Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Dunkle Jahrhunderte 5
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- Die Geschichte Ungarns - 5. - Dunkle Jahrhunderte
- Awaren und andere Völker (6.-8. Jahrhundert)
- DIE GESCHICHTE UNGARNS
- Frühmittelalter und Ethnogenese
Dunkle Jahrhunderte: Awaren und andere Völker (6.-8. Jahrhundert)
[Bearbeiten]- 1. Die Jahrhunderte zwischen dem Untergang des römischen Pannonien und der ungarischen Landnahme gehören zu den am schwersten zu erfassenden Abschnitten der Geschichte des Karpatenbeckens.
- 2. Die Forschung bezeichnet diese Epoche häufig als die dunklen Jahrhunderte.
- 3. Der Ausdruck meint dabei nicht eine kulturelle Rückständigkeit der Zeit selbst.
- 4. Er bezieht sich vielmehr auf die Dürftigkeit der erhaltenen schriftlichen Überlieferung.
- 5. Aus dieser Epoche sind kaum eigene schriftliche Zeugnisse der dort lebenden Völker überliefert.
- 6. Die Awaren und die meisten ihrer Nachbarn entwickelten keine eigene Schriftkultur.
- 7. Was über diese Zeit bekannt ist, stammt fast ausschließlich aus zwei Quellengruppen.
- 8. Die erste Gruppe bilden die Berichte fremder Beobachter aus Byzanz und dem Frankenreich.
- 9. Die zweite und wichtigste Gruppe bilden die archäologischen Funde.
- 10. Erst die Verbindung beider Quellengruppen ergibt ein einigermaßen geschlossenes Bild.
- 11. Der Begriff der dunklen Jahrhunderte ist daher eher ein Urteil über die Quellenlage als über die Epoche.
- 12. Zeitlich umfasst diese Epoche das 6. bis zum ausgehenden 8. Jahrhundert.
- 13. Sie beginnt mit dem endgültigen Zerfall der römischen Ordnung im Donauraum.
- 14. Sie endet mit der Zerschlagung des Awarenreiches durch das Frankenreich.
- 15. Räumlich steht das Karpatenbecken im Mittelpunkt dieser Epoche.
- 16. Dieses Becken ist eine von Gebirgen umschlossene Tiefebene im mittleren Donauraum.
- 17. Seine geographische Geschlossenheit lud immer wieder zur Bildung einer einheitlichen Herrschaft ein.
- 18. Seine Lage am Schnittpunkt der Wanderwege machte es zugleich zum Durchgangsraum vieler Völker.
- 19. Die beherrschende Macht dieser Epoche waren die Awaren.
- 20. Die Awaren waren ein Reitervolk, das aus der eurasischen Steppe in den Raum gelangte.
- 21. Um 568 errichteten sie im Karpatenbecken ein eigenes Reich.
- 22. Dieses Awarenreich bestand über zwei Jahrhunderte als bestimmende Macht des Raumes.
- 23. Die Geschichte der dunklen Jahrhunderte ist daher in ihrem Kern die Geschichte der Awaren.
- 24. Die Herkunft der Awaren ist bis heute nicht restlos geklärt.
- 25. Ihr Name war ein Sammelbegriff für einen Verband von Gruppen unterschiedlicher Herkunft.
- 26. Die awarische Herrschaft beruhte nicht auf gemeinsamer Abstammung, sondern auf Treue zum Herrscher.
- 27. An der Spitze des Reiches stand der Khagan, der höchste Herrscher der Steppentradition.
- 28. Das Awarenreich war kein Staat im modernen Sinn, sondern ein Herrschaftsverband ohne feste Verwaltung.
- 29. Sein Zusammenhalt hing von der Autorität des Khagans und vom äußeren Erfolg ab.
- 30. Die awarische Gesellschaft war deutlich geschichtet.
- 31. An ihrer Spitze stand eine berittene Kriegerelite aus der Steppe.
- 32. Die Mehrheit der Bevölkerung bildeten unterworfene Völker, vor allem Slawen.
- 33. Die awarische Lebensweise verband nomadische Mobilität mit festem Siedlungsleben.
- 34. Im Lauf der Zeit wurde die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
- 35. Die Awaren lebten nicht isoliert, sondern inmitten einer vielgestaltigen Völkerwelt.
- 36. Die zahlenmäßig größte Nachbar- und Untertanengruppe waren die Slawen.
- 37. Die Bulgaren bildeten eine verwandte und benachbarte Steppenmacht.
- 38. Das Byzantinische Reich war Gegner, Geldgeber und kulturelles Vorbild zugleich.
- 39. Erst dieses Geflecht von Völkern und Mächten macht die Awarenzeit verständlich.
- 40. Die awarische Macht erreichte im späten 6. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
- 41. Die gescheiterte Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 brach die Expansionskraft des Reiches.
- 42. Im 7. und 8. Jahrhundert wandelte sich das Awarenreich zu einer regionalen Macht.
- 43. Innere Konflikte und der Druck des Frankenreiches führten um 800 zu seinem raschen Untergang.
- 44. Der Zerfall des Awarenreiches hinterließ ein politisches Machtvakuum im Karpatenbecken.
- 45. In dieses Vakuum stießen im 9. Jahrhundert Franken, Bulgaren und slawische Mächte vor.
- 46. Keine dieser Mächte konnte den gesamten Raum dauerhaft beherrschen.
- 47. Diese offene Lage bildete das unmittelbare Vorfeld der ungarischen Landnahme.
- 48. Die dunklen Jahrhunderte bilden damit die entscheidende Brücke zwischen der Antike und der ungarischen Geschichte.
- 49. Sie prägten das Karpatenbecken als vielvölkischen Raum und als Boden künftiger Reiche.
- 50. Die folgenden Abschnitte entfalten diese Epoche in ihren einzelnen Themenfeldern.
Die Awaren: Herkunft und Expansion in Pannonien
[Bearbeiten]- 1. Die Awaren gehören zu den am schwierigsten zu fassenden Völkern der europäischen Frühgeschichte.
- 2. Über zweieinhalb Jahrhunderte beherrschten sie das Karpatenbecken.
- 3. Sie hinterließen reiche archäologische Spuren und prägten den Raum, den später die Ungarn besiedeln sollten.
- 4. Und doch bleibt vieles über ihre Herkunft, Sprache und ethnische Zusammensetzung umstritten.
- 5. Der Name "Awaren" selbst ist ein Sammelbegriff.
- 6. Er bezeichnete eine Vielzahl von Gruppen unterschiedlicher Herkunft und beschreibt keine einheitliche Volkszugehörigkeit.
- 7. Die Frage nach dem Ursprung der Awaren beschäftigt die Forschung seit Jahrhunderten.
- 8. Die griechischen und lateinischen Quellen des 6. Jahrhunderts berichten vom plötzlichen Auftauchen eines Reitervolkes an der Nordküste des Schwarzen Meeres.
- 9. Diese Awaren erschienen den Zeitgenossen als fremd, mächtig und bedrohlich.
- 10. Ihre Herkunft verlegten die antiken Autoren in den fernen Osten, ohne genaue Kenntnis der dortigen Verhältnisse zu besitzen.
- 11. Eine verbreitete Theorie verbindet die europäischen Awaren mit dem zentralasiatischen Steppenreich der Rouran.
- 12. Die Rouran beherrschten im 5. und frühen 6. Jahrhundert weite Teile der mongolischen Steppe.
- 13. Im Jahr 552 wurden sie von den aufständischen Türken vernichtend geschlagen.
- 14. Nach dieser Deutung wären Teile der zerschlagenen Rouran nach Westen geflohen.
- 15. Unter dem Namen Awaren hätten sie dann ein neues Reich gegründet.
- 16. Sicher belegen lässt sich diese Verbindung jedoch nicht.
- 17. Eine ältere Forschungsmeinung suchte den Ursprung der Awaren bei den Hephthaliten, den sogenannten Weißen Hunnen Zentralasiens.
- 18. Auch eine Herkunft aus dem Verband der ogurischen Stämme der westsibirischen und kasachischen Steppe wurde erwogen.
- 19. Die Vielzahl konkurrierender Theorien zeigt, wie lückenhaft die Quellenlage für die awarische Frühgeschichte ist.
- 20. Die byzantinischen Quellen erschweren das Bild zusätzlich durch eine eigentümliche Unterscheidung.
- 21. Der Geschichtsschreiber Theophylaktos Simokates berichtet, die in Europa erschienenen Awaren seien gar keine "echten" Awaren gewesen.
- 22. Sie hätten sich nur deren angesehenen Namen angeeignet.
- 23. Er nennt sie "Pseudo-Awaren" und identifiziert sie mit den Stämmen der Uar und Chunni.
- 24. Der Name der wahren Awaren genoss in der Steppenwelt offenbar ein so hohes Ansehen, dass andere Völker davon zu profitieren suchten.
- 25. Ob diese Unterscheidung historische Realität widerspiegelt oder eine gelehrte Konstruktion des byzantinischen Hofes ist, wird bis heute diskutiert.
- 26. Manche Forscher sehen darin den Versuch der byzantinischen Diplomatie, den awarischen Machtanspruch herabzusetzen.
- 27. Diese Quellenlage führt zu einem grundlegenden methodischen Problem.
- 28. Der Begriff "Awaren" bezeichnet weniger ein klar abgegrenztes Volk als vielmehr einen politischen Verband.
- 29. Solche Steppenkonföderationen entstanden häufig durch die Unterwerfung oder Einbindung zahlreicher Stämme durch eine kriegerische Führungsgruppe.
- 30. Die Identität des Verbandes ergab sich aus der Loyalität zur herrschenden Dynastie, nicht aus gemeinsamer Abstammung.
- 31. Ein solcher Verband konnte rasch wachsen, aber ebenso rasch wieder zerfallen, wenn die zentrale Autorität erlahmte.
- 32. Sprachlich lassen sich die Awaren nur unzureichend einordnen.
- 33. Die schriftliche Überlieferung hat keine zusammenhängenden awarischen Texte bewahrt.
- 34. Aus Titeln, Personennamen und einzelnen Begriffen schließen manche Forscher auf eine türkische, andere auf eine mongolische Sprachzugehörigkeit der awarischen Oberschicht.
- 35. Wahrscheinlich war das Awarenreich von Anfang an mehrsprachig, da es Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft umfasste.
- 36. Der Herrschertitel Khagan und einzelne Würdenbezeichnungen weisen am ehesten in den türkisch-mongolischen Sprachraum.
- 37. Die genetische Forschung hat in den letzten Jahren neue Erkenntnisse beigesteuert.
- 38. Untersuchungen an Skeletten aus awarenzeitlichen Gräbern des Karpatenbeckens zeigen aufschlussreiche Befunde.
- 39. Ein Teil der Bestatteten, insbesondere Angehörige der Elite, weist eine ostasiatische genetische Herkunft auf.
- 40. Diese genetische Signatur lässt sich am ehesten mit Regionen der heutigen Mongolei in Verbindung bringen.
- 41. Dies stützt die Annahme einer tatsächlichen Wanderung von Bevölkerungsgruppen aus dem inneren Asien.
- 42. Bemerkenswert ist, dass diese Wanderung über mehrere tausend Kilometer in vergleichsweise kurzer Zeit erfolgt sein muss.
- 43. Zugleich belegen die Daten, dass die awarische Bevölkerung im Lauf der Zeit zunehmend Menschen lokaler und gemischter Herkunft aufnahm.
- 44. Das Awarenreich war demnach kein ethnisch geschlossener Block, sondern eine sich wandelnde Bevölkerung.
- 45. Der historisch fassbare Beginn der awarischen Geschichte in Europa liegt um die Mitte des 6. Jahrhunderts.
- 46. Im Jahr 558 erschien eine awarische Gesandtschaft am Hof des oströmischen Kaisers Justinian in Konstantinopel.
- 47. Der Anführer dieser Gesandtschaft trug den Namen Kandich.
- 48. Die Awaren boten dem Kaiser ihre Dienste als Verbündete an.
- 49. Im Gegenzug forderten sie Land und jährliche Zahlungen.
- 50. Justinian sah in ihnen ein nützliches Werkzeug gegen andere unruhige Völker an der Reichsgrenze.
- 51. Die jährlichen Zahlungen an die Awaren wurden in Byzanz offiziell als Geschenke verbucht.
- 52. Tatsächlich handelte es sich um Tributzahlungen, mit denen sich das Reich Ruhe an der Donaugrenze erkaufte.
- 53. Die frühe Politik der Awaren folgte einem für Steppenvölker typischen Muster.
- 54. Sie ließen sich von Byzanz für militärische Dienste bezahlen.
- 55. Zugleich unterwarfen sie auf eigene Rechnung schwächere Nachbarvölker.
- 56. In den Jahren nach 558 besiegten sie mehrere Stämme nördlich des Schwarzen Meeres.
- 57. Dazu zählten die Sabiren, die Utiguren und die Kutriguren.
- 58. Damit gewannen sie Krieger, Untertanen und Ressourcen.
- 59. Bald gerieten die Awaren in Konflikt mit den Antes, einem slawischen Stammesverband zwischen Dnjestr und Dnjepr.
- 60. Die awarischen Feldzüge gegen die Antes zwangen einen Teil der slawischen Bevölkerung in Abhängigkeit.
- 61. Slawische Gruppen sollten in der Folge einen wachsenden Anteil der awarisch beherrschten Bevölkerung stellen.
- 62. Für das awarische Militärwesen wie für den Landbau waren sie von großer Bedeutung.
- 63. Die Awaren strebten von Beginn an nach einem festen Siedlungsgebiet.
- 64. Die offene Steppe nördlich des Schwarzen Meeres bot zwar Weideland, war aber militärisch schwer zu sichern und politisch umkämpft.
- 65. Ihr Anführer Baian war der erste namentlich bekannte awarische Herrscher.
- 66. Baian gilt als der eigentliche Begründer der awarischen Macht in Europa.
- 67. Er suchte gezielt nach einem geschützten und ertragreichen Raum, der sich als Herrschaftszentrum eignete.
- 68. Der Blick der Awaren richtete sich dabei früh auf das Karpatenbecken.
- 69. Diese weite Tiefebene ist von Gebirgen umschlossen und von der Donau und ihren Nebenflüssen durchzogen.
- 70. Sie vereinte ausgedehntes Weideland mit fruchtbaren Ackerflächen.
- 71. Die umliegenden Karpaten boten einen natürlichen Schutzwall.
- 72. Dieser machte das Gebiet gegen Angriffe von außen vergleichsweise leicht zu verteidigen.
- 73. Schon die Hunnen unter Attila hatten gut ein Jahrhundert zuvor das Karpatenbecken zum Zentrum ihrer Macht gemacht.
- 74. Die geographische Eignung des Beckens für eine Steppenmacht war also bereits erprobt.
- 75. Das Karpatenbecken war zu dieser Zeit jedoch keineswegs herrenlos.
- 76. Die östliche Reichshälfte wurde von den Gepiden beherrscht, einem ostgermanischen Volk mit einem eigenen Königreich.
- 77. Ihr Gebiet umfasste das heutige östliche Ungarn und Siebenbürgen.
- 78. Den westlichen Teil, das ehemalige römische Pannonien, hielten die Langobarden besetzt.
- 79. Dieses andere germanische Volk drängte jedoch zunehmend nach Italien.
- 80. Zwischen Gepiden und Langobarden bestand eine tiefe Feindschaft, die den Awaren in die Hände spielte.
- 81. Der Langobardenkönig Alboin suchte ein Bündnis mit den Awaren, um den verhassten gepidischen Rivalen endgültig auszuschalten.
- 82. Baian erkannte die Gelegenheit und stellte für seine Hilfe harte Bedingungen.
- 83. Diese sollten den Langobarden langfristig zum Nachteil gereichen.
- 84. Der awarisch-langobardische Vertrag sah vor, dass die Awaren im Fall eines Sieges das gesamte Gebiet der Gepiden erhalten sollten.
- 85. Zugleich sollten die Langobarden einen Teil ihres Viehbestandes an die Awaren abtreten.
- 86. Im Jahr 567 schlugen die verbündeten Heere die Gepiden vernichtend.
- 87. Das gepidische Königreich brach zusammen, sein König Kunimund fiel im Kampf.
- 88. Die Awaren nahmen das östliche Karpatenbecken in Besitz.
- 89. Für die Langobarden erwies sich der Sieg als Pyrrhussieg.
- 90. Nun hatten sie einen weit mächtigeren und gefährlicheren Nachbarn als zuvor.
- 91. Im Jahr 568 verließen die Langobarden Pannonien und zogen nach Italien, wo sie ein neues Königreich gründeten.
- 92. Ob dieser Abzug freiwillig erfolgte oder unter awarischem Druck, ist in der Forschung umstritten.
- 93. Mit dem Abzug der Langobarden 568 fiel den Awaren auch das westliche Karpatenbecken zu.
- 94. Innerhalb weniger Jahre hatten sie damit das gesamte Becken unter ihre Kontrolle gebracht.
- 95. Das Jahr 568 gilt traditionell als Gründungsdatum des awarischen Reiches in Mitteleuropa.
- 96. Die Herrschaftsbildung war jedoch ein längerer Prozess.
- 97. Das so entstandene Awarenreich umfasste in seiner Kernzone das Gebiet des heutigen Ungarn.
- 98. Hinzu kamen angrenzende Teile der heutigen Slowakei, Österreichs, Kroatiens, Serbiens und Rumäniens.
- 99. Es bildete für mehr als zwei Jahrhunderte die beherrschende Macht im mittleren Donauraum.
- 100. Zugleich war es ein fester Faktor in der Politik zwischen dem Frankenreich, Byzanz und den slawischen Gebieten.
- 101. Das Zentrum der awarischen Herrschaft lag in der Tiefebene zwischen Donau und Theiß.
- 102. Hier konzentrierte sich die Reiterei, das militärische Rückgrat der awarischen Macht.
- 103. Die weiten Grasländer boten ideale Bedingungen für die großen Pferdeherden.
- 104. Ohne diese war eine Steppenarmee nicht denkbar.
- 105. Der militärische Erfolg der Awaren beruhte wesentlich auf ihrer überlegenen Reitertechnik.
- 106. Die Awaren brachten den Steigbügel in größerem Umfang nach Mitteleuropa.
- 107. Der Steigbügel gab dem Reiter einen festen Halt und erlaubte den wuchtigen Einsatz von Lanze und Bogen.
- 108. Awarische Krieger kämpften mit dem Reflexbogen, einer aus mehreren Materialien zusammengesetzten Fernwaffe von großer Durchschlagskraft.
- 109. Diese Waffentechnik machte die awarische Reiterei den meisten Gegnern überlegen.
- 110. Die awarische Herrschaft beruhte auf einer klaren Trennung zwischen der herrschenden Reiterelite und der unterworfenen Bevölkerung.
- 111. An der Spitze stand der Khagan, ein Herrschertitel, den die Awaren mit anderen Steppenreichen teilten.
- 112. Der Khagan vereinte militärische, politische und sakrale Autorität in seiner Person.
- 113. Er galt als Garant für den Bestand des Reiches.
- 114. Unter dem Khagan stand eine Schicht von Stammesführern und Kriegern.
- 115. Diese kontrollierten das beherrschte Gebiet und stellten im Kriegsfall ihre Gefolgschaften.
- 116. Die unterworfenen Völker leisteten Tribut, Hilfsdienste und Heeresfolge.
- 117. Zu ihnen zählten Reste der Gepiden, romanische Bevölkerungsgruppen und vor allem zahlreiche Slawen.
- 118. Die militärische Expansion der Awaren beschränkte sich nicht auf das Karpatenbecken.
- 119. Von ihrer neuen Machtbasis aus unternahmen sie weitreichende Feldzüge gegen das Byzantinische Reich.
- 120. Ziel dieser Unternehmungen waren die reichen Provinzen auf dem Balkan.
- 121. Deren Städte ließen sich durch Plünderung oder durch erpresste Zahlungen ausbeuten.
- 122. Besonders verheerend wirkten die awarischen Angriffe auf die byzantinischen Donaufestungen und Balkanstädte.
- 123. Sirmium, eine bedeutende Stadt an der Save, wurde nach langer Belagerung 582 von den Awaren erobert.
- 124. Der Fall Sirmiums war ein schwerer Schlag für die byzantinische Verteidigung des Donauraums.
- 125. In den folgenden Jahren fielen weitere Festungen wie Singidunum, das heutige Belgrad, in awarische Hand.
- 126. Die jährlichen Tributzahlungen, die Byzanz an die Awaren leistete, stiegen im Lauf der Zeit auf beträchtliche Summen.
- 127. Zeitweise erreichten sie mehr als hunderttausend Goldsolidi pro Jahr.
- 128. Diese Zahlungen waren eine wichtige Einnahmequelle des awarischen Reiches.
- 129. Der byzantinische Kaiser Maurikios versuchte in den 590er Jahren, durch Gegenfeldzüge die awarische Bedrohung zu brechen.
- 130. Diese Feldzüge brachten zeitweilige Erfolge, konnten die awarische Macht aber nicht dauerhaft erschüttern.
- 131. Die awarischen Feldzüge auf dem Balkan trugen entscheidend zur slawischen Landnahme in Südosteuropa bei.
- 132. Im Schatten der awarischen Macht und oft als deren Hilfsvölker drangen slawische Gruppen tief in die byzantinischen Provinzen ein.
- 133. Dort siedelten sie sich dauerhaft an.
- 134. Die ethnische Karte des Balkans wurde dadurch nachhaltig verändert.
- 135. Den Höhepunkt der awarischen Expansion markierte die Belagerung Konstantinopels im Jahr 626.
- 136. Gemeinsam mit dem persischen Sassanidenreich versuchten die Awaren, die byzantinische Hauptstadt zu erobern.
- 137. Ein gewaltiges Heer aus Awaren, Slawen und anderen Völkern bedrohte die Mauern der Stadt von der europäischen Seite.
- 138. Die persischen Truppen standen zugleich auf der asiatischen Seite des Bosporus.
- 139. Die Belagerung von 626 endete mit einem völligen Misserfolg.
- 140. Die byzantinische Flotte verhinderte das Zusammenwirken der awarischen und der persischen Streitkräfte.
- 141. Auch die Angriffe auf die Landmauern scheiterten.
- 142. Der Khagan musste den Rückzug antreten.
- 143. Diese Niederlage gilt als Wendepunkt, nach dem die awarische Expansionskraft spürbar nachließ.
- 144. Nach 626 geriet das Awarenreich in eine längere Krise.
- 145. Die Autorität des Khagans war erschüttert.
- 146. Mehrere unterworfene Völker nutzten die Schwäche zur Erhebung.
- 147. Im Westen entstand unter dem fränkischen Kaufmann Samo ein slawisches Herrschaftsgebilde.
- 148. Dieses behauptete sich gegen die awarische Oberhoheit.
- 149. Im Osten lösten sich die Bulgaren aus dem awarischen Verband.
- 150. Unter ihrem Anführer Kuwrat bildeten die Bulgaren ein eigenes Reich nördlich des Schwarzen Meeres.
- 151. Trotz dieser Rückschläge bestand das Awarenreich im Karpatenbecken noch lange weiter.
- 152. Die Awaren zogen sich auf ihre Kernzone zurück.
- 153. Sie konzentrierten sich auf die Sicherung ihrer Herrschaft im Becken selbst.
- 154. Aus der expansiven Großmacht des 6. Jahrhunderts wurde im 7. und 8. Jahrhundert eine regionale Macht von begrenzter Reichweite.
- 155. In dieser späten Phase wandelte sich die awarische Gesellschaft erheblich.
- 156. Die scharfe Trennung zwischen nomadischer Reiterelite und unterworfener Bevölkerung verschwamm zunehmend.
- 157. Die awarische Bevölkerung wurde sesshafter und betrieb verstärkt Ackerbau.
- 158. Teilweise verschmolz sie mit der slawischen und sonstigen lokalen Bevölkerung des Beckens.
- 159. Die awarenzeitlichen Gräberfelder dieser Spätphase sind außerordentlich reich an Funden.
- 160. Besonders bekannt sind kunstvoll gegossene Bronzebeschläge für Gürtel, die als Rangabzeichen dienten.
- 161. Diese Beschläge zeigen häufig Greifen, Ranken und Tiermotive und prägen den Begriff der späten Awarenzeit.
- 162. Über zwei Jahrhunderte sammelten die Awaren beträchtliche Mengen an Gold und Silber an.
- 163. Dieser Reichtum stammte aus Tributzahlungen, Beute und Handel.
- 164. Das Ende des Awarenreiches kam erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts durch die Feldzüge Karls des Großen.
- 165. Zwischen 791 und 803 zerschlugen die fränkischen Heere die awarische Herrschaft im Karpatenbecken.
- 166. Bei der Eroberung des awarischen Zentralorts, des sogenannten Rings, fielen den Franken gewaltige Goldschätze in die Hände.
- 167. Die fränkischen Quellen berichten, dass der erbeutete Schatz auf zahlreichen Wagen abtransportiert werden musste.
- 168. Die awarische Bevölkerung verschwand mit der fränkischen Eroberung jedoch nicht.
- 169. Sie blieb im Raum und ging in den folgenden Jahrhunderten in anderen Bevölkerungsgruppen auf.
- 170. Ein Teil der Awaren erkannte die fränkische Oberhoheit an und siedelte unter fränkischem Schutz weiter.
- 171. Schriftliche Erwähnungen der Awaren verlieren sich im Lauf des 9. Jahrhunderts.
- 172. Für die ungarische Geschichte ist die Awarenzeit von erheblicher Bedeutung.
- 173. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken in Besitz nahmen, trafen sie auf eine durch Jahrhunderte awarischer Herrschaft geprägte Landschaft.
- 174. Manche Forscher vermuten sogar, dass Reste der awarisch geprägten Bevölkerung die ungarische Landnahme erlebten.
- 175. Diese Reste wären dann in das werdende ungarische Volk eingegangen.
- 176. Die Awaren hinterließen kein eigenes Staatswesen, das die Ungarn hätten übernehmen können.
- 177. Wohl aber hinterließen sie ein erprobtes Herrschaftsmodell.
- 178. Das Karpatenbecken hatte sich unter den Awaren als ideale Basis einer Steppenmacht erwiesen.
- 179. Diese Erfahrung wiederholte sich bei der ungarischen Landnahme in gewisser Weise.
- 180. Insofern bilden die Awaren ein wichtiges Bindeglied zwischen der Spätantike und dem Beginn der eigentlichen ungarischen Geschichte.
Avarisches Reich: Struktur und Gesellschaft
[Bearbeiten]- 1. Das awarische Reich war kein Staat im modernen Sinn, sondern ein Herrschaftsverband nach dem Vorbild der eurasischen Steppenreiche.
- 2. Es besaß keine feste Hauptstadt, keine schriftliche Verwaltung und keine klar umrissenen Grenzen.
- 3. Zusammengehalten wurde es durch die Person des Herrschers und durch ein Netz persönlicher Treueverhältnisse.
- 4. Trotz dieser Andersartigkeit war das Awarenreich über zweihundert Jahre erstaunlich stabil.
- 5. Diese Dauerhaftigkeit übertraf die der meisten germanischen Königreiche der Völkerwanderungszeit.
- 6. Die Forschung erschließt Struktur und Gesellschaft der Awaren aus zwei sehr unterschiedlichen Quellengruppen.
- 7. Die erste Gruppe bilden die schriftlichen Berichte byzantinischer und fränkischer Autoren.
- 8. Die zweite Gruppe bilden die archäologischen Funde, vor allem die zahlreichen Gräberfelder.
- 9. Schriftliche Zeugnisse der Awaren selbst sind nicht erhalten, da sie keine eigene Schriftkultur entwickelten.
- 10. Daher bleibt das Bild der awarischen Gesellschaft in vielen Punkten lückenhaft und auf Deutung angewiesen.
- 11. An der Spitze des Reiches stand der Khagan, der oberste Herrscher der Awaren.
- 12. Der Titel Khagan stammt aus der Welt der Steppenreiche und bezeichnete dort den Großherrscher.
- 13. Indem die awarischen Herrscher diesen Titel führten, erhoben sie einen Anspruch auf höchsten Rang.
- 14. Dieser Anspruch stellte sie auf eine Stufe mit dem byzantinischen Kaiser und übertraf den eines bloßen Königs.
- 15. Die Würde des Khagans galt als von einer überirdischen Macht verliehen.
- 16. Der Herrscher verkörperte das Glück und den Bestand des gesamten Verbandes.
- 17. Militärische Niederlagen konnten daher die Stellung des Khagans unmittelbar erschüttern.
- 18. Eine Niederlage galt als Zeichen, dass dem Herrscher die himmlische Gunst entzogen war.
- 19. Die Herrschaft war an eine bestimmte Dynastie gebunden, deren Anfänge auf den Khagan Baian zurückgehen.
- 20. Innerhalb dieser Dynastie wurde die Würde über Generationen weitergegeben.
- 21. Neben dem Khagan nennen die Quellen weitere hohe Würdenträger des Reiches.
- 22. Byzantinische Berichte erwähnen einen Würdenträger mit dem Titel Jugurrus.
- 23. Ein weiterer hoher Rang trug die Bezeichnung Tudun.
- 24. Der Tudun scheint als Statthalter über einen Teil des Reiches geherrscht zu haben.
- 25. Insbesondere die westlichen Gebiete des Awarenreiches unterstanden offenbar einem solchen Tudun.
- 26. Die genaue Abgrenzung dieser Ämter lässt sich aus den knappen Quellen nicht sicher rekonstruieren.
- 27. Erkennbar ist jedoch, dass unterhalb des Khagans eine abgestufte Hierarchie von Würdenträgern bestand.
- 28. Diese Würdenträger übten Herrschaft im Namen des Khagans über einzelne Gebiete oder Stämme aus.
- 29. Das Awarenreich war in seinem Inneren in zahlreiche Stämme und Gruppen gegliedert.
- 30. Jede dieser Gruppen besaß eigene Anführer und eine gewisse innere Selbstständigkeit.
- 31. Die Bindung an den Khagan erfolgte über persönliche Treueeide und Gefolgschaftsverhältnisse.
- 32. Ein solcher Verband konnte rasch wachsen, wenn der Khagan erfolgreich war.
- 33. Er konnte aber ebenso rasch zerfallen, wenn die zentrale Autorität nachließ.
- 34. Die Kerngruppe der Awaren bildete eine berittene Kriegerelite.
- 35. Diese Elite stellte die herrschende Schicht des gesamten Reiches.
- 36. Ihr militärischer Vorrang begründete zugleich ihren politischen und gesellschaftlichen Rang.
- 37. Unterhalb der awarischen Kriegerelite stand die große Masse der unterworfenen Bevölkerung.
- 38. Zu dieser Bevölkerung gehörten vor allem Slawen, daneben Reste der Gepiden und romanische Gruppen.
- 39. Die unterworfenen Völker waren zu Tribut, Abgaben und Heeresfolge verpflichtet.
- 40. Sie bildeten die wirtschaftliche Grundlage, von der die Kriegerelite lebte.
- 41. Die Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten war von Abhängigkeit geprägt, aber nicht starr.
- 42. Im Lauf der Zeit verschoben sich die Grenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen.
- 43. Die awarische Gesellschaft war damit deutlich geschichtet.
- 44. An ihrer Spitze stand der Khagan mit seiner Sippe und den hohen Würdenträgern.
- 45. Darunter folgte die Schicht der freien berittenen Krieger.
- 46. Den Abschluss bildeten die abhängige Bevölkerung und unfreie Menschen.
- 47. Die archäologischen Funde bestätigen diese soziale Schichtung sehr deutlich.
- 48. In den Gräberfeldern lassen sich reich und arm ausgestattete Bestattungen klar unterscheiden.
- 49. Reiche Gräber enthalten Waffen, Pferdegeschirr, Goldschmuck und kostbare Gürtelbeschläge.
- 50. Ärmere Gräber weisen nur wenige oder einfache Beigaben auf.
- 51. Die Gräberfelder sind die wichtigste Quelle für das Verständnis der awarischen Gesellschaft.
- 52. Im Karpatenbecken sind mehrere zehntausend awarenzeitliche Gräber ausgegraben worden.
- 53. Diese Fülle macht die Awaren zu einem der archäologisch am besten bezeugten Völker ihrer Zeit.
- 54. Die Awaren bestatteten ihre Toten in der Regel in Körpergräbern, nicht durch Verbrennung.
- 55. Den Toten wurden Beigaben mit ins Grab gegeben, die ihren Rang und ihre Tätigkeit widerspiegelten.
- 56. Männergräber enthalten häufig Waffen wie Bogen, Pfeile, Lanzen und Säbel.
- 57. Frauengräber enthalten Schmuck, Perlen, Ohrringe und Bestandteile der Tracht.
- 58. Eine awarische Besonderheit sind die zahlreichen Bestattungen von Reiter und Pferd.
- 59. Dabei wurde dem verstorbenen Krieger sein Pferd mit ins Grab gegeben.
- 60. Diese Pferdebestattungen unterstreichen die zentrale Bedeutung des Reittiers für die awarische Kultur.
- 61. Das Pferd war nicht nur Transportmittel, sondern Grundlage der gesamten Lebensweise und Kriegsführung.
- 62. Ein besonders aussagekräftiges Fundgut sind die awarischen Gürtelgarnituren.
- 63. Der verzierte Gürtel diente bei den Awaren als sichtbares Zeichen des Ranges.
- 64. Anzahl, Material und Verzierung der Beschläge zeigten die Stellung des Trägers in der Gesellschaft an.
- 65. In der frühen Awarenzeit waren die Beschläge oft aus gepresstem Edelmetall gefertigt.
- 66. In der späten Awarenzeit herrschten gegossene Bronzebeschläge vor.
- 67. Diese späten Beschläge zeigen häufig Greifenmotive und Rankenwerk.
- 68. Nach diesem Motiv wird die Spätphase auch als Greifen-Ranken-Stil bezeichnet.
- 69. Die Wirtschaft des Awarenreiches beruhte auf zwei sich ergänzenden Grundlagen.
- 70. Die erste Grundlage war die Viehzucht der awarischen Reiterelite.
- 71. Die zweite Grundlage war der Ackerbau der unterworfenen, vorwiegend slawischen Bevölkerung.
- 72. Die Awaren hielten große Herden von Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen.
- 73. Diese Herden lieferten Nahrung, Häute, Wolle und vor allem die Pferde für das Heer.
- 74. Die slawische Bevölkerung baute Getreide an und sorgte für die pflanzliche Ernährung.
- 75. Aus dieser Kombination entstand eine vergleichsweise stabile Versorgungslage.
- 76. Im Lauf der zwei Jahrhunderte verlagerte sich das Gewicht zunehmend zum Ackerbau.
- 77. Die spätawarische Gesellschaft war deutlich stärker auf feste Siedlungen ausgerichtet als die frühe.
- 78. Eine dritte wirtschaftliche Säule bildeten die Einnahmen aus Krieg und Tribut.
- 79. Plünderungszüge brachten Beute in Form von Edelmetall, Vieh und Gefangenen.
- 80. Die Tributzahlungen aus Byzanz brachten über Jahrzehnte große Mengen an Gold ins Reich.
- 81. Dieses Gold verlieh der awarischen Elite ihren sprichwörtlichen Reichtum.
- 82. Handel spielte ebenfalls eine Rolle, blieb aber gegenüber Tribut und Beute zweitrangig.
- 83. Die Awaren tauschten Waren mit Byzanz, dem Frankenreich und den Nachbarvölkern.
- 84. Eine eigene Münzprägung entwickelten die Awaren jedoch nicht.
- 85. Das in Byzanz erworbene Gold zirkulierte als Schmuck und Wertspeicher, nicht als geprägtes Geld.
- 86. Die awarische Wirtschaft war damit keine Geldwirtschaft im antiken Sinn.
- 87. Die Siedlungsweise der Awaren unterschied sich grundlegend von der Welt der antiken Städte.
- 88. Die awarische Elite lebte ursprünglich mobil in Zelten und saisonalen Lagern.
- 89. Feste Städte nach römischem oder byzantinischem Vorbild errichteten die Awaren nicht.
- 90. Die unterworfene Bevölkerung lebte dagegen in festen Dörfern mit Grubenhäusern.
- 91. Ein Grubenhaus war ein teilweise in den Boden eingetieftes, einräumiges Wohngebäude.
- 92. Mit fortschreitender Zeit wurde auch die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
- 93. Die spätawarischen Gräberfelder lassen auf ein dichtes Netz fester Siedlungen schließen.
- 94. Eine besondere Rolle spielte der zentrale Herrschaftssitz des Khagans.
- 95. Die fränkischen Quellen bezeichnen diesen Sitz als den "Ring".
- 96. Der Ring war offenbar eine durch Wälle und Befestigungen geschützte Anlage.
- 97. In ihm wurden die angesammelten Schätze des Reiches aufbewahrt.
- 98. Die genaue Lage und Gestalt des Rings ist bis heute archäologisch nicht sicher bestimmt.
- 99. Der Ring war weniger eine Stadt als ein befestigtes Macht- und Schatzzentrum.
- 100. Das Militärwesen bildete den Kern der awarischen Macht und Gesellschaft.
- 101. Jeder freie awarische Mann war zugleich Krieger.
- 102. Die militärische Stärke der Awaren beruhte auf der berittenen Bogenschützentaktik.
- 103. Awarische Reiter griffen aus der Bewegung an und überschütteten den Gegner mit Pfeilen.
- 104. Vorgetäuschte Fluchten und plötzliche Wendemanöver gehörten zu ihren bewährten Taktiken.
- 105. Der schwere Reiter trug zusätzlich Lanze, Säbel und einen Panzer aus Metallschienen.
- 106. Der Steigbügel gab dem Reiter den festen Halt für den wuchtigen Lanzenstoß.
- 107. Die Awaren gelten als entscheidende Vermittler des Steigbügels nach Mitteleuropa.
- 108. Diese Reitertechnik wurde später von ihren Gegnern, darunter den Franken, übernommen.
- 109. Neben der awarischen Reiterei kämpften slawische Hilfsvölker im awarischen Heer.
- 110. Die Slawen stellten vor allem Fußtruppen und wurden bei Belagerungen eingesetzt.
- 111. Bei der Belagerung von Festungen leisteten sie schwere Arbeit und gefährlichen Dienst.
- 112. Die byzantinischen Quellen beschreiben das Zusammenwirken von awarischer Reiterei und slawischem Fußvolk.
- 113. Über die Religion der Awaren ist nur wenig Sicheres bekannt.
- 114. Die Awaren hinterließen keine eigenen religiösen Texte.
- 115. Wahrscheinlich folgten sie den religiösen Vorstellungen der eurasischen Steppenvölker.
- 116. Im Zentrum stand vermutlich die Verehrung des Himmels als höchster Macht.
- 117. Daneben spielten die Verehrung der Ahnen und die Vorstellung beseelter Naturkräfte eine Rolle.
- 118. Religiöse Vermittler vom Typ des Schamanen besaßen vermutlich besondere Bedeutung.
- 119. Diese Vermittler galten als fähig, mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten.
- 120. Die Beigabensitte in den Gräbern verweist auf den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod.
- 121. Die Mitgabe von Waffen, Pferd und Nahrung sollte den Toten im Jenseits versorgen.
- 122. Das Christentum gewann im Awarenreich erst sehr spät an Bedeutung.
- 123. Eine breitere Christianisierung setzte erst nach der fränkischen Eroberung um 800 ein.
- 124. Fränkische Missionare wirkten dann gezielt unter der unterworfenen awarischen Bevölkerung.
- 125. Die awarische Gesellschaft war ethnisch von Anfang an gemischt.
- 126. Die herrschende Schicht stammte aus der eurasischen Steppe.
- 127. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Slawen und ansässigen Resten älterer Völker.
- 128. Diese Mischung führte über die Generationen zu einer fortschreitenden Verschmelzung.
- 129. Die genetischen Untersuchungen an awarenzeitlichen Skeletten bestätigen diesen Prozess.
- 130. Die frühe Elite zeigt einen hohen Anteil ostasiatischer Herkunft.
- 131. Spätere Bestattungen zeigen eine zunehmend gemischte und lokale Bevölkerung.
- 132. Die awarische Identität war damit weniger eine Frage der Abstammung als der politischen Zugehörigkeit.
- 133. Wer dem Verband angehörte und der Elite folgte, galt als Awar.
- 134. Die awarische Gesellschaft veränderte sich im Lauf der zwei Jahrhunderte erheblich.
- 135. Die Forschung unterscheidet üblicherweise eine frühe und eine späte Awarenzeit.
- 136. Als Grenze zwischen beiden Phasen gilt etwa die Mitte des 7. Jahrhunderts.
- 137. Die frühe Awarenzeit war stärker von der nomadischen Lebensweise und vom Krieg geprägt.
- 138. Die späte Awarenzeit war stärker von Sesshaftigkeit und Ackerbau bestimmt.
- 139. Mit diesem Wandel veränderte sich auch die materielle Kultur sichtbar.
- 140. Manche Forscher führen den Wandel um 670 auf den Zuzug einer neuen Bevölkerungsgruppe zurück.
- 141. Diese Gruppe wird mit den aus dem Osten verdrängten Onoguren in Verbindung gebracht.
- 142. Andere Forscher sehen den Wandel eher als innere Entwicklung der awarischen Gesellschaft.
- 143. Diese Frage ist in der Forschung bis heute nicht abschließend geklärt.
- 144. Die awarische Gesellschaft war nach innen keineswegs spannungsfrei.
- 145. Zwischen den Stämmen und Gruppen des Verbandes bestanden Rivalitäten.
- 146. Die unterworfenen Völker trugen die Last des Tributs und strebten nach Unabhängigkeit.
- 147. Die slawischen Untertanen erhoben sich mehrfach gegen die awarische Herrschaft.
- 148. Die bekannteste dieser Erhebungen führte zur Entstehung des Reiches Samos im frühen 7. Jahrhundert.
- 149. Der fränkische Kaufmann Samo einte mehrere slawische Gruppen gegen die awarische Oberhoheit.
- 150. Auch innerhalb der awarischen Elite kam es zu Machtkämpfen um die Würde des Khagans.
- 151. Die Stellung der Frau in der awarischen Gesellschaft lässt sich vor allem aus den Gräbern erschließen.
- 152. Frauengräber der Elite sind mit reichem Schmuck und kostbarer Tracht ausgestattet.
- 153. Daraus lässt sich auf einen gehobenen Rang von Frauen der Oberschicht schließen.
- 154. Ohrringe, Halsketten und verzierte Nadeln gehörten zur weiblichen Tracht.
- 155. Die Frau der Elite spiegelte durch ihren Schmuck den Rang ihrer Familie wider.
- 156. Über die Rechtsstellung der awarischen Frau geben die Quellen jedoch kaum Auskunft.
- 157. Auch das Leben von Kindern lässt sich nur aus den Gräbern andeutungsweise erschließen.
- 158. Kindergräber enthalten oft kleine, dem Alter angepasste Beigaben.
- 159. Die Familie und die größere Verwandtschaftsgruppe bildeten die soziale Grundeinheit.
- 160. Mehrere Familien gehörten zu einer Sippe, mehrere Sippen zu einem Stamm.
- 161. Diese Verwandtschaftsverbände regelten Besitz, Heirat und gegenseitige Verpflichtungen.
- 162. Die awarische Kunst zeigt eine charakteristische Verbindung verschiedener Einflüsse.
- 163. Steppentraditionen, byzantinische Vorbilder und lokale Elemente flossen darin zusammen.
- 164. Besonders kunstvoll sind die Metallarbeiten der awarischen Handwerker.
- 165. Goldschmiede und Bronzegießer fertigten Schmuck, Beschläge und Pferdegeschirr von hoher Qualität.
- 166. Die Tiermotive der awarischen Kunst stehen in der Tradition der eurasischen Steppe.
- 167. Die awarische Sprache ist nicht überliefert und lässt sich nicht sicher einordnen.
- 168. Erhalten sind nur einzelne Titel und Namen in fremdsprachigen Quellen.
- 169. Im Reich wurden neben der Sprache der Elite auch slawische und andere Sprachen gesprochen.
- 170. Das Awarenreich war damit ein mehrsprachiges Gebilde.
- 171. Die lange Stabilität des Reiches beruhte auf dem Gleichgewicht seiner Bestandteile.
- 172. Solange der Khagan erfolgreich war, hielt das Netz der Treueverhältnisse.
- 173. Tribut und Beute sicherten die Loyalität der Kriegerelite.
- 174. Die unterworfene Bevölkerung trug die wirtschaftliche Last des Verbandes.
- 175. Dieses Gleichgewicht geriet im 7. Jahrhundert nach dem Scheitern vor Konstantinopel ins Wanken.
- 176. Der Verlust der äußeren Erfolge schwächte die innere Bindekraft des Reiches.
- 177. Dennoch bestand das Awarenreich im Karpatenbecken noch weit über ein Jahrhundert fort.
- 178. Diese späte Phase war von Sesshaftigkeit, Ackerbau und regionaler Begrenzung geprägt.
- 179. Die awarische Gesellschaftsordnung endete erst mit der fränkischen Eroberung um 800.
- 180. Struktur und Gesellschaft der Awaren prägten das Karpatenbecken nachhaltig und bildeten einen Hintergrund der späteren ungarischen Landnahme.
Nomadische Einfälle und Siedlungen: Leben unter avarischer Herrschaft
[Bearbeiten]- 1. Das Leben unter awarischer Herrschaft war von einem grundlegenden Gegensatz geprägt.
- 2. Diesem Gegensatz standen die mobile Welt der nomadischen Reiterelite und die feste Welt der ansässigen Bauern gegenüber.
- 3. Beide Lebensformen bestanden im Karpatenbecken über zwei Jahrhunderte nebeneinander.
- 4. Im Lauf der Zeit näherten sich beide Welten einander an und verschmolzen teilweise.
- 5. Dieses Kapitel betrachtet den Alltag der Menschen unter awarischer Herrschaft.
- 6. Es behandelt sowohl die kriegerische Mobilität der Elite als auch das Siedlungsleben der Bevölkerung.
- 7. Die Quellenlage für diesen Alltag ist ungleich verteilt.
- 8. Über die Kriegszüge der Awaren berichten die schriftlichen Quellen vergleichsweise ausführlich.
- 9. Über das Siedlungsleben schweigen die Schriftquellen weitgehend.
- 10. Den Alltag der Siedlungen erschließt fast ausschließlich die Archäologie.
- 11. Die awarische Oberschicht war ursprünglich ein Reitervolk der eurasischen Steppe.
- 12. Ihre Lebensweise war auf Beweglichkeit und auf das Pferd ausgerichtet.
- 13. Diese Mobilität bestimmte sowohl ihre Kriegsführung als auch ihren friedlichen Alltag.
- 14. Die berittene Lebensweise unterschied die Awaren grundlegend von der ansässigen Bevölkerung.
- 15. Die nomadischen Einfälle der Awaren richteten sich vor allem gegen das Byzantinische Reich.
- 16. Ziel dieser Einfälle waren die reichen Provinzen auf der Balkanhalbinsel.
- 17. Die Feldzüge folgten einem wiederkehrenden, jahreszeitlich bestimmten Rhythmus.
- 18. Im Frühjahr und Sommer, wenn die Pferde Weide fanden, zogen die Heere aus.
- 19. Im Winter kehrten die Krieger in die Lager des Karpatenbeckens zurück.
- 20. Ein awarischer Kriegszug verfolgte in der Regel kein Eroberungsziel im modernen Sinn.
- 21. Es ging zumeist um Beute, um Gefangene und um die Erpressung von Tributzahlungen.
- 22. Die Awaren plünderten Dörfer und Städte und führten Vieh und Menschen mit sich fort.
- 23. Die mitgeführten Gefangenen wurden als Arbeitskräfte verschleppt oder gegen Lösegeld freigegeben.
- 24. Eine besondere Form der awarischen Kriegsführung war die Belagerung befestigter Städte.
- 25. Für Belagerungen setzten die Awaren ihre slawischen und sonstigen Hilfsvölker ein.
- 26. Diese Hilfsvölker bauten Belagerungsgerät und führten die gefährliche Nahkampfarbeit aus.
- 27. Die Awaren übernahmen dabei Belagerungstechniken aus der byzantinischen Welt.
- 28. Byzantinische Quellen berichten vom Einsatz von Wurfmaschinen und Belagerungstürmen durch die Awaren.
- 29. Dieses technische Wissen erlangten die Awaren wohl durch Gefangene und Überläufer.
- 30. Die Beweglichkeit der awarischen Reiterheere machte sie für die Gegner schwer berechenbar.
- 31. Awarische Verbände konnten in kurzer Zeit große Entfernungen zurücklegen.
- 32. Sie tauchten oft überraschend an Orten auf, an denen man sie nicht erwartete.
- 33. Die byzantinische Verteidigung war dieser Beweglichkeit oft unterlegen.
- 34. Die Einfälle trafen die betroffene Bevölkerung des Balkans mit voller Härte.
- 35. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Städte zerstört und entvölkert.
- 36. Viele Bewohner flohen in die Berge, auf Inseln oder hinter feste Stadtmauern.
- 37. Die awarischen Einfälle trugen so zur Umgestaltung der Balkanhalbinsel bei.
- 38. Im Schatten dieser Einfälle siedelten sich slawische Gruppen dauerhaft auf dem Balkan an.
- 39. Die awarische Kriegsführung beschleunigte damit die slawische Landnahme in Südosteuropa.
- 40. Für die awarische Elite selbst waren die Kriegszüge eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
- 41. Beute und Tribut sicherten den Reichtum und das Ansehen der Krieger.
- 42. Erfolgreiche Feldzüge stärkten zugleich die Stellung des Khagans.
- 43. Das Ausbleiben von Erfolgen schwächte die Bindekraft des gesamten Verbandes.
- 44. Nach der gescheiterten Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 ließen die großen Einfälle nach.
- 45. Die Awaren wandten sich verstärkt der Sicherung ihrer Kernzone im Karpatenbecken zu.
- 46. Damit gewann das Siedlungsleben gegenüber dem Kriegszug an Bedeutung.
- 47. Das Karpatenbecken selbst war der Lebensraum, in dem sich der awarische Alltag abspielte.
- 48. Die awarische Elite lebte hier zunächst weitgehend nach nomadischer Art.
- 49. Sie bewohnte Zelte und bewegliche Behausungen und zog mit ihren Herden umher.
- 50. Diese Wanderungen folgten festen, jahreszeitlich bestimmten Routen.
- 51. Im Sommer wurden die höher gelegenen oder entfernteren Weiden genutzt.
- 52. Im Winter zog man in geschützte Lager an Flüssen und in Niederungen.
- 53. Diese Form der geregelten Wanderweidewirtschaft wird als Transhumanz bezeichnet.
- 54. Die awarische Mobilität war damit kein zielloses Umherziehen.
- 55. Sie folgte vielmehr einem festen, durch Erfahrung erprobten Jahreszyklus.
- 56. Das Pferd stand im Mittelpunkt dieser nomadischen Lebensweise.
- 57. Es diente als Reittier, als Lastträger und als Statussymbol zugleich.
- 58. Daneben hielten die Awaren Rinder, Schafe und Ziegen in großen Herden.
- 59. Diese Herden lieferten Fleisch, Milch, Häute, Wolle und Horn.
- 60. Aus Milch wurden haltbare Produkte wie Käse und gesäuerte Getränke hergestellt.
- 61. Die Viehzucht bildete die wirtschaftliche Grundlage der awarischen Elite.
- 62. Die awarische Lebensweise blieb jedoch nicht über zwei Jahrhunderte unverändert.
- 63. Im Lauf der Zeit wurde die awarische Bevölkerung zunehmend sesshaft.
- 64. Die nomadische Wanderweidewirtschaft trat hinter feste Siedlungen zurück.
- 65. Dieser Wandel vollzog sich vor allem ab der Mitte des 7. Jahrhunderts.
- 66. Die spätawarische Gesellschaft war deutlich stärker auf den Ackerbau ausgerichtet.
- 67. Der größte Teil der Bevölkerung lebte ohnehin von Anfang an sesshaft.
- 68. Diese sesshafte Mehrheit bestand vor allem aus Slawen und aus Resten älterer Völker.
- 69. Sie bewohnte feste Dörfer und betrieb Ackerbau und Handwerk.
- 70. Das typische Wohngebäude dieser Dörfer war das Grubenhaus.
- 71. Ein Grubenhaus war ein kleines, teilweise in den Boden eingetieftes Gebäude.
- 72. Die eingetiefte Bauweise bot Schutz vor Kälte im Winter und Hitze im Sommer.
- 73. Die Grundfläche eines solchen Hauses betrug meist nur wenige Quadratmeter.
- 74. Die Wände bestanden aus Holz, Flechtwerk und Lehm.
- 75. Das Dach war mit Stroh, Schilf oder Rasensoden gedeckt.
- 76. Im Inneren befand sich häufig ein Ofen oder eine Feuerstelle in einer Ecke.
- 77. Dieser Ofen diente zum Heizen und zum Zubereiten der Mahlzeiten.
- 78. Ein awarenzeitliches Dorf bestand aus mehreren solcher Grubenhäuser.
- 79. Zu einem Dorf gehörten außerdem Vorratsgruben, Brunnen und Werkstattbereiche.
- 80. In den Vorratsgruben wurde Getreide für den Winter und für die Aussaat gelagert.
- 81. Solche Dörfer lagen bevorzugt in der Nähe von Flüssen, Bächen und fruchtbaren Böden.
- 82. Die Wasserläufe sicherten die Versorgung von Mensch, Vieh und Feldern.
- 83. Befestigungen besaßen die awarenzeitlichen Dörfer in der Regel nicht.
- 84. Der Schutz der Bevölkerung beruhte auf der militärischen Macht der awarischen Elite.
- 85. Der wirtschaftliche Mittelpunkt des Dorflebens war der Ackerbau.
- 86. Angebaut wurden vor allem Getreidearten wie Weizen, Gerste und Hirse.
- 87. Daneben kultivierte man Hülsenfrüchte und verschiedene Gartenpflanzen.
- 88. Die Felder wurden mit einem einfachen, von Tieren gezogenen Pflug bestellt.
- 89. Das geerntete Getreide wurde auf Handmühlen aus Stein zu Mehl gemahlen.
- 90. Neben dem Ackerbau betrieb die Dorfbevölkerung Viehzucht im kleineren Rahmen.
- 91. Schweine, Geflügel, Rinder und Schafe ergänzten die Ernährung der Bauern.
- 92. Jagd und Fischfang lieferten zusätzliche Nahrung.
- 93. Der Alltag in den Dörfern war von harter, jahreszeitlich bestimmter Arbeit geprägt.
- 94. Aussaat, Ernte und die Versorgung des Viehs gaben den Jahresrhythmus vor.
- 95. In den Dörfern wurde ein breites Spektrum handwerklicher Tätigkeiten ausgeübt.
- 96. Töpfer fertigten Gefäße für Vorrat, Zubereitung und Verzehr der Speisen.
- 97. Awarenzeitliche Keramik wurde häufig auf der langsam drehenden Töpferscheibe geformt.
- 98. Weberinnen stellten aus Wolle und Flachs Stoffe für die Kleidung her.
- 99. Diese textile Arbeit war zumeist in den einzelnen Haushalten angesiedelt.
- 100. Schmiede verarbeiteten Eisen zu Werkzeugen, Geräten und Waffen.
- 101. Eisengeräte wie Sicheln, Messer und Pflugteile waren für die Landwirtschaft unentbehrlich.
- 102. Eine besondere Stellung nahm das Metallhandwerk der Edelmetallverarbeitung ein.
- 103. Goldschmiede und Bronzegießer fertigten Schmuck und die kostbaren Gürtelbeschläge.
- 104. Dieses anspruchsvolle Handwerk arbeitete vor allem für die awarische Oberschicht.
- 105. Die awarenzeitliche Gesellschaft war damit wirtschaftlich klar arbeitsteilig gegliedert.
- 106. Zwischen der nomadischen Elite und den sesshaften Dörfern bestand ein enger Austausch.
- 107. Die Dörfer lieferten Getreide, handwerkliche Erzeugnisse und Abgaben an die Herrschaft.
- 108. Die Elite gewährte im Gegenzug militärischen Schutz und sicherte die Ordnung.
- 109. Dieser Austausch war jedoch ungleich und von Abhängigkeit geprägt.
- 110. Die Last der Abgaben und Dienste trug die unterworfene Bevölkerung.
- 111. Die ansässige Bevölkerung war zu Tribut, Naturalabgaben und Arbeitsleistungen verpflichtet.
- 112. Im Kriegsfall musste sie zudem Fußtruppen für das awarische Heer stellen.
- 113. Über die genaue Höhe und Form dieser Abgaben schweigen die Quellen.
- 114. Erkennbar ist nur das grundsätzliche Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung.
- 115. Trotz dieser Lasten war die unterworfene Bevölkerung nicht durchweg rechtlos.
- 116. Die Dörfer regelten viele Angelegenheiten ihres Alltags in eigener Verantwortung.
- 117. Die slawische Bevölkerung bewahrte ihre Sprache, ihre Bräuche und ihre Lebensweise.
- 118. Das Awarenreich griff offenbar nur dort in den Dorfalltag ein, wo es um Herrschaftsinteressen ging.
- 119. Das Verhältnis zwischen Awaren und Untertanen war nicht spannungsfrei.
- 120. Die slawische Bevölkerung erhob sich mehrfach gegen die awarische Oberhoheit.
- 121. Die bekannteste Erhebung führte zur Entstehung des Reiches Samos im frühen 7. Jahrhundert.
- 122. Solche Erhebungen zeigen, dass die awarische Herrschaft auf Druck und nicht auf Zustimmung beruhte.
- 123. Mit der Zeit verschmolzen die awarische und die slawische Bevölkerung jedoch zunehmend.
- 124. Die ursprünglich scharfe Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten verlor an Schärfe.
- 125. Der Alltag der awarenzeitlichen Menschen wird durch die Gräberfelder besonders anschaulich.
- 126. Die Beigaben in den Gräbern spiegeln Tätigkeiten, Rang und Lebensumstände wider.
- 127. Werkzeuge in Gräbern verweisen auf die handwerkliche oder bäuerliche Arbeit der Verstorbenen.
- 128. Schmuck und Tracht zeigen das Aussehen der Menschen und ihre gesellschaftliche Stellung.
- 129. Speisebeigaben deuten auf die Ernährung und auf die Vorstellungen vom Jenseits hin.
- 130. Auch die Gesundheit der awarenzeitlichen Bevölkerung lässt sich aus den Skeletten ablesen.
- 131. Die Knochen zeigen Spuren von schwerer Arbeit, von Krankheiten und von Mangelzeiten.
- 132. Verletzungen an Skeletten zeugen von Unfällen und von kriegerischer Gewalt.
- 133. Die durchschnittliche Lebenserwartung war nach heutigen Maßstäben niedrig.
- 134. Die Kindersterblichkeit war hoch, wie der Anteil der Kindergräber zeigt.
- 135. Das Leben unter awarischer Herrschaft war für die meisten Menschen ein Leben harter Arbeit.
- 136. Die Ernährung der awarenzeitlichen Bevölkerung beruhte auf den Erzeugnissen der Landwirtschaft.
- 137. Getreidebrei und Brot bildeten die Grundnahrung der ansässigen Bevölkerung.
- 138. Fleisch und Milchprodukte spielten für die viehzüchtende Elite eine größere Rolle.
- 139. Die Versorgungslage hing stark von Ernteerträgen und vom Ausbleiben von Kriegszügen ab.
- 140. Missernten, Viehseuchen und feindliche Einfälle konnten rasch zu Hungersnöten führen.
- 141. Die Kleidung der awarenzeitlichen Menschen bestand aus Wolle, Leinen und Leder.
- 142. Die Tracht wurde durch Gürtel, Schnallen und Fibeln zusammengehalten und geschmückt.
- 143. Bei der Elite zeigten kostbare Beschläge und Schmuckstücke den hohen Rang an.
- 144. Die einfache Bevölkerung trug schlichtere Kleidung mit wenigen Verzierungen.
- 145. Die Familie und die Verwandtschaft bildeten den engsten Lebenskreis der Menschen.
- 146. Innerhalb der Familie waren die Aufgaben nach Geschlecht und Alter verteilt.
- 147. Männer waren für Feldarbeit, Viehhütung, Handwerk und Kriegsdienst zuständig.
- 148. Frauen versorgten den Haushalt, die Kinder, die Textilarbeit und die Gartenwirtschaft.
- 149. Kinder wurden früh in die Arbeit der Erwachsenen einbezogen.
- 150. Mehrere Familien gehörten zu größeren Verwandtschaftsverbänden und Dorfgemeinschaften.
- 151. Die religiösen Vorstellungen prägten den Alltag der awarenzeitlichen Menschen.
- 152. Die Steppentradition der Elite verehrte den Himmel und die Ahnen.
- 153. Die slawische Bevölkerung folgte ihren eigenen vorchristlichen Glaubensvorstellungen.
- 154. Bestattungssitten und Grabbeigaben verweisen auf den Glauben an ein Leben nach dem Tod.
- 155. Das Christentum spielte im awarenzeitlichen Alltag zunächst kaum eine Rolle.
- 156. Erst nach der fränkischen Eroberung um 800 setzte eine breitere Christianisierung ein.
- 157. Das spätawarische Karpatenbecken war von einem dichten Netz von Dörfern überzogen.
- 158. Die Bevölkerung war in dieser Phase zahlreicher und stärker sesshaft als zuvor.
- 159. Die einstige Trennung zwischen nomadischer Elite und ansässiger Mehrheit war weitgehend verschwunden.
- 160. Aus dem Reitervolk und seinen Untertanen war eine stärker einheitliche Bevölkerung geworden.
- 161. Diese Bevölkerung lebte überwiegend vom Ackerbau und von der bäuerlichen Viehhaltung.
- 162. Die nomadische Lebensweise war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Erbe der Vergangenheit.
- 163. Das Ende dieser awarenzeitlichen Lebenswelt kam mit den fränkischen Feldzügen um 800.
- 164. Die fränkische Eroberung zerschlug die awarische Herrschaftsordnung.
- 165. Die Dörfer und ihre Bevölkerung bestanden jedoch über den Untergang des Reiches hinaus fort.
- 166. Die Menschen blieben im Karpatenbecken und führten ihr bäuerliches Leben weiter.
- 167. Unter fränkischer und später anderer Oberhoheit setzte sich das Siedlungsleben fort.
- 168. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken in Besitz nahmen, war das Land besiedelt.
- 169. Sie trafen auf eine ansässige, vorwiegend bäuerliche Bevölkerung.
- 170. Diese Bevölkerung lebte in Dörfern, deren Lebensform sich in awarischer Zeit herausgebildet hatte.
- 171. Die landwende Ungarn übernahmen damit eine bereits erschlossene Kulturlandschaft.
- 172. Die nomadische Lebensweise der landnehmenden Ungarn ähnelte der frühen awarischen.
- 173. Auch die Ungarn durchliefen später den Übergang von der Mobilität zur Sesshaftigkeit.
- 174. Insofern wiederholte sich im Karpatenbecken ein bereits in awarischer Zeit erprobtes Muster.
- 175. Das Leben unter awarischer Herrschaft verband zwei Welten zu einer dauerhaften Ordnung.
- 176. Die kriegerische Mobilität der Elite sicherte die äußere Macht des Reiches.
- 177. Die sesshafte Arbeit der Dörfer sicherte seine wirtschaftliche Grundlage.
- 178. Aus dem Zusammenspiel beider entstand eine über zwei Jahrhunderte tragfähige Lebenswelt.
- 179. Diese Lebenswelt prägte das Karpatenbecken nachhaltig.
- 180. Sie bildete einen wichtigen Hintergrund für die spätere Geschichte des ungarischen Volkes.
Andere Völker im Raum: Slawen, Bulgaren und byzantinische Einflüsse
[Bearbeiten]- 1. Das Awarenreich war keine isolierte Macht, sondern eingebettet in eine vielgestaltige Völkerwelt.
- 2. Im Karpatenbecken und in seinen Nachbarräumen lebten zur Awarenzeit zahlreiche unterschiedliche Völker.
- 3. Slawen, Bulgaren, Reste germanischer Gruppen und romanische Bevölkerungen prägten den Raum mit.
- 4. Über allem lag der weitreichende Einfluss des Byzantinischen Reiches.
- 5. Erst dieses Geflecht von Völkern und Mächten macht die Awarenzeit verständlich.
- 6. Dieses Kapitel betrachtet die Awaren daher im Zusammenhang ihrer Umwelt.
- 7. Es behandelt die Slawen, die Bulgaren und die byzantinischen Einflüsse im mittleren Donauraum.
- 8. Die mit Abstand bedeutendste Bevölkerungsgruppe neben den Awaren waren die Slawen.
- 9. Die Slawen traten im 6. Jahrhundert in größerem Umfang in das Licht der Geschichte.
- 10. Ihre Urheimat lag nach verbreiteter Ansicht im Gebiet nördlich der Karpaten.
- 11. Dieses Gebiet erstreckte sich etwa zwischen der mittleren Weichsel und dem Dnjepr.
- 12. Von dort breiteten sich slawische Gruppen seit dem 6. Jahrhundert in mehrere Richtungen aus.
- 13. Eine Wanderbewegung führte nach Westen in das Gebiet der heutigen Tschechien und Ostdeutschlands.
- 14. Eine zweite Bewegung führte nach Süden auf die Balkanhalbinsel.
- 15. Eine dritte erfasste den Raum des Karpatenbeckens selbst.
- 16. Die Ursachen dieser slawischen Ausbreitung sind in der Forschung umstritten.
- 17. Bevölkerungswachstum, der Sog leerer Räume und der Druck anderer Völker werden als Gründe genannt.
- 18. Die slawische Ausbreitung fiel zeitlich mit dem Aufstieg der Awaren zusammen.
- 19. Beide Prozesse waren eng miteinander verflochten.
- 20. Die byzantinischen Quellen des 6. Jahrhunderts unterscheiden mehrere slawische Großgruppen.
- 21. Sie nennen die Sklavenen und die Anten als die wichtigsten dieser Gruppen.
- 22. Die Sklavenen siedelten westlich, die Anten östlich des unteren Donauraums.
- 23. Beide Gruppen unternahmen schon vor der Awarenzeit Einfälle in byzantinisches Gebiet.
- 24. Die Slawen jener Zeit lebten in kleinen, lockeren Verbänden ohne starke zentrale Führung.
- 25. Diese politische Zersplitterung machte sie für die straff geführten Awaren leicht angreifbar.
- 26. Die Awaren unterwarfen einen großen Teil der slawischen Gruppen ihrer Herrschaft.
- 27. Besonders die Anten gerieten unter schweren awarischen Druck.
- 28. Awarische Feldzüge gegen die Anten zerschlugen deren Verband im frühen 7. Jahrhundert.
- 29. Der Name der Anten verschwindet danach aus den Quellen.
- 30. Viele slawische Gruppen wurden so zu Untertanen des Awarenreiches.
- 31. Innerhalb des Awarenreiches stellten die Slawen die zahlenmäßige Mehrheit der Bevölkerung.
- 32. Sie bildeten die ansässige, bäuerliche Grundlage des Reiches.
- 33. Die Slawen bauten Getreide an und versorgten das Reich mit pflanzlicher Nahrung.
- 34. Im awarischen Heer dienten sie vor allem als Fußtruppen.
- 35. Bei Belagerungen leisteten slawische Hilfsvölker die schwere und gefährliche Arbeit.
- 36. Die Slawen trugen damit wesentlich zur militärischen und wirtschaftlichen Stärke der Awaren bei.
- 37. Das Verhältnis zwischen Awaren und Slawen war von Abhängigkeit und Spannung geprägt.
- 38. Die Slawen trugen die Last des Tributs und der Heeresfolge.
- 39. Mehrfach erhoben sich slawische Gruppen gegen die awarische Oberhoheit.
- 40. Die bedeutendste dieser Erhebungen führte zur Entstehung des Reiches Samos.
- 41. Samo war ein fränkischer Kaufmann, der um 623 mehrere slawische Gruppen einte.
- 42. Er führte die aufständischen Slawen erfolgreich gegen die Awaren.
- 43. Das Reich Samos behauptete sich mehrere Jahrzehnte gegen awarischen und fränkischen Druck.
- 44. Es lag im Raum des heutigen Mähren, Böhmen und angrenzender Gebiete.
- 45. Nach dem Tod Samos um 658 zerfiel dieses Herrschaftsgebilde wieder.
- 46. Das Reich Samos gilt als das erste bekannte slawische Staatsgebilde der Geschichte.
- 47. Es zeigt, dass die awarische Herrschaft über die Slawen nie vollständig gesichert war.
- 48. Im Karpatenbecken selbst lebten Awaren und Slawen über zwei Jahrhunderte eng zusammen.
- 49. Aus diesem Zusammenleben entwickelte sich eine fortschreitende Verschmelzung.
- 50. Die Archäologie zeigt eine zunehmende Vermischung awarischer und slawischer Kulturelemente.
- 51. Die spätawarische Bevölkerung war ethnisch kaum noch klar zu trennen.
- 52. Sprachlich gewann das Slawische im Reich an Bedeutung.
- 53. Manche Forscher vermuten, dass das Slawische zur verbreiteten Verkehrssprache wurde.
- 54. Die slawische Präsenz im Karpatenbecken war von dauerhafter Wirkung.
- 55. Slawische Ortsnamen und Lehnwörter im Ungarischen zeugen bis heute davon.
- 56. Als die Ungarn um 895 das Karpatenbecken besetzten, trafen sie auf eine slawische Bevölkerung.
- 57. Diese slawische Bevölkerung ging später zu großen Teilen im ungarischen Volk auf.
- 58. Eine zweite bedeutende Völkergruppe im Raum bildeten die Bulgaren.
- 59. Die Bulgaren waren ein Reitervolk turksprachiger Herkunft aus der eurasischen Steppe.
- 60. Sie werden in den Quellen häufig als Protobulgaren bezeichnet.
- 61. Diese Bezeichnung unterscheidet sie von den späteren, slawisierten Bulgaren.
- 62. Die Bulgaren standen den Awaren in Lebensweise und Herkunft nahe.
- 63. Auch sie waren berittene Steppennomaden mit einer kriegerischen Elite.
- 64. Ein Teil der Bulgaren gehörte zeitweise dem awarischen Herrschaftsverband an.
- 65. Diese bulgarischen Gruppen lebten innerhalb des Karpatenbeckens unter awarischer Oberhoheit.
- 66. Im 7. Jahrhundert kam es zu Spannungen zwischen Awaren und Bulgaren.
- 67. Die fränkischen Quellen berichten von einem Machtkampf um die awarische Khaganswürde.
- 68. An diesem Kampf sollen bulgarische Gruppen beteiligt gewesen sein.
- 69. Die unterlegenen Bulgaren mussten daraufhin das Karpatenbecken verlassen.
- 70. Außerhalb des Awarenreiches bildeten die Bulgaren eine eigenständige Macht.
- 71. Nördlich des Schwarzen Meeres entstand im 7. Jahrhundert ein bulgarisches Reich.
- 72. Dieses Reich wird in der Forschung als Großbulgarien bezeichnet.
- 73. Sein Begründer war der bulgarische Herrscher Kuwrat.
- 74. Kuwrat einte mehrere bulgarische Stämme und löste sie aus der awarischen Abhängigkeit.
- 75. Nach dem Tod Kuwrats zerfiel das Großbulgarische Reich.
- 76. Die bulgarischen Stämme zogen daraufhin in verschiedene Richtungen.
- 77. Eine Gruppe zog nach Norden an die mittlere Wolga.
- 78. Dort gründete sie das Reich der Wolgabulgaren.
- 79. Eine andere Gruppe zog unter ihrem Anführer Asparuch nach Südwesten.
- 80. Diese Gruppe überschritt die untere Donau und drang auf den Balkan vor.
- 81. Im Jahr 681 gründeten die Bulgaren Asparuchs ein Reich südlich der Donau.
- 82. Dieses Donaubulgarische Reich ist der Ursprung des späteren Bulgarien.
- 83. Die bulgarische Reiterelite herrschte dort über eine slawische Mehrheitsbevölkerung.
- 84. Im Lauf der Zeit verschmolz die turksprachige Elite mit den Slawen.
- 85. Aus dieser Verschmelzung ging das slawischsprachige bulgarische Volk hervor.
- 86. Das Donaubulgarische Reich wurde zum südöstlichen Nachbarn des Awarenreiches.
- 87. Zwischen Awaren und Donaubulgaren bestand damit eine gemeinsame Interessensphäre an der unteren Donau.
- 88. Nach dem Untergang des Awarenreiches dehnten die Bulgaren ihre Macht nach Norden aus.
- 89. Teile des östlichen Karpatenbeckens gerieten im 9. Jahrhundert unter bulgarischen Einfluss.
- 90. Als die Ungarn das Karpatenbecken besetzten, trafen sie auch auf bulgarische Machtansprüche.
- 91. Die dritte prägende Macht im Raum war das Byzantinische Reich.
- 92. Byzanz war der östliche Fortbestand des Römischen Reiches mit seiner Hauptstadt Konstantinopel.
- 93. Es war die mächtigste und kulturell bedeutendste Macht im Umfeld der Awaren.
- 94. Byzanz wirkte auf die Awarenzeit auf sehr unterschiedliche Weise ein.
- 95. Es war Gegner, Geldgeber und kulturelles Vorbild zugleich.
- 96. In militärischer Hinsicht war Byzanz der Hauptgegner der awarischen Einfälle.
- 97. Die awarischen Feldzüge richteten sich vor allem gegen byzantinische Provinzen auf dem Balkan.
- 98. Zugleich war Byzanz die wichtigste Quelle des awarischen Reichtums.
- 99. Über Jahrzehnte zahlte Byzanz hohe jährliche Tribute an die Awaren.
- 100. Diese Zahlungen brachten große Mengen byzantinischen Goldes ins Awarenreich.
- 101. Das byzantinische Gold prägte den Reichtum und die Kunst der awarischen Elite.
- 102. Byzantinische Goldmünzen dienten den Awaren als Wertspeicher und als Rohstoff für Schmuck.
- 103. Auch in politischer Hinsicht war Byzanz für die Awaren von großer Bedeutung.
- 104. Die Awaren waren ursprünglich als byzantinische Verbündete in den Raum gekommen.
- 105. Diplomatische Gesandtschaften verkehrten regelmäßig zwischen beiden Mächten.
- 106. Verträge, Bündnisse und Drohungen bestimmten dieses wechselhafte Verhältnis.
- 107. Der Herrschertitel des Khagans erhielt seinen Rang auch im Vergleich zum byzantinischen Kaiser.
- 108. Die Awaren maßen ihren Anspruch bewusst an der Größe des byzantinischen Reiches.
- 109. Der kulturelle Einfluss von Byzanz auf die Awarenzeit war beträchtlich.
- 110. Byzantinische Vorbilder wirkten besonders stark auf das awarische Kunsthandwerk.
- 111. Awarische Goldschmiede übernahmen byzantinische Techniken und Verzierungsformen.
- 112. Manche awarischen Schmuckstücke lassen sich kaum von byzantinischen Erzeugnissen unterscheiden.
- 113. Ein Teil der Prunkstücke gelangte als Geschenk oder Beute aus Byzanz ins Awarenreich.
- 114. Andere wurden von einheimischen Handwerkern nach byzantinischem Vorbild gefertigt.
- 115. Auch militärisches Wissen übernahmen die Awaren von Byzanz.
- 116. Die awarische Belagerungstechnik beruhte auf byzantinischen Verfahren.
- 117. Dieses Wissen gelangte durch Gefangene, Überläufer und Beobachtung in awarische Hände.
- 118. Umgekehrt beeinflussten auch die Awaren die byzantinische Kriegsführung.
- 119. Byzantinische Militärschriften beschreiben die Taktik der Awaren mit großem Respekt.
- 120. Das byzantinische Heer übernahm Elemente der awarischen Reiterausrüstung.
- 121. Auch der Steigbügel gelangte über die Awaren in die byzantinische und westliche Welt.
- 122. Der kulturelle Austausch verlief somit in beide Richtungen.
- 123. Neben Slawen, Bulgaren und Byzantinern lebten weitere Gruppen im Raum.
- 124. Im Karpatenbecken bestanden Reste der germanischen Gepiden fort.
- 125. Die Gepiden waren zwar 567 als eigenständige Macht zerschlagen worden.
- 126. Ein Teil ihrer Bevölkerung lebte jedoch unter awarischer Herrschaft weiter.
- 127. Archäologische Funde belegen die Fortdauer gepidischer Gruppen bis ins 7. Jahrhundert.
- 128. Auch romanische Bevölkerungsreste bestanden in einigen Gebieten fort.
- 129. Diese romanische Bevölkerung ging auf die einstige Provinzbevölkerung der Römerzeit zurück.
- 130. Sie hielt sich vor allem in Rückzugsgebieten und in den Randzonen des Beckens.
- 131. Im Westen grenzte das Awarenreich an das Reich der Franken.
- 132. Die Franken waren ein germanisches Großreich, das später unter Karl dem Großen seine größte Macht erreichte.
- 133. Zwischen Awaren und Franken lag eine umstrittene Grenzregion im Osten des Frankenreiches.
- 134. Slawische Gruppen wie die Karantanen siedelten in dieser Übergangszone.
- 135. Diese slawischen Gruppen gerieten zwischen awarischen und fränkischen Einfluss.
- 136. Im Norden und Osten grenzte das Awarenreich an weitere slawische Siedlungsgebiete.
- 137. Im Lauf des 8. Jahrhunderts gewann das Frankenreich gegenüber den Awaren an Übergewicht.
- 138. Schließlich war es das Frankenreich, das das Awarenreich zerschlug.
- 139. Das Geflecht der Völker im Karpatenbecken war damit ständig in Bewegung.
- 140. Völker wanderten ein, andere wurden unterworfen, wieder andere verschmolzen miteinander.
- 141. Das Awarenreich bildete für zwei Jahrhunderte den ordnenden Rahmen dieses Geflechts.
- 142. Es band Slawen, Bulgaren und germanische Reste in einen gemeinsamen Verband ein.
- 143. Mit dem Untergang des Awarenreiches zerfiel diese ordnende Klammer.
- 144. Im 9. Jahrhundert entstand im Karpatenbecken ein politisches Mosaik.
- 145. Im Westen reichte der fränkische Einfluss tief in den Raum hinein.
- 146. Im Osten und Süden machte sich bulgarischer Einfluss geltend.
- 147. Dazwischen bestanden slawische Herrschaften wie das mährische Reich.
- 148. Das Großmährische Reich war das bedeutendste slawische Gebilde dieser Zeit im Raum.
- 149. Es entstand im 9. Jahrhundert nördlich der mittleren Donau.
- 150. In diese Welt mehrerer konkurrierender Mächte traten um 895 die Ungarn ein.
- 151. Die landnehmenden Ungarn fanden im Karpatenbecken keine einheitliche Herrschaft vor.
- 152. Sie trafen auf ein Nebeneinander von slawischen, bulgarischen und fränkisch beeinflussten Gebieten.
- 153. Diese politische Zersplitterung erleichterte den Ungarn die Besitznahme des Beckens.
- 154. Die vorgefundene Bevölkerung bestand vor allem aus Slawen.
- 155. Diese slawische Bevölkerung ging in den folgenden Jahrhunderten im ungarischen Volk auf.
- 156. Zahlreiche slawische Lehnwörter im Ungarischen zeugen von dieser Begegnung.
- 157. Diese Lehnwörter betreffen besonders Ackerbau, Handwerk, Verwaltung und Christentum.
- 158. Auch ein Teil der awarischen und bulgarischen Bevölkerung lebte zur Zeit der Landnahme fort.
- 159. Das Karpatenbecken war damit zur Zeit der ungarischen Landnahme ein vielvölkischer Raum.
- 160. Die Ungarn fügten ihrer Herrschaft eine bereits geschichtete Bevölkerung hinzu.
- 161. Aus dieser Verbindung entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten das ungarische Volk.
- 162. Die byzantinischen Einflüsse blieben auch nach der Awarenzeit im Raum wirksam.
- 163. Byzanz wirkte über Handel, Diplomatie und Mission auf das Karpatenbecken ein.
- 164. Auch auf das frühe ungarische Reich übte Byzanz einen erkennbaren Einfluss aus.
- 165. Die ungarische Christianisierung erhielt zeitweise auch Anstöße aus der byzantinischen Welt.
- 166. Letztlich setzte sich in Ungarn jedoch das westliche, lateinische Christentum durch.
- 167. Die Völkerwelt der Awarenzeit bildet damit eine wichtige Vorgeschichte des ungarischen Reiches.
- 168. Slawen, Bulgaren und Byzanz waren die prägenden Kräfte dieser Vorgeschichte.
- 169. Die Slawen stellten die ansässige Bevölkerung, in die die Ungarn eintraten.
- 170. Die Bulgaren waren benachbarte und konkurrierende Steppenmacht zugleich.
- 171. Byzanz war die kulturelle und politische Großmacht im Hintergrund.
- 172. Erst das Zusammenspiel dieser Kräfte erklärt die Lage bei der ungarischen Landnahme.
- 173. Das Awarenreich hatte diese Völker für zwei Jahrhunderte unter einer Herrschaft zusammengefasst.
- 174. Damit hatte es den Raum auf eine neue, größere Ordnung vorbereitet.
- 175. Die Ungarn knüpften nach 895 in mancher Hinsicht an diese awarische Ordnung an.
- 176. Auch sie einten die vielen Völker des Beckens unter einer einzigen Herrschaft.
- 177. Die Awarenzeit zeigt damit ein Grundmuster der Geschichte des Karpatenbeckens.
- 178. Der Raum war stets ein Treffpunkt und Schmelztiegel verschiedener Völker.
- 179. Aus dem Zusammenwirken dieser Völker entstanden immer wieder neue Ordnungen.
- 180. Die Geschichte des ungarischen Volkes ist aus diesem vielvölkischen Erbe hervorgegangen.
Das Avarische Reich im Niedergang: Innere Konflikte und Druck von außen
[Bearbeiten]- 1. Das Awarenreich hatte über zwei Jahrhunderte als beherrschende Macht im Karpatenbecken bestanden.
- 2. In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts geriet diese alte Ordnung jedoch in eine tiefe Krise.
- 3. Innerhalb weniger Jahrzehnte zerfiel das Reich, das so lange stabil gewirkt hatte.
- 4. Der Niedergang der Awaren war das Ergebnis mehrerer ineinandergreifender Ursachen.
- 5. Innere Schwäche und äußerer Druck wirkten dabei zusammen.
- 6. Dieses Kapitel betrachtet die Gründe und den Verlauf dieses Niedergangs.
- 7. Es behandelt die inneren Konflikte des Reiches und den wachsenden Druck von außen.
- 8. Den Abschluss bilden die fränkischen Feldzüge, die das Reich endgültig zerschlugen.
- 9. Die Wurzeln des Niedergangs reichten weit zurück.
- 10. Bereits die gescheiterte Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 hatte das Reich geschwächt.
- 11. Diese Niederlage hatte die Expansionskraft der Awaren dauerhaft gebrochen.
- 12. Nach 626 ließen die großen, gewinnbringenden Feldzüge weitgehend nach.
- 13. Damit versiegte eine wichtige Quelle des awarischen Reichtums.
- 14. Beute und erpresster Tribut hatten die Loyalität der Kriegerelite gesichert.
- 15. Ohne diese Einnahmen verlor die Herrschaft des Khagans an Bindekraft.
- 16. Schon im 7. Jahrhundert hatten sich erste Teile des Reiches gelöst.
- 17. Die slawische Erhebung unter Samo hatte den awarischen Machtbereich im Westen verkleinert.
- 18. Die Loslösung der Bulgaren hatte das Reich im Osten geschwächt.
- 19. Das Awarenreich des 8. Jahrhunderts war damit kleiner und ärmer als zur Zeit seiner Blüte.
- 20. Es war zu einer regionalen Macht geschrumpft, die auf das Karpatenbecken beschränkt blieb.
- 21. Im Inneren war das Reich von strukturellen Schwächen gekennzeichnet.
- 22. Das Awarenreich besaß keine feste Verwaltung und keine geschriebenen Gesetze.
- 23. Sein Zusammenhalt beruhte allein auf der Person des Herrschers und auf Treueverhältnissen.
- 24. Eine solche Ordnung war nur so stark wie die Autorität des jeweiligen Khagans.
- 25. Ein schwacher oder erfolgloser Herrscher gefährdete sofort den Bestand des ganzen Verbandes.
- 26. Über die inneren Verhältnisse des späten Awarenreiches berichten die Quellen nur spärlich.
- 27. Erkennbar ist jedoch, dass die Einheit des Reiches im 8. Jahrhundert brüchig wurde.
- 28. Die fränkischen Quellen lassen auf rivalisierende Machtträger innerhalb des Reiches schließen.
- 29. Neben dem Khagan tritt in den Berichten ein Würdenträger mit dem Titel Jugurrus auf.
- 30. Daneben erscheint der Tudun, ein Statthalter über einen Teil des Reiches.
- 31. Diese Würdenträger handelten in der Spätzeit zunehmend eigenständig.
- 32. Die Zersplitterung der Macht schwächte die Handlungsfähigkeit des Reiches.
- 33. In der Endphase berichten die Quellen sogar von offenen inneren Kämpfen.
- 34. Verschiedene awarische Machtträger bekämpften einander um den Vorrang.
- 35. Diese inneren Konflikte lähmten die Verteidigung gegen die äußeren Feinde.
- 36. Ein zerstrittenes Reich konnte einem geschlossenen Gegner nur wenig entgegensetzen.
- 37. Zur inneren Schwäche trat ein gewandeltes außenpolitisches Umfeld.
- 38. Über lange Zeit war das Frankenreich kein gefährlicher Nachbar der Awaren gewesen.
- 39. Im 8. Jahrhundert wandelte sich das Frankenreich jedoch zur dominierenden Macht des Westens.
- 40. Unter der Dynastie der Karolinger gewann es stark an Geschlossenheit und Stärke.
- 41. Der bedeutendste Herrscher dieser Dynastie war Karl der Große.
- 42. Karl der Große regierte das Frankenreich seit dem Jahr 768.
- 43. Unter seiner Herrschaft dehnte sich das Frankenreich nach allen Seiten aus.
- 44. Karl führte zahlreiche Eroberungs- und Unterwerfungskriege.
- 45. Ein langer und harter Krieg galt der Unterwerfung der Sachsen.
- 46. Ein anderer Feldzug führte zur Eroberung des Langobardenreiches in Italien.
- 47. Damit rückte das Frankenreich auch im Süden näher an den awarischen Raum heran.
- 48. Das wachsende Frankenreich grenzte schließlich unmittelbar an das Awarenreich.
- 49. Diese Nachbarschaft machte einen Zusammenstoß auf längere Sicht wahrscheinlich.
- 50. Zwischen Awaren und Franken lag eine umstrittene Grenzzone im Ostalpenraum.
- 51. In dieser Zone siedelten slawische Gruppen wie die Karantanen.
- 52. Diese slawischen Gebiete gerieten zunehmend unter fränkische Oberhoheit.
- 53. Damit verschob sich die Grenze des fränkischen Einflusses immer näher an das Awarenreich.
- 54. Die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges ist mit Bayern verbunden.
- 55. Bayern war bis dahin ein eigenständiges Herzogtum unter fränkischer Oberhoheit.
- 56. Der bayerische Herzog Tassilo führte eine gegen Karl gerichtete Politik.
- 57. Tassilo soll dabei ein Bündnis mit den Awaren gesucht haben.
- 58. Im Jahr 788 setzte Karl der Große den Herzog Tassilo ab.
- 59. Bayern wurde damit unmittelbar in das Frankenreich eingegliedert.
- 60. Durch die Eingliederung Bayerns wurde das Frankenreich zum direkten Nachbarn der Awaren.
- 61. Noch im Jahr 788 kam es zu ersten Kämpfen zwischen Franken und Awaren.
- 62. Awarische Verbände unternahmen Einfälle in das nun fränkische Bayern und nach Italien.
- 63. Diese awarischen Vorstöße wurden von fränkischen Truppen zurückgeschlagen.
- 64. Die Kämpfe von 788 markierten den Beginn der offenen Auseinandersetzung.
- 65. Karl der Große bereitete daraufhin einen großen Feldzug gegen das Awarenreich vor.
- 66. Die Vorbereitungen erstreckten sich über mehrere Jahre.
- 67. Karl ließ Nachschubwege sichern und Vorräte für das Heer anlegen.
- 68. Für den Transport auf der Donau wurden Schiffe und Brücken bereitgestellt.
- 69. Der fränkische Feldzug gegen die Awaren begann im Jahr 791.
- 70. Karl führte ein großes Heer in mehreren getrennten Marschsäulen heran.
- 71. Eine Säule zog südlich der Donau, eine weitere nördlich des Flusses.
- 72. Eine dritte Streitmacht rückte aus Italien über die Ostalpen heran.
- 73. Dieses Zusammenwirken sollte die awarische Verteidigung überfordern.
- 74. Das fränkische Heer drang 791 tief in awarisches Gebiet vor.
- 75. Die Awaren leisteten dem Vormarsch überraschend wenig geschlossenen Widerstand.
- 76. Die fränkischen Quellen berichten, dass die Awaren ihre Grenzbefestigungen aufgaben.
- 77. Das fränkische Heer stieß bis in das Gebiet zwischen Donau und Raab vor.
- 78. Ein entscheidendes Aufeinandertreffen blieb jedoch zunächst aus.
- 79. Eine Seuche unter den fränkischen Pferden zwang Karl zum Abbruch des Feldzugs.
- 80. Das fränkische Heer kehrte 791 ohne endgültige Entscheidung zurück.
- 81. Der geringe awarische Widerstand von 791 deutete bereits auf die innere Schwäche des Reiches hin.
- 82. In den folgenden Jahren brachen im Awarenreich offene innere Kämpfe aus.
- 83. Die fränkischen Quellen berichten von Auseinandersetzungen zwischen awarischen Machtträgern.
- 84. Bei diesen inneren Kämpfen kamen der Khagan und der Jugurrus ums Leben.
- 85. Der Tod der höchsten Würdenträger lähmte die Führung des Reiches vollständig.
- 86. Das Awarenreich war damit von innen heraus weitgehend handlungsunfähig geworden.
- 87. Diese Selbstzerstörung der awarischen Führung erleichterte den Franken ihr Werk erheblich.
- 88. Im Jahr 795 wandte sich ein awarischer Würdenträger an die Franken.
- 89. Der Tudun erklärte sich bereit, sich Karl zu unterwerfen.
- 90. Er stellte die Annahme des Christentums und die Anerkennung der fränkischen Oberhoheit in Aussicht.
- 91. Die awarische Einheit war damit endgültig zerbrochen.
- 92. Im selben Jahr drang ein fränkisches Heer erneut in awarisches Gebiet vor.
- 93. Dieses Heer wurde von Erich, dem Markgrafen von Friaul, geführt.
- 94. Erichs Truppen erreichten den zentralen Herrschaftssitz der Awaren.
- 95. Dieser Sitz war der sogenannte Ring, das befestigte Macht- und Schatzzentrum.
- 96. Der Ring wurde von den Franken eingenommen und geplündert.
- 97. In ihm lagerten die über zwei Jahrhunderte angesammelten Schätze des Reiches.
- 98. Den Franken fielen gewaltige Mengen an Gold und Silber in die Hände.
- 99. Die fränkischen Quellen berichten, der Schatz habe viele Wagen gefüllt.
- 100. Der awarische Schatz wurde zu Karl dem Großen gebracht.
- 101. Karl verteilte einen Teil des Schatzes an Kirchen, Klöster und Getreue.
- 102. Der erbeutete awarische Goldschatz galt den Zeitgenossen als sagenhaft groß.
- 103. Mit dem Verlust des Rings verloren die Awaren ihr Macht- und Schatzzentrum.
- 104. Der wirtschaftliche und symbolische Kern des Reiches war damit zerstört.
- 105. Im Jahr 796 wurde der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
- 106. Ein fränkisches Heer unter Karls Sohn Pippin zog erneut gegen die Awaren.
- 107. Pippin war von seinem Vater zum König von Italien eingesetzt worden.
- 108. Sein Heer drang abermals bis zum Ring vor.
- 109. Der awarische Khagan unterwarf sich daraufhin förmlich der fränkischen Herrschaft.
- 110. Er erschien vor Pippin, leistete den Treueeid und nahm das Christentum an.
- 111. Mit dieser Unterwerfung endete das Awarenreich als eigenständige Macht.
- 112. Was über zwei Jahrhunderte bestanden hatte, war binnen weniger Jahre zerfallen.
- 113. Der rasche Zusammenbruch überraschte schon die Zeitgenossen.
- 114. Er erklärt sich nur aus dem Zusammentreffen von innerer Schwäche und äußerem Druck.
- 115. Die fränkische Überlegenheit allein hätte den raschen Untergang kaum bewirkt.
- 116. Ebenso entscheidend war die Selbstzerstörung der awarischen Führung in inneren Kämpfen.
- 117. Mit der Unterwerfung von 796 war der Krieg jedoch noch nicht ganz beendet.
- 118. In den folgenden Jahren kam es zu vereinzelten awarischen Erhebungen.
- 119. Reste der awarischen Elite versuchten, die fränkische Oberhoheit wieder abzuschütteln.
- 120. Diese Aufstände wurden von fränkischen Truppen niedergeschlagen.
- 121. Bei den Kämpfen um das Jahr 799 fielen mehrere fränkische Befehlshaber.
- 122. Auch der Markgraf Erich von Friaul kam in dieser Zeit ums Leben.
- 123. Die letzten größeren Kämpfe fanden um das Jahr 803 statt.
- 124. Danach war der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
- 125. Das Awarenreich hatte damit endgültig aufgehört zu bestehen.
- 126. Die Awaren als Volk verschwanden mit dem Untergang ihres Reiches jedoch nicht sofort.
- 127. Ein Teil der awarischen Bevölkerung lebte unter fränkischer Oberhoheit weiter.
- 128. Karl der Große siedelte unterworfene Awaren in einem abhängigen Gebiet an.
- 129. Dieses Gebiet lag im Osten des fränkischen Einflussbereichs an der Donau.
- 130. Dort lebten die Awaren als christianisierte und fränkisch abhängige Bevölkerung.
- 131. Fränkische Missionare wirkten gezielt unter den unterworfenen Awaren.
- 132. Die Christianisierung der Awaren wurde von der Kirche planmäßig betrieben.
- 133. Bistümer wie Salzburg und Passau übernahmen die Mission im ehemaligen Awarengebiet.
- 134. Mit der Eingliederung in das Frankenreich verlor die awarische Oberschicht ihre Macht.
- 135. Die awarische Identität verlor in der Folgezeit zunehmend an Bedeutung.
- 136. Schriftliche Erwähnungen der Awaren werden im 9. Jahrhundert immer seltener.
- 137. Eine spätere Quelle berichtet, auf die Frage nach den Awaren habe es geheißen, sie seien verschwunden.
- 138. Diese Überlieferung bezeugt das endgültige Aufgehen der Awaren in anderen Völkern.
- 139. Die awarische Bevölkerung verschmolz mit den Slawen und der übrigen Bevölkerung des Raumes.
- 140. Der Untergang des Awarenreiches veränderte die politische Landkarte des Karpatenbeckens.
- 141. Im Westen reichte der fränkische Einfluss nun tief in das Becken hinein.
- 142. Im Südosten dehnte das Donaubulgarische Reich seine Macht nach Norden aus.
- 143. Teile des östlichen Karpatenbeckens gerieten unter bulgarische Oberhoheit.
- 144. Im Norden entstand mit dem Großmährischen Reich eine slawische Macht.
- 145. Das Karpatenbecken zerfiel damit in mehrere konkurrierende Einflusszonen.
- 146. Die alte ordnende Klammer des Awarenreiches war fortgefallen.
- 147. Kein neuer Verband fasste den gesamten Raum unter einer einzigen Herrschaft zusammen.
- 148. Das Becken war damit ein politisch zersplittertes Gebiet.
- 149. Diese Zersplitterung sollte für die folgende Geschichte des Raumes große Bedeutung gewinnen.
- 150. Im 9. Jahrhundert war das Karpatenbecken ein Raum ohne beherrschende Zentralmacht.
- 151. Diese Lage bestand noch, als sich am Ende des 9. Jahrhunderts die Ungarn näherten.
- 152. Die landnehmenden Ungarn trafen daher auf keine einheitliche, starke Gegenmacht.
- 153. Sie fanden ein Nebeneinander schwächerer und untereinander zerstrittener Herrschaften vor.
- 154. Diese politische Zersplitterung erleichterte den Ungarn die Besitznahme des Beckens erheblich.
- 155. Der Untergang der Awaren hatte damit den Raum für die ungarische Landnahme geöffnet.
- 156. Zwischen dem Ende des Awarenreiches und der ungarischen Landnahme lag rund ein Jahrhundert.
- 157. In diesem Jahrhundert blieb das Karpatenbecken politisch ungeordnet.
- 158. Manche Forscher sprechen für diese Zeit von einem awarischen Nachleben in Restgruppen.
- 159. Reste der awarisch geprägten Bevölkerung könnten die ungarische Landnahme noch erlebt haben.
- 160. In diesem Fall wären sie in das werdende ungarische Volk eingegangen.
- 161. Der Untergang des Awarenreiches lehrt einige allgemeine Einsichten über Steppenreiche.
- 162. Steppenreiche konnten rasch zu großer Macht aufsteigen.
- 163. Sie konnten aber ebenso rasch wieder zerfallen.
- 164. Ihr Bestand hing von der Autorität des Herrschers und vom äußeren Erfolg ab.
- 165. Blieben Beute und Tribut aus, so schwand die innere Bindekraft.
- 166. Ohne feste Verwaltung fehlte ein Gerüst, das innere Krisen überdauern konnte.
- 167. Das Awarenreich teilte dieses Schicksal mit anderen Steppenreichen seiner Art.
- 168. Schon das Hunnenreich Attilas war nach kurzer Blüte rasch zerfallen.
- 169. Das Awarenreich hatte demgegenüber immerhin über zwei Jahrhunderte bestanden.
- 170. Diese lange Dauer war für ein Steppenreich bemerkenswert.
- 171. Umso auffälliger war die Schnelligkeit seines endgültigen Zusammenbruchs.
- 172. Für die ungarische Geschichte ist der Untergang der Awaren von doppelter Bedeutung.
- 173. Zum einen schuf er die offene Lage, in die die Ungarn eintreten konnten.
- 174. Zum anderen bot er ein lehrreiches Beispiel für die Gefährdung von Steppenreichen.
- 175. Auch das frühe Ungarn war zunächst ein Reich von steppennomadischer Prägung.
- 176. Anders als die Awaren gelang es den Ungarn jedoch, ihr Reich dauerhaft zu festigen.
- 177. Sie nahmen das Christentum an und schufen eine feste staatliche Ordnung.
- 178. Auf diese Weise entgingen die Ungarn dem Schicksal der Awaren.
- 179. Das ungarische Reich überdauerte, wo das awarische untergegangen war.
- 180. Der Niedergang der Awaren bildet damit das Ende eines Zeitalters und zugleich den Auftakt zur ungarischen Geschichte.
Nach den Awaren: Das Machtvakuum im 8. Jahrhundert
[Bearbeiten]- 1. Mit dem Untergang des Awarenreiches um die Wende zum 9. Jahrhundert endete eine lange Epoche der Geschichte des Karpatenbeckens.
- 2. Über zweihundert Jahre hatte das Awarenreich den Raum als beherrschende Macht zusammengehalten.
- 3. Sein Zerfall hinterließ eine tiefgreifende politische Lücke.
- 4. Diese Lücke wird in der Forschung als Machtvakuum des Karpatenbeckens bezeichnet.
- 5. Eine Vorbemerkung zur zeitlichen Einordnung ist hier nötig.
- 6. Das Awarenreich ging erst um 796 bis 803 unter.
- 7. Das eigentliche Machtvakuum betraf daher das 9. Jahrhundert.
- 8. Das ausgehende 8. Jahrhundert war lediglich die Zeit des awarischen Zusammenbruchs.
- 9. Dieses Kapitel behandelt die Lage des Karpatenbeckens nach dem Ende der awarischen Herrschaft.
- 10. Es betrachtet die Mächte, die in die entstandene Lücke vorstießen.
- 11. Der Begriff des Machtvakuums bedarf einer genauen Erläuterung.
- 12. Ein Machtvakuum bezeichnet einen Raum ohne beherrschende Zentralgewalt.
- 13. Der Raum ist dabei nicht menschenleer, sondern nur politisch ungeordnet.
- 14. Das Karpatenbecken war nach dem Ende der Awaren keineswegs unbesiedelt.
- 15. Es lebte dort weiterhin eine zahlreiche, vorwiegend bäuerliche Bevölkerung.
- 16. Was fehlte, war eine einzige Macht, die den ganzen Raum beherrschte.
- 17. An die Stelle der einen awarischen Herrschaft trat ein Nebeneinander mehrerer Kräfte.
- 18. Keine dieser Kräfte war stark genug, das gesamte Becken zu kontrollieren.
- 19. Genau dieses Nebeneinander macht das Wesen des Machtvakuums aus.
- 20. Die awarische Herrschaft endete nicht in einem einzigen Augenblick.
- 21. Sie zerbrach in einem mehrjährigen Prozess zwischen 791 und 803.
- 22. Die fränkischen Feldzüge unter Karl dem Großen zerschlugen das Reich.
- 23. Innere Kämpfe der awarischen Führung beschleunigten den Zusammenbruch.
- 24. Um 803 war der awarische Widerstand endgültig gebrochen.
- 25. Danach bestand im Karpatenbecken keine awarische Zentralmacht mehr.
- 26. Die awarische Bevölkerung verschwand mit dem Reich jedoch nicht.
- 27. Sie lebte unter neuer Oberhoheit im Karpatenbecken weiter.
- 28. Damit war der Boden für die Neuordnung des Raumes bereitet.
- 29. In das entstandene Machtvakuum stießen mehrere Mächte gleichzeitig vor.
- 30. Die wichtigste dieser Mächte war das Frankenreich Karls des Großen.
- 31. Das Frankenreich war die stärkste Macht des damaligen Europa.
- 32. Es hatte das Awarenreich besiegt und dehnte seinen Einfluss nach Osten aus.
- 33. Der fränkische Einfluss erfasste vor allem den westlichen Teil des Karpatenbeckens.
- 34. Dieser Bereich umfasste den pannonischen Raum westlich der Donau.
- 35. Die Franken errichteten in den eroberten Gebieten Grenzmarken.
- 36. Eine Grenzmark war ein militärisch gesicherter Verwaltungsbezirk an der Reichsgrenze.
- 37. Im Ostalpenraum entstand die sogenannte Awarische Mark oder Ostmark.
- 38. Diese Mark sicherte die östliche Grenze des Frankenreiches gegen das Karpatenbecken.
- 39. Aus dieser fränkischen Grenzregion ging später das Herzogtum Österreich hervor.
- 40. Die fränkische Herrschaft im Westen war mit der Ausbreitung des Christentums verbunden.
- 41. Die Bistümer Salzburg und Passau übernahmen die Mission in den eroberten Gebieten.
- 42. Christliche Kirchen wurden errichtet und die Bevölkerung wurde getauft.
- 43. Im westlichen Karpatenbecken setzte damit eine fränkisch-kirchliche Durchdringung ein.
- 44. Eine zweite Macht stieß von Südosten in das Vakuum vor.
- 45. Diese Macht war das Donaubulgarische Reich.
- 46. Das Donaubulgarische Reich war im Jahr 681 südlich der unteren Donau gegründet worden.
- 47. Im 9. Jahrhundert dehnte es seine Macht kräftig nach Norden und Westen aus.
- 48. Die bulgarischen Herrscher nutzten den Untergang der Awaren für ihre Expansion.
- 49. Bulgarischer Einfluss erfasste den südöstlichen Teil des Karpatenbeckens.
- 50. Dazu gehörten Gebiete östlich der Theiß und im Banat.
- 51. Auch Siebenbürgen geriet teilweise unter bulgarischen Einfluss.
- 52. Für die Bulgaren war das Salz Siebenbürgens von besonderem wirtschaftlichem Interesse.
- 53. Die Salzvorkommen Siebenbürgens waren eine wertvolle Ressource.
- 54. Bulgarische Statthalter kontrollierten die Salzgewinnung und ihren Transport.
- 55. Damit reichte der bulgarische Machtbereich tief in das Karpatenbecken hinein.
- 56. Eine dritte Macht erwuchs aus den slawischen Bevölkerungen des Raumes.
- 57. Nördlich der mittleren Donau entstand das Großmährische Reich.
- 58. Das Großmährische Reich war ein slawisches Herrschaftsgebilde des 9. Jahrhunderts.
- 59. Sein Kerngebiet lag im Raum des heutigen Mähren und der westlichen Slowakei.
- 60. Das Reich entstand durch die Vereinigung mehrerer slawischer Fürstentümer.
- 61. Unter Herrschern wie Mojmir, Rastislav und Svatopluk gewann es an Macht.
- 62. Das Großmährische Reich dehnte seinen Einfluss zeitweise weit aus.
- 63. Es geriet dabei in Konkurrenz sowohl zum Frankenreich als auch zu Bulgarien.
- 64. Mit dem Großmährischen Reich ist ein bedeutendes kulturelles Ereignis verbunden.
- 65. Im Jahr 863 kamen die Missionare Konstantin und Method nach Mähren.
- 66. Konstantin trug später als Mönch den Namen Kyrill.
- 67. Die beiden Brüder waren aus dem Byzantinischen Reich entsandt worden.
- 68. Sie schufen eine Schrift für die slawische Sprache und übersetzten kirchliche Texte.
- 69. Damit begründeten sie die slawische Schrift- und Kirchensprache.
- 70. Das Großmährische Reich war somit ein Zentrum frühslawischer Kultur.
- 71. Neben diesen drei Hauptmächten bestanden kleinere slawische Fürstentümer.
- 72. Im pannonischen Raum bestand das Fürstentum des slawischen Fürsten Pribina.
- 73. Pribina war aus Mähren vertrieben worden und erhielt von den Franken Land in Pannonien.
- 74. Sein Herrschaftssitz lag bei Mosapurc am Plattensee.
- 75. Pribina und sein Sohn Kocel herrschten dort unter fränkischer Oberhoheit.
- 76. Dieses pannonische Fürstentum war ein weiteres Mosaiksteinchen der zersplitterten Lage.
- 77. Das Karpatenbecken war damit im 9. Jahrhundert in mehrere Einflusszonen geteilt.
- 78. Im Westen herrschte fränkischer Einfluss.
- 79. Im Südosten machte sich bulgarische Macht geltend.
- 80. Im Norden bestand das slawische Großmährische Reich.
- 81. Dazwischen lagen kleinere slawische Fürstentümer und Restgebiete.
- 82. Keine dieser Mächte beherrschte das gesamte Becken.
- 83. Vor allem die weite Tiefebene zwischen Donau und Theiß blieb politisch unklar.
- 84. Diese zentrale Tiefebene war von keiner der Mächte fest kontrolliert.
- 85. Gerade diese offene Mitte kennzeichnete das Machtvakuum des Beckens.
- 86. Über die Bevölkerung der zentralen Tiefebene im 9. Jahrhundert ist wenig bekannt.
- 87. Es lebten dort vermutlich Reste der awarischen und slawischen Bevölkerung.
- 88. Diese Restbevölkerung stand unter keiner festen, übergeordneten Herrschaft.
- 89. Die zentrale Tiefebene bot zudem ideale Bedingungen für berittene Steppenvölker.
- 90. Ihre weiten Grasländer waren als Weidegebiet hervorragend geeignet.
- 91. Damit war die Mitte des Beckens für ein neues Steppenvolk besonders attraktiv.
- 92. Die Lage des Karpatenbeckens im 9. Jahrhundert war somit grundlegend gekennzeichnet.
- 93. Mehrere mittlere Mächte rangen um Einfluss, ohne dass eine die Vorherrschaft errang.
- 94. Die Mitte des Beckens blieb dabei ein offener, schwach beherrschter Raum.
- 95. Diese Konstellation war für das, was folgen sollte, von großer Bedeutung.
- 96. Die mittleren Mächte des Beckens waren zudem untereinander verfeindet.
- 97. Franken, Bulgaren und Mährer führten wechselnde Kriege gegeneinander.
- 98. Bündnisse wurden geschlossen und ebenso rasch wieder gebrochen.
- 99. Diese Zerstrittenheit schwächte alle Beteiligten.
- 100. Keine der Mächte konnte sich der anderen dauerhaft erwehren oder sie überwinden.
- 101. Besonders erbittert war der Gegensatz zwischen dem Frankenreich und Großmähren.
- 102. Die fränkischen Herrscher versuchten mehrfach, das mährische Reich zu unterwerfen.
- 103. Die mährischen Fürsten wehrten sich beharrlich gegen die fränkische Oberhoheit.
- 104. In diesen Konflikten suchten beide Seiten nach auswärtigen Verbündeten.
- 105. Auch berittene Steppenkrieger wurden dabei als Hilfstruppen angeworben.
- 106. Diese Praxis sollte sich für die Zukunft des Beckens als folgenreich erweisen.
- 107. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts erschien ein neues Volk an der Grenze des Raumes.
- 108. Dieses Volk waren die Ungarn, ein Reitervolk aus der osteuropäischen Steppe.
- 109. Die Ungarn siedelten zu dieser Zeit im Raum nördlich des Schwarzen Meeres.
- 110. Dieser Raum wird in der Überlieferung als Etelköz bezeichnet.
- 111. Von dort aus unternahmen die Ungarn Vorstöße nach Westen.
- 112. Die zerstrittenen Mächte des Karpatenbeckens zogen die Ungarn als Söldner heran.
- 113. Mehrfach kämpften ungarische Verbände im Auftrag fränkischer oder mährischer Herren.
- 114. Auf diese Weise lernten die Ungarn das Karpatenbecken aus eigener Anschauung kennen.
- 115. Sie erkannten dabei die offene Lage und die Schwäche der dortigen Mächte.
- 116. Diese Erfahrungen bereiteten die spätere ungarische Landnahme vor.
- 117. Um das Jahr 895 erfolgte die eigentliche ungarische Landnahme.
- 118. Die Ungarn zogen geschlossen über die Karpatenpässe in das Becken ein.
- 119. Den unmittelbaren Anlass bildete ein Krieg im Raum nördlich des Schwarzen Meeres.
- 120. Die Ungarn waren dort von den Petschenegen, einem anderen Steppenvolk, angegriffen worden.
- 121. Unter dem Druck der Petschenegen verließen die Ungarn ihr Gebiet Etelköz.
- 122. Sie wandten sich dem ihnen bereits bekannten Karpatenbecken zu.
- 123. Im Karpatenbecken trafen die Ungarn auf die geschilderte zersplitterte Lage.
- 124. Keine einheitliche, starke Macht stellte sich ihnen entgegen.
- 125. Die mittleren Mächte des Beckens waren zudem untereinander zerstritten.
- 126. Diese Schwäche der vorgefundenen Mächte erleichterte den Ungarn die Besitznahme entscheidend.
- 127. Die Ungarn besetzten zuerst die offene zentrale Tiefebene des Beckens.
- 128. Diese Tiefebene war von keiner Macht fest kontrolliert gewesen.
- 129. Von dort aus dehnten sie ihre Herrschaft schrittweise auf das ganze Becken aus.
- 130. Das Großmährische Reich brach unter dem ungarischen Ansturm um 906 zusammen.
- 131. Der bulgarische Einfluss im Südosten wurde zurückgedrängt.
- 132. Der fränkische Einfluss endete an der Westgrenze des Beckens.
- 133. Innerhalb weniger Jahre beherrschten die Ungarn das gesamte Karpatenbecken.
- 134. Das Machtvakuum des 9. Jahrhunderts war damit beendet.
- 135. An die Stelle der zersplitterten Lage trat erneut eine einzige Herrschaft.
- 136. Diese neue Herrschaft war die der Ungarn.
- 137. Das Karpatenbecken war damit wieder unter einer Macht vereint.
- 138. Der Zusammenhang zwischen Machtvakuum und Landnahme ist offensichtlich.
- 139. Ohne die Schwäche und Zersplitterung der vorgefundenen Mächte wäre die Landnahme schwieriger gewesen.
- 140. Hätte eine starke Zentralmacht das Becken beherrscht, wäre die ungarische Besitznahme kaum gelungen.
- 141. Das Machtvakuum war damit eine entscheidende Voraussetzung der ungarischen Landnahme.
- 142. In diesem Sinn bereitete der Untergang der Awaren die ungarische Geschichte vor.
- 143. Das Awarenreich hatte das Becken zuvor über zwei Jahrhunderte als Einheit zusammengehalten.
- 144. Sein Untergang öffnete den Raum für eine neue Macht.
- 145. Die Ungarn traten gewissermaßen das Erbe der Awaren an.
- 146. Beide waren Reitervölker aus der eurasischen Steppe.
- 147. Beide machten das Karpatenbecken zur Grundlage einer dauerhaften Herrschaft.
- 148. Zwischen dem awarischen und dem ungarischen Reich lag jedoch ein wichtiger Unterschied.
- 149. Das Awarenreich war nach zwei Jahrhunderten endgültig zerfallen.
- 150. Das ungarische Reich dagegen sollte dauerhaften Bestand gewinnen.
- 151. Die Ungarn nahmen das Christentum an und schufen eine feste staatliche Ordnung.
- 152. Damit entgingen sie dem Schicksal der Awaren.
- 153. Die Geschichte des Karpatenbeckens zeigt hier ein wiederkehrendes Grundmuster.
- 154. Auf den Zerfall einer Zentralmacht folgte ein Machtvakuum.
- 155. In dieses Vakuum stieß früher oder später eine neue Macht vor.
- 156. Diese neue Macht ordnete den Raum erneut unter ihrer Herrschaft.
- 157. Schon der Untergang des römischen Pannonien hatte ein solches Vakuum hinterlassen.
- 158. In jenes Vakuum waren einst die Awaren vorgestoßen.
- 159. Nun wiederholte sich dieses Muster mit dem Untergang der Awaren.
- 160. In das neue Vakuum stießen die Ungarn vor.
- 161. Das Karpatenbecken erweist sich damit als ein Raum stets wechselnder Mächte.
- 162. Seine geographische Geschlossenheit lud immer wieder zur Bildung einer Zentralmacht ein.
- 163. Seine Lage am Schnittpunkt der Völker führte zugleich immer wieder zu deren Sturz.
- 164. Das Machtvakuum nach den Awaren war eine kurze Übergangszeit in dieser langen Geschichte.
- 165. Es dauerte nur etwa ein Jahrhundert.
- 166. In diesem Jahrhundert blieb das Becken politisch ungeordnet und umkämpft.
- 167. Dann fand der Raum mit der ungarischen Landnahme zu einer neuen Ordnung.
- 168. Für die ungarische Geschichte ist diese Übergangszeit von grundlegender Bedeutung.
- 169. Sie bildet das unmittelbare Vorfeld der Landnahme.
- 170. Die Lage, die die Ungarn vorfanden, war das Ergebnis dieses Machtvakuums.
- 171. Die Schwäche der vorgefundenen Mächte bestimmte den Erfolg der Landnahme.
- 172. Insofern gehört das Machtvakuum unmittelbar zur Vorgeschichte des ungarischen Reiches.
- 173. Mit der ungarischen Landnahme begann ein neuer Abschnitt der Geschichte des Beckens.
- 174. Aus dem zuvor herrenlosen Raum wurde das Kerngebiet eines neuen Reiches.
- 175. Dieses Reich war das werdende Ungarn.
- 176. Das Machtvakuum nach den Awaren markiert damit eine wichtige Schwelle.
- 177. Es trennt die Spätantike und das Frühmittelalter des Beckens von der ungarischen Epoche.
- 178. Mit dem Ende dieses Vakuums beginnt die eigentliche ungarische Geschichte des Karpatenbeckens.
- 179. Die folgenden Kapitel wenden sich daher den Ungarn selbst zu.
- 180. Sie behandeln deren Herkunft, ihre Wanderungen und ihren Weg in das Karpatenbecken.