Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Die Geschichte Ungarns - Leben in Levedia 10
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- Die Geschichte Ungarns - 10. - Leben in Levedia - Nomadische Strukturen und Nachbarschaften
- DIE GESCHICHTE UNGARNS
- Frühmittelalter und Ethnogenese
Leben in Levedia: Nomadische Strukturen und Nachbarschaften
[Bearbeiten]- 1. Das Leben in Levedia bezeichnet jenen Abschnitt der ungarischen Frühgeschichte, in dem der magyarische Stammesverband als ein bewegliches Reitervolk in der pontischen Steppe wohnte und dort die Grundlagen seiner späteren Geschichte ausbildete.
- 2. Dieser Abschnitt steht zwischen der dunklen Vorzeit der finnisch-ugrischen Herkunft und dem hell beleuchteten Ereignis der Landnahme im Karpatenbecken und bildet ein entscheidendes Bindeglied der gesamten Entwicklung.
- 3. Wer das Leben in Levedia betrachtet, betritt einen Raum, in dem die geschichtliche Überlieferung spärlich und die Aufgabe der Rekonstruktion entsprechend anspruchsvoll wird.
- 4. Denn die Magyaren jener Zeit waren ein schriftloses Volk, das keine eigenen Zeugnisse hinterließ und allein durch die Berichte fremder Beobachter in das Licht der Geschichte trat.
- 5. Die Darstellung des Lebens in Levedia muss daher beständig zwischen der quellenkritischen Geschichtswissenschaft und der Eigenart einer mobilen Steppengesellschaft vermitteln.
- 6. Sie muss aus schmalen und mehrdeutigen Nachrichten, aus archäologischen Funden und aus Vergleichen mit verwandten Völkern ein zusammenhängendes Bild gewinnen.
- 7. Dieses Bild bleibt naturgemäß ein Annäherungswert, der mit Unsicherheiten behaftet ist und manche Frage offen lassen muss.
- 8. Gleichwohl fügen sich die verfügbaren Zeugnisse zu einem erstaunlich kohärenten Bild einer vielseitigen und an ihre Umwelt angepassten Lebenswelt.
- 9. Um diese Lebenswelt zu verstehen, ist zunächst ihr Ort in Raum und Zeit zu bestimmen und in den größeren Zusammenhang der Geschichte einzuordnen.
- 10. Levedia lag in der weiten Grassteppe nördlich des Schwarzen Meeres, in jenem Raum, der sich von den Strömen des Don bis zur Wolga erstreckte.
- 11. Dieser Raum war Teil der großen eurasischen Steppe, jenes gewaltigen Graslandes, das sich von der ungarischen Tiefebene bis nach Innerasien hinzieht.
- 12. Die eurasische Steppe bildete seit jeher den Lebensraum der Reitervölker und den Schauplatz ihrer Wanderungen und Reiche.
- 13. Sie war eine Welt eigener Art, deren Bedingungen eine besondere Lebensweise hervorbrachten und prägten.
- 14. Wo das Gras nur saisonal in Fülle wuchs und das Wasser ungleich verteilt war, ließ sich allein durch die bewegliche Viehzucht ein Auskommen sichern.
- 15. So entstand die nomadische Lebensweise, die nicht als rückständige Vorstufe, sondern als hochgradig angepasste Antwort auf einen anspruchsvollen Lebensraum zu verstehen ist.
- 16. Die Magyaren waren ein Glied in der langen Reihe der Steppenvölker, die diesen Raum durchzogen und beherrschten.
- 17. Vor ihnen hatten Skythen, Sarmaten, Hunnen, Awaren und andere Völker die Steppe durchwandert und Reiche errichtet.
- 18. Nach ihnen sollten weitere Völker wie die Petschenegen, die Kumanen und schließlich die Mongolen denselben Raum durchziehen.
- 19. Die Magyaren stehen somit in einer langen Überlieferung der Steppenvölker, deren Lebensweise und Geschick sie teilten.
- 20. Ihre Geschichte in Levedia ist daher zugleich ein Kapitel der allgemeinen Geschichte der eurasischen Steppe.
- 21. Diese Steppe war kein abgeschlossener Raum, sondern ein Durchgangsland und ein Bindeglied zwischen den großen Kulturen der alten Welt.
- 22. Über sie verliefen die Wege, die den Norden Europas mit dem Orient und das Abendland mit dem fernen Osten verbanden.
- 23. Die Steppenvölker waren daher nicht nur Krieger und Hirten, sondern auch Mittler des Verkehrs und des Austausches zwischen den Kulturen.
- 24. In dieser vermittelnden Stellung lag ein wesentlicher Zug ihrer geschichtlichen Bedeutung.
- 25. Auch die Magyaren nahmen an diesem Verkehr teil und waren in das weitgespannte Geflecht der Wege und Beziehungen eingebunden.
- 26. Die zeitliche Einordnung des Lebens in Levedia bereitet der Forschung erhebliche Schwierigkeiten.
- 27. Die Quellen bieten keine genauen Zeitangaben, sodass der Zeitrahmen aus verstreuten Hinweisen erschlossen werden muss.
- 28. Nach der vorherrschenden Auffassung fällt der Aufenthalt in Levedia in das frühe und mittlere neunte Jahrhundert.
- 29. Diese Zeit war in der weiteren Welt von bedeutenden Entwicklungen und Umwälzungen geprägt.
- 30. Im Abendland war das Reich Karls des Großen entstanden und nach seinem Tode in die Teilreiche zerfallen, aus denen die späteren Staaten Europas hervorgingen.
- 31. Im Osten beherrschte das Byzantinische Reich den Mittelmeerraum und erlebte eine Zeit der Festigung und der kulturellen Blüte.
- 32. Die islamische Welt hatte ihre größte Ausdehnung erreicht und war ein Mittelpunkt der Gelehrsamkeit und des Handels.
- 33. In der Steppe selbst beherrschten die Khasaren weite Gebiete und bildeten eine bedeutende Macht zwischen den großen Reichen.
- 34. In dieses Gefüge der Mächte war der magyarische Verband eingebunden, der seinen Weg zwischen ihnen suchte.
- 35. Das Leben in Levedia gehört somit in eine Zeit, in der sich die Grundzüge des mittelalterlichen Europas herauszubilden begannen.
- 36. Die Magyaren waren ein Teil dieser Welt, auch wenn sie noch fern von den Gebieten lebten, die ihre spätere Heimat werden sollten.
- 37. Ihre Geschichte in Levedia steht daher im Zusammenhang mit dem größeren Geschehen ihrer Zeit.
- 38. Bevor die Magyaren nach Levedia gelangten, hatten sie einen langen Weg aus ihrer östlichen Urheimat zurückgelegt.
- 39. Diese Urheimat lag der sprachwissenschaftlichen Forschung zufolge im Raum westlich des Uralgebirges, in der Welt der Wälder und Waldsteppen.
- 40. Dort hatten die Vorfahren der Magyaren als Jäger, Fischer und Sammler gelebt, ehe sie zur Viehzucht und zur Lebensweise der Steppe übergingen.
- 41. Die ungarische Sprache, die zur finnisch-ugrischen Sprachfamilie gehört, bewahrt das Erbe dieser fernen Herkunft.
- 42. Sie verbindet die Magyaren mit den verwandten finnisch-ugrischen Völkern, die teils bis heute in jenen nördlichen Räumen leben.
- 43. Auf ihrem Weg nach Süden und Westen traten die Vorfahren der Magyaren in den Bereich der türkischen Steppenvölker ein.
- 44. Aus der langen Begegnung mit diesen Völkern übernahmen sie zahlreiche Kenntnisse, Einrichtungen und Wörter.
- 45. Die Lehnwörter aus den türkischen Sprachen bezeugen diese Begegnung und betreffen vor allem die Viehzucht, den Ackerbau und die gesellschaftliche Ordnung.
- 46. So wandelten sich die Magyaren von einem Volk der Wälder zu einem Reitervolk der Steppe.
- 47. Diese Wandlung war ein langer und allmählicher Vorgang, dessen Einzelheiten im Dunkeln liegen.
- 48. Am Ende dieses Weges stand das Leben in der pontischen Steppe, in jenem Gebiet, das die Überlieferung Levedia nennt.
- 49. Der Name Levedia ist allein durch eine zentrale Quelle gesichert, das Werk des byzantinischen Kaisers Konstantin des Siebten Porphyrogennetos.
- 50. Konstantin benennt das Gebiet nach einem ungarischen Anführer namens Levedi, sodass die gesamte Rekonstruktion an wenigen Textpassagen aus fremder Perspektive hängt.
- 51. Daraus ergibt sich eine grundlegende Asymmetrie der Quellenlage, denn ein mehrere Jahrzehnte umfassender Siedlungsabschnitt wird durch eine mit großem zeitlichem Abstand verfasste Schrift erschlossen.
- 52. Die Verortung zwischen Don und Wolga beruht weniger auf direkten Ortsangaben als auf der Auswertung von Flussnamen, Nachbarschaften und Wanderbewegungen.
- 53. Levedia ist daher kein fest umgrenztes Staatsgebiet, sondern ein nomadisches Weideareal, dessen Grenzen fließend waren.
- 54. Diese Grenzen richteten sich nach den ökologischen Bedingungen der Steppe und nach dem Verhältnis zu den Nachbarvölkern.
- 55. Das Gebiet war kein Eigentum im Sinne fester Besitzgrenzen, sondern ein Raum der Nutzung, den der Verband mit anderen teilte.
- 56. Die Vorstellung eines klar abgegrenzten Siedlungsgebietes muss daher der Wirklichkeit einer beweglichen Steppengesellschaft weichen.
- 57. Das Leben in Levedia war von der nomadischen Lebensweise bestimmt, die alle Bereiche des Daseins durchdrang.
- 58. Diese Lebensweise beruhte auf der beweglichen Viehzucht, die den Verband zwischen den Weidegründen wandern ließ.
- 59. Die Herden bildeten die Grundlage der Wirtschaft und zugleich den Maßstab des Reichtums und des Ansehens.
- 60. Das Pferd nahm unter den Tieren den ersten Rang ein und war zugleich Lebensgrundlage, Verkehrsmittel und Kriegsgerät.
- 61. Die Beherrschung des Pferdes verlieh den Magyaren jene Beweglichkeit, die ihre gesamte Lebensweise und Geschichte prägte.
- 62. Auf dem Pferderücken bewältigten sie die Arbeit des Hütens, die Jagd und den Krieg.
- 63. Die Verbindung von Reiter und Pferd war so eng, dass sie das Wesen der Steppengesellschaft ausmachte.
- 64. Diese Beweglichkeit war keine Folge von Rastlosigkeit, sondern eine durchdachte Antwort auf die Bedingungen der Steppe.
- 65. Sie ermöglichte die Nutzung weiter Räume und die rasche Reaktion auf Gefahr und Gelegenheit.
- 66. In ihr lag eine wesentliche Quelle der Stärke und der geschichtlichen Wirksamkeit der Magyaren.
- 67. Das Leben in Levedia umfasste indes weit mehr als die bloße Viehzucht und die kriegerische Tätigkeit.
- 68. Es war ein vielschichtiges Gefüge von Wirtschaft, Gesellschaft, politischer Ordnung, Kultur und äußeren Beziehungen.
- 69. Diese Bereiche griffen untrennbar ineinander und bedingten sich gegenseitig.
- 70. Sie bilden die Gegenstände, denen sich die folgende Darstellung in einzelnen Abschnitten zuwendet.
- 71. Der erste dieser Bereiche ist der Alltag mit seinen Routinen der Jagd, der Viehzucht und des Handwerks.
- 72. Der Alltag folgte dem Takt der Steppe, der das Jahr in die großen Rhythmen von Weidewechsel, Tierwurf und Erntezeit gliederte.
- 73. Im Zentrum stand die Sorge um die Herden, die den Tagesablauf und den Jahreslauf bestimmte.
- 74. Die Jagd ergänzte den Speiseplan und diente zugleich der Übung im Umgang mit Bogen und Pferd.
- 75. Das Handwerk brachte vor allem leichte, haltbare und vielseitige Erzeugnisse hervor, die der beweglichen Lebensweise entsprachen.
- 76. Besonders die Metallbearbeitung und die Lederverarbeitung erreichten ein bemerkenswertes Niveau.
- 77. So zeigt der Alltag eine vielseitige Wirtschaft, die weit mehr umfasste als Reiten und Krieg.
- 78. Er offenbart eine Gesellschaft, die ihre Umwelt klug nutzte und ihre Ressourcen sorgfältig bewirtschaftete.
- 79. Der zweite Bereich ist die politische Organisation mit ihren Anführern und Versammlungen.
- 80. Diese Ordnung lässt sich nicht mit den Begriffen eines geordneten Staates erfassen, sondern muss aus dem Gefüge einer beweglichen Stammesgesellschaft heraus verstanden werden.
- 81. An die Stelle fester Behörden und geschriebener Gesetze trat ein Geflecht persönlicher Bindungen, Gefolgschaften und überlieferter Verpflichtungen.
- 82. Das Gefüge gliederte sich in Familien, Sippen, Stämme und den übergreifenden Stammesverband.
- 83. An der Spitze standen Anführer, deren Macht auf Reichtum, kriegerischem Erfolg und persönlicher Anerkennung beruhte.
- 84. Die Versammlungen der freien Männer bildeten ein Gegengewicht zur Macht der Anführer und sicherten den Sippen einen Anteil an den Entscheidungen.
- 85. Im Laufe der Zeit verdichtete sich die ursprünglich vielköpfige Führung zu einer im Geschlecht des Árpád gebündelten Spitze.
- 86. Diese Entwicklung schuf die Voraussetzung für das gemeinsame Handeln des Verbandes bei der späteren Wanderung.
- 87. Der dritte Bereich ist der Handel und der Austausch mit den Nachbarvölkern.
- 88. Eine Gesellschaft, die auf Viehzucht und einfachem Handwerk beruhte, war für zahlreiche Güter auf den Austausch angewiesen.
- 89. Die Magyaren brachten Pferde, Felle, Wachs und Gefangene in den Handel ein und erhielten dafür Metall, Stoffe und Salz.
- 90. Sie nahmen teil an einem weitgespannten Handelsnetz, das vom Norden Europas bis in den Orient reichte.
- 91. Der Handel verschaffte den Anführern Reichtum und vermittelte kulturelle Anregungen.
- 92. So verband der Austausch die Magyaren mit der weiteren Welt der Steppe und ihrer Ränder.
- 93. Der vierte Bereich sind die Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn, insbesondere zu den Khasaren und zu Byzanz.
- 94. Diese Beziehungen verbanden Konflikt und Koexistenz, Abhängigkeit und Selbstbehauptung zu einem wechselvollen Ganzen.
- 95. Die Magyaren standen unter der Oberherrschaft der Khasaren, der sie als verbündeter, aber untergeordneter Verband dienten.
- 96. Zu Byzanz unterhielten sie Beziehungen des Handels, der Diplomatie und der militärischen Zusammenarbeit.
- 97. Diese Beziehungen bestimmten das Schicksal des Verbandes und trieben ihn schließlich zum Aufbruch nach Westen.
- 98. Der fünfte Bereich ist die kulturelle Entwicklung in Musik, Kunst und Bräuchen.
- 99. Diese Kultur durchdrang das gesamte Leben und gab ihm seinen unverwechselbaren Charakter.
- 100. In Liedern und Sagen lebte die Erinnerung an Herkunft und Taten fort, in der Kunst die Vorstellungen vom Glauben und von der Ordnung der Welt.
- 101. Die Bräuche ordneten das Zusammenleben und gaben dem Leben seinen Rhythmus und seine Weihe.
- 102. Die Kultur verband das eigene Erbe mit den Anregungen der Nachbarn zu einer eigentümlichen Gestalt.
- 103. Der sechste Bereich schließlich sind die frühesten Schriftquellen, die von den Magyaren berichten.
- 104. Da die Magyaren selbst nichts aufzeichneten, sind sie allein durch die Berichte fremder Beobachter überliefert.
- 105. Diese Berichte stammen aus dem byzantinischen, dem arabisch-persischen und dem lateinisch-westlichen Überlieferungskreis.
- 106. Sie bilden das schmale, aber unentbehrliche Fundament aller Kenntnis von den frühen Magyaren.
- 107. Diese sechs Bereiche fügen sich zusammen zum Bild des Lebens in Levedia.
- 108. Sie zeigen die verschiedenen Seiten einer einzigen, zusammenhängenden Lebenswelt.
- 109. Keiner dieser Bereiche steht für sich, sondern jeder ist mit den anderen verflochten.
- 110. Die Wirtschaft schuf die Grundlage der politischen Macht und des Handels.
- 111. Die politische Ordnung trug die äußeren Beziehungen und das gemeinsame Handeln.
- 112. Der Handel verband die Wirtschaft mit der weiteren Welt und vermittelte kulturelle Anregungen.
- 113. Die Beziehungen zu den Nachbarn prägten die innere Entwicklung und das Schicksal des Verbandes.
- 114. Die Kultur durchdrang alle Bereiche und gab der Gemeinschaft ihren Zusammenhalt.
- 115. Und die Schriftquellen überliefern, was von diesem Leben in das Gedächtnis der Geschichte einging.
- 116. Diese Verflechtung der Bereiche ist für das Verständnis der frühen magyarischen Gesellschaft grundlegend.
- 117. Sie verbietet es, die einzelnen Seiten des Lebens voneinander zu trennen und für sich zu betrachten.
- 118. Das Leben in Levedia war ein Ganzes, dessen Teile sich gegenseitig bedingten und trugen.
- 119. Die Darstellung in einzelnen Abschnitten dient daher allein der Übersicht und der Gliederung.
- 120. In Wirklichkeit aber griffen die Bereiche untrennbar ineinander und bildeten eine Einheit.
- 121. Das Leben in Levedia ist nicht für sich allein zu verstehen, sondern im Zusammenhang der gesamten Geschichte der Magyaren.
- 122. Es steht im Anschluss an die lange Vorgeschichte der finnisch-ugrischen Herkunft und der Wanderung aus dem Osten.
- 123. Es bildet die Voraussetzung für die folgenden Ereignisse der Wanderung und der Landnahme.
- 124. So ist es ein Glied in der Kette der Entwicklung, das mit dem Vorhergehenden und dem Folgenden verbunden ist.
- 125. Der Blick zurück zeigt die lange Verwandlung des Volkes von den Wäldern des Nordens zur Steppe des Südens.
- 126. Diese Verwandlung schuf das Reitervolk, das in Levedia seine ausgeprägte Gestalt gewann.
- 127. Der Blick voraus zeigt den Aufbruch, der die Magyaren aus Levedia nach Westen führen sollte.
- 128. Aus dem Leben in Levedia erwuchsen die Kräfte und Erfahrungen, die diesen Aufbruch trugen.
- 129. So weist das Leben in Levedia über sich hinaus auf die kommende Geschichte des Volkes.
- 130. Es ist zugleich ein Abschluss der Vorgeschichte und ein Anfang der eigentlichen ungarischen Geschichte.
- 131. In dieser doppelten Stellung liegt seine besondere Bedeutung für das Verständnis der gesamten Entwicklung.
- 132. Die Magyaren von Levedia waren noch ganz ein Volk der Steppe, das die Lebensweise der Reitervölker teilte.
- 133. Doch trugen sie bereits jene Eigenart in sich, die sie von anderen Steppenvölkern unterschied.
- 134. Diese Eigenart wurzelte in ihrer finnisch-ugrischen Herkunft und in ihrer Sprache.
- 135. Sie bewahrten dieses Erbe durch alle Wandlungen und Begegnungen hindurch.
- 136. So verbanden sie das Erbe der Herkunft mit der Lebensweise der Steppe zu einer eigentümlichen Gestalt.
- 137. In dieser Verbindung lag ein Wesenszug des magyarischen Volkes, der seine ganze Geschichte begleitete.
- 138. Das Leben in Levedia zeigt die Magyaren in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung.
- 139. Es zeigt ein Volk, das seine Gestalt gewonnen hatte und sich auf die großen Aufgaben der Zukunft vorbereitete.
- 140. Es zeigt einen Verband, der seine Stellung zwischen den Mächten suchte und behauptete.
- 141. Und es zeigt eine Gemeinschaft, die in der scheinbaren Einförmigkeit ihres Alltags die Kräfte ihrer Geschichte sammelte.
- 142. Die Bedeutung des Lebens in Levedia liegt daher nicht im bloßen Erhalt des Daseins.
- 143. Sie liegt in der Ausbildung jener Grundlagen, auf denen die spätere Geschichte aufbaute.
- 144. In Levedia formte sich das Reitervolk, das die Wanderung und die Landnahme vollbringen sollte.
- 145. In Levedia bildete sich die politische Ordnung, die das gemeinsame Handeln ermöglichte.
- 146. In Levedia entstanden die Beziehungen und Erfahrungen, die dem Verband den Weg nach Westen wiesen.
- 147. So legte das Leben in Levedia den Grund für einen weitreichenden geschichtlichen Aufbruch.
- 148. Die Erforschung dieses Lebens ist daher von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der ungarischen Geschichte.
- 149. Sie führt zu den Anfängen des Volkes und zu den Wurzeln seiner späteren Entwicklung.
- 150. Sie zeigt, woher die Magyaren kamen und welche Kräfte sie auf ihren Weg trugen.
- 151. Diese Erforschung ist gleichwohl durch die Beschaffenheit der Quellen begrenzt.
- 152. Die schmale und fremde Überlieferung lässt viele Fragen offen und manche Gewissheit nicht zu.
- 153. Die Forschung muss daher mit Umsicht und kritischem Urteil vorgehen und ihre Grenzen anerkennen.
- 154. Sie muss die fremden Berichte prüfen, die archäologischen Funde deuten und die Vergleiche mit Bedacht ziehen.
- 155. Aus diesen verschiedenen Zeugnissen fügt sie das Bild des Lebens in Levedia zusammen.
- 156. Dieses Bild ist das Ergebnis einer sorgfältigen und kritischen Arbeit an den Quellen.
- 157. Es ist mit Unsicherheiten behaftet, aber in seinen Grundzügen begründet und tragfähig.
- 158. Es vermittelt eine Vorstellung von der Lebenswelt der Magyaren in der pontischen Steppe.
- 159. Diese Vorstellung ist die Voraussetzung für das Verständnis der folgenden Geschichte.
- 160. Die folgende Darstellung wird die einzelnen Bereiche dieses Lebens näher betrachten.
- 161. Sie wird den Alltag, die politische Ordnung, den Handel, die Beziehungen, die Kultur und die Quellen behandeln.
- 162. Sie wird die einzelnen Seiten der Lebenswelt entfalten und zu einem Gesamtbild verbinden.
- 163. Dabei wird sie beständig die Verflechtung der Bereiche und ihren Zusammenhang im Auge behalten.
- 164. Sie wird zugleich die Grenzen der Überlieferung und die Unsicherheiten der Forschung benennen.
- 165. So wird sie ein Bild des Lebens in Levedia zeichnen, das der Wirklichkeit so nahe wie möglich kommt.
- 166. Dieses Bild wird die Magyaren als ein Reitervolk der Steppe zeigen, eingebunden in das Geflecht der Mächte.
- 167. Es wird sie als einen beweglichen und tüchtigen Verband zeigen, der seine Stellung behauptete.
- 168. Es wird sie als ein Volk zeigen, das sein Erbe bewahrte und sich auf seine Zukunft vorbereitete.
- 169. Und es wird sie als eine Gemeinschaft zeigen, die in Levedia die Kräfte ihrer Geschichte sammelte.
- 170. Mit dieser Einführung ist der Rahmen für die folgende Darstellung des Lebens in Levedia abgesteckt.
- 171. Der Ort dieses Lebens in Raum und Zeit ist bestimmt und in den größeren Zusammenhang eingeordnet.
- 172. Die Eigenart der nomadischen Lebensweise und der Steppenwelt ist umrissen.
- 173. Die Bereiche der folgenden Darstellung sind benannt und in ihrem Zusammenhang dargelegt.
- 174. Die Bedeutung des Lebens in Levedia für die gesamte Geschichte ist hervorgehoben.
- 175. Und die Grenzen der Überlieferung und der Forschung sind anerkannt.
- 176. Auf dieser Grundlage kann die nähere Betrachtung der einzelnen Bereiche beginnen.
- 177. Sie wird mit dem Alltag und seinen Routinen der Jagd, der Viehzucht und des Handwerks ihren Anfang nehmen.
- 178. Von dort wird sie zur politischen Ordnung, zum Handel und zu den Beziehungen fortschreiten.
- 179. Sie wird zur Kultur und schließlich zu den Schriftquellen gelangen, die von diesem Leben berichten.
- 180. So wird sich aus den einzelnen Abschnitten das vollständige Bild des Lebens in Levedia ergeben, das den Übergang zur folgenden Geschichte der Magyaren bereitet.
Alltag und Routinen: Jagd, Viehzucht, Handwerk
[Bearbeiten]- 1. Der Alltag der Magyaren in Levedia folgte dem Takt der Steppe, in der das Jahr nicht in starre Kalenderwochen, sondern in die großen Rhythmen von Weidewechsel, Tierwurf und Erntezeit gegliedert war.
- 2. Im Zentrum dieses Lebens stand die Viehzucht, denn die Herden bildeten zugleich Nahrungsgrundlage, Wertmaßstab und Symbol gesellschaftlichen Ansehens.
- 3. Pferde nahmen dabei den ersten Rang ein, da sie nicht nur als Reit- und Lasttiere dienten, sondern auch Milch, Fleisch und das aus Stutenmilch gewonnene gegorene Getränk lieferten.
- 4. Neben den Pferdeherden trieben die Magyaren Rinder, Schafe und Ziegen über die weiten Grasflächen, wobei jede Tierart ihren festen Platz in der Versorgung der Sippe besaß.
- 5. Die tägliche Arbeit des Hütens lag in den Händen berittener Hirten, die ihre Tiere über große Entfernungen lenkten und dabei die Wasserstellen und besten Weidegründe genau kannten.
- 6. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten zog man zwischen Sommer- und Winterlagern hin und her, ein Bewegungsmuster, das den gesamten Haushalt und seine Zelte einbezog.
- 7. Die Jagd ergänzte den Speiseplan und diente zugleich der Übung im Umgang mit Bogen und Pferd, sodass sie zwischen Nahrungserwerb und kriegerischer Schulung stand.
- 8. Auf den Steppen und in den Flussauen erlegten die Reiter Hirsche, Wildschweine und Wasservögel, während der Fischfang an Don und Nebenflüssen eine zusätzliche Quelle bot.
- 9. Das Handwerk blieb weitgehend auf den Eigenbedarf ausgerichtet, doch erreichten besonders die Metallbearbeitung und die Lederverarbeitung ein bemerkenswertes Niveau.
- 10. Schmiede fertigten Waffen, Pferdegeschirr und Beschläge, während Frauen Felle gerbten, Stoffe webten und die kunstvoll verzierten Behältnisse des Alltags herstellten.
- 11. Der Tag begann in einem solchen Lager mit dem ersten Licht, denn die Versorgung der Tiere duldete keinen Aufschub und bestimmte den Beginn aller Arbeit.
- 12. Noch vor Sonnenaufgang trieb man die Herden aus der Nähe des Lagers hinaus auf die Weide, ehe die Sommerhitze das Gras versengte und die Tiere ermüdete.
- 13. Die Frauen entfachten unterdessen die Feuerstellen, bereiteten die erste Mahlzeit und versorgten die Kinder sowie die noch saugenden Jungtiere.
- 14. Während die Männer und größeren Knaben den Herden folgten, blieb das Lager selbst ein Ort beständiger Tätigkeit, an dem Vorräte, Geräte und Zelte instand gehalten wurden.
- 15. Das Melken der Stuten geschah mehrmals am Tag in regelmäßigen Abständen, da die Milchgewinnung beim Pferd anders als beim Rind eine häufige Wiederholung verlangte.
- 16. Aus der gewonnenen Stutenmilch bereitete man durch Gärung in ledernen Schläuchen jenes leicht berauschende Getränk, das in der Steppe als Grundnahrungsmittel galt.
- 17. Diese Verarbeitung der Milch zu haltbaren Erzeugnissen wie Trockenkäse und sauren Quarkkugeln sicherte die Versorgung über die kargen Wintermonate hinweg.
- 18. Die getrockneten Milchprodukte ließen sich leicht transportieren und stellten auf den langen Ritten und Feldzügen eine konzentrierte Wegzehrung dar.
- 19. Fleisch wurde im Alltag sparsamer verzehrt, als es das Bild vom fleischessenden Steppenkrieger nahelegt, denn das Vieh galt vor allem als lebendes Kapital.
- 20. Geschlachtet wurde vorzugsweise im Herbst, wenn die Tiere nach dem Sommer ihr höchstes Gewicht erreicht hatten und die einsetzende Kälte das Konservieren erleichterte.
- 21. Das Fleisch wurde getrocknet, geräuchert oder in Streifen geschnitten und an der Luft haltbar gemacht, um den langen Winter und die Zeiten der Knappheit zu überstehen.
- 22. Eine besondere Rolle spielte das fein zerkleinerte und gepresste Trockenfleisch, das sich in Säcken verstauen und bei Bedarf in Wasser wieder aufweichen ließ.
- 23. Die Wahl der Weidegründe entschied über Wohl und Wehe der gesamten Gemeinschaft, weshalb erfahrene Älteste über den Zeitpunkt und die Richtung der Wanderungen berieten.
- 24. Im Frühjahr suchte man die frischen Weiden der Flussniederungen auf, im Hochsommer die höher gelegenen oder schattigeren Bereiche, um Wasser und Futter zu sichern.
- 25. Dieses geregelte Hin- und Herziehen zwischen festen Plätzen unterschied die Magyaren von einem ziellosen Umherschweifen und folgte einem über Generationen erprobten Muster.
- 26. Jeder Sippe und jedem Stamm waren bestimmte Weidezonen zugeordnet, deren Grenzen man kannte und deren Verletzung rasch zu Streit unter den Verbänden führen konnte.
- 27. Die Mobilität des gesamten Hausstandes setzte voraus, dass die Behausungen rasch abgebaut, verladen und an neuer Stelle wieder errichtet werden konnten.
- 28. Die runden Filzzelte auf einem hölzernen Gittergerüst boten Schutz gegen Wind, Kälte und Hitze und ließen sich von wenigen geübten Händen in kurzer Zeit zerlegen.
- 29. Beim Aufbruch wurden die Zeltteile, Vorräte und Hausgeräte auf Wagen und Tragtiere geladen, sodass ein ganzes Lager binnen Stunden zur wandernden Karawane wurde.
- 30. Die schweren Wagen mit hohen Rädern dienten nicht nur dem Transport, sondern boten unterwegs auch Schlafplätze und Schutzraum für die Schwächeren der Gemeinschaft.
- 31. Die Ordnung des Zuges war keineswegs zufällig, denn Vorhut, Herden, Wagentross und Nachhut bewegten sich in einer eingespielten Abfolge durch das offene Land.
- 32. Bewaffnete Reiter sicherten die Flanken und kundschafteten das Gelände aus, da die Wanderung mit Familie und Vieh die verwundbarste Lage des Verbandes darstellte.
- 33. Die Jagd zu Pferde verlangte eine Beherrschung des Tieres, die schon den Knaben von Kindheit an eingeübt wurde, bis Reiter und Pferd zu einer Einheit verschmolzen.
- 34. Der Reflexbogen aus Holz, Horn und Sehnen bildete die wichtigste Waffe und ließ sich auch aus vollem Galopp und über die Schulter nach hinten abschießen.
- 35. Diese Fähigkeit, im Reiten treffsicher zu schießen, war zugleich Jagdtechnik und Kriegskunst und machte den steppentypischen Vorteil der Magyaren aus.
- 36. Bei der Treibjagd umschlossen mehrere Reiter ein Gebiet und engten den Kreis allmählich ein, bis das aufgeschreckte Wild in den Bereich der Bogenschützen geriet.
- 37. Solche Ringjagden dienten nicht allein der Nahrungsbeschaffung, sondern waren zugleich ein gemeinschaftliches Schauspiel und eine Übung in koordinierter Bewegung.
- 38. Zur Jagd auf Vögel und kleineres Wild bediente man sich abgerichteter Greifvögel, die von berittenen Falknern auf der Faust getragen wurden.
- 39. Die Beizjagd mit Falken und Adlern war über die gesamte Steppe verbreitet und galt als angesehene Beschäftigung, die Geduld und genaue Kenntnis der Tiere erforderte.
- 40. Hunde begleiteten die Jäger, spürten das Wild auf, stellten es und halfen zugleich beim Hüten und Bewachen der Herden gegen Raubtiere.
- 41. Wölfe stellten eine ständige Bedrohung für das Vieh dar, weshalb ihre Bekämpfung sowohl notwendige Arbeit als auch eine geschätzte Prüfung des Mutes war.
- 42. Die erlegten Pelztiere lieferten neben dem Fleisch wertvolle Felle, die man zu Kleidung verarbeitete oder im Tauschhandel mit den Nachbarvölkern weitergab.
- 43. Der Fischreichtum der großen Ströme ergänzte die Ernährung, und mit Netzen, Reusen und Speeren holte man Fische aus den Flussläufen und Altarmen.
- 44. Auch das Sammeln wildwachsender Früchte, Wurzeln, Beeren und Honig steuerte zur Nahrung bei und lag vorwiegend in den Händen der Frauen und Kinder.
- 45. Diese Mischung aus Viehzucht, Jagd, Fischfang und Sammeln verlieh der Wirtschaft eine breite Grundlage, die das Überleben auch in mageren Jahren absicherte.
- 46. Eine begrenzte Form des Ackerbaus war keineswegs ausgeschlossen, denn an günstigen Stellen baute man Hirse und andere genügsame Getreidearten an.
- 47. Diese einfachen Aussaaten erfolgten oft beim Aufbruch zur Sommerweide und wurden bei der Rückkehr im Herbst geerntet, ohne dauernde Anwesenheit zu verlangen.
- 48. Das so gewonnene Korn wurde zu Brei und Fladen verarbeitet und ergänzte die überwiegend auf Milch und Fleisch beruhende Kost um eine pflanzliche Komponente.
- 49. Die Vorstellung vom reinen Reiternomaden, der nichts vom Ackerbau wusste, gilt der Forschung daher als zu eng und wird durch die Befunde der Nachbarregionen widerlegt.
- 50. Das Handwerk der Steppe war eng mit den Erfordernissen des beweglichen Lebens verknüpft und brachte vor allem leichte, haltbare und vielseitig nutzbare Erzeugnisse hervor.
- 51. Die Schmiedekunst genoss hohes Ansehen, da von der Qualität der Waffen und Werkzeuge unmittelbar das Überleben und der kriegerische Erfolg abhingen.
- 52. In tragbaren Essen schmolzen die Schmiede das Metall, bearbeiteten es mit Hammer und Amboss und fertigten Pfeilspitzen, Säbel, Messer und Beschläge.
- 53. Der leicht gekrümmte Säbel, der zum Hieb aus der Reiterbewegung geeignet war, zählte zu den anspruchsvollsten Schmiedearbeiten und kennzeichnete den vollwertigen Krieger.
- 54. Neben dem Eisen verarbeitete man auch Bronze und Edelmetalle, aus denen Schmuck, Gürtelbeschläge und Zierat für Pferdegeschirr entstanden.
- 55. Die kunstvoll gegossenen und gepunzten Beschläge an Gürtel und Zaumzeug dienten nicht allein dem Schmuck, sondern signalisierten zugleich Rang und Zugehörigkeit ihres Trägers.
- 56. Die Herstellung des Reflexbogens galt als eigene, langwierige Kunst, da das Verleimen von Holz, Horn und Sehnen Monate dauerte und große Erfahrung verlangte.
- 57. Ein guter Bogen war von hohem Wert und wurde sorgsam gepflegt, vor Feuchtigkeit geschützt und oft über Generationen weitergegeben.
- 58. Die Pfeile fertigte man aus geradem Schaftholz, befiederte sie sorgfältig und versah sie je nach Zweck mit unterschiedlich geformten Spitzen für Jagd oder Krieg.
- 59. Die Lederverarbeitung durchdrang nahezu alle Bereiche des Alltags, denn aus Häuten und Fellen entstanden Kleidung, Schläuche, Riemen, Köcher und Sattelzeug.
- 60. Das Gerben der Häute war eine aufwendige, übelriechende Arbeit, die sorgfältige Behandlung mit Fett, Rauch und pflanzlichen Stoffen erforderte.
- 61. Aus dem fertigen Leder nähten geübte Hände wasserdichte Behältnisse, in denen man Milch, Wasser und gegorene Getränke aufbewahrte und transportierte.
- 62. Der Sattel mit festem Holzgerüst und hohen Bögen verteilte das Gewicht des Reiters und ermöglichte erst die ausdauernden Ritte über große Entfernungen.
- 63. Mit der Erfindung und Verbreitung des Steigbügels gewann der Reiter einen festen Halt, der das Schießen und Kämpfen vom Pferderücken aus entscheidend erleichterte.
- 64. Die Verarbeitung von Filz nahm einen besonderen Platz ein, da das Material wärmte, Wind abhielt und sich aus der reichlich vorhandenen Schafwolle gewinnen ließ.
- 65. Zur Filzherstellung wurde die Wolle gereinigt, ausgebreitet, mit Wasser benetzt und durch langes Walken und Rollen zu dichten Bahnen verfilzt.
- 66. Aus diesen Filzbahnen entstanden die Wände der Zelte, Decken, Unterlagen und Teile der Kleidung, die der Steppe ihren unverwechselbaren Charakter gaben.
- 67. Das Weben grober Stoffe ergänzte die Filzherstellung, doch blieb die Webkunst gegenüber der Filz- und Lederarbeit von geringerer Bedeutung.
- 68. Die Holzbearbeitung lieferte das Gerüst der Zelte, die Gestelle der Wagen, Sättel, Bogenteile, Geschirr und zahllose Gerätschaften des täglichen Gebrauchs.
- 69. Da Holz in der Steppe nicht überall reichlich vorhanden war, ging man sparsam damit um und schätzte die Erzeugnisse der Tischler und Wagner entsprechend hoch.
- 70. Die Töpferei spielte eine geringere Rolle als bei sesshaften Völkern, da zerbrechliche Tongefäße sich für das wandernde Leben schlecht eigneten.
- 71. An ihre Stelle traten leichtere und bruchsichere Behältnisse aus Leder, Holz und Metall, die den Belastungen des Transports besser standhielten.
- 72. Dennoch wurden einfache Tongefäße für die Vorratshaltung an den festeren Winterlagern hergestellt, wo die Mobilität vorübergehend zurücktrat.
- 73. Die Arbeitsteilung im Lager folgte überwiegend dem Geschlecht und dem Lebensalter, ohne dass die Übergänge starr und unverrückbar gewesen wären.
- 74. Den Männern fielen das Hüten der großen Herden, die Jagd, der Krieg und die schwere Schmiedearbeit zu, also jene Tätigkeiten, die Weite und Kraft verlangten.
- 75. Die Frauen trugen die Verantwortung für das Lager, die Verarbeitung der Milch, das Gerben, Nähen, Kochen und die Aufzucht der Kinder.
- 76. Diese Last der Frauen war keineswegs gering geschätzt, denn das Funktionieren des Lagers während der oft langen Abwesenheit der Männer hing von ihnen ab.
- 77. Berichte benachbarter Kulturen vermerkten mit Erstaunen die verhältnismäßig freie und einflussreiche Stellung der Frauen in den Steppengesellschaften.
- 78. Die Kinder wuchsen früh in ihre Aufgaben hinein und übernahmen schon in jungen Jahren das Hüten der Jungtiere und kleinere Arbeiten im Lager.
- 79. Knaben lernten von klein auf das Reiten und den Umgang mit dem Bogen, sodass die kriegerische Tüchtigkeit nicht erst im Erwachsenenalter erworben wurde.
- 80. Die Alten gaben ihr über das Leben gesammeltes Wissen weiter, deuteten die Zeichen des Wetters und der Tiere und berieten in Fragen der Wanderung.
- 81. Dieses Erfahrungswissen war in einer schriftlosen Gesellschaft von unschätzbarem Wert, da es allein in der mündlichen Überlieferung und im Beispiel weiterlebte.
- 82. Die Ernährung beruhte somit auf einem Zusammenspiel von Milcherzeugnissen, Fleisch, Fisch, Wildbret und ergänzenden pflanzlichen Beigaben.
- 83. Stutenmilch und ihre Gärprodukte bildeten die tägliche Grundlage, während Fleisch eher den Festen, der Bewirtung von Gästen und den knappen Wintermonaten vorbehalten blieb.
- 84. Die Gastfreundschaft galt als hohes Gebot, und die Bewirtung eines Fremden mit Fleisch und Getränk war eine Frage der Ehre und des gesellschaftlichen Ansehens.
- 85. Feste und gemeinschaftliche Mahlzeiten dienten zugleich der Festigung der inneren Bindungen und boten Anlass, Bündnisse zu bekräftigen und Streit zu schlichten.
- 86. Die Kleidung war den Anforderungen des Reiterlebens und des kontinentalen Klimas angepasst und bestand vorwiegend aus Leder, Filz, Pelz und gewebten Stoffen.
- 87. Weite, vorn geschlossene Mäntel, enge Hosen und feste Stiefel ermöglichten das bequeme Sitzen im Sattel und schützten zugleich gegen Kälte und Wind.
- 88. Pelzbesetzte Mützen und Mäntel wehrten die strengen Winter ab, während leichtere Gewänder in der Sommerhitze getragen wurden.
- 89. Der reich verzierte Gürtel mit metallenen Beschlägen war mehr als ein Kleidungsstück, da an ihm Waffen, Beutel und Werkzeuge des täglichen Bedarfs hingen.
- 90. An der Pracht des Gürtels und der Güte des Pferdegeschirrs ließ sich der Rang eines Mannes ablesen, weshalb diese Stücke mit besonderer Sorgfalt gefertigt wurden.
- 91. Die Sorge um die Pferde durchzog den gesamten Tagesablauf, denn ohne gesunde und ausdauernde Tiere war weder Hütearbeit noch Jagd noch Krieg möglich.
- 92. Jeder Krieger verfügte über mehrere Pferde, die er auf langen Ritten wechselte, um die Tiere zu schonen und die zurückgelegte Strecke zu vergrößern.
- 93. Die Aufzucht und Auswahl der Pferde folgte überliefertem Wissen, und besonders schnelle oder ausdauernde Tiere standen in hohem Ansehen.
- 94. Erkrankte oder verletzte Tiere wurden mit überlieferten Heilmitteln aus Kräutern, Fetten und einfachen chirurgischen Eingriffen behandelt.
- 95. Auch die Menschen vertrauten in Krankheit und Verletzung auf das Erfahrungswissen der Heilkundigen, die Pflanzen, Tierprodukte und rituelle Handlungen einsetzten.
- 96. Die Grenze zwischen Heilkunst und religiöser Handlung war fließend, da man Krankheit häufig als Wirken übernatürlicher Mächte verstand.
- 97. Der Schamane vereinte daher die Rolle des Heilers, des Sehers und des Vermittlers zwischen der Welt der Menschen und der Geister.
- 98. Im Alltag äußerte sich diese Vorstellungswelt in zahllosen kleinen Handlungen, mit denen man die Geister günstig zu stimmen und Unheil abzuwenden suchte.
- 99. Bestimmte Tage, Richtungen und Tiere galten als glückbringend oder gefährlich, und das Wissen um diese Zeichen prägte Entscheidungen über Aufbruch und Rast.
- 100. Die Ahnen wurden verehrt und um Beistand gebeten, da man ihr Fortwirken im Leben der Nachkommen für selbstverständlich hielt.
- 101. Diese religiösen Vorstellungen waren nicht von der Wirtschaft getrennt, sondern durchdrangen Viehzucht, Jagd und Wanderung als selbstverständlicher Teil des Lebens.
- 102. Vor der Jagd und vor dem Aufbruch zu neuen Weiden konnten Opfer und Gebete stehen, mit denen man Erfolg und sicheres Geleit erbat.
- 103. Der Jahreslauf gliederte sich in wiederkehrende Höhepunkte, die mit den Arbeiten an den Herden und den Wanderungen verknüpft waren.
- 104. Das Frühjahr brachte mit dem Werfen der Jungtiere und dem Aufbruch zur Sommerweide eine Zeit gesteigerter Arbeit und vorsichtiger Hoffnung.
- 105. Der Sommer war die Zeit der reichen Weiden, der Milchfülle und zugleich der kriegerischen Unternehmungen, für die nun Pferde und Männer bereitstanden.
- 106. Der Herbst stand im Zeichen der Schlachtungen, der Vorratsbildung und der Rückkehr zu den geschützten Winterlagern.
- 107. Der Winter zwang zu größerer Ruhe, zum Verbrauch der Vorräte und zu den im Lager auszuführenden Handwerksarbeiten, für die nun Zeit blieb.
- 108. In dieser ruhigeren Zeit besserte man Geschirr und Waffen aus, fertigte neue Geräte und bereitete die Ausrüstung für das kommende Jahr vor.
- 109. So griffen die Jahreszeiten und die ihnen zugeordneten Tätigkeiten ineinander und ergaben einen geschlossenen Kreislauf von Arbeit und Wanderung.
- 110. Die Winterlager lagen bevorzugt in geschützten Flussniederungen, wo Schilf, Gehölz und Geländeformen Schutz vor Wind und Kälte boten.
- 111. Hier verharrte man länger an einem Ort, sodass sich vorübergehend dichtere und beständigere Siedlungsformen herausbilden konnten.
- 112. In diesen Winterquartieren fanden sich auch jene Bedingungen, unter denen sich Ansätze von Ackerbau und dauerhafterem Handwerk entwickeln ließen.
- 113. Die Sommerlager hingegen waren weiter über das Land verteilt und folgten dem Bedarf der Herden an frischem Gras und Wasser.
- 114. Diese doppelte Lebensweise zwischen festeren Winterlagern und beweglichen Sommerweiden kennzeichnet die nomadische Wirtschaft des östlichen Europas insgesamt.
- 115. Die Versorgung mit Wasser bestimmte jede Standortwahl, denn weder Mensch noch Vieh konnten in der Steppe ohne den steten Zugang zu Quellen und Flüssen bestehen.
- 116. An den Flussübergängen und Wasserstellen trafen verschiedene Verbände aufeinander, was Anlass zu Handel, aber auch zu Reibungen geben konnte.
- 117. Die genaue Kenntnis des Geländes, seiner Wasserstellen und Weidegründe war daher ein über Generationen gehütetes und weitergegebenes Wissen.
- 118. Der Handwerker stand zwar im Dienst der Gemeinschaft, doch besaßen Schmiede und andere Spezialisten ein besonderes Ansehen wegen ihres seltenen Könnens.
- 119. Um die Schmiedekunst rankten sich vielfach Vorstellungen geheimnisvoller Kraft, da die Verwandlung des Erzes in scharfen Stahl als beinahe übernatürlich galt.
- 120. Diese Wertschätzung des Handwerks zeigt, dass die Steppengesellschaft keineswegs nur aus reitenden Kriegern bestand, sondern ein differenziertes Können kannte.
- 121. Die einzelnen Familien waren in größere Verbände eingebunden, sodass die tägliche Arbeit stets im Rahmen der Sippe und des Stammes organisiert wurde.
- 122. Die Großfamilie bildete die kleinste wirtschaftliche Einheit, die mehrere Zelte, Herdenanteile und das zugehörige Gerät umfasste.
- 123. Mehrere solcher Familien schlossen sich zu Sippen zusammen, die gemeinsam wanderten, Weidegründe teilten und einander in Notlagen beistanden.
- 124. Die Herden waren in diesem Gefüge nicht durchweg gemeinsames Eigentum, sondern einzelnen Familien und Personen zugeordnet, deren Besitz man an Brandzeichen erkannte.
- 125. Solche Eigentumszeichen an den Tieren regelten die Zugehörigkeit und beugten Streit vor, wenn die Herden mehrerer Familien gemeinsam weideten.
- 126. Der Reichtum eines Mannes bemaß sich vor allem an der Zahl seiner Pferde und seines übrigen Viehs, das zugleich Nahrung, Tauschmittel und Statussymbol war.
- 127. Aus diesem Viehbesitz erwuchsen Unterschiede an Ansehen und Macht, die das Gefüge der Steppengesellschaft prägten und ihre Anführer hervorbrachten.
- 128. Die ärmeren Familien, die über wenig eigenes Vieh verfügten, traten in die Dienste reicherer Verwandter und hüteten deren Herden gegen Anteil und Schutz.
- 129. So entstand ein abgestuftes Geflecht von Abhängigkeiten, das vom angesehenen Herdenbesitzer bis zum mittellosen Hirten reichte.
- 130. Gefangene aus Kriegszügen konnten als Unfreie in diese Wirtschaft eingegliedert werden und verrichteten Arbeiten an den Herden und im Lager.
- 131. Doch war die Stellung der Unfreien in der Steppe oft weniger starr als bei sesshaften Völkern, da auch sie sich durch Tüchtigkeit verbessern konnten.
- 132. Die tägliche Arbeit verband sich auf diese Weise stets mit der gesellschaftlichen Ordnung, denn wer welche Tätigkeit verrichtete, hing von Rang und Besitz ab.
- 133. Die Geräusche eines solchen Lagers prägten den Alltag, vom Wiehern der Pferde über das Hämmern der Schmiede bis zu den Rufen der Hirten.
- 134. Der Geruch von Rauch, Leder, Tieren und gegorener Milch lag beständig über den Zelten und kennzeichnete den Lebensraum der Steppenbewohner.
- 135. Bei aller Mühe des Alltags blieb Raum für Geselligkeit, für Erzählungen am Feuer, für Musik und für die Weitergabe der überlieferten Geschichten.
- 136. In den langen Abenden und während der Rast erzählten die Älteren von den Taten der Vorfahren und hielten so die Erinnerung des Volkes lebendig.
- 137. Diese mündliche Überlieferung verband die alltägliche Arbeit mit dem Bewusstsein einer gemeinsamen Herkunft und einer geteilten Bestimmung.
- 138. Wettkämpfe im Reiten, Schießen und Ringen erprobten die Geschicklichkeit der Männer und Knaben und dienten zugleich der Unterhaltung der Gemeinschaft.
- 139. Solche Spiele waren nicht bloßer Zeitvertreib, sondern hielten jene Fähigkeiten wach, von denen im Krieg und auf der Jagd das Überleben abhing.
- 140. Hochzeiten, Geburten und Begräbnisse unterbrachen den gleichförmigen Lauf der Arbeit und versammelten die verstreuten Verwandten an einem Ort.
- 141. Bei der Bestattung gab man den Toten oft Waffen, Schmuck und Teile des Pferdegeschirrs mit, was die enge Bindung des Reiters an sein Tier bezeugt.
- 142. Aus solchen Gräbern, die der Archäologie zugänglich sind, gewinnt die Forschung einen großen Teil ihres Wissens über den Alltag dieser Menschen.
- 143. Da die Steppenvölker keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterließen, treten an deren Stelle die stummen Funde der Gräber und Lagerplätze.
- 144. Die in den Bestattungen erhaltenen Beschläge, Waffen und Geschirrteile erlauben Rückschlüsse auf Handwerk, Rangordnung und Glaubensvorstellungen.
- 145. Auf Levedia selbst lassen sich nur wenige Funde mit Sicherheit beziehen, weshalb das Bild des dortigen Alltags weitgehend aus Vergleichen gewonnen wird.
- 146. Die Forschung greift dabei auf die besser bezeugten Verhältnisse benachbarter und verwandter Steppenvölker zurück, um die Lücken zu schließen.
- 147. Diese Methode des Analogieschlusses ist unentbehrlich, doch bleibt sie stets mit der Unsicherheit behaftet, fremde Befunde auf die Magyaren zu übertragen.
- 148. Trotz dieser Vorbehalte zeichnet sich das Bild einer vielseitigen, an ihre Umwelt angepassten Wirtschaft ab, die weit mehr umfasste als Reiten und Krieg.
- 149. Die Beweglichkeit, die das Leben in Levedia kennzeichnete, war keine Folge von Rastlosigkeit, sondern eine durchdachte Antwort auf die Bedingungen der Steppe.
- 150. Wo das Gras nur saisonal in Fülle wuchs und das Wasser ungleich verteilt war, ließ sich allein durch beständige Bewegung ein Auskommen sichern.
- 151. Die nomadische Lebensweise erscheint so nicht als rückständige Vorstufe, sondern als hochgradig angepasste Wirtschaftsform eines anspruchsvollen Lebensraums.
- 152. Die enge Verbindung von Mensch, Tier und Land verlangte ein umfassendes Wissen, das vom Wetter über die Tiergesundheit bis zur Geländekunde reichte.
- 153. Dieses Wissen wurde nicht in Büchern, sondern im täglichen Tun, in der Anschauung und in der mündlichen Belehrung von Generation zu Generation weitergegeben.
- 154. Der Alltag in Levedia war daher zugleich eine fortwährende Schule, in der die Heranwachsenden alle für das Überleben nötigen Fertigkeiten erwarben.
- 155. Aus dieser Schule gingen jene Reiter und Krieger hervor, die später den Zug nach Westen und die Landnahme im Karpatenbecken ermöglichen sollten.
- 156. Die Fähigkeiten, die im friedlichen Hüten und Jagen erworben wurden, ließen sich unmittelbar in militärische Stärke übersetzen.
- 157. So bereitete der unscheinbare Alltag der Viehzucht und Jagd, oft unbemerkt, den Boden für die großen historischen Bewegungen des Volkes.
- 158. Die Wirtschaft Levedias darf daher nicht allein als Hintergrund, sondern muss als Voraussetzung der späteren Geschichte verstanden werden.
- 159. In der Beherrschung des Pferdes, des Bogens und der weiten Räume lag der Schlüssel zu jener Beweglichkeit, die die Magyaren so weit trug.
- 160. Das tägliche Leben verband somit das Praktische mit dem Geschichtsmächtigen, ohne dass die Beteiligten sich dieser Tragweite bewusst gewesen wären.
- 161. Die Beschreibung dieses Alltags bleibt naturgemäß ein Annäherungswert, der aus archäologischen Funden, fremden Berichten und Analogien zusammengesetzt ist.
- 162. Jede Einzelheit, vom Melken der Stuten bis zum Schmieden des Säbels, fügt sich zu einem Gesamtbild, das die Forschung mit Vorsicht entwirft.
- 163. Die scheinbare Selbstverständlichkeit dieses Bildes täuscht über die schmale Quellenbasis hinweg, auf der es errichtet ist.
- 164. Dennoch ergibt die Zusammenschau der verfügbaren Zeugnisse ein erstaunlich kohärentes Gefüge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Praktiken.
- 165. Dieses Gefüge zeigt eine Gemeinschaft, die ihre Umwelt klug nutzte, ihre Ressourcen sorgfältig bewirtschaftete und ihr Wissen verlässlich weitergab.
- 166. Im täglichen Wechselspiel von Arbeit und Wanderung formte sich jene Lebensweise, die als typisch nomadisch in die Geschichte eingegangen ist.
- 167. Sie verband Härte und Anpassungsfähigkeit, Mobilität und Ordnung, kriegerische Tüchtigkeit und handwerkliches Können zu einem stimmigen Ganzen.
- 168. Die Routinen der Jagd, der Viehzucht und des Handwerks waren die tragenden Säulen, auf denen das Überleben in der pontischen Steppe ruhte.
- 169. Sie sicherten Nahrung, Kleidung, Ausrüstung und Bewaffnung und ermöglichten so die Reproduktion der Gemeinschaft von Jahr zu Jahr.
- 170. Zugleich schufen sie die materiellen und sozialen Grundlagen, auf denen die politische Ordnung des Stammesverbandes aufruhte.
- 171. Aus dem täglichen Hüten und Wirtschaften erwuchsen Besitz, Rang und Gefolgschaft, die das Gerüst der Macht in der Steppe bildeten.
- 172. Damit verweist die Betrachtung des Alltags unmittelbar auf die nächste Ebene, nämlich die politische Organisation des Verbandes.
- 173. Denn wer die Herden besaß und die Krieger ernährte, der gewann auch die Autorität, über Wanderung, Krieg und Bündnis zu entscheiden.
- 174. So führt der Weg von der täglichen Arbeit am Vieh und am Herd folgerichtig zu den Anführern und Versammlungen der Magyaren.
- 175. Bevor jedoch diese Strukturen der Führung zu betrachten sind, sei das Bild des Alltags noch einmal in seiner Gesamtheit festgehalten.
- 176. Es zeigt eine Gesellschaft, deren Tage von der Sorge um die Tiere, von Jagd und Handwerk und vom Rhythmus der Wanderung bestimmt waren.
- 177. Eine Gesellschaft, in der jeder seinen Platz und seine Aufgabe kannte und in der das Überleben aus dem Zusammenwirken aller erwuchs.
- 178. Eine Gesellschaft schließlich, die in der scheinbaren Einförmigkeit ihres Alltags die Kräfte sammelte, die ihre spätere Geschichte tragen sollten.
- 179. Das Leben in Levedia erschöpfte sich folglich nicht im bloßen Erhalt des Daseins, sondern legte den Grund für einen weitreichenden geschichtlichen Aufbruch.
- 180. Mit diesem Verständnis des Alltags lässt sich nun der Blick auf jene Ordnung richten, die diese Gemeinschaft nach innen lenkte und nach außen vertrat.
Politische Organisation: Stammesführer und Versammlungen
[Bearbeiten]- 1. Die politische Organisation der Magyaren in Levedia lässt sich nicht mit den Begriffen eines geordneten Staates erfassen, sondern muss aus dem Gefüge einer beweglichen Stammesgesellschaft heraus verstanden werden.
- 2. An die Stelle fester Behörden, geschriebener Gesetze und abgegrenzter Ämter trat ein Geflecht persönlicher Bindungen, Gefolgschaften und überlieferter Verpflichtungen.
- 3. Die Forschung spricht daher zurückhaltend von einer segmentären oder akephalen Ordnung, in der die Macht auf mehrere Ebenen verteilt und nirgends absolut gebündelt war.
- 4. Das bedeutet nicht das Fehlen von Ordnung, sondern eine andere Art der Ordnung, die sich aus Verwandtschaft, Ansehen und gegenseitiger Verpflichtung speiste.
- 5. Die kleinste Einheit dieses Gefüges bildete die Großfamilie, die mehrere Generationen, ihre Herden und das zugehörige Gefolge umfasste.
- 6. Mehrere solcher Familien, die sich auf einen gemeinsamen Vorfahren beriefen, schlossen sich zur Sippe zusammen, die als grundlegende soziale und wirtschaftliche Einheit galt.
- 7. Die Zugehörigkeit zu einer Sippe regelte den Anspruch auf Weidegründe, die Pflicht zum Beistand und die Stellung des Einzelnen in der Gemeinschaft.
- 8. Über der Sippe stand der Stamm, der mehrere verwandte oder verbündete Sippen unter einer gemeinsamen Führung und einem gemeinsamen Namen vereinte.
- 9. Die Stämme wiederum konnten sich zu größeren Verbänden zusammenschließen, deren Bestand jedoch von der jeweiligen politischen Lage abhing und nicht dauerhaft gesichert war.
- 10. Dieses stufenweise Gefüge von Familie, Sippe, Stamm und Stammesverband bildete das Gerüst, in dem sich alle politische Willensbildung vollzog.
- 11. An der Spitze jeder Ebene stand ein Anführer, dessen Stellung weniger auf einem festen Amt als auf persönlicher Autorität und Anerkennung beruhte.
- 12. Der Stammesführer verdankte seine Macht in erster Linie seinem Reichtum an Vieh, seinem kriegerischen Erfolg und der Zahl der ihm verbundenen Krieger.
- 13. Seine Autorität war nicht selbstverständlich, sondern musste durch Tüchtigkeit, Freigebigkeit und kluge Führung beständig erneuert und bewährt werden.
- 14. Ein Anführer, der im Krieg versagte oder die Seinen nicht zu versorgen vermochte, verlor rasch an Ansehen und sah seine Gefolgschaft schwinden.
- 15. Die Bindung zwischen Führer und Gefolge beruhte daher auf einem Verhältnis von Schutz und Versorgung auf der einen, Treue und Dienst auf der anderen Seite.
- 16. Der Führer gewährte Beute, Weidegründe und Schutz, während die Gefolgsleute ihm im Krieg folgten und seine Entscheidungen mittrugen.
- 17. Diese Gegenseitigkeit verlieh der Herrschaft ihre Festigkeit, machte sie aber zugleich abhängig von fortwährendem Erfolg und sichtbarer Freigebigkeit.
- 18. Die Freigebigkeit des Anführers war kein bloßer Großmut, sondern eine politische Notwendigkeit, denn durch das Verteilen von Beute band er die Seinen an sich.
- 19. Wer Gaben empfing, geriet in eine Pflicht der Treue, und so wandelte sich materieller Reichtum unmittelbar in politische Gefolgschaft.
- 20. Die Macht des Führers wurzelte folglich nicht in einem abstrakten Recht, sondern in einem dichten Netz persönlicher Verpflichtungen.
- 21. Neben dem einzelnen Anführer kam den Versammlungen der freien Männer eine zentrale Bedeutung für die politische Willensbildung zu.
- 22. In diesen Versammlungen berieten die Häupter der Sippen und die angesehenen Krieger über Krieg und Frieden, Wanderung und Bündnis.
- 23. Die Entscheidung über solche Fragen lag nicht allein beim Führer, sondern bedurfte der Zustimmung oder zumindest der Duldung der versammelten Männer.
- 24. Diese Mitsprache der Freien begrenzte die Macht des Anführers und verhinderte, dass sich seine Führung in eine unumschränkte Herrschaft verwandelte.
- 25. Die Versammlung war somit ein Gegengewicht zur Person des Führers und sicherte den Sippen einen Anteil an den großen Entscheidungen.
- 26. Die Beratungen folgten überlieferten Formen, in denen Rang, Alter und Ansehen der Sprecher die Reihenfolge und das Gewicht der Stimmen bestimmten.
- 27. Den Worten der Alten und der erfahrenen Krieger kam besonderes Gewicht zu, da ihr über das Leben gesammeltes Wissen hoch geschätzt wurde.
- 28. Eine förmliche Abstimmung im späteren Sinne dürfte es nicht gegeben haben, vielmehr rang man um einen tragfähigen Ausgleich der Auffassungen.
- 29. Die angestrebte Einmütigkeit war wichtiger als das knappe Mehr, denn ein Beschluss gegen erhebliche Widerstände hätte den Zusammenhalt gefährdet.
- 30. So verband sich in der Versammlung das Gewicht des Führers mit der Stimme der Freien zu einer Entscheidung, die von möglichst vielen getragen wurde.
- 31. Die Berichte fremder Beobachter überliefern, dass die Magyaren ursprünglich nicht von einem einzigen Oberhaupt, sondern von mehreren Anführern geleitet wurden.
- 32. An der Spitze des Verbandes standen demnach mehrere Stammesführer, von denen jeder über seinen eigenen Stamm gebot.
- 33. Diese Vielzahl gleichrangiger Häupter entsprach dem Wesen einer Gesellschaft, in der die Macht verteilt und kein dauerhaftes Königtum ausgebildet war.
- 34. Erst allmählich verdichtete sich diese vielköpfige Führung zu einer übergreifenden Spitze, deren Entstehung die Quellen nur in Umrissen erkennen lassen.
- 35. Die zentrale Überlieferung hierzu bietet das Werk des byzantinischen Kaisers Konstantin des Siebten Porphyrogennetos aus dem zehnten Jahrhundert.
- 36. Konstantin berichtet von einem ungarischen Anführer namens Levedi, nach dem das Gebiet Levedia benannt worden sei.
- 37. Levedi erscheint in diesem Bericht als der erste und vornehmste unter den Anführern, ohne jedoch ein König im strengen Sinne zu sein.
- 38. Seine herausgehobene Stellung beruhte auf persönlichem Ansehen und der Anerkennung durch die übrigen Häupter, nicht auf einem erblichen Herrscheramt.
- 39. Damit verkörpert die Gestalt des Levedi jenen Übergang von einer rein verteilten Führung zu einer stärker gebündelten Autorität.
- 40. Die Quelle berichtet weiter, dass die Magyaren in einem Abhängigkeitsverhältnis zum mächtigen Reich der Khasaren standen.
- 41. Die Khasaren beherrschten zu dieser Zeit weite Teile der südrussischen Steppe und übten eine Vormacht über die benachbarten Völker aus.
- 42. In diesem Gefüge nahmen die Magyaren die Stellung eines verbündeten, aber untergeordneten Verbandes ein, der den Khasaren zu Diensten verpflichtet war.
- 43. Konstantin überliefert, dass die Magyaren an der Seite der Khasaren Kriege führten und sich dabei als tüchtige Verbündete erwiesen.
- 44. Aus dieser engen Verbindung erwuchs ein bedeutsamer Vorgang, der die politische Ordnung der Magyaren nachhaltig verändern sollte.
- 45. Der Bericht erzählt, dass der Herrscher der Khasaren dem Anführer Levedi eine vornehme Khasarin zur Frau gab, um das Bündnis zu festigen.
- 46. Diese Verbindung sollte Levedi enger an das khasarische Herrscherhaus binden und seine Stellung als bevorzugter Verbündeter unterstreichen.
- 47. Die Ehe blieb jedoch der Überlieferung zufolge ohne Nachkommen, sodass die beabsichtigte dynastische Bindung nicht zustande kam.
- 48. In der Folge soll der Khasarenherrscher den Magyaren angetragen haben, einen einzigen Oberanführer nach khasarischem Vorbild einzusetzen.
- 49. Diese Anregung von außen markiert einen Schritt von der vielköpfigen Führung hin zu einer einheitlichen Spitze des Verbandes.
- 50. Das khasarische Reich diente dabei als Vorbild, da dort eine ausgebildete Herrschaftsordnung mit einem obersten Würdenträger bestand.
- 51. Die Magyaren übernahmen mit dieser Anregung ein Element fremder politischer Erfahrung und passten es ihren eigenen Verhältnissen an.
- 52. Bemerkenswert ist, dass die Initiative zu dieser Neuordnung der Überlieferung nach von der khasarischen Oberherrschaft ausging.
- 53. Darin zeigt sich, wie stark die innere Entwicklung der Magyaren von ihrer Einbettung in das größere Machtgefüge der Steppe geprägt war.
- 54. Der Überlieferung zufolge lehnte Levedi das ihm angetragene Oberamt ab und verwies auf einen anderen Anführer als geeigneteren Kandidaten.
- 55. Dieser Verzicht, ob nun aus Bescheidenheit, Alter oder politischem Kalkül, lenkte die Würde auf eine andere Linie der Führung.
- 56. An Levedis Stelle trat der Überlieferung nach Álmos beziehungsweise dessen Sohn Árpád als Träger der neuen obersten Würde.
- 57. Mit Árpád verbindet die ungarische Tradition den Beginn jener Führungslinie, die später die Landnahme im Karpatenbecken anführen sollte.
- 58. Die Erhebung Árpáds wird in den späteren ungarischen Quellen mit einem feierlichen Akt der Anerkennung durch die Stammesführer verbunden.
- 59. Die Häupter der Stämme sollen ihn auf einen Schild gehoben haben, ein Brauch, der die Anerkennung des Anführers durch die Krieger sinnfällig machte.
- 60. Diese Erhebung auf den Schild war über die Steppen- und Reitervölker hinaus verbreitet und symbolisierte die Zustimmung der Gefolgschaft.
- 61. In dem Akt verband sich die persönliche Würde des Erhobenen mit der ausdrücklichen Anerkennung durch die übrigen Anführer.
- 62. Damit blieb auch die neue Einheitsführung an die Zustimmung der Stämme gebunden und wurzelte nicht allein in der Person des Anführers.
- 63. Die ungarische Überlieferung kennt darüber hinaus die Erzählung von einem Blutvertrag, mit dem die Stammesführer ihr Bündnis besiegelten.
- 64. Diesem Bericht zufolge ritzten sich die Häupter der Stämme die Adern und ließen ihr Blut in ein gemeinsames Gefäß fließen.
- 65. Durch das Vermischen des Blutes stifteten sie eine Verwandtschaft, die über die natürliche Abstammung hinausreichte und sie zu einer Schicksalsgemeinschaft verband.
- 66. Dieser Bund der Sieben Stämme bildete der Tradition nach das Fundament der politischen Einheit, mit der die Magyaren nach Westen zogen.
- 67. Die Erzählung vom Blutvertrag ist in dieser ausgeformten Gestalt erst in späteren ungarischen Chroniken überliefert und trägt deutlich legendenhafte Züge.
- 68. Gleichwohl spiegelt sie eine geschichtliche Wirklichkeit, denn rituelle Bündnisse durch Blutsbruderschaft sind bei vielen Steppenvölkern bezeugt.
- 69. Der Kern der Überlieferung dürfte daher zutreffen, auch wenn die Einzelheiten der späteren Ausschmückung zuzurechnen sind.
- 70. Die Zahl von sieben Stämmen kehrt in der ungarischen Tradition beständig wieder und gilt als Grundzahl des Verbandes vor der Landnahme.
- 71. Ob diese Zahl genau zutrifft oder eine überlieferte Ordnungszahl darstellt, lässt sich aus den Quellen nicht mit Sicherheit entscheiden.
- 72. Jeder dieser Stämme stand unter einem eigenen Anführer und bewahrte innerhalb des Verbandes ein erhebliches Maß an Selbständigkeit.
- 73. Der Zusammenschluss der Stämme bedeutete daher keine Aufgabe ihrer Eigenständigkeit, sondern ein Bündnis zu gemeinsamem Handeln nach außen.
- 74. In Fragen des Krieges und der großen Wanderung handelten die Stämme gemeinsam, in inneren Angelegenheiten blieben sie weitgehend für sich.
- 75. Diese Verbindung von Eigenständigkeit der Teile und Einheit des Ganzen kennzeichnet die lockere Verfassung des frühen magyarischen Verbandes.
- 76. Die Forschung nimmt an, dass der Verband neben den eigentlichen magyarischen Stämmen auch fremde Gruppen umfasste, die sich angeschlossen hatten.
- 77. Zu diesen zählten insbesondere die Kabaren, ein von den Khasaren abgefallener Verband, der sich den Magyaren anschloss.
- 78. Die Aufnahme solcher fremder Gruppen zeigt die Durchlässigkeit der Steppenverbände, die sich weniger über Abstammung als über politische Zugehörigkeit bestimmten.
- 79. Ein Stammesverband war daher kein geschlossener Abstammungsverband, sondern ein offenes Gebilde, das Zuwächse und Abspaltungen kannte.
- 80. Wer sich dem Verband anschloss und seine Ordnung anerkannte, konnte in ihn aufgenommen werden und an seinem Schicksal teilhaben.
- 81. Diese Offenheit verlieh den Steppenverbänden ihre Wandlungsfähigkeit, machte ihren Bestand aber zugleich abhängig von der Gunst der Lage.
- 82. Die Khasaren hatten der Überlieferung nach den Magyaren auch eine besondere Doppelspitze ihrer Führung vermittelt oder nahegelegt.
- 83. Nach diesem Vorbild stand an der Spitze ein sakraler Oberherr, während ein zweiter Würdenträger die tatsächliche Leitung des Heeres und der Geschäfte übernahm.
- 84. Bei den Khasaren trug der oberste, sakral überhöhte Herrscher den Titel Khagan, während der Khagan-Bek die weltliche Macht ausübte.
- 85. Ob die Magyaren diese Doppelspitze in voller Ausprägung übernahmen, ist in der Forschung umstritten und aus den Quellen nicht eindeutig zu klären.
- 86. Konstantin nennt für die spätere Zeit die Würden des Künde und des Gyula, die auf eine solche zweigeteilte Führung hindeuten könnten.
- 87. Der Künde erscheint dabei als der ranghöhere, vorwiegend sakral bestimmte Würdenträger, während der Gyula die militärische Führung innehatte.
- 88. Diese Deutung bleibt jedoch mit Unsicherheit behaftet, da die Bedeutung der Titel und ihr Verhältnis zueinander nicht zweifelsfrei feststehen.
- 89. Klar ist allein, dass die Führung des Verbandes mehrere Würden umfasste und nicht in einer einzigen Person aufging.
- 90. Die Verbindung von sakraler Überhöhung und tatsächlicher Macht ist bei vielen Steppenvölkern bezeugt und entsprach einer verbreiteten Vorstellung von Herrschaft.
- 91. Der sakrale Herrscher galt als Träger eines besonderen Heils, von dem das Wohl des ganzen Volkes abhing.
- 92. Versagte dieses Heil, etwa in Niederlagen oder Notzeiten, so konnte selbst der sakrale Herrscher seine Stellung und mitunter sein Leben verlieren.
- 93. Diese Bindung des Herrschers an den Erfolg verlieh der Steppenherrschaft einen besonderen, von der Gunst der Verhältnisse abhängigen Charakter.
- 94. Die Macht ruhte somit nicht in einem unverlierbaren Recht, sondern in der fortdauernden Bewährung des Anführers und seines Hauses.
- 95. Innerhalb dieses Gefüges gewann die Linie Árpáds allmählich eine herausgehobene Stellung, die sich über die Generationen verfestigte.
- 96. Die Würde des obersten Anführers blieb fortan an dieses Geschlecht gebunden, ohne dass damit schon ein festes Königtum entstanden wäre.
- 97. Aus dieser Linie sollte später jene Dynastie hervorgehen, die das ungarische Reich im Karpatenbecken gründete und über Jahrhunderte beherrschte.
- 98. In Levedia und der anschließenden Zeit war diese Entwicklung jedoch erst im Werden und keineswegs zu einem festen Königtum gediehen.
- 99. Die politische Ordnung blieb beweglich, abhängig von der Person der Anführer und vom Zusammenhalt der verbündeten Stämme.
- 100. Die Rechtsprechung lag in den Händen der Anführer und der Versammlungen, die nach überliefertem Gewohnheitsrecht über Streitfälle entschieden.
- 101. Geschriebene Gesetze fehlten, an ihre Stelle trat das ungeschriebene Recht der Vorfahren, das in der mündlichen Überlieferung bewahrt wurde.
- 102. Die Kenntnis dieses Rechts und der überlieferten Bräuche verlieh den Alten und Erfahrenen ein hohes Gewicht in allen Beratungen.
- 103. Streitigkeiten zwischen Sippen wurden vorzugsweise durch Ausgleich und Buße beigelegt, um die Blutrache und die Spaltung des Verbandes zu vermeiden.
- 104. Die Blutrache blieb gleichwohl ein wirksames Mittel der Selbsthilfe, das die Sippen zur gegenseitigen Rücksicht zwang.
- 105. Die Furcht vor der Rache der geschädigten Sippe wirkte als Ordnungsmacht, wo eine übergreifende Gewalt zur Durchsetzung des Rechts fehlte.
- 106. So beruhte die innere Ordnung weniger auf Zwang von oben als auf dem Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Sippen.
- 107. Die Versammlung diente in diesem Gefüge auch als Ort, an dem solche Streitigkeiten vor den Augen der Gemeinschaft verhandelt wurden.
- 108. Die Öffentlichkeit der Beratung gab den Beschlüssen Gewicht und band die Beteiligten an das vor allen Gefasste.
- 109. Eine besondere Rolle in der politischen Ordnung spielte das Heer, denn der Verband war zugleich eine Gemeinschaft waffenfähiger Männer.
- 110. Jeder freie Mann war zugleich Krieger, sodass die militärische und die politische Ordnung untrennbar miteinander verbunden waren.
- 111. Die Gliederung des Heeres folgte der Gliederung der Stämme und Sippen, sodass jeder unter dem Banner der Seinen in den Kampf zog.
- 112. Der Anführer eines Stammes führte zugleich dessen Krieger, sodass politische und militärische Führung in einer Hand zusammenfielen.
- 113. Aus dieser Verbindung erklärt sich das hohe Gewicht des kriegerischen Erfolgs für die Stellung eines Anführers.
- 114. Wer die Seinen zu Sieg und Beute führte, mehrte sein Ansehen, während der unterlegene Führer rasch an Gefolgschaft einbüßte.
- 115. Die Beute aus Kriegszügen und die Tribute unterworfener Nachbarn bildeten eine wichtige Grundlage der Macht der Anführer.
- 116. Durch das Verteilen dieser Erträge unter die Gefolgsleute festigte der Führer seine Stellung und band die Krieger an sich.
- 117. So war der Krieg nicht allein Mittel der Verteidigung oder Eroberung, sondern auch ein Instrument der inneren Herrschaftssicherung.
- 118. Die Magyaren traten in dieser Zeit auch als Söldner und Verbündete in den Diensten benachbarter Mächte auf.
- 119. Ihre Reiterheere wurden von Byzanz und anderen Mächten gegen Bezahlung in Anspruch genommen, was Beute und Ansehen einbrachte.
- 120. Diese Einsätze führten die Magyaren in weit entfernte Gebiete und erweiterten ihren Erfahrungs- und Machthorizont.
- 121. Zugleich machten sie den Verband zu einem begehrten, aber auch unberechenbaren Faktor in der Politik der Region.
- 122. Die diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarmächten lagen in den Händen der Anführer, die Verträge schlossen und Bündnisse eingingen.
- 123. Solche Bündnisse wurden durch Geiseln, Ehen und feierliche Eide bekräftigt, da schriftliche Verträge in der Steppe keine Geltung besaßen.
- 124. Der Eid und das gegebene Wort hatten daher einen hohen Stellenwert und wurden durch religiöse Vorstellungen zusätzlich gebunden.
- 125. Der Bruch eines feierlich beschworenen Bündnisses galt als schwere Verfehlung, die den Zorn der Geister und der Ahnen herausforderte.
- 126. So verband sich die politische Ordnung eng mit der religiösen Vorstellungswelt, die den Eiden und Bündnissen ihre bindende Kraft verlieh.
- 127. Die religiösen Würdenträger, insbesondere die Schamanen, besaßen daher auch in politischen Angelegenheiten ein gewisses Gewicht.
- 128. Sie deuteten die Zeichen, befragten die Geister und gaben Auskunft über den günstigen Zeitpunkt für Krieg, Frieden und Aufbruch.
- 129. Die Verbindung von weltlicher und geistlicher Autorität in der Person des sakralen Herrschers verlieh der Führung eine zusätzliche Weihe.
- 130. Doch blieb die eigentliche Macht stets an die handgreiflichen Grundlagen von Vieh, Gefolgschaft und kriegerischem Erfolg gebunden.
- 131. Die Frage der Nachfolge eines Anführers war nicht durch ein festes Erbrecht geregelt, sondern blieb dem Ringen mehrerer Anwärter überlassen.
- 132. Zwar gab man dem Sohn oder nahen Verwandten des Verstorbenen oft den Vorzug, doch entschieden letztlich Tüchtigkeit und Anerkennung.
- 133. Diese Unsicherheit der Nachfolge barg die Gefahr innerer Kämpfe, die den Zusammenhalt des Verbandes wiederholt auf die Probe stellten.
- 134. Bei den Steppenvölkern war daher der Streit um die Nachfolge eine häufige Ursache von Spaltungen und Bürgerkriegen.
- 135. Die allmähliche Festigung der Würde im Geschlecht Árpáds darf auch als Versuch gedeutet werden, dieser Unsicherheit zu begegnen.
- 136. Indem man die oberste Würde an eine bestimmte Linie band, gewann die Nachfolge eine größere Berechenbarkeit und Stetigkeit.
- 137. Gleichwohl blieb die Zustimmung der Stammesführer und Krieger auch weiterhin eine Voraussetzung der Herrschaftsübernahme.
- 138. So verband die magyarische Ordnung das Prinzip der Abstammung mit dem Prinzip der Anerkennung durch die Gemeinschaft.
- 139. Diese Verbindung von Erbfolge und Wahl kennzeichnet viele frühe Herrschaftsformen und blieb auch in der späteren ungarischen Geschichte wirksam.
- 140. Die Versammlungen der Stämme traten nicht nur zur Beratung über Krieg und Wanderung zusammen, sondern auch zu festlichen und religiösen Anlässen.
- 141. Solche Zusammenkünfte festigten den Zusammenhalt des Verbandes und gaben den verstreuten Stämmen das Bewusstsein einer gemeinsamen Zugehörigkeit.
- 142. Bei diesen Gelegenheiten wurden Bündnisse erneuert, Streitigkeiten geschlichtet und die Erinnerung an die gemeinsame Herkunft gepflegt.
- 143. Die mündliche Überlieferung der Taten der Vorfahren diente dabei zugleich der Begründung der bestehenden Ordnung und der Stellung der Anführer.
- 144. Indem man die Abstammung der Führer auf ruhmreiche Ahnen zurückführte, verlieh man ihrer Herrschaft eine über das Tagesgeschehen hinausreichende Begründung.
- 145. So waren die Erzählungen der Herkunft nicht bloße Unterhaltung, sondern ein Bestandteil der politischen Ordnung selbst.
- 146. Die politische Organisation der Magyaren war demnach kein starres Gefüge, sondern ein bewegliches Gleichgewicht von Kräften und Bindungen.
- 147. Sie verband die Selbständigkeit der Stämme mit der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns nach außen.
- 148. Sie verband die Autorität der Anführer mit der Mitsprache der freien Krieger in den Versammlungen.
- 149. Und sie verband das Prinzip der Abstammung mit der Anerkennung der Tüchtigen durch die Gemeinschaft.
- 150. Aus diesem Gleichgewicht erwuchs eine Ordnung, die beweglich genug war, um den Anforderungen des Steppenlebens zu genügen.
- 151. Zugleich war sie fest genug, um die großen gemeinsamen Unternehmungen wie die Wanderung und die Landnahme zu tragen.
- 152. Die Quellenlage zu dieser politischen Ordnung bleibt allerdings schmal und beruht in entscheidenden Teilen auf dem Bericht Konstantins.
- 153. Dessen Darstellung entstand mit erheblichem zeitlichem Abstand und aus der Außenperspektive des byzantinischen Hofes.
- 154. Die späteren ungarischen Chroniken wiederum vermengen geschichtliche Erinnerung mit Legende und dem Bestreben, die bestehende Herrschaft zu rechtfertigen.
- 155. Die Forschung muss daher die verschiedenen Überlieferungen sorgfältig gegeneinander abwägen und durch Vergleiche mit anderen Steppenvölkern ergänzen.
- 156. Vieles, was über die innere Ordnung der Magyaren in Levedia gesagt wird, trägt daher den Charakter einer begründeten Annäherung.
- 157. Gesichert erscheint jedoch das Grundgefüge aus Familien, Sippen und Stämmen unter Anführern und Versammlungen.
- 158. Gesichert erscheint ferner die Einbettung des Verbandes in das übergeordnete Machtgefüge der Khasaren.
- 159. Und gesichert erscheint schließlich der allmähliche Übergang von einer vielköpfigen Führung zu einer im Geschlecht Árpáds gebündelten Spitze.
- 160. Diese drei Befunde bilden das tragfähige Fundament, auf dem das Bild der politischen Ordnung errichtet werden kann.
- 161. Die Bedeutung dieser Ordnung reicht weit über die Zeit in Levedia hinaus, denn sie schuf die Voraussetzungen der späteren Geschichte.
- 162. Ohne die Bündelung der Führung und die Festigung des Stammesbundes wäre die gemeinsame Wanderung nach Westen kaum möglich gewesen.
- 163. Die politische Einigung der Stämme war daher eine notwendige Vorstufe der Landnahme im Karpatenbecken.
- 164. In der Person Árpáds verbanden sich diese Entwicklungen zu jener Führung, die den entscheidenden Zug nach Westen anführen sollte.
- 165. So weist die politische Ordnung Levedias unmittelbar auf die kommenden großen Ereignisse der ungarischen Geschichte voraus.
- 166. Zugleich verweist sie zurück auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Grundlage, aus der die Macht der Anführer erwuchs.
- 167. Denn die Autorität der Führer beruhte letztlich auf jenem Reichtum an Vieh und Gefolgschaft, der im Alltag der Steppe erwirtschaftet wurde.
- 168. Wirtschaft, Gesellschaft und politische Ordnung griffen somit untrennbar ineinander und bedingten sich gegenseitig.
- 169. Wer die Herden besaß, gewann Gefolgschaft, und wer Gefolgschaft gewann, übte politische Macht aus.
- 170. Diese Verschränkung der Lebensbereiche ist für das Verständnis der frühen magyarischen Gesellschaft von grundlegender Bedeutung.
- 171. Die politische Organisation war daher kein von der übrigen Lebenswelt abgehobener Bereich, sondern deren unmittelbarer Ausdruck.
- 172. In ihr spiegelten sich die Verhältnisse von Besitz und Abhängigkeit, von Verwandtschaft und Gefolgschaft, die das Steppenleben prägten.
- 173. Die Beweglichkeit dieser Ordnung entsprach der Beweglichkeit der nomadischen Lebensweise, die feste und dauerhafte Strukturen erschwerte.
- 174. Erst die Sesshaftwerdung im Karpatenbecken sollte später die Voraussetzungen für eine festere staatliche Ordnung schaffen.
- 175. In Levedia und der anschließenden Zeit blieb die Ordnung jedoch jene eines beweglichen Stammesverbandes der Steppe.
- 176. Ihre Stärke lag in der Anpassungsfähigkeit, ihre Schwäche in der Abhängigkeit von der Person und vom Erfolg der Anführer.
- 177. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Beweglichkeit und Festigkeit durchzieht die gesamte politische Geschichte der frühen Magyaren.
- 178. Es zu verstehen heißt, die Eigenart einer Gesellschaft zu erfassen, die zwischen Steppe und Sesshaftigkeit, zwischen Stamm und Reich vermittelte.
- 179. Die politische Organisation Levedias erscheint so als ein Übergangsgebilde, das Altes bewahrte und Neues vorbereitete.
- 180. Mit diesem Verständnis ihrer inneren Ordnung lässt sich nun der Blick auf die äußeren Beziehungen richten, auf Handel und Austausch mit den Nachbarvölkern.
Handel und Austausch: Kontakte zu Nachbarvölkern
[Bearbeiten]- 1. Der Handel und der Austausch mit den Nachbarvölkern bildeten einen wesentlichen Bestandteil des Lebens der Magyaren in Levedia und verbanden den nomadischen Verband mit der weiteren Welt der Steppe und ihrer Ränder.
- 2. Eine Gesellschaft, die auf Viehzucht, Jagd und einfachem Handwerk beruhte, war für zahlreiche Güter auf den Austausch mit anderen angewiesen und konnte sich nicht aus eigener Kraft vollständig versorgen.
- 3. Insbesondere fehlten der Steppe bestimmte Rohstoffe und Fertigwaren, die nur in den Werkstätten und Märkten der sesshaften Nachbarn hergestellt wurden.
- 4. So entstand ein beständiges Geben und Nehmen, das die Steppenbewohner mit den Reichen am Rande ihres Lebensraumes verknüpfte.
- 5. Der Handel war daher nicht ein nebensächlicher Zug, sondern eine Lebensnotwendigkeit, die das wirtschaftliche und politische Geschick des Verbandes mitbestimmte.
- 6. Die Magyaren lebten in Levedia in einem Raum, der von mehreren mächtigen und wirtschaftlich entwickelten Nachbarn umgeben war.
- 7. Im Osten und Süden erstreckte sich die Macht der Khasaren, deren Reich einen bedeutenden Knotenpunkt des Fernhandels darstellte.
- 8. Im Süden lag jenseits des Schwarzen Meeres das Byzantinische Reich, dessen Reichtum und Waren in der gesamten Steppe begehrt waren.
- 9. Im Westen und Südwesten standen die Magyaren in Verbindung mit den Bulgaren an der Donau und den Bulgaren an der Wolga.
- 10. Im Norden grenzten die Wälder an die Steppe, aus denen die Erzeugnisse der dort lebenden finnisch-ugrischen und slawischen Völker kamen.
- 11. Dieser Raum war von einem dichten Netz von Handelswegen durchzogen, die Waren über weite Entfernungen von Hand zu Hand wandern ließen.
- 12. Die Magyaren saßen in diesem Netz an einer verkehrsgünstigen Stelle, die ihnen Anteil an den großen Strömen des Austausches gab.
- 13. Über die südrussische Steppe verliefen die Verbindungen zwischen dem Norden Europas, dem Orient und dem Mittelmeerraum.
- 14. Wer diese Wege beherrschte oder an ihnen teilhatte, gewann nicht nur Waren, sondern auch Einfluss und Reichtum.
- 15. Die Magyaren nutzten diese Lage, indem sie eigene Erzeugnisse anboten und zugleich am Durchzug fremder Waren teilhatten.
- 16. Die wichtigsten Güter, welche die Magyaren in den Austausch einbrachten, entstammten unmittelbar ihrer nomadischen Wirtschaft.
- 17. An erster Stelle standen die Pferde, die als Reit- und Lasttiere überall begehrt waren und einen hohen Wert besaßen.
- 18. Die Reiterpferde der Steppe galten als ausdauernd und genügsam und fanden bei den sesshaften Nachbarn lebhafte Nachfrage.
- 19. Neben den Pferden boten die Magyaren weiteres Vieh sowie die Erzeugnisse der Viehzucht wie Felle, Häute und Wolle an.
- 20. Die Tierhäute und Pelze waren ein klassisches Ausfuhrgut der Steppen- und Waldvölker und wurden in den Werkstätten der Nachbarn weiterverarbeitet.
- 21. Besonders die Pelze edler Waldtiere erzielten in den südlichen und westlichen Märkten hohe Preise.
- 22. Wachs und Honig, gewonnen aus den reichen Beständen der Wälder und Steppenränder, zählten ebenfalls zu den begehrten Ausfuhrwaren.
- 23. Das Wachs fand vor allem in den christlichen Ländern für die Herstellung von Kerzen Verwendung und war daher beständig gefragt.
- 24. Ein weiteres bedeutendes Handelsgut, dessen Erwähnung in den Quellen besonders hervortritt, waren die Sklaven.
- 25. Der byzantinische Kaiser Konstantin der Siebte Porphyrogennetos berichtet ausdrücklich, dass die Magyaren Gefangene als Ware in den Austausch einbrachten.
- 26. Diese Gefangenen stammten aus Kriegszügen und Raubunternehmungen gegen benachbarte Völker, insbesondere gegen die slawischen Stämme.
- 27. Der Sklavenhandel war in der gesamten Steppe und an ihren Rändern weit verbreitet und galt als einträgliches Geschäft.
- 28. Die Magyaren verkauften ihre Gefangenen vornehmlich an die Byzantiner und an die Märkte des khasarischen Reiches.
- 29. Konstantin überliefert, dass die Magyaren ihre slawischen Gefangenen an einem bestimmten Handelsplatz am Schwarzen Meer den Byzantinern überließen.
- 30. Dieser Handel mit Menschen bildete eine wichtige Einnahmequelle und verband die kriegerische Tätigkeit unmittelbar mit dem wirtschaftlichen Gewinn.
- 31. Die Raubzüge gegen die Nachbarn dienten daher nicht allein der Beute an Vieh und Gütern, sondern auch der Gewinnung handelbarer Gefangener.
- 32. So verschränkten sich Krieg und Handel auf eine Weise, die für die Steppengesellschaften kennzeichnend war.
- 33. Im Gegenzug für ihre Ausfuhrwaren begehrten die Magyaren vor allem jene Güter, die ihre eigene Wirtschaft nicht hervorbrachte.
- 34. An erster Stelle standen edle Metalle und Münzen, die als Wertmaßstab und als Mittel der Wertaufbewahrung dienten.
- 35. Silber- und Goldmünzen aus Byzanz und aus dem Reich der Araber gelangten auf diesem Wege in die Hände der Magyaren.
- 36. Diese Münzen wurden weniger als Zahlungsmittel im heutigen Sinne als vielmehr als Edelmetall nach Gewicht und als Schmuck geschätzt.
- 37. Aus den fremden Münzen und dem eingehandelten Edelmetall fertigten die Handwerker der Steppe Schmuck und Zierat.
- 38. Begehrt waren ferner kostbare Stoffe, insbesondere die Seide und die prächtigen Gewebe aus den Werkstätten von Byzanz.
- 39. Diese feinen Stoffe dienten der Kleidung der Vornehmen und unterstrichen Rang und Ansehen ihrer Träger.
- 40. Auch fertige Waffen, kunstvolle Metallarbeiten und andere Erzeugnisse des entwickelten Handwerks fanden den Weg in die Steppe.
- 41. Salz zählte zu den lebenswichtigen Gütern, die im Austausch beschafft werden mussten, da es für Mensch und Vieh unentbehrlich war.
- 42. Die Salzlager an den Rändern der Steppe und in den benachbarten Gebirgen waren daher ein bedeutender Gegenstand des Handels.
- 43. Weiter erwarben die Magyaren Erzeugnisse des Ackerbaus wie Getreide, soweit die eigene Erzeugung den Bedarf nicht deckte.
- 44. So ergänzte der Austausch mit den sesshaften Nachbarn die einseitige Ausrichtung der nomadischen Wirtschaft auf das Vieh.
- 45. Die Formen dieses Handels waren vielfältig und reichten vom unmittelbaren Tausch bis zu geregelten Beziehungen an festen Handelsplätzen.
- 46. Da ein ausgebildetes Münzwesen fehlte, herrschte der unmittelbare Tausch von Ware gegen Ware vor.
- 47. Vieh, Pelze und Sklaven wurden gegen Metall, Stoffe und Salz getauscht, wobei das Edelmetall als gemeinsamer Wertmaßstab diente.
- 48. An den Grenzen zwischen Steppe und sesshaftem Land entstanden feste Plätze, an denen sich die Händler regelmäßig trafen.
- 49. Solche Handelsplätze lagen oft an Flussübergängen, an Furten oder an den Rändern der großen Reiche.
- 50. Sie boten den Schutz und die Ordnung, deren der Handel bedurfte, und unterstanden häufig der Aufsicht der jeweiligen Obrigkeit.
- 51. Die Khasaren spielten in diesem Geflecht des Handels eine herausragende Rolle, da ihr Reich zahlreiche Handelswege beherrschte.
- 52. Ihre Hauptorte an der unteren Wolga waren bedeutende Umschlagplätze, an denen sich die Waren aus Ost und West, Nord und Süd begegneten.
- 53. Die Khasaren erhoben Zölle auf den durchziehenden Handel und gewannen daraus einen erheblichen Teil ihres Reichtums.
- 54. Als von den Khasaren abhängiger Verband nahmen die Magyaren an diesem Handelsnetz teil und profitierten von dessen Reichtum.
- 55. Zugleich waren sie den Khasaren zu Abgaben und Diensten verpflichtet, die einen Teil ihres wirtschaftlichen Ertrages beanspruchten.
- 56. Über das khasarische Reich gelangten arabische Silbermünzen in großer Zahl in die Steppe und weiter in den Norden Europas.
- 57. Der Strom dieser Münzen bezeugt die Lebhaftigkeit des Fernhandels, an dem auch die Magyaren teilhatten.
- 58. Die Verbindung zu den Khasaren war daher nicht allein politischer und militärischer, sondern auch wirtschaftlicher Natur.
- 59. Sie band die Magyaren in ein weitgespanntes System des Austausches ein, das vom Norden Europas bis in den Orient reichte.
- 60. Das Byzantinische Reich war für die Magyaren der zweite große Handelspartner und zugleich ein begehrtes Ziel ihrer Ausfuhren.
- 61. Die Reichtümer von Byzanz, seine Münzen, Stoffe und Kostbarkeiten, übten auf die Steppenvölker eine starke Anziehung aus.
- 62. Die Magyaren brachten Sklaven, Vieh und die Erzeugnisse ihrer Wirtschaft an die byzantinischen Märkte und erhielten dafür edle Waren.
- 63. Der Handel mit Byzanz verlief teils unmittelbar über die Häfen des Schwarzen Meeres, teils über Mittelsmänner und benachbarte Völker.
- 64. Die griechischen Kaufleute waren an den Erzeugnissen der Steppe lebhaft interessiert und unterhielten Verbindungen bis weit ins Innere.
- 65. Über diesen Handel gelangten nicht nur Waren, sondern auch Kenntnisse, Bräuche und Vorstellungen in die Welt der Magyaren.
- 66. Der Austausch mit Byzanz war daher zugleich ein Tor, durch das fremde kulturelle Einflüsse in die Steppe eindrangen.
- 67. Die Bulgaren an der Donau und an der Wolga bildeten weitere bedeutende Partner und Mittler des Handels.
- 68. Die Wolgabulgaren beherrschten den Handel im mittleren Wolgaraum und vermittelten zwischen dem Norden, der Steppe und dem Orient.
- 69. Ihre Hauptorte waren wichtige Märkte, an denen Pelze, Sklaven und Erzeugnisse des Nordens gegen orientalische Waren getauscht wurden.
- 70. Die Donaubulgaren wiederum standen den Magyaren im Westen gegenüber und unterhielten teils Handels-, teils feindliche Beziehungen.
- 71. Mit den Bulgaren verband die Magyaren ein wechselvolles Verhältnis, in dem sich Handel, Bündnis und Krieg abwechselten.
- 72. Die slawischen Völker am Rande der Steppe und in den Wäldern des Nordens waren zugleich Handelspartner und Opfer der Raubzüge.
- 73. Von ihnen bezogen die Magyaren Erzeugnisse des Waldes und des Ackerbaus, gegen sie richteten sich aber auch die Unternehmungen zur Gewinnung von Gefangenen.
- 74. Dieses zwiespältige Verhältnis kennzeichnet die Beziehungen zwischen den beweglichen Steppenreitern und den sesshaften Bauern.
- 75. Die Slawen lieferten Honig, Wachs, Pelze und Getreide und nahmen dafür die Erzeugnisse der Steppe und des Fernhandels entgegen.
- 76. Im Norden reichten die Verbindungen bis zu den finnisch-ugrischen Völkern der Waldzone, mit denen die Magyaren durch ihre Herkunft verwandt waren.
- 77. Von dort kamen vor allem die kostbaren Pelze, die über die Steppe in die südlichen und westlichen Märkte gelangten.
- 78. Der Pelzhandel verband somit die fernen Wälder des Nordens über die Vermittlung der Steppenvölker mit den Reichen des Südens.
- 79. Die Magyaren nahmen in diesem weitgespannten Netz die Stellung eines Mittlers ein, der Waren weiterleitete und an ihrem Durchzug verdiente.
- 80. Neben den eigenen Erzeugnissen handelten sie folglich auch mit Gütern, die sie selbst von anderen bezogen hatten.
- 81. Diese vermittelnde Tätigkeit erweiterte den wirtschaftlichen Spielraum des Verbandes über die Grenzen der eigenen Erzeugung hinaus.
- 82. Die Kaufleute, die diesen Handel betrieben, gehörten unterschiedlichen Völkern an und durchzogen die Steppe in kleinen, oft bewaffneten Gruppen.
- 83. Unter ihnen befanden sich arabische, jüdische, byzantinische und sonstige Händler, welche die großen Wege des Fernhandels befuhren.
- 84. Besonders bekannt sind die jüdischen Fernhändler, die zwischen dem Frankenreich, dem Orient und der Steppe vermittelten.
- 85. Ihre Berichte und die der arabischen Geographen liefern wichtige Nachrichten über den Handel und die Völker der Steppe.
- 86. Die arabischen Schriftsteller des neunten und zehnten Jahrhunderts beschreiben die Magyaren und ihre Nachbarn mit großem Interesse am Handel.
- 87. Diese Berichte verdanken sich häufig den Erkundigungen, die Kaufleute und Reisende auf ihren Wegen einzogen.
- 88. Die Quellen zum magyarischen Handel sind daher überwiegend fremder Herkunft und spiegeln die Sicht der Beobachter von außen.
- 89. Eigene schriftliche Zeugnisse der Magyaren über ihren Handel fehlen, sodass die Forschung auf fremde Nachrichten und archäologische Funde angewiesen ist.
- 90. Die archäologischen Funde bestätigen und ergänzen das Bild, das die schriftlichen Quellen vom Austausch der Steppenvölker entwerfen.
- 91. In den Gräbern und Lagerplätzen finden sich Münzen, Schmuckstücke und Waren, die von weither stammen und den Handel bezeugen.
- 92. Arabische Silbermünzen, byzantinische Erzeugnisse und Gegenstände nordischer Herkunft belegen die Reichweite der Handelsverbindungen.
- 93. Diese Funde erlauben es, die Wege des Austausches zu verfolgen und die Einbindung der Magyaren in den Fernhandel zu erfassen.
- 94. Die Verteilung der Münzfunde zeigt, wie der Strom des Silbers von Süden und Osten in den Norden Europas verlief.
- 95. Die Steppe lag mitten in diesem Strom und nahm an ihm in vielfältiger Weise teil.
- 96. Die wirtschaftliche Bedeutung des Handels für die Magyaren reichte über die bloße Versorgung mit Gütern weit hinaus.
- 97. Der Handel verschaffte den Anführern Reichtum, mit dem sie ihre Gefolgschaft an sich banden und ihre Macht festigten.
- 98. Die im Austausch gewonnenen Kostbarkeiten dienten als Gaben, mit denen die Führer Treue und Dienst belohnten.
- 99. So speiste sich die politische Macht der Anführer nicht allein aus Vieh und Krieg, sondern auch aus dem Ertrag des Handels.
- 100. Wer die Handelswege beherrschte und am Austausch teilhatte, gewann die Mittel, um Einfluss und Gefolgschaft zu mehren.
- 101. Der Handel war daher zugleich ein wirtschaftliches und ein politisches Instrument in den Händen der Führung.
- 102. Die Kontrolle über die Handelsplätze und Wege wurde zu einem Gegenstand der Politik und mitunter des Krieges.
- 103. Die Erhebung von Zöllen und Abgaben auf den durchziehenden Handel bot eine weitere Quelle des Reichtums.
- 104. Wo die Magyaren Wege oder Übergänge beherrschten, konnten sie von den durchziehenden Kaufleuten Abgaben verlangen.
- 105. Auch der Schutz, den sie den Händlern gegen Bezahlung gewährten, brachte ihnen Einkünfte ein.
- 106. Die bewaffnete Begleitung von Handelszügen war ein einträgliches Geschäft, das die kriegerischen Fähigkeiten der Reiter nutzte.
- 107. So verband sich auch hier die militärische Stärke mit dem wirtschaftlichen Vorteil zu einer für die Steppe typischen Verbindung.
- 108. Der Handel brachte den Magyaren nicht nur Güter und Reichtum, sondern auch vielfältige kulturelle Anregungen.
- 109. Mit den Waren wanderten Vorstellungen, Bräuche und Kenntnisse, die das Leben der Steppenbewohner beeinflussten.
- 110. Der Schmuck und die Kunstwerke der Nachbarn wirkten als Vorbilder auf das eigene Handwerk der Magyaren.
- 111. In den Verzierungen ihrer Erzeugnisse lassen sich Einflüsse aus Byzanz, dem Orient und der übrigen Steppe erkennen.
- 112. Die magyarische Kunst der Metallbearbeitung verband eigene Überlieferungen mit Anregungen, die der Handel vermittelte.
- 113. So war der Austausch zugleich ein Träger kultureller Begegnung und gegenseitiger Beeinflussung.
- 114. Auch fremde Worte und Begriffe drangen über den Handel in die Sprache der Magyaren ein und bezeugen die Lebhaftigkeit der Kontakte.
- 115. Zahlreiche Lehnwörter aus den Sprachen der Nachbarn weisen auf die Bereiche, in denen der Austausch besonders rege war.
- 116. Begriffe für Handelswaren, für Tätigkeiten und für Gegenstände des entwickelten Lebens gelangten auf diesem Wege in das Ungarische.
- 117. Die Sprachwissenschaft gewinnt aus diesen Entlehnungen wichtige Hinweise auf die Geschichte der Kontakte und ihre Inhalte.
- 118. So spiegelt die Sprache die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen wider, in denen die Magyaren standen.
- 119. Der Handel war demnach ein Vorgang, der weit über das Wirtschaftliche hinaus in die Sprache und Kultur hineinwirkte.
- 120. Die Beziehungen zu den Nachbarvölkern beschränkten sich nicht auf den friedlichen Austausch, sondern umfassten auch Krieg und Raub.
- 121. Handel und Krieg standen in der Steppe in einem engen, oft unauflöslichen Zusammenhang.
- 122. Derselbe Verband, der mit einem Nachbarn Handel trieb, konnte gegen ihn auch zu Felde ziehen.
- 123. Die Raubzüge dienten der Gewinnung von Beute und Gefangenen, die ihrerseits in den Handel eingingen.
- 124. So war der Krieg nicht nur eine Unterbrechung des Handels, sondern zugleich eine seiner Voraussetzungen.
- 125. Die Beziehungen zu den Nachbarn waren daher von einem beständigen Wechsel zwischen Austausch und Gewalt geprägt.
- 126. Bündnisse und Verträge regelten den Handel und sicherten den Frieden, der für den Austausch unentbehrlich war.
- 127. Solche Vereinbarungen wurden durch Eide, Geiseln und Ehen bekräftigt, da geschriebene Verträge in der Steppe keine Geltung besaßen.
- 128. Der Bruch eines Handelsfriedens konnte zum Krieg führen, ebenso wie ein erfolgreicher Krieg neue Handelsbeziehungen eröffnen mochte.
- 129. Die Diplomatie der Anführer diente daher in hohem Maße der Sicherung und Regelung des Austausches.
- 130. Gesandtschaften wurden ausgetauscht, Geschenke übersandt und Abkommen geschlossen, die den Handel ordneten.
- 131. Der Austausch von Gaben zwischen den Führern war eine besondere Form des Verkehrs, die zwischen Handel und Diplomatie stand.
- 132. Solche Geschenke bekräftigten Bündnisse, ehrten den Empfänger und schufen Verpflichtungen, die über den bloßen Tausch hinausreichten.
- 133. Der Empfang kostbarer Gaben aus Byzanz oder von den Khasaren erhöhte das Ansehen der magyarischen Anführer.
- 134. Zugleich banden solche Gaben die Empfänger an die Geber und dienten der politischen Einflussnahme.
- 135. Der Gabentausch war daher ein Instrument der Politik, das sich der Formen des Handels bediente.
- 136. Die Magyaren standen mit ihren Nachbarn somit in einem Geflecht von Beziehungen, das wirtschaftliche, politische und kulturelle Fäden verband.
- 137. Dieses Geflecht machte den Verband zu einem Teil der größeren Welt der Steppe und ihrer Ränder.
- 138. Es band die Magyaren ein in die Geschicke der umliegenden Reiche und Völker.
- 139. Es eröffnete ihnen Reichtum und Anregung, setzte sie aber auch Abhängigkeiten und Gefahren aus.
- 140. Die Stellung zwischen mehreren mächtigen Nachbarn verlangte ein stetes Abwägen zwischen Austausch und Selbstbehauptung.
- 141. Die Magyaren mussten den Handel pflegen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben, und Bündnisse eingehen, ohne in Abhängigkeit zu geraten.
- 142. Die Abhängigkeit von den Khasaren bezeugt, wie eng die Grenze zwischen vorteilhaftem Bündnis und drückender Unterordnung verlief.
- 143. Der Reichtum des Handels war mit dem Preis der Verpflichtung gegenüber dem mächtigeren Nachbarn erkauft.
- 144. So spiegelt der Handel die zwiespältige Lage eines Verbandes wider, der zwischen größeren Mächten seinen Weg suchte.
- 145. Die wirtschaftliche Verflechtung mit den Nachbarn band die Magyaren in deren Ordnung ein und beschränkte zugleich ihren Handlungsspielraum.
- 146. Erst der spätere Aufbruch nach Westen sollte diese Bindungen lösen und neue Verhältnisse schaffen.
- 147. In Levedia jedoch waren die Magyaren noch fest in das Handelsnetz der südrussischen Steppe eingebunden.
- 148. Ihr Wohlstand und ihre Macht hingen in hohem Maße von ihrer Teilhabe an diesem Netz ab.
- 149. Die Bedeutung des Handels für das Leben in Levedia kann daher kaum überschätzt werden.
- 150. Er versorgte den Verband mit lebenswichtigen Gütern, die seine Wirtschaft nicht hervorbrachte.
- 151. Er verschaffte den Anführern Reichtum und Mittel zur Festigung ihrer Macht.
- 152. Er vermittelte kulturelle Anregungen, die das Handwerk, die Kunst und die Sprache bereicherten.
- 153. Und er band die Magyaren in das weitgespannte Geflecht der Steppe und ihrer Nachbarn ein.
- 154. Die Quellenlage zu diesem Handel bleibt gleichwohl lückenhaft und beruht überwiegend auf fremden Berichten und archäologischen Funden.
- 155. Vieles muss aus allgemeinen Kenntnissen über den Steppenhandel und aus Vergleichen mit benachbarten Völkern erschlossen werden.
- 156. Die Nachrichten Konstantins, der arabischen Geographen und die Funde der Archäologie fügen sich jedoch zu einem stimmigen Bild.
- 157. Dieses Bild zeigt einen Verband, der weit mehr war als eine abgeschlossene Gemeinschaft reitender Hirten.
- 158. Es zeigt eine Gesellschaft, die in vielfältigen Beziehungen zu ihren Nachbarn stand und am Austausch der halben damaligen Welt teilhatte.
- 159. Die Magyaren erscheinen so als ein bewegliches und weltoffenes Glied im großen Geflecht der Völker und Reiche.
- 160. Ihre Teilhabe am Handel verband die fernen Wälder des Nordens mit den Märkten von Byzanz und dem Orient.
- 161. In dieser vermittelnden Stellung lag ein Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihres politischen Gewichts.
- 162. Der Handel bereitete zugleich jene Beweglichkeit und jenen Horizont vor, die für den späteren Aufbruch nach Westen von Bedeutung waren.
- 163. Die Kenntnis der Wege, der Völker und der Verhältnisse, die der Handel vermittelte, kam dem Verband bei seinen Wanderungen zugute.
- 164. Die durch den Austausch geknüpften Verbindungen reichten bis in jene Gebiete, in die die Magyaren später ziehen sollten.
- 165. So weisen auch die Handelsbeziehungen über die Zeit in Levedia hinaus auf die kommenden Ereignisse voraus.
- 166. Zugleich verweisen sie zurück auf die wirtschaftliche Grundlage und die politische Ordnung des Verbandes.
- 167. Denn der Handel ruhte auf den Erzeugnissen der nomadischen Wirtschaft und diente der Festigung der Macht der Anführer.
- 168. Wirtschaft, Handel und Politik bildeten somit ein zusammenhängendes Ganzes, dessen Teile einander bedingten.
- 169. Die Erzeugnisse der Viehzucht und Jagd schufen die Güter, die der Handel in Reichtum und Macht verwandelte.
- 170. Der Reichtum des Handels wiederum stärkte die Anführer und das Gefüge der politischen Ordnung.
- 171. Diese Verschränkung der Lebensbereiche ist für das Verständnis der frühen magyarischen Gesellschaft grundlegend.
- 172. Der Handel war daher kein abgesonderter Bereich, sondern ein integraler Bestandteil des gesamten Lebens in Levedia.
- 173. In ihm spiegelten sich die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die politischen Verhältnisse und die kulturellen Verbindungen des Verbandes.
- 174. Die Betrachtung des Handels führt somit unmittelbar zu den weiteren Beziehungen, die die Magyaren mit ihren Nachbarn unterhielten.
- 175. Denn der friedliche Austausch war nur die eine Seite eines Verhältnisses, das ebenso von Bündnis und Konflikt geprägt war.
- 176. Die Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn, insbesondere zu den Khasaren und zu Byzanz, reichten weit über den Handel hinaus.
- 177. Sie umfassten politische Abhängigkeit, militärisches Bündnis und gelegentlichen Konflikt in wechselnder Folge.
- 178. Diese Beziehungen bestimmten das Schicksal des Verbandes in einem Maße, das sich im bloßen Handel nicht erschöpfte.
- 179. Sie zu verstehen heißt, die Stellung der Magyaren zwischen den großen Mächten ihrer Zeit zu erfassen.
- 180. Mit dem Blick auf den Handel und Austausch ist daher der Übergang zu den Beziehungen zwischen Konflikt und Koexistenz mit Khasaren und Byzanz gegeben.
Konflikte und Koexistenz: Beziehungen zu Khazaren und Byzanz
[Bearbeiten]- 1. Die Beziehungen der Magyaren zu den Khasaren und zu Byzanz bildeten in der Zeit von Levedia das bestimmende Geflecht ihrer äußeren Politik und entschieden über das Schicksal des Verbandes weit mehr als alle inneren Verhältnisse.
- 2. Zwischen diesen beiden Mächten, dem Steppenreich der Khasaren im Osten und dem Kaiserreich von Byzanz im Süden, suchte der magyarische Verband seinen Weg und musste sich beständig behaupten.
- 3. Die Lage zwischen mehreren überlegenen Mächten zwang die Magyaren zu einem steten Wechsel zwischen Unterordnung, Bündnis und gewaffnetem Widerstand.
- 4. Das Verhältnis zu diesen Nachbarn war daher niemals von einer Art, sondern verband Konflikt und Koexistenz, Abhängigkeit und Selbstbehauptung zu einem wechselvollen Ganzen.
- 5. Unter allen Nachbarn der Magyaren ragten die Khasaren durch ihre Macht und durch die Enge der Beziehung am stärksten hervor.
- 6. Das Reich der Khasaren beherrschte zur Zeit von Levedia weite Teile der südrussischen Steppe und der angrenzenden Gebiete zwischen Wolga, Don und Kaukasus.
- 7. Es war ein mächtiges und beständiges Gebilde, das eine ausgebildete Herrschaftsordnung, einen lebhaften Handel und eine starke Kriegsmacht besaß.
- 8. Die Khasaren übten über die kleineren Völker ihres Umkreises eine Vorherrschaft aus, die sich in Tributen, Diensten und politischer Aufsicht äußerte.
- 9. In dieses Gefüge der khasarischen Oberherrschaft waren auch die Magyaren eingebunden, die als abhängiger Verband unter dem Schutz und der Gewalt der Khasaren standen.
- 10. Der byzantinische Kaiser Konstantin der Siebte Porphyrogennetos überliefert ausdrücklich, dass die Magyaren eine Zeitlang mit den Khasaren zusammenwohnten und ihnen verbunden waren.
- 11. Diese Verbindung wird in der Quelle als ein Verhältnis dargestellt, in dem die Magyaren den Khasaren in deren Kriegen zur Seite standen.
- 12. Die Magyaren erwiesen sich dabei als tüchtige Verbündete, deren Reiterheere den Khasaren wertvolle Dienste leisteten.
- 13. Diese militärische Zusammenarbeit bildete den Kern des Bündnisses und brachte den Magyaren Beute, Ansehen und Erfahrung ein.
- 14. Zugleich war das Verhältnis kein gleichrangiges, denn die Magyaren standen unter der Oberherrschaft der mächtigeren Khasaren.
- 15. Die Forschung bezeichnet diese Stellung als die eines untergeordneten, aber verbündeten Verbandes innerhalb des khasarischen Machtbereichs.
- 16. Die Magyaren waren den Khasaren wohl zu Abgaben und Heerfolge verpflichtet, bewahrten aber im Inneren eine erhebliche Selbständigkeit.
- 17. Sie behielten ihre eigenen Anführer, ihre eigene Ordnung und ihre eigene Lebensweise und wurden nicht in das khasarische Reich einverleibt.
- 18. Diese Form der Oberherrschaft entsprach dem Wesen der Steppenreiche, die abhängige Völker eher beaufsichtigten als unmittelbar verwalteten.
- 19. Das khasarische Reich bot den Magyaren in dieser Zeit Schutz vor anderen Steppenvölkern und einen Anteil an seinem Reichtum und seiner Ordnung.
- 20. Die Einbindung in das khasarische Machtgefüge eröffnete den Magyaren den Zugang zu den großen Handelswegen und zu fremden Kenntnissen.
- 21. Sie nahmen teil an einem System, das vom Norden Europas bis in den Orient reichte, und gewannen daraus wirtschaftlichen und kulturellen Nutzen.
- 22. Die Khasaren vermittelten den Magyaren zugleich Vorstellungen von Herrschaft und Ordnung, die auf deren eigene Entwicklung einwirkten.
- 23. Insbesondere die khasarische Form der Doppelspitze, mit einem sakralen Oberherrscher und einem weltlichen Machthaber, diente als Vorbild.
- 24. Konstantin berichtet, dass die khasarische Oberherrschaft unmittelbar in die innere Ordnung der Magyaren eingriff und deren Führung gestaltete.
- 25. Der Quelle zufolge gab der Herrscher der Khasaren dem magyarischen Anführer Levedi eine vornehme Khasarin zur Frau.
- 26. Diese Ehe sollte das Bündnis festigen und den magyarischen Anführer enger an das khasarische Herrscherhaus binden.
- 27. Die Verbindung blieb jedoch der Überlieferung nach ohne Nachkommen, sodass die beabsichtigte dynastische Bindung nicht zustande kam.
- 28. In der Folge soll der Khasarenherrscher den Magyaren angetragen haben, einen einzigen Oberanführer nach khasarischem Vorbild einzusetzen.
- 29. Dieser Eingriff zeigt, wie tief die khasarische Oberherrschaft in die politische Entwicklung der Magyaren hineinwirkte.
- 30. Die Bündelung der magyarischen Führung in einer Spitze ging demnach auf eine Anregung der khasarischen Oberherren zurück.
- 31. So verdankte die Entstehung der einheitlichen magyarischen Führung der Überlieferung nach unmittelbar dem khasarischen Vorbild und Einfluss.
- 32. Die enge Verbindung zu den Khasaren prägte daher nicht nur die äußere Lage, sondern auch die innere Verfassung des Verbandes.
- 33. Ein bedeutsamer Vorgang dieser Verbindung war der Anschluss der Kabaren an die Magyaren.
- 34. Die Kabaren waren ein Verband, der sich von den Khasaren losgesagt und gegen sie erhoben hatte.
- 35. Konstantin berichtet, dass die Kabaren nach einem inneren Aufstand im khasarischen Reich besiegt und vertrieben wurden.
- 36. Die unterlegenen Kabaren flohen und schlossen sich den Magyaren an, mit denen sie fortan eine Gemeinschaft bildeten.
- 37. Dieser Anschluss verstärkte den magyarischen Verband und brachte ihm kampferfahrene Krieger ein.
- 38. Zugleich bezeugt er die inneren Spannungen des khasarischen Reiches, die abtrünnige Gruppen in die Arme der Nachbarn trieben.
- 39. Die Kabaren behielten der Überlieferung nach innerhalb des magyarischen Verbandes eine gewisse Eigenständigkeit und einen besonderen Rang.
- 40. Sie sollen im Heer eine vorgeschobene Stellung eingenommen haben, was auf ihre kriegerische Tüchtigkeit hindeutet.
- 41. Der Anschluss der Kabaren zeigt die Durchlässigkeit der Steppenverbände, die sich durch Zuzug und Abspaltung beständig wandelten.
- 42. Er zeigt ferner, dass das Verhältnis zwischen Khasaren und Magyaren nicht ungetrübt war, sondern auch von Spannungen begleitet wurde.
- 43. Denn indem die Magyaren die abtrünnigen Kabaren aufnahmen, traten sie in einen gewissen Gegensatz zur khasarischen Oberherrschaft.
- 44. Das Verhältnis zwischen Schutzherr und abhängigem Verband barg somit von Beginn an die Möglichkeit des Konflikts.
- 45. Die Abhängigkeit von den Khasaren wurde für die Magyaren mit der Zeit zunehmend drückend und beschränkend.
- 46. Die Verpflichtung zu Abgaben und Heerfolge band Kräfte und schmälerte den eigenen Handlungsspielraum des Verbandes.
- 47. Zugleich wuchs mit der Festigung der eigenen Führung das Bestreben nach größerer Selbständigkeit.
- 48. Die Bündelung der Macht im Geschlecht des Árpád schuf eine Führung, die nach Eigenständigkeit gegenüber den Khasaren strebte.
- 49. So entwickelte sich aus dem Verhältnis der Abhängigkeit allmählich ein Streben nach Lösung von der khasarischen Oberherrschaft.
- 50. Die Forschung sieht in diesem Streben einen der Beweggründe für den späteren Aufbruch der Magyaren nach Westen.
- 51. Der Wegzug aus dem khasarischen Machtbereich bedeutete zugleich die Lösung aus der Abhängigkeit und den Gewinn der Eigenständigkeit.
- 52. Doch war dieser Schritt nicht allein dem eigenen Willen der Magyaren geschuldet, sondern auch dem Druck äußerer Mächte.
- 53. Denn das khasarische Reich geriet in dieser Zeit selbst unter den Druck neuer Steppenvölker, die aus dem Osten heranzogen.
- 54. Die Schwächung der khasarischen Macht lockerte die Oberherrschaft über die abhängigen Völker und eröffnete diesen neue Möglichkeiten.
- 55. So verband sich das Streben der Magyaren nach Eigenständigkeit mit dem Niedergang der khasarischen Vormacht.
- 56. Das Verhältnis zu den Khasaren war demnach von einem Wandel geprägt, der von enger Bindung zu zunehmender Lösung führte.
- 57. Es begann als Bündnis unter khasarischer Oberherrschaft und endete in der Lösung der Magyaren aus diesem Verband.
- 58. Dieser Wandel kennzeichnet die wechselvolle Natur der Beziehungen zwischen den Mächten und Völkern der Steppe.
- 59. Neben den Khasaren standen die Magyaren in lebhaften Beziehungen zu dem mächtigen Byzantinischen Reich im Süden.
- 60. Byzanz war zu dieser Zeit das reichste und mächtigste Reich des östlichen Mittelmeerraumes und ein Mittelpunkt der damaligen Welt.
- 61. Sein Reichtum, seine Kunst und seine Macht übten auf die Völker der Steppe eine starke Anziehung aus.
- 62. Die Beziehungen zwischen Byzanz und den Magyaren waren von Handel, Diplomatie und militärischer Zusammenarbeit geprägt.
- 63. Byzanz pflegte eine ausgefeilte Politik gegenüber den Steppenvölkern, die es zur Sicherung seiner Grenzen geschickt einsetzte.
- 64. Die byzantinische Diplomatie suchte die Steppenvölker gegeneinander auszuspielen und für die eigenen Zwecke zu gewinnen.
- 65. Sie band die Völker durch Geschenke, Verträge und Ehren an sich und setzte sie als Verbündete gegen ihre Feinde ein.
- 66. In dieses System der byzantinischen Bündnispolitik wurden auch die Magyaren einbezogen.
- 67. Byzanz erkannte den Wert der magyarischen Reiterheere und suchte sie für seine eigenen Kriege zu gewinnen.
- 68. Die Magyaren traten daher wiederholt als Verbündete und Söldner im Dienste von Byzanz auf.
- 69. Sie kämpften gegen die Feinde des Reiches und erhielten dafür Bezahlung, Geschenke und die Aussicht auf Beute.
- 70. Ein bedeutendes Beispiel dieser Zusammenarbeit bietet der Krieg von Byzanz gegen die Donaubulgaren.
- 71. Als das Reich mit den Bulgaren in Streit geriet, rief es die Magyaren zu Hilfe gegen den gemeinsamen Feind.
- 72. Die Magyaren zogen daraufhin gegen die Bulgaren zu Felde und fügten ihnen schwere Verluste zu.
- 73. Diese Unternehmung im Dienste von Byzanz brachte den Magyaren Beute und Ansehen, hatte aber schwerwiegende Folgen.
- 74. Denn die Bulgaren suchten sich für die erlittene Niederlage an den Magyaren zu rächen.
- 75. Sie verbündeten sich zu diesem Zweck mit einem anderen Steppenvolk, den Petschenegen.
- 76. Die Petschenegen waren ein mächtiger und gefürchteter Verband, der aus dem Osten gegen die Magyaren drängte.
- 77. Im Bündnis mit den Bulgaren fielen die Petschenegen über die Magyaren her und fügten ihnen eine schwere Niederlage zu.
- 78. Dieser Angriff traf die Magyaren in einer Zeit, in der ihre Krieger zu einem Feldzug ausgezogen waren.
- 79. Die zurückgebliebenen Lager und Familien wurden von den Feinden überfallen und schwer heimgesucht.
- 80. Die Niederlage gegen die Petschenegen erschütterte den Verband und machte den Aufenthalt in der bisherigen Heimat unhaltbar.
- 81. So führte gerade die Zusammenarbeit mit Byzanz mittelbar zu einer der schwersten Krisen in der Geschichte der Magyaren.
- 82. Die Bündnispolitik des Reiches hatte die Magyaren in einen Konflikt verwickelt, dessen Folgen sie nicht zu tragen vermochten.
- 83. Darin zeigt sich die zwiespältige Natur der Beziehungen zu Byzanz, die Vorteil und Gefahr zugleich barg.
- 84. Das Bündnis mit der mächtigen Stadt brachte Beute und Ansehen, setzte die Magyaren aber auch der Rache ihrer Feinde aus.
- 85. Die byzantinische Politik nutzte die Magyaren für ihre Zwecke, ohne sie vor den Folgen zu schützen.
- 86. So erwies sich die Verbindung zu Byzanz als ein Verhältnis, in dem der schwächere Partner die Lasten zu tragen hatte.
- 87. Die Beziehungen zu Byzanz waren gleichwohl nicht allein von militärischer Zusammenarbeit, sondern auch von vielfältigem Austausch geprägt.
- 88. Über Byzanz gelangten kostbare Waren, Münzen und Kunstwerke in die Welt der Magyaren.
- 89. Mit den Waren wanderten Vorstellungen, Bräuche und Kenntnisse, die das Leben der Steppenbewohner beeinflussten.
- 90. Byzanz war zugleich ein Tor, durch das der christliche Glaube an die Völker der Steppe herangetragen wurde.
- 91. Die byzantinische Kirche bemühte sich um die Bekehrung der Steppenvölker und sandte Missionare in deren Gebiete.
- 92. Ob diese Bemühungen die Magyaren in der Zeit von Levedia bereits erreichten, ist aus den Quellen nicht sicher zu erschließen.
- 93. Erste Berührungen mit dem Christentum dürften jedoch über den Verkehr mit Byzanz und den Khasaren erfolgt sein.
- 94. Die endgültige Annahme des Christentums lag freilich noch in ferner Zukunft und sollte erst nach der Landnahme erfolgen.
- 95. In Levedia blieben die Magyaren ihrer überlieferten Vorstellungswelt verbunden, die von Schamanismus und Ahnenverehrung geprägt war.
- 96. Die religiösen Verhältnisse der Nachbarn boten gleichwohl einen Hintergrund, vor dem sich die eigene Überlieferung abhob.
- 97. Die Khasaren hatten in ihrer Führungsschicht den jüdischen Glauben angenommen, was ihrem Reich ein besonderes Gepräge verlieh.
- 98. Byzanz war der Mittelpunkt des östlichen Christentums und trug dieses in die umliegenden Gebiete.
- 99. Die Magyaren lebten somit zwischen Mächten unterschiedlichen Glaubens, ohne sich einem von ihnen anzuschließen.
- 100. Diese Lage zwischen verschiedenen religiösen Welten kennzeichnet die offene Stellung des Verbandes in dieser Zeit.
- 101. Die Beziehungen zu den Khasaren und zu Byzanz waren demnach von wirtschaftlichen, politischen, militärischen und religiösen Fäden durchzogen.
- 102. Sie banden die Magyaren ein in das Geflecht der großen Mächte und Glaubenswelten ihrer Zeit.
- 103. Zugleich verlangten sie von dem schwächeren Verband ein stetes Abwägen zwischen Anschluss und Selbstbehauptung.
- 104. Die Magyaren mussten die Gunst der mächtigen Nachbarn suchen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
- 105. Sie mussten Bündnisse eingehen, ohne in dauernde Abhängigkeit zu geraten, und Konflikte bestehen, ohne überwältigt zu werden.
- 106. Diese Aufgabe verlangte von den Anführern Klugheit, Geschick und die Fähigkeit, die Lage richtig einzuschätzen.
- 107. Die Geschichte der Beziehungen zu Khasaren und Byzanz ist daher zugleich eine Geschichte der politischen Reife des Verbandes.
- 108. Sie zeigt die Magyaren als ein Volk, das zwischen größeren Mächten seinen Weg suchte und behauptete.
- 109. Neben den Khasaren und Byzanz traten weitere Mächte und Völker in den Gesichtskreis der Magyaren.
- 110. Im Westen standen die Bulgaren, mit denen die Magyaren in wechselndem Verhältnis von Handel, Bündnis und Krieg lebten.
- 111. Die Donaubulgaren wurden durch den Krieg im Dienste von Byzanz zu erbitterten Feinden der Magyaren.
- 112. Ihre Rache, im Bündnis mit den Petschenegen, trug entscheidend zur Krise des Verbandes bei.
- 113. Im Osten drängten die Petschenegen heran, ein mächtiges Steppenvolk, das zum gefährlichsten Feind der Magyaren wurde.
- 114. Die Petschenegen waren selbst dem Druck anderer Völker aus dem Osten ausgesetzt und wichen nach Westen aus.
- 115. In dieser Bewegung stießen sie auf die Magyaren und verdrängten sie aus ihren Wohnsitzen.
- 116. Der Druck der Petschenegen wurde so zu einer der treibenden Kräfte der magyarischen Wanderung.
- 117. Die Beziehungen zu den Steppenvölkern waren demnach von einem beständigen Druck und Gegendruck geprägt.
- 118. Die Bewegung eines Volkes setzte die anderen in Bewegung und führte zu einer Kettenwirkung über die ganze Steppe.
- 119. In diesem Spiel der Kräfte waren die Magyaren bald die Bedränger, bald die Bedrängten.
- 120. Ihre Stellung zwischen den Völkern wandelte sich mit dem Wechsel der Machtverhältnisse in der Steppe.
- 121. Das Verhältnis zu den Khasaren war über lange Zeit von Bündnis und Abhängigkeit geprägt.
- 122. Das Verhältnis zu Byzanz schwankte zwischen Zusammenarbeit und der Gefahr, in fremde Konflikte verstrickt zu werden.
- 123. Das Verhältnis zu den Bulgaren und Petschenegen war überwiegend von Feindschaft und Krieg bestimmt.
- 124. Aus diesem Geflecht von Beziehungen ergab sich die Lage des Verbandes in der Zeit vor der Wanderung.
- 125. Die Magyaren waren eingeklemmt zwischen der schwindenden Macht der Khasaren und dem Druck der nachrückenden Petschenegen.
- 126. Die Zusammenarbeit mit Byzanz hatte ihnen die Feindschaft der Bulgaren eingetragen.
- 127. So fanden sie sich in einer Lage, die ihren Verbleib in der bisherigen Heimat zunehmend gefährdete.
- 128. Die Niederlage gegen die Petschenegen und ihre Verbündeten gab schließlich den Anstoß zum Aufbruch nach Westen.
- 129. Die Beziehungen zu den Nachbarvölkern wurden somit zur unmittelbaren Ursache der großen Wanderung.
- 130. Das Geflecht von Konflikt und Koexistenz, in dem die Magyaren lebten, trieb sie aus der Steppe nach Westen.
- 131. Darin zeigt sich, wie eng das Schicksal des Verbandes mit seinen äußeren Beziehungen verbunden war.
- 132. Die Geschichte der Magyaren in Levedia und der anschließenden Zeit ist daher in hohem Maße eine Geschichte ihrer Nachbarn.
- 133. Ihre Wanderung, ihre Krise und ihr Aufbruch sind aus dem Verhältnis zu den umliegenden Mächten zu verstehen.
- 134. Die Quellenlage zu diesen Beziehungen beruht überwiegend auf dem Bericht Konstantins und auf fremden Nachrichten.
- 135. Konstantins Werk bietet die ausführlichste Darstellung der Beziehungen zwischen Magyaren, Khasaren und Byzanz.
- 136. Doch ist diese Darstellung mit erheblichem zeitlichem Abstand und aus byzantinischer Sicht verfasst.
- 137. Sie spiegelt das Interesse des byzantinischen Hofes an den Völkern der Steppe und an deren Nutzung für die eigene Politik.
- 138. Die Nachrichten sind daher mit Vorsicht zu lesen und durch andere Quellen zu ergänzen.
- 139. Die arabischen Geographen liefern weitere Hinweise auf die Verhältnisse der Steppenvölker und ihrer Beziehungen.
- 140. Die archäologischen Funde bezeugen die wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zwischen den Völkern.
- 141. Aus der Zusammenschau dieser Zeugnisse gewinnt die Forschung ein Bild der Beziehungen, das gleichwohl Lücken aufweist.
- 142. Vieles bleibt unsicher, insbesondere die genaue zeitliche Abfolge und die Einzelheiten der Ereignisse.
- 143. Gesichert erscheint jedoch das Grundgefüge aus khasarischer Oberherrschaft, byzantinischer Bündnispolitik und feindlichen Steppenvölkern.
- 144. Gesichert erscheint ferner der Druck der Petschenegen als treibende Kraft der Wanderung.
- 145. Und gesichert erscheint schließlich die Verstrickung der Magyaren in die Konflikte ihrer mächtigen Nachbarn.
- 146. Diese Befunde bilden das Fundament, auf dem das Bild der äußeren Beziehungen errichtet werden kann.
- 147. Die Bedeutung dieser Beziehungen reicht weit über die Zeit von Levedia hinaus.
- 148. Sie bestimmten den Weg des Verbandes und trieben ihn schließlich nach Westen ins Karpatenbecken.
- 149. Ohne den Druck der Petschenegen und die Feindschaft der Bulgaren wäre die Wanderung kaum erfolgt.
- 150. Ohne das Bündnis mit Byzanz wäre der Verband nicht in den verhängnisvollen Konflikt geraten.
- 151. Und ohne die Lösung von den Khasaren hätte der Verband nicht die Eigenständigkeit gewonnen, die der Aufbruch verlangte.
- 152. So weisen die Beziehungen zu Khasaren und Byzanz unmittelbar auf die kommenden großen Ereignisse voraus.
- 153. Zugleich verweisen sie zurück auf die innere Ordnung und die wirtschaftliche Grundlage des Verbandes.
- 154. Denn die äußeren Beziehungen ruhten auf der militärischen Stärke und der politischen Führung der Magyaren.
- 155. Die Reiterheere, die Byzanz und die Khasaren begehrten, waren das Ergebnis der nomadischen Lebensweise.
- 156. Die Bündnisse und Konflikte wurden von den Anführern geschlossen und getragen, deren Macht im Inneren wurzelte.
- 157. So bildeten innere Ordnung, Wirtschaft und äußere Beziehungen ein zusammenhängendes Ganzes.
- 158. Die Stärke nach innen war die Voraussetzung der Behauptung nach außen, und der Druck von außen wirkte auf die innere Entwicklung zurück.
- 159. Diese Wechselwirkung kennzeichnet die Geschichte des Verbandes in der Zeit vor der Wanderung.
- 160. Die Beziehungen zu den Nachbarn waren daher kein abgesonderter Bereich, sondern ein wesentlicher Teil des gesamten Geschehens.
- 161. In ihnen spiegelten sich die Stärke und die Schwäche, die Möglichkeiten und die Grenzen des Verbandes.
- 162. Sie zeigen die Magyaren als ein Volk, das zwischen größeren Mächten lebte und von deren Geschick mitbestimmt wurde.
- 163. Zugleich zeigen sie die Magyaren als einen handelnden Verband, der seine Lage zu nutzen und zu behaupten suchte.
- 164. Denn trotz aller Abhängigkeit und allen Drucks bewahrten die Magyaren ihre Eigenständigkeit und ihren Handlungsspielraum.
- 165. Sie ordneten sich den Khasaren unter, ohne in deren Reich aufzugehen, und dienten Byzanz, ohne dessen Untertanen zu werden.
- 166. Sie nahmen abtrünnige Gruppen auf und stärkten so ihren Verband gegenüber den mächtigen Nachbarn.
- 167. Und als der Druck unhaltbar wurde, brachen sie auf, um in der Ferne eine neue Heimat zu suchen.
- 168. So erscheinen die Beziehungen zu Khasaren und Byzanz als ein Geflecht, in dem sich Abhängigkeit und Eigenständigkeit die Waage hielten.
- 169. Die Magyaren waren weder bloße Werkzeuge der großen Mächte noch deren ebenbürtige Partner.
- 170. Sie waren ein Verband, der seine eigene Stellung zwischen den Mächten suchte und behauptete.
- 171. In dieser Stellung lag zugleich die Wurzel ihrer späteren Geschichte und ihres Aufstiegs.
- 172. Denn die Erfahrung im Umgang mit den großen Mächten bereitete die Magyaren auf die Aufgaben der Zukunft vor.
- 173. Die Kenntnis der Völker und Reiche, die sie im Verkehr mit Khasaren und Byzanz gewannen, kam ihnen bei der Wanderung zugute.
- 174. Die militärische Erfahrung aus den Kriegen im Dienste der Nachbarn stärkte ihre eigene Kriegsmacht.
- 175. Und die politische Schulung im Umgang mit den großen Mächten festigte die Führung des Verbandes.
- 176. So waren die Beziehungen zu Khasaren und Byzanz nicht nur eine Last, sondern auch eine Schule für die kommende Zeit.
- 177. Sie prägten die Magyaren und bereiteten sie auf die großen Aufgaben der Wanderung und der Landnahme vor.
- 178. Die Betrachtung dieser Beziehungen führt somit unmittelbar zu den weiteren Entwicklungen des Verbandes.
- 179. Denn aus dem Geflecht von Konflikt und Koexistenz erwuchs jene Lage, die schließlich zum Aufbruch nach Westen führte.
- 180. Mit dem Blick auf die Beziehungen zu Khasaren und Byzanz ist daher der Übergang zur kulturellen Entwicklung und zu den weiteren Geschicken des Verbandes gegeben.
Kulturelle Entwicklung: Musik, Kunst und Traditionen
[Bearbeiten]- 1. Die kulturelle Entwicklung der Magyaren in Levedia umfasste jenen Bereich des Lebens, in dem sich die Gemeinschaft ihrer selbst bewusst wurde und ihre Vorstellungen von Welt, Schönheit und Ordnung zum Ausdruck brachte.
- 2. Musik, Kunst und überlieferte Bräuche waren keine bloße Zugabe zum harten Alltag der Steppe, sondern durchdrangen das gesamte Leben und gaben ihm seinen unverwechselbaren Charakter.
- 3. In einer schriftlosen Gesellschaft trugen gerade diese Bereiche das Gedächtnis des Volkes und bewahrten die Erinnerung an Herkunft, Taten und Glauben.
- 4. Die Kultur der Magyaren war daher nicht von der übrigen Lebenswelt getrennt, sondern eng mit Wirtschaft, Gesellschaft und Religion verflochten.
- 5. Sie spiegelte die nomadische Lebensweise wider und war zugleich von den Begegnungen mit den Nachbarvölkern geprägt.
- 6. Aus dem eigenen Erbe der finnisch-ugrischen Herkunft, den Überlieferungen der Steppenvölker und den Anregungen der Nachbarn formte sich eine eigentümliche Kultur.
- 7. Diese Kultur verband das Ererbte mit dem Aufgenommenen zu einem Ganzen, das die Eigenart des Verbandes ausmachte.
- 8. Die Quellenlage zur Kultur der Magyaren in Levedia ist allerdings besonders schmal und mit großen Unsicherheiten behaftet.
- 9. Da die Magyaren selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, sind ihre Lieder, Erzählungen und Bräuche nicht unmittelbar überliefert.
- 10. Die Forschung ist daher auf Rückschlüsse aus späteren Zeugnissen, aus archäologischen Funden und aus Vergleichen mit verwandten Völkern angewiesen.
- 11. Vieles, was über die Kultur dieser Zeit gesagt wird, trägt den Charakter einer begründeten Annäherung und nicht der gesicherten Kenntnis.
- 12. Gleichwohl fügen sich die verfügbaren Zeugnisse zu einem Bild, das die wesentlichen Züge dieser Kultur erkennen lässt.
- 13. Die Musik nahm im Leben der Magyaren einen hohen Rang ein und begleitete die Gemeinschaft bei allen bedeutenden Anlässen.
- 14. Sie erklang bei Festen und Begräbnissen, bei religiösen Handlungen und bei den Zusammenkünften des Verbandes.
- 15. Der Gesang war die ursprünglichste Form der Musik und diente der Weitergabe der überlieferten Erzählungen und Lieder.
- 16. In den Liedern lebten die Taten der Vorfahren, die Erinnerung an die Herkunft und die Vorstellungen vom Glauben fort.
- 17. Diese Lieder wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und bewahrten so das Gedächtnis des Volkes.
- 18. Die Sänger und Erzähler genossen ein hohes Ansehen, da sie die Überlieferung hüteten und lebendig erhielten.
- 19. Sie trugen die Heldenlieder vor, in denen die ruhmreichen Taten der Anführer und Krieger gepriesen wurden.
- 20. Solche Heldenlieder dienten zugleich der Unterhaltung, der Erbauung und der Begründung der bestehenden Ordnung.
- 21. Indem sie die Abstammung der Führer auf ruhmreiche Ahnen zurückführten, verliehen sie der Herrschaft eine über das Tagesgeschehen hinausreichende Begründung.
- 22. Die mündliche Dichtung war daher nicht bloße Kunst, sondern ein Bestandteil der gesellschaftlichen und politischen Ordnung.
- 23. Neben dem Gesang stand das Spiel auf einfachen Musikinstrumenten, die den Vortrag begleiteten.
- 24. Zu diesen Instrumenten gehörten Saiteninstrumente, Flöten und Trommeln, die aus den Materialien der Steppe gefertigt wurden.
- 25. Die Trommel besaß eine besondere Bedeutung, da sie nicht nur der Musik, sondern auch den religiösen Handlungen des Schamanen diente.
- 26. Der Schamane gebrauchte die Trommel, um in den Zustand der Verzückung zu gelangen und mit der Welt der Geister in Verbindung zu treten.
- 27. So war die Musik eng mit der religiösen Vorstellungswelt verbunden und diente als Brücke zwischen den Welten.
- 28. Der Klang der Trommel begleitete die Beschwörungen, Heilungen und Wahrsagungen des Schamanen.
- 29. Die Musik besaß daher eine zugleich künstlerische und religiöse Bedeutung, die sich nicht voneinander trennen ließ.
- 30. Auch im Krieg spielte die Musik eine Rolle, denn Hörner und Trommeln dienten der Verständigung und der Anfeuerung der Krieger.
- 31. Die Signale der Instrumente lenkten die Bewegungen der Reiterheere und verbreiteten Schrecken unter den Feinden.
- 32. So durchdrang die Musik alle Bereiche des Lebens, vom Fest über den Glauben bis zum Krieg.
- 33. Die Eigenart der magyarischen Musik lässt sich aus den späteren Überlieferungen und aus Vergleichen mit verwandten Völkern erschließen.
- 34. Die Forschung sieht in der alten ungarischen Volksmusik Spuren, die bis in die Zeit vor der Landnahme zurückreichen könnten.
- 35. Diese alte Musik war von einer eigentümlichen Tonordnung geprägt, die sich von der Musik der westlichen Nachbarn unterschied.
- 36. Die Verwandtschaft mit der Musik anderer finnisch-ugrischer und türkischer Völker weist auf die Herkunft aus dem östlichen Erbe hin.
- 37. Aus dieser Verwandtschaft schließt die Forschung auf die Wurzeln der magyarischen Musik in der Welt der Steppe und der Wälder.
- 38. Die Rekonstruktion der alten Musik bleibt jedoch unsicher, da unmittelbare Zeugnisse aus jener Zeit fehlen.
- 39. Neben der Musik nahm die bildende Kunst einen bedeutenden Platz in der Kultur der Magyaren ein.
- 40. Diese Kunst äußerte sich vor allem in der Verzierung der Gegenstände des täglichen und festlichen Gebrauchs.
- 41. Die nomadische Lebensweise begünstigte eine Kunst, die sich an beweglichen und tragbaren Gegenständen entfaltete.
- 42. An die Stelle der Baukunst und der großen Bildwerke sesshafter Völker trat die Kunst der kleinen, kostbaren Form.
- 43. Die Verzierung von Waffen, Pferdegeschirr, Gürteln und Schmuck war der eigentliche Bereich der magyarischen Kunst.
- 44. Besonders die Metallbearbeitung erreichte ein hohes Niveau und brachte kunstvolle Erzeugnisse hervor.
- 45. Die Schmiede und Goldschmiede fertigten Beschläge, Anhänger und Zierat von großer handwerklicher Vollendung.
- 46. Diese Erzeugnisse waren mit reichen Mustern verziert, die der Kunst der Steppe ihr eigentümliches Gepräge gaben.
- 47. Die Muster zeigten vor allem pflanzliche und tierische Motive, die in kunstvoller Verschlingung angeordnet waren.
- 48. Das Pflanzenornament mit Ranken, Blättern und Palmetten war ein vorherrschendes Element dieser Verzierung.
- 49. Daneben traten Tiergestalten und Tierkampfszenen, die ein altes Erbe der Steppenkunst bewahrten.
- 50. Die Darstellung von Tieren, oft in stilisierter und phantastischer Form, reichte bis in die ältesten Überlieferungen der Reitervölker zurück.
- 51. In diesen Tiermotiven lebten Vorstellungen fort, die mit dem Glauben und der Mythologie der Steppe verbunden waren.
- 52. Das Pferd, der Hirsch, der Vogel und das Raubtier waren bevorzugte Gegenstände der künstlerischen Darstellung.
- 53. Diese Tiere besaßen häufig eine über die bloße Abbildung hinausreichende, sinnbildliche Bedeutung.
- 54. Der Greifvogel und der Hirsch spielten in der Vorstellungswelt der Magyaren eine besondere Rolle.
- 55. In den späteren ungarischen Überlieferungen begegnet der wunderbare Vogel, der die Herkunft des Herrschergeschlechts begründet.
- 56. Auch der Hirsch erscheint in den Ursprungssagen als ein Tier, das den Weg weist und die Wanderung lenkt.
- 57. Solche Tiergestalten verbanden die Kunst mit der Mythologie und der Erinnerung an die Herkunft des Volkes.
- 58. Die Kunst war daher nicht bloße Verzierung, sondern Trägerin von Vorstellungen und Bedeutungen.
- 59. Die Verzierung der Gegenstände diente zugleich der Schönheit und der Bekundung von Rang und Zugehörigkeit.
- 60. Die Pracht des Schmucks und der Beschläge ließ den Rang ihres Trägers erkennen und unterstrich seine Stellung.
- 61. Die Kunst war somit auch ein Mittel der gesellschaftlichen Unterscheidung und der Bekundung von Macht.
- 62. Die kostbaren Erzeugnisse der Goldschmiedekunst waren zugleich Wertgegenstände und Zeichen des Ansehens.
- 63. In den Gräbern der Vornehmen finden sich daher reiche Beigaben, die von der Bedeutung dieser Kunst zeugen.
- 64. Aus diesen Grabfunden gewinnt die Forschung einen großen Teil ihrer Kenntnis von der Kunst der Magyaren.
- 65. Die in den Bestattungen erhaltenen Beschläge, Schmuckstücke und Waffen erlauben Rückschlüsse auf Kunst und Handwerk.
- 66. Die Funde bezeugen ein hohes Können in der Bearbeitung der Metalle und eine reiche Formensprache.
- 67. Sie zeigen zugleich die Verbindungen, die durch den Handel und die Begegnung mit den Nachbarn entstanden.
- 68. Denn die Kunst der Magyaren war nicht abgeschlossen, sondern offen für Anregungen von außen.
- 69. In den Verzierungen lassen sich Einflüsse aus Byzanz, aus dem Orient und aus der übrigen Steppe erkennen.
- 70. Die magyarische Kunst verband eigene Überlieferungen mit Anregungen, die der Verkehr mit den Nachbarn vermittelte.
- 71. Diese Verbindung des Ererbten mit dem Aufgenommenen kennzeichnet die Kunst der Magyaren in besonderem Maße.
- 72. Sie nahm fremde Vorbilder auf und gestaltete sie nach eigenem Sinn zu einer eigentümlichen Formensprache um.
- 73. So entstand eine Kunst, die zugleich verwandt mit der ihrer Nachbarn und doch unverwechselbar eigen war.
- 74. Neben der Metallkunst stand die Verzierung anderer Werkstoffe wie Leder, Holz und Knochen.
- 75. Auch diese Gegenstände wurden mit Mustern und Bildern geschmückt, die der Freude an der Form Ausdruck gaben.
- 76. Die Verzierung der Sättel, der Köcher und der ledernen Behältnisse zeugt von dem Streben nach Schönheit auch im Alltäglichen.
- 77. Die Frauen schmückten die gewebten und genähten Erzeugnisse mit Mustern, die alte Überlieferungen bewahrten.
- 78. So durchdrang das künstlerische Gestalten alle Bereiche des materiellen Lebens.
- 79. Die Kleidung der Magyaren war von Farbe und Schmuck geprägt und bekundete die Freude an der reichen Erscheinung.
- 80. Die Gewänder der Vornehmen waren mit kostbaren Stoffen, Beschlägen und Stickereien verziert.
- 81. Die Kleidung diente daher nicht nur dem Schutz, sondern auch der Bekundung von Rang und dem Streben nach Schönheit.
- 82. In der Pracht der Kleidung und des Schmucks äußerte sich der Sinn der Magyaren für die festliche Erscheinung.
- 83. Die überlieferten Bräuche und Sitten bildeten einen weiteren wesentlichen Bereich der Kultur.
- 84. Diese Bräuche begleiteten die großen Wendepunkte des Lebens wie Geburt, Hochzeit und Tod.
- 85. Sie ordneten das Zusammenleben, festigten die Gemeinschaft und gaben dem Leben seinen Rhythmus.
- 86. Die Bestattungsbräuche besaßen eine besondere Bedeutung und sind durch die Grabfunde am besten bezeugt.
- 87. Den Toten gab man Waffen, Schmuck und Teile des Pferdegeschirrs mit, die ihnen im Jenseits dienen sollten.
- 88. Diese Beigaben bezeugen den Glauben an ein Fortleben nach dem Tode und die enge Bindung des Reiters an sein Tier.
- 89. In einigen Bestattungen wurden dem Toten Teile des Pferdes selbst mitgegeben, was die Bedeutung des Tieres unterstreicht.
- 90. Die Bestattung der Vornehmen war von Aufwand und feierlichen Handlungen begleitet.
- 91. Die Trauer um die Toten äußerte sich in überlieferten Klagen und rituellen Handlungen.
- 92. Die Verehrung der Ahnen war ein wesentlicher Zug des Glaubens und der Bräuche.
- 93. Man hielt das Fortwirken der Vorfahren im Leben der Nachkommen für selbstverständlich und bat sie um Beistand.
- 94. Die Erinnerung an die Ahnen verband die Lebenden mit den Toten und stiftete das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit.
- 95. Die Bräuche der Gastfreundschaft besaßen ebenfalls einen hohen Rang in der Kultur der Magyaren.
- 96. Die Bewirtung eines Gastes galt als Frage der Ehre und des gesellschaftlichen Ansehens.
- 97. Die Gastfreundschaft band die Menschen aneinander und sicherte den Verkehr zwischen den Sippen und Völkern.
- 98. Auch die Bräuche bei der Erhebung der Anführer und beim Schließen von Bündnissen gehörten zu dieser Welt der Sitten.
- 99. Die Erhebung des Anführers auf den Schild und der Bund durch das Vermischen des Blutes waren solche bedeutsamen Bräuche.
- 100. Diese rituellen Handlungen verliehen den politischen Vorgängen ihre Weihe und ihre bindende Kraft.
- 101. So waren die Bräuche eng mit der gesellschaftlichen und politischen Ordnung verbunden.
- 102. Die Feste bildeten die Höhepunkte des gemeinschaftlichen Lebens und versammelten die verstreuten Verwandten.
- 103. Bei diesen Festen erklang die Musik, wurden die Lieder gesungen und die überlieferten Erzählungen vorgetragen.
- 104. Wettkämpfe im Reiten, Schießen und Ringen gehörten zu den Festen und erprobten die Geschicklichkeit der Männer.
- 105. Solche Spiele waren zugleich Unterhaltung und Übung der für das Leben wichtigen Fähigkeiten.
- 106. Die Feste festigten den Zusammenhalt der Gemeinschaft und gaben ihr das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit.
- 107. Sie waren zugleich religiöse und gesellschaftliche Anlässe, bei denen sich die Gemeinschaft ihrer selbst vergewisserte.
- 108. Die religiöse Vorstellungswelt durchdrang die gesamte Kultur und gab ihr ihren tieferen Sinn.
- 109. Der Glaube der Magyaren war von Schamanismus und Ahnenverehrung geprägt und kannte eine Vielzahl von Geistern und Mächten.
- 110. Man stellte sich die Welt als beseelt vor und sah in den Erscheinungen der Natur das Wirken übernatürlicher Kräfte.
- 111. Der Himmel besaß in dieser Vorstellungswelt einen hohen Rang und galt als Sitz einer obersten Macht.
- 112. Die Verehrung des Himmels war bei vielen Steppenvölkern verbreitet und dürfte auch den Magyaren eigen gewesen sein.
- 113. Der Schamane vermittelte zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister und Mächte.
- 114. Er heilte Krankheiten, deutete Zeichen, wahrsagte die Zukunft und wehrte Unheil ab.
- 115. In seinen Handlungen verbanden sich Musik, Tanz und Beschwörung zu einer Einheit.
- 116. Der Schamane galt als Träger eines besonderen Wissens und einer besonderen Kraft.
- 117. Seine Stellung verlieh ihm Ansehen und Einfluss auch über den religiösen Bereich hinaus.
- 118. Die religiösen Vorstellungen äußerten sich in zahllosen Handlungen des Alltags, mit denen man die Geister günstig stimmte.
- 119. Bestimmte Tage, Richtungen und Tiere galten als glückbringend oder gefährlich und prägten das Handeln.
- 120. Vor der Jagd, vor dem Krieg und vor dem Aufbruch konnten Opfer und Gebete stehen.
- 121. So durchdrang der Glaube alle Bereiche des Lebens und gab ihnen ihren Sinn und ihre Ordnung.
- 122. Die Mythologie bewahrte die Vorstellungen von der Herkunft der Welt, des Volkes und des Herrschergeschlechts.
- 123. In den Ursprungssagen lebte die Erinnerung an die Anfänge und die Begründung der bestehenden Ordnung fort.
- 124. Diese Sagen wurden in den Liedern und Erzählungen weitergegeben und bewahrten das Gedächtnis des Volkes.
- 125. Die späteren ungarischen Chroniken haben Teile dieser Überlieferung aufgezeichnet, freilich in christlich überformter Gestalt.
- 126. Aus diesen späten Aufzeichnungen lässt sich der alte Kern der Überlieferung nur mit Vorsicht erschließen.
- 127. Die Sage vom wunderbaren Vogel, der die Geburt des Stammvaters ankündigt, gehört zu diesen alten Überlieferungen.
- 128. Auch die Sage vom Hirsch, der die Brüder bei der Jagd in ein neues Land lockt, bewahrt altes Erbe.
- 129. Solche Sagen verbinden die Mythologie mit der Erinnerung an die Herkunft und die Wanderung des Volkes.
- 130. Sie zeigen, wie eng Mythos, Geschichte und Kultur in der Überlieferung der Magyaren verflochten waren.
- 131. Die Sprache war der wichtigste Träger der Kultur und das festeste Band der Gemeinschaft.
- 132. Die ungarische Sprache gehört zur finnisch-ugrischen Sprachfamilie und bezeugt die Herkunft des Volkes.
- 133. In der Sprache bewahrte sich das Erbe der Vorzeit, das die Sprachwissenschaft zu erschließen vermag.
- 134. Die Lehnwörter aus den Sprachen der Nachbarn bezeugen zugleich die Begegnungen und den Austausch.
- 135. Zahlreiche Wörter aus den türkischen Sprachen der Steppenvölker gelangten in dieser Zeit in das Ungarische.
- 136. Diese Entlehnungen betreffen vor allem die Viehzucht, den Ackerbau, das Handwerk und die gesellschaftliche Ordnung.
- 137. Sie bezeugen den engen Verkehr mit den türkischen Völkern und die Übernahme ihrer Kenntnisse und Einrichtungen.
- 138. Die Sprache spiegelt somit die kulturelle Entwicklung und die Begegnungen des Volkes wider.
- 139. Sie verband das Erbe der finnisch-ugrischen Herkunft mit den Aufnahmen aus der Welt der Steppe.
- 140. So war die Sprache zugleich ein Zeugnis der Herkunft und der Geschichte des Volkes.
- 141. Die kulturelle Entwicklung der Magyaren war demnach von der Verbindung des Eigenen mit dem Fremden geprägt.
- 142. Aus dem Erbe der Herkunft, den Überlieferungen der Steppe und den Anregungen der Nachbarn formte sich eine eigene Kultur.
- 143. Diese Kultur war nomadisch in ihrer Form und offen in ihrer Aufnahmebereitschaft.
- 144. Sie verband die Beweglichkeit der Lebensweise mit der Festigkeit der Überlieferung.
- 145. Sie bewahrte das Alte und nahm das Neue auf, ohne ihre Eigenart zu verlieren.
- 146. In dieser Verbindung lag die Stärke und die Lebendigkeit der magyarischen Kultur.
- 147. Die Kultur war zugleich Ausdruck der Gemeinschaft und Mittel ihres Zusammenhalts.
- 148. In Musik, Kunst und Bräuchen vergewisserte sich die Gemeinschaft ihrer selbst und ihrer Zusammengehörigkeit.
- 149. Die überlieferten Lieder und Sagen bewahrten das Gedächtnis des Volkes und die Erinnerung an seine Herkunft.
- 150. Die Kunst bekundete die Vorstellungen vom Glauben und von der Ordnung der Welt.
- 151. Die Bräuche ordneten das Zusammenleben und gaben dem Leben seinen Rhythmus und seine Weihe.
- 152. So war die Kultur das Band, das die Gemeinschaft zusammenhielt und ihr ihre Eigenart verlieh.
- 153. Die Bedeutung dieser Kultur reicht weit über die Zeit von Levedia hinaus.
- 154. Sie schuf das geistige Erbe, das die Magyaren auf ihrer Wanderung und in ihrer neuen Heimat bewahrten.
- 155. Die Lieder, Sagen und Bräuche begleiteten den Verband auf seinem Weg nach Westen.
- 156. Sie bewahrten die Erinnerung an die Herkunft und stifteten das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit.
- 157. In der neuen Heimat lebte dieses Erbe fort und verband sich mit den neuen Einflüssen.
- 158. So bildete die Kultur von Levedia einen Grundstock, auf dem die spätere Entwicklung aufbaute.
- 159. Vieles von diesem Erbe wurde nach der Annahme des Christentums verdrängt oder umgeformt.
- 160. Doch lebten Teile der alten Überlieferung in der Volkskultur und in den Sagen fort.
- 161. Die alte Musik, die alten Muster und die alten Bräuche bewahrten Spuren der vorchristlichen Zeit.
- 162. Aus diesen Spuren vermag die Forschung das alte Erbe in Umrissen zu erschließen.
- 163. Die Erforschung dieser Kultur verbindet die Zeugnisse der Archäologie, der Sprachwissenschaft und der Volkskunde.
- 164. Aus der Zusammenschau dieser Zeugnisse gewinnt die Forschung ein Bild der Kultur, das gleichwohl Lücken aufweist.
- 165. Vieles bleibt unsicher und muss aus Vergleichen und Rückschlüssen erschlossen werden.
- 166. Gesichert erscheint jedoch die enge Verbindung von Musik, Kunst, Bräuchen und Glauben.
- 167. Gesichert erscheint ferner die Verbindung des eigenen Erbes mit den Anregungen der Nachbarn.
- 168. Und gesichert erscheint schließlich die Bedeutung der Kultur für den Zusammenhalt der Gemeinschaft.
- 169. Diese Befunde bilden das Fundament, auf dem das Bild der kulturellen Entwicklung errichtet werden kann.
- 170. Die Kultur war demnach kein abgesonderter Bereich, sondern ein wesentlicher Teil des gesamten Lebens.
- 171. In ihr spiegelten sich die Lebensweise, die Gesellschaft und der Glaube der Magyaren.
- 172. Sie zeigt die Magyaren als ein Volk mit einer reichen und eigentümlichen geistigen Welt.
- 173. Sie zeigt zugleich ein Volk, das offen war für die Begegnung mit anderen und das Fremde nach eigenem Sinn gestaltete.
- 174. In dieser Verbindung von Eigenart und Offenheit lag ein Wesenszug der magyarischen Kultur.
- 175. Diese Kultur begleitete den Verband durch die Zeit der Wanderung und in die neue Heimat.
- 176. Sie bewahrte die Erinnerung an die Herkunft und bereitete zugleich die Aufnahme des Neuen vor.
- 177. So war die Kultur von Levedia ein Erbe, das in die Zukunft wirkte und die spätere Geschichte mitbestimmte.
- 178. Die Betrachtung dieser Kultur führt somit unmittelbar zu den weiteren Zeugnissen über das Leben des Verbandes.
- 179. Denn was die Magyaren selbst nicht aufzeichneten, das überlieferten die Berichte ihrer Nachbarn.
- 180. Mit dem Blick auf die kulturelle Entwicklung ist daher der Übergang zu den frühesten Schriftquellen und ihren Erwähnungen des Verbandes gegeben.
Früheste Schriftquellen: Erste Erwähnungen in externen Berichten
[Bearbeiten]- 1. Die frühesten Schriftquellen über die Magyaren bilden das schmale, aber unentbehrliche Fundament, auf dem alle Kenntnis von ihrem Leben in Levedia und der anschließenden Zeit beruht.
- 2. Da die Magyaren selbst in dieser Epoche keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, sind sie allein durch die Berichte fremder Beobachter in das Licht der Geschichte getreten.
- 3. Diese Berichte stammen von den schriftkundigen Völkern, die den Magyaren als Nachbarn, Handelspartner oder Gegner begegneten.
- 4. Sie wurden in den Sprachen und aus der Sicht dieser fremden Völker verfasst und spiegeln deren Interessen und Vorstellungen wider.
- 5. Die Magyaren erscheinen in diesen Quellen daher stets im Spiegel der fremden Wahrnehmung und niemals in der eigenen Stimme.
- 6. Diese grundlegende Eigenart der Überlieferung bestimmt alle Möglichkeiten und Grenzen der Forschung.
- 7. Die externen Berichte stammen im Wesentlichen aus drei großen Überlieferungskreisen, dem byzantinischen, dem arabisch-persischen und dem lateinisch-westlichen.
- 8. Jeder dieser Kreise hatte seinen eigenen Standort, sein eigenes Interesse und seine eigene Art, die fremden Völker zu beschreiben.
- 9. Die byzantinischen Quellen betrachteten die Magyaren als Faktor der Politik und als möglichen Verbündeten oder Gegner des Reiches.
- 10. Die arabisch-persischen Quellen sahen in ihnen einen Gegenstand der geographischen und völkerkundlichen Beschreibung.
- 11. Die lateinisch-westlichen Quellen nahmen die Magyaren vor allem als Bedrohung wahr, als sie ihre Raubzüge nach Westen richteten.
- 12. Aus der Zusammenschau dieser verschiedenen Überlieferungen gewinnt die Forschung ihr Bild von den frühen Magyaren.
- 13. Die mit Abstand wichtigste Quelle für die Zeit von Levedia ist das Werk des byzantinischen Kaisers Konstantin des Siebten Porphyrogennetos.
- 14. Konstantin verfasste in der Mitte des zehnten Jahrhunderts eine Schrift, die als Unterweisung für seinen Sohn und Nachfolger gedacht war.
- 15. Dieses Werk trägt den überlieferten Titel über die Verwaltung des Reiches und behandelt die Völker im Umkreis von Byzanz.
- 16. Es war als ein Handbuch der praktischen Politik gedacht und sollte dem künftigen Herrscher den Umgang mit den fremden Völkern erleichtern.
- 17. Konstantin sammelte zu diesem Zweck die Nachrichten, die am byzantinischen Hof über die umliegenden Völker verfügbar waren.
- 18. Unter diesen Völkern behandelt er auch die Magyaren, die er nach byzantinischer Gewohnheit als Türken bezeichnet.
- 19. Diese Bezeichnung der Magyaren als Türken war in den byzantinischen Quellen üblich und beruhte auf der Einordnung in die Steppenvölker.
- 20. Konstantin bietet die ausführlichste und wichtigste Darstellung der frühen Geschichte der Magyaren, die aus dem Altertum erhalten ist.
- 21. Er berichtet von ihren Wohnsitzen, ihrer Führung, ihrem Verhältnis zu den Khasaren und ihrer Wanderung.
- 22. Ihm verdankt die Forschung die Kenntnis von den Siedlungsgebieten Levedia und Etelköz und von den Namen der Anführer.
- 23. Die Nachrichten Konstantins beruhen teils auf älteren schriftlichen Vorlagen, teils auf den Auskünften magyarischer Gesandter.
- 24. Der Kaiser empfing am byzantinischen Hof Gesandtschaften der Magyaren und zog aus ihren Berichten seine Kenntnisse.
- 25. Diese Herkunft der Nachrichten verleiht ihnen einen besonderen Wert, da sie teilweise auf der Überlieferung der Magyaren selbst beruhen.
- 26. Zugleich bringt sie eine Unsicherheit mit sich, da die mündlichen Auskünfte mit zeitlichem Abstand und in fremder Aufzeichnung überliefert sind.
- 27. Konstantins Werk entstand mehrere Jahrzehnte nach den Ereignissen, die es beschreibt, und schöpft aus der Erinnerung und der Überlieferung.
- 28. Die zeitliche Entfernung und die Vermittlung durch fremde Aufzeichnung verlangen eine sorgfältige kritische Prüfung der Nachrichten.
- 29. Trotz dieser Vorbehalte bleibt Konstantins Werk die unersetzliche Hauptquelle für die früheste Geschichte der Magyaren.
- 30. Ohne seine Nachrichten wäre die Zeit von Levedia und Etelköz für die Forschung weitgehend dunkel.
- 31. Eine weitere byzantinische Quelle von Bedeutung ist die Kriegslehre, die unter dem Namen des Kaisers Leon des Sechsten überliefert ist.
- 32. Dieses Werk, das man als die Taktik bezeichnet, behandelt die Kriegskunst und beschreibt dabei auch die Kampfweise der Magyaren.
- 33. Leon der Sechste, der Vater Konstantins, regierte um die Wende zum zehnten Jahrhundert und hatte mit den Magyaren zu tun.
- 34. Seine Schrift schildert die Bewaffnung, die Taktik und die Kriegsweise der magyarischen Reiterheere.
- 35. Sie beschreibt die Magyaren als gewandte Reiter und treffsichere Bogenschützen, die mit überraschenden Angriffen und vorgetäuschter Flucht kämpften.
- 36. Diese Beschreibung der Kampfweise ist von hohem Wert für die Kenntnis der militärischen Verfassung der Magyaren.
- 37. Sie bezeugt die für die Steppenvölker kennzeichnende Verbindung von Beweglichkeit, Fernwaffe und List.
- 38. Leons Werk stützt sich auf die unmittelbare Erfahrung der byzantinischen Heerführer im Kampf gegen und mit den Magyaren.
- 39. Es bietet daher ein Zeugnis aus der Nähe, das die Nachrichten Konstantins ergänzt und bestätigt.
- 40. Neben diesen beiden Hauptquellen finden sich verstreute Erwähnungen der Magyaren in weiteren byzantinischen Geschichtswerken und Chroniken.
- 41. Diese berichten von den Kriegen und Bündnissen, in die Byzanz mit den Magyaren verwickelt war.
- 42. Sie überliefern insbesondere den Krieg, in dem Byzanz die Magyaren gegen die Donaubulgaren zu Hilfe rief.
- 43. Aus diesen Nachrichten lässt sich die Verstrickung der Magyaren in die Politik von Byzanz erschließen.
- 44. Die byzantinische Überlieferung bildet somit den wichtigsten und ausführlichsten Kreis der Quellen für die frühe Geschichte der Magyaren.
- 45. Der zweite große Überlieferungskreis ist der der arabischen und persischen Geographen und Reiseschriftsteller.
- 46. Die gelehrte Welt des Islam pflegte eine reiche Tradition der geographischen und völkerkundlichen Beschreibung.
- 47. Die arabischen und persischen Schriftsteller verzeichneten die Völker, Länder und Wege der ihnen bekannten Welt.
- 48. Zu den von ihnen beschriebenen Völkern gehörten auch die Magyaren, die sie in der südrussischen Steppe verorteten.
- 49. Diese Beschreibungen verdanken sich häufig den Erkundigungen, die Kaufleute und Reisende auf ihren Wegen einzogen.
- 50. Die Lebhaftigkeit des Fernhandels brachte Nachrichten über die fernen Völker in die Zentren der islamischen Gelehrsamkeit.
- 51. Eine grundlegende Beschreibung der Magyaren findet sich in einem Werk, das auf eine ältere, verlorene Vorlage zurückgeht.
- 52. Diese verlorene Vorlage wird der Forschung zufolge einem Gelehrten zugeschrieben, der im neunten Jahrhundert wirkte.
- 53. Sein Bericht über die Magyaren wurde von späteren Schriftstellern aufgenommen und in ihren Werken überliefert.
- 54. Auf diese Weise ist die alte Beschreibung in mehreren voneinander abhängigen Fassungen erhalten geblieben.
- 55. Der Bericht schildert die Magyaren als ein Reitervolk, das von der Viehzucht, dem Ackerbau und dem Raub lebte.
- 56. Er beschreibt ihre Wohnsitze zwischen den Flüssen, ihre Zahl an Kriegern und ihre Beziehungen zu den Nachbarn.
- 57. Er berichtet ferner von ihren Raubzügen gegen die slawischen Völker und vom Verkauf der Gefangenen an die Byzantiner.
- 58. Diese Nachrichten ergänzen die byzantinische Überlieferung um die Sicht der fernen östlichen Beobachter.
- 59. Sie bezeugen die wirtschaftlichen Grundlagen und die kriegerische Tätigkeit der Magyaren.
- 60. Besonders wertvoll ist der Bericht über den Sklavenhandel, der die Verbindung von Krieg und Wirtschaft beleuchtet.
- 61. Die arabischen Quellen verzeichnen auch geographische Angaben über die Lage der magyarischen Wohnsitze.
- 62. Diese Angaben sind freilich oft ungenau und schwer mit den tatsächlichen Verhältnissen in Übereinstimmung zu bringen.
- 63. Die Forschung bemüht sich, aus den verstreuten und teils widersprüchlichen Angaben ein zusammenhängendes Bild zu gewinnen.
- 64. Ein besonderes Zeugnis bietet der Bericht eines Gesandten, der im zehnten Jahrhundert in den Norden reiste.
- 65. Dieser Gesandte durchquerte auf seiner Reise die Gebiete mehrerer Steppen- und Waldvölker und beschrieb sie aus eigener Anschauung.
- 66. Sein Bericht ist von besonderem Wert, da er auf unmittelbarer Beobachtung und nicht auf bloßer Überlieferung beruht.
- 67. Er liefert anschauliche Schilderungen vom Leben, von den Bräuchen und von den Glaubensvorstellungen der besuchten Völker.
- 68. Solche Augenzeugenberichte sind in der Überlieferung selten und daher von besonderem Gewicht.
- 69. Sie vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von der Lebenswelt der Steppen- und Waldvölker.
- 70. Die arabisch-persische Überlieferung bildet somit den zweiten wichtigen Kreis der Quellen für die frühen Magyaren.
- 71. Sie ergänzt die byzantinische Sicht um die Perspektive der fernen östlichen Gelehrsamkeit.
- 72. Der dritte große Überlieferungskreis ist der der lateinischen und westlichen Quellen.
- 73. Diese Quellen nahmen die Magyaren vor allem wahr, als diese ihre Raubzüge nach Mitteleuropa richteten.
- 74. Die westlichen Chroniken und Annalen berichten von den Einfällen der Magyaren in das Frankenreich und die angrenzenden Gebiete.
- 75. Diese Berichte sind von Schrecken und Abscheu geprägt, da die Magyaren als furchtbare Feinde erlebt wurden.
- 76. Sie beschreiben die Magyaren als wilde Reiter, die mit Schnelligkeit und Grausamkeit über das Land herfielen.
- 77. Diese Darstellung ist von der Erfahrung der Bedrohung und von der Feindschaft geprägt.
- 78. Sie spiegelt weniger die Lebenswelt der Magyaren als die Wirkung ihrer Einfälle auf die betroffenen Völker.
- 79. Die westlichen Quellen sind daher für die innere Geschichte der Magyaren von geringerem Wert.
- 80. Sie bezeugen jedoch die Reichweite und die Wucht der magyarischen Raubzüge.
- 81. Eine eigentümliche Erwähnung findet sich in einer westlichen Quelle, die von einem Zusammentreffen mit den Magyaren berichtet.
- 82. Diese Quelle überliefert eine der frühesten Erwähnungen der Magyaren in der westlichen Überlieferung.
- 83. Sie verzeichnet das Auftreten eines unbekannten Reitervolkes, das in den Gesichtskreis der westlichen Welt trat.
- 84. Solche frühen Erwähnungen markieren den Augenblick, in dem die Magyaren in das Bewusstsein des Westens traten.
- 85. Sie bezeugen den Beginn jener Begegnung, die mit den Raubzügen ihren Höhepunkt erreichen sollte.
- 86. Die lateinisch-westliche Überlieferung bildet somit den dritten Kreis der Quellen für die frühen Magyaren.
- 87. Sie betrifft vor allem die Zeit der Raubzüge und weniger die Zeit von Levedia.
- 88. Neben diesen drei großen Kreisen finden sich weitere, verstreute Erwähnungen in verschiedenen Überlieferungen.
- 89. Auch slawische und andere Quellen verzeichnen gelegentlich das Auftreten der Magyaren.
- 90. Diese verstreuten Nachrichten ergänzen das Bild um einzelne Züge und Hinweise.
- 91. Die Gesamtheit der externen Berichte bildet die Grundlage, auf der die Forschung das Bild der frühen Magyaren errichtet.
- 92. Diese Grundlage ist schmal, lückenhaft und mit vielfältigen Unsicherheiten behaftet.
- 93. Die Berichte stammen von fremden Beobachtern und spiegeln deren Sicht und Interessen.
- 94. Sie entstanden oft mit zeitlichem Abstand und beruhen teils auf Überlieferung, teils auf Erkundigung.
- 95. Sie verwenden für die Magyaren wechselnde Namen, die ihre Einordnung erschweren.
- 96. Die byzantinischen Quellen nennen sie Türken, andere Quellen gebrauchen weitere Bezeichnungen.
- 97. Die Vielfalt der Namen spiegelt die Unsicherheit der fremden Beobachter über die Einordnung des Volkes.
- 98. Die Forschung muss diese verschiedenen Bezeichnungen auf das gemeinte Volk beziehen und voneinander abgrenzen.
- 99. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der zeitlichen Einordnung der berichteten Ereignisse.
- 100. Die Quellen bieten oft keine genauen Zeitangaben und lassen die Abfolge der Ereignisse unklar.
- 101. Die Forschung muss die zeitliche Ordnung aus verstreuten Hinweisen und aus dem Zusammenhang erschließen.
- 102. Auch die geographischen Angaben sind häufig ungenau und schwer zu deuten.
- 103. Die Lage der Siedlungsgebiete Levedia und Etelköz muss aus spärlichen und mehrdeutigen Angaben rekonstruiert werden.
- 104. Diese Schwierigkeiten machen die Erforschung der frühen Geschichte der Magyaren zu einer anspruchsvollen Aufgabe.
- 105. Sie verlangt eine sorgfältige kritische Prüfung jeder einzelnen Nachricht und ihrer Herkunft.
- 106. Sie verlangt ferner die Zusammenschau der verschiedenen Überlieferungen und ihren Vergleich untereinander.
- 107. Und sie verlangt die Ergänzung der schriftlichen Quellen durch die Zeugnisse anderer Wissenschaften.
- 108. Die Archäologie liefert mit ihren Funden eine wichtige Ergänzung der schriftlichen Überlieferung.
- 109. Die Grabfunde und Siedlungsspuren bezeugen die materielle Kultur und die Lebensweise der Magyaren.
- 110. Sie ermöglichen es, die Angaben der schriftlichen Quellen zu überprüfen und zu ergänzen.
- 111. Die Sprachwissenschaft trägt mit der Erforschung der Sprache und ihrer Entlehnungen zur Kenntnis bei.
- 112. Die Lehnwörter bezeugen die Begegnungen und den Austausch mit den Nachbarvölkern.
- 113. So fügen sich die Zeugnisse der verschiedenen Wissenschaften zu einem Gesamtbild zusammen.
- 114. Die schriftlichen Quellen bilden jedoch das Gerüst, an dem sich die übrigen Zeugnisse ausrichten.
- 115. Ohne die Berichte Konstantins und der übrigen Schriftsteller bliebe die frühe Geschichte der Magyaren weitgehend dunkel.
- 116. Die externen Berichte sind daher von unersetzlichem Wert für die Erforschung dieser Zeit.
- 117. Sie geben den Magyaren einen Platz in der schriftlich überlieferten Geschichte.
- 118. Sie verbinden das Volk mit den großen Mächten und Völkern seiner Zeit.
- 119. Und sie bewahren die Erinnerung an Ereignisse und Verhältnisse, die sonst vergessen wären.
- 120. Die Bedeutung dieser Quellen liegt zugleich in ihrem Inhalt und in ihrer Eigenart als fremde Zeugnisse.
- 121. Ihr Inhalt überliefert die Nachrichten von den Wohnsitzen, der Führung und den Beziehungen der Magyaren.
- 122. Ihre Eigenart als fremde Zeugnisse verweist auf die Stellung der Magyaren im Geflecht der Völker.
- 123. Denn dass die Magyaren in den Quellen so vieler Völker erscheinen, bezeugt ihre Bedeutung und ihre Reichweite.
- 124. Ein Volk, das von Byzanz, vom Orient und vom Westen verzeichnet wurde, war kein unbedeutender Verband.
- 125. Die Vielfalt der Quellen spiegelt die Vielfalt der Beziehungen, in denen die Magyaren standen.
- 126. Sie bezeugt die Einbindung des Verbandes in das Geflecht der großen Mächte und Völker.
- 127. So sind die externen Berichte nicht nur eine Quelle der Kenntnis, sondern auch ein Zeugnis der Bedeutung.
- 128. Die Auseinandersetzung mit diesen Quellen ist daher die Grundlage aller Erforschung der frühen Magyaren.
- 129. Sie verlangt die genaue Kenntnis der einzelnen Quellen, ihrer Herkunft und ihrer Eigenart.
- 130. Sie verlangt die kritische Prüfung ihrer Nachrichten und die Abwägung ihres Wertes.
- 131. Und sie verlangt die Einsicht in die Grenzen, die der Überlieferung gesetzt sind.
- 132. Denn die externen Berichte überliefern nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und niemals das ganze Bild.
- 133. Sie verzeichnen, was den fremden Beobachtern auffiel und für ihre Zwecke bedeutsam war.
- 134. Vieles, was den Magyaren selbst wichtig war, blieb den fremden Beobachtern verborgen oder gleichgültig.
- 135. Die innere Welt der Magyaren, ihre Vorstellungen und ihr Selbstverständnis, treten in den fremden Quellen nur am Rande hervor.
- 136. Die Forschung muss daher die fremde Sicht ergänzen und das Bild aus verschiedenen Zeugnissen zusammensetzen.
- 137. Sie muss aus dem, was die Fremden berichteten, auf das schließen, was sie nicht berichteten.
- 138. Diese Aufgabe verlangt Umsicht, kritisches Urteil und die Bereitschaft, Unsicherheiten anzuerkennen.
- 139. Denn vieles in der frühen Geschichte der Magyaren bleibt trotz aller Bemühung im Ungewissen.
- 140. Die Forschung kann das Bild nur in Umrissen zeichnen und muss manche Frage offen lassen.
- 141. Diese Offenheit ist kein Mangel der Forschung, sondern eine Folge der Beschaffenheit der Quellen.
- 142. Wo die Zeugnisse schweigen, kann auch die sorgfältigste Forschung keine Gewissheit schaffen.
- 143. Die Anerkennung dieser Grenzen gehört zur wissenschaftlichen Redlichkeit im Umgang mit der Überlieferung.
- 144. Gleichwohl hat die Forschung aus den schmalen Quellen ein erstaunlich reiches Bild gewonnen.
- 145. Die sorgfältige Auswertung der Berichte hat zahlreiche Einzelheiten der frühen Geschichte erhellt.
- 146. Die Verbindung der schriftlichen Quellen mit den Zeugnissen der Archäologie und der Sprachwissenschaft hat das Bild vertieft.
- 147. So ist trotz der schmalen Überlieferung ein zusammenhängendes Bild der frühen Magyaren entstanden.
- 148. Dieses Bild beruht auf der kritischen Auswertung aller verfügbaren Zeugnisse.
- 149. Es ist mit Unsicherheiten behaftet, aber in seinen Grundzügen begründet und tragfähig.
- 150. Die externen Berichte bilden somit den Ausgangspunkt und die Grundlage dieses Bildes.
- 151. Ihre Bedeutung reicht über die Zeit von Levedia hinaus und betrifft die gesamte frühe Geschichte der Magyaren.
- 152. Sie überliefern die Nachrichten von der Wanderung, von Etelköz und von der Landnahme.
- 153. Sie verbinden die Zeit von Levedia mit den späteren Ereignissen zu einer zusammenhängenden Geschichte.
- 154. So führen die frühesten Schriftquellen den Faden der Überlieferung von den Anfängen bis zur Landnahme.
- 155. Sie bilden das Gerüst, an dem sich die Darstellung der frühen Geschichte ausrichtet.
- 156. Zugleich verweisen sie zurück auf das Leben des Verbandes, das sie in Ausschnitten überliefern.
- 157. Denn was die Berichte verzeichnen, ist der äußere Niederschlag des Lebens, das die Magyaren führten.
- 158. Die Nachrichten von der Führung, dem Handel und den Beziehungen ruhen auf der Wirklichkeit dieses Lebens.
- 159. So verbinden die Quellen die äußere Überlieferung mit der inneren Lebenswelt des Verbandes.
- 160. Die Betrachtung der Quellen führt somit zurück zu dem Leben, dessen Zeugnis sie sind.
- 161. Sie schließt den Kreis der Darstellung, die vom Leben in Levedia ausging und zu seinen Zeugnissen führte.
- 162. Das Leben in Levedia und seine Überlieferung bilden zusammen das Bild dieser frühen Zeit.
- 163. Die Lebenswelt liefert den Inhalt, die Quellen liefern das Zeugnis dieses Inhalts.
- 164. Beide zusammen ergeben das Bild, das die Forschung von den frühen Magyaren entwirft.
- 165. Dieses Bild ist das Ergebnis der Verbindung von Lebenswelt und Überlieferung.
- 166. Es zeigt die Magyaren als ein Reitervolk der Steppe, eingebunden in das Geflecht der großen Mächte.
- 167. Es zeigt sie als einen beweglichen und tüchtigen Verband, der seine Stellung zwischen den Mächten suchte.
- 168. Und es zeigt sie als ein Volk, das durch die Berichte seiner Nachbarn in die Geschichte eingetreten ist.
- 169. Mit der Betrachtung der frühesten Schriftquellen ist die Darstellung des Lebens in Levedia zu ihrem Abschluss gelangt.
- 170. Die Lebenswelt der Magyaren in der pontischen Steppe ist in ihren wesentlichen Zügen umrissen.
- 171. Ihre Wirtschaft, ihre Gesellschaft, ihre politische Ordnung und ihre Kultur sind dargestellt.
- 172. Ihre Beziehungen zu den Nachbarn und die Zeugnisse, die von ihnen berichten, sind betrachtet.
- 173. Aus diesen Bestandteilen fügt sich das Bild des Lebens in Levedia zusammen.
- 174. Dieses Bild bildet die Grundlage für das Verständnis der folgenden Ereignisse.
- 175. Denn aus dem Leben in Levedia erwuchs der Aufbruch, der die Magyaren nach Westen führte.
- 176. Die in Levedia gewonnenen Kräfte und Erfahrungen trugen den Verband auf seinem weiteren Weg.
- 177. So weist das Leben in Levedia über sich hinaus auf die kommende Wanderung und die Landnahme.
- 178. Die Darstellung dieses Lebens bildet daher die notwendige Voraussetzung für das Verständnis der folgenden Zeit.
- 179. Mit dem Abschluss dieser Darstellung ist der Blick frei für die nächste Stufe der Geschichte der Magyaren.
- 180. Denn aus der pontischen Steppe führte der Weg des Verbandes weiter nach Westen, dem Aufbruch und der neuen Heimat entgegen.