Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Die Zeit in Etelköz 13
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- Die Geschichte Ungarns - 13. - Die Zeit in Etelköz
- Vorbereitung auf die Landnahme
- DIE GESCHICHTE UNGARNS
- Frühmittelalter und Ethnogenese
Die Zeit in Etelköz: Vorbereitung auf die Landnahme
[Bearbeiten]- 1. Die Zeit der Magyaren in Etelköz war weit mehr als ein bloßer Zwischenaufenthalt auf dem Weg nach Westen.
- 2. In diesem Raum formte sich jene Ordnung heraus, die später die erfolgreiche Eroberung des Karpatenbeckens erst ermöglichte.
- 3. Etelköz wurde damit zur eigentlichen Geburtsstätte jener politischen und militärischen Struktur, die das ungarische Volk zusammenhielt.
- 4. Die Jahrzehnte zwischen der Ankunft und dem endgültigen Aufbruch dienten der inneren Festigung und der äußeren Vorbereitung.
- 5. Was in Levedia begonnen hatte, reifte hier zu einer handlungsfähigen Gemeinschaft heran.
- 6. Im Zentrum dieser Entwicklung stand die Ausbildung eines festen Stammesverbandssystems.
- 7. Die Magyaren gliederten sich in sieben Stämme, die gemeinsam den Kern des Volkes bildeten.
- 8. Diese sieben Stämme werden in den Quellen unter dem Namen "Hétmagyar", also "die sieben Magyaren", zusammengefasst.
- 9. Jeder einzelne Stamm besaß eine eigene Führung, eigene Weidereviere und eine gewisse innere Selbständigkeit.
- 10. Zugleich aber verband sie ein übergeordnetes Bündnis, das ihr gemeinsames Handeln nach außen sicherte.
- 11. Die Überlieferung berichtet von einem feierlichen Blutsvertrag, der dieses Bündnis besiegelt haben soll.
- 12. Bei diesem als "Blutsvertrag" bekannten Akt sollen die Anführer der Stämme ihr Blut in einem Gefäß vermischt haben.
- 13. Mit diesem Ritus verpflichteten sie sich und ihre Nachkommen zu Treue, gemeinsamer Gefolgschaft und gegenseitigem Beistand.
- 14. Ob dieser Vertrag bereits in Etelköz oder erst während der Landnahme geschlossen wurde, ist in der Forschung umstritten.
- 15. Unbestritten ist jedoch, dass in dieser Zeit die Grundlage für eine einheitliche Führung gelegt wurde.
- 16. Den sieben magyarischen Stämmen schlossen sich drei weitere Stämme der Kabaren an, die sich von den Chasaren gelöst hatten.
- 17. Diese Kabaren verstärkten das Heer und wurden in den Stammesverband eingegliedert, behielten aber zunächst eine gesonderte Stellung.
- 18. Aus dem Zusammenschluss der magyarischen und der kabarischen Gruppen entstand ein schlagkräftiges militärisches und politisches Gebilde.
- 19. Die innere Organisation dieses Verbandes folgte den Prinzipien einer streng gegliederten Steppengesellschaft.
- 20. An der Spitze jedes Stammes stand ein Anführer, der seine Autorität aus Abstammung, Reichtum und militärischer Tüchtigkeit bezog.
- 21. Diese Stammesführer versammelten sich zu Beratungen, in denen über Krieg, Wanderung und gemeinsame Unternehmungen entschieden wurde.
- 22. Über den einzelnen Stammesfürsten erhob sich zunehmend das Bedürfnis nach einer einheitlichen obersten Führung.
- 23. Die lockere Gleichordnung der Stämme erwies sich angesichts der äußeren Bedrohung als zu schwerfällig und uneinheitlich.
- 24. Vor allem die ständige Gefahr durch die Petschenegen verlangte nach rascher und geschlossener Entscheidungsfindung.
- 25. So vollzog sich in Etelköz ein bedeutsamer Wandel in der Verfassung des magyarischen Volkes.
- 26. Nach dem Bericht des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. drängten die Chasaren auf die Einsetzung eines obersten Fürsten.
- 27. Die Magyaren hätten nach dieser Überlieferung bis dahin keinen einheitlichen Herrscher über alle Stämme gekannt.
- 28. Auf chasarischen Rat hin sollte nun ein einzelner Fürst mit umfassender Autorität an die Spitze gestellt werden.
- 29. Zunächst sei dieses Amt einem Mann namens Levedi angetragen worden, einem angesehenen Stammesführer.
- 30. Levedi habe die Würde jedoch abgelehnt und stattdessen auf Álmos oder dessen Sohn Árpád verwiesen.
- 31. Schließlich fiel die Wahl auf Árpád, der aus dem führenden Stamm stammte und sich durch Tüchtigkeit auszeichnete.
- 32. Árpád wurde nach altem Steppenbrauch auf einen Schild gehoben und so als oberster Fürst der Magyaren ausgerufen.
- 33. Mit dieser Erhebung begann die Herrschaft des Hauses Árpád, das die Ungarn über Jahrhunderte führen sollte.
- 34. Die Einsetzung eines obersten Fürsten bedeutete einen entscheidenden Schritt von der losen Stammeskonföderation zur gelenkten Einheit.
- 35. Fortan konnte das gesamte Volk in militärischen und politischen Fragen geschlossen auftreten.
- 36. Diese Konzentration der Macht in einer Hand war eine wesentliche Voraussetzung für das spätere Gelingen der Landnahme.
- 37. Neben dem obersten Fürsten kannten die Magyaren weitere hohe Würdenträger mit eigenen Aufgabenbereichen.
- 38. Die Quellen nennen Ämter, die mit den Begriffen "gyula" und "harka" bezeichnet werden.
- 39. Der "gyula" scheint vor allem militärische und richterliche Befugnisse innegehabt zu haben.
- 40. Der "harka" stand im Rang darunter und übte ebenfalls richterliche und militärische Funktionen aus.
- 41. Diese gestufte Ämterordnung zeigt, dass die magyarische Gesellschaft keineswegs ungeordnet oder primitiv war.
- 42. Vielmehr verfügte sie über differenzierte Institutionen, die Herrschaft, Recht und Kriegführung regelten.
- 43. Die innere Festigung des Stammesverbandes ging Hand in Hand mit der Vorbereitung auf künftige militärische Unternehmungen.
- 44. Das Heerwesen der Magyaren beruhte ganz auf der berittenen Kampfweise der Steppenkrieger.
- 45. Jeder freie Mann war zugleich Reiter und Krieger und konnte im Kriegsfall zu den Waffen gerufen werden.
- 46. Die Stärke des magyarischen Heeres lag in seiner Beweglichkeit, Schnelligkeit und Ausdauer.
- 47. Berittene Bogenschützen bildeten das Rückgrat der Streitmacht und prägten die gesamte Taktik.
- 48. Die wichtigste Waffe war der Reflexbogen, der aus Holz, Horn und Sehnen in aufwendiger Technik gefertigt wurde.
- 49. Dieser Bogen besaß eine große Reichweite und Durchschlagskraft und konnte vom galoppierenden Pferd aus abgeschossen werden.
- 50. Die Krieger führten Köcher mit zahlreichen Pfeilen, deren Spitzen für unterschiedliche Zwecke geformt waren.
- 51. Ergänzt wurde die Bewaffnung durch Säbel, Lanzen, Äxte und in einigen Fällen leichte Schutzwaffen.
- 52. Der leicht gekrümmte Säbel eignete sich besonders für den Kampf aus dem Sattel und für rasche Hiebe im Vorbeireiten.
- 53. Das Pferd war für den magyarischen Krieger nicht nur Reittier, sondern Lebensgrundlage und Statussymbol zugleich.
- 54. Die Steppenpferde waren klein, zäh und genügsam und konnten große Strecken ohne aufwendige Versorgung zurücklegen.
- 55. Jeder Krieger verfügte häufig über mehrere Pferde, um auf langen Zügen stets ein frisches Tier zur Verfügung zu haben.
- 56. Diese Vielzahl an Pferden verlieh den magyarischen Heeren eine im westlichen Europa unbekannte Beweglichkeit.
- 57. Die bevorzugte Kampfweise war nicht der offene Nahkampf, sondern der bewegliche Fernkampf mit Pfeil und Bogen.
- 58. Die Reiter umschwärmten den Gegner, überschütteten ihn mit Pfeilen und vermieden zunächst die direkte Konfrontation.
- 59. Eine besonders gefürchtete Taktik war die vorgetäuschte Flucht, mit der der Feind aus seiner Ordnung gelockt wurde.
- 60. Glaubte der Gegner, die Magyaren in die Flucht geschlagen zu haben, wandten sich die Reiter plötzlich um und griffen erneut an.
- 61. Der so auseinandergerissene und verfolgende Feind wurde dann einzeln umzingelt und vernichtet.
- 62. Diese Taktik erforderte hohe Disziplin, eingespielte Verbände und ein meisterhaftes Zusammenspiel von Reiter und Pferd.
- 63. In Etelköz wurden solche Fähigkeiten in zahllosen kleineren Kämpfen und Wanderungen ständig geübt und verfeinert.
- 64. Die fortwährenden Auseinandersetzungen mit Nachbarvölkern hielten die Kriegerschaft in steter Übung und Bereitschaft.
- 65. Das Heer war nicht in stehende Einheiten gegliedert, sondern wurde nach Stämmen und Sippen aufgeboten.
- 66. Jeder Stamm stellte sein eigenes Aufgebot, das unter der Führung seines Fürsten in den Kampf zog.
- 67. Im gemeinsamen Feldzug ordneten sich diese Stammesaufgebote der obersten Führung des Fürsten unter.
- 68. Diese Verbindung von stammesgebundener Gliederung und übergeordnetem Oberbefehl machte das Heer zugleich flexibel und schlagkräftig.
- 69. In Etelköz reifte so eine militärische Maschinerie heran, die den Heeren des Abendlandes bald überlegen sein sollte.
- 70. Neben der eigentlichen Kriegführung spielte die Aufklärung des fremden Landes eine wichtige Rolle.
- 71. Bevor ein großes Volk mit Herden und Familien aufbrach, musste das Ziel der Wanderung erkundet werden.
- 72. Schon von Etelköz aus richteten die Magyaren ihren Blick nach Westen, in das Becken der mittleren Donau.
- 73. Das Karpatenbecken war ihnen nicht gänzlich unbekannt, denn es lag am Rande ihres Aktionsradius.
- 74. Bereits in den Jahren vor der eigentlichen Landnahme unternahmen magyarische Verbände Vorstöße in dieses Gebiet.
- 75. Diese frühen Züge dienten teils der Beute, teils aber auch der Erkundung des Landes und seiner Bewohner.
- 76. Im Jahr 862 werden magyarische Krieger erstmals bei einem Einfall in das Ostfränkische Reich erwähnt.
- 77. Solche Unternehmungen verschafften den Magyaren wertvolle Kenntnisse über Wege, Pässe und Flussübergänge.
- 78. Sie lernten die politischen Verhältnisse der Region und die Schwächen ihrer künftigen Gegner kennen.
- 79. Das Karpatenbecken war damals politisch zersplittert und von mehreren konkurrierenden Mächten umkämpft.
- 80. Im Westen erstreckte sich das Ostfränkische Reich, im Norden das Mährerreich der Slawen.
- 81. Im Südosten reichte der Einfluss des Ersten Bulgarischen Reiches bis in das Theißgebiet und nach Siebenbürgen.
- 82. Zwischen diesen Mächten lagen weite, nur dünn besiedelte Räume, die für ein Reitervolk besonders verlockend waren.
- 83. Die Tiefebene an Donau und Theiß bot ausgedehnte Weidegründe, wie sie die Magyaren aus der Steppe gewohnt waren.
- 84. Damit erwies sich das Karpatenbecken als ideales Ziel für ein Volk, das auf Viehzucht und Reiterei beruhte.
- 85. Die Kundschaftszüge bestätigten den Magyaren, dass dieses Land sowohl erreichbar als auch beherrschbar war.
- 86. Zugleich knüpften die Magyaren in dieser Zeit ein Netz von Bündnissen und Verträgen mit den umliegenden Mächten.
- 87. Als Reitervolk von hoher militärischer Schlagkraft waren sie als Verbündete für die christlichen Reiche begehrt.
- 88. Wiederholt traten sie als Hilfstruppen in den Konflikten zwischen Byzanz, dem Bulgarenreich und den fränkischen Herrschern auf.
- 89. Im Jahr 881 erscheinen magyarische Krieger im Umfeld von Kämpfen nahe der ostfränkischen Grenze.
- 90. Solche Einsätze brachten den Magyaren nicht nur Beute, sondern auch politische Erfahrung und diplomatische Kontakte.
- 91. Ein folgenreiches Bündnis schlossen die Magyaren mit dem byzantinischen Kaiser gegen das Bulgarenreich.
- 92. Kaiser Leon VI. suchte im Krieg gegen den Bulgarenherrscher Symeon nach Verbündeten gegen dessen Heere.
- 93. Er gewann die Magyaren, die daraufhin von Etelköz aus über die Donau in bulgarisches Gebiet einfielen.
- 94. Die magyarischen Reiter fügten den Bulgaren schwere Niederlagen zu und drängten Symeon in die Enge.
- 95. Dieser Feldzug zeigte die militärische Stärke der Magyaren, sollte aber bald verhängnisvolle Folgen haben.
- 96. Denn der bedrängte Symeon suchte seinerseits nach Verbündeten gegen das gefährliche Reitervolk im Norden.
- 97. Er fand sie in den Petschenegen, jenem Steppenvolk, das bereits östlich von Etelköz lauerte.
- 98. So verflochten sich die Bündnisse der Magyaren mit den großen Konflikten ihrer Zeit auf gefährliche Weise.
- 99. Die diplomatischen Verbindungen eröffneten Chancen, banden die Magyaren aber zugleich in fremde Feindschaften ein.
- 100. Während dieser bewegten Jahre vollzog sich in Etelköz auch eine kulturelle und religiöse Entwicklung.
- 101. Die Magyaren lebten weiterhin in der Glaubenswelt der Steppenvölker, die von schamanistischen Vorstellungen geprägt war.
- 102. Im Mittelpunkt stand der Glaube an eine beseelte Natur, an Himmelsmächte und an die Geister der Ahnen.
- 103. Vermittler zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister war der Schamane, der "táltos".
- 104. Der táltos vollzog Opfer, deutete Zeichen und galt als fähig, in Trance mit der jenseitigen Welt zu verkehren.
- 105. An der Spitze des Götterhimmels stand vermutlich eine Gottheit des Himmels, die über das Schicksal wachte.
- 106. Daneben verehrten die Magyaren die Kräfte der Sonne, des Wassers und der Erde sowie heilige Tiere.
- 107. Eine besondere Rolle spielte der mythische Raubvogel "turul", der mit dem Herrschergeschlecht verbunden war.
- 108. Die Sage berichtet, der turul habe im Traum die Abstammung und Bestimmung des Hauses Árpád verkündet.
- 109. Solche Ursprungssagen dienten dazu, die Herrschaft der führenden Sippe religiös zu begründen und zu überhöhen.
- 110. Die Ahnenverehrung festigte den Zusammenhalt der Sippen und verband die Lebenden mit den Verstorbenen.
- 111. Bestattungssitten und reich ausgestattete Gräber zeugen vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod.
- 112. Den Toten wurden Waffen, Schmuck und Teile des Pferdegeschirrs ins Grab mitgegeben.
- 113. Solche Funde aus dem Steppenraum erlauben der Forschung Rückschlüsse auf Glauben und Lebensweise der Magyaren.
- 114. Neben dem überlieferten Schamanismus traten in Etelköz auch fremde religiöse Einflüsse an die Magyaren heran.
- 115. Über die Nachbarschaft zu Chasaren, Byzantinern und anderen Völkern lernten sie Judentum, Islam und Christentum kennen.
- 116. Vor allem das byzantinische Christentum gewann durch die engen politischen Kontakte an Bedeutung.
- 117. Eine tiefgreifende Bekehrung des gesamten Volkes fand in dieser Zeit jedoch noch nicht statt.
- 118. Die Annahme des Christentums sollte erst nach der Landnahme und unter den ersten Königen erfolgen.
- 119. Dennoch bereitete die Begegnung mit den Hochreligionen den späteren religiösen Wandel langsam vor.
- 120. Auch die materielle Kultur der Magyaren entwickelte sich in Etelköz unter vielfältigen Einflüssen weiter.
- 121. Das Kunsthandwerk zeigte eine reiche Verzierung von Waffen, Pferdegeschirr und Schmuckstücken.
- 122. Charakteristisch war der sogenannte Pflanzenstil, der Ranken, Palmetten und Blattmuster in Metall ausführte.
- 123. Solche Verzierungen schmückten Gürtelbeschläge, Taschenbleche und die Zierscheiben des Pferdegeschirrs.
- 124. Die kunstvolle Metallarbeit zeugt von hoch entwickeltem handwerklichem Können und von Kontakten zu anderen Kulturen.
- 125. Über Handel und Beute gelangten Silber, Seide und fremde Erzeugnisse in den Besitz der magyarischen Oberschicht.
- 126. Diese Güter dienten nicht nur dem Gebrauch, sondern auch der Darstellung von Rang und Macht.
- 127. Die Lebensweise blieb gleichwohl ganz von der nomadischen Viehzucht und der saisonalen Wanderung bestimmt.
- 128. Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen bildeten den eigentlichen Reichtum und die Grundlage der Ernährung.
- 129. Die Herden lieferten Fleisch, Milch, Häute und Wolle und damit nahezu alles, was zum Leben nötig war.
- 130. Aus Stutenmilch gewannen die Magyaren ein gegorenes Getränk, das in der ganzen Steppe verbreitet war.
- 131. Ergänzt wurde die Nahrung durch Jagd, Fischfang und in geringem Umfang durch Ackerbau in den Flusstälern.
- 132. Die Wohnform war das transportable Zelt, die Jurte, die rasch auf- und abgebaut werden konnte.
- 133. Diese Lebensweise erlaubte es, den Herden in den Jahreszeiten zu folgen und große Räume zu nutzen.
- 134. So verband sich in Etelköz eine bewegliche Wirtschaftsweise mit einer zunehmend gefestigten politischen Ordnung.
- 135. Über all diesen Entwicklungen aber lag der wachsende Schatten einer äußeren Bedrohung.
- 136. Östlich von Etelköz hatte sich das kriegerische Reitervolk der Petschenegen festgesetzt.
- 137. Die Petschenegen waren ihrerseits durch den Druck anderer Steppenvölker nach Westen gedrängt worden.
- 138. Zwischen ihnen und den Magyaren bestand eine alte Feindschaft, die immer wieder in Kämpfe umschlug.
- 139. Die Petschenegen waren zahlreich, beweglich und in ihrer Kampfweise den Magyaren ebenbürtig.
- 140. Solange die Magyaren geschlossen auftraten, konnten sie der Gefahr standhalten und ihre Weidegründe behaupten.
- 141. Doch die Bündnispolitik der Magyaren brachte sie nun in eine gefährliche Lage zwischen zwei Feinden.
- 142. Während ein großer Teil des Heeres im Süden gegen die Bulgaren kämpfte, war die Heimat ungeschützt.
- 143. Der Bulgarenherrscher Symeon und die Petschenegen verabredeten einen gemeinsamen Schlag gegen die Magyaren.
- 144. Die Petschenegen fielen über die im Osten gelegenen Wohnsitze in Etelköz her, während die Krieger fern waren.
- 145. Dieser Überfall traf vor allem die zurückgebliebenen Familien, Herden und Lager der Magyaren.
- 146. Die Quellen berichten von schweren Verlusten und von der Verwüstung weiter Teile des Siedlungsgebietes.
- 147. Als die Krieger vom Feldzug zurückkehrten, fanden sie ihre Heimat zerstört und ihre Angehörigen versprengt.
- 148. Dieser Schlag machte deutlich, dass Etelköz auf Dauer nicht zu halten war.
- 149. Die offene Lage des Gebietes bot keinen ausreichenden Schutz gegen die Angriffe aus der Steppe.
- 150. Die Bedrohung durch die Petschenegen war nicht abzuwenden und drohte sich künftig zu wiederholen.
- 151. In dieser Lage reifte unter den Magyaren der Entschluss, endgültig nach Westen aufzubrechen.
- 152. Das zuvor erkundete Karpatenbecken bot Schutz hinter dem Bogen der Karpaten und reiche Weidegründe zugleich.
- 153. Die Berge im Osten und Norden versprachen eine natürliche Grenze gegen die nachdrängenden Steppenvölker.
- 154. So wurde aus der Vorbereitung der Jahre die unmittelbare Notwendigkeit eines raschen Aufbruchs.
- 155. Die in Etelköz geschaffene Ordnung erwies sich nun als entscheidende Voraussetzung für das Gelingen dieses Schrittes.
- 156. Der gefestigte Stammesverband, die einheitliche Führung und das geübte Heer konnten die große Wanderung tragen.
- 157. Die diplomatischen Erfahrungen und die Kenntnis des Ziellandes erleichterten die Planung des Zuges.
- 158. So fügten sich die einzelnen Entwicklungen der Etelköz-Zeit zu einer Gesamtbereitschaft für die Landnahme zusammen.
- 159. Die Jahre zwischen Ankunft und Aufbruch hatten aus einem bedrohten Stämmebund ein handlungsfähiges Volk gemacht.
- 160. Etelköz war damit zugleich Zuflucht und Sprungbrett, Prüfung und Schule der ungarischen Nation.
- 161. Die Spannung der letzten Jahre entlud sich schließlich in der Entscheidung zum entschlossenen Zug ins Karpatenbecken.
- 162. Unter der Führung Árpáds setzten sich die Stämme mit Herden, Wagen und Familien in Bewegung.
- 163. Der Aufbruch aus Etelköz war kein Zeichen der Schwäche, sondern das Ergebnis langer Vorbereitung und reifer Planung.
- 164. Was als Flucht vor den Petschenegen erscheinen mochte, war zugleich der Griff nach einer dauerhaften Heimat.
- 165. Die in Etelköz gewonnene Einheit gab den Magyaren die Kraft, die Karpaten zu überschreiten.
- 166. Mit dem Verlassen des Zwischenstromlandes endete die letzte Etappe der langen Wanderung aus dem Osten.
- 167. Vor den Magyaren lag nun das Land, das ihre endgültige und bleibende Heimat werden sollte.
- 168. Die Zeit in Etelköz erscheint so im Rückblick als unmittelbare Vorstufe der Staatsgründung.
- 169. Hier wurden die Grundlagen gelegt, auf denen das spätere Ungarn errichtet werden konnte.
- 170. Die lose Schar wandernder Stämme war zu einem politisch geführten und militärisch geschulten Verband geworden.
- 171. Die Erinnerung an Etelköz blieb in den späteren Chroniken als Station auf dem Weg ins Vaterland erhalten.
- 172. Die mittelalterlichen Geschichtsschreiber verbanden diese Zeit eng mit der Gestalt Árpáds und seines Hauses.
- 173. In ihrer Darstellung erschien der Weg von Etelköz ins Karpatenbecken als von höherer Bestimmung geleitet.
- 174. Die moderne Forschung trennt diese sagenhafte Überhöhung von dem historisch Fassbaren.
- 175. Gesichert erscheint, dass Etelköz eine Phase der Sammlung, Organisation und Vorbereitung war.
- 176. Die genauen Zeiträume, Routen und Abläufe bleiben jedoch in vielem unsicher und umstritten.
- 177. Die Quellen sind spärlich, oft später entstanden und von eigenen Absichten ihrer Verfasser geprägt.
- 178. Dennoch lässt sich das Bild einer Zeit zeichnen, in der aus Bedrohung Entschlossenheit erwuchs.
- 179. Die Vorbereitung auf die Landnahme war zugleich die Selbstfindung eines Volkes an der Schwelle Europas.
- 180. So bildet die Zeit in Etelköz das unmittelbare Vorspiel zu jenem Ereignis, das als Landnahme von 896 die ungarische Geschichte eröffnet.
Struktur und Organisation: Das Stammesverbandssystem
[Bearbeiten]- 1. Um die Struktur und Organisation des magyarischen Stammesverbandssystems wirklich zu verstehen, muss man sich zunächst von modernen Vorstellungen eines geordneten Staates lösen.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass die Gesellschaft der Magyaren in der Zeit von Etelköz auf gänzlich anderen Grundlagen ruhte als die seßhaften Reiche des Abendlandes.
- 3. Im Zentrum dieser Ordnung stand nicht der einzelne Mensch, sondern die Gemeinschaft der Verwandten und die Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe.
- 4. Die kleinste und zugleich grundlegende Einheit dieser Gesellschaft war die Familie im engeren Sinne.
- 5. Mehrere verwandte Familien, die sich auf einen gemeinsamen Ahnen zurückführten, bildeten zusammen eine Sippe.
- 6. Diese Sippe, auf Ungarisch als "nemzetség" bezeichnet, war der eigentliche Träger des gesellschaftlichen Lebens.
- 7. Innerhalb der Sippe galten enge Bindungen gegenseitiger Hilfe, gemeinsamer Verantwortung und geteilten Besitzes.
- 8. Die Mitglieder einer Sippe weideten ihre Herden gemeinsam, zogen gemeinsam und verteidigten sich gemeinsam.
- 9. Mehrere solcher Sippen schlossen sich wiederum zu einem Stamm zusammen, der "törzs" genannt wurde.
- 10. Der Stamm war die größte dauerhafte politische Einheit, über der nur noch der Bund aller Stämme stand.
- 11. Jeder Stamm verfügte über ein eigenes Weidegebiet, eine eigene Führung und ein eigenes Selbstbewusstsein.
- 12. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm bestimmte die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft.
- 13. Die Magyaren gliederten sich nach der Überlieferung in sieben solcher Stämme.
- 14. Diese sieben Stämme bildeten den Kern des Volkes und werden als "Hétmagyar", die sieben Magyaren, bezeichnet.
- 15. Die Namen dieser Stämme sind durch spätere Quellen, vor allem durch byzantinische Berichte, überliefert.
- 16. Genannt werden Stämme mit Namen wie Nyék, Megyer, Kürtgyarmat, Tarján, Jenő, Kér und Keszi.
- 17. Der Stamm Megyer gilt vielen Forschern als der führende, von dem sich möglicherweise der Name des ganzen Volkes ableitet.
- 18. Die genaue Bedeutung und Herkunft dieser Stammesnamen ist in der Forschung umstritten.
- 19. Einige Namen scheinen auf Würden, andere auf ursprüngliche Funktionen innerhalb des Heeres hinzudeuten.
- 20. Die Ordnung der Stämme spiegelte sich auch in ihrer Aufstellung im Heer und auf der Wanderung wider.
- 21. Bestimmte Stämme bildeten die Vorhut, andere den Kern oder die Nachhut des wandernden Volkes.
- 22. Diese Gliederung war nicht zufällig, sondern folgte einer überlieferten Rangordnung der Stämme untereinander.
- 23. Zu den sieben magyarischen Stämmen traten in Etelköz drei weitere Stämme der Kabaren hinzu.
- 24. Die Kabaren hatten sich infolge eines inneren Aufstandes vom Reich der Chasaren gelöst.
- 25. Nach ihrer Niederlage schlossen sie sich den Magyaren an und wurden in deren Verband eingegliedert.
- 26. Die drei Kabarenstämme wurden zu einer Einheit zusammengefasst und bildeten fortan einen achten Bestandteil des Bundes.
- 27. In der Schlachtordnung übernahmen die Kabaren häufig die Stellung der Vorhut, wohl wegen ihrer kriegerischen Tüchtigkeit.
- 28. Aus dem Zusammenschluss der sieben magyarischen und der drei kabarischen Stämme entstand ein Verband von großer Schlagkraft.
- 29. Dieser Stammesverband war jedoch kein fester Staat, sondern ein Bündnis weitgehend selbständiger Glieder.
- 30. Der Zusammenhalt beruhte zunächst weniger auf Zwang als auf gemeinsamem Interesse und freiwilliger Übereinkunft.
- 31. Die Überlieferung berichtet von einem feierlichen Vertrag, der diesem Bündnis seine bindende Kraft verlieh.
- 32. Dieser als Blutsvertrag bekannte Akt soll die Anführer der Stämme dauerhaft aneinander gebunden haben.
- 33. Bei der Zeremonie sollen die sieben Stammesführer ihr Blut in ein gemeinsames Gefäß haben fließen lassen.
- 34. Durch das Vermischen und gemeinsame Trinken oder Vergießen des Blutes besiegelten sie ihre Verbindung.
- 35. Der Blutsvertrag verpflichtete die Stämme zu Treue, gegenseitigem Beistand und gemeinsamer Gefolgschaft.
- 36. Die Überlieferung schreibt diesem Vertrag mehrere grundlegende Bestimmungen zu.
- 37. So sollte das Oberhaupt stets aus dem Geschlecht Árpáds gewählt werden.
- 38. Ferner sollte jeder Stamm an Beute und Land nach seinem Anteil teilhaben.
- 39. Wer dem Fürsten die Treue breche, dem drohte nach dem Vertrag der Verlust seines Blutes.
- 40. Und wer aus dem Geschlecht des Fürsten den Eid breche, sollte aus der Gemeinschaft verstoßen werden.
- 41. Ob diese überlieferten Punkte in dieser Form wirklich vereinbart wurden, ist nicht mit Sicherheit zu sagen.
- 42. Die Chroniken, die davon berichten, entstanden Jahrhunderte später und deuteten die Frühzeit aus ihrer eigenen Sicht.
- 43. Dennoch spiegeln sie den Kern einer echten Erinnerung an einen verfassungsbildenden Akt wider.
- 44. Der Übergang von einem losen Nebeneinander zu einem festen Bündnis war ein entscheidender Schritt.
- 45. Erst dieser Zusammenschluss machte aus einer Vielzahl von Stämmen ein handlungsfähiges Volk.
- 46. An der Spitze jedes einzelnen Stammes stand ein Anführer, der seine Stellung meist erblich innehatte.
- 47. Seine Autorität gründete sich auf vornehme Abstammung, großen Herdenreichtum und bewährte militärische Führung.
- 48. Dieser Stammesfürst leitete die Wanderungen, schlichtete Streitigkeiten und führte sein Aufgebot im Krieg.
- 49. Um ihn versammelte sich eine Gefolgschaft erprobter Krieger, die ihm unmittelbar verbunden waren.
- 50. Die Stammesführer der einzelnen Stämme bildeten zusammen den Rat, der über gemeinsame Angelegenheiten beriet.
- 51. In diesem Rat wurden Entscheidungen über Krieg, Wanderung und Bündnisse getroffen.
- 52. Solange kein einheitliches Oberhaupt bestand, galten Beschlüsse nur, wenn die Stämme sich einigten.
- 53. Diese Form der Herrschaft war beweglich, erwies sich aber in Krisenzeiten als zu langsam und uneinheitlich.
- 54. Der wachsende Druck der Petschenegen verlangte nach rascher und geschlossener Führung.
- 55. So vollzog sich in Etelköz der Schritt zur Einsetzung eines obersten Fürsten über alle Stämme.
- 56. Nach dem Bericht Kaiser Konstantins VII. geschah dies auf Anregung oder Druck der Chasaren.
- 57. Die Magyaren hätten zuvor keinen einheitlichen Herrscher gekannt, sondern nur die Führer der einzelnen Stämme.
- 58. Nun sollte ein einzelner Mann mit umfassender Befehlsgewalt an die Spitze des ganzen Volkes treten.
- 59. Zunächst sei das Amt dem angesehenen Stammesführer Levedi angetragen worden.
- 60. Levedi habe die Würde jedoch abgelehnt und auf Álmos oder dessen Sohn Árpád verwiesen.
- 61. Schließlich fiel die Wahl auf Árpád, den Sohn des Álmos, aus dem führenden Geschlecht.
- 62. Árpád galt als tüchtig, vornehm und reich und schien zur Führung des Volkes am besten geeignet.
- 63. Nach altem Brauch der Steppenvölker wurde er auf einen Schild gehoben und feierlich zum Fürsten erhoben.
- 64. Mit dieser Erhebung begann die Herrschaft des Hauses Árpád, die über vier Jahrhunderte währen sollte.
- 65. Die Stellung des obersten Fürsten wird in den Quellen mit verschiedenen Titeln bezeichnet.
- 66. Ein gebräuchlicher Titel war der des "kende" oder "kündü", der wohl eine sakrale Würde bezeichnete.
- 67. Daneben stand der Titel des "gyula", der vor allem die tatsächliche militärische Führung kennzeichnete.
- 68. Die Forschung diskutiert, ob beide Würden gleichzeitig bestanden und wie sich ihre Aufgaben verteilten.
- 69. Möglicherweise lag dem ein System sakraler und weltlicher Doppelherrschaft zugrunde, wie es bei Steppenvölkern vorkam.
- 70. Bei einer solchen Ordnung verkörperte der eine Fürst die religiöse Würde, während der andere die Heere befehligte.
- 71. Ob die Magyaren dieses System voll ausgebildet hatten, lässt sich aus den Quellen nicht sicher entscheiden.
- 72. Gesichert erscheint jedoch die Existenz mehrerer hoher Würdenträger neben dem obersten Fürsten.
- 73. Der "gyula" übte richterliche und militärische Befugnisse aus und stand im Rang sehr hoch.
- 74. Der "harka", manchmal auch "horka" genannt, folgte im Range darunter und hatte ähnliche Aufgaben.
- 75. Diese Ämter waren nicht bloße Ehrentitel, sondern mit tatsächlicher Macht und Verantwortung verbunden.
- 76. Die gestufte Ordnung dieser Würden zeigt eine bemerkenswert entwickelte politische Gliederung.
- 77. Sie widerlegt das Bild von den Magyaren als einer ungeordneten Horde wilder Reiter.
- 78. Vielmehr verfügten sie über klar abgegrenzte Funktionen für Herrschaft, Recht und Kriegführung.
- 79. Unterhalb der Fürsten und Würdenträger stand die breite Schicht der freien Krieger.
- 80. Diese freien Männer bildeten das Rückgrat des Heeres und nahmen an den Versammlungen teil.
- 81. Jeder von ihnen besaß eigene Herden, eigene Waffen und eigene Pferde.
- 82. Ihre Freiheit zeigte sich vor allem im Recht, Waffen zu tragen und am Kriegszug teilzunehmen.
- 83. Über ihnen stand eine Oberschicht vornehmer Sippen, aus denen sich Führer und Würdenträger rekrutierten.
- 84. Diese Vornehmen verfügten über besonders große Herden, zahlreiche Gefolgsleute und kostbaren Besitz.
- 85. Reichtum bemaß sich in dieser Gesellschaft vor allem an der Zahl der Tiere und der Krieger.
- 86. Unter den Freien wiederum lebte eine Schicht von Unfreien und Abhängigen.
- 87. Zu ihnen gehörten Kriegsgefangene, unterworfene Gruppen und in Schuldknechtschaft Geratene.
- 88. Diese Unfreien verrichteten niedere Arbeiten, hüteten Herden oder dienten als Knechte in den Lagern.
- 89. Sie standen am unteren Rand der Gesellschaft und besaßen kaum eigene Rechte.
- 90. Zwischen diesen Schichten bestand jedoch keine starre Undurchlässigkeit, wie sie spätere Ständeordnungen kannten.
- 91. Tüchtigkeit im Krieg, gewonnene Beute und die Gunst des Fürsten konnten den Aufstieg ermöglichen.
- 92. So war die Gesellschaft hierarchisch gegliedert, aber zugleich von kriegerischer Beweglichkeit durchzogen.
- 93. Die Ordnung der Stämme spiegelte sich unmittelbar in der Organisation des Heeres wider.
- 94. Das Heer war nicht in stehende Einheiten gegliedert, sondern wurde nach Stämmen und Sippen aufgeboten.
- 95. Jeder Stamm stellte sein eigenes Aufgebot unter der Führung seines Fürsten.
- 96. Im gemeinsamen Feldzug ordneten sich diese Aufgebote dem obersten Fürsten unter.
- 97. Diese Verbindung von stammesgebundener Gliederung und übergeordnetem Befehl machte das Heer flexibel und schlagkräftig.
- 98. Die Zahl der Krieger, die der Verband aufbieten konnte, wird in den Quellen unterschiedlich angegeben.
- 99. Byzantinische Berichte sprechen von Zehntausenden berittener Kämpfer, doch sind solche Zahlen mit Vorsicht zu betrachten.
- 100. Sicher ist, dass die Magyaren ein für ihre Verhältnisse großes und gut organisiertes Heer aufstellen konnten.
- 101. Die Organisation des Verbandes diente nicht allein dem Krieg, sondern auch der Ordnung des täglichen Lebens.
- 102. Die Verteilung der Weidegründe, die Festlegung der Wanderrouten und die Schlichtung von Streit folgten festen Regeln.
- 103. Jeder Stamm kannte seine Weidereviere, seine Winterlager und seine sommerlichen Weideplätze.
- 104. Überschneidungen und Streitigkeiten zwischen den Stämmen wurden im Rat oder durch die Würdenträger geregelt.
- 105. Diese geordnete Nutzung des Raumes verhinderte verheerende innere Konflikte um die knappen Ressourcen.
- 106. Die Beweglichkeit der Lebensweise verlangte eine besonders klare Ordnung von Befehl und Gehorsam.
- 107. Wer mit Herden und Familien über weite Räume zog, konnte sich Uneinigkeit und Chaos nicht leisten.
- 108. So entwickelte die Steppengesellschaft eine straffe Organisation, die der äußeren Bedrohung gewachsen war.
- 109. Die Bindung an die Sippe und den Stamm gab dem Einzelnen Schutz, Identität und Halt.
- 110. Im Gegenzug schuldete er der Gemeinschaft Gefolgschaft, Treue und im Kriegsfall den Einsatz seines Lebens.
- 111. Dieses Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen hielt die Gesellschaft auch in Krisen zusammen.
- 112. Die Führung des obersten Fürsten überlagerte dieses Gefüge, ohne die innere Selbständigkeit der Stämme völlig aufzuheben.
- 113. Árpád und seine Nachfolger herrschten zunächst eher als oberste Anführer denn als unumschränkte Könige.
- 114. Ihre Macht beruhte auf der Anerkennung durch die Stammesführer und auf dem Erfolg im Krieg.
- 115. Erst nach der Landnahme sollte sich aus dieser Fürstenwürde allmählich eine festere Herrschaft entwickeln.
- 116. Die in Etelköz geschaffene Ordnung bildete jedoch bereits die Grundlage für diese spätere Entwicklung.
- 117. Das Stammesverbandssystem war somit weit mehr als eine bloße Zweckgemeinschaft auf Zeit.
- 118. Es verband sakrale Würde, militärische Führung, rechtliche Ordnung und wirtschaftliche Regelung zu einem Ganzen.
- 119. In ihm verschmolzen die einzelnen Stämme zu einer politischen Größe von dauerhafter Wirkung.
- 120. Die Erinnerung an diese Ordnung blieb in den späteren Chroniken und in der Vorstellung von den sieben Stämmen lebendig.
- 121. Noch im mittelalterlichen Ungarn führten vornehme Geschlechter ihre Herkunft auf die alten Sippen zurück.
- 122. Die Zahl Sieben erhielt dabei eine fast symbolische Bedeutung für den Ursprung der Nation.
- 123. Die moderne Forschung sucht hinter dieser Überlieferung den historischen Kern zu erkennen.
- 124. Sie stützt sich dabei auf byzantinische Berichte, sprachliche Zeugnisse und archäologische Funde.
- 125. Die wichtigste schriftliche Quelle ist das Werk Kaiser Konstantins VII. über die Verwaltung des Reiches.
- 126. In ihm sind die Namen der Stämme, die Erhebung Árpáds und die Stellung der Kabaren überliefert.
- 127. Diese Angaben gelten als vergleichsweise zuverlässig, da sie zeitnah und aus erster Hand stammen.
- 128. Die späteren ungarischen Chroniken hingegen mischten historische Erinnerung mit Sage und Deutung.
- 129. Aus dem Vergleich der Quellen versucht die Forschung, ein möglichst genaues Bild zu gewinnen.
- 130. Vieles bleibt dabei unsicher, etwa die genaue Zahl der Krieger oder der genaue Umfang der Fürstenmacht.
- 131. Unbestritten ist jedoch, dass die Magyaren über eine entwickelte und wirksame Organisation verfügten.
- 132. Diese Organisation unterschied sie von vielen anderen Steppenvölkern, die rasch wieder zerfielen.
- 133. Während andere Reitervölker nach kurzen Erfolgen verschwanden, gelang den Magyaren der dauerhafte Bestand.
- 134. Ein wesentlicher Grund dafür lag in der Festigkeit ihres Stammesverbandssystems.
- 135. Die feste Bindung an Sippe, Stamm und Bund verlieh dem Volk eine außergewöhnliche Widerstandskraft.
- 136. Selbst schwere Niederlagen wie der Petschenegenüberfall konnten diesen Zusammenhalt nicht zerstören.
- 137. Im Gegenteil, gerade in der Not erwies sich die geschaffene Ordnung als rettende Kraft.
- 138. Der gefestigte Verband ermöglichte den geordneten Aufbruch und die geschlossene Landnahme.
- 139. Ohne diese innere Struktur wäre der Zug ins Karpatenbecken kaum gelungen.
- 140. Die einheitliche Führung sicherte die Abstimmung der Stämme während der gefahrvollen Wanderung.
- 141. Die klare Gliederung des Heeres ermöglichte die militärische Sicherung des Zuges und der neuen Heimat.
- 142. Die geregelte Verteilung von Land und Beute beugte inneren Zerwürfnissen nach der Eroberung vor.
- 143. So wirkte die in Etelköz geschaffene Ordnung weit über diese Zeit hinaus in die Staatsgründung hinein.
- 144. Die Stammesfürsten der Landnahmezeit wurden zu den Stammvätern der späteren ungarischen Hochadelsgeschlechter.
- 145. Die Würde des obersten Fürsten entwickelte sich über Generationen zur Königswürde des Hauses Árpád.
- 146. Aus dem Bündnis der Stämme erwuchs allmählich das geeinte ungarische Königreich.
- 147. Die alten Ämter wandelten sich, verloren an Bedeutung oder gingen in neuen Strukturen auf.
- 148. Doch der Ursprung dieser Entwicklung lag erkennbar in der Ordnung der Etelköz-Zeit.
- 149. Das Stammesverbandssystem bildete gleichsam das Gerüst, auf dem der spätere Staat errichtet wurde.
- 150. Seine Untersuchung erlaubt daher einen tiefen Einblick in die Anfänge der ungarischen Geschichte.
- 151. Zugleich zeigt sie, wie eng politische, militärische und gesellschaftliche Ordnung bei einem Steppenvolk verbunden waren.
- 152. Herrschaft, Heer und Gesellschaft bildeten keine getrennten Bereiche, sondern durchdrangen einander vollständig.
- 153. Wer das eine verstehen wollte, musste die anderen mitdenken, denn sie waren untrennbar verflochten.
- 154. Diese Einheit von Ordnung und Lebensweise macht das Stammesverbandssystem so kennzeichnend für die Magyaren.
- 155. In ihm spiegelte sich die gesamte Welt eines wandernden Reitervolkes an der Schwelle zur Seßhaftigkeit.
- 156. Die feste Gliederung erlaubte es, Tradition und Beweglichkeit miteinander zu vereinen.
- 157. So bewahrten die Magyaren ihre Eigenart und passten sich zugleich den neuen Herausforderungen an.
- 158. Das Verständnis dieses Systems ist daher der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Frühgeschichte des Volkes.
- 159. Es erklärt, warum die Magyaren dort Erfolg hatten, wo andere Steppenvölker scheiterten.
- 160. Es zeigt, wie aus wandernden Sippen ein dauerhaftes Gemeinwesen entstehen konnte.
- 161. Und es macht begreiflich, warum die Erinnerung an die sieben Stämme bis heute Teil des ungarischen Selbstverständnisses ist.
- 162. Insgesamt war das Stammesverbandssystem das organisatorische Fundament der ungarischen Nation.
- 163. Es verband die einzelnen Glieder zu einem Ganzen und gab ihnen die Kraft zum großen Aufbruch.
- 164. Die Sippe sicherte den engsten Zusammenhalt, der Stamm die mittlere und der Bund die größte Ordnungsebene.
- 165. Über allem stand schließlich die Würde des obersten Fürsten als verbindende Spitze.
- 166. In dieser klaren Stufung lag die eigentliche Stärke der magyarischen Gesellschaft.
- 167. Sie verlieh dem Volk Beständigkeit in der Bewegung und Einheit in der Vielfalt.
- 168. Gerade in der gefahrvollen Lage von Etelköz erwies sich diese Ordnung als überlebensnotwendig.
- 169. Sie schützte vor innerem Zerfall ebenso wie vor der Auflösung unter äußerem Druck.
- 170. Ohne sie hätte das Volk die Bedrohung durch die Petschenegen kaum überstanden.
- 171. Mit ihr aber gelang der geordnete Rückzug ins schützende Karpatenbecken.
- 172. So erweist sich das Stammesverbandssystem als entscheidende Voraussetzung der gesamten weiteren Geschichte.
- 173. Seine Bedeutung reicht weit über die wenigen Jahrzehnte von Etelköz hinaus.
- 174. Es prägte die ungarische Gesellschaft noch lange nach der Landnahme und der Annahme des Christentums.
- 175. In den Geschlechtern des Adels, in der Erinnerung an Árpád und in der Zahl der Stämme lebte es fort.
- 176. Damit gehört es zu den dauerhaftesten Schöpfungen der frühen ungarischen Geschichte.
- 177. Wer die Anfänge Ungarns verstehen will, kommt an der Untersuchung dieses Systems nicht vorbei.
- 178. Es bildet den Ausgangspunkt für alles, was in der Landnahme und der Staatsgründung folgen sollte.
- 179. So war die Struktur und Organisation des Stammesverbandes ein wahrhaft grundlegender Abschnitt der ungarischen Frühgeschichte.
- 180. Mit ihm war das Fundament gelegt, auf dem das künftige Ungarn errichtet werden konnte, und damit schließt die Betrachtung dieses wichtigen Themas.
Militärische Vorbereitungen: Heere und Kriegstaktiken
[Bearbeiten]- 1. Um die militärischen Vorbereitungen der Magyaren in der Zeit von Etelköz zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass Krieg und Lebensweise bei einem Steppenvolk untrennbar verbunden waren.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass das gesamte Dasein der Magyaren auf eine Weise organisiert war, die jeden freien Mann zugleich zum Krieger machte.
- 3. Anders als bei den seßhaften Völkern des Abendlandes bedurfte es keiner besonderen Ausbildung, um aus einem Hirten einen Soldaten zu machen.
- 4. Wer von Kindheit an im Sattel saß und mit dem Bogen umzugehen lernte, war von Natur aus ein berittener Kämpfer.
- 5. Die Fähigkeiten, die das nomadische Leben verlangte, waren zugleich die Fähigkeiten, die der Krieg erforderte.
- 6. So gründete sich die militärische Stärke der Magyaren nicht auf besondere Einrichtungen, sondern auf die Lebensform selbst.
- 7. Das Heer war nicht von der Gesellschaft getrennt, sondern die Gesellschaft selbst in ihrer kriegerischen Gestalt.
- 8. Jeder freie Mann war verpflichtet und berechtigt, im Kriegsfall mit Waffen und Pferd zum Aufgebot zu erscheinen.
- 9. Diese allgemeine Wehrpflicht der Freien verlieh den Magyaren eine im Verhältnis zu ihrer Zahl große Streitmacht.
- 10. Das Aufgebot erfolgte nach Stämmen und Sippen, deren Gliederung sich unmittelbar in der Heeresordnung widerspiegelte.
- 11. Jeder Stamm stellte sein eigenes Kontingent, das unter der Führung seines Fürsten in den Kampf zog.
- 12. Im gemeinsamen Feldzug unterstellten sich diese Stammesaufgebote dem obersten Fürsten oder dem militärischen Führer.
- 13. Diese Verbindung von stammesgebundener Gliederung und einheitlichem Oberbefehl machte das Heer beweglich und zugleich lenkbar.
- 14. Die Größe des magyarischen Heeres wird in den Quellen unterschiedlich und oft übertrieben angegeben.
- 15. Byzantinische Berichte sprechen von vielen Zehntausenden Reitern, doch sind solche Zahlen kritisch zu betrachten.
- 16. Wahrscheinlicher ist, dass die Magyaren je nach Unternehmung einige Tausend bis über zehntausend Krieger aufbieten konnten.
- 17. Entscheidend war ohnehin weniger die bloße Zahl als die Beweglichkeit und Kampfweise der Reiter.
- 18. Das Rückgrat des Heeres bildete der berittene Bogenschütze, der die gesamte Taktik der Magyaren prägte.
- 19. Diese leichte Reiterei war es, die den Magyaren ihren furchterregenden Ruf in ganz Europa eintrug.
- 20. Die wichtigste Waffe des magyarischen Kriegers war der zusammengesetzte Reflexbogen.
- 21. Dieser Bogen wurde aus Holz, Horn und Tiersehnen in einer aufwendigen und langwierigen Technik gefertigt.
- 22. Die verschiedenen Werkstoffe wurden so verleimt, dass sich entgegengesetzte Spannungen im Bogen vereinten.
- 23. Dadurch erreichte der Reflexbogen bei geringer Größe eine außerordentlich hohe Spannkraft.
- 24. Seine geringe Länge machte ihn besonders geeignet für den Gebrauch vom Rücken des Pferdes aus.
- 25. Die Reichweite dieses Bogens betrug nach Schätzungen mehrere hundert Schritt.
- 26. Auch auf größere Entfernung konnten die Pfeile noch verwundende oder tödliche Wirkung entfalten.
- 27. Die Herstellung eines solchen Bogens dauerte oft Monate und erforderte hohes handwerkliches Können.
- 28. Ein guter Bogen war daher kostbar und wurde sorgfältig gepflegt und vor Feuchtigkeit geschützt.
- 29. Die Krieger führten ihre Pfeile in einem Köcher mit sich, der zahlreiche Geschosse fasste.
- 30. Die Pfeilspitzen waren aus Eisen und für unterschiedliche Zwecke verschieden geformt.
- 31. Breite, scharfe Spitzen dienten gegen ungeschützte Gegner, schmale, lange Spitzen gegen Rüstungen.
- 32. Diese Vielfalt der Geschosse erlaubte es, die Waffe der jeweiligen Lage anzupassen.
- 33. Neben dem Bogen führte der Krieger weitere Waffen für den Nahkampf mit sich.
- 34. Die wichtigste davon war der leicht gekrümmte Säbel, der dem Kampf aus dem Sattel angepasst war.
- 35. Seine Krümmung ermöglichte wirksame Hiebe im Vorbeireiten, ohne dass die Klinge im Körper des Gegners stecken blieb.
- 36. Daneben verwendeten die Magyaren Lanzen, mit denen sie den Gegner aus der Distanz stoßen konnten.
- 37. Auch Streitäxte und Keulen gehörten zur Bewaffnung mancher Krieger.
- 38. Wurfwaffen und Lassos ergänzten in einigen Fällen die Ausrüstung der Reiter.
- 39. Schutzwaffen waren bei der leichten Reiterei eher selten und wurden vor allem von Vornehmen getragen.
- 40. Wer es sich leisten konnte, trug einen Helm und ein Panzerhemd aus Eisenringen oder Lederpanzer.
- 41. Die Mehrzahl der Krieger jedoch verzichtete zugunsten der Beweglichkeit auf schwere Rüstung.
- 42. Denn die Stärke der Magyaren lag gerade nicht im schweren Aufprall, sondern in Schnelligkeit und Wendigkeit.
- 43. Die wichtigste Grundlage ihrer Kampfweise aber war das Pferd.
- 44. Das Steppenpferd war klein, zäh, ausdauernd und genügsam in der Versorgung.
- 45. Es konnte sich auf der Weide selbst ernähren und benötigte keine aufwendige Fütterung mit Korn.
- 46. Dadurch waren die magyarischen Heere von der Versorgung mit Futter weitgehend unabhängig.
- 47. Diese Unabhängigkeit verlieh ihnen eine Reichweite, die den westlichen Heeren völlig fehlte.
- 48. Jeder Krieger verfügte häufig über mehrere Pferde, um stets ein frisches Tier zur Verfügung zu haben.
- 49. Auf langen Zügen wechselte der Reiter das Pferd und konnte so große Strecken in kurzer Zeit zurücklegen.
- 50. Tagesmärsche von außergewöhnlicher Länge wurden auf diese Weise möglich.
- 51. Die Beweglichkeit der magyarischen Heere überraschte und überforderte ihre Gegner immer wieder.
- 52. Während die schwerfälligen westlichen Aufgebote sich erst sammelten, waren die Magyaren schon zur Stelle.
- 53. Und ehe der Gegner zum Gegenschlag ausholte, hatten sie sich bereits mit der Beute zurückgezogen.
- 54. Diese Schnelligkeit war ein wesentlicher Teil ihrer gesamten Kriegführung.
- 55. Die bevorzugte Kampfweise der Magyaren war nicht der offene Nahkampf, sondern der bewegliche Fernkampf.
- 56. Die Reiter näherten sich dem Feind, überschütteten ihn mit Pfeilen und wichen wieder zurück.
- 57. Sie umschwärmten den Gegner in lockerer Ordnung und vermieden zunächst die unmittelbare Berührung.
- 58. Erst wenn der Feind durch den Pfeilhagel erschüttert und gelichtet war, folgte der Stoß mit Säbel und Lanze.
- 59. Diese Verbindung von Fernwaffe und Nahkampf machte ihre Taktik so wirksam.
- 60. Die berühmteste und gefürchtetste ihrer Taktiken war die vorgetäuschte Flucht.
- 61. Die Magyaren griffen an, wandten sich dann scheinbar zur Flucht und lockten so den Gegner aus seiner Ordnung.
- 62. Glaubte der Feind sich siegreich und nahm die Verfolgung auf, löste sich seine geschlossene Aufstellung.
- 63. Sobald die Verfolger auseinandergezogen und ermüdet waren, wandten sich die Magyaren plötzlich um.
- 64. Aus der Flucht wurde im Augenblick ein vernichtender Gegenangriff auf den zerstreuten Gegner.
- 65. Die einzeln und ungeordnet nachsetzenden Feinde wurden umzingelt und niedergemacht.
- 66. Diese Taktik erforderte eiserne Disziplin und ein vollkommenes Zusammenspiel der Verbände.
- 67. Nur eingespielte Reiter konnten eine Scheinflucht ausführen, ohne in echte Auflösung zu geraten.
- 68. Eben diese Disziplin unterschied die Magyaren von einer bloßen ungeordneten Horde.
- 69. Ihre scheinbare Wildheit war in Wahrheit das Ergebnis genauer Berechnung und Übung.
- 70. Eine weitere Stärke lag in der Fähigkeit zu Umgehung, Umzingelung und Überraschung.
- 71. Die Magyaren teilten ihr Heer und fielen von mehreren Seiten zugleich über den Gegner her.
- 72. Sie nutzten das Gelände, suchten Hinterhalte und vermieden den Kampf unter ungünstigen Bedingungen.
- 73. Den Angriff begannen sie meist überraschend, oft in den frühen Morgenstunden oder aus dem Verborgenen.
- 74. Lärm, plötzliches Geschrei und der Anblick der heranstürmenden Reiter sollten den Feind in Schrecken versetzen.
- 75. Die psychologische Wirkung dieser Angriffe war ein bewusst eingesetztes Mittel der Kriegführung.
- 76. Ein in Panik geratener Gegner war bereits halb besiegt, ehe der eigentliche Kampf begann.
- 77. Die Magyaren vermieden in der Regel die Belagerung befestigter Plätze, für die ihnen die Mittel fehlten.
- 78. Statt Mauern zu berennen, verwüsteten sie das offene Land und schnitten den Feind von Vorräten ab.
- 79. Ihre Stärke lag im offenen Feld und in der raschen, beweglichen Kriegführung.
- 80. Diese ganze Kampfweise wurde in der Zeit von Etelköz nicht erfunden, aber beständig geübt und verfeinert.
- 81. Die fortwährenden Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern hielten die Krieger in ständiger Übung.
- 82. Jeder Zusammenstoß mit Petschenegen, Bulgaren oder Slawen war zugleich eine Schule des Krieges.
- 83. Auch die großen Jagden dienten als militärisches Training für Reiter und Pferde.
- 84. Bei der Treibjagd wurde das Wild eingekreist, getrieben und gestellt, ganz wie ein Feind im Krieg.
- 85. So vereinten sich Nahrungsbeschaffung und kriegerische Übung in ein und derselben Handlung.
- 86. Die Kinder lernten von früh an reiten, jagen und mit dem Bogen schießen.
- 87. Schon die Knaben wuchsen in die Rolle des Kriegers hinein, lange bevor sie zum Aufgebot gehörten.
- 88. Auf diese Weise erneuerte sich die Kriegerschaft beständig aus sich selbst heraus.
- 89. Die militärischen Vorbereitungen in Etelköz beschränkten sich jedoch nicht auf die Übung der Kampfweise.
- 90. Ebenso wichtig war die Erkundung künftiger Ziele und die Sicherung des eigenen Gebietes.
- 91. Schon vor der eigentlichen Landnahme sandten die Magyaren Kundschafter und Streifscharen nach Westen.
- 92. Diese Vorstöße dienten zugleich der Beute, der Erkundung und der Erprobung der Stärke des Gegners.
- 93. Auf diese Weise gewannen die Magyaren genaue Kenntnis über Wege, Pässe und Flussübergänge.
- 94. Sie erkundeten die Schwächen ihrer künftigen Feinde und die Beschaffenheit des Ziellandes.
- 95. Diese Aufklärung war ein wesentlicher Bestandteil der militärischen Vorbereitung auf die Landnahme.
- 96. Auch die Versorgung des Heeres im Feld war von großer Bedeutung für seine Schlagkraft.
- 97. Die Magyaren führten ihre Herden mit sich und ernährten sich von deren Fleisch und Milch.
- 98. Dadurch waren sie auf langen Zügen weitgehend unabhängig von Nachschub und festen Stützpunkten.
- 99. Getrocknetes Fleisch, geronnene Milch und einfache Vorräte erlaubten lange Märsche ohne Versorgungslinien.
- 100. Diese Unabhängigkeit von Nachschub war ein entscheidender Vorteil gegenüber den westlichen Heeren.
- 101. Während diese an Versorgungswege gebunden waren, konnten die Magyaren sich frei und weit bewegen.
- 102. Die Führung des Heeres lag bei den Stammesfürsten und dem obersten militärischen Befehlshaber.
- 103. Der Titel "gyula" bezeichnete wohl gerade diese oberste militärische Führung.
- 104. Unter ihm standen die Anführer der Stämme, der Sippen und kleinerer Reiterscharen.
- 105. Befehle wurden durch Zeichen, Rufe, Fahnen und vermutlich auch durch Signale übermittelt.
- 106. Die Verständigung im Kampf erforderte eingespielte Verfahren, um die beweglichen Verbände zu lenken.
- 107. Gerade die Scheinflucht und die Umzingelung waren nur durch klare Befehlsführung möglich.
- 108. So verband sich die scheinbare Wildheit des Angriffs mit einer straffen inneren Ordnung.
- 109. Die Disziplin der magyarischen Krieger beruhte auf Gewohnheit, Treue und der Autorität ihrer Führer.
- 110. Wer im Kampf versagte oder feige floh, verlor Ehre und Ansehen in der Gemeinschaft.
- 111. Tapferkeit hingegen wurde mit Beute, Rang und der Achtung der Genossen belohnt.
- 112. Die Aussicht auf Beute war ein wesentlicher Antrieb für die Kriegszüge der Magyaren.
- 113. Vieh, Gold, Silber, Waffen und Gefangene lockten zu immer neuen Unternehmungen.
- 114. Die Verteilung der Beute folgte festen Regeln und stärkte den Zusammenhalt des Verbandes.
- 115. Zugleich diente der Krieg dem Gewinn von Land, Weidegründen und politischer Macht.
- 116. So verbanden sich materieller Gewinn, Ehre und Herrschaft zu den Triebkräften der Kriegführung.
- 117. Die Begegnung mit den Heeren des Abendlandes offenbarte schon früh die Überlegenheit der magyarischen Taktik.
- 118. Die schwerfälligen westlichen Aufgebote waren der Beweglichkeit der Reiter oft nicht gewachsen.
- 119. Den geschlossenen Reiterangriffen des Westens setzten die Magyaren ihren beweglichen Fernkampf entgegen.
- 120. Wo der Westen auf Masse und Wucht setzte, setzten die Magyaren auf Schnelligkeit und List.
- 121. Diese Verschiedenheit der Kriegführung sollte in den folgenden Jahrzehnten zu großen Erfolgen der Magyaren führen.
- 122. Die in Etelköz ausgebildete Kampfweise wurde zur Grundlage der späteren Raubzüge durch ganz Europa.
- 123. Was hier geübt und vorbereitet wurde, entlud sich nach der Landnahme in zahllosen Feldzügen.
- 124. Die militärische Vorbereitung in Etelköz war somit unmittelbar auf die kommenden Aufgaben gerichtet.
- 125. Sie diente der Sicherung des eigenen Gebietes ebenso wie der Vorbereitung der großen Wanderung.
- 126. Vor allem aber bereitete sie das Volk auf die Eroberung und Verteidigung einer neuen Heimat vor.
- 127. Die Bedrohung durch die Petschenegen machte die ständige militärische Bereitschaft zur Lebensnotwendigkeit.
- 128. Nur ein stets kampfbereites Volk konnte in der offenen Steppe überdauern.
- 129. Die militärische Organisation war daher kein gesonderter Bereich, sondern durchdrang das ganze Dasein.
- 130. In der Verbindung von Lebensweise und Kriegführung lag die eigentliche Stärke der Magyaren.
- 131. Diese Verbindung verlieh ihnen eine Schlagkraft, die ihre geringe Zahl weit übertraf.
- 132. Sie machte aus einem wandernden Hirtenvolk eine gefürchtete militärische Macht.
- 133. Die archäologischen Funde aus den Gräbern der Krieger bestätigen das Bild der schriftlichen Quellen.
- 134. In den Gräbern finden sich Bögen, Pfeilspitzen, Säbel, Steigbügel und Teile des Pferdegeschirrs.
- 135. Häufig wurden den Toten auch Teile ihres Pferdes mit ins Grab gegeben.
- 136. Diese Beigaben zeugen von der überragenden Bedeutung des Pferdes und der Waffen für den Krieger.
- 137. Sie belegen zugleich die hohe Qualität der magyarischen Bewaffnung und Reiterausrüstung.
- 138. Besonders die Funde von Steigbügeln verweisen auf die feste Verbindung von Reiter und Pferd.
- 139. Der Steigbügel verlieh dem Reiter im Kampf einen sicheren Halt und ermöglichte kraftvolle Hiebe und Schüsse.
- 140. Ohne diesen festen Sitz wäre die wirkungsvolle Kampfweise der Magyaren kaum denkbar gewesen.
- 141. Auch das kunstvoll verzierte Pferdegeschirr zeugt vom hohen Rang des Reiters und seines Tieres.
- 142. So fügen sich Funde und Berichte zu einem geschlossenen Bild der magyarischen Kriegführung.
- 143. Dieses Bild zeigt ein Heer, das in Beweglichkeit, Bewaffnung und Taktik seinen Gegnern überlegen war.
- 144. Seine Stärke beruhte nicht auf Zahl oder schwerer Rüstung, sondern auf Schnelligkeit, Geschick und Disziplin.
- 145. Die Magyaren waren Meister des beweglichen Krieges in der weiten Ebene.
- 146. In dieser Kunst übertrafen sie die meisten ihrer Zeitgenossen bei weitem.
- 147. Nur andere Steppenvölker wie die Petschenegen kämpften auf ähnliche Weise und waren ihnen ebenbürtig.
- 148. Eben deshalb war die Bedrohung durch die Petschenegen so gefährlich für die Magyaren.
- 149. Ein Gegner mit gleicher Taktik konnte ihre eigenen Vorteile gegen sie selbst kehren.
- 150. Diese Erfahrung trug wesentlich zum Entschluss bei, das offene Etelköz aufzugeben.
- 151. Im geschützten Karpatenbecken hofften die Magyaren, ihre Kampfweise wirkungsvoller einsetzen zu können.
- 152. Die Berge im Osten versprachen Schutz gegen die nachdrängenden Reitervölker der Steppe.
- 153. Die weite Tiefebene im Inneren bot zugleich den idealen Raum für ihre Reiterheere.
- 154. So fügte sich die militärische Lage in die Entscheidung zur Landnahme ein.
- 155. Die in Etelköz vorbereiteten Heere sollten bald das Karpatenbecken erobern und behaupten.
- 156. Die dort geübten Taktiken bewährten sich in den Kämpfen der Landnahme und der folgenden Jahrzehnte.
- 157. Was in der Steppe entstanden war, prägte fortan die Kriegführung im Herzen Europas.
- 158. Die militärische Vorbereitung der Etelköz-Zeit wirkte somit weit über diese Epoche hinaus.
- 159. Sie legte die Grundlage für die Erfolge, aber auch für die späteren Niederlagen der Magyaren.
- 160. Denn dieselbe Kampfweise, die anfangs so überlegen war, stieß später auf neue Antworten der Gegner.
- 161. Als der Westen lernte, den beweglichen Reitern befestigte Plätze und schwere Reiterei entgegenzusetzen, schwand der Vorteil.
- 162. Doch in der Zeit von Etelköz und der Landnahme stand diese Wandlung noch in ferner Zukunft.
- 163. Damals erschienen die magyarischen Reiter als eine kaum bezwingbare Macht.
- 164. Ihre Schnelligkeit, ihre List und ihre Treffsicherheit verbreiteten Schrecken bei ihren Gegnern.
- 165. Die militärischen Vorbereitungen in Etelköz schufen die Voraussetzung für diese Wirkung.
- 166. In ihnen verband sich die Erfahrung der Steppe mit der Vorbereitung auf eine neue Heimat.
- 167. Heerwesen und Taktik der Magyaren waren das Ergebnis einer langen Entwicklung in der eurasischen Steppe.
- 168. In Etelköz erreichten sie eine Form, die sich in den kommenden Kämpfen glänzend bewähren sollte.
- 169. Die allgemeine Wehrpflicht der Freien, die Gliederung nach Stämmen und die einheitliche Führung bildeten ihr Gerüst.
- 170. Der Reflexbogen, der Säbel und das ausdauernde Steppenpferd bildeten ihre materielle Grundlage.
- 171. Die Scheinflucht, die Umzingelung und der bewegliche Fernkampf bildeten ihren taktischen Kern.
- 172. Disziplin, Übung und die Aussicht auf Beute und Ehre bildeten ihren inneren Antrieb.
- 173. In der Vereinigung all dieser Bestandteile lag das Geheimnis ihrer Schlagkraft.
- 174. Keiner dieser Bestandteile allein hätte genügt, doch in ihrem Zusammenwirken wurden die Magyaren übermächtig.
- 175. Eben dieses Zusammenwirken wurde in der Zeit von Etelköz geübt, gefestigt und vollendet.
- 176. Die militärische Vorbereitung war daher der Schlüssel zum Gelingen der gesamten Landnahme.
- 177. Ohne ein schlagkräftiges und beweglich geführtes Heer wäre der Zug nach Westen nicht zu wagen gewesen.
- 178. Mit einem solchen Heer aber konnten die Magyaren die Karpaten überschreiten und das Becken erobern.
- 179. So erweisen sich Heerwesen und Kriegstaktik als unverzichtbares Fundament der ungarischen Frühgeschichte.
- 180. Sie waren die kriegerische Antwort eines wandernden Reitervolkes auf die Herausforderungen seiner gefährlichen Zeit.
Streifzüge nach Pannonien: Erste Kontakte
[Bearbeiten]- 1. Um die Erkundungszüge der Magyaren nach Pannonien zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass ein wanderndes Reitervolk niemals blind in ein unbekanntes Land aufbrach.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass der späteren Landnahme eine lange Phase der Erkundung, der Beutezüge und der ersten Berührungen mit dem Westen vorausging.
- 3. Bevor ein ganzes Volk mit Herden, Wagen und Familien aufbrach, musste das Ziel der Wanderung erforscht und erprobt werden.
- 4. Eine solche Wanderung ins Ungewisse hätte den sicheren Untergang bedeutet, denn ohne Kenntnis des Landes drohten Hunger, Hinterhalt und Vernichtung.
- 5. Daher richteten die Magyaren schon von Etelköz aus ihren Blick nach Westen, in das Becken der mittleren Donau.
- 6. Dieses Gebiet, das die Römer einst Pannonien genannt hatten, lag am westlichen Rand ihres Aktionsradius.
- 7. Der Name Pannonien bezeichnete ursprünglich die römische Provinz westlich der Donau, wurde aber später für das gesamte Karpatenbecken gebraucht.
- 8. Für die Magyaren war dieses Land nicht gänzlich unbekannt, denn die Wege der Steppe führten von alters her dorthin.
- 9. Schon lange vor der eigentlichen Landnahme drangen einzelne magyarische Verbände in dieses Gebiet vor.
- 10. Diese frühen Vorstöße verfolgten mehrere Ziele zugleich, die sich nicht immer scharf voneinander trennen lassen.
- 11. Zum einen dienten sie der Beute, die für ein kriegerisches Reitervolk stets ein wichtiger Antrieb war.
- 12. Zum anderen dienten sie der Erkundung des Landes, seiner Wege und seiner Bewohner.
- 13. Schließlich dienten sie der Erprobung der eigenen Stärke und der Schwäche möglicher Gegner.
- 14. So verbanden sich in den Streifzügen Beutezug, Aufklärung und militärische Probe zu einer Einheit.
- 15. Der erste sicher bezeugte Vorstoß der Magyaren in den westlichen Raum fällt in das Jahr 862.
- 16. In diesem Jahr berichten fränkische Quellen erstmals von einem Einfall der Ungarn in das Ostfränkische Reich.
- 17. Die Annalen von Sankt Bertin erwähnen Feinde, die zuvor in jenen Gegenden unbekannt gewesen seien.
- 18. Diese frühe Erwähnung zeigt, dass die Magyaren schon Jahrzehnte vor der Landnahme im Westen erschienen.
- 19. Wahrscheinlich handelten sie damals im Auftrag oder im Bündnis mit anderen Mächten der Region.
- 20. Manche Forscher vermuten, dass sie als Verbündete in einen Konflikt zwischen fränkischen Herrschern eingriffen.
- 21. Solche Bündnisdienste waren für ein schlagkräftiges Reitervolk eine häufige und einträgliche Gelegenheit.
- 22. Sie brachten Beute und Sold ein und verschafften zugleich Kenntnis über das Land und seine Verhältnisse.
- 23. Das Karpatenbecken war zur Zeit dieser ersten Kontakte politisch zersplittert und umkämpft.
- 24. Mehrere Mächte rangen um die Vorherrschaft in diesem weiten und uneinheitlichen Raum.
- 25. Im Westen erstreckte sich das mächtige Ostfränkische Reich unter den Nachfolgern Karls des Großen.
- 26. Im Nordwesten hatte sich das Mährerreich der Slawen zu einer beachtlichen Macht entwickelt.
- 27. Dieses Großmährische Reich beherrschte weite Teile des nördlichen Karpatenbeckens und der angrenzenden Gebiete.
- 28. Im Südosten reichte der Einfluss des Ersten Bulgarischen Reiches bis in das Theißgebiet und nach Siebenbürgen.
- 29. Die Bulgaren kontrollierten wichtige Salzvorkommen und Handelswege im Osten des Beckens.
- 30. Zwischen diesen Mächten lagen weite, nur dünn besiedelte Räume, die niemandem fest gehörten.
- 31. Gerade diese Zwischenräume waren für ein Reitervolk wie die Magyaren besonders verlockend.
- 32. Die Tiefebene an Donau und Theiß bot ausgedehnte Weidegründe, wie sie die Magyaren aus der Steppe gewohnt waren.
- 33. Hier fanden sich offene Graslandschaften, zahlreiche Flüsse und ein für die Viehzucht günstiges Klima.
- 34. Damit erwies sich das Karpatenbecken als geradezu ideales Ziel für ein berittenes Hirtenvolk.
- 35. Die Spähzüge dienten dazu, diese Eignung des Landes aus eigener Anschauung zu prüfen.
- 36. Die magyarischen Streifscharen erkundeten die Beschaffenheit der Ebene, der Flüsse und der Bergübergänge.
- 37. Sie lernten die Pässe der Karpaten kennen, durch die ein großes Heer ziehen konnte.
- 38. Sie erkundeten die Furten und Übergänge der großen Flüsse Donau, Theiß und ihrer Nebenflüsse.
- 39. Sie prüften, wo sich Weidegründe, Winterlager und sichere Rückzugsräume finden ließen.
- 40. Auf diese Weise gewannen sie eine genaue Kenntnis der geographischen Bedingungen des Ziellandes.
- 41. Ebenso wichtig war die Kenntnis der politischen Verhältnisse und der militärischen Kräfte der Region.
- 42. Die Magyaren lernten die Stärken und Schwächen der konkurrierenden Mächte aus eigener Erfahrung kennen.
- 43. Sie erkannten die Zersplitterung des Beckens und die gegenseitige Feindschaft seiner Herren.
- 44. Diese Zwietracht unter den Mächten des Beckens war für die späteren Pläne der Magyaren von großem Vorteil.
- 45. Ein in sich zerstrittenes Land ließ sich leichter erobern als ein einiges und geschlossenes Reich.
- 46. Die Erkundungszüge offenbarten den Magyaren genau diese Schwäche ihrer künftigen Gegner.
- 47. Zugleich knüpften die Magyaren bei diesen Vorstößen erste Verbindungen zu den Mächten der Region.
- 48. Als gefürchtete Reiterkrieger waren sie als Verbündete und Hilfstruppen begehrt.
- 49. Wiederholt traten sie als Söldner oder Bundesgenossen in den Konflikten der Region auf.
- 50. Solche Einsätze führten sie tief in das Karpatenbecken und seine Nachbarländer hinein.
- 51. Im Jahr 881 erscheinen magyarische Krieger erneut im Umfeld von Kämpfen nahe der ostfränkischen Grenze.
- 52. Die Quellen berichten von einem Zusammentreffen bei Wien, an dem auch Magyaren beteiligt gewesen sein sollen.
- 53. Diese Erwähnung zeigt, dass die Magyaren nun regelmäßig in den westlichen Grenzraum vordrangen.
- 54. Mit jedem solchen Zug wuchs ihre Vertrautheit mit dem Land und seinen Bewohnern.
- 55. Eine besonders bedeutsame Rolle spielten die Magyaren in den Auseinandersetzungen um das Mährerreich.
- 56. Der ostfränkische König Arnulf suchte im Kampf gegen den Mährerfürsten Swatopluk nach Verbündeten.
- 57. Er gewann die Magyaren als Hilfstruppen gegen das mächtige slawische Reich im Norden.
- 58. Auf diese Weise zogen magyarische Reiter im Auftrag des fränkischen Königs gegen Mähren.
- 59. Diese Feldzüge führten sie unmittelbar in das nördliche Karpatenbecken hinein.
- 60. Sie lernten dabei das Land, seine Wege und seine Bewohner aus nächster Nähe kennen.
- 61. Was als Bündnisdienst begann, wurde so zur unfreiwilligen Erkundung des künftigen Siedlungsgebietes.
- 62. Die Magyaren sammelten in diesen Jahren einen reichen Schatz an Wissen über Pannonien.
- 63. Dieses Wissen sollte sich bei der späteren Landnahme als unschätzbar erweisen.
- 64. Denn als die Magyaren schließlich aufbrachen, zogen sie nicht in ein fremdes, sondern in ein bekanntes Land.
- 65. Sie kannten die Wege, die Pässe, die Flüsse und die Schwächen ihrer Gegner.
- 66. Diese Vertrautheit unterschied ihren Zug grundlegend von einem bloßen Wagnis ins Ungewisse.
- 67. Eine zweite große Verbindung knüpften die Magyaren mit dem Byzantinischen Reich.
- 68. Der byzantinische Kaiser Leon VI. suchte im Krieg gegen das Bulgarenreich nach Verbündeten.
- 69. Der Bulgarenherrscher Symeon bedrängte das Reich und fügte den byzantinischen Heeren Niederlagen zu.
- 70. In dieser Not wandte sich der Kaiser an die Magyaren als mögliche Bundesgenossen.
- 71. Byzantinische Gesandte zogen zu den Magyaren und schlossen mit ihnen ein Bündnis gegen Symeon.
- 72. Die byzantinische Flotte half den Magyaren, die untere Donau zu überschreiten.
- 73. Von Etelköz aus fielen die magyarischen Reiter daraufhin in das bulgarische Gebiet ein.
- 74. Sie fügten den Bulgaren schwere Niederlagen zu und drängten Symeon in die Enge.
- 75. Dieser Feldzug zeigte einmal mehr die militärische Stärke und Beweglichkeit der Magyaren.
- 76. Zugleich führte er sie tief in den Südosten des Karpatenbeckens und an die untere Donau heran.
- 77. Auch dieser Zug erweiterte ihre Kenntnis der Länder am Rande ihres künftigen Siedlungsgebietes.
- 78. Doch dieses Bündnis mit Byzanz sollte bald verhängnisvolle Folgen haben.
- 79. Der bedrängte Symeon suchte seinerseits nach Verbündeten gegen das gefährliche Reitervolk im Norden.
- 80. Er fand sie in den Petschenegen, jenem Steppenvolk, das östlich von Etelköz lauerte.
- 81. So verflochten sich die ersten Kontakte der Magyaren mit den großen Konflikten ihrer Zeit.
- 82. Die Bündnisse eröffneten ihnen Chancen, banden sie aber zugleich in fremde Feindschaften ein.
- 83. Die Streifzüge und Bündnisdienste waren somit ein zweischneidiges Schwert.
- 84. Sie brachten Beute, Wissen und Erfahrung, zogen aber auch gefährliche Gegnerschaften nach sich.
- 85. Dennoch überwog für die Magyaren der Gewinn dieser frühen Kontakte mit Pannonien.
- 86. Sie verschafften ihnen ein genaues Bild des Landes, das ihre künftige Heimat werden sollte.
- 87. Die Art und Weise, wie diese Vorstöße durchgeführt wurden, entsprach der Kampfweise der Magyaren.
- 88. Kleine, bewegliche Reiterscharen drangen rasch und überraschend in fremdes Gebiet ein.
- 89. Sie vermieden offene Schlachten gegen überlegene Kräfte und zogen sich mit der Beute zurück.
- 90. Auf diese Weise konnten sie weite Räume erkunden, ohne sich großer Gefahr auszusetzen.
- 91. Die Schnelligkeit ihrer Pferde erlaubte es ihnen, dem Zugriff schwerfälliger Gegner zu entgehen.
- 92. Die erbeuteten Güter und Gefangenen lieferten zudem wertvolle Auskünfte über das Land.
- 93. Gefangene konnten als Führer, Dolmetscher oder Auskunftgeber dienen.
- 94. So wurde jeder Beutezug zugleich zu einer Quelle neuen Wissens über Pannonien.
- 95. Die Begegnung mit den Bewohnern des Beckens war von Misstrauen und Furcht geprägt.
- 96. Für die seßhaften Völker erschienen die Magyaren als fremde, furchterregende Reiter aus dem Osten.
- 97. Ihre Sprache, ihre Kleidung und ihre Kampfweise waren den Bewohnern des Westens fremd und bedrohlich.
- 98. Die plötzlichen Einfälle der schnellen Reiter verbreiteten Schrecken in den betroffenen Gebieten.
- 99. In den Chroniken der Zeit erscheinen die Magyaren als wilde und grausame Feinde.
- 100. Diese Darstellung war von Furcht und Feindschaft geprägt und zeichnete ein einseitiges Bild.
- 101. Tatsächlich folgten die Magyaren in ihren Zügen einer klaren Berechnung und Absicht.
- 102. Ihre Einfälle waren keine bloße Raserei, sondern planvolle Unternehmungen mit bestimmten Zielen.
- 103. Die Erkundungszüge dienten der gezielten Vorbereitung der späteren Landnahme.
- 104. In ihnen sammelten die Magyaren das Wissen, das sie für den großen Zug benötigten.
- 105. Sie erprobten ihre Kräfte, knüpften Verbindungen und erkundeten das Zielland.
- 106. So reiften in diesen Jahren die Voraussetzungen für die endgültige Eroberung heran.
- 107. Die Forschung stützt sich bei der Erforschung dieser Kontakte vor allem auf schriftliche Quellen.
- 108. Fränkische, byzantinische und später ungarische Berichte überliefern die frühen Einfälle der Magyaren.
- 109. Diese Quellen sind jedoch oft knapp, einseitig oder erst später entstanden.
- 110. Die fränkischen Annalen berichten aus der Sicht der betroffenen christlichen Reiche.
- 111. Sie zeichnen die Magyaren als heidnische Plage und Strafe Gottes.
- 112. Die byzantinischen Berichte hingegen sehen die Magyaren vor allem als nützliche Bundesgenossen.
- 113. Die späteren ungarischen Chroniken wiederum verklären die frühen Züge als ruhmreiche Vorboten der Landnahme.
- 114. Aus dem Vergleich dieser unterschiedlichen Sichtweisen sucht die Forschung den historischen Kern zu gewinnen.
- 115. Dabei bleibt vieles unsicher, etwa die genaue Zahl und der genaue Verlauf der einzelnen Züge.
- 116. Unbestritten ist jedoch, dass die Magyaren schon Jahrzehnte vor 896 im Karpatenbecken erschienen.
- 117. Ebenso unbestritten ist, dass diese Kontakte die spätere Landnahme entscheidend vorbereiteten.
- 118. Die archäologischen Funde geben nur begrenzt Auskunft über diese frühen Streifzüge.
- 119. Da es sich um bewegliche Reiterscharen handelte, hinterließen sie kaum dauerhafte Spuren.
- 120. Erst die Funde aus der Zeit nach der Landnahme zeugen von der festen Niederlassung der Magyaren.
- 121. Die Vorstöße selbst sind daher vor allem aus den schriftlichen Berichten zu erschließen.
- 122. Diese Berichte lassen das Bild einer planvollen und schrittweisen Annäherung an das Zielland erkennen.
- 123. Die Magyaren tasteten sich gleichsam von Osten her an das Karpatenbecken heran.
- 124. Mit jedem Zug erweiterten sie ihre Kenntnis und festigten ihre Verbindungen.
- 125. So bereiteten sie über Jahre hinweg die große Wanderung systematisch vor.
- 126. Die ersten Kontakte mit Pannonien waren somit kein Zufall, sondern Teil einer langen Entwicklung.
- 127. Sie fügten sich ein in die gesamte Vorbereitung der Landnahme während der Etelköz-Zeit.
- 128. Neben der inneren Festigung und der militärischen Übung stand so die Erkundung des Ziellandes.
- 129. Erst das Zusammenwirken all dieser Vorbereitungen ermöglichte den späteren Erfolg.
- 130. Die Spähzüge lieferten dabei den unentbehrlichen Beitrag der geographischen und politischen Aufklärung.
- 131. Ohne genaue Kenntnis des Landes wäre die Landnahme ein blindes und gefährliches Wagnis geblieben.
- 132. Mit dieser Kenntnis aber wurde sie zu einem berechneten und wohlvorbereiteten Unternehmen.
- 133. Die Magyaren wussten, wohin sie zogen, welche Wege sie nahmen und welche Gegner sie erwarteten.
- 134. Diese Gewissheit verlieh ihrem Zug eine Sicherheit, die anderen Wandervölkern oft fehlte.
- 135. Manche Steppenvölker waren ins Verderben gezogen, weil sie ihr Ziel nicht kannten.
- 136. Die Magyaren hingegen brachen in ein Land auf, das sie durch jahrelange Erkundung kannten.
- 137. Eben darin lag ein wesentlicher Grund für das Gelingen ihrer Landnahme.
- 138. Die ersten Kontakte mit Pannonien waren somit die Augen und Ohren der späteren Eroberung.
- 139. Sie verschafften dem Volk das Wissen, das seine Führer für ihre Entscheidungen benötigten.
- 140. Die Stammesfürsten und der oberste Fürst stützten ihre Pläne auf die Berichte der Kundschafter.
- 141. So flossen die Erfahrungen der einzelnen Züge in die große Planung der Landnahme ein.
- 142. Die Erkundungszüge waren daher eng mit der politischen und militärischen Führung verbunden.
- 143. Sie waren kein bloßes Beutemachen, sondern ein Werkzeug der bewussten Vorbereitung.
- 144. In ihnen zeigte sich die Weitsicht und Planung, mit der die Magyaren ihre Wanderung betrieben.
- 145. Dieses planvolle Vorgehen widerspricht dem Bild von einem ziellos umherschweifenden Volk.
- 146. Vielmehr offenbart es eine Führung, die ihre Schritte sorgfältig erwog und vorbereitete.
- 147. Die ersten Kontakte mit Pannonien gehören somit zu den entscheidenden Vorstufen der Staatsgründung.
- 148. In ihnen kündigte sich bereits an, was sich in der Landnahme von 896 vollenden sollte.
- 149. Die Magyaren hatten ihr künftiges Land erkundet, ehe sie es endgültig in Besitz nahmen.
- 150. Sie hatten seine Bewohner kennengelernt, ehe sie über sie herrschten.
- 151. Sie hatten seine Mächte erprobt, ehe sie diese unterwarfen oder verdrängten.
- 152. So war die Landnahme die Frucht einer langen und geduldigen Vorbereitung.
- 153. Die Streifzüge bildeten einen wesentlichen Teil dieser Vorbereitung.
- 154. Sie verbanden die Welt der östlichen Steppe mit dem künftigen Vaterland im Westen.
- 155. In ihnen begegneten sich die Magyaren und die Völker Pannoniens zum ersten Mal.
- 156. Aus diesen ersten, oft feindlichen Begegnungen erwuchs schließlich eine dauerhafte Niederlassung.
- 157. Die anfänglichen Beutezüge wandelten sich zur endgültigen Eroberung und Besiedlung.
- 158. Was als flüchtiger Einfall begonnen hatte, wurde zur bleibenden Heimat eines Volkes.
- 159. Die Vorstöße markieren so den Übergang von der fernen Steppe zum mitteleuropäischen Land.
- 160. Sie sind das Bindeglied zwischen der Wanderzeit und der Sesshaftigkeit der Magyaren.
- 161. In ihnen lässt sich der Weg eines Volkes von der Peripherie ins Herz Europas verfolgen.
- 162. Die ersten Kontakte mit Pannonien waren damit von weit größerer Bedeutung als bloße Raubzüge.
- 163. Sie waren der Anfang einer Geschichte, die das Karpatenbecken für immer verändern sollte.
- 164. Mit dem Erscheinen der Magyaren begann das Ende der bisherigen Ordnung des Beckens.
- 165. Das Mährerreich, das Bulgarenreich und der fränkische Einfluss sollten bald zurückgedrängt werden.
- 166. An ihre Stelle trat die Herrschaft eines neuen Volkes, das aus der Steppe gekommen war.
- 167. Die Spähzüge waren die ersten Schritte dieses tiefgreifenden Wandels.
- 168. Sie kündigten den Mächten des Beckens den Aufstieg eines neuen Herrn an.
- 169. Doch in den Jahren der Erkundung war dieser Wandel noch nicht abzusehen.
- 170. Damals erschienen die Magyaren nur als eine weitere Macht unter vielen im Spiel der Bündnisse.
- 171. Niemand ahnte, dass aus den fremden Reitern die künftigen Herren des Landes werden würden.
- 172. Erst im Rückblick erscheinen die Erkundungszüge als Vorboten der großen Landnahme.
- 173. Für die Zeitgenossen waren sie zunächst nur Einfälle eines fremden und gefährlichen Volkes.
- 174. Die Magyaren selbst aber verfolgten mit ihnen ein klares und weitreichendes Ziel.
- 175. Sie suchten und fanden in Pannonien das Land, das ihre Wanderung beenden sollte.
- 176. Die Streifzüge waren der Weg, auf dem sie dieses Land entdeckten und kennenlernten.
- 177. In ihnen verband sich die Erfahrung der Steppe mit der Verheißung einer neuen Heimat.
- 178. So bilden die ersten Kontakte mit Pannonien einen unverzichtbaren Teil der ungarischen Frühgeschichte.
- 179. Sie erklären, warum die Landnahme gelingen konnte und warum sie gerade dieses Land zum Ziel hatte.
- 180. In den Vorstößen nach Pannonien liegt somit der unmittelbare Vorlauf zur Geburt des ungarischen Vaterlandes.
Bündnisse und Verträge: Diplomatische Vorbereitung
[Bearbeiten]- 1. Um die Bündnisse und Verträge der Magyaren in der Zeit von Etelköz zu verstehen, muss man sich von der Vorstellung lösen, ein Steppenvolk habe allein mit roher Gewalt gehandelt.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass die Magyaren neben dem Schwert auch das Mittel der Diplomatie geschickt zu nutzen wussten.
- 3. Krieg und Verhandlung waren für sie keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Politik.
- 4. Ein Reitervolk, das zwischen mächtigen Reichen lebte, konnte ohne kluges Bündniswesen nicht überdauern.
- 5. Die Lage von Etelköz zwischen Byzanz, dem Bulgarenreich und den Mächten des Westens verlangte beständiges politisches Geschick.
- 6. Die Magyaren mussten Feinde gegeneinander ausspielen, Verbündete gewinnen und drohende Gefahren abwenden.
- 7. So entwickelten sie eine Diplomatie, die ihrer militärischen Stärke an Bedeutung kaum nachstand.
- 8. Diese diplomatische Tätigkeit gehörte zu den wesentlichen Vorbereitungen der späteren Landnahme.
- 9. Denn die Eroberung eines neuen Landes setzte nicht nur Waffen, sondern auch Verbindungen und Bündnisse voraus.
- 10. Die Magyaren waren als gefürchtete Reiterkrieger für die Mächte ihrer Zeit begehrte Verbündete.
- 11. Ihre Schnelligkeit, ihre Treffsicherheit und ihre Beweglichkeit machten sie zu wertvollen Hilfstruppen.
- 12. Wer einen Krieg zu führen hatte, suchte gern das Bündnis mit diesen schlagkräftigen Reitern.
- 13. So traten die Magyaren wiederholt als Söldner oder Bundesgenossen in fremde Konflikte ein.
- 14. Diese Bündnisdienste brachten ihnen Beute, Sold und politische Erfahrung zugleich.
- 15. Sie verschafften ihnen zudem Kenntnis über die Länder, die sie für andere durchzogen.
- 16. Auf diese Weise verbanden sich Diplomatie, Beutezug und Erkundung zu einer einzigen Politik.
- 17. Die erste bezeugte Verbindung dieser Art reicht bis in das Jahr 862 zurück.
- 18. In diesem Jahr griffen magyarische Krieger erstmals in die Konflikte des Ostfränkischen Reiches ein.
- 19. Wahrscheinlich handelten sie damals im Bündnis mit einer der streitenden Parteien.
- 20. Solche frühen Einsätze zeigen, dass die Magyaren schon früh in das Spiel der westlichen Mächte eintraten.
- 21. Eine besonders folgenreiche Verbindung knüpften die Magyaren mit dem Ostfränkischen Reich.
- 22. Der ostfränkische König Arnulf führte einen erbitterten Kampf gegen das Großmährische Reich.
- 23. Der Mährerfürst Swatopluk hatte ein mächtiges slawisches Reich im nördlichen Karpatenbecken errichtet.
- 24. Im Kampf gegen diese Macht suchte Arnulf nach Verbündeten, die ihm gegen Swatopluk beistehen konnten.
- 25. Er fand sie in den Magyaren, die er als Hilfstruppen gegen das Mährerreich gewann.
- 26. Auf diese Weise zogen magyarische Reiter im Auftrag des fränkischen Königs gegen Mähren.
- 27. Dieses Bündnis sollte sich für die spätere Landnahme als überaus bedeutsam erweisen.
- 28. Denn es führte die Magyaren tief in das nördliche Karpatenbecken hinein.
- 29. Sie lernten dabei das Land, seine Wege und seine Verhältnisse aus nächster Nähe kennen.
- 30. Zugleich schwächte das Bündnis das Mährerreich, einen der künftigen Gegner der Magyaren.
- 31. So bereitete die Diplomatie mit den Franken unmittelbar den Boden für die spätere Eroberung.
- 32. Die genauen Bedingungen dieses Bündnisses sind in den Quellen nicht überliefert.
- 33. Wahrscheinlich erhielten die Magyaren für ihre Dienste Beute, Geschenke oder andere Vergünstigungen.
- 34. Die Mächte des Westens zahlten oft erhebliche Summen, um sich der gefürchteten Reiter zu versichern.
- 35. Solche Zahlungen waren ein wesentlicher Bestandteil der magyarischen Bündnispolitik.
- 36. Sie verschafften dem Volk Reichtum, ohne dass es dafür eigene Ziele aufgeben musste.
- 37. Die zweite große diplomatische Verbindung knüpften die Magyaren mit dem Byzantinischen Reich.
- 38. Das oströmische Reich von Byzanz war die mächtigste und kunstvollste diplomatische Macht der Zeit.
- 39. Seine Herrscher verstanden es meisterhaft, fremde Völker für ihre Zwecke einzusetzen.
- 40. Eine bewährte Methode der byzantinischen Politik war es, einen Feind durch einen anderen zu bekämpfen.
- 41. Gegen das bedrohliche Bulgarenreich suchte Byzanz daher die Magyaren als Verbündete zu gewinnen.
- 42. Der byzantinische Kaiser Leon VI. stand in einem schweren Krieg mit dem Bulgarenherrscher Symeon.
- 43. Symeon hatte den byzantinischen Heeren empfindliche Niederlagen zugefügt und das Reich bedrängt.
- 44. In dieser Not entsandte der Kaiser einen Gesandten zu den Magyaren nach Etelköz.
- 45. Dieser Gesandte, ein hoher Würdenträger, sollte ein Bündnis gegen die Bulgaren erwirken.
- 46. Die Magyaren ließen sich auf das Bündnis ein und versprachen ihre Hilfe gegen Symeon.
- 47. Als Zeichen des Bündnisses tauschte man wohl Gesandte, Geschenke und Geiseln aus.
- 48. Der Austausch von Geiseln war ein übliches Mittel, um die Einhaltung eines Vertrages zu sichern.
- 49. Die byzantinische Flotte unterstützte die Magyaren beim Übergang über die untere Donau.
- 50. Mit Hilfe der Schiffe überquerten die magyarischen Reiter den Strom in das bulgarische Gebiet.
- 51. Dort fügten sie den Bulgaren in mehreren Kämpfen schwere Niederlagen zu.
- 52. Sie drängten Symeon in die Enge und zwangen ihn zeitweise in die Defensive.
- 53. Dieser Feldzug war ein glänzender Erfolg der magyarischen Waffen und der byzantinischen Diplomatie.
- 54. Für Byzanz hatte sich das Bündnis mit den Reitern aus dem Norden vollauf gelohnt.
- 55. Doch das Bündnis mit Byzanz sollte für die Magyaren verhängnisvolle Folgen haben.
- 56. Denn der bedrängte Symeon antwortete auf die byzantinische Diplomatie mit eigener Diplomatie.
- 57. Er suchte seinerseits nach Verbündeten gegen das gefährliche Reitervolk im Norden.
- 58. Symeon fand diese Verbündeten in den Petschenegen, dem Steppenvolk östlich von Etelköz.
- 59. So wandte der Bulgarenherrscher gegen die Magyaren dieselbe Waffe, die Byzanz gegen ihn gebraucht hatte.
- 60. Er bekämpfte einen Feind durch einen anderen und gewann die Petschenegen für seine Sache.
- 61. Diese Verflechtung der Bündnisse offenbart die ganze Gefährlichkeit der diplomatischen Verstrickungen.
- 62. Jedes Bündnis konnte ein Gegenbündnis hervorrufen und neue Feindschaften schaffen.
- 63. Die Magyaren erfuhren am eigenen Leib, wie sich die Bündnispolitik gegen ihren Urheber kehren konnte.
- 64. Während ein großer Teil ihres Heeres im Süden gegen die Bulgaren kämpfte, war die Heimat ungeschützt.
- 65. Eben diese Lage nutzten Symeon und die Petschenegen zu einem gemeinsamen Schlag.
- 66. Die Petschenegen fielen über die ungeschützten Wohnsitze in Etelköz her.
- 67. Dieser Überfall traf die zurückgebliebenen Familien, Herden und Lager der Magyaren mit voller Wucht.
- 68. So wurde das Bündnis mit Byzanz mittelbar zum Anlass der Katastrophe von Etelköz.
- 69. Die Diplomatie, die zunächst Erfolg gebracht hatte, führte am Ende in die Niederlage.
- 70. Diese bittere Erfahrung lehrte die Magyaren die zweischneidige Natur der Bündnispolitik.
- 71. Ein Bündnis konnte ebenso schaden wie nützen, je nach den Umständen und den Gegenmächten.
- 72. Dennoch wäre es falsch, die Diplomatie der Magyaren als bloßes Scheitern zu betrachten.
- 73. Im Gegenteil, ihre Bündnisse brachten ihnen über Jahre hinweg große Vorteile.
- 74. Sie verschafften ihnen Beute, Sold, Erfahrung und genaue Kenntnis der umliegenden Länder.
- 75. Vor allem aber lernten die Magyaren das Spiel der Mächte und die Kunst der Verhandlung.
- 76. Diese Erfahrung sollte ihnen bei der späteren Landnahme zustattenkommen.
- 77. Denn auch die Eroberung des Karpatenbeckens war von diplomatischem Geschick begleitet.
- 78. Die Magyaren nutzten die Zwietracht unter den Mächten des Beckens für ihre eigenen Ziele.
- 79. Sie verbündeten sich mit dem einen, um den anderen zu schlagen, und kehrten die Lage zu ihren Gunsten.
- 80. So setzte sich die in Etelköz erlernte Bündnispolitik in der Zeit der Landnahme fort.
- 81. Die diplomatischen Methoden der Magyaren entsprachen den Gepflogenheiten ihrer Zeit.
- 82. Verträge wurden durch Eide, Geschenke, Geiseln und feierliche Zeremonien bekräftigt.
- 83. Der Eid hatte bei den Magyaren wie bei vielen Völkern eine bindende, fast heilige Kraft.
- 84. Der Bruch eines beschworenen Vertrages galt als schwere Verfehlung gegen Götter und Menschen.
- 85. Die Steppenvölker kannten besondere Riten, um einen Vertrag unverbrüchlich zu machen.
- 86. Bei feierlichen Eiden wurden oft Tiere geopfert und ihr Blut bei der Beschwörung verwendet.
- 87. Solche Riten verliehen dem Vertrag eine religiöse Weihe und banden die Beteiligten umso fester.
- 88. Auch der schon erwähnte Blutsvertrag der sieben Stämme gehört zu dieser Welt der heiligen Eide.
- 89. Der Austausch von Geschenken war ein weiteres wichtiges Mittel der Diplomatie.
- 90. Geschenke drückten Achtung aus, schufen Verpflichtungen und besiegelten Freundschaften.
- 91. Kostbare Waffen, Pferde, Stoffe und Edelmetalle wechselten bei solchen Anlässen den Besitzer.
- 92. Der Austausch von Geiseln schließlich diente der Sicherung der Vertragstreue.
- 93. Indem jede Seite Angehörige der anderen in ihrer Gewalt hielt, sicherte sie sich gegen Verrat.
- 94. Diese Mittel der Diplomatie waren den Magyaren wohlvertraut und wurden geschickt eingesetzt.
- 95. Die Verhandlungen selbst wurden durch Gesandte geführt, die zwischen den Mächten reisten.
- 96. Solche Gesandtschaften überbrachten Botschaften, schlossen Verträge und knüpften Verbindungen.
- 97. Die byzantinischen Quellen berichten von Gesandten, die zu den Magyaren reisten und mit ihnen verhandelten.
- 98. Auch die Magyaren entsandten ihrerseits Boten zu den fremden Mächten.
- 99. Auf diese Weise entstand ein Netz diplomatischer Verbindungen rund um Etelköz.
- 100. Die Magyaren waren in dieses Netz fest eingebunden und nutzten es für ihre Zwecke.
- 101. Ihre Diplomatie war keineswegs einfältig, sondern den verwickelten Verhältnissen gewachsen.
- 102. Sie verstanden es, zwischen den großen Mächten zu lavieren und ihren Vorteil zu suchen.
- 103. Dabei wahrten sie ihre eigene Unabhängigkeit und ließen sich nicht zum bloßen Werkzeug machen.
- 104. Selbst als Bundesgenossen verfolgten sie stets ihre eigenen Ziele und Interessen.
- 105. Diese Eigenständigkeit unterschied sie von manchen anderen Söldnervölkern ihrer Zeit.
- 106. Die Magyaren dienten fremden Herren, ohne sich ihnen dauerhaft zu unterwerfen.
- 107. Sobald es ihren Interessen entsprach, wechselten sie die Bündnisse oder lösten sie auf.
- 108. Diese Beweglichkeit in der Politik entsprach ihrer Beweglichkeit im Krieg.
- 109. So wie sie im Kampf rasch die Richtung wechselten, wechselten sie auch in der Diplomatie die Seiten.
- 110. Diese Wendigkeit verschaffte ihnen Vorteile, machte sie aber auch zu unsicheren Verbündeten.
- 111. Die Mächte der Zeit wussten, dass die Magyaren stets dem eigenen Vorteil folgten.
- 112. Eben darum versuchten sie, die Reiter durch Zahlungen und Geschenke an sich zu binden.
- 113. Die diplomatische Vorbereitung der Landnahme bestand somit aus einem ganzen Geflecht von Verbindungen.
- 114. Bündnisse mit den Franken, mit Byzanz und mit anderen Mächten verschafften den Magyaren Spielraum.
- 115. Sie schwächten die künftigen Gegner und festigten die eigene Stellung.
- 116. Sie verschafften Wissen über die Länder und Mächte des Karpatenbeckens.
- 117. Und sie übten die Magyaren in der Kunst der Verhandlung und des politischen Kalküls.
- 118. Diese diplomatische Schulung war ein ebenso wichtiger Teil der Vorbereitung wie die militärische.
- 119. Heer und Diplomatie wirkten zusammen, um den Weg in die neue Heimat zu ebnen.
- 120. Ohne kluge Bündnispolitik wäre die Landnahme weit schwieriger und gefährlicher gewesen.
- 121. Die Magyaren hätten sich der vereinten Macht ihrer Gegner allein nicht entgegenstellen können.
- 122. Indem sie ihre Feinde gegeneinander ausspielten, schufen sie sich den nötigen Raum.
- 123. Die Diplomatie war somit ein wesentliches Werkzeug der magyarischen Politik.
- 124. Sie ergänzte die Waffen und machte aus dem Reitervolk eine berechenbare politische Größe.
- 125. Die Forschung erschließt diese Bündnisse vor allem aus den schriftlichen Quellen der Zeit.
- 126. Fränkische und byzantinische Berichte überliefern die Verbindungen der Magyaren zu den großen Mächten.
- 127. Das Werk Kaiser Konstantins VII. gibt wertvolle Auskunft über das Bündnis gegen die Bulgaren.
- 128. Aus diesen Quellen lässt sich das Bild einer aktiven und geschickten Diplomatie gewinnen.
- 129. Freilich berichten die Quellen meist aus der Sicht der fremden Mächte, nicht der Magyaren selbst.
- 130. Die magyarische Sicht auf diese Bündnisse ist daher nur mittelbar zu erschließen.
- 131. Dennoch lässt sich erkennen, dass die Magyaren bewusste und planvolle Politik betrieben.
- 132. Sie waren keine bloßen Werkzeuge fremder Mächte, sondern handelnde Akteure ihrer Zeit.
- 133. Ihre Bündnisse dienten stets ihren eigenen Zielen, mochten sie auch anderen zugutekommen.
- 134. Diese Einsicht widerlegt das Bild von den Magyaren als rein zerstörerischer Naturgewalt.
- 135. Vielmehr erscheinen sie als ein Volk, das Krieg und Politik mit Bedacht verband.
- 136. Die diplomatische Vorbereitung der Landnahme zeugt von dieser politischen Reife.
- 137. Sie zeigt eine Führung, die über bloße Beutezüge hinaus in größeren Zusammenhängen dachte.
- 138. Die Stammesfürsten und der oberste Fürst lenkten die Bündnispolitik nach übergeordneten Zielen.
- 139. Sie wogen Nutzen und Gefahr der Bündnisse ab und trafen ihre Entscheidungen mit Bedacht.
- 140. Diese planvolle Politik war eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Landnahme.
- 141. Die bittere Erfahrung des Petschenegenüberfalls aber lehrte auch die Grenzen der Diplomatie.
- 142. Kein Bündnis konnte die Magyaren vollständig vor den Gefahren ihrer Lage schützen.
- 143. Die Verflechtung der Bündnisse barg stets die Gefahr neuer und gefährlicher Gegnerschaften.
- 144. So führte gerade die erfolgreiche Diplomatie gegen Bulgarien in die Katastrophe von Etelköz.
- 145. Diese Erfahrung beschleunigte den Entschluss, das gefährdete Etelköz endgültig zu verlassen.
- 146. Im geschützten Karpatenbecken hofften die Magyaren, den tödlichen Verstrickungen zu entgehen.
- 147. Hinter dem Bogen der Karpaten suchten sie Schutz vor den nachdrängenden Steppenvölkern.
- 148. So fügte sich die diplomatische Erfahrung in die Entscheidung zur Landnahme ein.
- 149. Die Bündnisse hatten den Magyaren Wissen, Beute und Erfahrung verschafft.
- 150. Sie hatten zugleich die Gefahren der offenen Lage von Etelköz schmerzlich offenbart.
- 151. Beides zusammen drängte das Volk zum Aufbruch in eine geschütztere Heimat.
- 152. Die diplomatische Vorbereitung der Landnahme war somit reich an Erfolgen und an Lehren.
- 153. Sie verschaffte den Magyaren Vorteile und lehrte sie zugleich die Grenzen ihres Handelns.
- 154. In dieser doppelten Wirkung lag ihre eigentliche Bedeutung für die Frühgeschichte des Volkes.
- 155. Die Bündnisse mit den Franken bereiteten die Schwächung des Mährerreiches vor.
- 156. Die Bündnisse mit Byzanz führten die Magyaren an die untere Donau und in den Süden des Beckens.
- 157. Beide Verbindungen erweiterten die Kenntnis und den Einfluss der Magyaren in der künftigen Heimat.
- 158. So wirkte die Diplomatie unmittelbar auf die Vorbereitung der Eroberung hin.
- 159. Sie war ein ebenso wichtiger Bestandteil der Vorbereitung wie die militärische Übung und die Erkundung.
- 160. Erst das Zusammenwirken von Heer, Aufklärung und Diplomatie ermöglichte den Erfolg.
- 161. Die Bündnisse und Verträge fügten sich in dieses Gesamtbild der Vorbereitung ein.
- 162. Sie verbanden die militärische Stärke mit dem politischen Kalkül zu einer wirksamen Einheit.
- 163. In dieser Verbindung zeigte sich die ganze Reife der magyarischen Führung.
- 164. Sie verstand es, die verschiedenen Mittel der Macht zielgerichtet einzusetzen.
- 165. Die Diplomatie der Etelköz-Zeit war somit ein Zeugnis politischer Klugheit.
- 166. Sie machte aus dem Reitervolk einen ernstzunehmenden Mitspieler im Konzert der Mächte.
- 167. Die großen Reiche der Zeit mussten die Magyaren als politische Größe ernst nehmen.
- 168. Byzanz, das Bulgarenreich und das Frankenreich umwarben oder bekämpften sie als gleichwertige Macht.
- 169. Diese Stellung verdankten die Magyaren nicht allein ihren Waffen, sondern auch ihrer Diplomatie.
- 170. Die Bündnisse und Verträge waren der politische Ausdruck ihrer wachsenden Bedeutung.
- 171. Sie kündigten den Aufstieg eines Volkes an, das bald eine eigene Heimat erobern sollte.
- 172. In ihnen bereitete sich der Eintritt der Magyaren in die Geschichte Europas vor.
- 173. Die diplomatische Vorbereitung der Landnahme war somit ein Schritt auf dem Weg zur Staatsgründung.
- 174. Sie verband das wandernde Reitervolk mit den festen Mächten des Abendlandes.
- 175. Aus dem Spiel der Bündnisse erwuchs allmählich die Einbindung der Magyaren in die europäische Welt.
- 176. Diese Einbindung sollte nach der Landnahme und der Annahme des Christentums ihre Vollendung finden.
- 177. Doch ihr Anfang lag bereits in den Bündnissen und Verträgen der Etelköz-Zeit.
- 178. In ihnen knüpften die Magyaren die ersten politischen Fäden zur Welt ihrer künftigen Nachbarn.
- 179. So erweist sich die diplomatische Vorbereitung als unverzichtbarer Teil der ungarischen Frühgeschichte.
- 180. In den Bündnissen und Verträgen der Magyaren zeigt sich der Übergang von der Steppe zur Mitte Europas.
Kulturelle und religiöse Entwicklungen
[Bearbeiten]- 1. Um die kulturellen und religiösen Entwicklungen der Magyaren in der Zeit von Etelköz zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass ein Volk nicht nur durch Waffen und Bündnisse, sondern auch durch seinen Glauben und seine Lebensformen zusammengehalten wird.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass die geistige und kulturelle Welt der Magyaren in dieser Zeit ebenso in Bewegung war wie ihre politische und militärische Ordnung.
- 3. Die Magyaren brachten aus der östlichen Steppe eine reiche und eigentümliche Kultur mit, die sich in Etelköz weiter wandelte.
- 4. In der Berührung mit neuen Nachbarn und fremden Glaubensvorstellungen begann sich diese Kultur allmählich zu verändern.
- 5. So war die Zeit in Etelköz auch eine Zeit der geistigen Vorbereitung auf das künftige Leben in einer neuen Heimat.
- 6. Im Mittelpunkt der geistigen Welt der Magyaren stand ihre Religion, die ganz von den Vorstellungen der Steppenvölker geprägt war.
- 7. Diese Religion wird in der Forschung gemeinhin als Schamanismus bezeichnet, ein Begriff, der die Grundzüge des Glaubens umschreibt.
- 8. Im Kern dieses Glaubens stand die Vorstellung einer von Geistern und Mächten beseelten Natur.
- 9. Berge, Flüsse, Bäume und Tiere galten als Sitz übernatürlicher Kräfte, mit denen der Mensch in Beziehung stand.
- 10. Die Welt war nach dieser Vorstellung in mehrere Sphären gegliedert, eine obere, eine mittlere und eine untere.
- 11. Die obere Welt war der Sitz der Himmelsmächte, die mittlere die Welt der Menschen, die untere das Reich der Toten und finsteren Kräfte.
- 12. Zwischen diesen Welten bestand eine ständige Wechselwirkung, die das Schicksal der Menschen bestimmte.
- 13. Vermittler zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister war der Schamane.
- 14. Im Ungarischen wird dieser Mittler mit dem Wort "táltos" bezeichnet, das den schamanischen Priester meint.
- 15. Der táltos galt als ein besonderer Mensch, der schon bei der Geburt durch bestimmte Zeichen ausgewiesen war.
- 16. Manche Überlieferungen berichten, der táltos sei mit Zähnen oder mit überzähligen Knochen zur Welt gekommen.
- 17. Solche Zeichen galten als Berufung zur Vermittlung zwischen den Welten.
- 18. Der táltos erwarb seine Fähigkeiten durch eine schwere innere Prüfung und durch besondere Einweihung.
- 19. In Zuständen der Trance oder Verzückung vermochte er mit der jenseitigen Welt zu verkehren.
- 20. In solchen Zuständen reiste seine Seele nach dem Glauben in die oberen oder unteren Welten.
- 21. Dort holte er Auskunft über die Zukunft, suchte verlorene Seelen oder bekämpfte feindliche Geister.
- 22. Der táltos vollzog Opfer, deutete Zeichen und heilte Krankheiten durch seine Macht über die Geister.
- 23. Er begleitete die Gemeinschaft bei wichtigen Entscheidungen und bei den Wechselfällen des Lebens.
- 24. Geburt, Krankheit, Krieg und Tod waren Anlässe, bei denen seine Vermittlung gesucht wurde.
- 25. Die Trommel war ein wichtiges Werkzeug des Schamanen, mit dem er sich in Trance versetzte.
- 26. Ihr Schlag begleitete seine Reisen in die jenseitige Welt und rief die Geister herbei.
- 27. So nahm der táltos eine zentrale Stellung im geistigen Leben der Magyaren ein.
- 28. An der Spitze der göttlichen Mächte stand vermutlich eine Gottheit des Himmels.
- 29. Diese Himmelsgottheit galt als oberste Macht, die über das Schicksal der Welt wachte.
- 30. Manche Forscher verbinden sie mit dem Namen "Isten", der bis heute das ungarische Wort für Gott ist.
- 31. Die genaue Vorstellung dieser höchsten Gottheit lässt sich aus den spärlichen Quellen nur erahnen.
- 32. Neben der Himmelsmacht verehrten die Magyaren die Kräfte der Sonne, des Mondes und der Sterne.
- 33. Auch das Wasser, das Feuer und die Erde galten als heilige und belebte Mächte.
- 34. Besondere Verehrung genossen heilige Tiere, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden.
- 35. Unter diesen Tieren ragte der mythische Raubvogel "turul" hervor.
- 36. Der turul war ein adler- oder falkenartiger Vogel, der mit dem Herrschergeschlecht verbunden war.
- 37. Die Sage berichtet von der Stammmutter des Hauses Árpád, der Fürstin Emese.
- 38. Im Traum sei ihr der turul erschienen und habe ihr die Geburt eines ruhmreichen Geschlechts verkündet.
- 39. Aus ihrem Schoß werde ein Strom hervorgehen, der über fremde Länder fließe, so deutete man den Traum.
- 40. Dieser Traum verhieß die Abstammung und die Bestimmung des Hauses Árpád.
- 41. Die Sage vom turul diente dazu, die Herrschaft der führenden Sippe religiös zu begründen.
- 42. Die Herrscherfamilie führte sich auf eine übernatürliche Abstammung zurück und überhöhte so ihre Macht.
- 43. Solche Ursprungssagen waren bei den Steppenvölkern weit verbreitet und stützten die Herrschaft.
- 44. Neben dem turul kannten die Magyaren weitere mythische Gestalten und Tiere.
- 45. Die Sage vom Wunderhirsch erzählt von einem Tier, das die Vorfahren in neue Länder führte.
- 46. Zwei Jägerbrüder, Hunor und Magor, hätten einen wunderbaren Hirsch verfolgt und so neue Wohnsitze gefunden.
- 47. Diese Sage verband die Magyaren mythisch mit den verwandten Hunnen und erklärte ihre Herkunft.
- 48. Solche Erzählungen gehörten zum geistigen Erbe, das die Magyaren aus der Steppe mitbrachten.
- 49. Sie wurden mündlich überliefert und von Sängern und Erzählern bewahrt.
- 50. Die Ahnenverehrung bildete einen weiteren Grundzug der magyarischen Religion.
- 51. Die verstorbenen Vorfahren galten als fortwirkende Mächte, die über ihre Nachkommen wachten.
- 52. Man brachte ihnen Opfer dar und suchte ihren Beistand in schwierigen Lagen.
- 53. Die Verehrung der Ahnen festigte den Zusammenhalt der Sippen und verband die Lebenden mit den Toten.
- 54. Sie verlieh der Abstammung und der Herkunft eine hohe religiöse Bedeutung.
- 55. Eben darum war die genaue Kenntnis der Vorfahren für die vornehmen Geschlechter so wichtig.
- 56. Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode zeigt sich deutlich in den Bestattungssitten.
- 57. Die Magyaren bestatteten ihre Toten mit reichen Beigaben für das jenseitige Leben.
- 58. Den Verstorbenen wurden Waffen, Schmuck, Geräte und Speisen ins Grab mitgegeben.
- 59. Besonders kennzeichnend war die Beigabe von Teilen des Pferdes des Verstorbenen.
- 60. Oft legte man dem Toten den Schädel und die Beine seines Pferdes mit ins Grab.
- 61. Diese Sitte zeugt vom Glauben, dass der Krieger auch im Jenseits seines Pferdes bedurfte.
- 62. Das Pferd sollte den Toten in die andere Welt begleiten und ihm dort dienen.
- 63. Diese Bestattungssitten erlauben der Forschung tiefe Einblicke in den Glauben der Magyaren.
- 64. Aus den Gräbern und ihren Beigaben lassen sich Vorstellungen über Tod und Jenseits erschließen.
- 65. Die archäologischen Funde bestätigen und ergänzen das Bild der schriftlichen Quellen.
- 66. Sie zeigen ein Volk mit einer reichen und eigentümlichen religiösen Vorstellungswelt.
- 67. Diese Vorstellungswelt war ganz auf das Leben in der Steppe und auf die Reiterkultur abgestimmt.
- 68. In Etelköz aber traten neue, fremde religiöse Einflüsse an die Magyaren heran.
- 69. Durch die Nachbarschaft zu anderen Völkern lernten sie die großen Hochreligionen kennen.
- 70. Über die Chasaren waren sie mit dem Judentum in Berührung gekommen, das die chasarische Oberschicht angenommen hatte.
- 71. Über östliche Völker und Handelswege drang auch die Kenntnis des Islam zu ihnen.
- 72. Vor allem aber begegneten sie durch die Nähe zu Byzanz dem Christentum.
- 73. Das byzantinische Christentum war die Religion des mächtigsten Nachbarn im Süden.
- 74. Durch die engen politischen und diplomatischen Kontakte gewann es zunehmend an Bedeutung.
- 75. Byzantinische Gesandte, Händler und Gefangene brachten die christliche Lehre zu den Magyaren.
- 76. Einzelne Magyaren mögen schon in dieser Zeit mit dem christlichen Glauben vertraut geworden sein.
- 77. Auch das Christentum der lateinischen Kirche war den Magyaren durch die Berührung mit dem Westen bekannt.
- 78. So standen die Magyaren in Etelköz im Schnittpunkt mehrerer großer Glaubenswelten.
- 79. Judentum, Islam, Ostchristentum und Westchristentum berührten ihren angestammten Glauben.
- 80. Eine tiefgreifende Bekehrung des gesamten Volkes fand in dieser Zeit jedoch noch nicht statt.
- 81. Die Magyaren blieben in ihrer Mehrheit dem überlieferten Glauben der Steppe treu.
- 82. Die Annahme des Christentums sollte erst nach der Landnahme und unter den ersten Königen erfolgen.
- 83. Erst Jahrhunderte später vollzog sich unter König Stephan die endgültige Christianisierung.
- 84. Dennoch bereitete die Begegnung mit den Hochreligionen diesen späteren Wandel langsam vor.
- 85. Die Magyaren gewöhnten sich an die Vorstellung anderer Glaubensformen und ihrer mächtigen Anhänger.
- 86. Sie erkannten, dass die großen Reiche der Zeit von diesen Hochreligionen geprägt waren.
- 87. Diese Einsicht mochte den späteren Übertritt zum Christentum erleichtern.
- 88. Die religiöse Entwicklung in Etelköz war somit eine Zeit des Übergangs und der Vorbereitung.
- 89. Der alte Glaube bestand fort, doch wurde er durch neue Einflüsse allmählich aufgelockert.
- 90. Neben der Religion entwickelte sich auch die übrige Kultur der Magyaren in dieser Zeit weiter.
- 91. Die materielle Kultur zeigte eine reiche und kunstvolle Gestaltung der Gebrauchsgegenstände.
- 92. Vor allem die Verzierung von Waffen, Pferdegeschirr und Schmuck erreichte ein hohes Niveau.
- 93. Kennzeichnend war der sogenannte Pflanzenstil, der Ranken, Palmetten und Blattmuster darstellte.
- 94. Diese Muster wurden kunstvoll in Metall, vor allem in Silber, ausgeführt.
- 95. Sie schmückten Gürtelbeschläge, Taschenbleche und die Zierscheiben des Pferdegeschirrs.
- 96. Besonders berühmt sind die verzierten Beschläge der ledernen Taschen, die die Krieger trugen.
- 97. Diese Taschenbleche zeigen eine meisterhafte Verbindung von Handwerk und künstlerischer Gestaltung.
- 98. Die kunstvolle Metallarbeit zeugt von hoch entwickeltem Können und feinem Geschmack.
- 99. Sie verrät zugleich vielfältige Kontakte zu anderen Kulturen der Steppe und des Orients.
- 100. Über Handel und Beute gelangten fremde Erzeugnisse und Anregungen zu den Magyaren.
- 101. Silber, Seide und kostbare Güter kamen aus dem Orient und aus Byzanz in ihren Besitz.
- 102. Diese Güter dienten nicht nur dem Gebrauch, sondern vor allem der Darstellung von Rang und Macht.
- 103. Der Schmuck und die Verzierung zeigten die Stellung ihres Trägers in der Gesellschaft an.
- 104. Je reicher und kunstvoller die Ausstattung, desto höher der Rang des Besitzers.
- 105. So spiegelte die materielle Kultur die soziale Gliederung der Gesellschaft wider.
- 106. Die Kunst der Magyaren war eine Kunst des beweglichen Lebens, gebunden an Person und Pferd.
- 107. Sie schmückte nicht feste Bauten, sondern die Gegenstände des täglichen und kriegerischen Gebrauchs.
- 108. Diese Eigenart entsprach ganz der nomadischen Lebensweise der Magyaren.
- 109. Auch die Musik und die Dichtung gehörten zum kulturellen Leben der Magyaren.
- 110. Sänger und Erzähler bewahrten die Sagen, die Heldenlieder und die Erinnerung an die Vorfahren.
- 111. In ihren Liedern lebten die Taten der Ahnen und die Geschichte des Volkes fort.
- 112. Diese mündliche Überlieferung war von großer Bedeutung für ein Volk ohne eigene Schrift.
- 113. Die Magyaren besaßen zwar eine eigene Runenschrift, die sogenannte Kerbschrift.
- 114. Diese Schrift wurde in Holz oder andere Werkstoffe geritzt und für kurze Aufzeichnungen verwendet.
- 115. Für die Überlieferung großer Erzählungen aber blieb die mündliche Tradition entscheidend.
- 116. Die Sänger trugen die Lieder bei Festen, Versammlungen und feierlichen Anlässen vor.
- 117. So wurde die Erinnerung an die Herkunft und die Geschichte des Volkes lebendig erhalten.
- 118. Die Sprache der Magyaren selbst war ein wesentliches Merkmal ihrer kulturellen Eigenart.
- 119. Sie gehörte zur finno-ugrischen Sprachfamilie und unterschied sich grundlegend von den Sprachen ihrer Nachbarn.
- 120. Inmitten von Turkvölkern, Slawen und anderen Völkern bewahrten die Magyaren ihre eigene Sprache.
- 121. Diese Sprache verband sie untereinander und grenzte sie von ihrer Umgebung ab.
- 122. Gleichwohl nahm die Sprache zahlreiche Lehnwörter aus den Sprachen der Nachbarn auf.
- 123. Vor allem türkische Lehnwörter zeugen von der engen Berührung mit Turkvölkern wie den Chasaren.
- 124. Diese Lehnwörter betreffen oft Begriffe der Viehzucht, des Ackerbaus und der gesellschaftlichen Ordnung.
- 125. Sie verraten, dass die Magyaren von ihren Nachbarn manches übernahmen und lernten.
- 126. So zeigt schon die Sprache das Zusammentreffen verschiedener Kulturen im Leben der Magyaren.
- 127. Die kulturelle Entwicklung in Etelköz war somit von Bewahrung und Wandel zugleich geprägt.
- 128. Die Magyaren bewahrten ihre Sprache, ihren Glauben und ihre Lebensweise aus der Steppe.
- 129. Zugleich nahmen sie Anregungen und Einflüsse ihrer Nachbarn auf und wandelten sich allmählich.
- 130. Diese Verbindung von Bewahrung und Wandel kennzeichnet das kulturelle Leben dieser Zeit.
- 131. Sie machte die Magyaren zu einem Volk, das seine Eigenart wahrte und sich doch entwickelte.
- 132. Die Lebensweise der Magyaren blieb in dieser Zeit ganz von der nomadischen Viehzucht bestimmt.
- 133. Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen bildeten den Reichtum und die Grundlage der Ernährung.
- 134. Die Herden lieferten Fleisch, Milch, Häute und Wolle und damit fast alles zum Leben Nötige.
- 135. Aus Stutenmilch gewann man ein gegorenes Getränk, das in der ganzen Steppe verbreitet war.
- 136. Ergänzt wurde die Nahrung durch Jagd, Fischfang und etwas Ackerbau in den Flusstälern.
- 137. Die Wohnform war das transportable Zelt, die Jurte, die rasch auf- und abgebaut werden konnte.
- 138. Diese Lebensweise prägte auch die Kultur und die religiösen Vorstellungen der Magyaren.
- 139. Der Wechsel der Jahreszeiten, die Wanderung der Herden und die Mächte der Natur bestimmten den Glauben.
- 140. So waren Religion, Kultur und Lebensweise bei den Magyaren eng miteinander verflochten.
- 141. Sie bildeten ein zusammenhängendes Ganzes, das aus der Welt der Steppe erwachsen war.
- 142. In Etelköz begann dieses Ganze sich unter neuen Einflüssen langsam zu verändern.
- 143. Die Berührung mit den seßhaften Völkern und den Hochreligionen leitete diesen Wandel ein.
- 144. Doch der eigentliche Umbruch sollte erst nach der Landnahme und der Christianisierung erfolgen.
- 145. In der Etelköz-Zeit blieb die alte Steppenkultur noch weitgehend bestimmend.
- 146. Die religiösen und kulturellen Entwicklungen dieser Zeit waren Vorbereitung, nicht Vollendung.
- 147. Sie bereiteten den geistigen Boden für die spätere Verwandlung des Volkes vor.
- 148. Die Forschung erschließt diese Entwicklungen aus verschiedenen Arten von Quellen.
- 149. Die archäologischen Funde geben Auskunft über die materielle Kultur und die Bestattungssitten.
- 150. Die schriftlichen Berichte der Nachbarn überliefern Beobachtungen über Glauben und Brauchtum.
- 151. Die späteren ungarischen Sagen bewahren Reste der alten mythischen Überlieferung.
- 152. Die Sprachforschung schließlich erschließt aus dem Wortschatz die kulturellen Berührungen.
- 153. Aus dem Zusammenwirken dieser Quellen entsteht das Bild einer reichen und vielschichtigen Kultur.
- 154. Freilich bleibt vieles unsicher, da die unmittelbaren Zeugnisse der Magyaren selbst fehlen.
- 155. Die Magyaren der Etelköz-Zeit haben keine eigenen schriftlichen Berichte hinterlassen.
- 156. So ist ihr geistiges Leben nur mittelbar und bruchstückhaft zu erschließen.
- 157. Dennoch lässt sich ein lebendiges Bild ihrer kulturellen und religiösen Welt gewinnen.
- 158. Dieses Bild zeigt ein Volk mit einer ausgeprägten und eigentümlichen geistigen Kultur.
- 159. Es widerlegt die Vorstellung von den Magyaren als bloßen rohen und kulturlosen Barbaren.
- 160. Vielmehr erscheinen sie als Träger einer reichen Tradition der eurasischen Steppe.
- 161. Diese Tradition verband sie mit anderen Reitervölkern und mit der Welt des Orients.
- 162. Zugleich bewahrten sie in Sprache und Glauben ihre unverwechselbare Eigenart.
- 163. Die kulturellen und religiösen Entwicklungen in Etelköz waren somit von doppelter Bedeutung.
- 164. Sie bewahrten das geistige Erbe der Steppe und bereiteten zugleich seinen Wandel vor.
- 165. Sie hielten das Volk in seiner Eigenart zusammen und öffneten es zugleich für neue Einflüsse.
- 166. In dieser Spannung von Bewahrung und Öffnung lag ihre besondere geschichtliche Stellung.
- 167. Der alte Glaube gab dem Volk Halt und Sinn in einer gefahrvollen Zeit.
- 168. Die Sagen von der Herkunft stärkten das Bewusstsein der gemeinsamen Abstammung.
- 169. Die Verehrung der Ahnen und des turul festigte die Herrschaft des führenden Geschlechts.
- 170. So diente die Religion auch der inneren Ordnung und dem Zusammenhalt des Volkes.
- 171. Die beginnende Begegnung mit den Hochreligionen aber wies bereits in die Zukunft.
- 172. Sie kündigte den geistigen Wandel an, der sich nach der Landnahme vollziehen sollte.
- 173. So war die Etelköz-Zeit auch in geistiger Hinsicht eine Schwelle zwischen zwei Welten.
- 174. Sie stand zwischen der alten Steppenkultur und der künftigen Welt des christlichen Europa.
- 175. Die Magyaren trugen das Erbe der Steppe in sich und gingen doch einer neuen Bestimmung entgegen.
- 176. Die kulturellen und religiösen Entwicklungen begleiteten und ermöglichten diesen Übergang.
- 177. Sie gehören damit zu den wesentlichen Aspekten der Vorbereitung auf die Landnahme.
- 178. Neben der politischen, militärischen und diplomatischen Vorbereitung stand die geistige Entwicklung.
- 179. Erst das Zusammenwirken all dieser Bereiche machte aus den Magyaren ein zur Landnahme bereites Volk.
- 180. In ihrer Kultur und ihrem Glauben bewahrten die Magyaren das Erbe der Steppe und trugen es in ihre neue europäische Heimat hinein.
Die Spannung vor der großen Migration
[Bearbeiten]- 1. Um die Spannung vor der großen Migration zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Jahre vor dem Aufbruch aus Etelköz von wachsender Bedrohung und innerer Unruhe erfüllt waren.
- 2. Es ist wichtig zu begreifen, dass die Landnahme nicht aus einer Lage der Ruhe und Sicherheit erfolgte, sondern aus einer Zeit höchster Gefahr und Anspannung.
- 3. Die scheinbar gefestigte Ordnung in Etelköz ruhte in Wahrheit auf einem brüchigen Grund.
- 4. Über dem Volk lag der wachsende Schatten einer äußeren Bedrohung, die immer drückender wurde.
- 5. Diese Bedrohung ging vor allem von den Petschenegen aus, jenem kriegerischen Reitervolk im Osten.
- 6. Die Petschenegen hatten sich östlich von Etelköz festgesetzt und drängten beständig nach Westen.
- 7. Sie waren ihrerseits durch den Druck anderer Steppenvölker aus ihren früheren Wohnsitzen vertrieben worden.
- 8. So setzte sich in der Steppe eine Kette von Verdrängungen fort, an deren Ende die Magyaren standen.
- 9. Zwischen den Magyaren und den Petschenegen bestand eine alte und tiefe Feindschaft.
- 10. Diese Feindschaft schlug immer wieder in offene Kämpfe und gegenseitige Überfälle um.
- 11. Die Petschenegen waren zahlreich, beweglich und in ihrer Kampfweise den Magyaren durchaus ebenbürtig.
- 12. Sie kämpften wie die Magyaren als berittene Bogenschützen und beherrschten dieselben Taktiken.
- 13. Ein Gegner mit gleicher Kampfweise war für die Magyaren besonders gefährlich.
- 14. Denn er konnte ihre eigenen Vorteile der Beweglichkeit und des Fernkampfs gegen sie selbst kehren.
- 15. Solange die Magyaren geschlossen auftraten, konnten sie der Gefahr noch standhalten.
- 16. Doch jede Schwächung oder Spaltung machte sie den Angriffen der Petschenegen schutzlos preis.
- 17. Die offene Lage von Etelköz verschärfte diese Gefahr in hohem Maße.
- 18. Das Land zwischen den Flüssen bot keine natürlichen Grenzen gegen die Angriffe aus der Steppe.
- 19. Keine Berge, keine Wälder, keine festen Plätze schützten die Wohnsitze der Magyaren.
- 20. Die weite, offene Ebene lag den schnellen Reitern der Petschenegen frei zugänglich da.
- 21. So war Etelköz seiner Natur nach ein gefährdetes und schwer zu verteidigendes Gebiet.
- 22. Diese Verwundbarkeit lastete als ständige Sorge auf dem Volk und seiner Führung.
- 23. Zu der äußeren Bedrohung trat die gefährliche Verstrickung in die Bündnisse der Zeit.
- 24. Die Magyaren hatten sich mit Byzanz gegen das Bulgarenreich verbündet.
- 25. Im Auftrag des byzantinischen Kaisers waren sie über die Donau in bulgarisches Gebiet eingefallen.
- 26. Sie hatten dem Bulgarenherrscher Symeon schwere Niederlagen zugefügt und ihn bedrängt.
- 27. Eben dieser Erfolg aber zog eine verhängnisvolle Gegenreaktion nach sich.
- 28. Der bedrängte Symeon suchte seinerseits nach Verbündeten gegen die Magyaren.
- 29. Er fand sie in den Petschenegen, den alten Feinden der Magyaren im Osten.
- 30. So entstand ein gefährliches Bündnis zwischen Bulgaren und Petschenegen gegen das magyarische Volk.
- 31. Die Magyaren gerieten dadurch zwischen zwei Feinde, die sie von zwei Seiten bedrohten.
- 32. Im Süden standen die Bulgaren, im Osten die Petschenegen, und Etelköz lag dazwischen.
- 33. Diese Lage zwischen zwei Gegnern war für ein Volk in offener Steppe äußerst gefährlich.
- 34. Die Spannung wuchs, je deutlicher sich die drohende Gefahr abzeichnete.
- 35. Eine besondere Gefahr lag in der Aufteilung der magyarischen Kräfte.
- 36. Solange ein großer Teil des Heeres im Süden gegen die Bulgaren kämpfte, war die Heimat ungeschützt.
- 37. Die Krieger waren fern, während Familien, Herden und Lager schutzlos zurückblieben.
- 38. Eben diese Schwäche erkannten und nutzten die Feinde der Magyaren.
- 39. Symeon und die Petschenegen verabredeten einen gemeinsamen und gleichzeitigen Schlag.
- 40. Während die magyarischen Krieger im Süden gebunden waren, sollte der Osten getroffen werden.
- 41. So kam es zur Katastrophe, die das Schicksal von Etelköz besiegelte.
- 42. Die Petschenegen fielen über die ungeschützten Wohnsitze der Magyaren her.
- 43. Sie überrannten die im Osten gelegenen Lager, in denen die Krieger fehlten.
- 44. Der Überfall traf vor allem die zurückgebliebenen Familien, Herden und Vorräte.
- 45. Die Quellen berichten von schweren Verlusten und von der Verwüstung weiter Landstriche.
- 46. Frauen, Kinder und Greise fielen dem Angriff zum Opfer oder wurden versprengt.
- 47. Die Herden wurden geraubt, die Lager zerstört, die Wohnsitze verwüstet.
- 48. Als die Krieger vom Feldzug gegen die Bulgaren zurückkehrten, fanden sie ihre Heimat verheert.
- 49. Sie fanden zerstörte Lager, geraubte Herden und versprengte oder getötete Angehörige.
- 50. Dieser Schlag traf das Volk in seinem Innersten und erschütterte seine Lebensgrundlage.
- 51. Der Verlust an Menschen, Vieh und Habe war schwer und kaum zu ersetzen.
- 52. Schwerer noch wog die Erkenntnis, dass Etelköz auf Dauer nicht zu halten war.
- 53. Der Überfall hatte mit schrecklicher Deutlichkeit die Verwundbarkeit des Gebietes offenbart.
- 54. Die offene Lage bot keinen Schutz gegen die Angriffe aus der Steppe.
- 55. Die Bedrohung durch die Petschenegen war nicht abzuwenden und drohte sich zu wiederholen.
- 56. Was einmal geschehen war, konnte sich jederzeit erneut ereignen.
- 57. Die Magyaren mussten erkennen, dass sie in Etelköz keine sichere Zukunft hatten.
- 58. Diese Einsicht steigerte die innere Spannung bis zur Unerträglichkeit.
- 59. Das Volk stand vor der Wahl, im gefährdeten Etelköz auszuharren oder einen neuen Weg zu suchen.
- 60. Das Ausharren aber bedeutete die ständige Gefahr neuer Überfälle und der allmählichen Vernichtung.
- 61. So reifte unter dem Druck der Ereignisse der Entschluss zum endgültigen Aufbruch.
- 62. Die Spannung der bedrohten Jahre drängte zur Entscheidung und zur Tat.
- 63. Die Magyaren mussten handeln, ehe ein neuer Schlag sie endgültig vernichtete.
- 64. In dieser Lage erwies sich die vorausgegangene Vorbereitung als rettend.
- 65. Das zuvor erkundete Karpatenbecken bot einen Ausweg aus der ausweglosen Lage.
- 66. Es bot Schutz hinter dem Bogen der Karpaten und reiche Weidegründe zugleich.
- 67. Die Berge im Osten und Norden versprachen eine natürliche Grenze gegen die Steppenvölker.
- 68. Hinter diesem Schutzwall hofften die Magyaren, den Petschenegen zu entkommen.
- 69. Die weite Tiefebene im Inneren des Beckens entsprach ihren Bedürfnissen als Reitervolk.
- 70. So erschien das Karpatenbecken als der ersehnte Ausweg aus der Bedrängnis.
- 71. Die Kundschaftszüge der vergangenen Jahre hatten dieses Land bereits erschlossen.
- 72. Die Magyaren kannten die Wege, die Pässe und die Verhältnisse des Beckens.
- 73. Sie wussten, dass es erreichbar und beherrschbar war.
- 74. So wurde aus der langen Vorbereitung nun die unmittelbare Notwendigkeit des Aufbruchs.
- 75. Was über Jahre geplant und erkundet worden war, drängte nun zur raschen Ausführung.
- 76. Die Bedrohung durch die Petschenegen verwandelte die Möglichkeit in eine Pflicht.
- 77. Der Aufbruch war nicht länger eine Wahl, sondern eine Frage des Überlebens.
- 78. In dieser Zuspitzung lag die eigentliche Spannung vor der großen Migration.
- 79. Sie war die Spannung zwischen tödlicher Gefahr und der Hoffnung auf eine neue Heimat.
- 80. Sie war die Spannung zwischen dem Verlust des Alten und dem Wagnis des Neuen.
- 81. In dieser Spannung musste sich die Führung des Volkes bewähren.
- 82. Auf Árpád und den Stammesfürsten lastete die Verantwortung für das Schicksal des Volkes.
- 83. Sie mussten den rechten Augenblick und den rechten Weg für den Aufbruch finden.
- 84. Ein Fehler in dieser Lage konnte den Untergang des ganzen Volkes bedeuten.
- 85. Die in Etelköz geschaffene Ordnung erwies sich nun als entscheidende Voraussetzung.
- 86. Der gefestigte Stammesverband ermöglichte das geschlossene Handeln in der Krise.
- 87. Die einheitliche Führung unter Árpád sicherte die Abstimmung und Entschlossenheit.
- 88. Das geübte Heer konnte die große Wanderung schützen und sichern.
- 89. Die Erfahrung der Kundschaftszüge wies den Weg in das neue Land.
- 90. So fügten sich alle vorausgegangenen Vorbereitungen in der Stunde der Entscheidung zusammen.
- 91. Gerade in der Not erwies sich der Wert der langen Vorbereitung.
- 92. Ein unvorbereitetes Volk wäre an einer solchen Katastrophe zerbrochen.
- 93. Die Magyaren aber konnten die Krise in einen Neuanfang verwandeln.
- 94. Der Petschenegenüberfall, der sie aus Etelköz vertrieb, trieb sie zugleich in ihre künftige Heimat.
- 95. Was als Katastrophe begann, wurde so zum Anstoß einer großen Wendung.
- 96. Die Not zwang die Magyaren zu dem Schritt, der ihre Zukunft begründen sollte.
- 97. In dieser Verbindung von Zwang und Hoffnung lag das Eigentümliche dieser Stunde.
- 98. Der Aufbruch aus Etelköz war zugleich Flucht und Eroberung.
- 99. Er war Flucht vor den Petschenegen und Griff nach einer neuen Heimat.
- 100. Beide Bewegungen verbanden sich in dem einen großen Zug nach Westen.
- 101. Die Spannung vor der Migration entlud sich schließlich in der Entscheidung zum Aufbruch.
- 102. Unter der Führung Árpáds setzten sich die Stämme in Bewegung.
- 103. Mit Herden, Wagen und Familien brachen sie aus dem gefährdeten Land auf.
- 104. Der lange vorbereitete Zug ins Karpatenbecken begann.
- 105. Doch die Spannung war mit dem Aufbruch keineswegs gewichen.
- 106. Auch der Weg nach Westen war voller Gefahren und Ungewissheiten.
- 107. Die Petschenegen drängten von hinten nach und bedrohten die Ziehenden.
- 108. Vor ihnen lagen die Karpaten und die Mächte, die das Becken beherrschten.
- 109. Der Zug eines ganzen Volkes mit Herden und Familien war langsam und verwundbar.
- 110. Jede Verzögerung, jeder Engpass barg die Gefahr eines vernichtenden Angriffs.
- 111. So begleitete die Spannung die Magyaren auf ihrem ganzen Weg.
- 112. Erst mit dem Erreichen des geschützten Beckens sollte sie sich allmählich lösen.
- 113. Die Forschung erschließt diese dramatische Wende vor allem aus den schriftlichen Quellen.
- 114. Das Werk Kaiser Konstantins VII. berichtet von dem Überfall und der Vertreibung der Magyaren.
- 115. Es schildert das Bündnis Symeons mit den Petschenegen und den gemeinsamen Schlag.
- 116. Auch andere byzantinische Berichte überliefern die Ereignisse jener Jahre.
- 117. Die späteren ungarischen Chroniken deuten den Aufbruch im Lichte der späteren Größe.
- 118. Sie verklären die Flucht zu einem von höherer Bestimmung geleiteten Zug.
- 119. Die moderne Forschung sucht hinter dieser Verklärung den historischen Vorgang zu erkennen.
- 120. Sie verbindet die byzantinischen Berichte mit den Erkenntnissen der Archäologie.
- 121. Aus diesem Zusammenwirken entsteht das Bild einer Flucht unter höchstem Druck.
- 122. Freilich bleibt vieles im Einzelnen unsicher und umstritten.
- 123. Der genaue Verlauf des Überfalls und der Vertreibung ist nicht in allen Einzelheiten bekannt.
- 124. Auch die genaue Zeit und die genauen Routen des Aufbruchs bleiben unsicher.
- 125. Unbestritten aber ist der Kern des Vorgangs, die Vertreibung der Magyaren aus Etelköz.
- 126. Unbestritten ist auch, dass diese Vertreibung den Aufbruch ins Karpatenbecken auslöste.
- 127. So markiert der Petschenegenüberfall den unmittelbaren Anstoß zur Landnahme.
- 128. Er war der äußere Anlass, der die lange vorbereitete Wanderung in Gang setzte.
- 129. Ohne diesen Druck wäre der Aufbruch vielleicht später oder anders erfolgt.
- 130. Mit ihm aber wurde der Zug zur unausweichlichen Notwendigkeit.
- 131. Die Spannung vor der Migration war somit der Wendepunkt der ganzen Etelköz-Zeit.
- 132. In ihr verdichteten sich die Gefahren und die Vorbereitungen der vorausgegangenen Jahre.
- 133. In ihr entschied sich das künftige Schicksal des magyarischen Volkes.
- 134. Sie führte aus der Bedrohung in den Aufbruch und aus dem Aufbruch in die neue Heimat.
- 135. So bildet sie das unmittelbare Vorspiel zu der Landnahme von 896.
- 136. Die Jahre der Spannung hatten aus einem bedrohten Volk ein entschlossenes Volk gemacht.
- 137. Die Not hatte den letzten Anstoß zu der lange vorbereiteten Tat gegeben.
- 138. Die Magyaren brachen auf, weil sie aufbrechen mussten und aufbrechen konnten.
- 139. Die Notwendigkeit traf auf die Bereitschaft, und so gelang der große Zug.
- 140. In dieser Verbindung von Zwang und Vorbereitung lag der Schlüssel zum Erfolg.
- 141. Die Spannung vor der Migration war hart, aber sie war fruchtbar.
- 142. Sie zwang das Volk zu der Entscheidung, die seine Zukunft begründete.
- 143. Sie verwandelte die Bedrohung in den Antrieb zu einer großen Tat.
- 144. So erweist sich diese Zeit der Spannung als ein schöpferischer Augenblick der Geschichte.
- 145. Aus der Bedrängnis erwuchs der Entschluss, aus dem Entschluss die Tat, aus der Tat die Heimat.
- 146. Die Magyaren standen an der Schwelle zwischen Untergang und Neubeginn.
- 147. Sie wählten den Neubeginn und wagten den Zug in das unbekannte Becken.
- 148. Dieser Mut zum Aufbruch war die Frucht der Spannung jener Jahre.
- 149. Ohne die Bedrohung hätte vielleicht der Mut zum Aufbruch gefehlt.
- 150. Ohne die Vorbereitung hätte der Aufbruch ins Verderben geführt.
- 151. Beides zusammen aber, Bedrohung und Vorbereitung, ermöglichte die Landnahme.
- 152. So lässt sich die Spannung vor der Migration als notwendige Voraussetzung des Erfolgs verstehen.
- 153. Sie war die letzte Prüfung, die das Volk vor dem Eintritt in seine Geschichte bestand.
- 154. In ihr bewährten sich die Ordnung, die Führung und die Bereitschaft der Magyaren.
- 155. Aus dieser Bewährung ging das Volk gestärkt und entschlossen hervor.
- 156. Die Erinnerung an diese dramatische Zeit blieb in den späteren Chroniken erhalten.
- 157. Die Geschichtsschreiber sahen in der Flucht aus Etelköz den Beginn des Weges ins Vaterland.
- 158. Sie verbanden diese Zeit eng mit der Gestalt Árpáds und seiner Führung.
- 159. In ihrer Darstellung erschien der Aufbruch als von höherer Bestimmung geleitet.
- 160. Die moderne Forschung trennt diese Deutung von dem historisch Fassbaren.
- 161. Sie erkennt in der Spannung vor der Migration einen realen und dramatischen Vorgang.
- 162. Sie sieht in ihm das Zusammenwirken von äußerem Druck und innerer Bereitschaft.
- 163. Aus diesem Zusammenwirken erklärt sie das Gelingen der Landnahme.
- 164. So gewinnt die Spannung vor der Migration ihre zentrale Stellung in der Frühgeschichte.
- 165. Sie ist der Übergang von der Vorbereitung zur Ausführung, von der Steppe zur Heimat.
- 166. In ihr endet die Zeit von Etelköz und beginnt die Zeit der Landnahme.
- 167. Sie bildet die Brücke zwischen der Wanderzeit und der Sesshaftigkeit der Magyaren.
- 168. Mit dem Aufbruch unter höchstem Druck verließen die Magyaren die offene Steppe für immer.
- 169. Vor ihnen lag das Karpatenbecken, das ihre bleibende Heimat werden sollte.
- 170. Hinter ihnen lag das verwüstete Etelköz und die Gefahr der Petschenegen.
- 171. Die Spannung dieses Übergangs prägte die Erinnerung des Volkes auf Dauer.
- 172. Sie wurde zum Sinnbild für die Geburt der Nation aus Gefahr und Entschlossenheit.
- 173. So erweist sich die Spannung vor der Migration als ein Schlüsselmoment der ungarischen Geschichte.
- 174. In ihr verdichtete sich alles, was die Etelköz-Zeit an Gefahr und Vorbereitung gebracht hatte.
- 175. Aus ihr ging der entscheidende Schritt hervor, der die Landnahme einleitete.
- 176. Die Bedrohung durch die Petschenegen und das Bündnis der Feinde trieben das Volk zum Aufbruch.
- 177. Die lange Vorbereitung und die entschlossene Führung ermöglichten das Gelingen dieses Schrittes.
- 178. So fügten sich Not und Bereitschaft zu der großen Wendung der ungarischen Geschichte zusammen.
- 179. Die Spannung vor der großen Migration war somit der unmittelbare Auftakt zur Landnahme von 896.
- 180. In ihr stand das magyarische Volk an der Schwelle Europas, bereit, aus der Bedrohung heraus seine bleibende Heimat zu erringen.