterscheidet sich grundlegend von den vier genannten Zugängen, denn sie fragt nicht nach dem, was nachweisbar geschah, sondern erzählt, wie ein Volk seine eigene Herkunft deutete.
3. Ein Mythos ist eine sinnstiftende Erzählung, die nicht den Anspruch nüchterner Tatsachenwiedergabe erhebt, sondern grundlegende Vorstellungen einer Gemeinschaft über sich selbst und die Welt verdichtet.
4. Eine Legende ist eine ausschmückende Erzählung, die sich um eine historische Person oder ein historisches Ereignis rankt und dieses mit erfundenen oder wunderbaren Zügen anreichert.
5. Mythos und Legende sind somit keine falschen Geschichtsschreibung, sondern eine andere Art, mit Vergangenheit umzugehen, die eigenen Regeln und einem eigenen Zweck folgt.
6. Für den Historiker sind solche Erzählungen aus zwei sehr verschiedenen Gründen von Interesse.
7. Zum einen können sie, oft stark verformt, einen Kern echter historischer Erinnerung bewahren.
8. Zum anderen sind sie selbst ein Zeugnis, nämlich ein Zeugnis für das Selbstverständnis jener Zeit, in der sie aufgeschrieben wurden.
9. Die Wissenschaft, die untersucht, wie Gemeinschaften ihre Vergangenheit deuten und für ihre Gegenwart nutzbar machen, spricht von Erinnerungskultur.
10. Die ungarische Ursprungsüberlieferung ist ein lehrreiches Beispiel für eine solche Erinnerungskultur und steht im Mittelpunkt dieses Abschnitts.
11. Bevor die einzelnen Erzählungen betrachtet werden, ist nach den Quellen zu fragen, in denen sie überliefert sind.
12. Hier zeigt sich sogleich eine grundlegende Schwierigkeit: Die ungarischen Ursprungssagen sind nicht in der Zeit der Landnahme selbst aufgezeichnet worden.
13. Die Ungarn der Landnahmezeit besaßen keine eigene Schrift, in der sie ihre Erzählungen hätten festhalten können.
14. Die Sagen wurden vielmehr mündlich überliefert und erst Jahrhunderte später von schreibkundigen Geistlichen niedergeschrieben.
15. Die wichtigsten dieser späten Aufzeichnungen sind die mittelalterlichen ungarischen Chroniken, die im Abschnitt über die schriftlichen Quellen bereits kurz erwähnt wurden.
16. An erster Stelle steht die Gesta Hungarorum, also die Taten der Ungarn, eines ungenannten Verfassers.
17. Da dieser Verfasser sich selbst nur als Notar eines Königs Béla bezeichnet, wird er in der Forschung kurz Anonymus genannt.
18. Die Gesta Hungarorum des Anonymus entstand vermutlich um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert, also rund drei Jahrhunderte nach der Landnahme.
19. Ein zweites wichtiges Werk ist die etwas jüngere Chronik des Simon von Kéza, die im späten 13. Jahrhundert verfasst wurde.
20. Hinzu kommen die zusammenfassenden Chroniken des 14. Jahrhunderts, in denen ältere Überlieferungen gebündelt wurden.
21. Allen diesen Werken ist gemeinsam, dass zwischen den geschilderten Ereignissen und ihrer Niederschrift ein Abstand von mehreren Jahrhunderten liegt.
22. Dieser zeitliche Abstand ist für die quellenkritische Bewertung von entscheidender Bedeutung.
23. In den Jahrhunderten der mündlichen Weitergabe konnte sich die Erinnerung verformen, verkürzen, ausschmücken und mit neuen Bestandteilen anreichern.
24. Hinzu kommt, dass die schreibenden Geistlichen die Erzählungen nicht unverändert übernahmen, sondern nach ihren eigenen Vorstellungen umgestalteten.
25. Diese Geistlichen waren in der lateinischen Bildung des Mittelalters geschult und kannten die Geschichtswerke der Antike und der Bibel.
26. Sie deuteten die ungarische Frühgeschichte im Licht dieser Bildung und fügten gelehrte Bestandteile in die einheimische Überlieferung ein.
27. Die ungarischen Chroniken sind daher ein Gemisch aus echter Volksüberlieferung, gelehrter Konstruktion und der politischen Absicht ihrer Entstehungszeit.
28. Die Aufgabe der Forschung besteht darin, diese verschiedenen Schichten so weit wie möglich voneinander zu trennen.
29. Mit diesem Vorbehalt lassen sich die wichtigsten Erzählungen der ungarischen Ursprungsüberlieferung betrachten.
30. An erster Stelle steht die Sage vom Wunderhirsch, die von der Herkunft des Volkes erzählt.
31. Nach dieser Sage verfolgten zwei Brüder namens Hunor und Magor bei der Jagd einen prächtigen Hirsch.
32. Der Hirsch lockte die beiden Jäger immer weiter in unbekanntes Land, bis er schließlich vor ihren Augen verschwand.
33. In dem neu entdeckten Land trafen die Brüder auf die Töchter eines fremden Fürsten, die sie zu Frauen nahmen.
34. Aus der Nachkommenschaft Hunors gingen der Sage nach die Hunnen hervor, aus der Nachkommenschaft Magors die Magyaren.
35. Diese Erzählung erklärt somit zugleich die Herkunft des ungarischen Volkes und seine angebliche Verwandtschaft mit den Hunnen.
36. Der Wunderhirsch, der einen Jäger in ein neues Land führt, ist ein weitverbreitetes Erzählmotiv, das in der Überlieferung vieler Steppenvölker begegnet.
37. Die Forschung deutet die Hirschsage daher teils als altes, aus der Steppenzeit stammendes Erbe, teils als gelehrte Ausgestaltung der mittelalterlichen Verfasser.
38. Von besonderer Tragweite ist der zweite Bestandteil der Sage, die Behauptung einer Verwandtschaft zwischen Ungarn und Hunnen.
39. Diese sogenannte hunnisch-ungarische Verwandtschaft durchzieht die mittelalterliche ungarische Chronistik und verdient eine eigene Betrachtung.
40. Die Hunnen waren ein Reitervolk, das im 4. und 5. Jahrhundert ein mächtiges Steppenreich in Europa errichtet hatte.
41. Ihr berühmtester Herrscher war Attila, dessen Name im Mittelalter in ganz Europa als Inbegriff des furchtbaren Eroberers galt.
42. Die ungarischen Chroniken stellten nun die Ungarn als Nachfahren der Hunnen und ihre Landnahme als bloße Rückkehr in ein angestammtes Erbe dar.
43. Nach dieser Deutung kehrten die Ungarn im 9. Jahrhundert lediglich in jenes Land zurück, das schon ihre hunnischen Vorfahren unter Attila besessen hätten.
44. Diese Konstruktion erfüllte einen klaren politischen Zweck, denn sie verlieh dem ungarischen Anspruch auf das Karpatenbecken eine ehrwürdige Begründung.
45. Sie machte aus einer Eroberung eine rechtmäßige Heimkehr und stellte das junge ungarische Königtum in eine lange, ruhmreiche Tradition.
46. Aus der Sicht der modernen Wissenschaft ist die hunnisch-ungarische Verwandtschaft jedoch nicht haltbar.
47. Die Hunnen und die Ungarn waren durch rund vier Jahrhunderte voneinander getrennt und gehörten verschiedenen sprachlichen und kulturellen Welten an.
48. Die Sprachwissenschaft hat eindeutig gezeigt, dass das Ungarische finno-ugrischen Ursprungs ist, während die Hunnen vermutlich Türksprachen sprachen.
49. Die Gleichsetzung beider Völker ist somit eine mittelalterliche gelehrte Konstruktion und kein Zeugnis tatsächlicher Abstammung.
50. Begünstigt wurde diese Konstruktion durch die bloße Namensähnlichkeit zwischen den lateinischen Bezeichnungen Hunni und Hungari.
51. Dass die Gleichsetzung dennoch über Jahrhunderte geglaubt und weitererzählt wurde, ist selbst ein aufschlussreiches Zeugnis der ungarischen Erinnerungskultur.
52. Sie zeigt, wie ein Volk seine Herkunft so deutete, dass daraus Würde, Recht und Selbstbewusstsein erwuchsen.
53. Der zeitliche Schwerpunkt der ungarischen Ursprungsüberlieferung liegt jedoch nicht bei den Hunnen, sondern bei der Landnahme selbst und bei der Gestalt Árpáds.
54. Árpád war der Anführer des ungarischen Stammesverbandes zur Zeit der Landnahme um 895 und gilt als Begründer der herrschenden Dynastie.
55. Die nach ihm benannte Dynastie der Arpaden stellte bis zum Jahr 1301 die Könige Ungarns und prägte damit die mittelalterliche Geschichte des Landes.
56. Eben weil die regierende Dynastie sich auf Árpád zurückführte, stand seine Gestalt im Mittelpunkt der chronikalischen Überlieferung.
57. Die Chroniken schildern, wie die ungarischen Stämme Árpád zu ihrem gemeinsamen Anführer erhoben.
58. Eine berühmte Erzählung berichtet in diesem Zusammenhang von einem feierlichen Bund der Stammesführer, dem sogenannten Blutsvertrag.
59. Nach dieser Erzählung besiegelten die Anführer von sieben Stämmen ihren Bund, indem sie einige Tropfen ihres Blutes in einem Gefäß vermischten.
60. Mit diesem Blutsvertrag, so die Überlieferung, wählten die Stämme Árpád und seine Nachkommen zu ihren erblichen Anführern.
61. Der Vertrag soll zugleich grundlegende Regeln über die Teilhabe der Stammesführer an Herrschaft und Beute festgelegt haben.
62. Die Zahl der sieben Stämme kehrt in der ungarischen Überlieferung mehrfach wieder und gab dem Volk in fremden Quellen sogar einen eigenen Namen.
63. Die Vermischung von Blut als Zeichen eines unauflöslichen Bundes ist ein Brauch, der von mehreren Steppenvölkern bezeugt ist.
64. Insofern könnte der Erzählung vom Blutsvertrag ein echter Kern an Erinnerung an eine reale Bundesschließung zugrunde liegen.
65. Die ausgestaltete Form jedoch, insbesondere die genauen Vertragsbestimmungen, gilt als spätere Hinzufügung der mittelalterlichen Chronisten.
66. Diese Bestimmungen spiegeln eher die Verfassungsvorstellungen des Hochmittelalters als die tatsächlichen Verhältnisse des 9. Jahrhunderts.
67. Der Blutsvertrag wurde in der späteren ungarischen Geschichte wiederholt als Begründung adliger Mitspracherechte herangezogen.
68. Damit zeigt sich erneut, wie eine Ursprungserzählung der politischen Gegenwart dienstbar gemacht wurde.
69. Eine weitere bedeutsame Erzählung der Árpád-Überlieferung ist der Traum von Emese.
70. Emese war nach der Überlieferung die Mutter oder Großmutter Árpáds und damit die Stammmutter der herrschenden Dynastie.
71. Der Sage nach erschien Emese im Traum ein Raubvogel, der in der Überlieferung Turul genannt wird.
72. Aus diesem Traum, so die Erzählung, ging hervor, dass aus Emeses Nachkommenschaft eine Reihe ruhmreicher Herrscher entspringen werde.
73. Der Turul, ein adlerartiger Raubvogel, wurde dadurch zum sinnbildlichen Ahnherrn und Schutzzeichen der Dynastie der Arpaden.
74. Die Erzählung von der Abstammung eines Herrschergeschlechts aus der Verbindung mit einem himmlischen Vogel ist in der Steppenwelt weit verbreitet.
75. Vergleichbare Erzählungen finden sich bei mehreren türkischen und mongolischen Völkern und verweisen auf gemeinsame Vorstellungen des Steppenraums.
76. Die Turul-Sage gilt der Forschung daher als ein mutmaßlich altes, aus der Steppenzeit stammendes Element der ungarischen Überlieferung.
77. In ihr ist möglicherweise eine vorchristliche Vorstellung von der himmlischen Herkunft des Herrschergeschlechts bewahrt.
78. Die Erhebung eines Geschlechts durch ein Zeichen aus der Anderwelt diente dazu, seine Herrschaft als von höherer Macht bestimmt erscheinen zu lassen.
79. Solche Erzählungen werden in der Forschung als Herrschaftslegitimation bezeichnet, also als Rechtfertigung und Begründung von Herrschaft.
80. Die ungarische Ursprungsüberlieferung ist in weiten Teilen genau dies: eine Begründung der Herrschaft des Hauses Árpád.
81. Eine Erzählung von anderer Art ist die Sage vom Kauf des Landes, die mit dem Namen des Fürsten Svatopluk verbunden ist.
82. Svatopluk war ein realer Herrscher des Mährerreiches, eines slawischen Reiches, das vor der ungarischen Landnahme im nördlichen Karpatenraum bestand.
83. Nach der Sage sandten die Ungarn dem Fürsten Boten und erbaten von ihm ein wenig Erde, Gras und Wasser des Landes.
84. Als Gegengabe überreichten sie ihm ein prächtiges weißes Pferd mit kostbarem Zaumzeug und Sattel.
85. Der Fürst nahm das Pferd an, ohne die Bedeutung des Tausches zu durchschauen.
86. Die Ungarn aber deuteten den Vorgang als rechtmäßigen Kauf: Für das Pferd hätten sie Erde, Gras und Wasser, also das ganze Land, erworben.
87. Diese Erzählung verleiht der Inbesitznahme des Karpatenbeckens die Form eines rechtsgültigen Geschäfts.
88. Sie macht aus einer gewaltsamen Eroberung einen ordentlichen Erwerb und entzieht damit dem Vorwurf des Landraubs den Boden.
89. Erzählungen vom listigen Erwerb eines Landes durch einen scheinbar geringfügigen Tausch sind ein verbreitetes Wandermotiv der Weltliteratur.
90. Die Sage vom weißen Pferd ist somit weniger ein historischer Bericht als eine sinnbildliche Begründung des ungarischen Rechtsanspruchs.
91. Allen betrachteten Erzählungen, der Hirschsage, dem Hunnenmythos, dem Blutsvertrag, der Turul-Sage und dem Landkauf, ist ein gemeinsamer Zug eigen.
92. Sie alle dienen dazu, die Herkunft des Volkes und seinen Anspruch auf das Land zu erklären und zu rechtfertigen.
93. Sie verwandeln Zufall in Bestimmung, Eroberung in Recht und einen Anführer in einen von höherer Macht erwählten Fürsten.
94. Genau diese Funktion macht sie zu Ursprungsmythen im eigentlichen Sinne.
95. Ein Ursprungsmythos erklärt einer Gemeinschaft, woher sie kommt, warum sie zusammengehört und worauf ihre Ordnung beruht.
96. Für den Historiker stellt sich bei jeder dieser Erzählungen die Frage nach dem historischen Kern.
97. Der historische Kern ist jener Bestandteil einer Sage, der auf ein tatsächliches Ereignis oder einen tatsächlichen Zustand zurückgeht.
98. Die Suche nach diesem Kern ist heikel, denn die Versuchung ist groß, eine Sage entweder ganz zu glauben oder ganz zu verwerfen.
99. Beide Haltungen führen in die Irre, denn eine Sage ist weder ein verlässlicher Tatsachenbericht noch eine reine Erfindung ohne jeden Bezug.
100. Die Forschung verfährt daher abwägend und prüft jedes Element gesondert auf seinen möglichen historischen Gehalt.
101. Einige Elemente lassen sich durch unabhängige Quellen stützen und besitzen daher einen wahrscheinlichen historischen Kern.
102. So ist die führende Rolle Árpáds bei der Landnahme auch durch die byzantinische Quelle Konstantins VII. bezeugt.
103. Auch die Erhebung Árpáds zum Fürsten erscheint bei Konstantin und besitzt damit eine von der Chronistik unabhängige Bestätigung.
104. Die Gliederung des Volkes in mehrere Stämme wird ebenfalls durch fremde Quellen gestützt und ist nicht bloß sagenhaft.
105. Andere Elemente hingegen sind als spätere Konstruktion erkennbar und entbehren eines historischen Kerns.
106. Dazu gehört vor allem die hunnisch-ungarische Verwandtschaft, die durch Sprachwissenschaft und Chronologie eindeutig widerlegt ist.
107. Dazu gehören ferner die genauen Vertragsbestimmungen des Blutsvertrags, die den Verhältnissen des Hochmittelalters entstammen.
108. Eine dritte Gruppe von Elementen bleibt in der Schwebe und lässt sich weder sicher bestätigen noch sicher verwerfen.
109. Hierzu zählt etwa die Frage, ob der Turul-Sage eine echte vorchristliche Ahnenvorstellung zugrunde liegt.
110. Ein wichtiges Hilfsmittel der Forschung ist der Vergleich der ungarischen Sagen mit den Überlieferungen anderer Völker.
111. Kehrt ein Erzählmotiv bei vielen, voneinander unabhängigen Völkern wieder, so handelt es sich vermutlich um ein Wandermotiv.
112. Ein Wandermotiv ist ein Erzählbaustein, der von Volk zu Volk weitergegeben wird und keinem einzelnen Volk eigentümlich ist.
113. Der verfolgte Wunderhirsch und der listige Landkauf sind solche Wandermotive und daher als historische Zeugnisse wenig geeignet.
114. Umgekehrt können Motive, die das Volk mit seinen nachweisbaren Steppennachbarn teilt, ein echtes Erbe der Steppenzeit bewahren.
115. Die Vorstellung vom Vogelahnen und der Brauch des Blutsbundes gehören möglicherweise zu diesem altererbten Bestand.
116. Auf diese Weise lässt sich die Überlieferung in altererbte Bestandteile und spätere Hinzufügungen gliedern, wenn auch nur näherungsweise.
117. Eine zentrale Frage betrifft die mündliche Überlieferung in den Jahrhunderten zwischen Landnahme und Niederschrift.
118. Träger dieser mündlichen Überlieferung waren vermutlich Sänger, die an den Höfen der Vornehmen die Taten der Ahnen vortrugen.
119. Die ungarischen Quellen erwähnen solche Spielleute und Sänger, denen die Chronisten allerdings mit Misstrauen begegneten.
120. Die schreibenden Geistlichen warfen den Sängern vor, die Geschichte zu verfälschen und mit Erfindungen auszuschmücken.
121. Dieses Misstrauen ist aufschlussreich, denn es belegt die Existenz einer lebendigen mündlichen Erzähltradition neben der gelehrten Chronistik.
122. Zugleich zeigt es, dass schon die mittelalterlichen Verfasser zwischen verschiedenen Graden der Glaubwürdigkeit unterschieden.
123. Mündliche Überlieferung ist nicht beliebig formbar, denn sie folgt festen Mustern, die das Erinnern erleichtern.
124. Wiederkehrende Formeln, feste Zahlen und einprägsame Bilder geben ihr eine gewisse Beständigkeit über die Generationen.
125. Dennoch unterliegt sie einem Vorgang, den die Forschung als Verformung der Erinnerung bezeichnet.
126. Bei dieser Verformung rücken die Erzählungen unmerklich an die Bedürfnisse und Vorstellungen der jeweiligen Gegenwart heran.
127. Was für die Gegenwart bedeutsam ist, wird betont und ausgestaltet; was bedeutungslos geworden ist, verblasst und entfällt.
128. Die ungarische Ursprungsüberlieferung der Chroniken spiegelt daher ebenso sehr das 13. Jahrhundert wie das 9. Jahrhundert.
129. Sie ist eine Quelle für die Landnahmezeit nur in geringem, für die Zeit ihrer Niederschrift aber in hohem Maße.
130. Eben darin liegt jedoch ihr eigentümlicher und unersetzlicher Wert.
131. Denn keine andere Quelle gibt so unmittelbaren Aufschluss darüber, wie sich das mittelalterliche Ungarn seine eigene Herkunft vorstellte.
132. Die Erzählungen zeigen, welche Ahnen ein Volk sich wünschte, welche Rechte es beanspruchte und welche Ordnung es für ehrwürdig hielt.
133. Damit sind die Sagen ein Zeugnis ersten Ranges für die Geschichte des ungarischen Selbstbewusstseins.
134. Die Wirkung dieser Ursprungsüberlieferung endete nicht mit dem Mittelalter, sondern reicht bis in die neuere Zeit.
135. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des erwachenden Nationalbewusstseins, gewannen die alten Sagen eine neue Bedeutung.
136. Dichter, Maler und Komponisten griffen die Gestalten Árpáds, Attilas und des Turul auf und formten sie zu nationalen Sinnbildern.
137. Die Landnahme wurde zum Gründungsereignis der Nation erhoben und in Dichtung, Bild und Denkmal gefeiert.
138. Einen Höhepunkt erreichte diese Aneignung im Jahr 1896, als Ungarn die tausendjährige Wiederkehr der Landnahme festlich beging.
139. Diese als Millennium bezeichnete Feier verband die alten Sagen mit dem nationalen Selbstverständnis des modernen Staates.
140. Aus diesem Anlass entstanden zahlreiche Denkmäler, Bauten und Kunstwerke, die die Ursprungserzählung im öffentlichen Raum sichtbar machten.
141. Damit zeigt sich, dass eine Ursprungsüberlieferung über Jahrhunderte hinweg politisch wirksam bleiben kann.
142. Die Gestalt Árpáds wandelte sich vom Dynastiegründer der Chroniken zum nationalen Helden der modernen Erinnerung.
143. Diese fortwirkende Aneignung ist selbst ein Gegenstand der Geschichtswissenschaft, die sie als Teil der Erinnerungskultur untersucht.
144. Für den heutigen Betrachter ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe im Umgang mit der mythologischen Überlieferung.
145. Zum einen ist die Sage als mögliche, wenn auch unsichere Quelle für die Landnahmezeit selbst zu prüfen.
146. Zum anderen ist sie als sicheres Zeugnis für das Selbstverständnis späterer Jahrhunderte zu würdigen.
147. Beide Aufgaben verlangen, die Sage weder vorschnell zu glauben noch geringschätzig beiseitezuschieben.
148. Die mythologische Überlieferung tritt damit nicht in Widerspruch zu den vier wissenschaftlichen Zugängen, sondern ergänzt sie um eine eigene Dimension.
149. Archäologie, Schriftquellen, Sprachwissenschaft und Genetik fragen, was tatsächlich geschah.
150. Die mythologische Überlieferung hingegen zeigt, wie das Volk dieses Geschehen deutete und für seine Gegenwart fruchtbar machte.
151. Beide Betrachtungsweisen gehören zu einer vollständigen Geschichte der ungarischen Ursprünge.
152. Aus der Betrachtung der Sagen lassen sich einige feste Einsichten gewinnen.
153. Erstens sind die ungarischen Ursprungssagen erst Jahrhunderte nach der Landnahme und durch gelehrte Geistliche aufgezeichnet worden.
154. Zweitens enthalten sie eine echte Schicht alter, möglicherweise aus der Steppenzeit stammender Erzählmotive.
155. Drittens enthalten sie eine deutlich erkennbare Schicht späterer gelehrter Konstruktion, deren auffälligstes Beispiel die Hunnenabstammung ist.
156. Viertens dienen sie durchgehend der Begründung von Herrschaft und Landanspruch und sind insofern politische Erzählungen.
157. Fünftens sind sie ein unersetzliches Zeugnis für das Selbstverständnis und die Erinnerungskultur des mittelalterlichen Ungarn.
158. Diese fünf Einsichten umreißen den Beitrag der mythologischen Überlieferung zum Gesamtbild der ungarischen Ethnogenese.
159. Wo sich der Kern einer Sage durch unabhängige Quellen stützen lässt, darf er als wahrscheinlich gelten.
160. So fügt sich die in der Sage betonte Führungsrolle Árpáds zu dem Bild, das die byzantinischen Quellen zeichnen.
161. Wo eine Sage hingegen einem Wandermotiv folgt oder einer gelehrten Vorlage entstammt, ist sie als historisches Zeugnis untauglich.
162. So widerlegen Sprachwissenschaft und Chronologie die Hunnenabstammung, mag sie für die Erinnerungskultur noch so bedeutsam gewesen sein.
163. Die mythologische Überlieferung verlangt somit denselben kritischen Umgang, der schon für die anderen Quellengattungen gefordert wurde.
164. Jede ihrer Aussagen ist auf Herkunft, Funktion und mögliche Bestätigung durch unabhängige Zeugnisse zu prüfen.
165. Naive Gläubigkeit verwechselt die Sage mit Geschichte, übertriebene Skepsis verschenkt eine wertvolle Quelle der Erinnerungsforschung.
166. Der angemessene Weg liegt, wie stets, in der abwägenden und methodisch kontrollierten Auswertung.
167. Mit der mythologischen Überlieferung sind nun alle fünf Zugänge zu den Ursprüngen der Ungarn vorgestellt.
168. Vier von ihnen, Archäologie, Schriftquellen, Sprachwissenschaft und Genetik, fragen nach dem nachweisbaren Geschehen.
169. Der fünfte, die mythologische Überlieferung, fragt nach der Deutung des Geschehens durch das Volk selbst.
170. Gemeinsam ergeben diese fünf Zugänge ein Bild, das vielschichtig und in seinen Hauptzügen tragfähig ist.
171. Die Ungarn erscheinen darin als ein Volk gemischter Herkunft, das eine finno-ugrische Sprache durch die Steppe nach Mitteleuropa trug.
172. Sie erscheinen zugleich als ein Volk, das seine Herkunft in ehrwürdige Sagen kleidete und daraus Recht und Selbstbewusstsein gewann.
173. Das nachweisbare Geschehen und seine sagenhafte Deutung gehören beide zur Geschichte der ungarischen Ethnogenese.
174. Dennoch bleiben, trotz des Zusammenwirkens aller fünf Zugänge, zahlreiche Fragen ungelöst und umstritten.
175. Strittig bleibt die genaue Lage der frühen Wohnsitze, strittig das Zahlenverhältnis von Einwanderern und Einheimischen.
176. Strittig bleibt die Datierung der einzelnen Wanderungsschritte und strittig der historische Kern mancher Sage.
177. Diese ungelösten Fragen sind kein Versagen der Forschung, sondern Ausdruck der Lückenhaftigkeit der Quellen.
178. Sie verdienen eine eigene, zusammenfassende Betrachtung, die das Erreichte vom noch Offenen scheidet.
179. Eben dieser Aufgabe widmet sich der folgende Abschnitt über die Kontroversen und offenen Fragen der Forschung.
180. Damit ist der Übergang von der Deutung der Ursprünge zur kritischen Bilanz des Forschungsstandes vorgezeichnet.

Kontroversen und offene Fragen in der Forschung

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1. Die vorangegangenen Abschnitte haben fünf verschiedene Zugänge zu den Ursprüngen der Ungarn vorgestellt, von der Archäologie über die schriftlichen Quellen, die Sprachwissenschaft und die Genetik bis zur mythologischen Überlieferung.
2. Jeder dieser Zugänge hat gesicherte Ergebnisse erbracht, jeder hat aber zugleich Fragen offengelassen oder neue Fragen aufgeworfen.
3. Dieser abschließende Abschnitt fasst die ungelösten Probleme zusammen und scheidet das Erreichte vom noch Umstrittenen.
4. Eine solche Bilanz ist kein Eingeständnis des Scheiterns, sondern ein notwendiger Teil seriöser Wissenschaft.
5. Wissenschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie den Stand des Wissens benennt und zugleich offenlegt, was noch unbekannt ist.
6. Eine Kontroverse ist eine fachliche Auseinandersetzung, in der verschiedene Forscher zu derselben Frage unvereinbare Auffassungen vertreten.
7. Eine offene Frage ist ein Problem, das mangels ausreichender Quellen bislang nicht entschieden werden konnte.
8. Kontroversen und offene Fragen sind in der Erforschung der ungarischen Frühgeschichte besonders zahlreich, und das hat klar benennbare Gründe.
9. Der erste Grund ist die Lückenhaftigkeit der Quellen, denn die Ungarn der Frühzeit hinterließen selbst keine schriftlichen Zeugnisse.
10. Der zweite Grund ist die Mittelbarkeit der Überlieferung, denn alle frühen Nachrichten stammen von fremden Beobachtern.
11. Der dritte Grund ist die Verschiedenartigkeit der Quellen, denn Funde, Texte, Sprachbefunde und Gene lassen sich nicht ohne Weiteres zur Deckung bringen.
12. Der vierte Grund ist die enge Verflechtung der Frühgeschichte mit dem nationalen Selbstverständnis, die sachliche Urteile erschweren kann.
13. Aus diesen vier Gründen ist die ungarische Frühgeschichte ein Feld, auf dem feste Ergebnisse und offene Fragen dicht nebeneinanderliegen.
14. Bevor die einzelnen Kontroversen betrachtet werden, ist daher festzuhalten, was als gesichert gelten darf.
15. Gesichert ist erstens, dass die ungarische Sprache zur finno-ugrischen Familie gehört und ihre Wurzeln in der eurasischen Waldzone hat.
16. Gesichert ist zweitens, dass die Landnahme mit einer realen Einwanderung von Menschen aus dem Osten verbunden war.
17. Gesichert ist drittens, dass diese Einwanderer eine zahlenmäßige Minderheit gegenüber der einheimischen Bevölkerung des Karpatenbeckens bildeten.
18. Gesichert ist viertens, dass die einwandernde Führungsschicht selbst bereits gemischter Herkunft war.
19. Gesichert ist fünftens, dass die Ungarn vor der Landnahme ein steppennomadisches Reitervolk waren, eingebunden in das Mächtegefüge der osteuropäischen Steppe.
20. Diese fünf Punkte bilden ein festes Fundament, das von keiner ernstzunehmenden Forschung mehr bestritten wird.
21. Auf diesem Fundament jedoch erheben sich zahlreiche Streitfragen, denen sich dieser Abschnitt nun einzeln zuwendet.
22. Die erste große Kontroverse betrifft die Lokalisierung der frühen Wohnsitze Levedia und Etelköz.
23. Diese beiden Gebiete sind nur durch das Werk Konstantins VII. überliefert, dessen geographische Angaben nicht eindeutig sind.
24. Konstantin nennt zwar Flüsse als Anhaltspunkte, doch die Zuordnung dieser Flüsse zu den heutigen Strömen ist umstritten.
25. Manche Forscher verlegen Levedia in die Steppe östlich des Don, andere weiter westlich.
26. Ähnlich umstritten ist die Lage von Etelköz, das meist in die Steppe zwischen Dnjepr und unterer Donau verlegt wird.
27. Erschwert wird die Lokalisierung dadurch, dass archäologische Funde, die sich eindeutig den Ungarn zuordnen lassen, für diese Gebiete weitgehend fehlen.
28. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem, nämlich der Widerspruch zwischen der schriftlichen und der archäologischen Überlieferung.
29. Die Texte nennen Gebiete, die Funde bestätigen sie nicht, und beide lassen sich nicht zwanglos miteinander verbinden.
30. Eine zweite Kontroverse betrifft die zeitliche Abfolge und die Dauer der einzelnen Wanderungsetappen.
31. Strittig ist, wann die sprachlichen Vorfahren der Ungarn die Waldzone verließen und in die Steppe gelangten.
32. Strittig ist ebenso, wie lange die Ungarn in den einzelnen Steppengebieten verweilten, bevor sie weiterzogen.
33. Da für die frühen Etappen eindeutige Funde fehlen, beruhen die Zeitangaben überwiegend auf Rückschlüssen und auf den knappen schriftlichen Quellen.
34. Verschiedene Forscher haben Zeitrahmen vorgeschlagen, die teils um Jahrhunderte voneinander abweichen.
35. Eine dritte Kontroverse betrifft die Frage, ob es das Siedlungsgebiet Levedia als eigene Etappe überhaupt gegeben hat.
36. Manche Forscher halten Levedia für eine reale, zeitlich von Etelköz getrennte Station der Wanderung.
37. Andere vermuten, dass Levedia und Etelköz dasselbe Gebiet oder einander überlappende Gebiete bezeichnen.
38. Wieder andere halten Levedia für eine Bildung der Überlieferung, die aus dem Namen des Anführers Lebedias erst nachträglich erschlossen wurde.
39. Eine vierte Kontroverse betrifft das Verhältnis der Ungarn zum Reich der Chasaren.
40. Unstrittig ist, dass die Ungarn zeitweise in einem Naheverhältnis zu den Chasaren standen und deren Kultur stark in sich aufnahmen.
41. Strittig ist jedoch, wie eng und wie verbindlich diese Beziehung war.
42. Manche Forscher deuten das Verhältnis als förmliche Unterordnung der Ungarn unter die chasarische Oberherrschaft.
43. Andere sehen darin eher ein lockeres Bündnis oder eine Partnerschaft zwischen weitgehend gleichrangigen Mächten.
44. Eine fünfte und eng damit verbundene Kontroverse betrifft die sogenannten Kabaren.
45. Die Kabaren waren nach Konstantin VII. eine Gruppe, die sich vom Chasarenreich löste und sich den Ungarn anschloss.
46. Strittig ist, welche Herkunft die Kabaren hatten und welche Sprache sie sprachen.
47. Strittig ist ferner, welchen Anteil sie an der Bevölkerung und an der Kultur der landnehmenden Ungarn hatten.
48. Der Fall der Kabaren zeigt anschaulich, dass der landnehmende Verband kein einheitliches Volk, sondern ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen war.
49. Eine sechste Kontroverse betrifft die Verfassung und Führung des ungarischen Stammesverbandes.
50. Die arabische Dschaihani-Tradition nennt zwei Würdenträger, einen kende und einen gyula.
51. Strittig ist, ob diese beiden Titel eine echte Doppelherrschaft bezeichnen, bei der ein sakraler und ein weltlicher Anführer nebeneinanderstanden.
52. Eine sakrale Herrschaft ist eine Herrschaft, die sich auf religiöse Würde und göttliche Verbindung gründet, im Unterschied zur rein militärischen Führung.
53. Manche Forscher nehmen an, der kende sei ein sakraler Oberherr ohne tatsächliche Macht gewesen, der gyula hingegen der wirkliche militärische Führer.
54. Andere bezweifeln dieses Modell und halten es für eine Übertragung von Verhältnissen anderer Steppenvölker auf die Ungarn.
55. Strittig ist in diesem Zusammenhang auch, welche Stellung Árpád selbst innerhalb dieser Ämterordnung einnahm.
56. Eine siebte Kontroverse betrifft die Zahl und die Namen der ungarischen Stämme.
57. Konstantin VII. überliefert eine Liste von Stammesnamen, die in der Forschung viel diskutiert wird.
58. Strittig ist die genaue Deutung dieser Namen, von denen einige türkischen Ursprungs zu sein scheinen.
59. Türkische Stammesnamen bei einem finno-ugrisch sprechenden Volk werfen die Frage auf, wie eng die Verflechtung mit Türkvölkern tatsächlich war.
60. Eine achte Kontroverse betrifft das Zahlenverhältnis zwischen den einwandernden Ungarn und der einheimischen Bevölkerung des Karpatenbeckens.
61. Dass die Einwanderer eine Minderheit bildeten, gilt heute als gesichert, doch das genaue Verhältnis ist umstritten.
62. Ältere Schätzungen schwankten zwischen sehr unterschiedlichen Zahlen, und auch die moderne Forschung kann keine genauen Werte angeben.
63. Die Ursache liegt in der kleinen Zahl untersuchter Skelette und in der unsicheren Schätzung mittelalterlicher Bevölkerungszahlen überhaupt.
64. Eine neunte Kontroverse betrifft die Zusammensetzung der vorgefundenen einheimischen Bevölkerung.
65. Strittig ist, in welchem Maße noch awarische Bevölkerungsreste vorhanden waren, als die Ungarn eintrafen.
66. Manche Forscher rechnen mit einem erheblichen awarischen Fortbestand, der zur Bevölkerung des landnahmezeitlichen Ungarn beitrug.
67. Andere halten die awarische Tradition zu diesem Zeitpunkt für weitgehend erloschen und die Bevölkerung für überwiegend slawisch.
68. Erschwert wird die Klärung dadurch, dass sich spätawarische und frühe landnahmezeitliche Funde archäologisch nicht immer eindeutig trennen lassen.
69. Eine zehnte Kontroverse betrifft das Verhältnis der reichen Reitergräber zur breiteren Bjelo-Brdo-Kultur.
70. Strittig ist, ob der Übergang zwischen beiden Gruppen einen sozialen Unterschied, einen zeitlichen Wandel oder beides zugleich abbildet.
71. Damit verbunden ist die Frage, wie rasch die einwandernde Oberschicht in der einheimischen Mehrheit aufging.
72. Eine elfte Kontroverse betrifft die Lebensweise der Ungarn vor und nach der Landnahme.
73. Das ältere Bild zeichnete die Ungarn als reine Reiternomaden, die ausschließlich von Viehzucht und Raubzügen lebten.
74. Die jüngere Forschung betont dagegen den Anteil des Ackerbaus und spricht von einer halbnomadischen Wirtschaftsweise.
75. Strittig bleibt das genaue Gewicht der beiden Komponenten und die Frage, wie rasch sich die Ungarn nach der Landnahme der Sesshaftigkeit zuwandten.
76. Eine zwölfte Kontroverse betrifft den inneren Stammbaum der uralischen Sprachfamilie.
77. Die finno-ugrische Zugehörigkeit des Ungarischen ist unstrittig, doch die genaue Gliederung der Familie ist es nicht.
78. Strittig ist insbesondere, ob es eine einheitliche ugrische Zwischenstufe zwischen dem Proto-Uralischen und dem Ungarischen tatsächlich gegeben hat.
79. Manche Forscher halten die enge Zusammengehörigkeit von Ungarisch, Chantisch und Mansisch für gesichert, andere deuten die Übereinstimmungen anders.
80. Strittig ist ferner die zeitliche Tiefe der Sprachaufspaltungen, da verlässliche Methoden zur Datierung fehlen.
81. Eine dreizehnte Kontroverse betrifft die Lage der uralischen Urheimat.
82. Verschiedene Forscher haben Gebiete von der mittleren Wolga bis weit nach Westsibirien hinein vorgeschlagen.
83. Die sprachliche Paläontologie, die aus dem rekonstruierten Wortschatz auf die Urheimat schließt, liefert nur unsichere Anhaltspunkte.
84. Eine vierzehnte Kontroverse betrifft die Deutung der genetischen Befunde.
85. Strittig ist die genaue Zusammensetzung der östlichen Komponente in der landnahmezeitlichen Führungsschicht.
86. Verschiedene Studien gewichten die waldzonennahen und die steppennahen Anteile unterschiedlich.
87. Strittig ist auch, wie repräsentativ die bislang untersuchten Gräberfelder für die gesamte Bevölkerung sind.
88. Da überwiegend reiche Gräber untersucht wurden, bleibt das genetische Bild der breiten Bevölkerung unscharf.
89. Eine fünfzehnte Kontroverse betrifft das Verhältnis zwischen sprachlicher und genetischer Verwandtschaft.
90. Sprachbefund und Genbefund stimmen in den Hauptzügen überein, doch ihre genaue Verknüpfung bleibt umstritten.
91. Die Sprache verweist deutlich auf die Waldzone, die Gene zeigen ein gemischtes Bild aus Waldzone und Steppe.
92. Strittig ist, welche der nachgewiesenen Bevölkerungskomponenten die Träger der finno-ugrischen Sprache waren.
93. Hier zeigt sich erneut die grundsätzliche Mahnung, dass Sprache, Kultur und Erbgut nicht gleichgesetzt werden dürfen.
94. Eine sechzehnte Kontroverse betrifft den historischen Kern der mythologischen Überlieferung.
95. Strittig ist, welche Bestandteile der Sagen echte Erinnerung an die Steppenzeit bewahren und welche spätere gelehrte Konstruktion sind.
96. Die hunnisch-ungarische Verwandtschaft gilt als widerlegt, doch über den Kern anderer Sagen wird weiter diskutiert.
97. Strittig ist etwa, ob der Turul-Sage eine echte vorchristliche Ahnenvorstellung zugrunde liegt oder ein bloßes Wandermotiv.
98. Strittig ist auch, wie viel verlässliche Erinnerung die mündliche Überlieferung über drei Jahrhunderte hinweg bewahren konnte.
99. Diese sechzehn Kontroversen sind keine erschöpfende Aufzählung, sondern zeigen die Breite der noch offenen Fragen.
100. Bei aller Verschiedenheit lassen sich diese Streitfragen jedoch auf einige wenige Grundprobleme zurückführen.
101. Das erste Grundproblem ist der Quellenmangel, der für die frühen Etappen besonders schwer wiegt.
102. Wo Funde, Texte und sonstige Zeugnisse fehlen, bleibt der Forschung nur der Rückschluss, und Rückschlüsse sind anfechtbar.
103. Das zweite Grundproblem ist der Widerspruch zwischen den Quellengattungen, der sich nicht immer auflösen lässt.
104. Schriftliche Angaben und archäologische Funde, sprachliche und genetische Befunde decken sich nicht restlos.
105. Das dritte Grundproblem ist die methodische Verwechslung von Sprache, Kultur und Abstammung.
106. Viele ältere Kontroversen beruhten darauf, dass diese drei Ebenen ungeprüft gleichgesetzt wurden.
107. Die moderne Forschung hält sie sorgfältig auseinander, doch die Versuchung der Gleichsetzung besteht fort.
108. Das vierte Grundproblem ist die Verflechtung der Frühgeschichte mit dem nationalen Selbstverständnis.
109. Dieses vierte Grundproblem verdient eine eigene, ausführlichere Betrachtung, denn es prägt die Forschungsgeschichte besonders stark.
110. Die Frage nach den Ursprüngen eines Volkes ist selten eine rein wissenschaftliche Frage geblieben.
111. Sie berührt das Selbstbild einer Nation und ist deshalb anfällig dafür, von politischen Strömungen vereinnahmt zu werden.
112. Die ungarische Frühgeschichtsforschung bietet für diese Verflechtung mehrere anschauliche Beispiele.
113. Das erste Beispiel ist der bereits geschilderte ugrisch-türkische Krieg des späten 19. Jahrhunderts.
114. In diesem Streit ging es vordergründig um die Sprachverwandtschaft, im Hintergrund aber um das Selbstbild der Nation.
115. Ein Teil der Öffentlichkeit empfand eine Verwandtschaft mit kriegerischen Steppenvölkern als ehrenvoller als eine Verwandtschaft mit nördlichen Jäger- und Fischervölkern.
116. Die Fachwissenschaft entschied die Frage nüchtern zugunsten der finno-ugrischen These, doch das Unbehagen wirkte gesellschaftlich nach.
117. Aus diesem Unbehagen erwuchsen Gegenströmungen, die die finno-ugrische Herkunft ablehnten und durch ehrenvoller empfundene Abstammungen ersetzen wollten.
118. Solche Gegenströmungen werden in der Forschung unter dem Begriff der alternativen Ursprungstheorien zusammengefasst.
119. Eine alternative Ursprungstheorie ist eine Erklärung, die von der wissenschaftlich gesicherten Auffassung abweicht, ohne deren methodische Maßstäbe zu erfüllen.
120. Zu diesen Theorien gehört die Behauptung einer unmittelbaren Abstammung der Ungarn von den Hunnen, die bereits widerlegt wurde.
121. Dazu gehören ferner Versuche, die Ungarn von den Sumerern, den Skythen oder anderen altberühmten Völkern herzuleiten.
122. Diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie eine ruhmreichere oder ältere Herkunft beanspruchen, als die Quellen sie hergeben.
123. Sie stützen sich meist auf bloße Namensähnlichkeiten oder auf einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Beobachtungen.
124. Eine Namensähnlichkeit allein ist jedoch kein wissenschaftlicher Beweis, denn ähnlich klingende Wörter entstehen in vielen Sprachen unabhängig voneinander.
125. Die alternativen Ursprungstheorien halten den Maßstäben der vergleichenden Sprachwissenschaft nicht stand.
126. Sie ignorieren das System der regelmäßigen Lautentsprechungen, das den eigentlichen Beweis einer Sprachverwandtschaft ausmacht.
127. Sie sind daher von der Fachwissenschaft nicht als gleichwertige Gegenpositionen anzusehen, sondern als unbegründete Behauptungen.
128. An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen, nämlich die zwischen einer echten und einer scheinbaren Kontroverse.
129. Eine echte Kontroverse besteht zwischen Forschern, die dieselben methodischen Maßstäbe anerkennen und dennoch zu verschiedenen Schlüssen kommen.
130. Eine scheinbare Kontroverse liegt vor, wenn eine wissenschaftlich gesicherte Auffassung einer Behauptung gegenübergestellt wird, die diese Maßstäbe nicht erfüllt.
131. Der Streit um die Lage von Levedia ist eine echte Kontroverse, denn beide Seiten argumentieren methodisch redlich.
132. Der vermeintliche Streit um die finno-ugrische oder die sumerische Herkunft hingegen ist eine scheinbare Kontroverse.
133. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil das öffentliche Bild der Wissenschaft oft echte und scheinbare Kontroversen vermengt.
134. Wo die Fachwissenschaft längst entschieden hat, kann in der öffentlichen Wahrnehmung noch der Eindruck eines offenen Streits bestehen.
135. Die Aufgabe einer sachlichen Darstellung besteht darin, beide Arten von Kontroversen klar voneinander zu trennen.
136. Echte offene Fragen sind als solche zu benennen, scheinbare Kontroversen aber als wissenschaftlich entschieden zu kennzeichnen.
137. Die Verflechtung mit dem nationalen Selbstverständnis ist freilich kein ungarisches Sonderphänomen.
138. Nahezu jede europäische Nation hat ihre Frühgeschichte zeitweise im Dienst des nationalen Selbstbildes gedeutet.
139. Die Geschichtswissenschaft hat diese Verflechtung selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht und kritisch durchleuchtet.
140. Sie unterscheidet heute streng zwischen der Frühgeschichte als Forschungsgegenstand und ihrer späteren Aneignung durch die Nation.
141. Diese kritische Selbstprüfung ist ein Kennzeichen der modernen, methodisch bewussten Wissenschaft.
142. Sie schützt davor, Wunschvorstellungen für Forschungsergebnisse zu halten.
143. Trotz aller offenen Fragen hat die Erforschung der ungarischen Ursprünge in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht.
144. Der wichtigste Fortschritt ist die Zusammenführung der verschiedenen Disziplinen zu einem gemeinsamen Forschungsgespräch.
145. Archäologie, Sprachwissenschaft, Genetik und historische Quellenkritik arbeiten heute enger zusammen als je zuvor.
146. Diese Zusammenarbeit wird als interdisziplinäre Forschung bezeichnet, also als Forschung über die Grenzen der einzelnen Fächer hinweg.
147. Ihr Vorteil liegt darin, dass die Schwäche einer Disziplin durch die Stärke einer anderen ausgeglichen werden kann.
148. Wo die Funde schweigen, kann die Sprache sprechen; wo die Texte fehlen, können die Gene Auskunft geben.
149. Besonders die naturwissenschaftlichen Methoden der Genetik und der Isotopenanalyse haben das Feld in jüngster Zeit umgewälzt.
150. Sie haben Fragen einer Antwort näher gebracht, die mit den klassischen Methoden allein unlösbar schienen.
151. Zugleich haben sie neue Fragen aufgeworfen, die ohne diese Methoden gar nicht hätten gestellt werden können.
152. Eben darin zeigt sich ein allgemeines Merkmal lebendiger Wissenschaft: Jede Antwort erzeugt neue Fragen.
153. Der Forschungsstand zur ungarischen Frühgeschichte ist daher grundsätzlich vorläufig und bleibt in Bewegung.
154. Jede neue Ausgrabung, jede neue genetische Studie kann das Bild ergänzen, verschieben oder in Teilen korrigieren.
155. Diese Vorläufigkeit ist kein Mangel, sondern der Normalzustand einer Wissenschaft, die sich an den Quellen prüfen lässt.
156. Wer ein endgültiges, in allen Einzelheiten feststehendes Bild der ungarischen Ursprünge erwartet, verkennt das Wesen historischer Forschung.
157. Historische Forschung liefert keine zeitlosen Gewissheiten, sondern den jeweils bestbegründeten Stand des Wissens.
158. Dieser Stand ist tragfähig in seinen Hauptzügen und offen in zahlreichen Einzelheiten.
159. Die Hauptzüge, also die fünf eingangs genannten gesicherten Punkte, dürfen als verlässlich gelten.
160. Die Einzelheiten, also Geographie, Zeitrahmen, Zahlenverhältnisse und Verfassungsfragen, bleiben Gegenstand der Diskussion.
161. Aus dieser Lage ergibt sich eine bestimmte Haltung, die der Leser einer Darstellung der ungarischen Frühgeschichte einnehmen sollte.
162. Diese Haltung lässt sich als kritische Aufgeschlossenheit beschreiben.
163. Kritisch bedeutet, dass jede Behauptung nach ihrer Begründung und ihren Quellen zu befragen ist.
164. Aufgeschlossen bedeutet, dass neue Befunde ernst genommen werden, auch wenn sie liebgewordene Vorstellungen erschüttern.
165. Diese Haltung verbindet die Bereitschaft, gesicherte Ergebnisse anzuerkennen, mit der Bereitschaft, offene Fragen als offen zu belassen.
166. Sie wahrt zugleich Abstand zu zwei entgegengesetzten Fehlhaltungen.
167. Die erste Fehlhaltung ist die naive Gewissheit, die jede Hypothese für eine feststehende Tatsache nimmt.
168. Die zweite Fehlhaltung ist die übertriebene Skepsis, die angesichts offener Einzelfragen auch das gesicherte Fundament bestreitet.
169. Aus dem Umstand, dass die Lage Levedias unbekannt ist, folgt eben nicht, dass die finno-ugrische Herkunft zweifelhaft wäre.
170. Die offenen Fragen betreffen die Einzelheiten des Bildes, nicht seinen tragenden Rahmen.
171. Damit lässt sich die Bilanz dieses Abschnitts in wenigen Sätzen zusammenfassen.
172. Die Erforschung der ungarischen Ursprünge ruht auf einem festen, von fünf Disziplinen gemeinsam getragenen Fundament.
173. Auf diesem Fundament bestehen zahlreiche echte Kontroversen, die aus dem Mangel und der Verschiedenartigkeit der Quellen erwachsen.
174. Daneben bestehen scheinbare Kontroversen, die in Wahrheit wissenschaftlich entschieden sind und nur in der öffentlichen Wahrnehmung fortleben.
175. Die Aufgabe einer redlichen Darstellung besteht darin, das Gesicherte, das echt Umstrittene und das nur scheinbar Umstrittene klar zu unterscheiden.
176. Die ungarische Frühgeschichte erweist sich damit als ein Feld, das Sicherheit und Ungewissheit in besonderem Maße vereint.
177. Sie zeigt beispielhaft, wie Wissenschaft mit lückenhaften Quellen umgeht, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.
178. Die Entstehung des ungarischen Volkes bleibt ein vielschichtiger Vorgang, dessen einzelne Stränge die Forschung noch immer zu entwirren sucht.
179. Das Bild, das sie dabei gewinnt, ist weniger einfach als die alten Ursprungserzählungen, dafür aber durch die Quellen gedeckt.
180. Mit dieser Bilanz ist die Frage nach den Ursprüngen der Ungarn abgeschlossen, und die Darstellung wendet sich nun der Landnahme und der Frage zu, wer die Magyaren wirklich waren.