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Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Dunkle Jahrhunderte 5

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Die Geschichte Ungarns - 5. - Dunkle Jahrhunderte
Awaren und andere Völker (6.-8. Jahrhundert)
DIE GESCHICHTE UNGARNS
Frühmittelalter und Ethnogenese

Dunkle Jahrhunderte: Awaren und andere Völker (6.-8. Jahrhundert)

[Bearbeiten]
1. Die Jahrhunderte zwischen dem Untergang des römischen Pannonien und der ungarischen Landnahme gehören zu den am schwersten zu erfassenden Abschnitten der Geschichte des Karpatenbeckens.
2. Die Forschung bezeichnet diese Epoche häufig als die dunklen Jahrhunderte.
3. Der Ausdruck meint dabei nicht eine kulturelle Rückständigkeit der Zeit selbst.
4. Er bezieht sich vielmehr auf die Dürftigkeit der erhaltenen schriftlichen Überlieferung.
5. Aus dieser Epoche sind kaum eigene schriftliche Zeugnisse der dort lebenden Völker überliefert.
6. Die Awaren und die meisten ihrer Nachbarn entwickelten keine eigene Schriftkultur.
7. Was über diese Zeit bekannt ist, stammt fast ausschließlich aus zwei Quellengruppen.
8. Die erste Gruppe bilden die Berichte fremder Beobachter aus Byzanz und dem Frankenreich.
9. Die zweite und wichtigste Gruppe bilden die archäologischen Funde.
10. Erst die Verbindung beider Quellengruppen ergibt ein einigermaßen geschlossenes Bild.
11. Der Begriff der dunklen Jahrhunderte ist daher eher ein Urteil über die Quellenlage als über die Epoche.
12. Zeitlich umfasst diese Epoche das 6. bis zum ausgehenden 8. Jahrhundert.
13. Sie beginnt mit dem endgültigen Zerfall der römischen Ordnung im Donauraum.
14. Sie endet mit der Zerschlagung des Awarenreiches durch das Frankenreich.
15. Räumlich steht das Karpatenbecken im Mittelpunkt dieser Epoche.
16. Dieses Becken ist eine von Gebirgen umschlossene Tiefebene im mittleren Donauraum.
17. Seine geographische Geschlossenheit lud immer wieder zur Bildung einer einheitlichen Herrschaft ein.
18. Seine Lage am Schnittpunkt der Wanderwege machte es zugleich zum Durchgangsraum vieler Völker.
19. Die beherrschende Macht dieser Epoche waren die Awaren.
20. Die Awaren waren ein Reitervolk, das aus der eurasischen Steppe in den Raum gelangte.
21. Um 568 errichteten sie im Karpatenbecken ein eigenes Reich.
22. Dieses Awarenreich bestand über zwei Jahrhunderte als bestimmende Macht des Raumes.
23. Die Geschichte der dunklen Jahrhunderte ist daher in ihrem Kern die Geschichte der Awaren.
24. Die Herkunft der Awaren ist bis heute nicht restlos geklärt.
25. Ihr Name war ein Sammelbegriff für einen Verband von Gruppen unterschiedlicher Herkunft.
26. Die awarische Herrschaft beruhte nicht auf gemeinsamer Abstammung, sondern auf Treue zum Herrscher.
27. An der Spitze des Reiches stand der Khagan, der höchste Herrscher der Steppentradition.
28. Das Awarenreich war kein Staat im modernen Sinn, sondern ein Herrschaftsverband ohne feste Verwaltung.
29. Sein Zusammenhalt hing von der Autorität des Khagans und vom äußeren Erfolg ab.
30. Die awarische Gesellschaft war deutlich geschichtet.
31. An ihrer Spitze stand eine berittene Kriegerelite aus der Steppe.
32. Die Mehrheit der Bevölkerung bildeten unterworfene Völker, vor allem Slawen.
33. Die awarische Lebensweise verband nomadische Mobilität mit festem Siedlungsleben.
34. Im Lauf der Zeit wurde die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
35. Die Awaren lebten nicht isoliert, sondern inmitten einer vielgestaltigen Völkerwelt.
36. Die zahlenmäßig größte Nachbar- und Untertanengruppe waren die Slawen.
37. Die Bulgaren bildeten eine verwandte und benachbarte Steppenmacht.
38. Das Byzantinische Reich war Gegner, Geldgeber und kulturelles Vorbild zugleich.
39. Erst dieses Geflecht von Völkern und Mächten macht die Awarenzeit verständlich.
40. Die awarische Macht erreichte im späten 6. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
41. Die gescheiterte Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 brach die Expansionskraft des Reiches.
42. Im 7. und 8. Jahrhundert wandelte sich das Awarenreich zu einer regionalen Macht.
43. Innere Konflikte und der Druck des Frankenreiches führten um 800 zu seinem raschen Untergang.
44. Der Zerfall des Awarenreiches hinterließ ein politisches Machtvakuum im Karpatenbecken.
45. In dieses Vakuum stießen im 9. Jahrhundert Franken, Bulgaren und slawische Mächte vor.
46. Keine dieser Mächte konnte den gesamten Raum dauerhaft beherrschen.
47. Diese offene Lage bildete das unmittelbare Vorfeld der ungarischen Landnahme.
48. Die dunklen Jahrhunderte bilden damit die entscheidende Brücke zwischen der Antike und der ungarischen Geschichte.
49. Sie prägten das Karpatenbecken als vielvölkischen Raum und als Boden künftiger Reiche.
50. Die folgenden Abschnitte entfalten diese Epoche in ihren einzelnen Themenfeldern.

Die Awaren: Herkunft und Expansion in Pannonien

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1. Die Awaren gehören zu den am schwierigsten zu fassenden Völkern der europäischen Frühgeschichte.
2. Über zweieinhalb Jahrhunderte beherrschten sie das Karpatenbecken.
3. Sie hinterließen reiche archäologische Spuren und prägten den Raum, den später die Ungarn besiedeln sollten.
4. Und doch bleibt vieles über ihre Herkunft, Sprache und ethnische Zusammensetzung umstritten.
5. Der Name "Awaren" selbst ist ein Sammelbegriff.
6. Er bezeichnete eine Vielzahl von Gruppen unterschiedlicher Herkunft und beschreibt keine einheitliche Volkszugehörigkeit.
7. Die Frage nach dem Ursprung der Awaren beschäftigt die Forschung seit Jahrhunderten.
8. Die griechischen und lateinischen Quellen des 6. Jahrhunderts berichten vom plötzlichen Auftauchen eines Reitervolkes an der Nordküste des Schwarzen Meeres.
9. Diese Awaren erschienen den Zeitgenossen als fremd, mächtig und bedrohlich.
10. Ihre Herkunft verlegten die antiken Autoren in den fernen Osten, ohne genaue Kenntnis der dortigen Verhältnisse zu besitzen.
11. Eine verbreitete Theorie verbindet die europäischen Awaren mit dem zentralasiatischen Steppenreich der Rouran.
12. Die Rouran beherrschten im 5. und frühen 6. Jahrhundert weite Teile der mongolischen Steppe.
13. Im Jahr 552 wurden sie von den aufständischen Türken vernichtend geschlagen.
14. Nach dieser Deutung wären Teile der zerschlagenen Rouran nach Westen geflohen.
15. Unter dem Namen Awaren hätten sie dann ein neues Reich gegründet.
16. Sicher belegen lässt sich diese Verbindung jedoch nicht.
17. Eine ältere Forschungsmeinung suchte den Ursprung der Awaren bei den Hephthaliten, den sogenannten Weißen Hunnen Zentralasiens.
18. Auch eine Herkunft aus dem Verband der ogurischen Stämme der westsibirischen und kasachischen Steppe wurde erwogen.
19. Die Vielzahl konkurrierender Theorien zeigt, wie lückenhaft die Quellenlage für die awarische Frühgeschichte ist.
20. Die byzantinischen Quellen erschweren das Bild zusätzlich durch eine eigentümliche Unterscheidung.
21. Der Geschichtsschreiber Theophylaktos Simokates berichtet, die in Europa erschienenen Awaren seien gar keine "echten" Awaren gewesen.
22. Sie hätten sich nur deren angesehenen Namen angeeignet.
23. Er nennt sie "Pseudo-Awaren" und identifiziert sie mit den Stämmen der Uar und Chunni.
24. Der Name der wahren Awaren genoss in der Steppenwelt offenbar ein so hohes Ansehen, dass andere Völker davon zu profitieren suchten.
25. Ob diese Unterscheidung historische Realität widerspiegelt oder eine gelehrte Konstruktion des byzantinischen Hofes ist, wird bis heute diskutiert.
26. Manche Forscher sehen darin den Versuch der byzantinischen Diplomatie, den awarischen Machtanspruch herabzusetzen.
27. Diese Quellenlage führt zu einem grundlegenden methodischen Problem.
28. Der Begriff "Awaren" bezeichnet weniger ein klar abgegrenztes Volk als vielmehr einen politischen Verband.
29. Solche Steppenkonföderationen entstanden häufig durch die Unterwerfung oder Einbindung zahlreicher Stämme durch eine kriegerische Führungsgruppe.
30. Die Identität des Verbandes ergab sich aus der Loyalität zur herrschenden Dynastie, nicht aus gemeinsamer Abstammung.
31. Ein solcher Verband konnte rasch wachsen, aber ebenso rasch wieder zerfallen, wenn die zentrale Autorität erlahmte.
32. Sprachlich lassen sich die Awaren nur unzureichend einordnen.
33. Die schriftliche Überlieferung hat keine zusammenhängenden awarischen Texte bewahrt.
34. Aus Titeln, Personennamen und einzelnen Begriffen schließen manche Forscher auf eine türkische, andere auf eine mongolische Sprachzugehörigkeit der awarischen Oberschicht.
35. Wahrscheinlich war das Awarenreich von Anfang an mehrsprachig, da es Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft umfasste.
36. Der Herrschertitel Khagan und einzelne Würdenbezeichnungen weisen am ehesten in den türkisch-mongolischen Sprachraum.
37. Die genetische Forschung hat in den letzten Jahren neue Erkenntnisse beigesteuert.
38. Untersuchungen an Skeletten aus awarenzeitlichen Gräbern des Karpatenbeckens zeigen aufschlussreiche Befunde.
39. Ein Teil der Bestatteten, insbesondere Angehörige der Elite, weist eine ostasiatische genetische Herkunft auf.
40. Diese genetische Signatur lässt sich am ehesten mit Regionen der heutigen Mongolei in Verbindung bringen.
41. Dies stützt die Annahme einer tatsächlichen Wanderung von Bevölkerungsgruppen aus dem inneren Asien.
42. Bemerkenswert ist, dass diese Wanderung über mehrere tausend Kilometer in vergleichsweise kurzer Zeit erfolgt sein muss.
43. Zugleich belegen die Daten, dass die awarische Bevölkerung im Lauf der Zeit zunehmend Menschen lokaler und gemischter Herkunft aufnahm.
44. Das Awarenreich war demnach kein ethnisch geschlossener Block, sondern eine sich wandelnde Bevölkerung.
45. Der historisch fassbare Beginn der awarischen Geschichte in Europa liegt um die Mitte des 6. Jahrhunderts.
46. Im Jahr 558 erschien eine awarische Gesandtschaft am Hof des oströmischen Kaisers Justinian in Konstantinopel.
47. Der Anführer dieser Gesandtschaft trug den Namen Kandich.
48. Die Awaren boten dem Kaiser ihre Dienste als Verbündete an.
49. Im Gegenzug forderten sie Land und jährliche Zahlungen.
50. Justinian sah in ihnen ein nützliches Werkzeug gegen andere unruhige Völker an der Reichsgrenze.
51. Die jährlichen Zahlungen an die Awaren wurden in Byzanz offiziell als Geschenke verbucht.
52. Tatsächlich handelte es sich um Tributzahlungen, mit denen sich das Reich Ruhe an der Donaugrenze erkaufte.
53. Die frühe Politik der Awaren folgte einem für Steppenvölker typischen Muster.
54. Sie ließen sich von Byzanz für militärische Dienste bezahlen.
55. Zugleich unterwarfen sie auf eigene Rechnung schwächere Nachbarvölker.
56. In den Jahren nach 558 besiegten sie mehrere Stämme nördlich des Schwarzen Meeres.
57. Dazu zählten die Sabiren, die Utiguren und die Kutriguren.
58. Damit gewannen sie Krieger, Untertanen und Ressourcen.
59. Bald gerieten die Awaren in Konflikt mit den Antes, einem slawischen Stammesverband zwischen Dnjestr und Dnjepr.
60. Die awarischen Feldzüge gegen die Antes zwangen einen Teil der slawischen Bevölkerung in Abhängigkeit.
61. Slawische Gruppen sollten in der Folge einen wachsenden Anteil der awarisch beherrschten Bevölkerung stellen.
62. Für das awarische Militärwesen wie für den Landbau waren sie von großer Bedeutung.
63. Die Awaren strebten von Beginn an nach einem festen Siedlungsgebiet.
64. Die offene Steppe nördlich des Schwarzen Meeres bot zwar Weideland, war aber militärisch schwer zu sichern und politisch umkämpft.
65. Ihr Anführer Baian war der erste namentlich bekannte awarische Herrscher.
66. Baian gilt als der eigentliche Begründer der awarischen Macht in Europa.
67. Er suchte gezielt nach einem geschützten und ertragreichen Raum, der sich als Herrschaftszentrum eignete.
68. Der Blick der Awaren richtete sich dabei früh auf das Karpatenbecken.
69. Diese weite Tiefebene ist von Gebirgen umschlossen und von der Donau und ihren Nebenflüssen durchzogen.
70. Sie vereinte ausgedehntes Weideland mit fruchtbaren Ackerflächen.
71. Die umliegenden Karpaten boten einen natürlichen Schutzwall.
72. Dieser machte das Gebiet gegen Angriffe von außen vergleichsweise leicht zu verteidigen.
73. Schon die Hunnen unter Attila hatten gut ein Jahrhundert zuvor das Karpatenbecken zum Zentrum ihrer Macht gemacht.
74. Die geographische Eignung des Beckens für eine Steppenmacht war also bereits erprobt.
75. Das Karpatenbecken war zu dieser Zeit jedoch keineswegs herrenlos.
76. Die östliche Reichshälfte wurde von den Gepiden beherrscht, einem ostgermanischen Volk mit einem eigenen Königreich.
77. Ihr Gebiet umfasste das heutige östliche Ungarn und Siebenbürgen.
78. Den westlichen Teil, das ehemalige römische Pannonien, hielten die Langobarden besetzt.
79. Dieses andere germanische Volk drängte jedoch zunehmend nach Italien.
80. Zwischen Gepiden und Langobarden bestand eine tiefe Feindschaft, die den Awaren in die Hände spielte.
81. Der Langobardenkönig Alboin suchte ein Bündnis mit den Awaren, um den verhassten gepidischen Rivalen endgültig auszuschalten.
82. Baian erkannte die Gelegenheit und stellte für seine Hilfe harte Bedingungen.
83. Diese sollten den Langobarden langfristig zum Nachteil gereichen.
84. Der awarisch-langobardische Vertrag sah vor, dass die Awaren im Fall eines Sieges das gesamte Gebiet der Gepiden erhalten sollten.
85. Zugleich sollten die Langobarden einen Teil ihres Viehbestandes an die Awaren abtreten.
86. Im Jahr 567 schlugen die verbündeten Heere die Gepiden vernichtend.
87. Das gepidische Königreich brach zusammen, sein König Kunimund fiel im Kampf.
88. Die Awaren nahmen das östliche Karpatenbecken in Besitz.
89. Für die Langobarden erwies sich der Sieg als Pyrrhussieg.
90. Nun hatten sie einen weit mächtigeren und gefährlicheren Nachbarn als zuvor.
91. Im Jahr 568 verließen die Langobarden Pannonien und zogen nach Italien, wo sie ein neues Königreich gründeten.
92. Ob dieser Abzug freiwillig erfolgte oder unter awarischem Druck, ist in der Forschung umstritten.
93. Mit dem Abzug der Langobarden 568 fiel den Awaren auch das westliche Karpatenbecken zu.
94. Innerhalb weniger Jahre hatten sie damit das gesamte Becken unter ihre Kontrolle gebracht.
95. Das Jahr 568 gilt traditionell als Gründungsdatum des awarischen Reiches in Mitteleuropa.
96. Die Herrschaftsbildung war jedoch ein längerer Prozess.
97. Das so entstandene Awarenreich umfasste in seiner Kernzone das Gebiet des heutigen Ungarn.
98. Hinzu kamen angrenzende Teile der heutigen Slowakei, Österreichs, Kroatiens, Serbiens und Rumäniens.
99. Es bildete für mehr als zwei Jahrhunderte die beherrschende Macht im mittleren Donauraum.
100. Zugleich war es ein fester Faktor in der Politik zwischen dem Frankenreich, Byzanz und den slawischen Gebieten.
101. Das Zentrum der awarischen Herrschaft lag in der Tiefebene zwischen Donau und Theiß.
102. Hier konzentrierte sich die Reiterei, das militärische Rückgrat der awarischen Macht.
103. Die weiten Grasländer boten ideale Bedingungen für die großen Pferdeherden.
104. Ohne diese war eine Steppenarmee nicht denkbar.
105. Der militärische Erfolg der Awaren beruhte wesentlich auf ihrer überlegenen Reitertechnik.
106. Die Awaren brachten den Steigbügel in größerem Umfang nach Mitteleuropa.
107. Der Steigbügel gab dem Reiter einen festen Halt und erlaubte den wuchtigen Einsatz von Lanze und Bogen.
108. Awarische Krieger kämpften mit dem Reflexbogen, einer aus mehreren Materialien zusammengesetzten Fernwaffe von großer Durchschlagskraft.
109. Diese Waffentechnik machte die awarische Reiterei den meisten Gegnern überlegen.
110. Die awarische Herrschaft beruhte auf einer klaren Trennung zwischen der herrschenden Reiterelite und der unterworfenen Bevölkerung.
111. An der Spitze stand der Khagan, ein Herrschertitel, den die Awaren mit anderen Steppenreichen teilten.
112. Der Khagan vereinte militärische, politische und sakrale Autorität in seiner Person.
113. Er galt als Garant für den Bestand des Reiches.
114. Unter dem Khagan stand eine Schicht von Stammesführern und Kriegern.
115. Diese kontrollierten das beherrschte Gebiet und stellten im Kriegsfall ihre Gefolgschaften.
116. Die unterworfenen Völker leisteten Tribut, Hilfsdienste und Heeresfolge.
117. Zu ihnen zählten Reste der Gepiden, romanische Bevölkerungsgruppen und vor allem zahlreiche Slawen.
118. Die militärische Expansion der Awaren beschränkte sich nicht auf das Karpatenbecken.
119. Von ihrer neuen Machtbasis aus unternahmen sie weitreichende Feldzüge gegen das Byzantinische Reich.
120. Ziel dieser Unternehmungen waren die reichen Provinzen auf dem Balkan.
121. Deren Städte ließen sich durch Plünderung oder durch erpresste Zahlungen ausbeuten.
122. Besonders verheerend wirkten die awarischen Angriffe auf die byzantinischen Donaufestungen und Balkanstädte.
123. Sirmium, eine bedeutende Stadt an der Save, wurde nach langer Belagerung 582 von den Awaren erobert.
124. Der Fall Sirmiums war ein schwerer Schlag für die byzantinische Verteidigung des Donauraums.
125. In den folgenden Jahren fielen weitere Festungen wie Singidunum, das heutige Belgrad, in awarische Hand.
126. Die jährlichen Tributzahlungen, die Byzanz an die Awaren leistete, stiegen im Lauf der Zeit auf beträchtliche Summen.
127. Zeitweise erreichten sie mehr als hunderttausend Goldsolidi pro Jahr.
128. Diese Zahlungen waren eine wichtige Einnahmequelle des awarischen Reiches.
129. Der byzantinische Kaiser Maurikios versuchte in den 590er Jahren, durch Gegenfeldzüge die awarische Bedrohung zu brechen.
130. Diese Feldzüge brachten zeitweilige Erfolge, konnten die awarische Macht aber nicht dauerhaft erschüttern.
131. Die awarischen Feldzüge auf dem Balkan trugen entscheidend zur slawischen Landnahme in Südosteuropa bei.
132. Im Schatten der awarischen Macht und oft als deren Hilfsvölker drangen slawische Gruppen tief in die byzantinischen Provinzen ein.
133. Dort siedelten sie sich dauerhaft an.
134. Die ethnische Karte des Balkans wurde dadurch nachhaltig verändert.
135. Den Höhepunkt der awarischen Expansion markierte die Belagerung Konstantinopels im Jahr 626.
136. Gemeinsam mit dem persischen Sassanidenreich versuchten die Awaren, die byzantinische Hauptstadt zu erobern.
137. Ein gewaltiges Heer aus Awaren, Slawen und anderen Völkern bedrohte die Mauern der Stadt von der europäischen Seite.
138. Die persischen Truppen standen zugleich auf der asiatischen Seite des Bosporus.
139. Die Belagerung von 626 endete mit einem völligen Misserfolg.
140. Die byzantinische Flotte verhinderte das Zusammenwirken der awarischen und der persischen Streitkräfte.
141. Auch die Angriffe auf die Landmauern scheiterten.
142. Der Khagan musste den Rückzug antreten.
143. Diese Niederlage gilt als Wendepunkt, nach dem die awarische Expansionskraft spürbar nachließ.
144. Nach 626 geriet das Awarenreich in eine längere Krise.
145. Die Autorität des Khagans war erschüttert.
146. Mehrere unterworfene Völker nutzten die Schwäche zur Erhebung.
147. Im Westen entstand unter dem fränkischen Kaufmann Samo ein slawisches Herrschaftsgebilde.
148. Dieses behauptete sich gegen die awarische Oberhoheit.
149. Im Osten lösten sich die Bulgaren aus dem awarischen Verband.
150. Unter ihrem Anführer Kuwrat bildeten die Bulgaren ein eigenes Reich nördlich des Schwarzen Meeres.
151. Trotz dieser Rückschläge bestand das Awarenreich im Karpatenbecken noch lange weiter.
152. Die Awaren zogen sich auf ihre Kernzone zurück.
153. Sie konzentrierten sich auf die Sicherung ihrer Herrschaft im Becken selbst.
154. Aus der expansiven Großmacht des 6. Jahrhunderts wurde im 7. und 8. Jahrhundert eine regionale Macht von begrenzter Reichweite.
155. In dieser späten Phase wandelte sich die awarische Gesellschaft erheblich.
156. Die scharfe Trennung zwischen nomadischer Reiterelite und unterworfener Bevölkerung verschwamm zunehmend.
157. Die awarische Bevölkerung wurde sesshafter und betrieb verstärkt Ackerbau.
158. Teilweise verschmolz sie mit der slawischen und sonstigen lokalen Bevölkerung des Beckens.
159. Die awarenzeitlichen Gräberfelder dieser Spätphase sind außerordentlich reich an Funden.
160. Besonders bekannt sind kunstvoll gegossene Bronzebeschläge für Gürtel, die als Rangabzeichen dienten.
161. Diese Beschläge zeigen häufig Greifen, Ranken und Tiermotive und prägen den Begriff der späten Awarenzeit.
162. Über zwei Jahrhunderte sammelten die Awaren beträchtliche Mengen an Gold und Silber an.
163. Dieser Reichtum stammte aus Tributzahlungen, Beute und Handel.
164. Das Ende des Awarenreiches kam erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts durch die Feldzüge Karls des Großen.
165. Zwischen 791 und 803 zerschlugen die fränkischen Heere die awarische Herrschaft im Karpatenbecken.
166. Bei der Eroberung des awarischen Zentralorts, des sogenannten Rings, fielen den Franken gewaltige Goldschätze in die Hände.
167. Die fränkischen Quellen berichten, dass der erbeutete Schatz auf zahlreichen Wagen abtransportiert werden musste.
168. Die awarische Bevölkerung verschwand mit der fränkischen Eroberung jedoch nicht.
169. Sie blieb im Raum und ging in den folgenden Jahrhunderten in anderen Bevölkerungsgruppen auf.
170. Ein Teil der Awaren erkannte die fränkische Oberhoheit an und siedelte unter fränkischem Schutz weiter.
171. Schriftliche Erwähnungen der Awaren verlieren sich im Lauf des 9. Jahrhunderts.
172. Für die ungarische Geschichte ist die Awarenzeit von erheblicher Bedeutung.
173. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken in Besitz nahmen, trafen sie auf eine durch Jahrhunderte awarischer Herrschaft geprägte Landschaft.
174. Manche Forscher vermuten sogar, dass Reste der awarisch geprägten Bevölkerung die ungarische Landnahme erlebten.
175. Diese Reste wären dann in das werdende ungarische Volk eingegangen.
176. Die Awaren hinterließen kein eigenes Staatswesen, das die Ungarn hätten übernehmen können.
177. Wohl aber hinterließen sie ein erprobtes Herrschaftsmodell.
178. Das Karpatenbecken hatte sich unter den Awaren als ideale Basis einer Steppenmacht erwiesen.
179. Diese Erfahrung wiederholte sich bei der ungarischen Landnahme in gewisser Weise.
180. Insofern bilden die Awaren ein wichtiges Bindeglied zwischen der Spätantike und dem Beginn der eigentlichen ungarischen Geschichte.

Avarisches Reich: Struktur und Gesellschaft

[Bearbeiten]
1. Das awarische Reich war kein Staat im modernen Sinn, sondern ein Herrschaftsverband nach dem Vorbild der eurasischen Steppenreiche.
2. Es besaß keine feste Hauptstadt, keine schriftliche Verwaltung und keine klar umrissenen Grenzen.
3. Zusammengehalten wurde es durch die Person des Herrschers und durch ein Netz persönlicher Treueverhältnisse.
4. Trotz dieser Andersartigkeit war das Awarenreich über zweihundert Jahre erstaunlich stabil.
5. Diese Dauerhaftigkeit übertraf die der meisten germanischen Königreiche der Völkerwanderungszeit.
6. Die Forschung erschließt Struktur und Gesellschaft der Awaren aus zwei sehr unterschiedlichen Quellengruppen.
7. Die erste Gruppe bilden die schriftlichen Berichte byzantinischer und fränkischer Autoren.
8. Die zweite Gruppe bilden die archäologischen Funde, vor allem die zahlreichen Gräberfelder.
9. Schriftliche Zeugnisse der Awaren selbst sind nicht erhalten, da sie keine eigene Schriftkultur entwickelten.
10. Daher bleibt das Bild der awarischen Gesellschaft in vielen Punkten lückenhaft und auf Deutung angewiesen.
11. An der Spitze des Reiches stand der Khagan, der oberste Herrscher der Awaren.
12. Der Titel Khagan stammt aus der Welt der Steppenreiche und bezeichnete dort den Großherrscher.
13. Indem die awarischen Herrscher diesen Titel führten, erhoben sie einen Anspruch auf höchsten Rang.
14. Dieser Anspruch stellte sie auf eine Stufe mit dem byzantinischen Kaiser und übertraf den eines bloßen Königs.
15. Die Würde des Khagans galt als von einer überirdischen Macht verliehen.
16. Der Herrscher verkörperte das Glück und den Bestand des gesamten Verbandes.
17. Militärische Niederlagen konnten daher die Stellung des Khagans unmittelbar erschüttern.
18. Eine Niederlage galt als Zeichen, dass dem Herrscher die himmlische Gunst entzogen war.
19. Die Herrschaft war an eine bestimmte Dynastie gebunden, deren Anfänge auf den Khagan Baian zurückgehen.
20. Innerhalb dieser Dynastie wurde die Würde über Generationen weitergegeben.
21. Neben dem Khagan nennen die Quellen weitere hohe Würdenträger des Reiches.
22. Byzantinische Berichte erwähnen einen Würdenträger mit dem Titel Jugurrus.
23. Ein weiterer hoher Rang trug die Bezeichnung Tudun.
24. Der Tudun scheint als Statthalter über einen Teil des Reiches geherrscht zu haben.
25. Insbesondere die westlichen Gebiete des Awarenreiches unterstanden offenbar einem solchen Tudun.
26. Die genaue Abgrenzung dieser Ämter lässt sich aus den knappen Quellen nicht sicher rekonstruieren.
27. Erkennbar ist jedoch, dass unterhalb des Khagans eine abgestufte Hierarchie von Würdenträgern bestand.
28. Diese Würdenträger übten Herrschaft im Namen des Khagans über einzelne Gebiete oder Stämme aus.
29. Das Awarenreich war in seinem Inneren in zahlreiche Stämme und Gruppen gegliedert.
30. Jede dieser Gruppen besaß eigene Anführer und eine gewisse innere Selbstständigkeit.
31. Die Bindung an den Khagan erfolgte über persönliche Treueeide und Gefolgschaftsverhältnisse.
32. Ein solcher Verband konnte rasch wachsen, wenn der Khagan erfolgreich war.
33. Er konnte aber ebenso rasch zerfallen, wenn die zentrale Autorität nachließ.
34. Die Kerngruppe der Awaren bildete eine berittene Kriegerelite.
35. Diese Elite stellte die herrschende Schicht des gesamten Reiches.
36. Ihr militärischer Vorrang begründete zugleich ihren politischen und gesellschaftlichen Rang.
37. Unterhalb der awarischen Kriegerelite stand die große Masse der unterworfenen Bevölkerung.
38. Zu dieser Bevölkerung gehörten vor allem Slawen, daneben Reste der Gepiden und romanische Gruppen.
39. Die unterworfenen Völker waren zu Tribut, Abgaben und Heeresfolge verpflichtet.
40. Sie bildeten die wirtschaftliche Grundlage, von der die Kriegerelite lebte.
41. Die Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten war von Abhängigkeit geprägt, aber nicht starr.
42. Im Lauf der Zeit verschoben sich die Grenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen.
43. Die awarische Gesellschaft war damit deutlich geschichtet.
44. An ihrer Spitze stand der Khagan mit seiner Sippe und den hohen Würdenträgern.
45. Darunter folgte die Schicht der freien berittenen Krieger.
46. Den Abschluss bildeten die abhängige Bevölkerung und unfreie Menschen.
47. Die archäologischen Funde bestätigen diese soziale Schichtung sehr deutlich.
48. In den Gräberfeldern lassen sich reich und arm ausgestattete Bestattungen klar unterscheiden.
49. Reiche Gräber enthalten Waffen, Pferdegeschirr, Goldschmuck und kostbare Gürtelbeschläge.
50. Ärmere Gräber weisen nur wenige oder einfache Beigaben auf.
51. Die Gräberfelder sind die wichtigste Quelle für das Verständnis der awarischen Gesellschaft.
52. Im Karpatenbecken sind mehrere zehntausend awarenzeitliche Gräber ausgegraben worden.
53. Diese Fülle macht die Awaren zu einem der archäologisch am besten bezeugten Völker ihrer Zeit.
54. Die Awaren bestatteten ihre Toten in der Regel in Körpergräbern, nicht durch Verbrennung.
55. Den Toten wurden Beigaben mit ins Grab gegeben, die ihren Rang und ihre Tätigkeit widerspiegelten.
56. Männergräber enthalten häufig Waffen wie Bogen, Pfeile, Lanzen und Säbel.
57. Frauengräber enthalten Schmuck, Perlen, Ohrringe und Bestandteile der Tracht.
58. Eine awarische Besonderheit sind die zahlreichen Bestattungen von Reiter und Pferd.
59. Dabei wurde dem verstorbenen Krieger sein Pferd mit ins Grab gegeben.
60. Diese Pferdebestattungen unterstreichen die zentrale Bedeutung des Reittiers für die awarische Kultur.
61. Das Pferd war nicht nur Transportmittel, sondern Grundlage der gesamten Lebensweise und Kriegsführung.
62. Ein besonders aussagekräftiges Fundgut sind die awarischen Gürtelgarnituren.
63. Der verzierte Gürtel diente bei den Awaren als sichtbares Zeichen des Ranges.
64. Anzahl, Material und Verzierung der Beschläge zeigten die Stellung des Trägers in der Gesellschaft an.
65. In der frühen Awarenzeit waren die Beschläge oft aus gepresstem Edelmetall gefertigt.
66. In der späten Awarenzeit herrschten gegossene Bronzebeschläge vor.
67. Diese späten Beschläge zeigen häufig Greifenmotive und Rankenwerk.
68. Nach diesem Motiv wird die Spätphase auch als Greifen-Ranken-Stil bezeichnet.
69. Die Wirtschaft des Awarenreiches beruhte auf zwei sich ergänzenden Grundlagen.
70. Die erste Grundlage war die Viehzucht der awarischen Reiterelite.
71. Die zweite Grundlage war der Ackerbau der unterworfenen, vorwiegend slawischen Bevölkerung.
72. Die Awaren hielten große Herden von Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen.
73. Diese Herden lieferten Nahrung, Häute, Wolle und vor allem die Pferde für das Heer.
74. Die slawische Bevölkerung baute Getreide an und sorgte für die pflanzliche Ernährung.
75. Aus dieser Kombination entstand eine vergleichsweise stabile Versorgungslage.
76. Im Lauf der zwei Jahrhunderte verlagerte sich das Gewicht zunehmend zum Ackerbau.
77. Die spätawarische Gesellschaft war deutlich stärker auf feste Siedlungen ausgerichtet als die frühe.
78. Eine dritte wirtschaftliche Säule bildeten die Einnahmen aus Krieg und Tribut.
79. Plünderungszüge brachten Beute in Form von Edelmetall, Vieh und Gefangenen.
80. Die Tributzahlungen aus Byzanz brachten über Jahrzehnte große Mengen an Gold ins Reich.
81. Dieses Gold verlieh der awarischen Elite ihren sprichwörtlichen Reichtum.
82. Handel spielte ebenfalls eine Rolle, blieb aber gegenüber Tribut und Beute zweitrangig.
83. Die Awaren tauschten Waren mit Byzanz, dem Frankenreich und den Nachbarvölkern.
84. Eine eigene Münzprägung entwickelten die Awaren jedoch nicht.
85. Das in Byzanz erworbene Gold zirkulierte als Schmuck und Wertspeicher, nicht als geprägtes Geld.
86. Die awarische Wirtschaft war damit keine Geldwirtschaft im antiken Sinn.
87. Die Siedlungsweise der Awaren unterschied sich grundlegend von der Welt der antiken Städte.
88. Die awarische Elite lebte ursprünglich mobil in Zelten und saisonalen Lagern.
89. Feste Städte nach römischem oder byzantinischem Vorbild errichteten die Awaren nicht.
90. Die unterworfene Bevölkerung lebte dagegen in festen Dörfern mit Grubenhäusern.
91. Ein Grubenhaus war ein teilweise in den Boden eingetieftes, einräumiges Wohngebäude.
92. Mit fortschreitender Zeit wurde auch die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
93. Die spätawarischen Gräberfelder lassen auf ein dichtes Netz fester Siedlungen schließen.
94. Eine besondere Rolle spielte der zentrale Herrschaftssitz des Khagans.
95. Die fränkischen Quellen bezeichnen diesen Sitz als den "Ring".
96. Der Ring war offenbar eine durch Wälle und Befestigungen geschützte Anlage.
97. In ihm wurden die angesammelten Schätze des Reiches aufbewahrt.
98. Die genaue Lage und Gestalt des Rings ist bis heute archäologisch nicht sicher bestimmt.
99. Der Ring war weniger eine Stadt als ein befestigtes Macht- und Schatzzentrum.
100. Das Militärwesen bildete den Kern der awarischen Macht und Gesellschaft.
101. Jeder freie awarische Mann war zugleich Krieger.
102. Die militärische Stärke der Awaren beruhte auf der berittenen Bogenschützentaktik.
103. Awarische Reiter griffen aus der Bewegung an und überschütteten den Gegner mit Pfeilen.
104. Vorgetäuschte Fluchten und plötzliche Wendemanöver gehörten zu ihren bewährten Taktiken.
105. Der schwere Reiter trug zusätzlich Lanze, Säbel und einen Panzer aus Metallschienen.
106. Der Steigbügel gab dem Reiter den festen Halt für den wuchtigen Lanzenstoß.
107. Die Awaren gelten als entscheidende Vermittler des Steigbügels nach Mitteleuropa.
108. Diese Reitertechnik wurde später von ihren Gegnern, darunter den Franken, übernommen.
109. Neben der awarischen Reiterei kämpften slawische Hilfsvölker im awarischen Heer.
110. Die Slawen stellten vor allem Fußtruppen und wurden bei Belagerungen eingesetzt.
111. Bei der Belagerung von Festungen leisteten sie schwere Arbeit und gefährlichen Dienst.
112. Die byzantinischen Quellen beschreiben das Zusammenwirken von awarischer Reiterei und slawischem Fußvolk.
113. Über die Religion der Awaren ist nur wenig Sicheres bekannt.
114. Die Awaren hinterließen keine eigenen religiösen Texte.
115. Wahrscheinlich folgten sie den religiösen Vorstellungen der eurasischen Steppenvölker.
116. Im Zentrum stand vermutlich die Verehrung des Himmels als höchster Macht.
117. Daneben spielten die Verehrung der Ahnen und die Vorstellung beseelter Naturkräfte eine Rolle.
118. Religiöse Vermittler vom Typ des Schamanen besaßen vermutlich besondere Bedeutung.
119. Diese Vermittler galten als fähig, mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten.
120. Die Beigabensitte in den Gräbern verweist auf den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod.
121. Die Mitgabe von Waffen, Pferd und Nahrung sollte den Toten im Jenseits versorgen.
122. Das Christentum gewann im Awarenreich erst sehr spät an Bedeutung.
123. Eine breitere Christianisierung setzte erst nach der fränkischen Eroberung um 800 ein.
124. Fränkische Missionare wirkten dann gezielt unter der unterworfenen awarischen Bevölkerung.
125. Die awarische Gesellschaft war ethnisch von Anfang an gemischt.
126. Die herrschende Schicht stammte aus der eurasischen Steppe.
127. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Slawen und ansässigen Resten älterer Völker.
128. Diese Mischung führte über die Generationen zu einer fortschreitenden Verschmelzung.
129. Die genetischen Untersuchungen an awarenzeitlichen Skeletten bestätigen diesen Prozess.
130. Die frühe Elite zeigt einen hohen Anteil ostasiatischer Herkunft.
131. Spätere Bestattungen zeigen eine zunehmend gemischte und lokale Bevölkerung.
132. Die awarische Identität war damit weniger eine Frage der Abstammung als der politischen Zugehörigkeit.
133. Wer dem Verband angehörte und der Elite folgte, galt als Awar.
134. Die awarische Gesellschaft veränderte sich im Lauf der zwei Jahrhunderte erheblich.
135. Die Forschung unterscheidet üblicherweise eine frühe und eine späte Awarenzeit.
136. Als Grenze zwischen beiden Phasen gilt etwa die Mitte des 7. Jahrhunderts.
137. Die frühe Awarenzeit war stärker von der nomadischen Lebensweise und vom Krieg geprägt.
138. Die späte Awarenzeit war stärker von Sesshaftigkeit und Ackerbau bestimmt.
139. Mit diesem Wandel veränderte sich auch die materielle Kultur sichtbar.
140. Manche Forscher führen den Wandel um 670 auf den Zuzug einer neuen Bevölkerungsgruppe zurück.
141. Diese Gruppe wird mit den aus dem Osten verdrängten Onoguren in Verbindung gebracht.
142. Andere Forscher sehen den Wandel eher als innere Entwicklung der awarischen Gesellschaft.
143. Diese Frage ist in der Forschung bis heute nicht abschließend geklärt.
144. Die awarische Gesellschaft war nach innen keineswegs spannungsfrei.
145. Zwischen den Stämmen und Gruppen des Verbandes bestanden Rivalitäten.
146. Die unterworfenen Völker trugen die Last des Tributs und strebten nach Unabhängigkeit.
147. Die slawischen Untertanen erhoben sich mehrfach gegen die awarische Herrschaft.
148. Die bekannteste dieser Erhebungen führte zur Entstehung des Reiches Samos im frühen 7. Jahrhundert.
149. Der fränkische Kaufmann Samo einte mehrere slawische Gruppen gegen die awarische Oberhoheit.
150. Auch innerhalb der awarischen Elite kam es zu Machtkämpfen um die Würde des Khagans.
151. Die Stellung der Frau in der awarischen Gesellschaft lässt sich vor allem aus den Gräbern erschließen.
152. Frauengräber der Elite sind mit reichem Schmuck und kostbarer Tracht ausgestattet.
153. Daraus lässt sich auf einen gehobenen Rang von Frauen der Oberschicht schließen.
154. Ohrringe, Halsketten und verzierte Nadeln gehörten zur weiblichen Tracht.
155. Die Frau der Elite spiegelte durch ihren Schmuck den Rang ihrer Familie wider.
156. Über die Rechtsstellung der awarischen Frau geben die Quellen jedoch kaum Auskunft.
157. Auch das Leben von Kindern lässt sich nur aus den Gräbern andeutungsweise erschließen.
158. Kindergräber enthalten oft kleine, dem Alter angepasste Beigaben.
159. Die Familie und die größere Verwandtschaftsgruppe bildeten die soziale Grundeinheit.
160. Mehrere Familien gehörten zu einer Sippe, mehrere Sippen zu einem Stamm.
161. Diese Verwandtschaftsverbände regelten Besitz, Heirat und gegenseitige Verpflichtungen.
162. Die awarische Kunst zeigt eine charakteristische Verbindung verschiedener Einflüsse.
163. Steppentraditionen, byzantinische Vorbilder und lokale Elemente flossen darin zusammen.
164. Besonders kunstvoll sind die Metallarbeiten der awarischen Handwerker.
165. Goldschmiede und Bronzegießer fertigten Schmuck, Beschläge und Pferdegeschirr von hoher Qualität.
166. Die Tiermotive der awarischen Kunst stehen in der Tradition der eurasischen Steppe.
167. Die awarische Sprache ist nicht überliefert und lässt sich nicht sicher einordnen.
168. Erhalten sind nur einzelne Titel und Namen in fremdsprachigen Quellen.
169. Im Reich wurden neben der Sprache der Elite auch slawische und andere Sprachen gesprochen.
170. Das Awarenreich war damit ein mehrsprachiges Gebilde.
171. Die lange Stabilität des Reiches beruhte auf dem Gleichgewicht seiner Bestandteile.
172. Solange der Khagan erfolgreich war, hielt das Netz der Treueverhältnisse.
173. Tribut und Beute sicherten die Loyalität der Kriegerelite.
174. Die unterworfene Bevölkerung trug die wirtschaftliche Last des Verbandes.
175. Dieses Gleichgewicht geriet im 7. Jahrhundert nach dem Scheitern vor Konstantinopel ins Wanken.
176. Der Verlust der äußeren Erfolge schwächte die innere Bindekraft des Reiches.
177. Dennoch bestand das Awarenreich im Karpatenbecken noch weit über ein Jahrhundert fort.
178. Diese späte Phase war von Sesshaftigkeit, Ackerbau und regionaler Begrenzung geprägt.
179. Die awarische Gesellschaftsordnung endete erst mit der fränkischen Eroberung um 800.
180. Struktur und Gesellschaft der Awaren prägten das Karpatenbecken nachhaltig und bildeten einen Hintergrund der späteren ungarischen Landnahme.

Nomadische Einfälle und Siedlungen: Leben unter avarischer Herrschaft

[Bearbeiten]
1. Das Leben unter awarischer Herrschaft war von einem grundlegenden Gegensatz geprägt.
2. Diesem Gegensatz standen die mobile Welt der nomadischen Reiterelite und die feste Welt der ansässigen Bauern gegenüber.
3. Beide Lebensformen bestanden im Karpatenbecken über zwei Jahrhunderte nebeneinander.
4. Im Lauf der Zeit näherten sich beide Welten einander an und verschmolzen teilweise.
5. Dieses Kapitel betrachtet den Alltag der Menschen unter awarischer Herrschaft.
6. Es behandelt sowohl die kriegerische Mobilität der Elite als auch das Siedlungsleben der Bevölkerung.
7. Die Quellenlage für diesen Alltag ist ungleich verteilt.
8. Über die Kriegszüge der Awaren berichten die schriftlichen Quellen vergleichsweise ausführlich.
9. Über das Siedlungsleben schweigen die Schriftquellen weitgehend.
10. Den Alltag der Siedlungen erschließt fast ausschließlich die Archäologie.
11. Die awarische Oberschicht war ursprünglich ein Reitervolk der eurasischen Steppe.
12. Ihre Lebensweise war auf Beweglichkeit und auf das Pferd ausgerichtet.
13. Diese Mobilität bestimmte sowohl ihre Kriegsführung als auch ihren friedlichen Alltag.
14. Die berittene Lebensweise unterschied die Awaren grundlegend von der ansässigen Bevölkerung.
15. Die nomadischen Einfälle der Awaren richteten sich vor allem gegen das Byzantinische Reich.
16. Ziel dieser Einfälle waren die reichen Provinzen auf der Balkanhalbinsel.
17. Die Feldzüge folgten einem wiederkehrenden, jahreszeitlich bestimmten Rhythmus.
18. Im Frühjahr und Sommer, wenn die Pferde Weide fanden, zogen die Heere aus.
19. Im Winter kehrten die Krieger in die Lager des Karpatenbeckens zurück.
20. Ein awarischer Kriegszug verfolgte in der Regel kein Eroberungsziel im modernen Sinn.
21. Es ging zumeist um Beute, um Gefangene und um die Erpressung von Tributzahlungen.
22. Die Awaren plünderten Dörfer und Städte und führten Vieh und Menschen mit sich fort.
23. Die mitgeführten Gefangenen wurden als Arbeitskräfte verschleppt oder gegen Lösegeld freigegeben.
24. Eine besondere Form der awarischen Kriegsführung war die Belagerung befestigter Städte.
25. Für Belagerungen setzten die Awaren ihre slawischen und sonstigen Hilfsvölker ein.
26. Diese Hilfsvölker bauten Belagerungsgerät und führten die gefährliche Nahkampfarbeit aus.
27. Die Awaren übernahmen dabei Belagerungstechniken aus der byzantinischen Welt.
28. Byzantinische Quellen berichten vom Einsatz von Wurfmaschinen und Belagerungstürmen durch die Awaren.
29. Dieses technische Wissen erlangten die Awaren wohl durch Gefangene und Überläufer.
30. Die Beweglichkeit der awarischen Reiterheere machte sie für die Gegner schwer berechenbar.
31. Awarische Verbände konnten in kurzer Zeit große Entfernungen zurücklegen.
32. Sie tauchten oft überraschend an Orten auf, an denen man sie nicht erwartete.
33. Die byzantinische Verteidigung war dieser Beweglichkeit oft unterlegen.
34. Die Einfälle trafen die betroffene Bevölkerung des Balkans mit voller Härte.
35. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Städte zerstört und entvölkert.
36. Viele Bewohner flohen in die Berge, auf Inseln oder hinter feste Stadtmauern.
37. Die awarischen Einfälle trugen so zur Umgestaltung der Balkanhalbinsel bei.
38. Im Schatten dieser Einfälle siedelten sich slawische Gruppen dauerhaft auf dem Balkan an.
39. Die awarische Kriegsführung beschleunigte damit die slawische Landnahme in Südosteuropa.
40. Für die awarische Elite selbst waren die Kriegszüge eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
41. Beute und Tribut sicherten den Reichtum und das Ansehen der Krieger.
42. Erfolgreiche Feldzüge stärkten zugleich die Stellung des Khagans.
43. Das Ausbleiben von Erfolgen schwächte die Bindekraft des gesamten Verbandes.
44. Nach der gescheiterten Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 ließen die großen Einfälle nach.
45. Die Awaren wandten sich verstärkt der Sicherung ihrer Kernzone im Karpatenbecken zu.
46. Damit gewann das Siedlungsleben gegenüber dem Kriegszug an Bedeutung.
47. Das Karpatenbecken selbst war der Lebensraum, in dem sich der awarische Alltag abspielte.
48. Die awarische Elite lebte hier zunächst weitgehend nach nomadischer Art.
49. Sie bewohnte Zelte und bewegliche Behausungen und zog mit ihren Herden umher.
50. Diese Wanderungen folgten festen, jahreszeitlich bestimmten Routen.
51. Im Sommer wurden die höher gelegenen oder entfernteren Weiden genutzt.
52. Im Winter zog man in geschützte Lager an Flüssen und in Niederungen.
53. Diese Form der geregelten Wanderweidewirtschaft wird als Transhumanz bezeichnet.
54. Die awarische Mobilität war damit kein zielloses Umherziehen.
55. Sie folgte vielmehr einem festen, durch Erfahrung erprobten Jahreszyklus.
56. Das Pferd stand im Mittelpunkt dieser nomadischen Lebensweise.
57. Es diente als Reittier, als Lastträger und als Statussymbol zugleich.
58. Daneben hielten die Awaren Rinder, Schafe und Ziegen in großen Herden.
59. Diese Herden lieferten Fleisch, Milch, Häute, Wolle und Horn.
60. Aus Milch wurden haltbare Produkte wie Käse und gesäuerte Getränke hergestellt.
61. Die Viehzucht bildete die wirtschaftliche Grundlage der awarischen Elite.
62. Die awarische Lebensweise blieb jedoch nicht über zwei Jahrhunderte unverändert.
63. Im Lauf der Zeit wurde die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
64. Die nomadische Wanderweidewirtschaft trat hinter feste Siedlungen zurück.
65. Dieser Wandel vollzog sich vor allem ab der Mitte des 7. Jahrhunderts.
66. Die spätawarische Gesellschaft war deutlich stärker auf den Ackerbau ausgerichtet.
67. Der größte Teil der Bevölkerung lebte ohnehin von Anfang an sesshaft.
68. Diese sesshafte Mehrheit bestand vor allem aus Slawen und aus Resten älterer Völker.
69. Sie bewohnte feste Dörfer und betrieb Ackerbau und Handwerk.
70. Das typische Wohngebäude dieser Dörfer war das Grubenhaus.
71. Ein Grubenhaus war ein kleines, teilweise in den Boden eingetieftes Gebäude.
72. Die eingetiefte Bauweise bot Schutz vor Kälte im Winter und Hitze im Sommer.
73. Die Grundfläche eines solchen Hauses betrug meist nur wenige Quadratmeter.
74. Die Wände bestanden aus Holz, Flechtwerk und Lehm.
75. Das Dach war mit Stroh, Schilf oder Rasensoden gedeckt.
76. Im Inneren befand sich häufig ein Ofen oder eine Feuerstelle in einer Ecke.
77. Dieser Ofen diente zum Heizen und zum Zubereiten der Mahlzeiten.
78. Ein awarenzeitliches Dorf bestand aus mehreren solcher Grubenhäuser.
79. Zu einem Dorf gehörten außerdem Vorratsgruben, Brunnen und Werkstattbereiche.
80. In den Vorratsgruben wurde Getreide für den Winter und für die Aussaat gelagert.
81. Solche Dörfer lagen bevorzugt in der Nähe von Flüssen, Bächen und fruchtbaren Böden.
82. Die Wasserläufe sicherten die Versorgung von Mensch, Vieh und Feldern.
83. Befestigungen besaßen die awarenzeitlichen Dörfer in der Regel nicht.
84. Der Schutz der Bevölkerung beruhte auf der militärischen Macht der awarischen Elite.
85. Der wirtschaftliche Mittelpunkt des Dorflebens war der Ackerbau.
86. Angebaut wurden vor allem Getreidearten wie Weizen, Gerste und Hirse.
87. Daneben kultivierte man Hülsenfrüchte und verschiedene Gartenpflanzen.
88. Die Felder wurden mit einem einfachen, von Tieren gezogenen Pflug bestellt.
89. Das geerntete Getreide wurde auf Handmühlen aus Stein zu Mehl gemahlen.
90. Neben dem Ackerbau betrieb die Dorfbevölkerung Viehzucht im kleineren Rahmen.
91. Schweine, Geflügel, Rinder und Schafe ergänzten die Ernährung der Bauern.
92. Jagd und Fischfang lieferten zusätzliche Nahrung.
93. Der Alltag in den Dörfern war von harter, jahreszeitlich bestimmter Arbeit geprägt.
94. Aussaat, Ernte und die Versorgung des Viehs gaben den Jahresrhythmus vor.
95. In den Dörfern wurde ein breites Spektrum handwerklicher Tätigkeiten ausgeübt.
96. Töpfer fertigten Gefäße für Vorrat, Zubereitung und Verzehr der Speisen.
97. Awarenzeitliche Keramik wurde häufig auf der langsam drehenden Töpferscheibe geformt.
98. Weberinnen stellten aus Wolle und Flachs Stoffe für die Kleidung her.
99. Diese textile Arbeit war zumeist in den einzelnen Haushalten angesiedelt.
100. Schmiede verarbeiteten Eisen zu Werkzeugen, Geräten und Waffen.
101. Eisengeräte wie Sicheln, Messer und Pflugteile waren für die Landwirtschaft unentbehrlich.
102. Eine besondere Stellung nahm das Metallhandwerk der Edelmetallverarbeitung ein.
103. Goldschmiede und Bronzegießer fertigten Schmuck und die kostbaren Gürtelbeschläge.
104. Dieses anspruchsvolle Handwerk arbeitete vor allem für die awarische Oberschicht.
105. Die awarenzeitliche Gesellschaft war damit wirtschaftlich klar arbeitsteilig gegliedert.
106. Zwischen der nomadischen Elite und den sesshaften Dörfern bestand ein enger Austausch.
107. Die Dörfer lieferten Getreide, handwerkliche Erzeugnisse und Abgaben an die Herrschaft.
108. Die Elite gewährte im Gegenzug militärischen Schutz und sicherte die Ordnung.
109. Dieser Austausch war jedoch ungleich und von Abhängigkeit geprägt.
110. Die Last der Abgaben und Dienste trug die unterworfene Bevölkerung.
111. Die ansässige Bevölkerung war zu Tribut, Naturalabgaben und Arbeitsleistungen verpflichtet.
112. Im Kriegsfall musste sie zudem Fußtruppen für das awarische Heer stellen.
113. Über die genaue Höhe und Form dieser Abgaben schweigen die Quellen.
114. Erkennbar ist nur das grundsätzliche Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung.
115. Trotz dieser Lasten war die unterworfene Bevölkerung nicht durchweg rechtlos.
116. Die Dörfer regelten viele Angelegenheiten ihres Alltags in eigener Verantwortung.
117. Die slawische Bevölkerung bewahrte ihre Sprache, ihre Bräuche und ihre Lebensweise.
118. Das Awarenreich griff offenbar nur dort in den Dorfalltag ein, wo es um Herrschaftsinteressen ging.
119. Das Verhältnis zwischen Awaren und Untertanen war nicht spannungsfrei.
120. Die slawische Bevölkerung erhob sich mehrfach gegen die awarische Oberhoheit.
121. Die bekannteste Erhebung führte zur Entstehung des Reiches Samos im frühen 7. Jahrhundert.
122. Solche Erhebungen zeigen, dass die awarische Herrschaft auf Druck und nicht auf Zustimmung beruhte.
123. Mit der Zeit verschmolzen die awarische und die slawische Bevölkerung jedoch zunehmend.
124. Die ursprünglich scharfe Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten verlor an Schärfe.
125. Der Alltag der awarenzeitlichen Menschen wird durch die Gräberfelder besonders anschaulich.
126. Die Beigaben in den Gräbern spiegeln Tätigkeiten, Rang und Lebensumstände wider.
127. Werkzeuge in Gräbern verweisen auf die handwerkliche oder bäuerliche Arbeit der Verstorbenen.
128. Schmuck und Tracht zeigen das Aussehen der Menschen und ihre gesellschaftliche Stellung.
129. Speisebeigaben deuten auf die Ernährung und auf die Vorstellungen vom Jenseits hin.
130. Auch die Gesundheit der awarenzeitlichen Bevölkerung lässt sich aus den Skeletten ablesen.
131. Die Knochen zeigen Spuren von schwerer Arbeit, von Krankheiten und von Mangelzeiten.
132. Verletzungen an Skeletten zeugen von Unfällen und von kriegerischer Gewalt.
133. Die durchschnittliche Lebenserwartung war nach heutigen Maßstäben niedrig.
134. Die Kindersterblichkeit war hoch, wie der Anteil der Kindergräber zeigt.
135. Das Leben unter awarischer Herrschaft war für die meisten Menschen ein Leben harter Arbeit.
136. Die Ernährung der awarenzeitlichen Bevölkerung beruhte auf den Erzeugnissen der Landwirtschaft.
137. Getreidebrei und Brot bildeten die Grundnahrung der ansässigen Bevölkerung.
138. Fleisch und Milchprodukte spielten für die viehzüchtende Elite eine größere Rolle.
139. Die Versorgungslage hing stark von Ernteerträgen und vom Ausbleiben von Kriegszügen ab.
140. Missernten, Viehseuchen und feindliche Einfälle konnten rasch zu Hungersnöten führen.
141. Die Kleidung der awarenzeitlichen Menschen bestand aus Wolle, Leinen und Leder.
142. Die Tracht wurde durch Gürtel, Schnallen und Fibeln zusammengehalten und geschmückt.
143. Bei der Elite zeigten kostbare Beschläge und Schmuckstücke den hohen Rang an.
144. Die einfache Bevölkerung trug schlichtere Kleidung mit wenigen Verzierungen.
145. Die Familie und die Verwandtschaft bildeten den engsten Lebenskreis der Menschen.
146. Innerhalb der Familie waren die Aufgaben nach Geschlecht und Alter verteilt.
147. Männer waren für Feldarbeit, Viehhütung, Handwerk und Kriegsdienst zuständig.
148. Frauen versorgten den Haushalt, die Kinder, die Textilarbeit und die Gartenwirtschaft.
149. Kinder wurden früh in die Arbeit der Erwachsenen einbezogen.
150. Mehrere Familien gehörten zu größeren Verwandtschaftsverbänden und Dorfgemeinschaften.
151. Die religiösen Vorstellungen prägten den Alltag der awarenzeitlichen Menschen.
152. Die Steppentradition der Elite verehrte den Himmel und die Ahnen.
153. Die slawische Bevölkerung folgte ihren eigenen vorchristlichen Glaubensvorstellungen.
154. Bestattungssitten und Grabbeigaben verweisen auf den Glauben an ein Leben nach dem Tod.
155. Das Christentum spielte im awarenzeitlichen Alltag zunächst kaum eine Rolle.
156. Erst nach der fränkischen Eroberung um 800 setzte eine breitere Christianisierung ein.
157. Das spätawarische Karpatenbecken war von einem dichten Netz von Dörfern überzogen.
158. Die Bevölkerung war in dieser Phase zahlreicher und stärker sesshaft als zuvor.
159. Die einstige Trennung zwischen nomadischer Elite und ansässiger Mehrheit war weitgehend verschwunden.
160. Aus dem Reitervolk und seinen Untertanen war eine stärker einheitliche Bevölkerung geworden.
161. Diese Bevölkerung lebte überwiegend vom Ackerbau und von der bäuerlichen Viehhaltung.
162. Die nomadische Lebensweise war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Erbe der Vergangenheit.
163. Das Ende dieser awarenzeitlichen Lebenswelt kam mit den fränkischen Feldzügen um 800.
164. Die fränkische Eroberung zerschlug die awarische Herrschaftsordnung.
165. Die Dörfer und ihre Bevölkerung bestanden jedoch über den Untergang des Reiches hinaus fort.
166. Die Menschen blieben im Karpatenbecken und führten ihr bäuerliches Leben weiter.
167. Unter fränkischer und später anderer Oberhoheit setzte sich das Siedlungsleben fort.
168. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken in Besitz nahmen, war das Land besiedelt.
169. Sie trafen auf eine ansässige, vorwiegend bäuerliche Bevölkerung.
170. Diese Bevölkerung lebte in Dörfern, deren Lebensform sich in awarischer Zeit herausgebildet hatte.
171. Die landwende Ungarn übernahmen damit eine bereits erschlossene Kulturlandschaft.
172. Die nomadische Lebensweise der landnehmenden Ungarn ähnelte der frühen awarischen.
173. Auch die Ungarn durchliefen später den Übergang von der Mobilität zur Sesshaftigkeit.
174. Insofern wiederholte sich im Karpatenbecken ein bereits in awarischer Zeit erprobtes Muster.
175. Das Leben unter awarischer Herrschaft verband zwei Welten zu einer dauerhaften Ordnung.
176. Die kriegerische Mobilität der Elite sicherte die äußere Macht des Reiches.
177. Die sesshafte Arbeit der Dörfer sicherte seine wirtschaftliche Grundlage.
178. Aus dem Zusammenspiel beider entstand eine über zwei Jahrhunderte tragfähige Lebenswelt.
179. Diese Lebenswelt prägte das Karpatenbecken nachhaltig.
180. Sie bildete einen wichtigen Hintergrund für die spätere Geschichte des ungarischen Volkes.

Andere Völker im Raum: Slawen, Bulgaren und byzantinische Einflüsse

[Bearbeiten]
1. Das Awarenreich war keine isolierte Macht, sondern eingebettet in eine vielgestaltige Völkerwelt.
2. Im Karpatenbecken und in seinen Nachbarräumen lebten zur Awarenzeit zahlreiche unterschiedliche Völker.
3. Slawen, Bulgaren, Reste germanischer Gruppen und romanische Bevölkerungen prägten den Raum mit.
4. Über allem lag der weitreichende Einfluss des Byzantinischen Reiches.
5. Erst dieses Geflecht von Völkern und Mächten macht die Awarenzeit verständlich.
6. Dieses Kapitel betrachtet die Awaren daher im Zusammenhang ihrer Umwelt.
7. Es behandelt die Slawen, die Bulgaren und die byzantinischen Einflüsse im mittleren Donauraum.
8. Die mit Abstand bedeutendste Bevölkerungsgruppe neben den Awaren waren die Slawen.
9. Die Slawen traten im 6. Jahrhundert in größerem Umfang in das Licht der Geschichte.
10. Ihre Urheimat lag nach verbreiteter Ansicht im Gebiet nördlich der Karpaten.
11. Dieses Gebiet erstreckte sich etwa zwischen der mittleren Weichsel und dem Dnjepr.
12. Von dort breiteten sich slawische Gruppen seit dem 6. Jahrhundert in mehrere Richtungen aus.
13. Eine Wanderbewegung führte nach Westen in das Gebiet der heutigen Tschechien und Ostdeutschlands.
14. Eine zweite Bewegung führte nach Süden auf die Balkanhalbinsel.
15. Eine dritte erfasste den Raum des Karpatenbeckens selbst.
16. Die Ursachen dieser slawischen Ausbreitung sind in der Forschung umstritten.
17. Bevölkerungswachstum, der Sog leerer Räume und der Druck anderer Völker werden als Gründe genannt.
18. Die slawische Ausbreitung fiel zeitlich mit dem Aufstieg der Awaren zusammen.
19. Beide Prozesse waren eng miteinander verflochten.
20. Die byzantinischen Quellen des 6. Jahrhunderts unterscheiden mehrere slawische Großgruppen.
21. Sie nennen die Sklavenen und die Anten als die wichtigsten dieser Gruppen.
22. Die Sklavenen siedelten westlich, die Anten östlich des unteren Donauraums.
23. Beide Gruppen unternahmen schon vor der Awarenzeit Einfälle in byzantinisches Gebiet.
24. Die Slawen jener Zeit lebten in kleinen, lockeren Verbänden ohne starke zentrale Führung.
25. Diese politische Zersplitterung machte sie für die straff geführten Awaren leicht angreifbar.
26. Die Awaren unterwarfen einen großen Teil der slawischen Gruppen ihrer Herrschaft.
27. Besonders die Anten gerieten unter schweren awarischen Druck.
28. Awarische Feldzüge gegen die Anten zerschlugen deren Verband im frühen 7. Jahrhundert.
29. Der Name der Anten verschwindet danach aus den Quellen.
30. Viele slawische Gruppen wurden so zu Untertanen des Awarenreiches.
31. Innerhalb des Awarenreiches stellten die Slawen die zahlenmäßige Mehrheit der Bevölkerung.
32. Sie bildeten die ansässige, bäuerliche Grundlage des Reiches.
33. Die Slawen bauten Getreide an und versorgten das Reich mit pflanzlicher Nahrung.
34. Im awarischen Heer dienten sie vor allem als Fußtruppen.
35. Bei Belagerungen leisteten slawische Hilfsvölker die schwere und gefährliche Arbeit.
36. Die Slawen trugen damit wesentlich zur militärischen und wirtschaftlichen Stärke der Awaren bei.
37. Das Verhältnis zwischen Awaren und Slawen war von Abhängigkeit und Spannung geprägt.
38. Die Slawen trugen die Last des Tributs und der Heeresfolge.
39. Mehrfach erhoben sich slawische Gruppen gegen die awarische Oberhoheit.
40. Die bedeutendste dieser Erhebungen führte zur Entstehung des Reiches Samos.
41. Samo war ein fränkischer Kaufmann, der um 623 mehrere slawische Gruppen einte.
42. Er führte die aufständischen Slawen erfolgreich gegen die Awaren.
43. Das Reich Samos behauptete sich mehrere Jahrzehnte gegen awarischen und fränkischen Druck.
44. Es lag im Raum des heutigen Mähren, Böhmen und angrenzender Gebiete.
45. Nach dem Tod Samos um 658 zerfiel dieses Herrschaftsgebilde wieder.
46. Das Reich Samos gilt als das erste bekannte slawische Staatsgebilde der Geschichte.
47. Es zeigt, dass die awarische Herrschaft über die Slawen nie vollständig gesichert war.
48. Im Karpatenbecken selbst lebten Awaren und Slawen über zwei Jahrhunderte eng zusammen.
49. Aus diesem Zusammenleben entwickelte sich eine fortschreitende Verschmelzung.
50. Die Archäologie zeigt eine zunehmende Vermischung awarischer und slawischer Kulturelemente.
51. Die spätawarische Bevölkerung war ethnisch kaum noch klar zu trennen.
52. Sprachlich gewann das Slawische im Reich an Bedeutung.
53. Manche Forscher vermuten, dass das Slawische zur verbreiteten Verkehrssprache wurde.
54. Die slawische Präsenz im Karpatenbecken war von dauerhafter Wirkung.
55. Slawische Ortsnamen und Lehnwörter im Ungarischen zeugen bis heute davon.
56. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken besetzten, trafen sie auf eine slawische Bevölkerung.
57. Diese slawische Bevölkerung ging später zu großen Teilen im ungarischen Volk auf.
58. Eine zweite bedeutende Völkergruppe im Raum bildeten die Bulgaren.
59. Die Bulgaren waren ein Reitervolk turksprachiger Herkunft aus der eurasischen Steppe.
60. Sie werden in den Quellen häufig als Protobulgaren bezeichnet.
61. Diese Bezeichnung unterscheidet sie von den späteren, slawisierten Bulgaren.
62. Die Bulgaren standen den Awaren in Lebensweise und Herkunft nahe.
63. Auch sie waren berittene Steppennomaden mit einer kriegerischen Elite.
64. Ein Teil der Bulgaren gehörte zeitweise dem awarischen Herrschaftsverband an.
65. Diese bulgarischen Gruppen lebten innerhalb des Karpatenbeckens unter awarischer Oberhoheit.
66. Im 7. Jahrhundert kam es zu Spannungen zwischen Awaren und Bulgaren.
67. Die fränkischen Quellen berichten von einem Machtkampf um die awarische Khaganswürde.
68. An diesem Kampf sollen bulgarische Gruppen beteiligt gewesen sein.
69. Die unterlegenen Bulgaren mussten daraufhin das Karpatenbecken verlassen.
70. Außerhalb des Awarenreiches bildeten die Bulgaren eine eigenständige Macht.
71. Nördlich des Schwarzen Meeres entstand im 7. Jahrhundert ein bulgarisches Reich.
72. Dieses Reich wird in der Forschung als Großbulgarien bezeichnet.
73. Sein Begründer war der bulgarische Herrscher Kuwrat.
74. Kuwrat einte mehrere bulgarische Stämme und löste sie aus der awarischen Abhängigkeit.
75. Nach dem Tod Kuwrats zerfiel das Großbulgarische Reich.
76. Die bulgarischen Stämme zogen daraufhin in verschiedene Richtungen.
77. Eine Gruppe zog nach Norden an die mittlere Wolga.
78. Dort gründete sie das Reich der Wolgabulgaren.
79. Eine andere Gruppe zog unter ihrem Anführer Asparuch nach Südwesten.
80. Diese Gruppe überschritt die untere Donau und drang auf den Balkan vor.
81. Im Jahr 681 gründeten die Bulgaren Asparuchs ein Reich südlich der Donau.
82. Dieses Donaubulgarische Reich ist der Ursprung des späteren Bulgarien.
83. Die bulgarische Reiterelite herrschte dort über eine slawische Mehrheitsbevölkerung.
84. Im Lauf der Zeit verschmolz die turksprachige Elite mit den Slawen.
85. Aus dieser Verschmelzung ging das slawischsprachige bulgarische Volk hervor.
86. Das Donaubulgarische Reich wurde zum südöstlichen Nachbarn des Awarenreiches.
87. Zwischen Awaren und Donaubulgaren bestand damit eine gemeinsame Interessensphäre an der unteren Donau.
88. Nach dem Untergang des Awarenreiches dehnten die Bulgaren ihre Macht nach Norden aus.
89. Teile des östlichen Karpatenbeckens gerieten im 9. Jahrhundert unter bulgarischen Einfluss.
90. Als die Ungarn das Karpatenbecken besetzten, trafen sie auch auf bulgarische Machtansprüche.
91. Die dritte prägende Macht im Raum war das Byzantinische Reich.
92. Byzanz war der östliche Fortbestand des Römischen Reiches mit seiner Hauptstadt Konstantinopel.
93. Es war die mächtigste und kulturell bedeutendste Macht im Umfeld der Awaren.
94. Byzanz wirkte auf die Awarenzeit auf sehr unterschiedliche Weise ein.
95. Es war Gegner, Geldgeber und kulturelles Vorbild zugleich.
96. In militärischer Hinsicht war Byzanz der Hauptgegner der awarischen Einfälle.
97. Die awarischen Feldzüge richteten sich vor allem gegen byzantinische Provinzen auf dem Balkan.
98. Zugleich war Byzanz die wichtigste Quelle des awarischen Reichtums.
99. Über Jahrzehnte zahlte Byzanz hohe jährliche Tribute an die Awaren.
100. Diese Zahlungen brachten große Mengen byzantinischen Goldes ins Awarenreich.
101. Das byzantinische Gold prägte den Reichtum und die Kunst der awarischen Elite.
102. Byzantinische Goldmünzen dienten den Awaren als Wertspeicher und als Rohstoff für Schmuck.
103. Auch in politischer Hinsicht war Byzanz für die Awaren von großer Bedeutung.
104. Die Awaren waren ursprünglich als byzantinische Verbündete in den Raum gekommen.
105. Diplomatische Gesandtschaften verkehrten regelmäßig zwischen beiden Mächten.
106. Verträge, Bündnisse und Drohungen bestimmten dieses wechselhafte Verhältnis.
107. Der Herrschertitel des Khagans erhielt seinen Rang auch im Vergleich zum byzantinischen Kaiser.
108. Die Awaren maßen ihren Anspruch bewusst an der Größe des byzantinischen Reiches.
109. Der kulturelle Einfluss von Byzanz auf die Awarenzeit war beträchtlich.
110. Byzantinische Vorbilder wirkten besonders stark auf das awarische Kunsthandwerk.
111. Awarische Goldschmiede übernahmen byzantinische Techniken und Verzierungsformen.
112. Manche awarischen Schmuckstücke lassen sich kaum von byzantinischen Erzeugnissen unterscheiden.
113. Ein Teil der Prunkstücke gelangte als Geschenk oder Beute aus Byzanz ins Awarenreich.
114. Andere wurden von einheimischen Handwerkern nach byzantinischem Vorbild gefertigt.
115. Auch militärisches Wissen übernahmen die Awaren von Byzanz.
116. Die awarische Belagerungstechnik beruhte auf byzantinischen Verfahren.
117. Dieses Wissen gelangte durch Gefangene, Überläufer und Beobachtung in awarische Hände.
118. Umgekehrt beeinflussten auch die Awaren die byzantinische Kriegsführung.
119. Byzantinische Militärschriften beschreiben die Taktik der Awaren mit großem Respekt.
120. Das byzantinische Heer übernahm Elemente der awarischen Reiterausrüstung.
121. Auch der Steigbügel gelangte über die Awaren in die byzantinische und westliche Welt.
122. Der kulturelle Austausch verlief somit in beide Richtungen.
123. Neben Slawen, Bulgaren und Byzantinern lebten weitere Gruppen im Raum.
124. Im Karpatenbecken bestanden Reste der germanischen Gepiden fort.
125. Die Gepiden waren zwar 567 als eigenständige Macht zerschlagen worden.
126. Ein Teil ihrer Bevölkerung lebte jedoch unter awarischer Herrschaft weiter.
127. Archäologische Funde belegen die Fortdauer gepidischer Gruppen bis ins 7. Jahrhundert.
128. Auch romanische Bevölkerungsreste bestanden in einigen Gebieten fort.
129. Diese romanische Bevölkerung ging auf die einstige Provinzbevölkerung der Römerzeit zurück.
130. Sie hielt sich vor allem in Rückzugsgebieten und in den Randzonen des Beckens.
131. Im Westen grenzte das Awarenreich an das Reich der Franken.
132. Die Franken waren ein germanisches Großreich, das später unter Karl dem Großen seine größte Macht erreichte.
133. Zwischen Awaren und Franken lag eine umstrittene Grenzregion im Osten des Frankenreiches.
134. Slawische Gruppen wie die Karantanen siedelten in dieser Übergangszone.
135. Diese slawischen Gruppen gerieten zwischen awarischen und fränkischen Einfluss.
136. Im Norden und Osten grenzte das Awarenreich an weitere slawische Siedlungsgebiete.
137. Im Lauf des 8. Jahrhunderts gewann das Frankenreich gegenüber den Awaren an Übergewicht.
138. Schließlich war es das Frankenreich, das das Awarenreich zerschlug.
139. Das Geflecht der Völker im Karpatenbecken war damit ständig in Bewegung.
140. Völker wanderten ein, andere wurden unterworfen, wieder andere verschmolzen miteinander.
141. Das Awarenreich bildete für zwei Jahrhunderte den ordnenden Rahmen dieses Geflechts.
142. Es band Slawen, Bulgaren und germanische Reste in einen gemeinsamen Verband ein.
143. Mit dem Untergang des Awarenreiches zerfiel diese ordnende Klammer.
144. Im 9. Jahrhundert entstand im Karpatenbecken ein politisches Mosaik.
145. Im Westen reichte der fränkische Einfluss tief in den Raum hinein.
146. Im Osten und Süden machte sich bulgarischer Einfluss geltend.
147. Dazwischen bestanden slawische Herrschaften wie das mährische Reich.
148. Das Großmährische Reich war das bedeutendste slawische Gebilde dieser Zeit im Raum.
149. Es entstand im 9. Jahrhundert nördlich der mittleren Donau.
150. In diese Welt mehrerer konkurrierender Mächte traten um 895 die Ungarn ein.
151. Die landnehmenden Ungarn fanden im Karpatenbecken keine einheitliche Herrschaft vor.
152. Sie trafen auf ein Nebeneinander von slawischen, bulgarischen und fränkisch beeinflussten Gebieten.
153. Diese politische Zersplitterung erleichterte den Ungarn die Besitznahme des Beckens.
154. Die vorgefundene Bevölkerung bestand vor allem aus Slawen.
155. Diese slawische Bevölkerung ging in den folgenden Jahrhunderten im ungarischen Volk auf.
156. Zahlreiche slawische Lehnwörter im Ungarischen zeugen von dieser Begegnung.
157. Diese Lehnwörter betreffen besonders Ackerbau, Handwerk, Verwaltung und Christentum.
158. Auch ein Teil der awarischen und bulgarischen Bevölkerung lebte zur Zeit der Landnahme fort.
159. Das Karpatenbecken war damit zur Zeit der ungarischen Landnahme ein vielvölkischer Raum.
160. Die Ungarn fügten ihrer Herrschaft eine bereits geschichtete Bevölkerung hinzu.
161. Aus dieser Verbindung entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten das ungarische Volk.
162. Die byzantinischen Einflüsse blieben auch nach der Awarenzeit im Raum wirksam.
163. Byzanz wirkte über Handel, Diplomatie und Mission auf das Karpatenbecken ein.
164. Auch auf das frühe ungarische Reich übte Byzanz einen erkennbaren Einfluss aus.
165. Die ungarische Christianisierung erhielt zeitweise auch Anstöße aus der byzantinischen Welt.
166. Letztlich setzte sich in Ungarn jedoch das westliche, lateinische Christentum durch.
167. Die Völkerwelt der Awarenzeit bildet damit eine wichtige Vorgeschichte des ungarischen Reiches.
168. Slawen, Bulgaren und Byzanz waren die prägenden Kräfte dieser Vorgeschichte.
169. Die Slawen stellten die ansässige Bevölkerung, in die die Ungarn eintraten.
170. Die Bulgaren waren benachbarte und konkurrierende Steppenmacht zugleich.
171. Byzanz war die kulturelle und politische Großmacht im Hintergrund.
172. Erst das Zusammenspiel dieser Kräfte erklärt die Lage bei der ungarischen Landnahme.
173. Das Awarenreich hatte diese Völker für zwei Jahrhunderte unter einer Herrschaft zusammengefasst.
174. Damit hatte es den Raum auf eine neue, größere Ordnung vorbereitet.
175. Die Ungarn knüpften nach 895 in mancher Hinsicht an diese awarische Ordnung an.
176. Auch sie einten die vielen Völker des Beckens unter einer einzigen Herrschaft.
177. Die Awarenzeit zeigt damit ein Grundmuster der Geschichte des Karpatenbeckens.
178. Der Raum war stets ein Treffpunkt und Schmelztiegel verschiedener Völker.
179. Aus dem Zusammenwirken dieser Völker entstanden immer wieder neue Ordnungen.
180. Die Geschichte des ungarischen Volkes ist aus diesem vielvölkischen Erbe hervorgegangen.

Das Avarische Reich im Niedergang: Innere Konflikte und Druck von außen

[Bearbeiten]
1. Das Awarenreich hatte über zwei Jahrhunderte als beherrschende Macht im Karpatenbecken bestanden.
2. In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts geriet diese alte Ordnung jedoch in eine tiefe Krise.
3. Innerhalb weniger Jahrzehnte zerfiel das Reich, das so lange stabil gewirkt hatte.
4. Der Niedergang der Awaren war das Ergebnis mehrerer ineinandergreifender Ursachen.
5. Innere Schwäche und äußerer Druck wirkten dabei zusammen.
6. Dieses Kapitel betrachtet die Gründe und den Verlauf dieses Niedergangs.
7. Es behandelt die inneren Konflikte des Reiches und den wachsenden Druck von außen.
8. Den Abschluss bilden die fränkischen Feldzüge, die das Reich endgültig zerschlugen.
9. Die Wurzeln des Niedergangs reichten weit zurück.
10. Bereits die gescheiterte Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 hatte das Reich geschwächt.
11. Diese Niederlage hatte die Expansionskraft der Awaren dauerhaft gebrochen.
12. Nach 626 ließen die großen, gewinnbringenden Feldzüge weitgehend nach.
13. Damit versiegte eine wichtige Quelle des awarischen Reichtums.
14. Beute und erpresster Tribut hatten die Loyalität der Kriegerelite gesichert.
15. Ohne diese Einnahmen verlor die Herrschaft des Khagans an Bindekraft.
16. Schon im 7. Jahrhundert hatten sich erste Teile des Reiches gelöst.
17. Die slawische Erhebung unter Samo hatte den awarischen Machtbereich im Westen verkleinert.
18. Die Loslösung der Bulgaren hatte das Reich im Osten geschwächt.
19. Das Awarenreich des 8. Jahrhunderts war damit kleiner und ärmer als zur Zeit seiner Blüte.
20. Es war zu einer regionalen Macht geschrumpft, die auf das Karpatenbecken beschränkt blieb.
21. Im Inneren war das Reich von strukturellen Schwächen gekennzeichnet.
22. Das Awarenreich besaß keine feste Verwaltung und keine geschriebenen Gesetze.
23. Sein Zusammenhalt beruhte allein auf der Person des Herrschers und auf Treueverhältnissen.
24. Eine solche Ordnung war nur so stark wie die Autorität des jeweiligen Khagans.
25. Ein schwacher oder erfolgloser Herrscher gefährdete sofort den Bestand des ganzen Verbandes.
26. Über die inneren Verhältnisse des späten Awarenreiches berichten die Quellen nur spärlich.
27. Erkennbar ist jedoch, dass die Einheit des Reiches im 8. Jahrhundert brüchig wurde.
28. Die fränkischen Quellen lassen auf rivalisierende Machtträger innerhalb des Reiches schließen.
29. Neben dem Khagan tritt in den Berichten ein Würdenträger mit dem Titel Jugurrus auf.
30. Daneben erscheint der Tudun, ein Statthalter über einen Teil des Reiches.
31. Diese Würdenträger handelten in der Spätzeit zunehmend eigenständig.
32. Die Zersplitterung der Macht schwächte die Handlungsfähigkeit des Reiches.
33. In der Endphase berichten die Quellen sogar von offenen inneren Kämpfen.
34. Verschiedene awarische Machtträger bekämpften einander um den Vorrang.
35. Diese inneren Konflikte lähmten die Verteidigung gegen die äußeren Feinde.
36. Ein zerstrittenes Reich konnte einem geschlossenen Gegner nur wenig entgegensetzen.
37. Zur inneren Schwäche trat ein gewandeltes außenpolitisches Umfeld.
38. Über lange Zeit war das Frankenreich kein gefährlicher Nachbar der Awaren gewesen.
39. Im 8. Jahrhundert wandelte sich das Frankenreich jedoch zur dominierenden Macht des Westens.
40. Unter der Dynastie der Karolinger gewann es stark an Geschlossenheit und Stärke.
41. Der bedeutendste Herrscher dieser Dynastie war Karl der Große.
42. Karl der Große regierte das Frankenreich seit dem Jahr 768.
43. Unter seiner Herrschaft dehnte sich das Frankenreich nach allen Seiten aus.
44. Karl führte zahlreiche Eroberungs- und Unterwerfungskriege.
45. Ein langer und harter Krieg galt der Unterwerfung der Sachsen.
46. Ein anderer Feldzug führte zur Eroberung des Langobardenreiches in Italien.
47. Damit rückte das Frankenreich auch im Süden näher an den awarischen Raum heran.
48. Das wachsende Frankenreich grenzte schließlich unmittelbar an das Awarenreich.
49. Diese Nachbarschaft machte einen Zusammenstoß auf längere Sicht wahrscheinlich.
50. Zwischen Awaren und Franken lag eine umstrittene Grenzzone im Ostalpenraum.
51. In dieser Zone siedelten slawische Gruppen wie die Karantanen.
52. Diese slawischen Gebiete gerieten zunehmend unter fränkische Oberhoheit.
53. Damit verschob sich die Grenze des fränkischen Einflusses immer näher an das Awarenreich.
54. Die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges ist mit Bayern verbunden.
55. Bayern war bis dahin ein eigenständiges Herzogtum unter fränkischer Oberhoheit.
56. Der bayerische Herzog Tassilo führte eine gegen Karl gerichtete Politik.
57. Tassilo soll dabei ein Bündnis mit den Awaren gesucht haben.
58. Im Jahr 788 setzte Karl der Große den Herzog Tassilo ab.
59. Bayern wurde damit unmittelbar in das Frankenreich eingegliedert.
60. Durch die Eingliederung Bayerns wurde das Frankenreich zum direkten Nachbarn der Awaren.
61. Noch im Jahr 788 kam es zu ersten Kämpfen zwischen Franken und Awaren.
62. Awarische Verbände unternahmen Einfälle in das nun fränkische Bayern und nach Italien.
63. Diese awarischen Vorstöße wurden von fränkischen Truppen zurückgeschlagen.
64. Die Kämpfe von 788 markierten den Beginn der offenen Auseinandersetzung.
65. Karl der Große bereitete daraufhin einen großen Feldzug gegen das Awarenreich vor.
66. Die Vorbereitungen erstreckten sich über mehrere Jahre.
67. Karl ließ Nachschubwege sichern und Vorräte für das Heer anlegen.
68. Für den Transport auf der Donau wurden Schiffe und Brücken bereitgestellt.
69. Der fränkische Feldzug gegen die Awaren begann im Jahr 791.
70. Karl führte ein großes Heer in mehreren getrennten Marschsäulen heran.
71. Eine Säule zog südlich der Donau, eine weitere nördlich des Flusses.
72. Eine dritte Streitmacht rückte aus Italien über die Ostalpen heran.
73. Dieses Zusammenwirken sollte die awarische Verteidigung überfordern.
74. Das fränkische Heer drang 791 tief in awarisches Gebiet vor.
75. Die Awaren leisteten dem Vormarsch überraschend wenig geschlossenen Widerstand.
76. Die fränkischen Quellen berichten, dass die Awaren ihre Grenzbefestigungen aufgaben.
77. Das fränkische Heer stieß bis in das Gebiet zwischen Donau und Raab vor.
78. Ein entscheidendes Aufeinandertreffen blieb jedoch zunächst aus.
79. Eine Seuche unter den fränkischen Pferden zwang Karl zum Abbruch des Feldzugs.
80. Das fränkische Heer kehrte 791 ohne endgültige Entscheidung zurück.
81. Der geringe awarische Widerstand von 791 deutete bereits auf die innere Schwäche des Reiches hin.
82. In den folgenden Jahren brachen im Awarenreich offene innere Kämpfe aus.
83. Die fränkischen Quellen berichten von Auseinandersetzungen zwischen awarischen Machtträgern.
84. Bei diesen inneren Kämpfen kamen der Khagan und der Jugurrus ums Leben.
85. Der Tod der höchsten Würdenträger lähmte die Führung des Reiches vollständig.
86. Das Awarenreich war damit von innen heraus weitgehend handlungsunfähig geworden.
87. Diese Selbstzerstörung der awarischen Führung erleichterte den Franken ihr Werk erheblich.
88. Im Jahr 795 wandte sich ein awarischer Würdenträger an die Franken.
89. Der Tudun erklärte sich bereit, sich Karl zu unterwerfen.
90. Er stellte die Annahme des Christentums und die Anerkennung der fränkischen Oberhoheit in Aussicht.
91. Die awarische Einheit war damit endgültig zerbrochen.
92. Im selben Jahr drang ein fränkisches Heer erneut in awarisches Gebiet vor.
93. Dieses Heer wurde von Erich, dem Markgrafen von Friaul, geführt.
94. Erichs Truppen erreichten den zentralen Herrschaftssitz der Awaren.
95. Dieser Sitz war der sogenannte Ring, das befestigte Macht- und Schatzzentrum.
96. Der Ring wurde von den Franken eingenommen und geplündert.
97. In ihm lagerten die über zwei Jahrhunderte angesammelten Schätze des Reiches.
98. Den Franken fielen gewaltige Mengen an Gold und Silber in die Hände.
99. Die fränkischen Quellen berichten, der Schatz habe viele Wagen gefüllt.
100. Der awarische Schatz wurde zu Karl dem Großen gebracht.
101. Karl verteilte einen Teil des Schatzes an Kirchen, Klöster und Getreue.
102. Der erbeutete awarische Goldschatz galt den Zeitgenossen als sagenhaft groß.
103. Mit dem Verlust des Rings verloren die Awaren ihr Macht- und Schatzzentrum.
104. Der wirtschaftliche und symbolische Kern des Reiches war damit zerstört.
105. Im Jahr 796 wurde der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
106. Ein fränkisches Heer unter Karls Sohn Pippin zog erneut gegen die Awaren.
107. Pippin war von seinem Vater zum König von Italien eingesetzt worden.
108. Sein Heer drang abermals bis zum Ring vor.
109. Der awarische Khagan unterwarf sich daraufhin förmlich der fränkischen Herrschaft.
110. Er erschien vor Pippin, leistete den Treueeid und nahm das Christentum an.
111. Mit dieser Unterwerfung endete das Awarenreich als eigenständige Macht.
112. Was über zwei Jahrhunderte bestanden hatte, war binnen weniger Jahre zerfallen.
113. Der rasche Zusammenbruch überraschte schon die Zeitgenossen.
114. Er erklärt sich nur aus dem Zusammentreffen von innerer Schwäche und äußerem Druck.
115. Die fränkische Überlegenheit allein hätte den raschen Untergang kaum bewirkt.
116. Ebenso entscheidend war die Selbstzerstörung der awarischen Führung in inneren Kämpfen.
117. Mit der Unterwerfung von 796 war der Krieg jedoch noch nicht ganz beendet.
118. In den folgenden Jahren kam es zu vereinzelten awarischen Erhebungen.
119. Reste der awarischen Elite versuchten, die fränkische Oberhoheit wieder abzuschütteln.
120. Diese Aufstände wurden von fränkischen Truppen niedergeschlagen.
121. Bei den Kämpfen um das Jahr 799 fielen mehrere fränkische Befehlshaber.
122. Auch der Markgraf Erich von Friaul kam in dieser Zeit ums Leben.
123. Die letzten größeren Kämpfe fanden um das Jahr 803 statt.
124. Danach war der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
125. Das Awarenreich hatte damit endgültig aufgehört zu bestehen.
126. Die Awaren als Volk verschwanden mit dem Untergang ihres Reiches jedoch nicht sofort.
127. Ein Teil der awarischen Bevölkerung lebte unter fränkischer Oberhoheit weiter.
128. Karl der Große siedelte unterworfene Awaren in einem abhängigen Gebiet an.
129. Dieses Gebiet lag im Osten des fränkischen Einflussbereichs an der Donau.
130. Dort lebten die Awaren als christianisierte und fränkisch abhängige Bevölkerung.
131. Fränkische Missionare wirkten gezielt unter den unterworfenen Awaren.
132. Die Christianisierung der Awaren wurde von der Kirche planmäßig betrieben.
133. Bistümer wie Salzburg und Passau übernahmen die Mission im ehemaligen Awarengebiet.
134. Mit der Eingliederung in das Frankenreich verlor die awarische Oberschicht ihre Macht.
135. Die awarische Identität verlor in der Folgezeit zunehmend an Bedeutung.
136. Schriftliche Erwähnungen der Awaren werden im 9. Jahrhundert immer seltener.
137. Eine spätere Quelle berichtet, auf die Frage nach den Awaren habe es geheißen, sie seien verschwunden.
138. Diese Überlieferung bezeugt das endgültige Aufgehen der Awaren in anderen Völkern.
139. Die awarische Bevölkerung verschmolz mit den Slawen und der übrigen Bevölkerung des Raumes.
140. Der Untergang des Awarenreiches veränderte die politische Landkarte des Karpatenbeckens.
141. Im Westen reichte der fränkische Einfluss nun tief in das Becken hinein.
142. Im Südosten dehnte das Donaubulgarische Reich seine Macht nach Norden aus.
143. Teile des östlichen Karpatenbeckens gerieten unter bulgarische Oberhoheit.
144. Im Norden entstand mit dem Großmährischen Reich eine slawische Macht.
145. Das Karpatenbecken zerfiel damit in mehrere konkurrierende Einflusszonen.
146. Die alte ordnende Klammer des Awarenreiches war fortgefallen.
147. Kein neuer Verband fasste den gesamten Raum unter einer einzigen Herrschaft zusammen.
148. Das Becken war damit ein politisch zersplittertes Gebiet.
149. Diese Zersplitterung sollte für die folgende Geschichte des Raumes große Bedeutung gewinnen.
150. Im 9. Jahrhundert war das Karpatenbecken ein Raum ohne beherrschende Zentralmacht.
151. Diese Lage bestand noch, als sich am Ende des 9. Jahrhunderts die Ungarn näherten.
152. Die landnehmenden Ungarn trafen daher auf keine einheitliche, starke Gegenmacht.
153. Sie fanden ein Nebeneinander schwächerer und untereinander zerstrittener Herrschaften vor.
154. Diese politische Zersplitterung erleichterte den Ungarn die Besitznahme des Beckens erheblich.
155. Der Untergang der Awaren hatte damit den Raum für die ungarische Landnahme geöffnet.
156. Zwischen dem Ende des Awarenreiches und der ungarischen Landnahme lag rund ein Jahrhundert.
157. In diesem Jahrhundert blieb das Karpatenbecken politisch ungeordnet.
158. Manche Forscher sprechen für diese Zeit von einem awarischen Nachleben in Restgruppen.
159. Reste der awarisch geprägten Bevölkerung könnten die ungarische Landnahme noch erlebt haben.
160. In diesem Fall wären sie in das werdende ungarische Volk eingegangen.
161. Der Untergang des Awarenreiches lehrt einige allgemeine Einsichten über Steppenreiche.
162. Steppenreiche konnten rasch zu großer Macht aufsteigen.
163. Sie konnten aber ebenso rasch wieder zerfallen.
164. Ihr Bestand hing von der Autorität des Herrschers und vom äußeren Erfolg ab.
165. Blieben Beute und Tribut aus, so schwand die innere Bindekraft.
166. Ohne feste Verwaltung fehlte ein Gerüst, das innere Krisen überdauern konnte.
167. Das Awarenreich teilte dieses Schicksal mit anderen Steppenreichen seiner Art.
168. Schon das Hunnenreich Attilas war nach kurzer Blüte rasch zerfallen.
169. Das Awarenreich hatte demgegenüber immerhin über zwei Jahrhunderte bestanden.
170. Diese lange Dauer war für ein Steppenreich bemerkenswert.
171. Umso auffälliger war die Schnelligkeit seines endgültigen Zusammenbruchs.
172. Für die ungarische Geschichte ist der Untergang der Awaren von doppelter Bedeutung.
173. Zum einen schuf er die offene Lage, in die die Ungarn eintreten konnten.
174. Zum anderen bot er ein lehrreiches Beispiel für die Gefährdung von Steppenreichen.
175. Auch das frühe Ungarn war zunächst ein Reich von steppennomadischer Prägung.
176. Anders als die Awaren gelang es den Ungarn jedoch, ihr Reich dauerhaft zu festigen.
177. Sie nahmen das Christentum an und schufen eine feste staatliche Ordnung.
178. Auf diese Weise entgingen die Ungarn dem Schicksal der Awaren.
179. Das ungarische Reich überdauerte, wo das awarische untergegangen war.
180. Der Niedergang der Awaren bildet damit das Ende eines Zeitalters und zugleich den Auftakt zur ungarischen Geschichte.

Nach den Awaren: Das Machtvakuum im 8. Jahrhundert

[Bearbeiten]
1. Mit dem Untergang des Awarenreiches um die Wende zum 9. Jahrhundert endete eine lange Epoche der Geschichte des Karpatenbeckens.
2. Über zweihundert Jahre hatte das Awarenreich den Raum als beherrschende Macht zusammengehalten.
3. Sein Zerfall hinterließ eine tiefgreifende politische Lücke.
4. Diese Lücke wird in der Forschung als Machtvakuum des Karpatenbeckens bezeichnet.
5. Eine Vorbemerkung zur zeitlichen Einordnung ist hier nötig.
6. Das Awarenreich ging erst um 796 bis 803 unter.
7. Das eigentliche Machtvakuum betraf daher das 9. Jahrhundert.
8. Das ausgehende 8. Jahrhundert war lediglich die Zeit des awarischen Zusammenbruchs.
9. Dieses Kapitel behandelt die Lage des Karpatenbeckens nach dem Ende der awarischen Herrschaft.
10. Es betrachtet die Mächte, die in die entstandene Lücke vorstießen.
11. Der Begriff des Machtvakuums bedarf einer genauen Erläuterung.
12. Ein Machtvakuum bezeichnet einen Raum ohne beherrschende Zentralgewalt.
13. Der Raum ist dabei nicht menschenleer, sondern nur politisch ungeordnet.
14. Das Karpatenbecken war nach dem Ende der Awaren keineswegs unbesiedelt.
15. Es lebte dort weiterhin eine zahlreiche, vorwiegend bäuerliche Bevölkerung.
16. Was fehlte, war eine einzige Macht, die den ganzen Raum beherrschte.
17. An die Stelle der einen awarischen Herrschaft trat ein Nebeneinander mehrerer Kräfte.
18. Keine dieser Kräfte war stark genug, das gesamte Becken zu kontrollieren.
19. Genau dieses Nebeneinander macht das Wesen des Machtvakuums aus.
20. Die awarische Herrschaft endete nicht in einem einzigen Augenblick.
21. Sie zerbrach in einem mehrjährigen Prozess zwischen 791 und 803.
22. Die fränkischen Feldzüge unter Karl dem Großen zerschlugen das Reich.
23. Innere Kämpfe der awarischen Führung beschleunigten den Zusammenbruch.
24. Um 803 war der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
25. Danach bestand im Karpatenbecken keine awarische Zentralmacht mehr.
26. Die awarische Bevölkerung verschwand mit dem Reich jedoch nicht.
27. Sie lebte unter neuer Oberhoheit im Karpatenbecken weiter.
28. Damit war der Boden für die Neuordnung des Raumes bereitet.
29. In das entstandene Machtvakuum stießen mehrere Mächte gleichzeitig vor.
30. Die wichtigste dieser Mächte war das Frankenreich Karls des Großen.
31. Das Frankenreich war die stärkste Macht des damaligen Europa.
32. Es hatte das Awarenreich besiegt und dehnte seinen Einfluss nach Osten aus.
33. Der fränkische Einfluss erfasste vor allem den westlichen Teil des Karpatenbeckens.
34. Dieser Bereich umfasste den pannonischen Raum westlich der Donau.
35. Die Franken errichteten in den eroberten Gebieten Grenzmarken.
36. Eine Grenzmark war ein militärisch gesicherter Verwaltungsbezirk an der Reichsgrenze.
37. Im Ostalpenraum entstand die sogenannte Awarische Mark oder Ostmark.
38. Diese Mark sicherte die östliche Grenze des Frankenreiches gegen das Karpatenbecken.
39. Aus dieser fränkischen Grenzregion ging später das Herzogtum Österreich hervor.
40. Die fränkische Herrschaft im Westen war mit der Ausbreitung des Christentums verbunden.
41. Die Bistümer Salzburg und Passau übernahmen die Mission in den eroberten Gebieten.
42. Christliche Kirchen wurden errichtet und die Bevölkerung wurde getauft.
43. Im westlichen Karpatenbecken setzte damit eine fränkisch-kirchliche Durchdringung ein.
44. Eine zweite Macht stieß von Südosten in das Vakuum vor.
45. Diese Macht war das Donaubulgarische Reich.
46. Das Donaubulgarische Reich war im Jahr 681 südlich der unteren Donau gegründet worden.
47. Im 9. Jahrhundert dehnte es seine Macht kräftig nach Norden und Westen aus.
48. Die bulgarischen Herrscher nutzten den Untergang der Awaren für ihre Expansion.
49. Bulgarischer Einfluss erfasste den südöstlichen Teil des Karpatenbeckens.
50. Dazu gehörten Gebiete östlich der Theiß und im Banat.
51. Auch Siebenbürgen geriet teilweise unter bulgarischen Einfluss.
52. Für die Bulgaren war das Salz Siebenbürgens von besonderem wirtschaftlichem Interesse.
53. Die Salzvorkommen Siebenbürgens waren eine wertvolle Ressource.
54. Bulgarische Statthalter kontrollierten die Salzgewinnung und ihren Transport.
55. Damit reichte der bulgarische Machtbereich tief in das Karpatenbecken hinein.
56. Eine dritte Macht erwuchs aus den slawischen Bevölkerungen des Raumes.
57. Nördlich der mittleren Donau entstand das Großmährische Reich.
58. Das Großmährische Reich war ein slawisches Herrschaftsgebilde des 9. Jahrhunderts.
59. Sein Kerngebiet lag im Raum des heutigen Mähren und der westlichen Slowakei.
60. Das Reich entstand durch die Vereinigung mehrerer slawischer Fürstentümer.
61. Unter Herrschern wie Mojmir, Rastislav und Svatopluk gewann es an Macht.
62. Das Großmährische Reich dehnte seinen Einfluss zeitweise weit aus.
63. Es geriet dabei in Konkurrenz sowohl zum Frankenreich als auch zu Bulgarien.
64. Mit dem Großmährischen Reich ist ein bedeutendes kulturelles Ereignis verbunden.
65. Im Jahr 863 kamen die Missionare Konstantin und Method nach Mähren.
66. Konstantin trug später als Mönch den Namen Kyrill.
67. Die beiden Brüder waren aus dem Byzantinischen Reich entsandt worden.
68. Sie schufen eine Schrift für die slawische Sprache und übersetzten kirchliche Texte.
69. Damit begründeten sie die slawische Schrift- und Kirchensprache.
70. Das Großmährische Reich war somit ein Zentrum frühslawischer Kultur.
71. Neben diesen drei Hauptmächten bestanden kleinere slawische Fürstentümer.
72. Im pannonischen Raum bestand das Fürstentum des slawischen Fürsten Pribina.
73. Pribina war aus Mähren vertrieben worden und erhielt von den Franken Land in Pannonien.
74. Sein Herrschaftssitz lag bei Mosapurc am Plattensee.
75. Pribina und sein Sohn Kocel herrschten dort unter fränkischer Oberhoheit.
76. Dieses pannonische Fürstentum war ein weiteres Mosaiksteinchen der zersplitterten Lage.
77. Das Karpatenbecken war damit im 9. Jahrhundert in mehrere Einflusszonen geteilt.
78. Im Westen herrschte fränkischer Einfluss.
79. Im Südosten machte sich bulgarische Macht geltend.
80. Im Norden bestand das slawische Großmährische Reich.
81. Dazwischen lagen kleinere slawische Fürstentümer und Restgebiete.
82. Keine dieser Mächte beherrschte das gesamte Becken.
83. Vor allem die weite Tiefebene zwischen Donau und Theiß blieb politisch unklar.
84. Diese zentrale Tiefebene war von keiner der Mächte fest kontrolliert.
85. Gerade diese offene Mitte kennzeichnete das Machtvakuum des Beckens.
86. Über die Bevölkerung der zentralen Tiefebene im 9. Jahrhundert ist wenig bekannt.
87. Es lebten dort vermutlich Reste der awarischen und slawischen Bevölkerung.
88. Diese Restbevölkerung stand unter keiner festen, übergeordneten Herrschaft.
89. Die zentrale Tiefebene bot zudem ideale Bedingungen für berittene Steppenvölker.
90. Ihre weiten Grasländer waren als Weidegebiet hervorragend geeignet.
91. Damit war die Mitte des Beckens für ein neues Steppenvolk besonders attraktiv.
92. Die Lage des Karpatenbeckens im 9. Jahrhundert war somit grundlegend gekennzeichnet.
93. Mehrere mittlere Mächte rangen um Einfluss, ohne dass eine die Vorherrschaft errang.
94. Die Mitte des Beckens blieb dabei ein offener, schwach beherrschter Raum.
95. Diese Konstellation war für das, was folgen sollte, von großer Bedeutung.
96. Die mittleren Mächte des Beckens waren zudem untereinander verfeindet.
97. Franken, Bulgaren und Mährer führten wechselnde Kriege gegeneinander.
98. Bündnisse wurden geschlossen und ebenso rasch wieder gebrochen.
99. Diese Zerstrittenheit schwächte alle Beteiligten.
100. Keine der Mächte konnte sich der anderen dauerhaft erwehren oder sie überwinden.
101. Besonders erbittert war der Gegensatz zwischen dem Frankenreich und Großmähren.
102. Die fränkischen Herrscher versuchten mehrfach, das mährische Reich zu unterwerfen.
103. Die mährischen Fürsten wehrten sich beharrlich gegen die fränkische Oberhoheit.
104. In diesen Konflikten suchten beide Seiten nach auswärtigen Verbündeten.
105. Auch berittene Steppenkrieger wurden dabei als Hilfstruppen angeworben.
106. Diese Praxis sollte sich für die Zukunft des Beckens als folgenreich erweisen.
107. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts erschien ein neues Volk an der Grenze des Raumes.
108. Dieses Volk waren die Ungarn, ein Reitervolk aus der osteuropäischen Steppe.
109. Die Ungarn siedelten zu dieser Zeit im Raum nördlich des Schwarzen Meeres.
110. Dieser Raum wird in der Überlieferung als Etelköz bezeichnet.
111. Von dort aus unternahmen die Ungarn Vorstöße nach Westen.
112. Die zerstrittenen Mächte des Karpatenbeckens zogen die Ungarn als Söldner heran.
113. Mehrfach kämpften ungarische Verbände im Auftrag fränkischer oder mährischer Herren.
114. Auf diese Weise lernten die Ungarn das Karpatenbecken aus eigener Anschauung kennen.
115. Sie erkannten dabei die offene Lage und die Schwäche der dortigen Mächte.
116. Diese Erfahrungen bereiteten die spätere ungarische Landnahme vor.
117. Um das Jahr 895 erfolgte die eigentliche ungarische Landnahme.
118. Die Ungarn zogen geschlossen über die Karpatenpässe in das Becken ein.
119. Den unmittelbaren Anlass bildete ein Krieg im Raum nördlich des Schwarzen Meeres.
120. Die Ungarn waren dort von den Petschenegen, einem anderen Steppenvolk, angegriffen worden.
121. Unter dem Druck der Petschenegen verließen die Ungarn ihr Gebiet Etelköz.
122. Sie wandten sich dem ihnen bereits bekannten Karpatenbecken zu.
123. Im Karpatenbecken trafen die Ungarn auf die geschilderte zersplitterte Lage.
124. Keine einheitliche, starke Macht stellte sich ihnen entgegen.
125. Die mittleren Mächte des Beckens waren zudem untereinander zerstritten.
126. Diese Schwäche der vorgefundenen Mächte erleichterte den Ungarn die Besitznahme entscheidend.
127. Die Ungarn besetzten zuerst die offene zentrale Tiefebene des Beckens.
128. Diese Tiefebene war von keiner Macht fest kontrolliert gewesen.
129. Von dort aus dehnten sie ihre Herrschaft schrittweise auf das ganze Becken aus.
130. Das Großmährische Reich brach unter dem ungarischen Ansturm um 906 zusammen.
131. Der bulgarische Einfluss im Südosten wurde zurückgedrängt.
132. Der fränkische Einfluss endete an der Westgrenze des Beckens.
133. Innerhalb weniger Jahre beherrschten die Ungarn das gesamte Karpatenbecken.
134. Das Machtvakuum des 9. Jahrhunderts war damit beendet.
135. An die Stelle der zersplitterten Lage trat erneut eine einzige Herrschaft.
136. Diese neue Herrschaft war die der Ungarn.
137. Das Karpatenbecken war damit wieder unter einer Macht vereint.
138. Der Zusammenhang zwischen Machtvakuum und Landnahme ist offensichtlich.
139. Ohne die Schwäche und Zersplitterung der vorgefundenen Mächte wäre die Landnahme schwieriger gewesen.
140. Hätte eine starke Zentralmacht das Becken beherrscht, wäre die ungarische Besitznahme kaum gelungen.
141. Das Machtvakuum war damit eine entscheidende Voraussetzung der ungarischen Landnahme.
142. In diesem Sinn bereitete der Untergang der Awaren die ungarische Geschichte vor.
143. Das Awarenreich hatte das Becken zuvor über zwei Jahrhunderte als Einheit zusammengehalten.
144. Sein Untergang öffnete den Raum für eine neue Macht.
145. Die Ungarn traten gewissermaßen das Erbe der Awaren an.
146. Beide waren Reitervölker aus der eurasischen Steppe.
147. Beide machten das Karpatenbecken zur Grundlage einer dauerhaften Herrschaft.
148. Zwischen dem awarischen und dem ungarischen Reich lag jedoch ein wichtiger Unterschied.
149. Das Awarenreich war nach zwei Jahrhunderten endgültig zerfallen.
150. Das ungarische Reich dagegen sollte dauerhaften Bestand gewinnen.
151. Die Ungarn nahmen das Christentum an und schufen eine feste staatliche Ordnung.
152. Damit entgingen sie dem Schicksal der Awaren.
153. Die Geschichte des Karpatenbeckens zeigt hier ein wiederkehrendes Grundmuster.
154. Auf den Zerfall einer Zentralmacht folgte ein Machtvakuum.
155. In dieses Vakuum stieß früher oder später eine neue Macht vor.
156. Diese neue Macht ordnete den Raum erneut unter ihrer Herrschaft.
157. Schon der Untergang des römischen Pannonien hatte ein solches Vakuum hinterlassen.
158. In jenes Vakuum waren einst die Awaren vorgestoßen.
159. Nun wiederholte sich dieses Muster mit dem Untergang der Awaren.
160. In das neue Vakuum stießen die Ungarn vor.
161. Das Karpatenbecken erweist sich damit als ein Raum stets wechselnder Mächte.
162. Seine geographische Geschlossenheit lud immer wieder zur Bildung einer Zentralmacht ein.
163. Seine Lage am Schnittpunkt der Völker führte zugleich immer wieder zu deren Sturz.
164. Das Machtvakuum nach den Awaren war eine kurze Übergangszeit in dieser langen Geschichte.
165. Es dauerte nur etwa ein Jahrhundert.
166. In diesem Jahrhundert blieb das Becken politisch ungeordnet und umkämpft.
167. Dann fand der Raum mit der ungarischen Landnahme zu einer neuen Ordnung.
168. Für die ungarische Geschichte ist diese Übergangszeit von grundlegender Bedeutung.
169. Sie bildet das unmittelbare Vorfeld der Landnahme.
170. Die Lage, die die Ungarn vorfanden, war das Ergebnis dieses Machtvakuums.
171. Die Schwäche der vorgefundenen Mächte bestimmte den Erfolg der Landnahme.
172. Insofern gehört das Machtvakuum unmittelbar zur Vorgeschichte des ungarischen Reiches.
173. Mit der ungarischen Landnahme begann ein neuer Abschnitt der Geschichte des Beckens.
174. Aus dem zuvor herrenlosen Raum wurde das Kerngebiet eines neuen Reiches.
175. Dieses Reich war das werdende Ungarn.
176. Das Machtvakuum nach den Awaren markiert damit eine wichtige Schwelle.
177. Es trennt die Spätantike und das Frühmittelalter des Beckens von der ungarischen Epoche.
178. Mit dem Ende dieses Vakuums beginnt die eigentliche ungarische Geschichte des Karpatenbeckens.
179. Die folgenden Kapitel wenden sich daher den Ungarn selbst zu.
180. Sie behandeln deren Herkunft, ihre Wanderungen und ihren Weg in das Karpatenbecken.