Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Kurzgeschichten 6
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101
[Bearbeiten]- Die Pumpe
- 1. Auf dem Dorfplatz steht eine alte Pumpe.
- 2. Die Pumpe ist seit zwei Jahren kaputt.
- 3. Sie gibt kein Wasser mehr.
- 4. Aber Rita sitzt jeden Tag davor.
- 5. Sie sitzt auf einer kleinen Bank.
- 6. Sie schaut die Pumpe an.
- 7. Früher hat sie hier jeden Tag Wasser geholt.
- 8. Lea kommt nach der Schule.
- 9. Sie ist Ritas Enkelin.
- 10. Sie ist dreizehn Jahre alt. „Oma, was machst du?", fragt Lea. „Ich sitze hier", sagt Rita. „Aber warum?", fragt Lea.
- 11. Rita sagt nichts.
- 12. Lea setzt sich neben sie auf die Bank.
- 13. Sie hat ihr Schulheft dabei.
- 14. Sie macht ihre Hausaufgaben.
- 15. Rita schaut weiter die Pumpe an.
- 16. Ein Brief ist gekommen.
- 17. Lea hat ihn aus dem Briefkasten geholt.
- 18. Sie gibt ihn Rita.
- 19. Der Brief hat keinen Absender.
- 20. Rita macht den Brief auf.
- 21. Drinnen ist ein Blatt Papier.
- 22. Auf dem Papier ist eine Zeichnung.
- 23. Jemand hat einen Fluss gemalt.
- 24. Das Wasser ist blau.
- 25. Die Fische sind klein und schwarz.
- 26. Kein Wort steht auf dem Papier.
- 27. Nur die Zeichnung.
- 28. „Wer hat das gemalt?", fragt Lea. „Ich glaube, mein Sohn David", sagt Rita. „Wann kommt er zurück?", fragt Lea. „Ich weiß es nicht", sagt Rita.
- 29. Sie steht auf.
- 30. Sie geht zur Pumpe.
- 31. Sie hängt das Papier an den Pumpengriff.
- 32. Das Papier hängt da.
- 33. Es bewegt sich ein bisschen im Wind. „Das ist schön", sagt Lea.
- 34. Am nächsten Morgen steht Rita früh auf.
- 35. Sie geht zum Dorfplatz.
- 36. Das Papier hängt noch an der Pumpe.
- 37. Aber auf dem Pumpengriff liegt ein Stein.
- 38. Der Stein ist klein und glatt und rund.
- 39. Rita nimmt ihn in die Hand.
- 40. Er ist kalt.
- 41. Sie schaut sich um.
- 42. Niemand ist da.
- 43. Sie hält den Stein fest in der Hand.
- 44. Dann legt sie ihn wieder auf den Pumpengriff.
- 45. Sie setzt sich auf die Bank.
- 46. Die Sonne kommt heraus.
- 47. Es wird warm.
- 48. Rita hat die Hände auf den Knien.
- 49. Sie schaut die Pumpe an.
- 50. Sie schaut den Stein an.
- 51. Der Stein liegt ruhig da.
- 52. Lea kommt wieder nach der Schule. „Oma, woher kommt der Stein?", fragt sie. „Ich weiß es nicht", sagt Rita.
- 53. Lea nimmt den Stein und schaut ihn an. „Der ist glatt", sagt sie.
- 54. Rita nickt.
- 55. Lea legt den Stein wieder auf den Pumpengriff.
- 56. Sie setzt sich zu Rita auf die Bank.
- 57. Die zwei sitzen zusammen da.
- 58. Die alte Pumpe steht vor ihnen.
- 59. Das Papier mit dem Fluss hängt daran.
- 60. Der Stein liegt oben auf dem Griff.
- 61. Rita legt ihre Hände auf die Knie.
- 62. Ihre Hände kennen noch den Pumpengriff.
- 63. Sie wissen noch, wie man pumpt.
- Die Brücke
- 1. Der Fluss unter der alten Brücke war trocken.
- 2. Das war schon seit drei Jahren so.
- 3. Tomás saß jeden Morgen auf der Brücke.
- 4. Er saß immer auf derselben Stelle, in der Mitte.
- 5. Früher hatte er von hier aus die Fische gesehen.
- 6. Jetzt sah er nur Steine und trockenen Sand.
- 7. Aber er kam trotzdem jeden Morgen.
- 8. Inés ist am Samstag gekommen.
- 9. Sie hat Brot und Oliven mitgebracht.
- 10. Sie hat sich neben ihren Vater gesetzt. „Du bist schon wieder hier", hat sie gesagt. „Natürlich", hat Tomás gesagt.
- 11. Inés hat das Brot aufgemacht und ihm ein Stück gegeben.
- 12. Tomás hat es genommen, aber er hat es nicht gegessen.
- 13. Er hat auf den trockenen Flusslauf geschaut.
- 14. „Es ist ein Paket angekommen", hat Inés gesagt.
- 15. Sie hat eine kleine Schachtel aus der Tasche genommen.
- 16. Die Schachtel war leicht und fast leer.
- 17. Darin war ein Stück blaues Tuch, klein und gefaltet.
- 18. Das Tuch war sehr weich und dunkelblau. „Ist das von Pablo?", hat Tomás gefragt. „Ich glaube schon", hat Inés gesagt. „Es war kein Brief dabei."
- 19. Tomás hat das Tuch in die Hand genommen.
- 20. Er hat es eine Weile in der Hand gehalten.
- 21. Dann ist er aufgestanden und zur Brüstung gegangen.
- 22. Er hat das Tuch um die Brüstung gebunden.
- 23. Er hat es fest gemacht, dreimal gewickelt.
- 24. Inés hat zugeschaut, aber sie hat nichts gesagt.
- 25. Das blaue Tuch hat sich im Wind bewegt.
- 26. Es hat sich hin und her bewegt, langsam. „Warum machst du das?", hat Inés gefragt.
- 27. Tomás hat nicht geantwortet.
- 28. Er ist wieder auf seine Stelle gegangen und hat sich gesetzt.
- 29. Inés hat sich neben ihn gesetzt.
- 30. Sie haben zusammen auf das blaue Tuch geschaut.
- 31. Eine Weile war es ganz still.
- 32. Am nächsten Morgen ist Tomás früh aufgestanden.
- 33. Er ist allein zur Brücke gegangen.
- 34. Das blaue Tuch war noch da.
- 35. Aber daneben hing jetzt ein rotes Tuch.
- 36. Das rote Tuch war neu und sauber.
- 37. Jemand hat es in der Nacht dort hingebunden.
- 38. Tomás hat nach links und nach rechts geschaut.
- 39. Er war allein.
- 40. Er hat das rote Tuch angefasst.
- 41. Es war noch warm.
- 42. Er hat Inés angerufen. „Komm zur Brücke", hat er gesagt. „Warum?", hat sie gefragt. „Es ist ein rotes Tuch da.
- 43. Neben dem blauen."
- 44. Inés hat nicht sofort geantwortet.
- 45. Dann hat sie gesagt: „Ich komme."
- 46. Sie ist eine Stunde später angekommen.
- 47. Sie haben die zwei Tücher angeschaut.
- 48. Blau und rot, nebeneinander im Wind. „Wer war das?", hat Inés gefragt. „Ich weiß es nicht", hat Tomás gesagt.
- 49. Sie haben sich auf die Brücke gesetzt, beide.
- 50. Unter ihnen war der trockene Fluss.
- 51. Über ihnen war der blaue Himmel.
- 52. Die zwei Tücher haben sich im Wind bewegt.
- 53. Tomás hat die Brüstung mit beiden Händen gehalten.
- 54. So hat er sie immer gehalten, wenn der Fluss voll war.
- 55. Inés hat das gesehen.
- 56. Sie haben nichts gesagt.
- 57. Die zwei Tücher haben sich bewegt.
- Das Waschbrett
- 1. Der Bach war seit fünf Jahren trocken.
- 2. Früher hatte Valentina dort jeden Montag ihre Wäsche gewaschen.
- 3. Jetzt saß sie auf dem flachen Stein, auf dem sie früher das Waschbrett abgestützt hatte.
- 4. Das Waschbrett lag vor ihr, schräg gegen den Stein gelehnt, das alte Holz grau und rissig.
- 5. Sie fuhr mit der Hand über die Rillen, auf und ab, langsam.
- 6. Es war dieselbe Bewegung wie früher, nur ohne Wasser und ohne Seife.
- 7. Die Sonne wärmte ihren Rücken, und die Vögel schwiegen.
- 8. Unten im trockenen Bachbett lagen Steine, die früher unter Wasser gewesen waren.
- 9. Camila kam gegen Mittag den Waldweg herunter.
- 10. Sie trug eine Tasche mit Brot, Käse und zwei Äpfeln. „Du hast heute wieder nichts gegessen, oder?", sagte sie.
- 11. Valentina antwortete nicht, aber sie nahm den Apfel, den Camila ihr hinhielt.
- 12. Camila setzte sich neben ihre Tante auf den flachen Stein.
- 13. Der Stein war breit genug für zwei, wenn man eng beieinandersaß. „Es ist ein Brief gekommen", sagte Camila.
- 14. Sie zog eine Postkarte aus ihrer Tasche.
- 15. Auf der Vorderseite war eine Brücke über einen Fluss, das Wasser breit und blau.
- 16. Auf der Rückseite stand nur eine Adresse in Mateos Handschrift, sonst nichts.
- 17. Kein Datum, kein Gruß, kein Name.
- 18. Valentina nahm die Karte und hielt sie lange in den Händen.
- 19. „Woher kommt sie?", fragte Camila. „Der Stempel ist unleserlich", sagte Valentina.
- 20. Sie drehte die Karte um und schaute das Wasser auf dem Foto an.
- 21. Das Wasser auf dem Foto war breit und ruhig, mit kleinen Wellen.
- 22. Sie legte die Karte mit dem Bild nach unten auf den Stein.
- 23. Dann legte sie das Waschbrett darüber, als ob sie es festhalten wollte.
- 24. Camila sah zu, ohne etwas zu sagen.
- 25. Sie aß eine Scheibe Brot und schaute in das trockene Bachbett hinunter. „Er lebt", sagte Valentina schließlich.
- 26. Sie sagte es nicht als Frage.
- 27. Camila blieb noch eine Stunde, dann musste sie zurück zur Tankstelle.
- 28. Sie hatte Spätschicht und durfte wirklich nicht zu spät kommen. „Soll ich dich später abholen?", fragte sie. „Nein", sagte Valentina. „Ich gehe allein."
- 29. Camila umarmte sie kurz und ging den Waldweg zurück.
- 30. Valentina blieb auf dem Stein sitzen, bis die Sonne tiefer stand.
- 31. Dann legte sie die Hände auf das Waschbrett und schloss die Augen.
- 32. Ihre Finger kannten die Rillen auswendig.
- 33. Am nächsten Morgen stand sie früher auf als sonst.
- 34. Sie nahm das Waschbrett und ging zum Bach.
- 35. Das Waschbrett lag noch genauso da, wie sie es am Abend hingestellt hatte.
- 36. Auch die Postkarte lag noch darunter.
- 37. Aber um den Griff des Waschbrettes war etwas gewickelt.
- 38. Es war ein kleiner Kranz aus nassen Grashalmen, fest geflochten.
- 39. Valentina kniete nieder und berührte das Gras.
- 40. Es war wirklich nass, nicht nur taufeucht.
- 41. Sie schaute den Bach entlang, nach links und nach rechts.
- 42. Niemand war zu sehen.
- 43. Sie roch an dem Gras.
- 44. Es roch nach Wasser, nach richtigem Wasser.
- 45. Sie stand auf und hob das Waschbrett hoch.
- 46. Die Postkarte lag unberührt darunter.
- 47. Sie nahm die Karte und steckte sie in ihre Schürzentasche.
- 48. Dann trug sie das Waschbrett zurück zum Stein und stellte es an seinen Platz.
- 49. Den Graskranz ließ sie dort, wo er war.
- 50. Sie wollte ihn nicht wegnehmen.
- 51. Am Abend rief sie Camila an. „Heute Morgen war etwas am Waschbrett", sagte sie. „Was denn?", fragte Camila. „Ein Kranz aus nassem Gras.
- 52. Fest geflochten." „Woher kam das Wasser?", fragte Camila. „Ich weiß es nicht", sagte Valentina.
- 53. Eine kurze Pause entstand. „Mateo?", fragte Camila leise. „Ich weiß es nicht", sagte Valentina wieder.
- 54. Sie legte das Telefon hin und saß am Tisch.
- 55. Vor ihr lag die Postkarte mit dem blauen Fluss.
- 56. Ihre Hände lagen auf dem Tisch, die Finger leicht gespreizt.
- 57. Sie waren dieselben Hände wie früher, als der Bach noch voll war.
- 58. Sie wussten noch, wie man Wäsche wäscht.
- Das Netz
- 1. Der Fluss hatte vor vier Jahren aufgehört zu fließen.
- 2. Zuerst wurde er flacher, dann schmaler, dann blieb nur noch Schlamm übrig, der in der Hitze hart wurde wie Beton.
- 3. Emilio hatte das alles beobachtet, von demselben Fleck aus, auf dem er jetzt saß.
- 4. Er war sechsundsechzig Jahre alt und konnte sich nicht vorstellen, woanders zu sitzen.
- 5. Vor ihm lag ein altes Fischnetz, grob geflochten, grau vor Alter.
- 6. Er zog die Fäden durch seine Finger, suchte nach gerissenen Stellen und flickte sie mit dünnem Draht.
- 7. Das hatte er früher immer gemacht, bevor er ausfuhr: das Netz kontrollieren.
- 8. Jetzt kontrollierte er das Netz, aber es gab keinen Fluss mehr.
- 9. Marisol kam nach ihrer Nachtschicht in der Klinik.
- 10. Sie trug noch die Arbeitskleidung, hatte nur einen Pullover drübergezogen.
- 11. Ihre Schritte auf dem Kiesweg klangen müde, aber sie beeilte sich trotzdem.
- 12. Sie stellte eine Plastikdose neben Emilio auf den Boden. „Hühnersuppe aus der Krankenhausküche", sagte sie.
- 13. Emilio nickte, schob die Dose beiseite und arbeitete weiter am Netz.
- 14. Marisol setzte sich auf einen umgekippten Eimer und zog ihr Handy aus der Tasche. „Jorge hat eine Sprachnachricht geschickt", sagte sie.
- 15. Sie drückte Play, und eine Stimme kam heraus, rauschig und weit weg.
- 16. Die Stimme sagte, dass es ihm gut gehe, dass die Arbeit anstrengend sei und dass er bald mehr verdiene.
- 17. Dann brach die Aufnahme ab, mittendrin, als ob das Signal abgerissen wäre.
- 18. Emilio hörte zu, ohne die Finger vom Netz zu nehmen. „Wann hat er das geschickt?", fragte er. „Vorgestern", sagte Marisol.
- 19. Emilio nickte.
- 20. Er faltete einen Teil des Netzes zusammen und legte ihn auf seinen Schoß.
- 21. „Warum isst du nicht?", fragte Marisol. „Später", sagte Emilio.
- 22. Sie wusste, dass später nie kam, aber sie sagte es nicht.
- 23. Stattdessen aß sie selbst einen Löffel Suppe direkt aus der Dose.
- 24. Die Sonne stand schon hoch, und der trockene Flusslauf glänzte weiß wie Salz.
- 25. Emilio stand auf, nahm das Netz an beiden Enden und trug es hinunter ins Flussbett.
- 26. Marisol sah ihm nach, die Arme um die Knie geschlungen.
- 27. Er breitete das Netz auf dem harten Boden aus, langsam und sorgfältig, als ob unter ihm Wasser wäre.
- 28. Er richtete die Ränder aus und glättete die Maschen mit der flachen Hand.
- 29. Dann trat er zurück und betrachtete das Netz von oben.
- 30. Es lag da wie eine Erinnerung an etwas, das immer noch da sein sollte.
- 31. Marisol hatte das noch nie gesehen und wusste nicht, was sie sagen sollte.
- 32. Also sagte sie nichts.
- 33. Emilio kam zurück, setzte sich auf seinen Stein und schloss die Augen.
- 34. Am nächsten Morgen war Marisol schon wieder in der Klinik.
- 35. Emilio ging vor der größten Hitze zum Fluss hinunter.
- 36. Das Netz lag noch dort, wo er es hingelegt hatte.
- 37. Aber in jeder zweiten Masche lag ein kleiner Stein – rund, grau, glatt, wie vom Wasser geschliffen.
- 38. Er hockte sich hin und betrachtete die Steine.
- 39. Sie lagen nicht zufällig, das sah er sofort.
- 40. Jemand hatte sie so gelegt, dass sie in der Mitte dichter lagen und zu den Rändern hin auseinanderliefen, so wie Fische schwimmen, wenn ein Netz sich schließt.
- 41. Er berührte einen der Steine, bewegte ihn aber nicht.
- 42. Emilio stand auf, nahm das Netz an einem Ende und hob es langsam hoch.
- 43. Die Steine fielen auf den trockenen Boden und lagen jetzt durcheinander.
- 44. Er hielt das Netz gegen die Sonne.
- 45. Durch die Maschen sah er das leere Flussbett, aufgeteilt in kleine Vierecke.
- 46. Als ob der Fluss noch da wäre, aber in Stücke zerschnitten.
- 47. Er hielt das Netz so lange, bis seine Arme zu zittern begannen.
- 48. Dann ließ er es langsam sinken, faltete es zusammen und trug es zurück zum Stein.
- 49. Am Abend rief er Marisol an. „Die Steine", sagte er nur. „Was?", fragte sie. „Im Netz.
- 50. Steine.
- 51. Jemand hat sie hineingelegt."
- 52. Eine Pause. „Wer war das?", fragte Marisol. „Ich weiß es nicht", sagte Emilio.
- 53. Wieder eine Pause.
- 54. Dann fragte sie: „Hast du die Suppe gegessen?" „Ja", sagte er.
- 55. Das war nicht wahr.
- 56. Er legte das Handy weg und saß noch lange draußen, im Dunkeln.
- 57. Der Fluss war trocken, das wusste er.
- 58. Aber seine Hände hielten das Netz, und sie wussten noch, wie man es wirft, damit es offen bleibt.
- Der Holzkarpfen
- 1. Die Grube, in der früher der See gelegen hatte, war jetzt nur noch eine Mulde aus rissigem Lehm und gebleichtem Gras.
- 2. Aurelio kannte jeden Riss.
- 3. Er war siebenundzwanzig Jahre Fischer gewesen, und seine Hände wussten noch, wie Wasser sich anfühlt, wenn es unter dem Rumpf eines Bootes zittert.
- 4. Das Boot selbst lag dreißig Meter vom einstigen Ufer entfernt und moderte still vor sich hin.
- 5. Er saß jeden Morgen auf einem der alten Grenzsteine, die früher die Pachtgrenze zwischen dem See und Felipes Olivenhainen markiert hatten.
- 6. Felipe war längst fortgezogen.
- 7. Die Oliven waren verdorrt, bevor der See selbst versiegte.
- 8. Aurelio nahm ein Stück Treibholz aus der Tasche seiner gefütterten Jacke – dasselbe Stück, das er seit Wochen bei sich trug.
- 9. Mit einem kleinen Federmesser begann er, die Flanke des Holzes abzutragen, ohne nachzudenken, ohne einen Plan.
- 10. Seine Finger bewegten sich so, wie sie sich beim Ausnehmen von Fischen bewegt hatten: mit einer Sicherheit, die keiner Entscheidung bedurfte.
- 11. Das Holz wurde kleiner.
- 12. Eine Form zeichnete sich ab – etwas, das einem Karpfen ähnelte, jenem Karpfen, den er im Winter neunundneunzig mit seiner Frau Carmela aus dem zugefrorenen See gehackt hatte, weil nichts anderes da war.
- 13. Carmela hatte den Fisch gebraten, mit Knoblauch und getrockneten Tomaten, und das Fett hatte auf der Zunge gelegen wie ein Versprechen.
- 14. Sie war fünf Jahre später gestorben, an einem Sommer, der zu lang gedauert hatte.
- 15. Aurelio ließ das Messer eine Weile ruhen.
- 16. Die Stille des trockenen Seebettes hatte eine eigene Qualität: nicht die Stille von Einsamkeit, sondern die Stille von etwas, das aufgehört hatte zu sprechen, ohne sich zu verabschieden.
- 17. Pilar kam am Nachmittag des dritten Donnerstags.
- 18. Sie war früher gegangen als sonst, weil die Schichtleiterin ihr einen halben Freistag gegeben hatte.
- 19. Wegen guter Arbeit, hieß es – obwohl Aurelio vermutete, dass es eher die geschwollenen Knöchel waren, die jeder im Werk längst bemerkt hatte.
- 20. Sie trug eine große Tasche aus Synthetikgeflecht und hatte sich ein Tuch in den Nacken gebunden. „Du hast wieder nicht gegessen", sagte sie, ohne ihn zu begrüßen.
- 21. Es war keine Frage.
- 22. Aurelio schob das Holzstück in die Jackentasche.
- 23. Pilar setzte sich neben ihn auf den Grenzstein, der kaum breit genug für zwei war, und zog eine kleine Blechdose aus der Tasche.
- 24. Darin lagen eingemachte Linsen, noch warm von der Fabrikküche, wo sie sie am Morgen aufgewärmt hatte.
- 25. Aurelio nahm die Dose, rührte darin herum, ohne zu essen.
- 26. Pilar sah über das trockene Bett hinweg, als könnte sie durch genug Konzentration das Wasser zurückrufen.
- 27. „Es hat einen Brief gegeben", sagte sie schließlich.
- 28. Keinen Umschlag, nur ein gefaltetes Blatt, das jemand beim Dorfverein der Auswanderer hinterlegt hatte – die Vorsitzende hatte es Pilar ohne Kommentar zugesteckt.
- 29. Sie faltete das Blatt auf ihrem Knie auseinander.
- 30. Darauf standen drei Wörter in einer Schrift, die Aurelio nicht sofort erkannte, obwohl er sie kannte: „Ich bin angekommen."
- 31. Er las den Satz zweimal, dann ein drittes Mal, als könnte die Wiederholung die fehlenden zwölf Jahre füllen.
- 32. Sein Sohn Rodrigo hatte das Dorf verlassen, als die ersten Risse im Seeboden sichtbar wurden, und niemand hatte seitdem etwas Verlässliches von ihm gehört.
- 33. Pilar biss auf die Innenseite ihrer Wange, was sie immer tat, wenn sie nicht weinte, weil sie nicht weinen wollte.
- 34. Aurelio faltete das Blatt sorgfältig in der Mitte, dann noch einmal, dann ein drittes Mal, bis es ein kleines, hartes Rechteck war.
- 35. Er stand auf, ging die zehn Schritte hinunter in das Bett des Sees.
- 36. Die Risse unter seinen Sohlen knackten leise.
- 37. Er kniete nieder, an der tiefsten Stelle der Mulde, wo früher der Kahn vertäut gewesen war.
- 38. Dort grub er mit dem Messergriff eine kleine Vertiefung in den Lehm.
- 39. Das Papier legte er hinein, glatt gedrückt, als müsste es atmen können.
- 40. Dann schob er die Holzfigur aus der Tasche – den halb fertigen Karpfen, noch roh, noch ohne Augen – und legte ihn daneben.
- 41. Pilar beobachtete ihn vom Grenzstein aus, ohne etwas zu sagen.
- 42. Sie rauchte die letzte Zigarette ihres Päckchens.
- 43. Der Rauch stieg senkrecht in die reglose Luft.
- 44. Am nächsten Morgen ging Aurelio noch vor Sonnenaufgang zum See.
- 45. Pilar schlief noch in der Hütte, auf der alten Matratze, die nach Lavendel roch, weil Carmela immer Lavendelbündel daruntergelegt hatte.
- 46. Er kniete sich wieder an dieselbe Stelle.
- 47. Die kleine Vertiefung war noch da, das Papier unberührt.
- 48. Aber der Holzkarpfen war um einen halben Handbreit verschoben.
- 49. Es hatte in dieser Nacht keinen Wind gegeben, daran erinnerte er sich genau.
- 50. Er nahm den Fisch, hielt ihn so, dass das frühe Licht über die unfertige Flanke glitt.
- 51. Jemand hatte mit einem spitzen Stein zwei kleine Punkte eingeritzt – an der Stelle, wo Augen sein sollten.
- 52. Keine Kinderhand konnte das gewesen sein: Die Rillen waren zu sicher, zu gleichmäßig, wie von jemandem, der schon lange weiß, wo die Augen eines Fisches sitzen.
- 53. Aurelio schloss die Finger um den Karpfen.
- 54. Er stand auf, ging zurück zum Grenzstein, setzte sich.
- 55. Die Sonne erschien hinter dem Höhenzug im Osten, breit und ohne Scham.
- 56. Pilar trat aus der Hütte, das Tuch noch nicht gebunden, die Augen schmal vor Schlaf.
- 57. Sie blieb stehen, als sie ihren Vater sah – die Hände im Schoß, den Holzfisch aufrecht zwischen den Fingern. „Fahr nicht ohne Frühstück", sagte er.
- 58. Es war das erste Mal seit langen Wochen, dass er etwas gesagt hatte, bevor sie gesprochen hatte.
- 59. Pilar kam, setzte sich neben ihn, legte den Kopf nicht an seine Schulter, aber nah genug, dass ihre Arme sich berührten.
- 60. Das trockene Seebett lag vor ihnen, rissig, blass, von keiner Brise bewegt.
- 61. Aber Aurelio hielt den Fisch, und seine Hände wussten noch, wie man ihn hält, damit er nicht sinkt.
102
[Bearbeiten]- Eine Orange für Rodrigo
- 1. Gloria steht jeden Morgen am Tor des Friedhofs.
- 2. Sie hat einen Korb mit frischen Orangen.
- 3. Sie verkauft sie für fünf Pesos das Stück.
- 4. Das macht sie seit vier Jahren.
- 5. Ihr Mann Rodrigo liegt hier begraben.
- 6. Er ist vor vier Jahren gestorben.
- 7. Sie denkt sehr oft an ihn.
- 8. Rodrigo hat Orangen sehr geliebt.
- 9. Jeden Abend hat er eine Orange gegessen.
- 10. Er hat immer die Schale abgezogen und die Stücke aufgeteilt.
- 11. Manchmal hat er Gloria ein Stück gegeben.
- 12. Jetzt kaufen die anderen Leute die Orangen.
- 13. Heute ist es warm und sonnig.
- 14. Ein paar Leute kommen und gehen.
- 15. Ein alter Herr kauft zwei Orangen.
- 16. Eine Frau mit einem Kind kauft drei Orangen.
- 17. Das Kind isst sofort eine.
- 18. Gegen Mittag kommt eine junge Frau.
- 19. Sie kommt aus dem Friedhof.
- 20. Sie trägt einen kleinen Strauß Blumen.
- 21. Die Blumen sind schon ein bisschen welk.
- 22. Die Frau schaut in den Korb. „Wie viel kostet eine Orange?", fragt sie. „Fünf Pesos", sagt Gloria.
- 23. Die Frau schaut in ihre Tasche. „Ich habe leider kein Geld dabei, ich habe es vergessen", sagt sie.
- 24. Sie schaut verlegen.
- 25. Gloria sagt dann gar nichts. „Für wen sind die Blumen?", fragt Gloria. „Für meine Mutter", sagt die junge Frau. „Sie ist letzte Woche gestorben."
- 26. Gloria denkt einen Moment nach.
- 27. Dann nimmt sie zwei Orangen aus dem Korb.
- 28. Sie gibt sie der jungen Frau. „Das ist für den Weg nach Hause", sagt Gloria. „Aber ich habe kein Geld", sagt die Frau noch einmal. „Das macht nichts", sagt Gloria.
- 29. Die junge Frau nimmt die Orangen. „Gracias", sagt sie leise.
- 30. Dann geht sie langsam weg.
- 31. Gloria schaut ihr nach.
- 32. Die Straße ist wieder ruhig.
- 33. Gloria dreht sich zum Friedhof um.
- 34. Sie schaut das große Tor an.
- 35. Sie denkt wieder an Rodrigo.
- 36. Er hat immer gesagt: „Eine Orange am Abend – das ist genug."
- 37. Gloria nimmt eine Orange aus dem Korb.
- 38. Sie schält sie langsam und ruhig.
- 39. Sie isst ein Stück davon.
- 40. Die Orange schmeckt heute sehr süß.
- 41. Am Abend kommen weniger Leute.
- 42. Gloria räumt den Korb auf.
- 43. Sie legt die letzten Orangen in eine Tüte.
- 44. Dann geht sie auf den Friedhof.
- 45. Sie geht zum Grab von Rodrigo.
- 46. Sie legt eine Orange auf den Stein. „Guten Abend, Rodrigo", sagt sie.
- 47. Sie setzt sich auf die kleine Bank.
- 48. Sie schaut das Grab ruhig an.
- 49. Es ist ganz still auf dem Friedhof.
- 50. Ein Vogel singt irgendwo.
- 51. Gloria steht auf und geht nach Hause.
- 52. Die Orange bleibt auf dem Stein.
- Drei Pesos
- 1. Silvio hat einen großen Orangenbaum im Garten.
- 2. Jeden Morgen pflückt er die reifen Orangen.
- 3. Er legt die Orangen in einen geflochtenen Korb aus Stroh.
- 4. Dann stellt er den Korb an die Straße vor seinem Haus.
- 5. Manchmal kaufen die Leute aus dem Dorf welche, manchmal nicht.
- 6. Silvios bester Freund Marcos hat das Dorf vor zehn Jahren verlassen.
- 7. Er hat in die USA gewollt und ist einfach gefahren.
- 8. Danach hat Silvio nichts mehr von Marcos gehört.
- 9. Silvio denkt manchmal an ihn, aber er sagt es nicht laut.
- 10. Er pflückt die Orangen und stellt den Korb an die Straße, und so sieht sein Tag aus.
- 11. An einem Dienstag kommt Pablo vorbei, der Sohn der Nachbarin.
- 12. Er hat einen Rucksack auf dem Rücken und ein altes Fahrrad dabei. „Ich verlasse heute das Dorf", sagt er zu Silvio. „Und wohin gehst du?", fragt Silvio neugierig. „In die Stadt, um Arbeit zu finden", sagt Pablo.
- 13. Er schaut neugierig in den Korb mit den Orangen. „Was kostet bei Ihnen eine Orange?", fragt er. „Fünf Pesos das Stück", antwortet Silvio.
- 14. Pablo sucht nach Geld in seiner Hosentasche.
- 15. Er zählt die Münzen: es sind nur drei Pesos. „Ich habe leider nur drei Pesos", sagt er.
- 16. Silvio schaut ihn an, dann schaut er auf den Korb.
- 17. Er nimmt drei Orangen aus dem Korb heraus.
- 18. Er legt die drei Orangen in eine kleine Tüte.
- 19. Dann gibt er Pablo die Tüte mit den Orangen. „Nimm einfach drei Orangen", sagt Silvio. „Aber ich habe nur drei Pesos", sagt Pablo noch einmal. „Ich weiß das schon", sagt Silvio ruhig.
- 20. Pablo nimmt die Tüte und hält sie einen Moment in der Hand. „Danke, Silvio", sagt Pablo, und er meint es ernst.
- 21. Er steigt auf das Fahrrad und fährt die Straße hinunter.
- 22. Silvio schaut ihm nach, bis Pablo um die Kurve verschwunden ist.
- 23. Die Straße ist wieder still, und ein Hund bellt irgendwo im Dorf.
- 24. Silvio dreht sich um und geht zurück in den Garten.
- 25. Er pflückt noch mehr Orangen, denn die Sonne ist jetzt hoch.
- 26. Eine einzige Orange legt er für sich beiseite.
- 27. Es ist die schönste Orange vom heutigen Tag.
- 28. Er nimmt die Orange mit und geht ins Haus.
- 29. Im Wohnzimmer hängt ein altes Foto an der Wand.
- 30. Das Foto zeigt Silvio und Marcos als junge Männer.
- 31. Marcos hält eine Orange und lacht in die Kamera.
- 32. Silvio setzt sich auf den Stuhl vor dem Foto.
- 33. Er legt die schöne Orange auf den Tisch davor.
- 34. Er schaut das alte Foto von Marcos lange an.
- 35. Er denkt an Pablo und hofft, dass es ihm gut geht in der Stadt.
- 36. Er denkt an Marcos und fragt sich, ob er noch lebt.
- 37. Er hat seit zehn Jahren keine Nachricht von ihm bekommen.
- 38. Die Orange liegt noch immer auf dem Tisch.
- 39. Silvio atmet tief aus und schaut auf den Tisch.
- 40. Dann steht er auf und geht zurück in den Garten.
- 41. Die Sonne steht jetzt tiefer, und es wird kühler.
- 42. Silvio pflückt noch ein paar weitere Orangen.
- 43. Er legt die Orangen nach und nach in den Korb.
- 44. Dann trägt er den Korb ins Haus und stellt ihn in die Küche.
- 45. Im Wohnzimmer ist es jetzt schon etwas dunkel.
- 46. Er macht das Licht im Wohnzimmer nicht an.
- 47. Er setzt sich wieder auf denselben Stuhl vor dem Foto.
- 48. Die Orange liegt noch immer auf dem Tisch.
- 49. Silvio schaut die Orange an und denkt an Marcos.
- 50. Er sagt gar nichts und bewegt sich nicht.
- 51. Draußen bellt der Hund wieder, und es wird langsam dunkel.
- 52. Silvio sitzt noch immer auf demselben Stuhl.
- 53. Die Orange und das Foto sind jetzt kaum noch zu sehen.
- Die Überfahrt
- 1. Inés kam jeden Morgen um fünf Uhr ans Fährdock von Paraíso, bevor die erste Fähre die Leinen löste.
- 2. Sie stellte die Kiste auf einen alten Holztisch und legte die Orangen in Reihen.
- 3. Die größten kamen nach vorne, weil die Leute nach dem Aussehen kauften.
- 4. Das hatte ihr Sohn Tomás beigebracht, als er noch morgens mitgekommen war.
- 5. Tomás lebte seit zwei Jahren in Mexiko-Stadt und war nicht zurückgekommen.
- 6. Er schickte jeden Monat Geld, aber er rief selten an.
- 7. Wenn er anrief, sagte er immer: „Bald komme ich, Mamá."
- 8. Inés glaubte ihm nicht mehr, aber sie sagte es nicht.
- 9. Sie nahm das Messer und ritzte eine Orange an, damit die Leute den Geruch riechen konnten.
- 10. Der Saft tropfte auf das Holz, und sie wischte ihn mit dem Tuch ab.
- 11. Die ersten Passagiere kamen kurz nach sechs aus dem Parkhaus.
- 12. Sie trugen Koffer und schauten auf ihre Handys, ohne die Stände zu beachten.
- 13. Inés rief: „Frische Orangen, drei für zehn Pesos!"
- 14. Ein Mann kaufte eine, aß sie sofort im Gehen und warf die Schale ins Wasser.
- 15. Eine Frau kaufte zwei Orangen und steckte sie in ihre Tasche.
- 16. Inés nahm das Geld und legte es in die Schürze.
- 17. Gegen acht Uhr wurde es warm, und die Luft roch nach Salz und Diesel.
- 18. Die Sonne schien auf das Wasser, und das Licht war sehr hell.
- 19. Inés trank einen Schluck Wasser und schaute einen Moment auf das Meer hinaus.
- 20. Sie dachte an Tomás, obwohl sie das nicht wollte.
- 21. Sie erinnerte sich, wie er als kleines Kind am Dock gesessen hat.
- 22. Er warf Steine ins Wasser und lachte so laut, dass man es überall hören konnte.
- 23. Dann kam ein junger Mann zum Stand, mit einem großen Rucksack auf dem Rücken.
- 24. Er war verschwitzt und schaute die Orangen an, als würde er überlegen.
- 25. Dann lachte er kurz auf, weil er eine besonders große Orange sah.
- 26. Inés hörte das Lachen und hielt einen Moment inne, das Messer noch in der Hand.
- 27. Es war nicht Tomás' Lachen, aber es klang auf eine merkwürdige Weise ähnlich.
- 28. Der junge Mann sagte: „Was kosten die Orangen?" „Drei für zehn", sagte Inés. „Ich habe nur fünf Pesos", sagte er und zuckte mit den Schultern.
- 29. Er schaute sie an, und in seinem Gesicht war keine Erwartung, nur Resignation.
- 30. Inés schaute ihn an und sah, dass er dunkle Augen hatte und eine Art zu lachen, die sie an Tomás erinnerte. „Wohin fährst du?", fragte sie. „Nach Frontera", sagte er, „und dann weiter in die Stadt."
- 31. Er sagte „in die Stadt" so, als wäre das der Beginn von etwas Wichtigem.
- 32. Tomás hatte das damals auch so gesagt, an einem Montagmorgen.
- 33. Inés nahm vier Orangen und legte sie in eine Tüte. „Nimm vier", sagte sie und schob ihm die Tüte hin. „Aber ich habe doch nur fünf Pesos", sagte er noch einmal. „Das reicht", sagte Inés, ohne ihn anzuschauen.
- 34. Der junge Mann nahm die Tüte und hielt sie einen Moment in der Hand. „Gracias, señora", sagte er, und er meinte es ernst.
- 35. Er zögerte kurz, dann ging er zur Wartehalle.
- 36. Inés schaute ihm nach, bis er zwischen den anderen Leuten verschwand.
- 37. Er stellte den Rucksack ab und aß sofort eine Orange.
- 38. Sie sah, wie er dabei lachte, weil der Saft auf sein Hemd tropfte.
- 39. Sie drehte sich um und ordnete die Orangen auf der Kiste neu.
- 40. Die Fähre kam kurz vor neun an und legte am Dock an.
- 41. Die Passagiere gingen nach und nach an Bord, der junge Mann auch.
- 42. Inés sah ihn noch einmal kurz, dann war er in der Menge verschwunden.
- 43. Sie verkaufte noch einige Orangen an die letzten Leute am Dock.
- 44. Dann wurde es ruhig, und die Möwen kamen zurück ans Wasser.
- 45. Um elf räumte sie den Stand auf und legte die übrigen Orangen in die Kiste.
- 46. Auf dem Weg nach Hause kaufte sie Tomaten und Brot auf dem kleinen Markt.
- 47. Zu Hause stellte sie die Kiste in der Küche ab und setzte sich auf den Stuhl.
- 48. Auf dem Küchentisch lag ein Foto von Tomás, das er ihr vor drei Jahren geschickt hat.
- 49. Er lachte darauf, mit dem Rucksack auf dem Rücken, irgendwo in der Stadt.
- 50. Inés nahm eine Orange aus der Kiste und legte sie neben das Foto.
- 51. Sie schälte sie nicht, sondern saß einfach da und schaute die Orange an.
- 52. Dann nahm sie ihr Telefon und rief Tomás an.
- 53. Es klingelte fünfmal, dann kam die Mailbox.
- 54. Inés legte das Telefon auf den Tisch, ohne etwas zu sagen.
- 55. Sie blieb eine Weile so sitzen.
- 56. Draußen hupte ein Auto, die Nachbarin rief nach ihrem Hund.
- 57. Die Orange lag neben dem Foto von Tomás.
- 58. Inés schloss die Augen und lehnte sich zurück.
- Der Bus nach Monterrey
- 1. Dolores steht seit sieben Uhr morgens am Rand des Busbahnhofs von Veracruz und verkauft Orangen aus einer Holzkiste.
- 2. Es ist Montag, und montags kommen die Busse nach Norden früh.
- 3. Die Männer, die einsteigen, haben große Taschen und wenig Geld.
- 4. Dolores kennt dieses Gesicht, sie hat es vor acht Jahren auf dem Bahnsteig gesehen.
- 5. Damals ist ihr Bruder Miguel in den Bus gestiegen, und der Fahrer ist sofort losgefahren.
- 6. Miguel hatte ihr noch winken wollen, aber die Türen schlossen sich, bevor er am Fenster war.
- 7. Sie hat den Bus lange angeschaut, bis er um die Ecke verschwunden ist.
- 8. Seitdem hat Miguel nie mehr angerufen.
- 9. Dolores schält eine Orange, die Bewegung schnell und sicher nach so vielen Jahren.
- 10. Sie legt die Spalten auf eine saubere Plastiktüte, damit die Käufer sehen, wie saftig sie sind.
- 11. Ein Kind zieht seine Mutter am Arm und zeigt auf die Orangen, aber die Mutter schüttelt den Kopf und geht weiter.
- 12. Dolores schaut ihnen nach, bis sie hinter einer Säule verschwinden.
- 13. Gegen neun kommt der Bus aus Coatzacoalcos, und mit ihm eine Gruppe junger Männer mit Rucksäcken.
- 14. Sie kaufen Wasser und Brötchen beim anderen Händler und gehen an Dolores vorbei, ohne zu schauen.
- 15. Einer bleibt stehen.
- 16. Er ist vielleicht fünfundzwanzig, trägt einen ausgeblichenen Rucksack auf der linken Schulter, obwohl die rechte Schulter breiter ist.
- 17. Miguel hatte seinen Rucksack auch immer links getragen, obwohl man ihm oft gesagt hatte, dass das Rückenprobleme macht.
- 18. Der junge Mann schaut die Orangen an. „Wie viel für eine?", fragt er.
- 19. Dolores nennt den Preis.
- 20. Er nickt und greift in die Hosentasche.
- 21. Er zählt Münzen auf die Kante der Kiste, weil die Holzoberfläche wackelt und die Münzen sonst heruntergleiten.
- 22. Dolores nimmt eine Orange, die mittelgroße, die zum Preis passt.
- 23. Dann nimmt sie noch zwei weitere und legt alle drei in eine Tüte. „Für die lange Fahrt", sagt sie.
- 24. Der junge Mann schaut sie an. „Ich hab nur für eine bezahlt." „Das reicht", sagt Dolores.
- 25. Er steckt die Tüte in die Außentasche des Rucksacks.
- 26. Dann dreht er sich noch einmal um. „Danke", sagt er, und er meint es wirklich, weil er dabei stehenbleibt und sie ansieht.
- 27. Dolores nickt. „Wohin?", fragt sie, obwohl sie die Antwort schon kennt. „Monterrey zuerst", sagt er. „Und dann weiter."
- 28. Sie schaut ihn an, und er hält ihrem Blick stand, ohne zu wissen, warum sie ihn so ansieht. „Pass auf dich auf", sagt Dolores.
- 29. Er geht.
- 30. Dolores sieht, wie er sich zu der Gruppe stellt und wie einer der anderen lacht und ihm auf die Schulter klopft.
- 31. Dann steigen sie in den Bus, und die Türen schließen sich.
- 32. Dolores schaut nicht nach.
- 33. Sie schaut auf die Kiste.
- 34. Drei Orangen fehlen.
- 35. Sie atmet aus.
- 36. Der Mittag kommt mit einer Hitze, die die Luft über dem Asphalt flimmern lässt.
- 37. Dolores trinkt Wasser aus einer Plastikflasche und isst nichts, obwohl ihre Schwestern immer sagen, dass man in der Hitze essen muss.
- 38. Die Busse nach Norden fahren bis zum frühen Nachmittag, dann kommen die Busse in die Dörfer.
- 39. Ein Mann mit einem Aktenkoffer kauft vier Orangen und besteht darauf, dass sie einzeln gewogen werden.
- 40. Dolores wiegt sie, ohne etwas zu sagen.
- 41. Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm kauft zwei und fragt, ob sie frisch sind. „Heute Morgen angeliefert", sagt Dolores, was stimmt.
- 42. Gegen vier räumt sie die Kiste zusammen und legt die übrigen Orangen in eine Tüte.
- 43. Es sind mehr, als sie gehofft hatte.
- 44. Auf dem Heimweg kommt sie an der kleinen Kirche vorbei, in der sie früher mit Miguel zur Messe gegangen ist.
- 45. Die Tür steht offen, und durch den Spalt fällt ein schmaler Streifen Licht auf das Pflaster.
- 46. Sie geht hinein, obwohl sie das seit Jahren nicht getan hat.
- 47. Es ist kühl und still, die Luft riecht nach Wachs und altem Holz.
- 48. An der Seitenwand steht eine Nische mit einer Heiligenfigur, davor ein paar Kerzen, von denen einige schon heruntergebrannt sind.
- 49. Dolores legt zwei Orangen vor die Figur.
- 50. Sie kniet nicht, sie steht nur da und hält die Tüte mit den restlichen Orangen.
- 51. Sie denkt nicht an den jungen Mann.
- 52. Sie denkt an Miguel, wie er den Rucksack auf die linke Schulter gehoben hat, schief, wie er es immer tat.
- 53. Wie er ihr nicht gewinkt hat, weil der Bus schon fuhr.
- 54. Wie sie ihn trotzdem lange angeschaut hat, bis er weg war.
- 55. Eine Kerze brennt nieder, das Wachs tropft auf den Stein.
- 56. Dolores geht.
- 57. Die restlichen Orangen trägt sie nach Hause.
- 58. Sie isst keine davon.
- Die Kerbe im Holz
- 1. Rosario stellt die erste Kiste um halb sechs auf das Pflaster des Marktes von Puebla, bevor die Händler der Nachbarstände auch nur die Planen hochgezogen haben.
- 2. Sie hebt die Orangen einzeln heraus, dreht jede einmal in der Hand, legt die makellosen nach vorne.
- 3. Die übrigen – die mit weichen Stellen, den Dellen, die der Frost hinterlassen hat – kommen nach unten, wo sie niemand sieht.
- 4. Ihr Rücken schmerzt.
- 5. Das ist kein Gedanke mehr, sondern ein Zustand, den sie verwaltet wie das Wechselgeld in der Blechdose.
- 6. Vor vier Jahren wäre Pilar schon jetzt hier gewesen, die Haare noch nass vom Waschen, die Sandalen klappernd auf dem Stein.
- 7. Jetzt ist der Platz neben ihr leer, und Rosario füllt ihn mit Kisten.
- 8. Das Messer liegt auf dem Holzbrett, die Klinge zum Markt hin, so wie Pilar es immer falsch herum hingelegt hatte und Rosario es immer stumm umgedreht hat.
- 9. Heute lässt sie es liegen, wie es liegt.
- 10. Die ersten Käuferinnen kommen gegen sieben – Frauen mit Körben, die wissen, was sie wollen, und es ohne viel Worte sagen.
- 11. Rosario schneidet, wiegt, kassiert.
- 12. Ihre Hände tun das seit fünfunddreißig Jahren, und die Bewegungen haben eine Präzision, die kein Lernen mehr braucht.
- 13. Der Saft klebt unter den Nägeln, das Salz des Schweißes brennt in den Rissen der Haut.
- 14. Sie bemerkt es nicht.
- 15. Gegen elf, als die Hitze das Wellblechdach der Überdachung zum Knacken bringt, kommt der alte Mann.
- 16. Er schiebt sich zwischen den Ständen durch, einen Panamahut tief ins Gesicht gezogen, die Schultern leicht gebückt wie jemand, der es gewohnt ist, wenig Raum einzunehmen.
- 17. Er bleibt vor Rosarios Stand stehen und schaut die Orangen an, als müsste er eine Entscheidung treffen, die über Obst hinausgeht. „Drei", sagt er.
- 18. Er greift in die Tasche seines Hemdes und zählt Münzen auf das Brett.
- 19. Rosario sieht seine Hände.
- 20. Die Knöchel sind geschwollen von Arthritis, die Haut dünn wie Zigarettenpapier – und an der Kuppe des rechten Daumens liegt eine alte, breit verheilte Narbe, als hätte einmal ein Messer dort quergelegen.
- 21. So eine Narbe hatte ihr Mann Aurelio gehabt, seit er als Zwölfjähriger in eine Säge gefallen war.
- 22. Aurelio ist seit sieben Jahren tot.
- 23. Rosario hört auf zu atmen.
- 24. Nicht lange – nur einen Atemzug lang, den Bruchteil einer Sekunde, in dem das Gehirn eine Gleichung aufstellt, die keine Lösung hat.
- 25. Der alte Mann hebt den Kopf.
- 26. Er hat das Gesicht eines Fremden, faltig und blass unter der Bräune, die Augen von einem hellen Grau, das Aurelios dunklem Braun in nichts ähnelt. „Stimmt so?", fragt er.
- 27. Rosario schaut ihn an, dann auf seine Hand, dann auf die Orangen. „Warten Sie", sagt sie.
- 28. Sie greift nicht nach den drei Orangen, die sie abgezählt hatte, sondern nach den größten auf der Pyramide – den schwersten, deren Schale noch feucht glänzt von der frühen Morgenkühle.
- 29. Sie legt sechs davon auf die Waage, ohne zu wiegen. „Das sind sechs", sagt der alte Mann. „Ja", sagt Rosario.
- 30. Sie schiebt sie ihm in die Tüte, schließt den Knoten zu, schaut ihn nicht an.
- 31. Er steht still. „Was schulde ich Ihnen?" „Nichts", sagt sie.
- 32. Ihre Stimme klingt ruhiger als sie ist, weil Ruhe das einzige ist, was sie in vierzig Jahren Markt als Strategie gelernt hat.
- 33. Der alte Mann nimmt den Hut ab, hält ihn vor der Brust.
- 34. Er sagt kein Danke.
- 35. Er sagt: „Ich kenne Sie nicht." „Ich weiß", sagt Rosario.
- 36. Er geht.
- 37. Rosario sieht seinen Rücken zwischen den Ständen verschwinden, kleiner werden, bis er hinter dem Stand mit den Chilischoten aus dem Blickfeld tritt.
- 38. Die Münzen liegen noch auf dem Brett.
- 39. Sie legt sie in die Blechdose.
- 40. Eine Frau fragt nach dem Preis.
- 41. Rosario nennt ihn.
- 42. Die Nachmittagssonne wirft lange Schatten durch die Lücken im Dach, der Staub in der Luft wird sichtbar wie Gold.
- 43. Rosario denkt nicht mehr an Aurelios Narbe.
- 44. Sie denkt an Pilar, an die Art, wie das Mädchen eine Orange schälte – immer von oben, nie in einer Spirale wie Rosario, sondern in kleinen Stücken, die sie in den Mund steckte, ohne sie abzuziehen.
- 45. Die Bitterkeit der weißen Haut.
- 46. Pilar liebte das.
- 47. Gegen sechs klappt Rosario die Kisten zu, schiebt das Holzbrett unter den Stand, wickelt das Messer in ein Tuch.
- 48. Sie trägt die letzte Kiste selbst, obwohl der Junge vom Nachbarstand anbietet zu helfen.
- 49. Sie wohnt fünfzehn Minuten zu Fuß vom Markt entfernt, in einem Haus, dessen Türschwelle nach Jahrzehnten so ausgetreten ist wie das Bett eines alten Flusses.
- 50. Drinnen ist es kühl und dunkel.
- 51. An der Wand des vorderen Zimmers hängt ein Bild von Pilar, aufgenommen an einem Schulfest, das Mädchen mit einer Papierkrone auf dem Kopf.
- 52. Rosario zündet die Kerze auf dem Regal darunter an.
- 53. Sie legt eine Orange davor, die schwerste aus der heutigen Kiste.
- 54. Dann setzt sie sich auf den Stuhl am Fenster, das auf den kleinen Innenhof geht.
- 55. Sie schält die Orange nicht.
- 56. Sie hält sie in beiden Händen, die Schale rau und warm von der Hitze des Tages.
- 57. Draußen kräht eine Henne, jemand schüttet Wasser aus.
- 58. Rosario denkt, dass sie morgen früh wieder aufstehen wird.
- 59. Dass die Kisten schon auf dem Karren stehen.
- 60. Dass das Messer, wenn sie es morgen früh aufnimmt, noch scharf sein wird.
- 61. Sie weiß nicht, ob sie dem alten Mann die Orangen gegeben hat, weil seine Hand Aurelios Narbe trug, oder weil Pilar einmal gesagt hat, man solle nicht sparsam sein mit dem, was man hat.
- 62. Pilar hatte das über Wasser gesagt, über den Fluss.
- 63. Rosario drückt die Orange fester.
- 64. Die Kerze brennt.
103
[Bearbeiten]- Opas Garten
- 1. Opa Werner ist gestorben.
- 2. Er war 78 Jahre alt.
- 3. Emma ist sehr traurig.
- 4. Ihre Mutter Sabine weint auch.
- 5. Die Beerdigung ist am Montag.
- 6. Viele Menschen kommen.
- 7. Emma kennt die meisten nicht.
- 8. Ein Mann sagt: "Werner war ein guter Mensch."
- 9. Emma nickt.
- 10. Sie denkt: Ja, das stimmt.
- 11. Nach der Beerdigung kommen alle ins Haus.
- 12. Es gibt Kuchen und Kaffee.
- 13. Emma isst nichts.
- 14. Sie geht in den Garten hinter dem Haus.
- 15. Hier hat Opa oft gesessen.
- 16. Sein Stuhl steht noch da.
- 17. Emma setzt sich auf den Stuhl.
- 18. Er ist kalt und aus Holz.
- 19. Sabine kommt nach draußen. "Bist du okay?", fragt sie. "Ja", sagt Emma.
- 20. Aber das stimmt nicht ganz.
- 21. Am nächsten Tag fahren Emma und Sabine zum Schrebergarten.
- 22. Das ist Opas Garten am Rand des Dorfes.
- 23. Sabine hat den Schlüssel.
- 24. Sie gehen rein.
- 25. Der Garten ist groß und grün.
- 26. Es gibt Tomaten, Salat und viele Blumen.
- 27. Alles wächst noch.
- 28. Emma schaut sich um.
- 29. Sabine sagt: "Opa hat hier jeden Tag gearbeitet." "Ich weiß", sagt Emma.
- 30. In der kleinen Hütte findet Emma etwas.
- 31. Es ist eine rote Gießkanne.
- 32. Emma nimmt die Kanne.
- 33. Sie geht zum Wasserhahn.
- 34. Sie füllt die Kanne mit Wasser.
- 35. Sabine schaut ihr zu. "Was machst du?", fragt sie. "Ich gieße die Pflanzen", sagt Emma.
- 36. Emma geht zu den Tomaten.
- 37. Sie gießt langsam.
- 38. Das Wasser geht in die Erde.
- 39. Sabine hilft ihr.
- 40. Sie arbeiten zusammen.
- 41. Es ist still im Garten.
- 42. Dann findet Emma ein kleines Notizbuch.
- 43. Es liegt auf dem Tisch in der Hütte.
- 44. Emma öffnet es.
- 45. Opa hat viele Notizen gemacht. "Tomaten: jeden Tag gießen", steht da. "Salat: nicht zu viel Wasser." "Blumen: am Sonntag düngen."
- 46. Emma liest alles.
- 47. Sabine liest auch. "Er hat alles aufgeschrieben", sagt Sabine.
- 48. Emma sagt: "Weil er wollte, dass jemand weitermacht."
- 49. Sabine schaut Emma an.
- 50. Sie sagt nichts.
- 51. Aber Emma weiß: Das stimmt.
- 52. Emma nimmt das Notizbuch mit nach draußen.
- 53. Sie stellt zwei Stühle in die Sonne.
- 54. Einen für sich und einen für Sabine.
- 55. Dann stellt sie noch einen dritten Stuhl hin.
- 56. Sabine fragt: "Für wen ist der dritte Stuhl?"
- 57. Emma überlegt kurz.
- 58. Dann sagt sie: "Für Opa."
- 59. Sabine nickt.
- 60. Sie setzen sich.
- 61. Die Sonne ist warm.
- 62. Die Tomaten wachsen.
- 63. Der dritte Stuhl ist leer.
- 64. Aber er steht da.
- 65. Emma hält das Notizbuch in der Hand.
- 66. Sie liest die Notizen noch einmal.
- 67. Sabine sagt: "Wir kommen jetzt jeden Sonntag." "Ja", sagt Emma. "Jeden Sonntag", sagt sie noch einmal.
- 68. Die rote Gießkanne steht neben Opas Stuhl.
- 69. Emma kommt morgen wieder.
- Das erste Brot
- 1. Heinrich ist am Dienstag früh gestorben.
- 2. Er war Bäcker, und die Bäckerei hat ihm gehört.
- 3. Tom hat den Anruf bekommen und ist sofort nach Triberg gefahren.
- 4. Seine Schwester Anna war schon da.
- 5. Die Beerdigung war am Freitag.
- 6. Es hat geregnet, aber nicht stark.
- 7. Der Pfarrer hat gesprochen, und viele Leute haben zugehört.
- 8. Anna hat geweint, aber Tom nicht.
- 9. Viele Leute kannte Tom nicht.
- 10. Sie waren Kunden der Bäckerei.
- 11. Eine ältere Frau hat eine Brezel auf den Sarg gelegt.
- 12. Tom hat sie angeschaut.
- 13. Anna hat gesagt: "Papa hat ihr jeden Morgen eine Brezel reserviert."
- 14. Tom hat das nicht gewusst.
- 15. Nach der Beerdigung sind sie zur Bäckerei gegangen.
- 16. Die Bäckerei war seit einer Woche geschlossen.
- 17. Anna hatte den Schlüssel.
- 18. Im Laden hat es nach Brot und nach Vanille gerochen.
- 19. Tom hat die Augen kurz geschlossen.
- 20. Dann hat er sie wieder aufgemacht.
- 21. Hinter der Theke hat Heinrichs Schürze gehangen.
- 22. Die Schürze war weiß mit einem blauen Rand.
- 23. Anna hat die Schürze angeschaut, aber sie hat sie nicht angefasst.
- 24. Tom ist hinter die Theke gegangen.
- 25. Er hat die Schürze genommen und angezogen.
- 26. Anna hat ihn angeschaut. "Was machst du?", hat sie gefragt. "Ich weiß es nicht genau", hat Tom gesagt.
- 27. Aber er hat die Schürze angelassen.
- 28. Im Backraum war alles noch da.
- 29. Die Formen, das Mehl und die großen Maschinen standen wie immer.
- 30. Tom hat den Ofen angemacht. "Willst du jetzt backen?", hat Anna gefragt. "Ja", hat Tom gesagt. "Am Abend?" "Ja."
- 31. Tom hat Mehl und Wasser und Salz genommen.
- 32. Er hat Teig gemacht, und Anna hat ihm geholfen.
- 33. Sie haben wenig gesprochen.
- 34. Tom hat die Hände in den Teig gelegt, und es hat sich gut angefühlt.
- 35. Nach einer Stunde war der Teig fertig.
- 36. Tom hat kleine Brötchen geformt. "Papa hat immer gesagt, Brötchen müssen rund sein", hat Anna gesagt. "Ich weiß", hat Tom gesagt.
- 37. Er hat die Brötchen auf ein Blech gelegt und in den Ofen geschoben.
- 38. Es hat nach frischem Brot gerochen.
- 39. Der Geruch hat sich im ganzen Laden verteilt.
- 40. Anna hat geweint, aber nur kurz.
- 41. Tom hat ihr die Hand gegeben.
- 42. Sie haben gewartet.
- 43. Nach zwanzig Minuten waren die Brötchen fertig.
- 44. Tom hat das Blech herausgenommen.
- 45. Er hat ein Brötchen aufgeschnitten und Butter darauf gemacht.
- 46. Dann hat er es auf einen kleinen Teller gelegt.
- 47. Den Teller hat er an die Ecke der Theke gestellt.
- 48. Das war immer Heinrichs Platz gewesen.
- 49. Anna hat das gesehen.
- 50. Sie hat nichts gesagt.
- 51. Aber sie hat auch ein Brötchen genommen und gegessen.
- 52. Tom hat gegessen.
- 53. Die Brötchen waren warm und gut.
- 54. Draußen war es schon dunkel.
- 55. Der Laden war jetzt hell und warm.
- 56. Anna hat gefragt: "Was machen wir morgen?"
- 57. Tom hat nachgedacht. "Wir machen auf", hat er gesagt. "Die Bäckerei?" "Ja."
- 58. Anna hat ihn angeschaut. "Kannst du das?" "Ich versuche es", hat Tom gesagt.
- 59. Er hat das letzte Brötchen auf Heinrichs Teller gelegt.
- 60. Das erste Brötchen war noch da.
- 61. Es war kalt geworden, aber niemand hat es weggenommen.
- 62. Tom hat das Licht im Backraum ausgemacht.
- 63. Im Laden hat er das Licht anlassen. "Damit man von draußen sieht, dass jemand da ist", hat er gesagt.
- 64. Anna hat genickt.
- Elfriedes Knopfdose
- 1. Nina fuhr noch am selben Morgen mit dem Zug von Stuttgart nach Erfurt.
- 2. Lutz hatte nur gesagt: "Oma ist heute Nacht eingeschlafen."
- 3. Eingeschlafen – das war das Wort, das er benutzte.
- 4. Nina hatte das Handy weggelegt und war eine Stunde später am Bahnhof gewesen.
- 5. Lutz wartete draußen vor dem Eingang, die Schultern hochgezogen.
- 6. Er winkte ihr zu. "Ich bin froh, dass du gekommen bist", sagte er.
- 7. Nina umarmte ihn kurz, und er ließ es geschehen.
- 8. Die Trauerfeier war klein, weil Elfriede das so gewollt hatte.
- 9. Keine Blumengestecke, keine Musik, keine langen Reden.
- 10. Der Pfarrer sprach zwanzig Minuten, dann war es vorbei.
- 11. Am Grab standen vielleicht dreißig Leute – Nachbarn, Freundinnen, Leute aus dem Chor.
- 12. Lutz stand ganz still, die Hände vor dem Bauch gefaltet.
- 13. Seine Augen waren rot, aber er weinte nicht.
- 14. Eine Nachbarin legte eine einzige gelbe Tulpe auf den Sarg.
- 15. Nina hatte nicht gewusst, dass das Elfriedes Lieblingsblume war.
- 16. Man vergisst vieles, wenn man zu lange wegbleibt.
- 17. Nach der Beerdigung fuhren sie mit dem Bus in die Johannesstraße.
- 18. Das Wohnhaus war ein grauer Plattenbau aus den Siebzigern.
- 19. Elfriede hatte dort vierzig Jahre lang gewohnt.
- 20. Im Fahrstuhl roch es nach Putzmittel und altem Teppich.
- 21. Lutz schloss die Wohnungstür auf, und beide blieben einen Moment im Flur stehen. "Ich war seit zwei Wochen nicht mehr hier", sagte Lutz leise.
- 22. Die Wohnung war ordentlich, fast wie immer.
- 23. Auf dem Küchentisch lagen drei Servietten, sauber gefaltet, und daneben stand ein leeres Glas.
- 24. Nina sah das Glas an.
- 25. Elfriede hatte jeden Abend ein Glas Wasser auf den Tisch gestellt, seit Nina denken konnte.
- 26. Lutz öffnete den Kühlschrank. "Sie hat letzte Woche noch eingekauft", sagte er.
- 27. Nina sah Karotten, eine halbe Sellerieknolle und ein Stück Fleisch in Folie.
- 28. Sie nahm die Karotten heraus und legte sie auf die Arbeitsfläche. "Ich mache die Suppe", sagte sie.
- 29. Lutz schaute sie an. "Welche Suppe?" "Die, die sie immer gemacht hat."
- 30. In der Schublade neben dem Herd fand Nina eine alte Rezeptkarte.
- 31. Die Schrift war klein und schief, mit Bleistift geschrieben. "Fleischbrühe mit Gemüse" stand oben drauf.
- 32. Darunter, in kleinen Buchstaben: "Nicht zu viel Salz, das schadet dem Herz."
- 33. Nina musste lachen.
- 34. Es war ein kurzes, echtes Lachen, das sie selbst überraschte.
- 35. Lutz lehnte an der Küchentür und sah ihr zu.
- 36. Nina schnitt die Karotten, und Lutz schälte den Sellerie.
- 37. Sie sprachen wenig, aber es war kein schlechtes Schweigen. "Sie hat immer gesagt, beim Kochen denkt man besser", sagte Lutz irgendwann. "Stimmt", sagte Nina.
- 38. Der Topf dampfte, und die Küche wurde langsam warm.
- 39. Es roch nach Brühe und nach den Sonntagen aus der Kindheit.
- 40. Nina stellte drei Teller auf den Tisch.
- 41. Lutz sah den dritten Teller an und schwieg. "Sie soll nicht alleine essen", sagte Nina.
- 42. Lutz nickte langsam und setzte sich.
- 43. Der dritte Platz blieb leer.
- 44. Sie aßen langsam, ohne Radio, ohne Fernsehen.
- 45. Die alte Küchenuhr tickte, die Elfriede seit dreißig Jahren hatte.
- 46. Lutz schöpfte sich noch einmal nach. "Es schmeckt fast genauso", sagte er. "Fast", sagte Nina.
- 47. Nach dem Essen blieben sie noch lange am Tisch sitzen.
- 48. Lutz holte eine Flasche Rotwein aus dem Schrank. "Sie hat den immer für Gäste aufgehoben", sagte er. "Dann sind wir heute Gäste", sagte Nina.
- 49. Lutz lachte kurz.
- 50. Er zog eine alte Schachtel unter dem Tisch hervor.
- 51. Darin lagen Fotos, Briefe und eine kleine runde Dose. "Was ist das?", fragte Nina.
- 52. Lutz öffnete die Dose.
- 53. Darin lagen Knöpfe – weiß, braun, rot, groß, klein, durcheinander. "Sie hat nie einen weggeworfen", sagte Lutz.
- 54. Nina griff in die Dose und nahm einen großen blauen Knopf heraus.
- 55. Vier Löcher, rau an den Rändern. "Der war an ihrer Sonntagsjacke", sagte Lutz.
- 56. Nina steckte ihn in ihre Jackentasche.
- 57. Sie redeten noch lange – über die Kindheit, über Elfriede, über Dinge, die sie lange nicht mehr besprochen hatten.
- 58. Als Nina ging, war es schon nach Mitternacht.
- 59. Sie stellte ihr Weinglas neben das leere Glas auf dem Tisch.
- 60. Lutz sah es und sagte nichts. "Ich rufe dich morgen an", sagte er.
- 61. Nina nickte und ging.
- 62. Im Fahrstuhl nach unten spürte sie den Knopf in der Tasche.
- Der letzte Herbst am Gasthof
- 1. Felix hatte den Anruf erwartet, und doch traf er ihn wie ein Schlag.
- 2. Sein Vater Otto war am Morgen gestorben, ruhig, in seinem Sessel, das Radio noch an.
- 3. Drei Stunden später saß Felix im Zug nach Garmisch.
- 4. Er schaute nicht aus dem Fenster.
- 5. Das kleine Dorf Unterbach lag am Ende einer Nebenstraße, hinter dem letzten Hang, den der Herbst schon kahl gefegt hatte.
- 6. Herta, seine Tante, stand am Tor des Gasthofs, als er ankam.
- 7. Sie war kleiner geworden, oder er hatte sie so in Erinnerung behalten – groß und laut und immer mit einem Handtuch über der Schulter.
- 8. Jetzt stand sie einfach da.
- 9. Sie sagte: „Er ist ohne Schmerzen gegangen."
- 10. Felix nickte.
- 11. Er wusste nicht, ob das ein Trost war oder nur ein Satz, den man sagt, weil man sonst nichts hat.
- 12. Die Beerdigung fand zwei Tage später statt, auf dem kleinen Friedhof am Waldrand.
- 13. Der Pfarrer kannte Otto gut und sprach nicht lange.
- 14. Er erzählte von einem Mann, der seinen Gästen immer ein zweites Glas hingestellt hatte, bevor sie darum baten.
- 15. Felix musste kurz lächeln.
- 16. Das stimmte.
- 17. Ein paar alte Männer aus dem Dorf standen am Grab, die Hüte in den Händen.
- 18. Der Regen kam leise, kaum zu hören.
- 19. Als der Sarg in die Erde kam, legte Herta eine Kastanie darauf – eine einzige, glänzend braun.
- 20. Niemand fragte warum.
- 21. Felix dachte: Weil Otto jeden Herbst Kastanien gesammelt hat, seit er denken kann, und niemand je wusste wozu.
- 22. Jetzt wusste er es.
- 23. Nach der Beerdigung gingen alle zusammen in den Gasthof.
- 24. Herta hatte Rinderbrühe gemacht, so wie Otto sie immer wollte.
- 25. Die alten Männer aßen schweigend und gingen früh.
- 26. Als der letzte Gast gegangen war, blieb Felix in der Gaststube sitzen.
- 27. Herta räumte die Teller ab, ohne ihn zu bitten, ihr zu helfen.
- 28. Sie kannte ihn gut genug.
- 29. Die Gaststube roch nach Holz und Bier und nach dem Tabak, den Otto geraucht hatte, obwohl er es seit Jahren aufgegeben hatte.
- 30. Manche Gerüche bleiben, auch wenn die Person weg ist.
- 31. Felix stand auf und ging hinter die Theke.
- 32. Er fand die Flasche Schnapps im zweiten Regal, genau da, wo sie immer gestanden hatte.
- 33. Er schenkte zwei Gläser ein und stellte ein drittes, kleines, an die Ecke der Theke – auf den Platz des Vaters, wo Otto immer gesessen hatte.
- 34. Herta sah es und sagte nichts.
- 35. Sie nahm ihr Glas und trank einen kleinen Schluck. „Er hätte dir das Doppelte eingeschenkt", sagte sie. „Ich weiß", sagte Felix.
- 36. Sie schwiegen eine Weile.
- 37. Felix schaute sich in der Gaststube um – die Holzvertäfelung, die alten Fotos an der Wand, das Regal mit den Bierkrügen, die niemand mehr benutzte.
- 38. Auf einem der Fotos sah man Otto als jungen Mann, lachend, ein Bierfass auf der Schulter.
- 39. Felix hatte das Foto noch nie wirklich angeschaut.
- 40. Er nahm es von der Wand.
- 41. Herta sagte: „Du siehst ihm ähnlich."
- 42. Felix legte das Foto auf die Theke, neben das Glas des Vaters. „Er hat nie gejammert", sagte Herta, während sie ein Tuch über die Tische zog, „nicht einmal am Ende."
- 43. Felix wusste das.
- 44. Sein Vater hatte Schmerzen gehabt, lange schon, aber er hatte weiter aufgemacht, weiter eingeschenkt, weiter zugehört.
- 45. Das war das Einzige, was er konnte, und es war genug.
- 46. Herta stellte sich neben Felix und sah auf das Foto. „Was machst du jetzt mit dem Gasthof?", fragte sie.
- 47. Felix schaute auf das dritte Glas, das unberührt an der Ecke stand. „Ich weiß es noch nicht."
- 48. Das war keine Ausrede.
- 49. Es war die Wahrheit, und Herta wusste das.
- 50. Sie sagte nichts weiter.
- 51. Später machte Felix das Licht in der Gaststube aus, aber er ließ die kleine Lampe über der Theke brennen.
- 52. Das hatte Otto immer so gemacht – damit man von draußen sieht, dass jemand da ist.
- 53. Draußen auf der Terrasse war es kalt, aber Felix setzte sich trotzdem auf die alte Bank unter dem Vordach.
- 54. Das Tal lag dunkel vor ihm, die Lichter des Dorfes klein und verstreut.
- 55. Die Berge dahinter waren nicht zu sehen, aber er wusste, dass sie da waren.
- 56. Herta brachte ihm eine Decke, ohne ein Wort.
- 57. Sie setzte sich neben ihn.
- 58. Eine Weile saßen sie so – in der Kälte, unter dem Tropfen des Dachs. „Weißt du noch", sagte Felix, „dass er uns früher immer hierhergebracht hat, wenn wir nicht schlafen konnten?"
- 59. Herta lachte leise. „Er hat gesagt, die Berge hören besser zu als die Menschen."
- 60. Felix nickte.
- 61. Er hatte das damals nicht geglaubt.
- 62. Jetzt saß er hier und dachte: Vielleicht stimmte es.
- 63. Die Berge standen wie immer.
- 64. Die Terrasse roch nach nassem Holz und Herbstlaub.
- 65. Felix holte die Schnapsflasche, die er mitgenommen hatte, und schenkte nach.
- 66. Das dritte Glas, das er aus der Gaststube mitgebracht hatte, stellte er auf das Geländer.
- 67. Er füllte es.
- 68. Herta sah ihn an und sagte nichts.
- 69. Felix hob sein Glas: „Auf den alten Narren."
- 70. Herta hob ihres.
- 71. Das dritte Glas stand auf dem Geländer, der Schnaps glänzte darin.
- 72. Der Wind kam von den Bergen, langsam und kalt, so wie immer in dieser Jahreszeit.
- Das Watt wartet nicht
- 1. Der Zug, der Kathrin durch das flache Marschland trug, fuhr seit einer Stunde gegen den Wind.
- 2. Drüben im Watt stand das Wasser, grau und reglos wie ein vergessenes Versprechen.
- 3. Sie sah hinaus.
- 4. Rolf hatte ihr drei Wörter geschrieben: Mutter.
- 5. Heute Nacht.
- 6. Komm.
- 7. Drei Wörter, wie er es immer tat – ohne Beiwerk, ohne Erklärung, als ob Kürze den Schmerz erträglicher machte, als ob Schweigen schützte.
- 8. Kathrin hatte das Handy beiseitegelegt und zwanzig Minuten lang die Deckenverkleidung angestarrt.
- 9. Husum empfing sie mit tiefhängendem Nebel und Rolf, der am Bahnhof stand, die Hände in den Taschen seiner Ölhaut.
- 10. Er nickte ihr zu.
- 11. Kein Wort, keine Umarmung – nur dieses Nicken, das seit Kindertagen bedeutete: Ich bin hier, es reicht.
- 12. Die Trauerfeier fand in der kleinen Backsteinkirche am Hafen statt, deren Turm Ingeborg Halm ihr ganzes Leben lang beim Frühstück gesehen hatte.
- 13. Der Pastor sprach über das Meer als Metapher, über Aufbruch und Wiederkehr, über Wasser, das trägt.
- 14. Rolf schüttelte kaum merklich den Kopf.
- 15. Kathrin verstand ihn: Ihre Mutter hatte das Meer nicht geliebt.
- 16. Sie hatte es respektiert, so wie man etwas respektiert, das einen täglich bedroht und ernährt zugleich.
- 17. Draußen regnete es waagerecht.
- 18. Der kleine Friedhof lag hinter der Kirche, eingezwängt zwischen alten Grabsteinen und dem Deich, auf dem der Wind heulte.
- 19. Als der Sarg hinabgelassen wurde, warf Rolf eine Handvoll Sand hinein – Wattschlick, den er morgens vom Hafensteg mitgebracht hatte, noch feucht, fast schwarz.
- 20. Kathrin fragte ihn nicht warum.
- 21. Sie wusste es.
- 22. Mutter hatte dort gestanden, jeden Morgen, solange ihre Knie es erlaubten, und das Wasser beobachtet, das kam und ging und nichts dafür wollte.
- 23. Nach der Bestattung gingen sie zu Fuß zurück – durch die leeren Gassen, vorbei an den Klinkerhaustüren, hinter denen das Leben weiterging.
- 24. Ein Hund bellte einmal, dann war er still.
- 25. Ingrid, die Nachbarin, drückte Kathrin ein Paket in die Hand: selbst gebackenes Graubrot und ein Glas Butterschmalz, weil das die Mutter immer gehabt haben wollte.
- 26. Kathrin hielt das Paket so, als ob es zerbrechlich wäre.
- 27. Das Elternhaus roch nach Teer und Lavendel, nach altem Holz und nach der Kälte, die kommt, wenn Räume nicht mehr beheizt werden, weil man wartet.
- 28. Rolf hatte den Ofen angemacht, bevor sie ankamen, aber die Wärme hatte noch nicht durchgegriffen.
- 29. Auf dem Küchentisch stand die Kaffeekanne, noch mit einem Rest von gestern.
- 30. Neben der Kanne stand eine Tasse.
- 31. Kathrin sah sie an: die weiße Tasse mit dem blauen Rand, die Mutter jeden Morgen benutzt hatte, seit Kathrin denken konnte.
- 32. Rolf hatte sie nicht weggeräumt.
- 33. Er hatte sie nicht einmal gespült.
- 34. Er setzte sich an den Tisch, ohne ein Wort.
- 35. Kathrin stellte die Kanne auf den Herd, obwohl der Kaffee vom Vortag war und nach nichts schmecken würde.
- 36. Das Aufwärmen war nicht für den Kaffee.
- 37. Als sie einschenkte – zwei volle Tassen und einen knappen Fingerbreit in die blaue Tasse der Mutter –, sah Rolf sie nicht an.
- 38. Aber er trank auch nicht, bevor die dritte Tasse stand.
- 39. Sie saßen lange so.
- 40. Einmal sagte Rolf: „Sie hat noch Freitagabend die Netze geflickt."
- 41. Kathrin nickte. „Die Nadel liegt noch in dem Korb, den du ihr zu Weihnachten geschickt hast."
- 42. Das war eine Anklage und keine, je nachdem wie man es hören wollte.
- 43. Kathrin ließ es stehen.
- 44. Aus der Schublade zog Rolf einen vergilbten Briefumschlag, dessen Inhalt er kannte, ohne hineinzusehen – die alte Seekarte der Bucht, handgezeichnet, von einem Vater, den keiner von ihnen je kannte.
- 45. Mutter hatte sie aufbewahrt, weil es das Einzige war, das von ihm geblieben war.
- 46. Kathrin streckte die Hand aus, nahm die Karte, legte sie ungeöffnet auf den Tisch.
- 47. Schweigen ist in manchen Familien keine Abwesenheit von Sprache, sondern deren dichteste Form.
- 48. Irgendwann – es war schon nach Mitternacht – stand Rolf auf und warf Holz nach.
- 49. Die Flammen schlugen kurz auf, dann legten sie sich. „Morgen früh fahre ich raus", sagte er, „du kannst mitkommen."
- 50. Es war keine Frage.
- 51. Kathrin sah auf die Tasse ihrer Mutter, die noch halb voll war und kalt. „Ja", sagte sie.
- 52. Das Boot roch nach Diesel und Salzwasser und nach dem alten Tau, das Rolf nie ersetzte, weil Mutter es eingeflochten hatte.
- 53. Sie fuhren hinaus, noch vor Sonnenaufgang, das Watt auf beiden Seiten flach und silbern.
- 54. Kein Wort fiel, während das Boot den Priel entlangglitt.
- 55. Kathrin stand am Bug, der Wind schlug ihr das Haar ins Gesicht, sie ließ es.
- 56. Rolf steuerte auswendig, die Augen auf Punkte gerichtet, die nur er kannte.
- 57. Irgendwo, wo das Wasser tiefer wurde und die Küste sich hinter dem Dunst verlor, drosselte er den Motor.
- 58. Das Boot schaukelte.
- 59. Rolf griff in seine Jackentasche und zog eine kleine Blechdose heraus.
- 60. Kathrin verstand sofort: das, was von Mutter übrig geblieben war, was man in eine Dose füllen und aufs Meer bringen konnte.
- 61. Kein Wort darüber war zwischen ihnen gewechselt worden, kein Plan gemacht.
- 62. Manche Dinge weiß man, ohne sie besprechen zu müssen, wenn man dieselbe Kindheit hatte.
- 63. Rolf öffnete die Dose.
- 64. Kathrin streckte die Hand aus.
- 65. Er schüttete die Hälfte in ihre Handfläche.
- 66. Sie standen so – nebeneinander, die Hände offen, das Boot schaukelnd –, bis der Wind drehte.
- 67. Dann ließen sie los.
- 68. Die Asche flog nicht weit.
- 69. Das Wasser nahm sie sofort.
- 70. Rolf schloss die leere Dose und steckte sie wieder in die Tasche. „Sie hat gesagt, das Watt gibt nichts zurück", sagte er. „Stimmt nicht", sagte Kathrin.
- 71. Rolf sah sie an, fragte nicht.
- 72. Sie drehte sich zum Wasser um: Das Watt gab alles zurück – nur anders, nur später, nur wenn man nicht mehr danach suchte.
- 73. Rolf ließ den Motor wieder an.
- 74. Sie fuhren zurück, gegen den Wind.
- 75. Zuhause brannte der Ofen noch.
- 76. Die blaue Tasse stand auf dem Tisch.
104
[Bearbeiten]- Das weiße Hemd
- 1. Anna ist nach Hause gekommen.
- 2. Sie hat einen Koffer mitgebracht.
- 3. Ihre Eltern wohnen in Landsberg.
- 4. Das Haus ist klein und weiß.
- 5. Die Mutter heißt Renate.
- 6. Renate steht an der Tür. „Anna!", sagt sie.
- 7. Sie umarmt Anna.
- 8. Der Vater ist bei der Arbeit.
- 9. Anna hat ihr altes Zimmer.
- 10. Das Bett ist noch das alte.
- 11. Sie stellt den Koffer auf den Boden.
- 12. Sie setzt sich auf das Bett.
- 13. Sie schaut aus dem Fenster.
- 14. Der Garten ist noch da.
- 15. Der Apfelbaum hat Äpfel.
- 16. Nichts hat sich verändert.
- 17. Am nächsten Morgen geht Anna in die Bäckerei.
- 18. Sie will Brot kaufen.
- 19. Die Bäckerei ist in der Hauptstraße.
- 20. Anna öffnet die Tür.
- 21. Sie sieht Peter.
- 22. Peter steht vor der Theke.
- 23. Er hat ein kleines Mädchen dabei.
- 24. Das Mädchen ist ungefähr zwei Jahre alt. „Hallo, Anna", sagt Peter.
- 25. Er ist überrascht. „Hallo, Peter", sagt Anna.
- 26. Das Mädchen schaut Anna an.
- 27. Es hat braune Augen. „Wie heißt du?", fragt Anna das Mädchen. „Lea", sagt Peter. „Sie heißt Lea Anna."
- 28. Anna hört das.
- 29. Sie sagt nichts.
- 30. Peter bezahlt sein Brot. „Kommst du kurz raus?", fragt er.
- 31. Anna nickt.
- 32. Draußen ist es kalt.
- 33. Peter hat eine Jacke.
- 34. Anna hat keine. „Wann bist du zurückgekommen?", fragt er. „Gestern", sagt Anna. „Wie war es im Kloster?" „Es war gut", sagt Anna. „Und dann bin ich gegangen."
- 35. Peter nickt.
- 36. Er schaut auf das Mädchen. „Ihr zweiter Name ist Anna", sagt er.
- 37. Anna schaut ihn an. „Warum?", fragt sie. „Ich habe immer an dich gedacht", sagt Peter.
- 38. Anna nickt langsam. „Sie ist hübsch", sagt Anna.
- 39. Sie geht.
- 40. Renate fragt nicht viel.
- 41. Das ist gut.
- 42. Anna geht in ihr Zimmer.
- 43. Sie denkt nicht an Peter.
- 44. Sie denkt an das Kloster.
- 45. Im Kloster ist es immer still.
- 46. Hier ist es auch still.
- 47. Aber es ist anders.
- 48. Am nächsten Morgen holt Anna das weiße Hemd aus dem Koffer.
- 49. Das Hemd hat sie im Kloster getragen.
- 50. Es ist ein bisschen schmutzig.
- 51. Anna wäscht es im Waschbecken.
- 52. Das Wasser wird grau.
- 53. Sie wringt das Hemd aus.
- 54. Dann legt sie es auf die Heizung.
- 55. Renate kommt herein.
- 56. Sie sieht das Hemd. „Was ist das?", fragt sie. „Ein Hemd aus dem Kloster", sagt Anna.
- 57. Renate nickt.
- 58. Sie geht wieder raus.
- 59. Anna trinkt Tee.
- 60. Das Hemd trocknet auf der Heizung.
- 61. Es ist weiß.
- 62. Anna lässt es dort.
- Die Schürze
- 1. Sara ist mit dem Zug nach Zirl gefahren.
- 2. Die Fahrt hat zwei Stunden gedauert.
- 3. Oma Hilde wohnt in einem kleinen Haus am Dorfrand.
- 4. Sara hat an der Tür geklingelt.
- 5. Oma Hilde hat sofort geöffnet. „Du bist endlich da!", hat sie gesagt.
- 6. Sie hat Sara umarmt und ins Haus geführt.
- 7. Das Haus war warm und hat nach Suppe gerochen.
- 8. Sara war müde, aber sie war auch froh.
- 9. Sie hat den Rucksack ins alte Zimmer gebracht.
- 10. Das Zimmer war klein, aber es war ordentlich.
- 11. Auf dem Bett lag eine braune Wolldecke von früher.
- 12. Sara hat sich aufs Bett gesetzt und aus dem Fenster geschaut.
- 13. Die Berge waren nah und haben grau ausgesehen.
- 14. Oma Hilde hat Tee gebracht. „Bist du hungrig?", hat sie gefragt. „Ja, ein bisschen", hat Sara gesagt.
- 15. Am nächsten Morgen ist Sara in den Dorfladen gegangen.
- 16. Sie hat Seife und Shampoo gebraucht.
- 17. Der Laden war klein, aber es gab alles.
- 18. Sara hat die Regale angeschaut, als sie Felix gehört hat.
- 19. Sie hat seine Stimme sofort erkannt.
- 20. Felix hat an der Kasse gestanden und mit der Verkäuferin geredet.
- 21. Neben ihm hat eine Frau gestanden, sie hatte ein Kind auf dem Arm.
- 22. Das Kind war ungefähr zwei Jahre alt.
- 23. Felix hat Sara gesehen.
- 24. Er ist ein bisschen rot geworden. „Hallo, Sara", hat er gesagt. „Hallo, Felix", hat Sara gesagt.
- 25. Sie hat das Shampoo fest in der Hand gehalten.
- 26. Felix hat Sara der Frau vorgestellt. „Das ist Lisa, meine Freundin", hat er gesagt.
- 27. Lisa hat kurz genickt. „Und das ist Mia", hat Felix gesagt.
- 28. Das Kind hat Sara neugierig angeschaut. „Hallo, Mia", hat Sara gesagt.
- 29. Das Kind hat gelacht.
- 30. Sara hat bezahlt und ist dann nach draußen gegangen.
- 31. Felix ist ihr gefolgt.
- 32. Lisa ist im Laden geblieben.
- 33. Draußen war es kühl und die Sonne hat auf die Berge geschienen. „Wie lange bist du schon zurück?", hat Felix gefragt. „Seit gestern", hat Sara gesagt.
- 34. Er hat genickt. „Und wie geht es dir?" „Gut", hat Sara gesagt. „Ich glaube schon."
- 35. Er hat gezögert, dann hat er gesagt: „Mias zweiter Name ist Sara."
- 36. Sara hat nichts gesagt.
- 37. Sie hat auf die Berge geschaut. „Warum?", hat sie dann gefragt. „Ich habe dich nicht vergessen", hat er gesagt.
- 38. Das war schwer zu hören. „Ich muss jetzt gehen", hat Sara gesagt.
- 39. Felix hat sie nicht aufgehalten.
- 40. Sara ist schnell nach Hause gegangen.
- 41. Oma Hilde hat gefragt: „Alles okay?" „Ja", hat Sara gesagt, aber das hat nicht ganz gestimmt.
- 42. Sie hat sich ins Zimmer gesetzt und die Tür zugemacht.
- 43. Sie hat nicht an Felix gedacht, sondern an das Kloster.
- 44. Sie hat an die Stille dort gedacht und an den langen Gang.
- 45. Hier gab es keinen langen Gang, und das hat ihr gefehlt.
- 46. Am nächsten Morgen hat Sara die weiße Schürze aus dem Rucksack geholt.
- 47. Die Schürze hat sie im Kloster immer in der Küche getragen.
- 48. Sie hat sie in der Spüle mit Handseife gewaschen.
- 49. Das Wasser ist grau geworden.
- 50. Dann hat sie die Schürze auf den Balkon gehängt.
- 51. Oma Hilde hat es gesehen. „Was ist das?", hat sie gefragt. „Eine Schürze vom Kloster", hat Sara gesagt.
- 52. Oma Hilde hat genickt und ist wieder hineingegangen.
- 53. Sara hat den Kaffee getrunken und die Schürze angeschaut.
- 54. Die Schürze hat im Wind ein bisschen gewackelt.
- 55. Sara wollte sie nicht wegwerfen.
- 56. Aber sie hat nicht gewusst, wohin damit.
- Die weiße Haube
- 1. Lena war mit dem Bus nach Duisburg gefahren, die Fahrt hatte fast drei Stunden gedauert.
- 2. In ihrem Rucksack hatte sie nur das Nötigste für die ersten Tage.
- 3. Ihre Tante Gerda wohnte in der Wanheimer Straße, im zweiten Stock eines alten Hauses.
- 4. Lena klingelte, und Gerda öffnete die Tür so schnell, als hätte sie nur darauf gewartet. „Ich hab schon auf dich gewartet", sagte Gerda.
- 5. Sie umarmte Lena kurz und ließ sie dann herein.
- 6. Die Wohnung roch nach Kaffee und dem alten Teppich, wie Lena es in Erinnerung hatte.
- 7. Lena stellte den Rucksack ab und schaute sich um, ohne etwas zu sagen.
- 8. An den Wänden hingen die gleichen Fotos wie früher.
- 9. Gerda hatte das Sofa als Bett vorbereitet, weil das Gästezimmer gerade renoviert wurde.
- 10. Lena setzte sich hin und betrachtete ein altes Foto, das sie als Kind zeigte. „Hast du Hunger?", fragte Gerda. „Nein, danke", sagte Lena, obwohl sie seit dem Mittag nichts gegessen hatte.
- 11. Am Abend wollte Lena an die frische Luft gehen.
- 12. Gerda erklärte ihr den Weg zum Rhein, und Lena machte sich allein auf den Weg.
- 13. Der Fluss lag schwarz und breit vor ihr, die Lichter der anderen Seite spiegelten sich im Wasser.
- 14. Die Luft roch nach Diesel und dem Fluss, und es war kälter als erwartet.
- 15. Ein Frachtschiff fuhr langsam am anderen Ufer entlang und verschwand in der Dunkelheit.
- 16. Lena blieb an der Reling stehen und schaute eine Weile auf das Wasser.
- 17. Dann hörte sie ein Lachen hinter sich, das sie sofort kannte.
- 18. Marco saß auf einer Decke am Ufer, neben einer Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm.
- 19. Lena erkannte ihn sofort, obwohl es schon dämmerte.
- 20. Vier Jahre änderten ein Gesicht nicht so sehr, wie sie gedacht hatte.
- 21. Er sah sie auch.
- 22. Er stand auf.
- 23. Lena überlegte kurz, ob sie einfach weitergehen sollte.
- 24. Aber er hatte sie schon gesehen, und es gab keinen Ausweg, der nicht unhöflich gewesen wäre. „Hallo, Lena", sagte er. „Hallo, Marco."
- 25. Er stellte sie der Frau vor. „Das ist Nadine", sagte er.
- 26. Nadine nickte in Lenas Richtung, aber sie lächelte nicht. „Und das hier ist Emma", sagte Marco und hob das Mädchen in die Höhe. „Emma Lena."
- 27. Lena betrachtete das Kind, das braune Augen hatte und lachte. „Warum?", fragte Lena.
- 28. Marco dachte kurz nach. „Weil ich es wollte", sagte er, und es klang einfacher als es war.
- 29. Lena schaute aufs Wasser und sagte nichts für eine Weile. „Sie ist hübsch", sagte Lena schließlich.
- 30. Nadine zog die Jacke des Mädchens zu und stand auf. „Wir müssen heim", sagte sie.
- 31. Dann gingen die beiden, ohne zu warten, bis Lena noch etwas gesagt hätte.
- 32. Lena blieb allein am Ufer, und das Wasser bewegte sich ruhig weiter.
- 33. Sie ging langsam zurück zu Gerda, der Weg schien länger als vorhin.
- 34. Gerda saß noch am Tisch und trank einen Tee, fragte aber nichts.
- 35. Das war das Richtige.
- 36. Lena schlief schlecht auf dem Sofa und hörte den Straßenverkehr draußen.
- 37. Sie dachte nicht an Marco.
- 38. Sie dachte an den Klostergarten, wo sie jeden Morgen eine halbe Stunde allein war.
- 39. Hier gab es keinen Garten.
- 40. Gehen war leicht, aber Ankommen war schwerer als sie gedacht hatte.
- 41. Am Morgen stand sie früh auf, bevor Gerda aufwachte.
- 42. Sie holte die weiße Haube aus dem Rucksack, die sie als Novizin getragen hatte.
- 43. Sie wusch sie in einer Schüssel mit kaltem Wasser und etwas Seife.
- 44. Dann legte sie die Haube auf das Fensterbrett, damit sie trocknen konnte.
- 45. Gerda kam in die Küche und sah die Haube auf dem Fensterbrett.
- 46. Sie stellte zwei Tassen auf den Tisch, ohne etwas zu fragen.
- 47. Das war das Klügste, was sie tun konnte.
- 48. Lena machte Kaffee und schaute auf die Straße hinunter.
- 49. Unten fuhr ein Lkw vorbei, der Lärm war kurz und dann weg.
- 50. Die Haube lag weiß auf dem grauen Fensterbrett.
- 51. Der Himmel über Duisburg war bewölkt, kein blauer Fleck.
- 52. Ein kalter Luftzug kam durch den Spalt des Fensters.
- 53. Die Haube bewegte sich leicht.
- 54. Sie war dünn und fast durchsichtig nach all den Jahren des Waschens.
- 55. Lena trank den Kaffee und schaute weiter.
- 56. Sie wusste noch nicht, was sie später damit tun wollte.
- 57. Sie konnte sie nicht wegwerfen.
- 58. Nicht heute.
- Das Kleid im Koffer
- 1. Maren kam mit dem Zug, und der Bahnhof war wie immer zu klein für die Koffer, die die Leute mitbrachten.
- 2. Ihr eigener Koffer war alt und rollte schief, weil ein Rad gebrochen war.
- 3. Sie zog ihn durch die Unterführung und roch das Meer, noch bevor sie es sah.
- 4. Kurt stand vor dem Ausgang, die Hände in den Taschen, der Kragen hochgestellt gegen den Wind.
- 5. Er hatte nicht gewinkt. „Der Zug hatte Verspätung", sagte Maren. „Ich weiß", sagte er. „Ich war trotzdem früh."
- 6. Sie gingen nebeneinander, ohne sich zu berühren.
- 7. Die Straße zur alten Fischergasse war so uneben wie früher.
- 8. Das Haus roch nach Öl und Salz und dem alten Linoleum im Flur, das Kurt nie ausgetauscht hatte.
- 9. Er hatte ihr altes Zimmer so gelassen, wie es war – das war seine Art von Willkommen.
- 10. Maren legte den Koffer auf das Bett, ohne ihn aufzumachen.
- 11. Sie setzte sich ans Fenster und sah auf den Hafen, wo die Kutter still im Wasser lagen.
- 12. Eine Möwe schrie einmal, dann war es still.
- 13. Kurt klopfte und fragte, ob sie Hunger hatte.
- 14. Sie sagte nein, obwohl sie seit dem Morgen nichts gegessen hatte.
- 15. Am Abend ging Kurt ins Hafenlokal, wie jeden Donnerstag.
- 16. Maren blieb eine Stunde allein, dann zog sie die Jacke an und folgte ihm.
- 17. Das Lokal war niedrig und warm, die Luft roch nach Frittierfett und nassem Holz.
- 18. Kurt saß an seinem Stammplatz, ein Glas Pils vor sich, und sprach mit dem Wirt.
- 19. Maren nahm einen Platz am Tresen und bestellte einen Tee, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte bestellen sollen.
- 20. Dann sah sie Stefan.
- 21. Er saß an einem der Ecktische, mit einer Frau, die Maren nicht kannte, und einem kleinen Jungen auf dem Schoß.
- 22. Der Junge schlief fast, der Kopf lag auf Stefans Schulter.
- 23. Stefan sah sie, und sein Gesicht veränderte sich kurz, bevor es wieder still wurde.
- 24. Er stand nicht auf.
- 25. Maren trank ihren Tee und bestellte einen Korn hinterher.
- 26. Später räumten die letzten Gäste das Lokal, die Stühle wurden hochgestellt, der Wirt wischte die Theke.
- 27. Kurt sagte ihr Bescheid und ging, weil er früh aufstehen musste.
- 28. Maren blieb noch, weil sie noch nicht nach Hause konnte.
- 29. Stefan brachte die Frau und den Jungen nach draußen, dann kam er zurück und setzte sich auf den Hocker neben ihr. „Ich hab nicht gewusst, dass du zurückkommst", sagte er. „Ich hab es selbst nicht lange gewusst."
- 30. Er bestellte auch einen Korn, aber er trank ihn nicht sofort. „Wie lange warst du weg?" „Drei Jahre und vier Monate."
- 31. Er nickte, als hätte er nachgezählt. „Und jetzt?" „Ich bin einfach zurück."
- 32. Der Wirt stellte die Gläser hoch und wartete, dass sie fertig waren.
- 33. Draußen war es windig und dunkel, die Laterne am Kai wackelte.
- 34. Stefan blieb stehen, die Hände in den Hosentaschen. „Er heißt Lars", sagte er. „Zweiter Vorname ist Maren."
- 35. Sie sah ihn an. „Das ist ungewöhnlich." „Petra hat es so gewollt."
- 36. Maren nickte langsam. „Warum hat sie es so gewollt?"
- 37. Stefan schwieg eine Weile, dann sagte er: „Weil sie weiß, wie es war."
- 38. Maren sah zum Wasser, wo die Kutter im Dunkeln lagen. „Er ist ein hübsches Kind." „Ja", sagte Stefan.
- 39. Er wartete, ob sie noch etwas sagte.
- 40. Sie sagte nichts mehr.
- 41. Sie gingen in verschiedene Richtungen.
- 42. Maren schlief schlecht, weil das Bett noch so war wie früher und das Rauschen des Meeres nachts lauter klang, als sie es in Erinnerung hatte.
- 43. Am Morgen stand sie früh auf, während Kurt noch schlief.
- 44. Sie öffnete den Koffer und holte das Kleid heraus – das weiße, das sie als Novizin getragen hatte, lang und gerade geschnitten, von der Reise leicht verknittert.
- 45. Sie wusch es in der Badewanne mit Handseife, und das Wasser wurde grau.
- 46. Sie wrang es aus und trug es in den Garten, wo die Leine zwischen zwei alten Pfählen hing.
- 47. Es war kaum Wind, aber das Kleid bewegte sich trotzdem, als würde es atmen.
- 48. Kurt kam mit zwei Tassen Kaffee in den Garten und sah das Kleid an der Leine.
- 49. Er sagte nichts.
- 50. Das war das Einzige, was er hätte sagen können.
- 51. Maren nahm den Kaffee und trank ihn, während das Kleid langsam trocknete.
- 52. Das Weiß des Stoffes war im Morgenlicht fast zu hell.
- 53. Sie würde es aufbewahren.
- 54. Sie wusste noch nicht wo.
- Der weiße Kittel
- 1. Franka kam an einem Donnerstag zurück, nicht am Sonntag, wie sie es angekündigt hatte.
- 2. Der Rucksack schleifte ihr am Rücken, der Riemen hatte eine rote Spur in die Schulter gebrannt.
- 3. Die Auffahrt zum Weingut war noch dieselbe, aber das Tor schien kleiner geworden, als hätte die Zeit daran gezogen.
- 4. Kathi stand an der Keltertür, einen Messbecher in der Hand, und sah sie kommen, ohne die Hand zu heben. „Du hättest anrufen können", sagte sie, als Franka nah genug war.
- 5. Franka antwortete nicht, weil es keine Antwort gab, die nicht gelogen hätte.
- 6. Kathi nahm ihr den Rucksack ab, um ihn wortlos ins Haus zu tragen.
- 7. Der Hof roch nach Most und Kompost und dem Schweiß des Augusts.
- 8. Franka stand eine Minute reglos auf dem Pflaster, bevor sie folgte.
- 9. Drinnen war das Licht dasselbe, das gelbe Nachmittagslicht durch die Weinreben, das sie seit ihrer Kindheit kannte.
- 10. Das Zimmer, das Kathi für sie herrgerichtet hatte, war klein – das ehemalige Vorratszimmer, weil ihr altes Zimmer jetzt vermietet wurde.
- 11. Auf dem Bett lag eine Decke, die Kathi offenbar aus dem Kloster bezogen hatte, schwer und gestärkt wie die des Dormitoriums.
- 12. Franka legte die Hand auf den Stoff, sagte nichts.
- 13. Das Kloster schickte einem seine eigenen Decken nach.
- 14. Am Abend war Weinfest.
- 15. Kathi hatte keinen Hinweis gegeben – entweder aus Rücksicht oder weil sie glaubte, Franka würde von selbst gehen.
- 16. Franka ging, weil sie nicht im Vorratszimmer sitzen wollte.
- 17. Der Festplatz war mit Lichterketten bespannt, die Tische standen eng, Fässer als Tresen, Gläser ohne Stiele.
- 18. Sie stand am Rand und trank einen Silvaner, den sie nicht schmeckte.
- 19. Benedikt sah sie zuerst, bevor sie ihn sah – das merkte sie daran, dass er für einen Moment aufhörte zu reden, bevor er weiterredete.
- 20. Er saß an einem der langen Tische, eine Frau neben ihm, und ein Kind auf dem Schoß, dessen goldene Haare im Schein der Lichterketten leuchteten.
- 21. Als ihre Blicke sich trafen, hob er die Hand, ein kleines, kaum lesbares Zeichen.
- 22. Sie nickte.
- 23. Er stand nicht auf.
- 24. Das Kind begann zu quengeln, er hob es hoch.
- 25. Franka schaute weg und sah auf den Hang, auf dem die Weinberge im letzten Licht standen, dunkelgrün und vollkommen, als hätten sie die Zeit angehalten.
- 26. Sie trank das Glas aus.
- 27. Jemand sprach sie an, ein Nachbar, der fragte, ob sie wieder für immer da sei.
- 28. Sie sagte: „Fürs Erste."
- 29. Der Nachbar nickte, als wäre das eine präzise Auskunft.
- 30. Später, als das Fest enger und lauter wurde, stellte Benedikt das Kind ab und kam doch herüber.
- 31. Er trug einen alten Wollpullover, den sie kannte – dunkelblau, am rechten Ärmel ein verblasster Fleck. „Franka", sagte er, nur das, wie eine Feststellung. „Benedikt", sagte sie genauso.
- 32. Er bestellte zwei Gläser, ohne zu fragen, stellte eines vor ihr ab. „Wie war es?"
- 33. Sie überlegte, welche Wahrheit von den verfügbaren er meinen könnte, und entschied sich für die knappste. „Still." „Und jetzt?" „Lauter."
- 34. Er lächelte kurz, das schiefe Lächeln, das an der rechten Seite früher anfing als an der linken.
- 35. Die Frau am Tisch sah herüber, blickte aber gleich weg, als hätte sie sich entschieden, nichts sehen zu wollen.
- 36. Franka fragte nach dem Kind. „Lotte", sagte er. „Sie wird im Oktober zwei."
- 37. Er trank. „Zweiter Vorname ist Franziska."
- 38. Franka hielt das Glas fest. „Warum?"
- 39. Er zuckte mit den Schultern, aber es war kein gleichgültiges Zucken. „Hanna wollte es", sagte er schließlich, und es klang so, als wäre das die Version, auf die er sich geeinigt hatte.
- 40. Franka stellte das Glas ab und sah zum Hang. „Sie ist hübsch." „Sie hat deinen Mund."
- 41. Das war zu viel, und Franka dachte, ohne es denken zu wollen: Wäre sie damals geblieben, hätte das Kind einen anderen zweiten Namen.
- 42. Franka sagte: „Grüß sie, wenn sie größer ist."
- 43. Dann ging sie.
- 44. Der Weg vom Festplatz zum Weingut war so kurz, dass es ihr fast ein Vorwurf schien.
- 45. Kathi saß noch in der Küche, die Hände um eine Tasse, die Augen halb geschlossen.
- 46. Franka setzte sich ihr gegenüber, ohne zu reden.
- 47. Sie saßen so, bis die Uhr halb zwölf zeigte.
- 48. Dann sagte Kathi: „Du schläfst jetzt."
- 49. Es war kein Vorschlag.
- 50. Franka schlief nicht.
- 51. Sie lag im Vorratszimmer und hörte den Most gären, das leise Gluckern aus dem Keller, der Klang, der das ganze Haus wie eine Lunge atmen ließ.
- 52. Sie dachte nicht an Benedikt.
- 53. Sie dachte an die Küche im Kloster, die Stille zwischen dem Morgengebet und dem Frühstück, die gewollte, geübte, konservierte Stille, die nicht Abwesenheit von Geräusch war, sondern Abwesenheit von Anspruch.
- 54. Es gab hier keinen Ort, der sie nicht ansprach.
- 55. Am Morgen holte sie den weißen Kittel aus dem Rucksack – den langen, leichten, den sie als Novizin täglich getragen hatte, Baumwolle, die oft gewaschen worden war, bis sie fast durchsichtig wirkte.
- 56. Sie breitete ihn auf dem Bügelbrett aus.
- 57. Das Bügelbrett hatte früher ihrer Mutter gehört, das Bein war mit einem Kabelbinder geflickt.
- 58. Sie bügelte den Kittel langsam, Bahn für Bahn, die Falten glättend, die er im Rucksack gesammelt hatte.
- 59. Das Bügeleisen zischte bei jedem Stoß.
- 60. Kathi kam herein, sah es, sagte nichts.
- 61. Das war das Klügste, was sie hätte tun können.
- 62. Franka hängte den Kittel auf einen Bügel am Fensterrahmen, nicht auf die Leine draußen.
- 63. Nicht weil sie ihn verbergen wollte.
- 64. Sondern weil sie noch nicht bereit war, ihn dem Wetter auszusetzen.
- 65. Er hing dort, während der Morgen ins Zimmer kam, und warf einen weißen Schimmer an die Decke.
- 66. Er würde eine Weile dort hängen.
105
[Bearbeiten]Das weiße Kleid
Clara kommt nach Hause. Sie hat drei Jahre in einem Kloster gelebt. Jetzt ist sie wieder in ihrer Stadt. Ihr Bruder Karl wartet am Bahnhof. Er hat ein Auto. „Hallo, Clara", sagt er. „Hallo, Karl", sagt sie. Sie fahren nach Hause. Das Haus ist klein und ruhig. Karl kocht Nudeln. Sie essen zusammen. Karl fragt nicht viel. Das ist gut, weil Clara nicht reden möchte. Nach dem Essen trinkt Karl ein Bier. Clara trinkt Wasser. Sie ist müde. Am Abend geht Clara in die Gaststätte. Die Gaststätte heißt „Zum goldenen Stern". Sie setzt sich an einen Tisch. Sie bestellt einen Tee. Es sind viele Leute da. Clara kennt einige von ihnen. Dann sieht sie Max. Max sitzt am Nebentisch. Er hat eine Frau dabei. Die Frau heißt Julia. Sie haben ein kleines Kind. Das Kind ist ein Mädchen. Das Mädchen schläft. Max hat Clara gesehen. Er steht auf und kommt zu ihr. „Hallo, Clara", sagt er. „Hallo, Max", sagt sie. Er setzt sich kurz zu ihr. „Das ist Julia, meine Frau", sagt er. Julia nickt, aber sie schaut weg. „Wie heißt das Mädchen?", fragt Clara. Max sagt: „Sie heißt Clara." Clara schaut das Mädchen an. Es schläft noch. „Sie ist hübsch", sagt Clara. Julia ruft Max. Er geht zurück. Clara trinkt ihren Tee. Die Gaststätte macht zu. Clara geht nach draußen. Draußen ist es kalt und dunkel. Max steht vor der Tür. Julia und das Kind sind schon weg. Clara bleibt stehen. „Warum heißt sie Clara?", fragt Clara. Max sagt: „Ich habe auf dich gewartet." Clara sagt nichts. Es ist still. „Du hast nicht geschrieben", sagt Max. „Nein", sagt Clara. „Gute Nacht, Max." „Gute Nacht." Clara geht nach Hause. In der Nacht schläft Clara nicht gut. Am Morgen steht sie früh auf. In ihrem Rucksack ist ein weißes Kleid. Das Kleid hat sie im Kloster getragen. Sie wäscht das Kleid mit Wasser und Seife. Dann hängt sie das Kleid auf die Leine. Die Leine ist im Garten. Der Wind bewegt das Kleid. Karl kommt aus dem Haus. Er hat zwei Tassen Kaffee. Er schaut das Kleid an. Er sagt nichts. Sie trinken zusammen Kaffee. „Ziehst du das Kleid wieder an?", fragt Karl. „Nein", sagt Clara. „Wirfst du es weg?" „Nein", sagt Clara. Karl nickt. Das weiße Kleid bewegt sich im Wind. Clara schaut zu. Sie bleibt lange im Garten stehen.
Die weiße Schürze
Anna ist mit dem Bus nach Husum gefahren. Vier Jahre lang hat sie in einem Kloster in Hamburg gewohnt. Jetzt ist sie wieder zu Hause. Ihre Schwester Inga hat vor dem Haus auf sie gewartet. Inga hat die Tür aufgemacht und gesagt: „Komm rein, ich habe Tee gemacht." Das Haus war warm und ruhig. Sie haben zusammen am Tisch gesessen und Tee getrunken. Inga hat nicht gefragt, warum Anna gegangen ist. Das war gut. In Annas Tasche war eine weiße Küchenschürze. Sie hat die Schürze im Kloster in der Küche getragen. Anna hat wenig gegessen, denn sie war müde. Nach dem Abendessen hat Inga Wein getrunken. Anna ist früh ins Bett gegangen. Am nächsten Abend ist Anna in das Café am Hafen gegangen. Das Café war klein, und es hat nach Kaffee und Kuchen gerochen. Anna hat sich an einen Tisch gesetzt und einen Tee bestellt. Draußen war das Meer grau, und die Möwen haben laut gerufen. Anna hat einige Leute im Café gekannt, aber sie hat niemanden angesprochen. Dann hat sie Sven gesehen. Er hat an einem Tisch mit einer Frau und einem Baby gesessen. Das Baby hat gelacht und die Hände bewegt. Sven hat Anna gesehen und ist zu ihr gekommen. „Hallo, Anna", hat er gesagt. „Hallo, Sven", hat sie gesagt. Er hat sich kurz zu ihr gesetzt. „Das ist Petra, meine Frau", hat er gesagt und auf die Frau gezeigt. Petra hat kurz genickt, aber sie ist sitzen geblieben. „Und das Baby?", hat Anna gefragt. Sven hat kurz gezögert. „Sie heißt Anna", hat er gesagt. Anna hat das Baby angeschaut. Das Baby hatte blaue Augen und hat gelächelt. „Sie ist süß", hat Anna gesagt. „Du hast mir nie geschrieben", hat Sven gesagt. „Aus einem Kloster schreibt man nicht so viele Briefe", hat Anna gesagt. Sven hat nichts gesagt. Petra hat gerufen, und Sven ist zurückgegangen. Anna hat noch einen Tee bestellt. Das Café hat um zehn Uhr geschlossen. Sven hat draußen vor der Tür auf Anna gewartet. Petra und das Baby waren schon weg. Es war kalt, und der Wind hat vom Meer geblasen. „Warum heißt deine Tochter Anna?", hat sie gefragt. „Ich habe auf dich gewartet", hat Sven gesagt. Das Meer war grau und laut. Anna hat nichts gesagt. „Gute Nacht, Sven." „Gute Nacht, Anna." Sie sind in verschiedene Richtungen gegangen. In dieser Nacht hat Anna nicht gut geschlafen. Am nächsten Morgen ist sie früh aufgestanden. Sie hat die weiße Schürze aus der Tasche geholt. Die Schürze war sauber, aber Anna hat sie trotzdem gewaschen. Sie hat die Schürze in der Küche mit Wasser und Seife gewaschen. Dann hat sie die Schürze auf die Leine im Garten gehängt. Der Wind hat die Schürze hin und her bewegt. Inga ist aus dem Haus gekommen. Sie hat zwei Tassen Kaffee mitgebracht. Inga hat die Schürze angeschaut, aber nichts gesagt. Sie haben zusammen Kaffee getrunken. „Ziehst du die Schürze wieder an?", hat Inga gefragt. „Nein", hat Anna gesagt. „Und wirfst du sie weg?" „Nein", hat Anna wieder gesagt. Inga hat genickt. Der Wind hat die Schürze immer noch bewegt. Anna hat lange zugeschaut. Sie wollte die Schürze nicht wegwerfen, aber sie wollte sie auch nicht anziehen. Das war schwierig. Inga hat ihre leere Tasse abgestellt und ist ins Haus gegangen. Anna ist noch lange im Garten gestanden. Die weiße Schürze hat sich im Wind bewegt.
Die weiße Haube
Luise stieg in Triberg aus dem Zug und blieb kurz auf dem Bahnsteig stehen. Es roch nach Harz und feuchter Erde, wie immer hier im Schwarzwald. Sie hatte fünf Jahre im Kloster verbracht, als Novizin der Franziskanerinnen in Freiburg. Vier Wochen vor der Profess hatte sie zur Oberin gesagt: „Ich gehe." Die Oberin hatte genickt und nichts gefragt. Jetzt trug Luise einen kleinen Rucksack, und darin lag die weiße Haube aus ihrer Novizenzeit. Werner wartete auf dem Parkplatz neben dem Bahnhof und aß ein Brötchen. Er umarmte sie kurz und sagte: „Komm, das Abendessen ist fertig." Sein Haus stand neben der Bäckerei, und im Flur roch es nach frischem Brot. Sie aßen zusammen Suppe, und Werner sprach über die Arbeit und den neuen Ofen. Er fragte nicht, warum sie das Kloster verlassen hatte. Das war gut. Nach dem Essen trank Werner ein Bier, während Luise Wasser trank und aus dem Fenster sah. „Willst du morgen beim Backen helfen?", fragte er. „Ja, gerne", sagte sie. Am nächsten Abend ging Luise allein in den Gasthof „Zur Linde", der am Ende der Hauptstraße lag. Sie wollte wissen, ob sie es noch konnte, einfach unter Leuten zu sitzen. Im Gasthof war es laut, die Tische waren voll, und jemand spielte Karten in der Ecke. Sie setzte sich an einen kleinen Tisch beim Fenster und bestellte einen Tee. Die Wirtin brachte ihn, ohne etwas zu sagen. Luise kannte die meisten Gesichter noch, aber sie sprach niemanden an. Dann sah sie Clemens. Er saß am Nebentisch mit einer jungen Frau und einem kleinen Mädchen. Das Mädchen schlief auf seinem Schoß. Clemens sah Luise auch und stand auf. Er kam zu ihr herüber und blieb vor ihrem Tisch stehen. „Luise", sagte er, „ich wusste nicht, dass du zurückkommst." „Ich auch nicht wirklich", sagte sie. Er setzte sich kurz zu ihr. „Das ist Heike, meine Frau", sagte er. Luise nickte in Richtung des Nebentisches. „Und das Mädchen?", fragte sie. Clemens räusperte sich. „Sie heißt Luise." Sie schaute zu dem Kind hinüber, das jetzt die Augen aufmachte. Das Mädchen sah sie an und lachte kurz. „Das war eine komische Entscheidung", sagte Luise. „Ja", sagte er, „vielleicht." Heike rief ihn, weil das Kind unruhig geworden war. Clemens stand auf und ging zurück, ohne sich umzudrehen. Luise trank ihren Tee aus und bestellte danach einen Schnaps. Als der Gasthof schloss, stand Clemens draußen vor der Tür. Heike und das Mädchen waren schon gegangen. Er rauchte und sah auf die dunkle Straße, als Luise herauskam. Sie blieb bei ihm stehen. „Warum hast du sie so genannt?", fragte sie. Er drückte die Zigarette auf dem Pflasterstein aus. „Weil ich gedacht habe, du kommst zurück." Luise sagte nichts darauf. Aus der Ferne hörte man Wasser, das über Steine lief. „Du hast mir nie geschrieben", sagte Clemens. „Man schreibt keine Briefe aus dem Kloster", sagte sie. Das stimmte nicht ganz, aber es war einfacher. Clemens nickte langsam. „Gute Nacht, Clemens", sagte sie. „Gute Nacht", sagte er. Sie gingen in verschiedene Richtungen, und Luise hörte seine Schritte, bis sie leiser wurden. In dieser Nacht schlief sie nicht gut, weil die Gedanken nicht aufhörten. Sie lag im alten Bett und hörte den Wind, der durch die Tannenbäume fuhr. Früh am Morgen, als Werner noch schlief, stand sie auf. Sie holte die weiße Haube aus dem Rucksack. Die Haube war sauber, aber sie wusch sie trotzdem. Sie wusch sie im Waschbecken mit kaltem Wasser und Seife. Dann trug sie die Haube in den Garten und hängte sie auf die Leine zwischen zwei Hemden. Der Wind kam vom Berg und war kalt. Er bewegte die Haube hin und her, als wäre jemand darin. Werner kam nach einer Weile aus dem Haus mit zwei Tassen Kaffee. Er stellte eine Tasse auf den Gartentisch, ohne etwas zu sagen. Sie standen nebeneinander und tranken. „Du wirst sie nicht mehr anziehen", sagte Werner schließlich. Es war keine Frage. „Nein", sagte Luise. „Und wegwerfen?" Sie schüttelte den Kopf. Werner stellte seine leere Tasse ab und sah noch einmal zur Haube. „Dann hängt sie halt", sagte er, und dann ging er zurück in die Bäckerei. Die weiße Haube bewegte sich im Wind, füllte sich mit Luft und fiel wieder zusammen. Luise schaute zu, bis der Kaffee kalt war.
Heimkehr im November
Veronika kam am Dienstagnachmittag in Krems an, als die Läden schon schlossen und die Straßen still wurden. Fünf Jahre hatte sie im Kloster verbracht, zuletzt als Novizin der Zisterzienserinnen in Heiligenkreuz. Sechs Wochen vor ihrer Profess hatte sie die Oberin gebeten, sie zu entlassen, und die Oberin hatte genickt, ohne lange zu fragen. Das war alles. Matthias wohnte am Stadtrand, in dem alten Reihenhaus, das der Vater ihnen hinterlassen hatte. Er stand an der Haustür, als sie die Auffahrt hinaufkam, die Arme vor der Brust verschränkt, aber das Gesicht nicht unfreundlich. „Du siehst müde aus", sagte er. „Ich bin müde", sagte sie. Er holte ihr Gepäck – eine Reisetasche und eine flache Schachtel, in der der weiße Leinenrock lag, den sie als Novizin getragen hatte. In der Küche roch es nach Zwiebeln und gebratenem Fleisch und dem Kaffee, der schon seit dem Morgen in der Kanne stand. Matthias machte neuen Kaffee, ohne zu fragen, ob sie welchen wollte, und sie trank ihn, obwohl sie sich an Tee gewöhnt hatte. Er fragte nicht, warum sie gegangen war, und das war von ihm das Klügste, was er hätte tun können. Veronika aß ein wenig von dem Brot, das er auf den Tisch gestellt hatte, und sah dabei aus dem Fenster auf den Garten. Der Garten war leer und grau, die Erde aufgebrochen vom Frost. Nach dem Essen stellte er zwei Gläser auf den Tisch und goss sich Wein ein; sie hielt ihr Glas hin. Am Abend wollte sie nicht allein sein, also ging sie in die Gaststube am Marktplatz, die noch so aussah wie früher. Sie setzte sich an einen Tisch beim Fenster, bestellte Mineralwasser und sah den Leuten zu, die hereinkamen. Die Decke war niedrig, die Lampen warm, und der Raum roch nach Bier und Holzfeuer. Veronika kannte einige der Gesichter, aber die meisten nur so ungefähr, wie man Dinge kennt, die man lange nicht gesehen hat. Tobias sah sie als Erster. Er saß mit seiner Frau an einem der Tische nebenan, und zwischen ihnen saß ein kleines Mädchen in einem roten Pullover, das mit einem Löffel auf den Tisch klopfte. Tobias stand auf und kam zu ihr herüber, ruhig, wie jemand, der sich schon lange auf diesen Moment vorbereitet hat. „Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen", sagte er. „Ich selbst auch nicht", sagte sie. Er zog den freien Stuhl heran und setzte sich, und für einen Moment war es still zwischen ihnen, obwohl der Raum laut war. „Das ist Lena", sagte er und zeigte auf die Frau am Nebentisch, die herüberblickte und kurz nickte. „Und das Kind ist Nora." Er räusperte sich. „Zweiter Vorname ist Veronika." Sie sah ihn an, ohne etwas zu sagen. „Das war eine seltsame Entscheidung", sagte sie schließlich. „Ja", sagte er. „Vielleicht." Lena rief ihn, weil das Mädchen den Löffel fallen gelassen hatte und anfing zu weinen. Tobias stand auf, nickte ihr zu und ging zurück. Veronika bestellte ein Glas Wein und trank es langsam, mit dem Blick auf die Tür. Draußen war der Marktplatz fast leer und der Abend kalt, wie es November eben ist. Tobias stand an einer der Säulen und rauchte; Lena und das Mädchen waren schon fort. Veronika blieb stehen, weil sie spürte, dass er noch etwas sagen wollte. „Du hast nie geantwortet", sagte er, ohne sie anzusehen. „Aus einem Kloster schreibt man keine Briefe", sagte sie. Das stimmte nicht ganz, aber es war einfacher als die Wahrheit. Er nickte langsam, wie jemand nickt, der eine Antwort nimmt, ohne ihr ganz zu glauben. „Wärst du geblieben, wenn ich noch länger gewartet hätte?" Veronika dachte einen Moment nach, bevor sie antwortete. „Ich weiß es nicht." „Das ist ehrlich", sagte er. Er warf die Zigarette fort und zog die Jacke enger um sich. „Gute Nacht, Veronika." „Gute Nacht." Sie gingen in verschiedene Richtungen, und keiner drehte sich um. In dieser Nacht schlief sie kaum, und als sie schlief, träumte sie nichts, was sie sich hätte merken können. Sie lag im Bett und hörte, wie Matthias in der Küche noch etwas aufräumte, dann Stille, dann den Wind. Am frühen Morgen, bevor das Licht kam, stand sie auf und öffnete die Schachtel. Der weiße Leinenrock lag zusammengefaltet darin, und er roch noch nach dem Kloster – nach Lavendel und altem Holz und etwas, für das sie keinen Namen hatte. Sie trug ihn in das Bad, wusch ihn mit kaltem Wasser und Kernseife, schrubbte den Stoff so lange, bis er sich anders anfühlte. Dann hängte sie ihn auf die Leine im Garten, zwischen zwei Betttüchern, die Matthias dort gelassen hatte. Der Wind war kalt und kam in unregelmäßigen Stößen vom Feld. Er blähte den Rock auf, zog ihn zur Seite, ließ ihn wieder fallen. Dann blähte er ihn erneut, als wäre jemand darin, der versuchte, eine Form anzunehmen. Aus dem Küchenfenster roch es nach frischem Kaffee. Matthias kam mit zwei Tassen in den Garten und stellte eine davon auf den kleinen Gartentisch, ohne ein Wort zu sagen. Er sah den Rock auf der Leine an, und Veronika sah ihn auch an. Sie tranken. „Wirst du ihn wieder tragen?", fragte er nach einer Weile. „Nein." „Und wegwerfen?" Sie schüttelte den Kopf. Matthias nickte, als hätte er das erwartet. Der Rock bewegte sich im Wind, füllte sich und leerte sich, füllte sich wieder. Veronika hielt die Tasse mit beiden Händen und ließ sich wärmen. Sie würde den Rock hängen lassen, so lange, bis sie wusste, was er bedeutete. Ob er eine Erinnerung war, ein Versprechen, das sie nicht gehalten hatte, oder einfach ein Stück Stoff. Matthias stellte die leere Tasse ab und ging ins Haus. Sie blieb stehen. Der Rock auf der Leine tanzte.
Das Tuch auf der Leine
Der Morgen, an dem Sorcha in Donegal ankam, roch nach Tang und nassem Schiefer und dem Salz, das der Wind vom Meer herüberblies. Sechs Jahre hatte sie im Kloster oberhalb von Killybegs verbracht – sechs Jahre des Schweigens, des Frühgebets, der langsam erlernten Kunst, mit wenig auszukommen. Einen Monat vor der Profess hatte sie der Priorin gegenübergestanden und gesagt, dass sie gehe. Kein Drama. Nur der Klang der eigenen Stimme, den sie in dem hohen Raum nicht wiedererkannte. Der Bus hatte sie bis Dungloe gebracht, von dort war sie gelaufen. Die Landschaft kannte sie noch, aber die Landschaft kannte sie nicht mehr. Pádraic stand am Tor, die Hände in den Taschen, das Gesicht gegen das Morgenlicht gedreht, als hätte er damit gerechnet, jemand anderen zu sehen. Er sagte: „Du bist da." Sie sagte: „Ja." Er nahm ihr die Tasche – eine einzige Leinentasche, darin kaum mehr als ein weißer Rock, zwei Bücher und das Breviar –, ohne zu fragen, ob sie sie tragen könne. Das Haus roch nach Kohle und altem Fett und dem Hund, der seit zwei Jahren tot war. Pádraic kochte Haferbrei, stellte zwei Schüsseln auf den Tisch, sagte nichts über die vergangenen sechs Jahre. Das war seine Art, rücksichtsvoll zu sein. Sorcha aß, trank Tee, sah auf die Felder, die ihr Vater bestellt hatte, bevor er krank wurde und starb. Am Abend war es Pádraic, der zu Hause blieb; Sorcha ging allein in das Pub. Sie wollte wissen, ob sie es noch konnte – ob ein Raum voller fremder Körperwärme und Stimmen sie nicht erdrücken würde. Das Pub lag am Ende der Hauptstraße, der Schank niedrig, die Balken vom Rauch der Jahrzehnte dunkel imprägniert. Sie setzte sich an den Tresen, bestellte Tee, trank ihn schwarz. Die Wirtin sah sie an, sagte dann nichts. Es gab wenige Menschen in dem Dorf, die Sorcha nicht kannte, und Ferdia gehörte nicht dazu. Sie erkannte sein Lachen, bevor sie ihn überhaupt sah – den breiten, etwas zu lauten Laut, den er immer dann ausstieß, wenn er nicht wusste, wohin mit sich. Er saß in der hinteren Ecke, einer Frau gegenüber, die Sorcha nicht kannte, und auf seinem Schoß schlief ein kleines Mädchen. Das Mädchen war vielleicht drei Jahre alt. Es schlief mit dem Mund halb offen und den Händen zu Fäusten geballt, wie Kinder schlafen, die sich im Schlaf noch gegen etwas wehren. Ferdia sah auf, bemerkte sie, versteifte sich für eine Sekunde. Dann nickte er, knapp, wie man jemandem nickt, den man irgendwann einmal gekannt hat. Sorcha wandte sich ab und bestellte einen Whiskey. Als sie hinausging, lehnte Ferdia an der Außenmauer, allein. Die Frau und das Kind waren fort. Er rauchte, sah aufs Meer, drehte sich um, als Sorcha die Tür hinter sich zuzog. „Ich wusste nicht, dass du zurückkommst", sagte er. „Ich auch nicht wirklich", sagte sie. Das war nicht gelogen, nur unvollständig. Er bot ihr keine Zigarette an; sie wäre froh gewesen, hätte er es getan. „Wie heißt deine Tochter?", fragte sie. Er zögerte eine Sekunde. „Aoibhe." Noch eine Pause. „Zweiter Vorname ist Sorcha." Die Wellen brachen unten gegen den Fels, gleichmäßig und gleichgültig. „Das war keine gute Idee", sagte sie. „Nein", sagte er. „Warum hast du es getan?" Er drückte die Zigarette am Mauerstein aus. „Ich dachte, du könntest zurückkommen." Das war etwas, das sie hätte wissen können und doch nicht gewusst hatte. „Gute Nacht, Ferdia", sagte sie. Er ließ sie gehen, ohne noch etwas zu sagen. Zu Hause schlief sie kaum. Sie lag auf dem alten Eisenbett und starrte die Risse im Deckenputz an, die sich nicht verändert hatten. Das Breviar lag auf dem Nachttisch; sie schlug es nicht auf. Irgendwann gegen vier hörte sie Pádraic husten – das zweimal abgebrochene Husten, das er seit Jahren hatte. Dann war es wieder still. Am frühen Morgen, als der Himmel noch das graugrüne Licht vor dem Morgengrauen trug, holte sie den weißen Rock aus der Tasche. Er war nicht schmutzig – aber sie wusch ihn trotzdem, wie man Dinge wäscht, von denen man nicht weiß, was man sonst mit ihnen tun soll. Das Emaillezuber stand noch an derselben Stelle wie immer, hinter der Stalltür. Sie goss kaltes Wasser hinein, löste Seifenflocken auf, schrubbte den Stoff so lang, bis ihre Hände kalt und rau waren. Dann hängte sie den Rock auf die Leine, zwischen den Betttüchern von Pádraic und einem alten Flanellhemd. Der Wind kam vom Meer, stark und wechselhaft. Er blähte den Stoff auf, zog ihn in die Form einer Gestalt, die niemanden darstellte und trotzdem aussah wie jemand – wie etwas, das sich in die Leere gedrängt hatte, um nicht nichts zu sein. Sorcha blieb stehen. Sie hörte Pádraic hinter sich – seine Schritte auf dem Kies, das Geräusch der Küchentür. Er kam heraus, eine Tasse in jeder Hand, stellte eine davon auf den Holzblock neben ihr ab. Lange sagte keiner von beiden etwas. „Du wirst ihn nicht mehr anziehen", sagte Pádraic schließlich. Es war keine Frage. „Nein." „Wegwerfen?" Sie schüttelte den Kopf. „Dann hängt er halt", sagte er. Sie tranken. Der Rock auf der Leine schlug gegen sich selbst, füllte sich, entspannte sich, schlug wieder. Er würde ihn aushöhlen, dachte sie – der Wind, die See, das Licht –, bis nur noch die Form übrig wäre, ohne Gewicht und ohne Inhalt. Oder er würde bleiben, so lange, bis er selbst vergaß, dass er einmal etwas bedeutet hatte. Pádraic trank seinen Tee aus, nickte ihr zu, ging zurück ins Haus. Sorcha blieb stehen. Der Rock tanzte.
106
[Bearbeiten]- Rosas Platz
- 1. Anni hat einen kleinen Kiosk.
- 2. Der Kiosk ist in Köthen.
- 3. Sie verkauft Zeitungen und Zeitschriften.
- 4. Rosa arbeitet mit ihr zusammen.
- 5. Rosa ist 63 Jahre alt.
- 6. Sie kommt jeden Morgen um sieben. „Guten Morgen, Anni", sagt Rosa.
- 7. Sie stellen die Zeitungen zusammen auf.
- 8. Herr Pohl kommt jeden Morgen um acht.
- 9. Er kauft immer eine Tageszeitung. „Eine Zeitung, bitte", sagt er.
- 10. Anni gibt ihm die Zeitung.
- 11. Er zahlt und geht.
- 12. Das ist jeden Morgen so.
- 13. Rosa macht Kaffee.
- 14. Sie reden ein bisschen.
- 15. Anni trinkt den Kaffee und wartet auf die nächsten Kunden.
- 16. Eines Tages liegt ein Brief an der Tür.
- 17. Anni liest den Brief.
- 18. Der Kiosk soll abgerissen werden.
- 19. Vielleicht im nächsten Jahr.
- 20. Rosa liest den Brief auch. „Das haben die früher auch gesagt", sagt Rosa.
- 21. Anni legt den Brief weg.
- 22. Herr Pohl kommt um acht.
- 23. Er kauft seine Zeitung.
- 24. Anni gibt sie ihm und sagt „Guten Tag".
- 25. Der Kiosk ist den ganzen Tag offen.
- 26. Im März kommt Rosa nicht zur Arbeit.
- 27. Anni wartet, aber Rosa kommt nicht.
- 28. Sie öffnet den Kiosk allein.
- 29. Rosa hat nicht angerufen.
- 30. Mittags ruft Rosas Sohn an.
- 31. Er sagt: „Rosa ist krank." „Was hat sie?", fragt Anni. „Das Herz", sagt er.
- 32. Anni sagt: „Ich wünsche ihr gute Besserung."
- 33. Nach der Arbeit fährt sie ins Krankenhaus.
- 34. Sie bringt eine Zeitung mit.
- 35. Rosa liegt im Bett.
- 36. Sie sieht Anni an. „Der Kiosk läuft noch", sagt Anni.
- 37. Rosa lächelt ein bisschen.
- 38. Anni sitzt eine Stunde bei ihr.
- 39. Dann fährt sie nach Hause.
- 40. Am nächsten Morgen öffnet sie den Kiosk allein.
- 41. Herr Pohl kommt um acht.
- 42. Er kauft seine Zeitung. „Und Ihre Kollegin?", fragt er. „Im Krankenhaus", sagt Anni.
- 43. Er nickt und geht.
- 44. Rosa ist vier Wochen später gestorben.
- 45. Anni hat es morgens erfahren.
- 46. Sie hat geweint.
- 47. Dann hat sie den Kiosk aufgemacht.
- 48. Ein Jahr ist vergangen.
- 49. Der Kiosk steht noch.
- 50. Den Abriss hat es noch nicht gegeben.
- 51. Anni öffnet jeden Morgen um sieben.
- 52. Sie stellt die Zeitungen allein auf.
- 53. Rosas Platz ist leer.
- 54. Aber Anni macht den Kaffee.
- 55. Herr Pohl kommt um acht.
- 56. Er kauft seine Zeitung. „Guten Morgen", sagt Anni. „Guten Morgen", sagt er.
- 57. Er zahlt und geht.
- 58. Anni trinkt ihren Kaffee.
- 59. Der Kiosk ist still.
- 60. Aber er ist offen.
- Gretes Tasse
- 1. Paula arbeitet in der kleinen Bücherei in Schwerin.
- 2. Die Bücherei ist in einem alten Haus in der Innenstadt.
- 3. Es gibt nicht viele Bücher, aber Paula kennt jedes davon.
- 4. Grete kommt jeden Morgen um acht.
- 5. Sie hat immer eine Tasche mit Äpfeln dabei. „Guten Morgen, Paula", sagt sie und stellt die Tasche ab.
- 6. Paula hat schon Kaffee gemacht.
- 7. Sie trinken Kaffee und sprechen über die neuen Bücher.
- 8. Frau Heinemann kommt dienstags und donnerstags.
- 9. Sie leiht immer drei Bücher aus. „Haben Sie etwas Neues?", fragt sie.
- 10. Paula sucht ein Buch heraus und erklärt, worum es geht.
- 11. Frau Heinemann nickt und nimmt das Buch.
- 12. Das machen sie seit vielen Jahren so.
- 13. Im März hat Paula einen Brief bekommen.
- 14. Die Bücherei soll schließen, steht im Brief.
- 15. Vielleicht im nächsten Jahr, aber vielleicht auch früher.
- 16. Grete hat den Brief auch gelesen. „Das wussten wir doch", sagt sie.
- 17. Paula legt den Brief in die Schublade.
- 18. Sie macht weiter, denn Frau Heinemann kommt um zehn.
- 19. Frau Heinemann bringt drei Bücher zurück und leiht drei neue aus. „Was passiert mit der Bücherei?", fragt sie. „Wir wissen es noch nicht", sagt Paula.
- 20. Frau Heinemann nickt und geht.
- 21. Grete macht Kaffee.
- 22. Sie sagen nichts mehr über den Brief.
- 23. Im April ist Grete nicht zur Arbeit gekommen.
- 24. Sie hat nicht angerufen.
- 25. Paula hat die Bücherei allein geöffnet.
- 26. Sie hat auch den Kaffee allein gemacht.
- 27. Mittags hat Gretes Sohn angerufen.
- 28. Grete ist krank – sie hat Krebs.
- 29. Paula hat gesagt: „Ich wünsche ihr alles Gute."
- 30. Dann hat sie aufgelegt und ist an ihren Tisch gegangen.
- 31. Sie hat ein Buch aufgemacht, aber nicht gelesen.
- 32. Am Nachmittag ist sie ins Krankenhaus gefahren.
- 33. Sie hat Äpfel mitgenommen, weil Grete die immer dabei hatte.
- 34. Grete hat im Bett gelegen und war sehr müde. „Wer macht den Kaffee?", hat Grete gefragt. „Ich", hat Paula gesagt.
- 35. Sie hat eine Stunde neben Grete gesessen.
- 36. Dann ist sie zurückgefahren.
- 37. Am nächsten Tag hat sie die Bücherei wieder allein geöffnet.
- 38. Grete ist zwei Monate später gestorben.
- 39. Paula hat es von Gretes Sohn erfahren.
- 40. Sie hat an dem Tag trotzdem die Bücherei geöffnet.
- 41. Frau Heinemann ist gekommen und hat Bücher ausgeliehen.
- 42. Sie hat nichts gefragt.
- 43. Ein Jahr später ist die Bücherei noch offen.
- 44. Die Stadt hat das Geld für die neue Bücherei noch nicht.
- 45. Der Brief liegt noch in der Schublade.
- 46. Paula öffnet jeden Morgen um acht.
- 47. Sie macht allein Kaffee – eine Tasse.
- 48. Auf dem Tisch steht noch Gretes Tasse, aber Paula benutzt sie nicht.
- 49. Frau Heinemann kommt noch dienstags und donnerstags.
- 50. Sie leiht immer noch drei Bücher aus.
- 51. Eines Tages bringt sie Äpfel mit. „Ich habe an Ihre Kollegin gedacht", sagt sie.
- 52. Paula nimmt die Äpfel und stellt sie auf den Tisch. „Danke", sagt sie.
- 53. Frau Heinemann sucht ihre Bücher aus.
- 54. Paula stempelt sie ab, wie immer.
- 55. Draußen ist es kalt.
- 56. Drinnen ist es warm.
- 57. Frau Heinemann geht.
- 58. Paula räumt die Bücher auf.
- 59. Dann setzt sie sich und trinkt ihren Kaffee.
- 60. Die Bücherei ist still.
- 61. Aber sie ist noch offen.
- Immer donnerstags
- 1. Werner Kühn öffnet das Kino jeden Dienstag um sieben, auch wenn nur zwei Karten verkauft sind.
- 2. Das "Lichtblick" liegt in einer Nebenstraße in Plauen, im Erdgeschoss eines alten Kaufhauses.
- 3. Die Leinwand ist klein, die Sitze sind aus den achtziger Jahren und quietschen beim Aufstehen.
- 4. Ilse kommt immer um halb sieben, meistens schon vor Werner.
- 5. Sie stellt die Kasse an und legt die Programmhefte aus, bevor Werner aus dem Vorführraum kommt. „Heute kommen vier Leute", sagt sie und zeigt auf den Zettel mit den Buchungen.
- 6. Werner nickt und geht zurück in den Vorführraum, um den Projektor zu prüfen.
- 7. Der Projektor ist alt, aber er läuft noch seit zweiunddreißig Jahren.
- 8. Herr Taubert kommt jeden Donnerstag, immer pünktlich, immer allein.
- 9. Er kauft eine Karte für die erste Reihe und trinkt eine Cola. „Was läuft heute?", fragt er, obwohl er das Programm schon kennt.
- 10. Ilse nennt den Filmtitel, ohne dabei zu lächeln, und Herr Taubert nickt.
- 11. Herr Taubert setzt sich, die Cola in der Hand, und wartet, bis es dunkel wird.
- 12. Werner läuft den Film an und schaut durch das kleine Fenster im Vorführraum.
- 13. Die vier Zuschauer sitzen weit auseinander, jeder auf seinem eigenen Platz im Saal.
- 14. Nach der Vorstellung trinken Werner und Ilse Tee in der Garderobe. „Wann kommt der nächste Film?", fragt Ilse, wenn die Kasse abgerechnet ist.
- 15. Werner nennt das Datum und schreibt es auf den Zettel neben der Kasse.
- 16. Das machen sie seit achtzehn Jahren so.
- 17. Eines Morgens lag ein Brief an der Tür.
- 18. Es war kein normaler Brief, denn er kam von der Stadtverwaltung.
- 19. Werner las ihn zweimal, dann steckte er ihn in die Jackentasche.
- 20. Das Gebäude sollte abgerissen werden, wahrscheinlich im nächsten Jahr.
- 21. Ilse kam herein und fragte, was für ein Brief das sei. „Nichts Neues", sagte Werner und steckte den Brief tiefer in die Tasche.
- 22. Ilse schaute ihn an, aber sie fragte nicht weiter.
- 23. Sie legte die Programmhefte aus und stellte die Kasse an.
- 24. Herr Taubert kam donnerstags, die Cola in der Hand, und setzte sich.
- 25. Das Kino lief weiter.
- 26. Im Februar blieb Ilse zum ersten Mal ohne Ankündigung weg.
- 27. Sie hat nicht angerufen, und das passierte noch nie.
- 28. Werner öffnete allein und stellte die Kasse an.
- 29. Er hat die Programmhefte ausgelegt, aber er wusste nicht genau, wo Ilse sie sonst hinlegte.
- 30. Mittags rief Ilses Tochter an – ihre Stimme klang ruhig.
- 31. Ilse lag im Krankenhaus, Herzinfarkt, seit gestern Nacht.
- 32. Werner sagte: „Ich komme heute Abend."
- 33. Er schloss nach der letzten Vorstellung ab und fuhr mit dem Bus ins Krankenhaus.
- 34. Ilse lag im Bett, blass, mit einem Schlauch unter der Nase. „Du hast die Hefte falsch hingelegt", sagte sie leise.
- 35. Werner lachte nicht, aber es wäre beinahe passiert.
- 36. Er saß eine Stunde neben ihr, dann fuhr er zurück.
- 37. Am nächsten Morgen öffnete er das Kino allein, ohne Ilse.
- 38. Ilse kam nicht mehr zurück.
- 39. Sie ist drei Wochen später gestorben, nachts, ohne dass Werner dabei war.
- 40. Ihre Tochter hat am Morgen angerufen, vor der ersten Vorstellung.
- 41. Werner legte auf und blieb eine Weile neben der Kasse stehen.
- 42. Dann lief er den Projektor an.
- 43. Herr Taubert kam donnerstags und setzte sich in die erste Reihe. „Und Ihre Kollegin?", fragte er einmal, als er bezahlte. „Die kommt nicht mehr", sagte Werner, ohne aufzusehen.
- 44. Herr Taubert nickte und ging ohne weitere Fragen in den Saal.
- 45. Ein Jahr später steht das Gebäude noch.
- 46. Der Abriss hat sich verzögert, weil die Stadt kein Geld für den Neubau hat.
- 47. Der Brief liegt noch in der Jackentasche – Werner hat ihn nicht mehr herausgenommen.
- 48. Er öffnet das Kino jeden Dienstag, auch wenn nur zwei Karten verkauft sind.
- 49. Es gibt jetzt eine Aushilfe, Melanie, zwanzig Jahre alt.
- 50. Sie legt die Hefte falsch hin, und Werner sagt nichts dazu.
- 51. Herr Taubert kommt noch, jeden Donnerstag.
- 52. Er fragt jetzt nicht mehr nach dem Film.
- 53. Er kauft seine Karte, setzt sich in die erste Reihe und wartet, bis es dunkel wird.
- 54. Eines Abends fragt Melanie: „Warum läuft das Kino noch?"
- 55. Werner überlegt kurz. „Weil der Donnerstag kommt", sagt er.
- 56. Melanie versteht das nicht, aber sie fragt nicht weiter.
- 57. Werner geht in den Vorführraum und läuft den Film an.
- 58. Das Licht geht aus.
- 59. Auf der Leinwand bewegt sich etwas.
- 60. Herr Taubert sitzt in der ersten Reihe, allein.
- 61. Der Projektor surrt.
- 62. Werner bleibt im Vorführraum und schaut durch das kleine Fenster.
- Noch offen
- 1. Inge Hartmann öffnet ihren Blumenladen jeden Morgen um acht, auch wenn der Lieferwagen noch nicht da ist.
- 2. Der Laden liegt im Erdgeschoss eines Plattenbaus in Gera-Lusan, zwischen einem Handyladen und einem Friseur, der seit Monaten geschlossen hat.
- 3. Marta kommt meistens zehn Minuten später, mit einem Rucksack und einer Thermoskanne.
- 4. Sie stellt die Kanne auf die Theke und fängt an, die Blumen zu gießen, ohne erst die Jacke abzulegen. „Die Tulpen hängen schon wieder", sagt Marta und schüttelt den Kopf.
- 5. Inge nimmt die schlechten Stängel heraus und legt sie in den Eimer hinter der Tür.
- 6. Sie bestellt die Blumen zweimal die Woche, aber manchmal kommt die Lieferung einen Tag zu spät.
- 7. Dann müssen sie mit dem arbeiten, was noch da ist.
- 8. Herr Döring kommt jeden Freitag um halb zehn.
- 9. Er kauft immer dasselbe: fünf Nelken, weiß, für das Grab seiner Frau.
- 10. Inge bindet sie mit grünem Band zusammen, ohne zu fragen, wie er sie haben will.
- 11. Das weiß sie seit drei Jahren. „Wird wärmer heute", sagt er und legt das Geld auf die Theke. „Wird es", sagt Inge, auch wenn das Thermometer draußen noch keine zehn Grad zeigt.
- 12. Marta gießt die Zimmerpflanzen im Schaufenster und summt dabei leise vor sich hin.
- 13. Herr Döring geht, Inge räumt die Kasse auf.
- 14. An einem Montag im April klebt ein Schreiben an der Eingangstür.
- 15. Es ist behördlich, auf festem Papier, mit Stempel und Datum.
- 16. Abbruchmaßnahmen seien geplant, steht dort, voraussichtlich ab Juni, der genaue Termin werde noch mitgeteilt.
- 17. Marta liest es über Inges Schulter. „Das haben die schon letztes Jahr gesagt", sagt Marta.
- 18. Inge nimmt das Schreiben ab und legt es in die Schublade unter der Kasse.
- 19. Dann macht sie weiter, weil um neun die erste Kundin kommt.
- 20. Es ist Frau Wenzel, die einen Strauß für ihren Mann zum Geburtstag bestellt hat.
- 21. Inge bindet den Strauß, während Marta das Seidenpapier hält.
- 22. Sie arbeiten gut zusammen – Marta weiß fast immer, was Inge als Nächstes braucht.
- 23. Das ist seit sieben Jahren so.
- 24. Im Mai bleibt Marta eines Morgens weg.
- 25. Keine Nachricht, kein Anruf – das ist ungewöhnlich, denn Marta ist immer pünktlich.
- 26. Inge ruft auf dem Handy an, aber niemand nimmt ab.
- 27. Sie öffnet den Laden allein und kocht sich Kaffee in der kleinen Küche hinter dem Lager.
- 28. Gegen zehn ruft Martas Tochter an.
- 29. Marta hatte in der Nacht einen Schlaganfall – sie liegt auf der Intensivstation in Gera.
- 30. Inge sagt: „Ich komme heute Abend."
- 31. Sie schließt mittags kurz zu, fährt mit dem Bus ins Krankenhaus und bringt ein kleines Töpfchen Veilchen mit.
- 32. Marta liegt im Bett, die Augen halb offen, der linke Mundwinkel hängt nach unten.
- 33. Sie kann nicht sprechen, aber sie schaut Inge an.
- 34. Inge stellt die Veilchen auf den Nachttisch. „Der Laden läuft", sagt Inge, obwohl das nicht ganz stimmt.
- 35. Sie sitzt eine halbe Stunde neben dem Bett, dann fährt sie zurück.
- 36. Am nächsten Morgen öffnet sie wieder allein.
- 37. Sie gießt die Tulpen, obwohl die Hälfte schon nicht mehr zu retten ist.
- 38. Herr Döring kommt Freitag und kauft seine fünf Nelken, wie immer. „Und Ihre Kollegin?", fragt er. „Im Krankenhaus", sagt Inge.
- 39. Herr Döring nickt und geht.
- 40. Marta stirbt drei Wochen später, an einem Dienstag.
- 41. Inge erfährt es über einen Anruf der Tochter, morgens um sieben, kurz bevor sie den Laden aufmacht.
- 42. Sie macht den Laden trotzdem auf.
- 43. Sie weiß nicht, was sie sonst tun soll.
- 44. Sie ordnet die Sträuße im Schaufenster neu, auch wenn niemand kommt.
- 45. Ein Jahr später steht der Block noch.
- 46. Die Abbruchmaßnahmen wurden mehrmals verschoben, zuletzt wegen Problemen bei einem Nachbarprojekt.
- 47. Das Schreiben unter der Kasse ist inzwischen vergilbt.
- 48. Inge öffnet den Laden jeden Morgen allein.
- 49. Sie hat eine neue Lieferantin gefunden, die freitags kommt statt mittwochs.
- 50. Die Blumen sind frischer als vorher.
- 51. Herr Döring kommt weiter jeden Freitag mit seinen fünf Nelken.
- 52. Manchmal bleibt er etwas länger, und sie reden über den Markt um die Ecke, der jetzt geschlossen hat.
- 53. Inge hat sich eine kleine Kaffeemaschine gekauft, für eine Tasse.
- 54. Sie stellt sie morgens an, während sie die Blumen gießt.
- 55. Die Thermoskanne steht noch auf dem Regal, leer.
- 56. Eines Morgens kommt eine junge Frau herein und fragt, ob Inge einen Strauß für eine Beerdigung binden kann.
- 57. Inge fragt, was die Person gemocht hat.
- 58. Die Frau sagt: „Weiß ich nicht genau – sie mochte es einfach."
- 59. Inge nimmt weiße Rosen, Lavendel und ein paar Zweige Eukalyptus.
- 60. Sie bindet den Strauß, ohne nachzufragen.
- 61. Die junge Frau schaut zu und sagt nichts.
- 62. Draußen ist der Himmel bewölkt, wie meistens in Gera im März.
- 63. Inge legt das Band um den Strauß und macht einen festen Knoten.
- 64. Die junge Frau nimmt die Blumen und geht.
- 65. Inge dreht sich um und gießt die nächste Pflanze.
- Das Leder hält
- 1. Gerhard Wuttke öffnet die Werkstatt täglich um halb acht, auch an Tagen, an denen der Himmel über Halle-Neustadt die Farbe nassen Betons hat.
- 2. Das Schloss der Stahltür hat einen Knick, der es erfordert, den Schlüssel gleichzeitig zu drücken und die Klinke nach unten zu ziehen – eine Geste, die er nicht mehr denkt.
- 3. Die Schuhmacherwerkstatt liegt im Sockelgeschoss eines elfgeschossigen Plattenbaus an der Magistrale, zwischen einem Nagelstudio ohne Kundschaft und einer Shisha-Bar, die erst abends öffnet.
- 4. Kurt ist fast immer schon da, wenn er kommt.
- 5. Er sitzt auf dem Drehhocker vor der Schleifmaschine, die Schürze umgebunden, und liest die Zeitung vom Vortag, die er aus dem Spätverkauf nebenan mitbringt. „Schon kalt heute", sagt Kurt, ohne aufzusehen.
- 6. Gerhard hängt den Mantel an den Haken hinter der Tür, wäscht sich die Hände mit dem Spülmittel, das er in Fünf-Liter-Kanistern kauft, weil der Duft von Parfüm ihn stört.
- 7. Dann stellt er die Heizung an – ein altes Quarzgerät, das surrt wie eine Kaffeemaschine im Leerlauf.
- 8. Der erste Auftrag liegt auf der Werkbank: ein Herrenstiefel, linkes Teil, die Naht an der Spitze gebrochen, der Name des Besitzers auf einem Zettel mit Tesafilm befestigt.
- 9. Kurt hat ihn gestern Abend noch angesehen, ohne ein Wort zu sagen.
- 10. Gerhard nimmt den Stiefel, dreht ihn im Licht der Arbeitslampe, prüft den Bruch mit dem Daumennagel.
- 11. Es ist Maschinennaht – das Garn billig, das Wachs längst ausgehärtet, ein Schaden, für den acht Euro genügen.
- 12. Er legt den Stiefel zurück, setzt Wasser auf, wartet.
- 13. Kurts Hände zittern seit dem Herbst leicht, wenn er die Feile ansetzt – er sagt nichts dazu, und Gerhard fragt nicht.
- 14. Frau Brandt kommt um neun, wie jeden Dienstag seit elf Jahren, mit einem Paar Damenpumps, die nie etwas brauchen.
- 15. Die Pumps sind in Ordnung; sie kommt, weil das hier das einzige Geschäft in der Ladenzeile ist, in dem noch mit jemandem geredet werden kann. „Der Neffe hat angerufen", sagt sie, während Gerhard die Absätze prüft, die er schon vor drei Wochen erneuert hat. „Was will der?" – „Nichts Besonderes."
- 16. Er poliert die Kappen, auch wenn sie keiner Politur bedürfen, weil das die Zeit füllt und weil Frau Brandt es so gewohnt ist.
- 17. Sie zahlt fünf Euro, die er nicht verlangt hat, und geht.
- 18. An einem Dienstag im März hängt ein Papier an der Scheibe – kein Zettel, sondern ein A4-Blatt mit Amtsstempel, laminiert, mit einem Kabelbinder befestigt.
- 19. Gerhard liest es dreimal, dann holt er seine Lesebrille, die er nie aufhat, und liest es ein viertes Mal.
- 20. Abbruchvorbereitung ab Mai, voraussichtlich, Abschluss der Maßnahme innerhalb von achtzehn Monaten, Ansprechpartner: eine Nummer, die niemand abnimmt.
- 21. Kurt kommt herein, die Tasche noch an der Schulter, liest über Gerhards Schulter mit. „Na ja", sagt Kurt.
- 22. Gerhard nimmt das Blatt ab, faltet es zweimal, legt es unter die Werkbank in die Schublade mit den alten Quittungsblöcken.
- 23. Dann macht er Kaffee und bringt Kurt eine Tasse, ohne gefragt zu haben.
- 24. Die Kunden kommen wie immer: ein Mann mit Wanderschuhen, deren Sohle sich ablöst, eine Frau mit einem Kinderschuh, den sie selbst repariert hat – falsch.
- 25. Gerhard arbeitet, Kurt schleift, die Heizung surrt.
- 26. Im April fehlt Kurt zum ersten Mal ohne Ankündigung.
- 27. Gerhard öffnet allein, stellt zwei Tassen Wasser auf, schüttet dann eine davon zurück.
- 28. Kurt ruft mittags an – Untersuchung im Krankenhaus, nichts Ernstes, er sei morgen wieder da.
- 29. Morgen kommt er nicht.
- 30. Auch übermorgen nicht.
- 31. Gerhard arbeitet durch – er schleift jetzt selbst, obwohl das Knie schmerzt, wenn er lange steht, und die Maschine einen anderen Anpressdruck verlangt, als er gewohnt ist.
- 32. Nach einer Woche ruft Kurts Frau an.
- 33. Sie sagt: Leber, Stadium drei, Chemotherapie wahrscheinlich, noch keine Gewissheit, man warte auf Befunde.
- 34. Gerhard sagt: „Schicken Sie ihm Grüße."
- 35. Er legt auf und steht dann eine Weile an der Werkbank, die Hände flach auf der Platte, ohne etwas zu tun.
- 36. Dann nimmt er einen Schuh.
- 37. Er fährt am Samstag mit der Tram ins Krankenhaus, eine Packung Tabak dabei, weil er nicht weiß, was man mitbringt, und Kurt früher geraucht hat.
- 38. Kurt liegt im Bett, dünner als zuletzt, das Gesicht gelblich im Licht der Neonröhre. „Den Tabak kannst du selber rauchen", sagt Kurt.
- 39. Gerhard setzt sich auf den Plastikstuhl neben dem Bett.
- 40. Sie reden über die Schleifmaschine, die Kurt immer für zu schwach gehalten hatte, und über den Wanderschuh vom letzten Dienstag, dessen Sohle sich nachgezogen hatte wie Kaugummi.
- 41. Dann ist es still.
- 42. Auf dem Nachttisch steht ein Glas Wasser und eine Packung Kekse, die niemand geöffnet hat.
- 43. Gerhard fährt nach einer Stunde zurück.
- 44. Er besucht Kurt noch zweimal – einmal im Mai, einmal im Juli, kurz vor dem Ende.
- 45. Im August stirbt Kurt, an einem Donnerstag, an dem in der Werkstatt ein einziger Auftrag liegt: ein Paar Kinderstiefelchen mit gebrochener Naht.
- 46. Gerhard macht am nächsten Morgen auf, wie sonst.
- 47. Er stellt eine Tasse Wasser auf, schüttet sie weg, macht eine neue.
- 48. Der Block steht noch im März des folgenden Jahres.
- 49. Die Abbrucharbeiten haben sich verzögert, wegen eines Rechtsstreits zwischen der Wohnungsgesellschaft und einem Investor, dessen Interessen nie ganz klar geworden sind.
- 50. Das laminierte Blatt an der Scheibe ist verblichen, die Telefonnummer des Ansprechpartners nicht mehr vergeben.
- 51. Gerhard öffnet die Werkstatt allein, dreht den Schlüssel mit dem gewohnten Druck, zieht die Klinke nach unten.
- 52. Er hat niemanden eingestellt – ein Aushilfsgesuch an der Scheibe hatte er hängen, bis der Wind es abriss.
- 53. Frau Brandt kommt seit Oktober nicht mehr; ihr Sohn hat sie nach Merseburg geholt.
- 54. Es gibt neue Kunden, jüngere, die Schuhe mitbringen, die er früher nicht gesehen hätte: Sneakers mit abgelösten Sohlen, Kunstleder, das klebt statt zu halten.
- 55. Er repariert sie trotzdem.
- 56. An einem Mittwoch im März kommt ein Mann um die Vierzig herein, Wanderstiefel, linke Sohle gespalten, und fragt, ob das noch zu machen sei.
- 57. Gerhard nimmt den Stiefel, dreht ihn im Licht. „Ja", sagt er.
- 58. Der Mann schaut sich um – den leeren Hocker, die Schleifmaschine, die zwei Haken an der Wand, von denen nur einer belegt ist. „Machen Sie das allein?" – „Ja."
- 59. Der Mann nickt, lässt den Stiefel da, geht.
- 60. Draußen fahren Autos vorbei, der Himmel ist grau, über den Plattenbau zieht eine Krähe in gerader Linie.
- 61. Gerhard setzt sich auf den Drehhocker, zieht die Nadel auf, beginnt zu nähen.
- 62. Die Schleifmaschine läuft nicht – er braucht sie heute nicht.
- 63. Stille, abgesehen vom Leder, das unter der Nadel leicht quietscht.
- 64. Er näht weiter.
107
[Bearbeiten]- Ein Zettel
- 1. Gerd Möller ist Wachmann.
- 2. Er passt auf eine alte Fabrik auf.
- 3. Die Fabrik hat früher Schuhe gemacht.
- 4. Jetzt ist die Fabrik leer.
- 5. Gerd kommt jeden Abend um acht Uhr.
- 6. Er setzt sich in die kleine Loge.
- 7. Er schaut auf die Monitore.
- 8. Alles ist dunkel und still.
- 9. Um zehn Uhr geht Gerd durch den Hof.
- 10. Er leuchtet mit der Taschenlampe.
- 11. Die Tore sind alle geschlossen.
- 12. Hier ist alles in Ordnung.
- 13. Dann geht er in die alte Halle.
- 14. Die alte Halle ist sehr groß und hoch.
- 15. Die Halle ist leer und dunkel.
- 16. Gerd hat früher hier gearbeitet.
- 17. Er hat Schilder und Zeichen auf Maschinen gemalt.
- 18. Das hat ihm gut gefallen.
- 19. Jetzt gibt es keine Maschinen mehr.
- 20. Gerd geht zurück in die Loge.
- 21. Er setzt sich auf den Stuhl.
- 22. Dann sieht er etwas auf dem Fensterbrett.
- 23. Es ist ein kleines Blatt Papier.
- 24. Er nimmt das Blatt und liest.
- 25. Da steht: „Hallo Papa.
- 26. Ich war heute hier.
- 27. Anna."
- 28. Das ist Annas Handschrift.
- 29. Anna ist Gerds Tochter.
- 30. Sie wohnt jetzt in Berlin.
- 31. Sie haben seit einem Jahr nicht gesprochen.
- 32. Gerd weiß nicht genau warum.
- 33. Er weiß nur, dass er traurig ist.
- 34. Er legt den Zettel auf den Tisch.
- 35. Er schaut den Zettel lange an.
- 36. Wie ist Anna hereingekommen?
- 37. Aber das Tor ist doch zu.
- 38. Das weiß Gerd leider nicht.
- 39. Vielleicht hat Anna noch einen alten Schlüssel.
- 40. Gerd schreibt in sein Heft: „Alles in Ordnung."
- 41. Aber das stimmt nicht wirklich.
- 42. Er trinkt noch einen Kaffee.
- 43. Gerd denkt die ganze Zeit an Anna.
- 44. Er fragt sich: Hat Anna die alte Halle gesehen?
- 45. Hat sie auf dem Hof gestanden?
- 46. Das weiß er leider nicht.
- 47. Um zwei Uhr geht Gerd noch einmal durch den Hof.
- 48. Auf dem Hof ist alles ruhig.
- 49. Dann kommt er zurück in die Loge.
- 50. Er setzt sich und wartet.
- 51. Die Nacht dauert noch lange.
- 52. Um sechs Uhr kommt der nächste Wachmann. „War alles gut?", fragt er. „Ja, alles gut", sagt Gerd.
- 53. Er gibt die Schlüssel ab.
- 54. Er zieht langsam die Jacke an.
- 55. Er steckt den Zettel in die Tasche.
- 56. Gerd geht jetzt nach Hause.
- 57. Die Stadt wacht langsam auf.
- 58. Ein paar Menschen gehen schon zur Arbeit.
- 59. Er geht ganz langsam die Straße entlang.
- 60. Er denkt immer noch an den Zettel.
- 61. Er denkt: Ich rufe Anna an.
- 62. Aber er ist nicht sicher.
- 63. Der Zettel bleibt einfach in der Tasche.
- 64. Das ist für heute genug, denkt er.
- Der Zettel auf dem Stuhl
- 1. Horst Bauer ist Wachmann auf dem alten Brauereigelände.
- 2. Er macht das schon seit drei Jahren.
- 3. Früher hat er hier in der Lagerhalle gearbeitet.
- 4. Er hat Kisten gestapelt und Waren kontrolliert.
- 5. Jetzt ist er für die Tore und die Kameras zuständig.
- 6. Das ist nicht sein Traumjob, aber es ist ein Job.
- 7. Siegfried macht immer die Tagschicht.
- 8. Um 20 Uhr kommt Horst an, und Siegfried wartet schon auf ihn. „Heute war nichts", sagt Siegfried. „Gut", sagt Horst.
- 9. Siegfried nimmt seine Tasche und geht.
- 10. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.
- 11. Horst will sich auf seinen Stuhl setzen.
- 12. Aber auf dem Stuhl liegt ein kleines Stück Papier.
- 13. Er hebt es auf und liest.
- 14. Da steht: „Hallo Papa.
- 15. Ich war kurz hier.
- 16. Tut mir leid. – Klaus."
- 17. Das ist die Handschrift von Klaus.
- 18. Klaus ist sein Sohn, und er wohnt in Frankfurt.
- 19. Sie haben sich seit zwei Jahren nicht getroffen.
- 20. Sie haben sich gestritten, denn Klaus wollte nicht mehr nach Erfurt kommen.
- 21. Seitdem haben sie kaum noch telefoniert.
- 22. Horst faltet den Zettel zusammen und steckt ihn in die Jackentasche.
- 23. Er schaut auf die Monitore, aber alles ist ruhig.
- 24. Dann geht er raus und kontrolliert das Gelände.
- 25. Alle drei Tore sind geschlossen und in Ordnung.
- 26. Er geht durch die alte Brauereihalle.
- 27. Die Halle ist groß und dunkel.
- 28. Es riecht noch ein bisschen nach Hopfen und altem Holz.
- 29. Horst hat diesen Geruch immer gemocht.
- 30. Früher hat man hier gutes Bier gebraut.
- 31. Dann ist die Brauerei geschlossen worden, und alles hat sich verändert.
- 32. Horst geht zurück in die Loge.
- 33. Er schreibt ins Logbuch: „Tor 1, 2, 3: kontrolliert, kein Befund."
- 34. Er trinkt Kaffee und hört Radio.
- 35. Die Musik ist leise, und auf dem Hof ist es ganz still.
- 36. In der Stille denkt er immer wieder an Klaus.
- 37. Hat Klaus durch die Fenster der Halle geschaut?
- 38. Hat er die alten Maschinen gesucht, die nicht mehr da sind?
- 39. Warum hat er nichts gesagt und ist einfach wieder gegangen?
- 40. Das kann Horst sich einfach nicht erklären.
- 41. Um zwei Uhr macht Horst noch einen Rundgang.
- 42. Auf dem ganzen Gelände ist alles ruhig und dunkel.
- 43. Er kommt zurück und setzt sich wieder hin.
- 44. Er schaut auf die Uhr: Es ist fast halb drei.
- 45. Die Nacht dauert noch lange.
- 46. Um halb sieben kommt Falk für die Frühschicht.
- 47. Falk ist jung und kommt immer mit dem Fahrrad. „War alles gut?", fragt er. „Ja, alles gut", sagt Horst.
- 48. Er gibt Falk die Schlüssel ab und geht dann.
- 49. Draußen ist es inzwischen hell und frisch.
- 50. Horst geht zur Straßenbahnhaltestelle.
- 51. Er greift in die Tasche und fühlt den Zettel.
- 52. Er lässt den Zettel einfach in der Tasche.
- 53. Die Straßenbahn kommt, und Horst steigt ein.
- 54. Er setzt sich ans Fenster und sieht auf die Häuser.
- 55. Er fragt sich, ob er Klaus anrufen soll.
- 56. Er hat seine Nummer noch im Handy.
- 57. Vielleicht ruft er Klaus heute Abend an.
- 58. Vielleicht macht er das aber auch nicht.
- 59. Der Zettel bleibt in der Tasche.
- Das Blatt im Schaltkasten
- 1. Werner Krause kam zehn Minuten früher als nötig zur Schicht.
- 2. Er hängte die Jacke an den Haken und schaute auf die Monitore.
- 3. Dieter saß noch in der Loge und hatte die leere Kaffeetasse vor sich. „Heute war nichts los", sagte Dieter und gähnte laut.
- 4. Werner nickte und zählte die Schlüssel auf dem Brett.
- 5. Alle zwölf Schlüssel hingen an ihrem Platz.
- 6. Dieter stand auf, zog seinen Mantel an und griff nach seiner Tasche. „Bis morgen", sagte er, ohne sich umzudrehen.
- 7. Werner nickte noch einmal, und Dieter ging ohne weiteres Wort.
- 8. Dann war Werner allein mit dem gleichmäßigen Summen der Leuchtstoffröhre.
- 9. Die Baumwollspinnerei in Chemnitz stand seit neun Jahren leer.
- 10. Werner hatte hier zwölf Jahre als Elektriker gearbeitet, bis das Werk schloss.
- 11. Jetzt arbeitete er für eine Sicherheitsfirma aus Köln, die das Gelände bewachte.
- 12. Er kannte jeden Schaltkasten und jede kaputte Leitung noch auswendig.
- 13. Das war vielleicht der Grund, warum er damals den Job bekommen hatte.
- 14. Die Firma zahlte neun Euro die Stunde, und das war nicht viel.
- 15. Um 22:00 Uhr machte Werner den ersten Rundgang.
- 16. Er nahm die Taschenlampe und ging durch Halle 1.
- 17. Die Fenster waren mit Draht gesichert, und der Boden war staubig.
- 18. Dann betrat er Halle 2, wo früher sein Arbeitsplatz gewesen war.
- 19. Dort standen nur noch leere Paletten und ein alter Handwagen.
- 20. Er leuchtete mit der Taschenlampe an die Wände und an die Decke.
- 21. Dann ging er zum Schaltkasten an der Nordwand.
- 22. Das machte er jeden Abend, obwohl seit Jahren kein Strom mehr floss.
- 23. Werner öffnete die Schalttafel und überprüfte die Sicherungen.
- 24. Dann sah er zwischen zwei Sicherungshaltern ein weißes, gefaltetes Blatt.
- 25. Er zog es heraus und faltete es auf.
- 26. Die Schrift war klein, mit dem großen „I", das immer etwas nach links kippte.
- 27. Da stand: „Ich war noch einmal hier.
- 28. Es war schön früher, oder? – I."
- 29. Er kannte diese Handschrift seit mehr als vierzig Jahren.
- 30. Es war die Handschrift seiner Schwester Inge.
- 31. Inge wohnte in Dortmund, wo sie seit der Wende in einer Versicherung arbeitete.
- 32. Sie hatten sich vor einigen Jahren gestritten und seitdem kaum gesprochen.
- 33. Werner wusste nicht mehr genau, worüber sie damals gestritten hatten.
- 34. Er schaute sich um, aber der Hof draußen war leer.
- 35. Auf keiner der Kameras war eine Bewegung zu sehen.
- 36. Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Brusttasche.
- 37. Dann schloss er die Schalttafel langsam wieder und trat einen Schritt zurück.
- 38. Im Logbuch schrieb er: „Halle 2 kontrolliert.
- 39. Kein Befund."
- 40. Das stimmte nicht ganz, aber er ließ es so stehen.
- 41. Er machte den zweiten Rundgang um Mitternacht und den dritten um 04:30 Uhr.
- 42. Werner trank kalten Kaffee und aß ein trockenes Brot dabei.
- 43. Er dachte an Inge, aber er kam zu keinem Schluss.
- 44. Wie hatte sie das Gelände betreten können, wenn das Tor doch abgeschlossen war?
- 45. Wahrscheinlich kannte sie noch den alten Weg durch den Hinterhof.
- 46. Das war der Weg, den früher alle Mitarbeiter des Werkes kannten.
- 47. Um 06:00 Uhr kam ein junger Mann für die Frühschicht.
- 48. Werner kannte ihn kaum und mochte ihn nicht besonders. „War alles ruhig?", fragte der junge Mann. „Ja", sagte Werner. „Alles ruhig."
- 49. Er gab die Schlüssel ab, unterschrieb die Übergabe und zog die Jacke an.
- 50. Dann ging er durch das Haupttor nach draußen.
- 51. Die Morgenluft war kalt und roch nach feuchtem Asphalt.
- 52. Werner ging zur Bushaltestelle, die dreihundert Meter entfernt war.
- 53. Er griff in die Brusttasche und spürte den Zettel, holte ihn aber nicht heraus.
- 54. Er dachte daran, ob er Inge anrufen sollte.
- 55. Er wusste nicht, was er ihr sagen würde, wenn sie sich meldete.
- 56. Schließlich kam der Bus, und Werner stieg ein.
- 57. Er setzte sich ans Fenster und sah auf die Stadt.
- 58. Manche Häuser waren frisch renoviert, manche noch wie früher.
- 59. Werner ließ den Zettel in der Brusttasche, und das fühlte sich richtig an.
- 60. So fuhr er durch die Stadt, und er dachte erst mal nicht weiter darüber nach.
- Was man nicht meldet
- 1. Rainer Schulz kommt um Viertel nach sieben zur Abendschicht.
- 2. Günter sitzt in der Loge, das Jackett über den Stuhl gehängt, und trinkt Tee aus einem zerbeulten Becher. „Na?", fragt Günter. „Na", sagt Rainer.
- 3. Das reicht als Übergabe.
- 4. Günter zieht das Jackett an, nimmt seine Tasche vom Haken und geht, ohne die Tür richtig zu schließen.
- 5. Der Wind drückt sie zu.
- 6. Rainer setzt sich, schiebt die Klappe des Logbuchs auf und trägt seinen Namen ein.
- 7. Die Fabrik wurde vor neun Jahren stillgelegt.
- 8. Früher haben hier sechshundert Leute Landmaschinen gebaut – Mähdrescher und Drillmaschinen für die Großbetriebe der DDR.
- 9. Rainer war Schweißer, Halle 3, sechs Jahre lang.
- 10. Jetzt bewacht er das Gelände für fünfzig Euro die Nacht, und das ist mehr, als er mit seinem letzten Job verdient hat.
- 11. Um 21:00 macht er den ersten Rundgang.
- 12. Er nimmt die Taschenlampe, obwohl die Außenleuchten brennen, weil er so etwas wie eine Routine braucht.
- 13. Tor A ist zu, Tor B ist zu, Tor C hängt schief in den Angeln, seit ein Lkw es vor zwei Jahren gestreift hat.
- 14. Die Sicherheitsfirma hat einen Reparaturauftrag gestellt, aber bisher ist niemand gekommen.
- 15. Rainer schüttelt kurz den Kopf und geht weiter.
- 16. Hinter Halle 2 steht noch der alte Kompressor auf einem Betonsockel, rostig, mit einem Warnschild, das sich halb abgelöst hat.
- 17. Rainer bleibt kurz stehen, nicht weil er den Kompressor interessant findet, sondern weil er an dieser Stelle immer stehenbleibt.
- 18. Er kann nicht erklären warum.
- 19. Vielleicht ist es der Geruch nach Öl und nassem Stein, der ihn jedes Mal kurz zurückwirft.
- 20. Er geht weiter, schreibt um 21:24 in das Logbuch: „Rundgang 1 abgeschlossen, kein Befund."
- 21. Dann gießt er sich Kaffee ein, stellt das Radio leiser und wartet auf die zweite Runde.
- 22. Kurz vor Mitternacht geht Rainer noch einmal raus.
- 23. Es hat angefangen zu regnen, leicht, und die Pfützen auf dem Hof leuchten schwach im Scheinwerferlicht.
- 24. Er geht zum Dienstwagen, einem alten Golf der Firma, der am Nebeneingang parkt, um den Kilometerstand zu notieren.
- 25. Da sieht er etwas unter dem Scheibenwischer: ein zusammengefaltetes Stück Papier.
- 26. Rainer holt es raus, faltet es auf.
- 27. Die Schrift ist klein und ordentlich, wie immer: „War kurz vorbei.
- 28. Wollte mal schauen. – P."
- 29. Peter.
- 30. Sein Bruder Peter, der 1991 nach Stuttgart gegangen ist und seitdem ein anderes Leben führt.
- 31. Sie telefonieren vielleicht zweimal im Jahr, meistens an Geburtstagen.
- 32. Die Stille, die nach dem letzten Streit Einzug gehalten hatte, war seither nie mehr ganz weggegangen.
- 33. Rainer schaut in den Hof.
- 34. Keine Bewegung, keine Kamera hat angeschlagen, kein Alarm ist losgegangen.
- 35. Er dreht das Blatt um – auf der Rückseite steht nichts.
- 36. Er steckt es in seine Jackentasche.
- 37. Im Logbuch schreibt er: „Rundgang 2, 23:58 – kein Befund."
- 38. Er weiß, dass das nicht stimmt.
- 39. Aber er weiß auch nicht, was er sonst schreiben sollte.
- 40. Die Nacht ist lang danach.
- 41. Rainer trinkt zu viel Kaffee, schläft nicht, schaut auf die Kameras, auf denen nichts passiert.
- 42. Er fragt sich, ob Peter durch das Haupttor gekommen ist oder über den Zaun an der Südseite, wo die Matten schon durchgerostet sind.
- 43. Er fragt sich, ob Peter die Hallen von innen gesehen hat oder nur durch die Fenster geschaut hat.
- 44. Dann fragt er sich, warum er das alles überhaupt fragt.
- 45. Um 06:30 kommt Marcus für die Frühschicht.
- 46. Marcus ist achtundzwanzig, immer gut gelaunt, immer mit Kopfhörern um den Hals. „Ruhige Nacht?", fragt er. „Wie immer", sagt Rainer.
- 47. Er gibt die Schlüssel ab, unterschreibt die Übergabe und geht.
- 48. Draußen ist es hell, obwohl noch früh.
- 49. Die Luft riecht nach Regen und Gras.
- 50. Rainer geht zum Bus, die Hände in den Taschen.
- 51. Die eine Hand umschließt den Zettel, ohne ihn zu zerdrücken.
- 52. Er denkt daran, dass Peter extra gekommen sein muss.
- 53. Stuttgart ist weit.
- 54. Wahrscheinlich war er wegen irgendetwas in Rostock und hat einen Umweg gemacht.
- 55. Aber er hat auch nicht geklingelt und nichts gesagt.
- 56. Er hat einen Zettel hinterlassen.
- 57. Der Bus kommt, Rainer steigt ein.
- 58. Er setzt sich ans Fenster und sieht auf die Stadt.
- 59. Die Wohnblöcke, die Brachen, der graue Morgen – er kennt das alles.
- 60. Rainer ist nicht sicher, ob er Peter anrufen wird.
- 61. Wahrscheinlich nicht.
- 62. Aber der Zettel bleibt in der Tasche.
- 63. Das ist für jetzt genug.
- Die Handschrift des Schweigens
- 1. Karl-Heinz Posselt, neunundfünfzig Jahre alt, ehemaliger Dreher im VEB Chemiefaserwerk Schwarza, betritt die Pförtnerloge um 21:48 Uhr.
- 2. Egon sitzt noch da, die leere Thermoskanne neben sich, das Gesicht gelb im Monitorlicht. „Heute war nichts", sagt Egon, ohne aufzublicken.
- 3. Karl-Heinz hängt die Jacke an den Haken, der schon seit Jahren schief sitzt, und antwortet nicht.
- 4. Die Monitore zeigen acht Bilder: leere Hallen, leere Höfe, ein paar Pfützen auf dem Asphalt, der seit der Wende niemand mehr erneuert hat.
- 5. Egon steht auf, knöpft seinen Mantel zu, grüßt mit einem Nicken und geht.
- 6. Das Surren der Leuchtstoffröhre ist das einzige Geräusch, das bleibt.
- 7. Karl-Heinz setzt sich, schiebt das Kontrollbuch zu sich hin, trägt Datum und Uhrzeit ein.
- 8. Er hat in dreizehn Jahren nie eine Zeile ausgelassen.
- 9. Das Nichtausfüllen eines Bogens wäre ihm vorgekommen wie das Eingeständnis, dass hier gar nichts mehr zu bewachen sei.
- 10. Das Radio läuft auf MDR Thüringen, irgendein Schlager aus den Siebzigern, den er nicht mehr benennen kann.
- 11. Er dreht es leiser, nicht aus.
- 12. Um 23:15 beginnt er den ersten Rundgang.
- 13. Die Taschenlampe – dieselbe seit fünf Jahren, nur die Batterie tauscht er einmal im Monat – leuchtet auf das nasse Pflaster.
- 14. Tor eins: geschlossen, Schloss in Ordnung.
- 15. Tor zwei: geschlossen.
- 16. Tor drei: die Kette hängt locker, wie immer, seit das Schloss im März klemmt und die Firma noch keinen Techniker geschickt hat.
- 17. Karl-Heinz zieht die Kette straffer, um wenigstens hier Ordnung zu halten, und prüft sie zweimal.
- 18. An der Außenwand der Halle B steht noch die Inschrift in verblassendem Rot: „Für Qualität – für den Plan – für uns alle."
- 19. Er liest sie nicht mehr; er weiß, was da steht.
- 20. Halle C ist sein Ziel.
- 21. Dort stand seine Drehbank – Standort 17, dritte Reihe von links, zweites Fenster –, bis man die Maschinen 1994 abtransportiert hat.
- 22. Heute stehen dort Europaletten mit Dämmplatten, die seit zwei Jahren niemand abgeholt hat.
- 23. Karl-Heinz setzt sich auf eine der Paletten, die er selbst so hingestellt hat, dass sie seine Knie tragen.
- 24. Die Taschenlampe legt er auf den Boden, den Strahl an die Decke gerichtet, wo früher die Schichttafel hing.
- 25. Er sitzt zwölf Minuten.
- 26. Er zählt nicht, er weiß es trotzdem.
- 27. Auf dem Rückweg zur Loge – es ist kurz nach Mitternacht, die Luft riecht nach feuchtem Beton und irgendwas Verbranntem aus dem Nachbargelände – bleibt er am zweiten Tor stehen.
- 28. In der Kette hängt etwas, das vorhin nicht da war: ein zusammengefalteter Zettel, in die Kettenlasche gesteckt.
- 29. Karl-Heinz faltet ihn auf.
- 30. Kugelschreiber, blaue Tinte, wenige Wörter: „Ich war hier.
- 31. Hab mich umgeschaut.
- 32. Macht das Tor mal zu. – M."
- 33. Das weite, fast geschwungene „M" kennt er seit dreißig Jahren.
- 34. Es ist Maikes Handschrift.
- 35. Er hatte nicht gedacht, dass sie wissen würde, wo das Werk liegt – und erst recht nicht, dass sie kommen würde.
- 36. Maike lebt in Köln, ist Logistikerin bei einem Pharmaunternehmen, hat zwei Kinder, die Karl-Heinz noch nie gesehen hat.
- 37. Der Bruch, der beim Begräbnis der Mutter entstanden war, wurde danach von keiner Seite mehr berührt.
- 38. Karl-Heinz schaut sich um: der Hof ist leer, die Kameras zeigen keine Bewegung.
- 39. Er faltet den Zettel wieder zusammen, zweimal, dann noch einmal.
- 40. Er schiebt ihn in die Innentasche seiner Uniformjacke, neben den Ausweis.
- 41. Im Logbuch steht um 00:31: „Rundgang abgeschlossen.
- 42. Kein Befund."
- 43. Das stimmt nicht ganz.
- 44. Aber er hat keine Rubrik für das, was er gefunden hat.
- 45. Die Nacht geht weiter: zweiter Rundgang um 03:00, dritter um 05:30.
- 46. Karl-Heinz trinkt den Kaffee aus der Thermoskanne, der mittlerweile kalt und bitter ist, und isst zwei Scheiben Brot, die er morgens in Frischhaltefolie gewickelt hat.
- 47. Er denkt nicht an Maike.
- 48. Er denkt an sie so, wie man an einen Schmerz denkt, den man schon lange kennt: man weiß, dass er da ist, ohne ihn jeden Moment zu spüren.
- 49. Um 06:03 kommt die Frühschicht – Tobias, dreiundzwanzig, Glatze, Ohrring, immer zu spät und immer mit dem Handy in der Hand. „Alles klar?", fragt Tobias, ohne die Augen vom Display zu heben. „Klar", sagt Karl-Heinz.
- 50. Er übergibt die Schlüssel, die Kontrollliste, den Stift.
- 51. Tobias unterschreibt, ohne zu lesen.
- 52. Karl-Heinz zieht die Jacke an, die schwer ist wegen des Zettels, obwohl ein Zettel natürlich kein Gewicht hat.
- 53. Er geht durch das Haupttor, dreht sich noch einmal um.
- 54. Die Hallen stehen still im Morgenlicht, das jetzt gerade über die Dächer kommt.
- 55. Tor zwei ist geschlossen, die Kette hängt richtig.
- 56. Die Bushaltestelle ist dreihundert Meter entfernt.
- 57. Der Bus kommt in siebzehn Minuten, das weiß er auswendig.
- 58. Karl-Heinz steht an der Haltestelle, die Hände in den Jackentaschen, und fasst den Zettel nicht an.
- 59. Er denkt daran, was Maike gesehen haben könnte, als sie durch das Gelände gegangen ist.
- 60. Ob sie die Inschrift an Halle B gelesen hat.
- 61. Ob sie an Standort 17 gestanden hat.
- 62. Ob sie gewusst hat, dass er jetzt hier Wache schiebt, auf dem Gelände, das einmal sein Leben gewesen ist.
- 63. Der Bus kommt.
- 64. Karl-Heinz steigt ein, setzt sich ans Fenster.
- 65. Die Platte, in der er wohnt, ist siebenundzwanzig Minuten entfernt.
- 66. Er schläft nicht im Bus, obwohl er müde ist.
- 67. Er schaut auf die Stadt, die beim Fahren nicht schöner wird.
- 68. Der Zettel liegt in der Jacke.
- 69. Er wird ihn nicht rausholen.
- 70. Er wird ihn auch nicht wegwerfen.
- 71. Das ist alles, was er tun kann, und er weiß, dass es genug ist.
108
[Bearbeiten]- Hertas Bank
- 1. Herta ist 72 Jahre alt.
- 2. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in Magdeburg.
- 3. Jeden Samstag geht sie in den Park.
- 4. Der Park liegt fünf Minuten von ihrer Wohnung entfernt.
- 5. Dort gibt es einen Teich.
- 6. Herta füttert die Enten.
- 7. Sie bringt immer altes Brot mit.
- 8. Die Bank am Teich ist ihr Platz.
- 9. Sie sitzt dort seit vielen Jahren.
- 10. Es ist eine Holzbank unter einem großen Baum.
- 11. Herta setzt sich immer auf die linke Seite.
- 12. An einem Samstag im April ist jemand auf der Bank.
- 13. Ein Mann sitzt dort mit einem kleinen Jungen.
- 14. Herta bleibt stehen.
- 15. Der Mann schaut sie an und lächelt. „Guten Morgen", sagt er. „Guten Morgen", sagt Herta.
- 16. Sie schaut auf die Bank.
- 17. Es ist kein Platz mehr frei.
- 18. Sie sagt nichts.
- 19. Sie geht weiter.
- 20. Am anderen Ende des Teiches ist ein freier Platz.
- 21. Sie setzt sich auf eine Mauer.
- 22. Die Mauer ist kalt und hart.
- 23. Herta wirft das Brot ins Wasser.
- 24. Die Enten kommen sofort.
- 25. Der Junge sieht die Enten und ruft.
- 26. Er hat auch Brot dabei.
- 27. Er wirft es weit ins Wasser.
- 28. Die Enten schwimmen zu ihm.
- 29. Herta schaut hinüber.
- 30. Der Junge lacht.
- 31. Der Mann sagt: „Nicht so viel auf einmal!"
- 32. Herta schaut wieder auf ihr Wasser.
- 33. Dort sind noch zwei Enten.
- 34. Sie wirft das letzte Brot.
- 35. Dann steht sie auf.
- 36. Sie geht nach Hause.
- 37. Zu Hause zieht sie die Jacke aus.
- 38. Sie setzt sich an den Küchentisch.
- 39. Sie macht sich Tee.
- 40. Sie wartet, bis das Wasser heiß ist.
- 41. Dann trinkt sie.
- 42. Durch das Fenster sieht sie einen Baum.
- 43. Die Blätter sind noch klein.
- 44. Es ist still in der Wohnung.
- 45. Sie denkt an die Bank.
- 46. Sie denkt: „Das ist meine Bank."
- 47. Dann trinkt sie den Tee aus.
- 48. Sie steht auf und spült die Tasse.
- 49. Am nächsten Samstag geht Herta wieder in den Park.
- 50. Sie hat Brot dabei.
- 51. Es ist ein schöner Morgen.
- 52. Die Bank ist frei.
- 53. Herta setzt sich auf die linke Seite.
- 54. Das Wasser ist ruhig.
- 55. Zwei Enten schwimmen nah am Ufer.
- 56. Herta wirft ihnen Brot.
- 57. Die Enten kommen näher.
- 58. Herta sitzt da und schaut.
- 59. Es ist wie immer.
- 60. Sie denkt kurz an den Jungen.
- 61. Der Junge ist letzte Woche hier gewesen.
- 62. Herta weiß nicht, ob er wiederkommt.
- 63. Sie wirft noch etwas Brot.
- 64. Die Enten fressen.
- 65. Die Sonne ist warm.
- 66. Herta sitzt auf ihrer Bank.
- Ernsts Tisch
- 1. Ernst Fischer ist 67 Jahre alt und seit drei Jahren in Rente.
- 2. Jeden Morgen geht er um acht Uhr zur Bäckerei Huber.
- 3. Er kauft zwei Brötchen und einen kleinen Kaffee.
- 4. Dann setzt er sich an den kleinen Tisch am Fenster.
- 5. Er sitzt immer links, weil er von da die Straße sehen kann.
- 6. Das macht er seit fünf Jahren so.
- 7. Die Verkäuferin heißt Sandra. „Wie immer?", fragt Sandra, und Ernst sagt: „Ja, bitte."
- 8. Das ist jeden Morgen gleich.
- 9. Um acht Uhr zwanzig geht er wieder nach Hause.
- 10. Dann liest er die Zeitung.
- 11. Das ist sein Morgen.
- 12. An einem Montag im März ist der Tisch am Fenster besetzt.
- 13. Eine junge Frau sitzt dort mit einem Kinderwagen.
- 14. Das Kind schläft.
- 15. Ernst bleibt stehen und schaut. „Entschuldigung", sagt er, aber er sagt nichts weiter.
- 16. Er setzt sich an den anderen Tisch, in der Mitte des Raumes.
- 17. Von dort kann er die Straße nicht sehen.
- 18. Er sieht nur die anderen Gäste und die Theke.
- 19. Er isst das erste Brötchen.
- 20. Der Kaffee ist heiß und gut.
- 21. Aber er schaut die ganze Zeit zur jungen Frau hinüber.
- 22. Sie schaut auf ihr Telefon.
- 23. Das Kind schläft weiter.
- 24. Der Kinderwagen ist groß und steht nah an der Wand.
- 25. Ernst isst das zweite Brötchen.
- 26. Er trinkt den Kaffee aus.
- 27. Er steht auf, zieht die Jacke an und geht.
- 28. Sandra schaut ihm nach.
- 29. Zu Hause räumt Ernst seine Jacke auf.
- 30. Er setzt sich in den Sessel im Wohnzimmer.
- 31. Er nimmt die Zeitung.
- 32. Aber er fängt nicht an zu lesen.
- 33. Er schaut aus dem Fenster.
- 34. Die Straße ist ruhig.
- 35. Er denkt an den Tisch in der Bäckerei.
- 36. Er denkt nicht lange, aber er denkt daran.
- 37. Er legt die Zeitung auf den Tisch.
- 38. Dann geht er in die Küche und macht sich einen Tee.
- 39. Er trinkt ihn am Küchentisch.
- 40. Das macht er sonst nicht.
- 41. Später nimmt er die Zeitung wieder und liest.
- 42. Aber es dauert länger als sonst.
- 43. Am nächsten Morgen geht Ernst um acht Uhr zur Bäckerei Huber.
- 44. Es ist kalt draußen.
- 45. Er trägt seinen langen Mantel. „Wie immer?", fragt Sandra. „Ja, bitte", sagt Ernst.
- 46. Er zahlt und dreht sich um.
- 47. Der Tisch am Fenster ist frei.
- 48. Ernst setzt sich hin, links, wie immer.
- 49. Er sieht die Straße.
- 50. Ein Auto fährt vorbei.
- 51. Dann kommt eine Frau mit einem Hund.
- 52. Die Bäckerei riecht nach frischem Brot.
- 53. Sandra wischt die Theke ab.
- 54. Ernst isst das erste Brötchen.
- 55. Dann das zweite.
- 56. Er trinkt den Kaffee.
- 57. Alles ist wie immer.
- 58. Und trotzdem ist etwas nicht ganz gleich.
- 59. Er weiß nicht, was es ist.
- 60. Er trinkt den letzten Schluck.
- 61. Er steht auf und geht raus.
- 62. Draußen ist es kalt.
- 63. Er geht nach Hause.
- Kardamom
- 1. Renate Vogt war seit zwei Jahren in Rente.
- 2. Den Dienstagmarkt in Gotha hatte sie nie verpasst.
- 3. Nicht im Winter, nicht im Sommer, nicht einmal als ihr Knie sie zwang, langsamer zu gehen.
- 4. Sie kaufte immer das Gleiche: Käse bei Herrn Feldmann, Brot bei der Bäckerei Krohn, Eier beim Hof Lemmert.
- 5. Die Reihenfolge war wichtig.
- 6. Sie hatte das nie jemandem erklärt, aber sie wusste es.
- 7. Der Markt öffnete um acht Uhr, und Renate stand um Viertel vor acht am Eingang.
- 8. Sie trug eine geflochtene Tasche aus Leinen und eine kleinere Plastiktüte für die Eier.
- 9. Sie kannte jeden Händler mit Namen.
- 10. Herr Feldmann hatte ihr einmal erzählt, dass er den Stand seit dreißig Jahren hatte.
- 11. Das gefiel ihr.
- 12. An einem Dienstag im April war der Marktplatz anders als sonst.
- 13. Zwischen dem Käsestand von Herrn Feldmann und der Bäckerei Krohn stand ein neuer Stand.
- 14. Renate blieb stehen.
- 15. Der Stand war bunt dekoriert, mit kleinen Holzschildern und vielen Gläsern.
- 16. Ein junger Mann mit einem roten Schal lächelte sie an. „Guten Morgen!
- 17. Darf ich Ihnen etwas anbieten?"
- 18. Renate antwortete nicht sofort.
- 19. Sie schaute auf die Gläser.
- 20. Es gab Gewürze, Öle, getrocknete Kräuter – Dinge, die sie nicht kannte. „Ich suche den Käsestand", sagte sie schließlich. „Herr Feldmann steht jetzt da drüben", sagte der junge Mann und zeigte nach links. „Er ist ein bisschen gerückt, wegen uns."
- 21. Renate sah in die Richtung.
- 22. Tatsächlich: Herr Feldmann stand fünf Meter weiter links.
- 23. Das hatte er noch nie getan.
- 24. Renate stand noch einen Moment und schaute.
- 25. Hinter ihr wollte jemand vorbeigehen.
- 26. Sie trat zur Seite.
- 27. Aber die Reihenfolge stimmte nicht mehr.
- 28. Sie kaufte zuerst die Eier, dann das Brot, und suchte erst danach Herrn Feldmann.
- 29. Sie wusste, dass das keine wichtige Sache war.
- 30. Trotzdem störte es sie. „Zwei Scheiben Bergkäse, wie immer?", fragte Herr Feldmann. „Ja, bitte", sagte Renate. „Der neue Stand macht uns etwas Mühe", sagte Herr Feldmann und lächelte dabei.
- 31. Renate antwortete nicht darauf.
- 32. Sie bezahlte und ging nach Hause.
- 33. Auf dem Rückweg kam sie noch einmal am neuen Stand vorbei.
- 34. Der junge Mann war gerade dabei, ein Glas zu öffnen. „Möchten Sie etwas probieren?", fragte er. „Nein, danke", sagte Renate.
- 35. Zu Hause räumte sie alles in den Kühlschrank.
- 36. Käse links, Eier rechts, Butter vorne.
- 37. Das war immer so gewesen.
- 38. Sie kochte sich einen Tee und setzte sich an den Tisch.
- 39. Durch das Fenster konnte sie die Straße sehen.
- 40. Es war noch früh.
- 41. Sie trank den Tee und dachte nicht an den neuen Stand.
- 42. Oder sie versuchte es.
- 43. Der Tee schmeckte wie immer.
- 44. Aber sie saß länger als sonst am Tisch.
- 45. Am nächsten Dienstag stand Renate wieder um Viertel vor acht am Markteingang.
- 46. Es war kühl, und sie trug ihre graue Jacke.
- 47. Sie wusste jetzt, dass Herr Feldmann fünf Meter weiter links stand.
- 48. Sie wusste auch, dass der neue Stand zwischen den alten Ständen war.
- 49. Sie kaufte Käse, dann Brot, dann Eier – diesmal in der richtigen Reihenfolge.
- 50. Auf dem Rückweg kam sie an dem neuen Stand vorbei.
- 51. Es roch nach Kardamom. „Schönen Tag noch", sagte der junge Mann.
- 52. Renate nickte kurz.
- 53. Dann ging sie weiter.
- 54. Zu Hause räumte sie alles ein: Käse links, Eier rechts, Butter vorne.
- 55. Die Reihenfolge war wieder richtig.
- 56. Sie setzte sich an den Tisch und kochte Tee.
- 57. Aber irgendwas war anders, und sie wusste nicht genau, was es war.
- 58. Sie saß da und schaute aus dem Fenster.
- 59. Draußen war der Dienstag wie immer.
- 60. Die Straße war ruhig.
- 61. Sie trank den Tee.
- Auf beiden Seiten
- 1. Herbert Zollinger hatte die Heckenschere seit achtzehn Jahren, und er hatte sie noch nie reparieren müssen.
- 2. Das Gerät lief zuverlässig, wie alles, was er besaß.
- 3. Jeden dritten Samstag im Monat stand er um neun Uhr an der Thuja-Hecke, die sein Grundstück von der Straße trennte.
- 4. Er schnitt sie auf genau einen Meter zwanzig, und er kontrollierte das Ergebnis mit einem Metallmaßband.
- 5. Die Hecke war gleichmäßig, seit er das Reihenhaus vor sieben Jahren gekauft hatte.
- 6. Er lebte allein, seit seine Frau vor vier Jahren ausgezogen war.
- 7. Das störte ihn weniger, als er erwartet hatte.
- 8. Die Ordnung im Garten half.
- 9. Im Herbst zogen neue Nachbarn ein.
- 10. Der Mann hieß Marco, war Ende dreißig und arbeitete als Architekt in der Stadt.
- 11. Er kam am ersten Tag mit einer Flasche Rotwein an die Tür.
- 12. Herbert bedankte sich, stellte die Flasche ins Regal und öffnete sie nie.
- 13. Marco war laut, nicht unangenehm, aber laut.
- 14. Er hörte am Wochenende Musik im Garten, fuhr ein Fahrrad ohne Schutzbleche und schnitt den Rasen, wann es ihm passte.
- 15. Herbert notierte das nicht, aber er bemerkte es.
- 16. Im März schnitt Marco zum ersten Mal die Hecke auf seiner Seite.
- 17. Herbert sah es vom Esszimmerfenster aus, während er seinen Morgenkaffee trank.
- 18. Marco arbeitete schnell, aber ohne System.
- 19. Er schnitt einmal von links nach rechts, dann von oben nach unten, und das Ergebnis war ungleichmäßig.
- 20. Herbert schätzte die Höhe auf etwa einen Meter fünfzehn.
- 21. Er stellte die Kaffeetasse auf den Tisch und ging in den Keller.
- 22. Dort lag eine alte Kladde, in der er wichtige Dinge aufschrieb.
- 23. Er schrieb: „März, Marco schneidet Hecke, Höhe ca. 115 cm, unregelmäßig."
- 24. Dann legte er die Kladde zurück und ging wieder nach oben.
- 25. Er sagte Marco nichts.
- 26. Zwei Wochen später kam Marco an die Grundstücksgrenze.
- 27. Er trug eine Kaffeetasse und lächelte. „Herr Zollinger, ich wollte fragen, ob wir eine gemeinsame Höhe festlegen sollten."
- 28. Herbert antwortete: „Die Höhe ist ein Meter zwanzig.
- 29. Das war immer so."
- 30. Marco nickte, aber er wirkte nicht überzeugt. „Ich finde ein Meter fünfzehn schöner", sagte er, „die Hecke sieht offener aus."
- 31. Herbert erwiderte nichts darauf.
- 32. Er wartete, bis Marco seine Tasse geleert hatte und gegangen war.
- 33. Dann ging Herbert ins Haus.
- 34. Am nächsten Samstag schnitt Marco seine Seite auf einen Meter fünfzehn – diesmal gerade und sauber.
- 35. Herbert stand am Fenster und sah zu.
- 36. Er holte sein Maßband und maß nach: fünf Zentimeter Unterschied auf der ganzen Länge.
- 37. Das war kein Fehler, das war eine Entscheidung.
- 38. Herbert legte das Maßband auf die Fensterbank und blieb stehen.
- 39. Er überlegte lange, ob er seine Seite nachschneiden sollte.
- 40. Er tat es nicht.
- 41. In den folgenden Wochen wuchs die Hecke auf Marcos Seite schneller, weil sie tiefer geschnitten worden war.
- 42. Herbert maß jeden Montag nach und schrieb die Werte in die Kladde.
- 43. Marcos Seite stand inzwischen bei einem Meter achtzehn, seine eigene noch bei einem Meter zwanzig.
- 44. Er schnitt nicht früher als geplant.
- 45. Er wartete den dritten Samstag ab.
- 46. An diesem Samstag stand Herbert um neun Uhr mit der Heckenschere am Grundstück.
- 47. Der Morgen war klar und kühl, und er konnte seinen Atem sehen.
- 48. Er legte die Schneide an die Heckenkrone und schaltete das Gerät ein.
- 49. Der Motor summte laut in der Stille.
- 50. Herbert schnitt zwei Meter, dann hörte er auf.
- 51. Er schaltete die Schere aus und stand einfach da.
- 52. Er dachte an Marco, der jetzt wahrscheinlich noch schlief.
- 53. Er dachte an die Kladde im Keller, in der er Dinge aufschrieb, die niemanden interessierten.
- 54. Er dachte daran, dass die Hecke auf beiden Seiten wachsen würde, egal was er tat.
- 55. Das war keine neue Erkenntnis.
- 56. Aber heute störte es ihn anders als sonst.
- 57. Er legte die Heckenschere auf den Rasen.
- 58. Er setzte sich auf die alte Holzbank neben dem Schuppen, die er selbst gebaut hatte und seitdem kaum benutzte.
- 59. Ein Vogel saß auf der Hecke und sang.
- 60. Herbert hörte zu.
- 61. Er blieb sitzen, bis Marco um halb zehn die Terrassentür öffnete und ihn sah.
- 62. Marco winkte.
- 63. Herbert hob kurz die Hand.
- 64. Dann stand er auf, räumte die Schere in den Schuppen und ging ins Haus.
- 65. Er frühstückte, spülte das Geschirr, stellte es ins Regal.
- 66. Nachmittags öffnete er die Kladde im Keller.
- 67. Er las die letzte Zeile: „März, Marco schneidet Hecke, Höhe ca. 115 cm."
- 68. Er schloss die Kladde, ohne etwas zu schreiben.
- 69. Draußen stand die Hecke, auf beiden Seiten.
- 70. Die eine war auf einem Meter zwanzig.
- 71. Die andere war inzwischen wieder nachgewachsen.
- 72. Herbert stellte die Kladde zurück ins Regal.
- 73. Er wusste nicht, ob er am nächsten Samstag schneiden würde.
- 74. Er wusste nur, dass er es könnte.
- Das Maß der Dinge
- 1. Walter Egger hatte die Grundstücksgrenze neu eingemessen, nachdem der Katasterplan vom Bauamt eingetroffen war – nicht weil er Zweifel hegte, sondern weil Genauigkeit, wie er es verstand, keiner Begründung bedurfte.
- 2. Der Meter vor der Buchenhecke gehörte ihm.
- 3. Das wusste er, und er war der Einzige, dem es wichtig war.
- 4. Siebenundzwanzig Jahre lang hatte er im Vermessungsamt Katasterkarten gezeichnet, Grenzpunkte gesetzt, Abstände protokolliert – Zahlen, die kein Mensch je anfocht.
- 5. Jetzt, mit fünfundsechzig, war die Hecke das Einzige, das noch gemessen werden wollte.
- 6. Sie wuchs auf 1,25 Meter, wenn er nicht eingriff – ein Ergebnis, das er durch Beobachtung über drei Vegetationsperioden belegt hatte.
- 7. Er schnitt sie auf 1,10, stets am zweiten Samstag im Monat, mit der elektrischen Schere, deren Klinge er im April beim Schleifservice in der Industriestraße abgab.
- 8. Das Ergebnis war gleichmäßig wie eine gefräste Fläche.
- 9. Im vergangenen Oktober hatten neue Nachbarn eingezogen.
- 10. Kai – so stellte er sich vor, ohne den Familiennamen zu nennen – arbeitete in einer Firma, die Anwendungen für Mobiltelefone entwickelte.
- 11. Das hatte er Walter beim ersten Gespräch erklärt, als wäre es eine Entschuldigung oder eine Empfehlung.
- 12. Walters Frau Hilde war vor drei Jahren gestorben, und seitdem hatte er sich angewöhnt, Gespräche mit Fremden in weniger als zwei Minuten zu beenden.
- 13. Kai schien das nicht zu merken.
- 14. Er grüßte täglich, blieb manchmal an der Hecke stehen, fragte nach dem Wetter oder dem Rasendünger.
- 15. Walter antwortete, was gefragt war.
- 16. Mehr nicht.
- 17. Ende März – die Hecke stand bei 1,08, noch unter dem Sollmaß – sah Walter vom Küchenfenster aus, wie Kai mit einer Teleskopschere hantierte.
- 18. Die Bewegungen waren ungeübt, ruckartig, ohne Blick auf die Horizontale.
- 19. Walter trank seinen Kaffee zu Ende, spülte die Tasse, stellte sie ins Abtropfgestell.
- 20. Dann nahm er den kleinen schwarzen Block aus der Schublade und notierte: „31.3., Kai schneidet, Ergebnis: unregelmäßig, Höhe ca. 1,02."
- 21. Er legte den Block zurück, schloss die Schublade.
- 22. Die Tatsache, dass Kai überhaupt geschnitten hatte, störte ihn mehr, als er erwartet hatte.
- 23. Nicht die Ungleichmäßigkeit an sich – die konnte er korrigieren.
- 24. Was ihn störte, war schwerer zu benennen.
- 25. Es war, als hätte jemand in seiner Partitur einen Takt verändert, ohne dass ein Fehler entstanden wäre, dem er hätte widersprechen können.
- 26. Er stand am Fenster, bis Kai ins Haus gegangen war.
- 27. Dann zog er die Gardine vor.
- 28. In den folgenden Tagen maß er die Hecke täglich, vom Grundstück aus, mit dem Zollstock, den er seit seiner Pensionierung an der Hintertür hängen hatte.
- 29. Die Seite, die Kai gestutzt hatte, wies Stufen auf – bis zu drei Zentimeter Höhenunterschied auf einer Länge von vier Metern.
- 30. Walter protokollierte jeden Messpunkt.
- 31. Er tat es nicht, um etwas zu unternehmen.
- 32. Er tat es, weil das Messen das Einzige war, das er wirklich konnte.
- 33. Am Donnerstag der dritten Aprilwoche kam Kai an die Hecke und sagte, es wäre vielleicht sinnvoll, eine gemeinsame Schnitthöhe festzulegen.
- 34. Walter antwortete, dass die Schnitthöhe seit Jahren 1,10 sei.
- 35. Kai sagte, das wisse er nicht, er sei neu hier.
- 36. Walter sah ihn an.
- 37. Der junge Mann hielt seinem Blick stand, ohne Feindseligkeit, aber auch ohne Nachgeben. „Ich schlage 1,15 vor", sagte Kai, „das wäre doch ein Kompromiss."
- 38. Walter erwiderte, er kenne keinen Grund für einen Kompromiss dort, wo eine Regelung bereits bestehe.
- 39. Er drehte sich um.
- 40. Kai rief ihm noch etwas nach, aber Walter hatte die Küchentür bereits geschlossen.
- 41. Am nächsten Morgen war die Hecke auf Kais Seite auf 1,15 – sauber geschnitten, diesmal mit erkennbarer Richtscheit-Führung.
- 42. Walter stand davor mit dem Zollstock.
- 43. Fünf Zentimeter.
- 44. Er maß drei Mal, an drei verschiedenen Stellen.
- 45. Das Ergebnis blieb.
- 46. Er ging in den Schuppen, holte die elektrische Schere, rollte das Kabel ab.
- 47. Dann stellte er das Gerät zurück, ohne es eingeschaltet zu haben.
- 48. Er schrieb nichts in den Block.
- 49. Der zweite Samstag im Mai war bewölkt, windstill.
- 50. Walter stand um 9:00 Uhr an der Hecke, die Schere in der Hand, das Verlängerungskabel bereits ausgerollt.
- 51. Er schaltete sie ein.
- 52. Der Motor summte, die Klinge vibrierte, der Geruch von warmem Elektrokabel und frisch geschnittenem Grün lag in der Luft.
- 53. Er legte die Schneide an die Heckenkrone.
- 54. Dann hielt er inne.
- 55. Nicht weil ihm etwas fehlte.
- 56. Sondern weil er plötzlich nicht mehr wusste, wofür er schnitt.
- 57. Die Hecke würde wachsen, ob er schnitt oder nicht – das hatte sie immer getan, das würde sie immer tun.
- 58. Kai würde seine Seite auf 1,15 halten oder auf irgendetwas anderes, je nach Stimmung.
- 59. Die Grundstücksgrenze blieb, wo sie war – eingemessen, protokolliert, unbestreitbar.
- 60. Das änderte sich nicht.
- 61. Walter schaltete die Schere aus.
- 62. Er legte sie auf den Rasen, neben den Zollstock, der noch im Gras lag.
- 63. Er setzte sich auf den Holzrahmen des Hochbeetes, das Hilde vor zwölf Jahren angelegt hatte und das er seitdem als Ablage für Gartengeräte nutzte.
- 64. Ein Vogel saß auf der Hecke, auf Kais Seite, und putzte sein Gefieder.
- 65. Er blieb sitzen, bis der Vogel weiterflog.
- 66. Dann stand er auf, räumte das Gerät in den Schuppen, wickelte das Kabel auf, hängte die Schere an ihren Haken.
- 67. Er ging ins Haus, aß, was er am Vortag gekocht hatte.
- 68. Am Abend öffnete er den schwarzen Block und betrachtete die Einträge, die sich über drei Vegetationsjahre erstreckten.
- 69. Er schloss ihn, ohne etwas hineingeschrieben zu haben.
- 70. Draußen wuchs die Hecke.
109
[Bearbeiten]- Das Buch
- 1. Emma arbeitet in der Stadtbücherei.
- 2. Sie ist einunddreißig Jahre alt.
- 3. Sie sitzt jeden Tag an der Rückgabe.
- 4. Die Bücherei ist klein und ruhig.
- 5. Emma mag das.
- 6. Heute ist Mittwoch.
- 7. Es ist kurz nach zehn Uhr.
- 8. Eine Frau bringt ein Buch zurück.
- 9. Emma scannt den Barcode.
- 10. Die Frau geht wieder.
- 11. Emma macht das Buch auf.
- 12. Sie prüft, ob alle Seiten in Ordnung sind.
- 13. Da fällt ein kleines Stück Papier heraus.
- 14. Emma hebt es auf.
- 15. Sie liest: „Ich lese viel.
- 16. Niemand weiß das."
- 17. Sie liest die Sätze noch einmal.
- 18. Das Papier ist klein und weiß.
- 19. Es gibt keinen Namen.
- 20. Es gibt kein Datum.
- 21. Emma denkt: Wer hat das geschrieben?
- 22. Die Frau, die das Buch zurückgebracht hat?
- 23. Oder jemand anderes?
- 24. Sie weiß es nicht.
- 25. Sie legt das Papier in ihre Schreibtischschublade.
- 26. Dann legt sie das Buch ins Regal.
- 27. Um elf Uhr kommt ein Mann mit drei Büchern.
- 28. Emma scannt die Bücher.
- 29. Sie reden kurz über das Wetter.
- 30. Dann geht der Mann.
- 31. Es wird wieder ruhig.
- 32. Emma denkt wieder an das Papier.
- 33. Sie öffnet die Schublade.
- 34. Das Papier liegt noch darin. „Niemand weiß das."
- 35. Das ist ein trauriger Satz, denkt Emma.
- 36. Oder ist er normal?
- 37. Viele Menschen haben Geheimnisse.
- 38. Vielleicht ist das so bei jedem.
- 39. Sie schließt die Schublade.
- 40. Sie macht ihre Arbeit weiter.
- 41. Um fünf Uhr macht die Bücherei zu.
- 42. Emma räumt ihren Schreibtisch auf.
- 43. Sie holt das Papier aus der Schublade.
- 44. Sie liest den Satz ein letztes Mal.
- 45. Dann wirft sie das Papier in den Papierkorb.
- 46. Sie nimmt ihre Jacke und ihre Tasche.
- 47. Sie schließt die Bücherei ab.
- 48. Draußen ist es noch hell.
- 49. Emma geht zu Fuß nach Hause.
- 50. Es sind nur zehn Minuten.
- 51. Sie denkt an den Satz. „Ich lese viel.
- 52. Niemand weiß das."
- 53. Lesen ist doch keine Schande, denkt sie.
- 54. Warum schreibt man das auf?
- 55. Vielleicht weil man es jemandem sagen möchte.
- 56. Aber man findet die Worte nicht.
- 57. Sie weiß es nicht.
- 58. Sie kommt nach Hause.
- 59. Sie macht die Tür auf.
- 60. Ihre Katze Mimi kommt zu ihr. „Hallo Mimi", sagt Emma.
- 61. Die Katze schnurrt.
- 62. Emma geht in die Küche.
- 63. Sie kocht Tee.
- 64. Sie setzt sich ans Fenster.
- 65. Draußen geht jemand vorbei.
- 66. Emma schaut kurz hin.
- 67. Sie trinkt ihren Tee.
- 68. Sie denkt nicht mehr an den Zettel.
- 69. Oder vielleicht doch ein bisschen.
- 70. Es ist ein normaler Mittwoch.
- 71. Morgen ist es wieder so.
- Zimmer 14
- 1. Sandra arbeitet im Hotel Bergblick in Graz.
- 2. Sie putzt jeden Tag die Hotelzimmer.
- 3. Sie ist vierundvierzig Jahre alt.
- 4. Sie macht ihre Arbeit gut, denn sie ist sehr ordentlich.
- 5. Am Dienstagmorgen hat sie die Zimmerliste bekommen.
- 6. Zimmer 14 war frei, denn der Gast ist abgereist.
- 7. Sie hat den Reinigungswagen in den Gang geschoben.
- 8. Dann hat sie die Tür von Zimmer 14 aufgemacht.
- 9. Das Zimmer war klein, aber ordentlich.
- 10. Das Bett war ungemacht.
- 11. Sandra hat zuerst das Fenster aufgemacht.
- 12. Dann hat sie angefangen, das Bett zu machen.
- 13. Unter dem Kissen hat sie ein gefaltetes Stück Papier gefunden.
- 14. Das war kein Notizzettel vom Hotel.
- 15. Es war ein normales Stück Papier.
- 16. Sie hat es aufgemacht und gelesen. „Ich war hier.
- 17. Kein Mensch fragt mich, wie es mir geht."
- 18. Sandra hat den Satz noch einmal gelesen.
- 19. Auf der Rückseite war nichts.
- 20. Sie hat das Papier kurz angeschaut.
- 21. Wer hat das geschrieben?
- 22. Der Gast ist heute Morgen früh abgereist.
- 23. Seinen Namen hat sie nicht gewusst.
- 24. Sie hat das Papier gefaltet und in ihre Schürzentasche gesteckt.
- 25. Dann hat sie das Bett fertig gemacht.
- 26. Sie hat das Badezimmer geputzt, den Boden gewischt und frische Handtücher hingelegt.
- 27. Um zehn Uhr war das Zimmer fertig.
- 28. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und ist weitergegangen.
- 29. Auf dem Gang hat sie ihre Kollegin Miriam getroffen. „Alles in Ordnung?", hat Miriam gefragt. „Ja, alles gut", hat Sandra gesagt.
- 30. Sie hat nicht über den Zettel gesprochen.
- 31. Sie hat auch nicht genau gewusst, warum nicht.
- 32. Vielleicht war es einfach so.
- 33. Sie hat noch vier weitere Zimmer geputzt.
- 34. Um halb zwei war die Schicht vorbei.
- 35. Sandra ist in den Umkleideraum gegangen.
- 36. Sie hat ihre Schürze ausgezogen.
- 37. Der Zettel war noch in der Tasche.
- 38. Sie hat ihn kurz in der Hand gehalten.
- 39. Dann hat sie ihn in den Mülleimer geworfen.
- 40. Sie hat ihre Jacke angezogen und ihre Tasche genommen.
- 41. Draußen war es sonnig und warm.
- 42. Sandra ist zur Straßenbahnhaltestelle gegangen.
- 43. Sie hat auf die Bahn gewartet.
- 44. Sie hat an den Satz gedacht: „Kein Mensch fragt mich, wie es mir geht."
- 45. Das kannte sie.
- 46. Das kannte sie gut.
- 47. Nicht immer, aber manchmal.
- 48. Die Straßenbahn ist gekommen.
- 49. Sie ist eingestiegen und hat sich ans Fenster gesetzt.
- 50. Sie hat nach draußen geschaut.
- 51. Zu Hause hat sie Kaffee gekocht.
- 52. Ihr Mann war noch nicht da.
- 53. Die Kinder waren in der Schule.
- 54. Sie hat allein am Küchentisch gesessen.
- 55. Der Kaffee war heiß.
- 56. Sie hat langsam getrunken.
- 57. Nach einer Weile hat sie ihr Handy genommen und ihre Schwester angerufen. „Wie geht's?", hat die Schwester gefragt. „Gut", hat Sandra gesagt. „Und dir?"
- 58. Sie haben fast eine Stunde gesprochen.
- 59. Danach hat sich Sandra besser gefühlt.
- 60. Über den Zettel hat sie nicht gesprochen.
- 61. Abends ist ihr Mann nach Hause gekommen.
- 62. Er hat nicht gefragt, wie ihr Tag war.
- 63. Sandra hat auch nichts erzählt.
- 64. Das war normal bei ihnen.
- Hinter der Heizung
- 1. Klaus arbeitet seit zwanzig Jahren als Hausmeister an der Pestalozzi-Grundschule in Regensburg.
- 2. Er ist siebenundfünfzig Jahre alt und trägt immer denselben blauen Kittel.
- 3. Die Kinder kennen ihn, aber er redet nicht viel mit ihnen.
- 4. Er mag seine Arbeit, weil er meistens allein ist und niemand ihn dabei stört.
- 5. Jeden Oktober macht er den Heizungscheck in allen Zimmern, bevor der Winter anfängt.
- 6. Das dauert meistens zwei Tage.
- 7. An einem Donnerstag Anfang Oktober hat er seinen Werkzeugkoffer genommen und ist von Zimmer zu Zimmer gegangen.
- 8. Er hat jeden Heizkörper aufgeschraubt und geprüft, ob alles sauber war.
- 9. Im Zimmer 3b hat er die Abdeckung abgezogen und dahinter ein gefaltetes Stück Papier gefunden.
- 10. Er nahm es heraus, faltete es auf und hielt es ans Licht.
- 11. Die Schrift war klein und ein wenig zittrig, als ob die Hand dabei gezittert hätte. „Ich war jeden Tag in diesem Raum.
- 12. Niemand weiß, was ich gedacht habe."
- 13. Klaus las die Sätze zweimal.
- 14. Er drehte das Blatt um, aber auf der Rückseite stand nichts.
- 15. Er sah sich im leeren Zimmer um, fast so, als ob jemand ihn beobachten würde.
- 16. Die Stühle standen auf den Tischen, wie immer nach dem Unterricht.
- 17. Wer hatte das geschrieben?
- 18. Ein Kind?
- 19. Ein Lehrer?
- 20. Jemand, der hier schon lange nicht mehr war?
- 21. Er wusste es nicht.
- 22. Das Papier hatte eine gelbliche Farbe und fühlte sich weich und alt an.
- 23. Er steckte es in die Tasche seines Kittels.
- 24. Dann schraubte er die Abdeckung wieder fest und machte weiter.
- 25. Die anderen Zimmer waren kein Problem.
- 26. Um halb zwölf hat er Pause gemacht im Hausmeisterraum neben dem Keller.
- 27. Er hat sein Brot gegessen und Kaffee aus seiner Thermoskanne getrunken.
- 28. Das Blatt lag aufgefaltet auf dem kleinen Tisch vor ihm.
- 29. Er las den Satz noch einmal: „Niemand weiß, was ich gedacht habe."
- 30. Das stimmte eigentlich für jeden, dachte er.
- 31. Auch für ihn selbst.
- 32. Er überlegte kurz, ob er den Zettel dem Schulleiter zeigen sollte.
- 33. Aber was sollte der Schulleiter damit anfangen?
- 34. Da stand kein Name, kein Datum, keine Klasse.
- 35. Klaus faltete das Blatt zusammen und steckte es wieder in die Tasche.
- 36. Er hat seinen Kaffee fertiggetrunken und das Geschirr abgewaschen.
- 37. Dann ist er wieder an die Arbeit gegangen.
- 38. Am Nachmittag hat er noch die Wasserrohre im Keller kontrolliert.
- 39. Alles war in Ordnung.
- 40. Um fünf Uhr hat er alle Türen abgeschlossen und die Fenster geprüft.
- 41. Er hat seinen Koffer genommen und ist zum Fahrradständer vor dem Schuleingang gegangen.
- 42. Es war schon dunkel und kalt.
- 43. Er fuhr nach Hause.
- 44. Zu Hause begrüßte ihn sein Hund Bruno.
- 45. Klaus hängte seinen Kittel an den Haken neben der Tür.
- 46. Das Blatt war noch in der Tasche.
- 47. Er hat Kartoffelsuppe gekocht und am Küchentisch gegessen.
- 48. Dabei lief der Fernseher, aber er hörte nicht richtig zu.
- 49. Nach dem Essen hat er den Zettel aus der Kitteltasche geholt und ihn noch einmal gelesen.
- 50. Dann hat er den Mülleimer geöffnet und den Zettel hineingeworfen.
- 51. Bruno kam und legte sich auf seine Füße.
- 52. Klaus blieb sitzen.
- 53. Er dachte immer noch an den Satz, obwohl der Zettel jetzt weg war.
- 54. Niemand weiß, was ich gedacht habe.
- 55. Das stimmte wahrscheinlich für viele Menschen.
- 56. Für die Kinder, die jeden Tag in Zimmer 3b gesessen hatten.
- 57. Für die Lehrer.
- 58. Und für ihn selbst auch.
- 59. Man spricht darüber nicht.
- 60. Das ist einfach so.
- 61. Er streichelte Bruno und saß noch eine Weile.
- 62. Im Schichtprotokoll hatte er eingetragen: „Heizungscheck abgeschlossen – keine Auffälligkeiten."
- 63. Das war richtig.
- 64. Es war nur nicht alles.
- Was bleibt
- 1. Hanna Breitner ist seit sieben Jahren im Stadtarchiv von Feldkirch angestellt.
- 2. Sie mag ihre Arbeit.
- 3. Die Ordnung der alten Dokumente gibt ihr das Gefühl, dass die Vergangenheit irgendwo sicher aufgehoben ist.
- 4. Jeden Morgen trinkt sie einen Kaffee, bevor sie die erste Schachtel öffnet – das ist ihre Regel, und sie hält sie ein.
- 5. An einem Montag im März bekommt sie den Auftrag, alte Gemeindeakten aus den siebziger Jahren zu sichten.
- 6. Die Schachteln kommen aus dem Keller und riechen nach Staub und altem Papier.
- 7. Hanna zieht Handschuhe an, weil die Tinte manchmal abfärbt.
- 8. Sie öffnet die erste Schachtel und beginnt zu sortieren: Protokolle, Rechnungen, Briefwechsel.
- 9. Alles liegt durcheinander, aber das ist bei alten Beständen normal.
- 10. Ihr Kollege Tobias sitzt am anderen Ende des Raumes und tippt.
- 11. Er fragt sie manchmal etwas, aber meistens arbeiten sie schweigend nebeneinander.
- 12. In der dritten Schachtel findet sie ein gefaltetes Blatt, das zwischen zwei Protokollheften steckt.
- 13. Es ist kein Amtsdokument.
- 14. Die Handschrift ist klein und sehr gerade, als hätte jemand langsam und sorgfältig geschrieben. „Ich habe hier gewartet.
- 15. Jetzt wartet niemand mehr.
- 16. Das war es dann."
- 17. Hanna liest den Satz zweimal.
- 18. Sie dreht das Blatt um, aber die Rückseite ist leer.
- 19. Es gibt kein Datum, keinen Namen, keine Unterschrift.
- 20. Sie legt das Blatt auf den Tisch neben sich.
- 21. Sie überlegt, ob sie Tobias fragen soll.
- 22. Aber was soll sie fragen?
- 23. Sie nimmt das Blatt wieder in die Hand.
- 24. Das Papier ist vergilbt, aber es fühlt sich fest an.
- 25. Irgendjemand hat diesen Satz geschrieben und ihn zwischen die Akten gelegt – absichtlich oder aus Versehen, das weiß sie nicht.
- 26. Tobias steht auf und geht zur Kaffeemaschine. „Willst du auch einen?" „Nein danke", sagt Hanna.
- 27. Sie wartet, bis er sich wieder hinsetzt.
- 28. Dann faltet sie das Blatt zusammen und steckt es in die Tasche ihres Kittels.
- 29. Sie weiß nicht genau, warum sie das tut.
- 30. Sie öffnet die vierte Schachtel und arbeitet weiter.
- 31. Um zwölf Uhr geht sie in die Pause.
- 32. Sie isst ihr Brot am kleinen Tisch im Pausenraum, allein, weil Tobias nach draußen gegangen ist.
- 33. Sie denkt an den Satz: „Das war es dann."
- 34. Was war es dann?
- 35. Eine Stelle?
- 36. Eine Beziehung?
- 37. Ein ganzes Leben?
- 38. Sie weiß es nicht und wird es nie wissen.
- 39. Das ist das Merkwürdige daran.
- 40. Nach der Pause hängt sie den Kittel an den Haken.
- 41. Das Blatt ist noch in der Tasche.
- 42. Sie arbeitet weiter, bis um fünf Uhr die Dienstzeit endet.
- 43. Dann schreibt sie in ihr Tagesprotokoll: „Schachteln 1 bis 4 gesichtet, Protokolle und Rechnungen identifiziert, lose Blätter ohne Zuordnung separiert."
- 44. Das ist nicht gelogen, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
- 45. Sie holt den Kittel vom Haken, zieht das Blatt aus der Tasche und sieht es noch einmal an.
- 46. Dann faltet sie es kleiner und steckt es in die Innentasche ihres Mantels.
- 47. Sie geht nach unten, tritt auf die Straße.
- 48. Es ist schon dunkel, die Laternen sind an.
- 49. Sie geht zum Bahnhof, kauft sich ein Wasser, setzt sich in den Zug.
- 50. Der Zug fährt pünktlich ab.
- 51. Durch das Fenster sieht sie, wie die Lichter der Stadt weniger werden und dann die dunklen Felder kommen.
- 52. Sie versucht, nicht mehr an den Zettel zu denken.
- 53. Es gelingt ihr nicht ganz.
- 54. Zu Hause zieht sie den Mantel aus und hängt ihn in den Schrank.
- 55. Es ist noch da.
- 56. Sie kocht Nudeln, isst, räumt auf.
- 57. Danach setzt sie sich ans Fenster und sieht auf die ruhige Straße.
- 58. Nach einer Weile steht sie auf, geht zum Schrank und holt das Blatt heraus.
- 59. Sie liest den Satz ein letztes Mal.
- 60. Dann geht sie in die Küche, hält das Blatt über den Mülleimer und lässt es fallen.
- 61. Sie wäscht die Hände.
- 62. Bevor sie schlafen geht, öffnet sie den Mülleimer noch einmal.
- 63. Das Blatt liegt oben auf den Nudelresten.
- 64. Sie klappt den Deckel zu.
- 65. Sie geht ins Bett und löscht das Licht.
- 66. Die Person, die diesen Satz geschrieben hat, hatte niemanden mehr – das spürt sie.
- 67. Hanna hat Tobias, den Kaffee am Morgen und die Schachteln.
- 68. Das ist nicht wenig.
- 69. Das sagt sie sich, während die Dunkelheit gleichmäßig und still über ihr liegt.
- Das Inventar
- 1. Das Notariat Schauenburg & Partner liegt im zweiten Stock eines Gründerzeithauses an der Freien Straße in Basel, hinter einer Tür mit Mattglasscheibe, durch die das Licht immer gedämpft wirkt.
- 2. Gerhard Moos arbeitet hier seit neunundzwanzig Jahren.
- 3. Er ist Sachbearbeiter für Nachlassangelegenheiten, ein Amt, das niemand begehrt.
- 4. Jeden Morgen um acht Uhr fünfzehn hängt er seinen Mantel an den dritten Haken von links – nicht den zweiten, nicht den vierten.
- 5. Die Kollegen haben aufgehört, ihn darüber zu befragen.
- 6. Sein Schreibtisch ist die einzige Fläche im Büro, auf der kein fremdes Objekt zu finden ist.
- 7. Er hat einundfünfzig Jahre, einen Einzelsitz in der Straßenbahn und zu Hause einen Sessel, der genau auf ihn eingestellt ist.
- 8. Die Aktenpulte, die er betreut, tragen die Namen von Menschen, die nicht mehr sprechen können.
- 9. Das findet er tröstlich.
- 10. An einem Dienstag im November, an dem der Regen leise gegen die Scheiben trommelt, öffnet er den Nachlasskarton eines gewissen Konrad Ettlin, verstorben im August, ohne Hinterbliebene.
- 11. Der Inhalt ist ärmlich: zwei Kontoauszüge, ein abgelaufener Reisepass, eine Quittung über die Reparatur eines Rasenmähers.
- 12. Dann liegt da, zwischen die Kontoauszüge geschoben, ein einzelnes Blatt auf kariertem Schulheftpapier.
- 13. Er hält es zunächst für eine interne Notiz aus der Kanzlei.
- 14. Die Handschrift ist unregelmäßig, die Zeile zieht leicht nach rechts. „Ich war's.
- 15. Die anderen wissen es nicht.
- 16. Sollen sie es auch nicht."
- 17. Gerhard liest den Satz.
- 18. Er liest ihn ein zweites Mal.
- 19. Er legt den Zettel auf die Tischfläche und betrachtet ihn, ohne ihn zu berühren.
- 20. Was er damit anfangen soll, ist eine Frage, die sich sofort in mehrere darunter fallende Fragen aufteilt: Handelt es sich um ein Geständnis, um eine Drohung, oder um den Überrest eines privaten Witzes, der nie erzählt wurde?
- 21. Ein Toter witzelt nicht.
- 22. Er schiebt den Gedanken zur Seite.
- 23. Das Blatt muss irgendwo hin.
- 24. Er dreht den Zettel um.
- 25. Die Rückseite ist leer.
- 26. Sein Blick wandert zum Fenster, wo der Regen unregelmäßige Muster gegen das Glas schreibt.
- 27. Dann steht er auf, geht zur Aktenkammer, zieht den Ordner heraus, der die noch unverarbeiteten Dokumente aufnimmt: Rubrik „Nicht zuordenbar, zur Prüfung".
- 28. Er heftet den Zettel ein, schreibt den Eingang mit Datum und Aktennummer in das Prüfregister, schließt den Ordner.
- 29. Zurück an seinem Schreibtisch trägt er in die Nachlassdatei Ettlin ein: „Bearbeitung abgeschlossen, keine Hinweise auf Dritte."
- 30. Der Cursor blinkt.
- 31. Er klickt auf Speichern.
- 32. Am Mittwoch fehlt das Dokument in der Prüfliste.
- 33. Nicht der Ordner – der hängt an seinem Platz – aber der Eintrag ist verschwunden, als wäre er nie vorhanden gewesen.
- 34. Gerhard scrollt durch das Register, dann noch einmal, dann ein drittes Mal.
- 35. Es gibt keine Löschung, keinen Bearbeitungshinweis, keinen Namen.
- 36. Er geht zur Partnerin Dr.
- 37. Wälti, klopft an die angelehnte Tür.
- 38. Sie ist am Telefon, hebt kurz die Hand, er wartet.
- 39. Als sie auflegt, fragt er, ob jemand im Ordner „Nicht zuordenbar" Änderungen vorgenommen habe.
- 40. Sie sieht ihn über die Brillenränder an. „Welcher Ordner?"
- 41. Er erklärt es.
- 42. Sie nickt langsam, mit dem Gesichtsausdruck jemandes, der eine Ausführung hört, die ihn nichts angeht. „Vielleicht haben Sie ihn falsch abgeheftet."
- 43. Das hat er nicht.
- 44. Er sagt: „Möglicherweise."
- 45. Zurück am Schreibtisch öffnet er die Nachlassdatei Ettlin.
- 46. Der Eintrag steht dort, wie er ihn geschrieben hat: sauber, vollständig, ohne Lücke.
- 47. Alles ist korrekt.
- 48. Kein Zettel, kein Widerspruch, kein Nachweis, dass irgendetwas gewesen war.
- 49. Er klappt den Laptop zu.
- 50. Um siebzehn Uhr dreißig zieht er seinen Mantel vom dritten Haken, nickt dem Kollegen Feusi zu, der ihn nicht ansieht, und geht die Treppe hinunter.
- 51. Die Freie Straße ist nass, die Schaufenster spiegeln das Licht der Straßenlaternen.
- 52. Er läuft nicht schnell.
- 53. In der Straßenbahn setzt er sich auf den Einzelsitz hinter dem Fahrer.
- 54. Das ist sein Platz.
- 55. Durch das Fenster sieht er, wie die Häuser vorbeiziehen – die Reihen der Fassaden, hinter denen Leute leben, ohne dass er wüsste, wer sie sind oder was sie getan haben.
- 56. Zu Hause hängt er den Mantel auf, wäscht die Hände, erhitzt eine Portion Linsen aus dem Vorrat, den er am Sonntag vorgekocht hat.
- 57. Er isst am Küchentisch, der Stuhl gegenüber ist leer.
- 58. Er sieht ihn nicht an.
- 59. Danach spült er ab, stellt das Geschirr in die Ablage, wischt die Platte trocken.
- 60. Er setzt sich in den Sessel, schlägt das Buch auf, das er seit drei Wochen auf Seite siebzig liegen lässt, und liest zwei Seiten.
- 61. Dann legt er es auf die Armlehne.
- 62. Was Ettlin getan haben mag, weiß er nicht.
- 63. Was er selbst getan hat, weiß er.
- 64. Er hat den Zettel eingeheftet, den Eintrag gemacht, die Frage gestellt.
- 65. Mehr war nicht nötig.
- 66. Das Verfahren war korrekt.
- 67. Er schließt die Augen.
- 68. Die Deckenlampe wirft ein gleichmäßiges Licht, das er durch die Lider spürt.
- 69. Er öffnet sie wieder.
- 70. Er geht ins Schlafzimmer, zieht sich aus, hängt die Hose sorgfältig über den Stuhl.
- 71. Bevor er das Licht löscht, sieht er kurz in den Spiegel.
- 72. Er trägt den Ausdruck eines Mannes, der alles richtig gemacht hat – und der weiß, dass er dennoch nicht schlafen wird.
- 73. Er löscht das Licht.
- 74. Im Dunkeln liegt er auf dem Rücken, die Arme neben dem Körper.
- 75. Der Regen hat aufgehört.
- 76. Das Schweigen ist vollständig.
- 77. Gerhard weiß genau, wie viel darin Platz hat.
110
[Bearbeiten]1
- Die falsche Tasse
- 1. Polizistin Sabine kommt in das Wohnhaus am Marktplatz.
- 2. Es ist Mittwochmorgen, kurz nach neun Uhr.
- 3. Der Hausverwalter Franz Feldmann ist tot.
- 4. Er liegt in seiner Küche auf dem Boden.
- 5. Sabine schaut sich alles an.
- 6. Die Küche ist sauber und aufgeräumt.
- 7. Auf dem Tisch steht eine Kaffeetasse.
- 8. Sabine fragt die Nachbarin: Hat er Kaffee getrunken?
- 9. Die Nachbarin schüttelt den Kopf. „Nein", sagt sie. „Er hat nur Tee getrunken."
- 10. Sabine fotografiert die Tasse.
- 11. Sie sieht auch den Stuhl.
- 12. Er steht nicht richtig am Tisch.
- 13. Jemand hat ihn verschoben.
- 14. Sabine schreibt alles auf.
- 15. Sie klingelt bei den Nachbarn im Haus.
- 16. Frau König wohnt im zweiten Stock.
- 17. Sie sagt: Herr Feldmann war in Ordnung.
- 18. Sabine fragt: Gab es Probleme? „Nein", sagt Frau König. „Alles war gut."
- 19. Herr Kraft wohnt im Erdgeschoss.
- 20. Er öffnet die Tür und sagt nichts.
- 21. Sabine sagt: Guten Morgen.
- 22. Ich habe Fragen.
- 23. Kraft sagt: Bitte kommen Sie rein.
- 24. Sabine fragt: Wie war Herr Feldmann?
- 25. Kraft sagt: Er hat seine Arbeit gemacht.
- 26. Sabine fragt: Hat es Streit gegeben?
- 27. Kraft sagt: Nein, keinen Streit.
- 28. Sabine schaut ihn ruhig an.
- 29. Er sieht müde und blass aus.
- 30. Frau Berger aus dem dritten Stock kommt auch.
- 31. Sie sagt: Feldmann hat die Miete erhöht.
- 32. Sabine fragt: War das für alle so?
- 33. Frau Berger sagt: Ja, für alle.
- 34. Das war im September.
- 35. Sabine schreibt alles auf.
- 36. Am nächsten Tag kommt Sabine wieder.
- 37. Sie klingelt noch einmal bei Herrn Kraft.
- 38. Er öffnet sofort die Tür.
- 39. Sabine legt ein Foto auf den Tisch.
- 40. Es ist ein Foto von der Kaffeetasse.
- 41. Kraft schaut das Foto lange an.
- 42. Sabine fragt: Trinken Sie Kaffee, Herr Kraft?
- 43. Kraft schaut auf den Boden.
- 44. Er sagt: Ja, das bin ich.
- 45. Er setzt sich auf einen Stuhl.
- 46. Er sagt: Ich wollte nur mit ihm reden.
- 47. Sabine fragt: Was ist dann passiert?
- 48. Kraft fängt an zu erzählen.
- 49. Feldmann hat die Miete erhöht.
- 50. Kraft hat nicht mehr genug Geld gehabt.
- 51. Er hat gesagt: Ich kann das nicht zahlen.
- 52. Feldmann hat gesagt: Das ist nicht mein Problem.
- 53. Kraft hat eine Tablette in den Kaffee getan.
- 54. Er hat den Kaffee zu Feldmann gebracht.
- 55. Kraft sagt: Ich wollte das nicht wirklich.
- 56. Sabine schreibt alles auf.
- 57. Sie sagt: Sie müssen jetzt mitkommen.
- 58. Kraft nickt und steht auf.
- 59. Er nimmt ruhig seinen Mantel.
- 60. Sabine fährt zurück in ihr Büro.
- 61. Sie schreibt ihren Bericht.
- 62. Sabine denkt an Frau König.
- 63. Frau König hat gesagt: Alles war gut.
- 64. Das war nicht die Wahrheit.
- 65. Alle haben gewusst, dass die Miete ein Problem war.
- 66. Aber keiner hat etwas getan.
- 67. Sabine trinkt einen Kaffee.
- 68. Sie denkt: Das ist immer so.
- 69. Die Wahrheit findet man immer.
- 70. Das Schlimmste ist, dass alle einfach weitergemacht haben.
2
- Der zweite Schlüssel
- 1. Dorfpolizist Werner Haas ist am Dienstag in die Bäckerei gegangen.
- 2. Der Bäcker Herbert Kuhn war seit dem Morgen tot.
- 3. Er lag auf dem Boden im hinteren Raum der Bäckerei.
- 4. Der Arzt hat gesagt: Es war ein Herzanfall.
- 5. Werner hat sich alles genau angeschaut.
- 6. Der Backofen war noch an, aber das Brot darin war schwarz.
- 7. Das war merkwürdig, denn Kuhn hat immer auf sein Brot geachtet.
- 8. Kein guter Bäcker lässt sein Brot verbrennen.
- 9. Neben dem Backofen stand eine Kaffeetasse.
- 10. Die Tasse war fast voll, aber der Kaffee darin war kalt.
- 11. Werner hat die Tasse und den Raum fotografiert.
- 12. An der Wand hing ein Schlüssel an einem Haken.
- 13. Daneben war ein zweiter Haken, aber der war leer.
- 14. Werner hat in sein Notizbuch geschrieben: Wo ist der zweite Schlüssel?
- 15. Er hat dann die Schubladen im Büro aufgemacht.
- 16. In der dritten Schublade lag ein Vertrag.
- 17. Es war ein Darlehensvertrag über viertausend Euro.
- 18. Der Name auf dem Vertrag war: Hildegard Naber.
- 19. Werner hat den Vertrag vorsichtig mitgenommen.
- 20. Am Nachmittag hat er mit Kuhns Frau Margarete gesprochen.
- 21. Margarete Kuhn war ruhig und hat wenig gesagt. „Mein Mann war fleißig", sagte sie. „Er hatte keine Feinde."
- 22. Werner hat gefragt, ob jemand einen Schlüssel zur Bäckerei hatte.
- 23. Margarete hat gezögert und dann gesagt: Nur wir.
- 24. Werner hat das nicht geglaubt, aber er hat nichts gesagt.
- 25. Danach hat Werner mit dem Lehrling Jonas gesprochen.
- 26. Jonas war neunzehn Jahre alt und sehr nervös.
- 27. Er hat gesagt: Herr Kuhn war in Ordnung.
- 28. Werner hat ihn direkt gefragt: Wirklich?
- 29. Jonas hat genickt, aber er hat Werner nicht angeschaut.
- 30. Er wollte etwas sagen, aber dann hat er nichts gesagt.
- 31. Dann ist Werner zu Frau Naber gegangen, der Nachbarin.
- 32. Frau Naber hat die Tür sofort geöffnet und ihn hereingebeten.
- 33. Sie war sehr freundlich, vielleicht ein bisschen zu freundlich.
- 34. Werner hat gefragt: Haben Sie Herrn Kuhn gut gekannt? „Ja, natürlich", sagte sie. „Wir waren Nachbarn seit zehn Jahren."
- 35. Werner hat gefragt: Gab es Probleme? „Nein", sagte sie. „Überhaupt keine Probleme."
- 36. Auf dem Tisch lag eine Kuchendose von der Bäckerei.
- 37. Werner hat gefragt: Wann haben Sie die Dose bekommen? „Gestern Abend", sagte Frau Naber. „Herbert hat sie mir gebracht."
- 38. Werner hat den Vertrag aus der Tasche geholt.
- 39. Er hat den Vertrag auf den Tisch gelegt.
- 40. Frau Naber hat den Vertrag angeschaut und nichts gesagt.
- 41. Werner hat gefragt: Haben Sie einen Schlüssel zur Bäckerei?
- 42. Nach einem kurzen Zögern hat sie genickt.
- 43. Werner hat gefragt: War das am Montagabend? „Ja", sagte sie. „Das war am Montagabend."
- 44. Dann hat Frau Naber alles erzählt, ruhig und langsam. „Ich habe ihm das Geld gegeben, denn ich habe ihm vertraut", sagte sie.
- 45. Kuhn hat sie immer vertröstet, aber er hat nie gezahlt. „Ich wollte nur, dass er aufhört zu lügen", sagte sie.
- 46. Werner hat alles sorgfältig aufgeschrieben.
- 47. Er hat gefragt: Hat jemand von dem Geld gewusst?
- 48. Frau Naber hat die Schultern hochgezogen. „Margarete hat davon gewusst", sagte sie.
- 49. Werner hat das auch notiert und ist ruhig geblieben.
- 50. Am Abend hat Werner seinen Bericht geschrieben.
- 51. Er hat an seinem Tisch gesessen und Tee getrunken.
- 52. Er hat an Jonas gedacht, der nicht aufgeschaut hatte.
- 53. Er hat an Margarete gedacht, die gesagt hatte: Nur wir.
- 54. Alle im Dorf hatten etwas gewusst, aber keiner hatte geholfen.
- 55. Werner hat den Bericht fertig geschrieben.
- 56. Er hat das Licht ausgemacht und ist nach Hause gegangen.
- 57. Er hat nicht mehr an Frau Naber gedacht.
- 58. Werner hat immer noch an den leeren Haken gedacht.
- 59. Der leere Haken hatte von Anfang an alles gesagt.
3
- Fremde Hände
- 1. Kriminalinspektor Lemberger kam am frühen Abend in Graseck an, als es draußen bereits dunkel war.
- 2. Das Berghotel „Zur Linde" lag am Ortsrand, umgeben von Fichten, die unter dem Schnee schwer aussahen.
- 3. Am Nachmittag hatte man den Hotelier Ottmar Sagl tot in der Küche gefunden.
- 4. Er lag auf dem Boden neben dem Herd, und der Arzt sprach von Herzstillstand.
- 5. Lemberger trat in die Küche und schaute sich um.
- 6. Es war alles sehr ordentlich.
- 7. Die Töpfe hingen in Reih und Glied an den Haken, und die Messer lagen sauber auf dem Brett.
- 8. Nur eine Suppenkelle hing am falschen Haken, ganz am Ende der Reihe.
- 9. Lemberger fotografierte die Kelle.
- 10. Er wusste noch nicht, ob das wichtig war.
- 11. Er öffnete das kleine Fenster über der Spüle und merkte, dass es nicht richtig geschlossen war.
- 12. Draußen waren es minus acht Grad.
- 13. Niemand ließ in diesem Winter ein Fenster offen, ohne einen Grund.
- 14. Das Medizinkästchen neben dem Kühlschrank war leer, obwohl laut Inventar eine Packung drin sein sollte.
- 15. Lemberger notierte das und ging in die Gaststube.
- 16. Er sprach als erstes mit der Köchin Rosa.
- 17. Sie war eine ruhige Frau, die beim Reden immer die Hände auf dem Tisch hatte.
- 18. Sagl war ein strenger Chef, sagte sie, aber eigentlich in Ordnung.
- 19. Lemberger fragte, was eigentlich in Ordnung bedeute.
- 20. Rosa zuckte die Schultern und sagte: Er hat halt seine Art gehabt.
- 21. Er sprach dann mit Emil, dem Portier.
- 22. Emil kannte Sagl seit zwanzig Jahren und hatte immer für ihn gearbeitet. „Sagl hat immer pünktlich gezahlt", sagte Emil. „Das ist das Wichtigste."
- 23. Lemberger fragte, ob es Streit gegeben hatte.
- 24. Emil schüttelte den Kopf, aber er schaute dabei nicht auf.
- 25. Danach sprach Lemberger mit der Buchhalterin Helene Roth.
- 26. Sie war Ende vierzig und saß sehr gerade auf dem Stuhl.
- 27. Sie antwortete auf alle Fragen, aber ihre Antworten sagten nichts.
- 28. Lemberger fragte sie nach dem leeren Medizinkästchen.
- 29. Sie sagte: Ich weiß nicht, was da drin war.
- 30. Lemberger ließ sie gehen.
- 31. Aber er dachte die ganze Zeit an die Suppenkelle.
- 32. Am nächsten Morgen sprach er noch einmal mit Rosa.
- 33. Er fragte, ob die Kelle immer am letzten Haken gehangen hatte.
- 34. Rosa sagte sofort: Nein, die gehört ans zweite Ende, Herr Sagl war sehr genau damit.
- 35. Lemberger fragte, wer sonst noch in die Küche gegangen war.
- 36. Rosa dachte kurz nach und sagte: Nur Helene, manchmal wegen der Abrechnung.
- 37. Lemberger las danach die Personalakte von Helene Roth.
- 38. Sie arbeitete seit sieben Jahren im Hotel.
- 39. In den ersten drei Jahren hatte sie deutlich weniger verdient als ihre Kolleginnen.
- 40. Dann war ihr Lohn plötzlich gestiegen, ohne dass es eine Erklärung dafür gab.
- 41. Lemberger legte die Akte hin.
- 42. Er bat Helene Roth zum zweiten Gespräch.
- 43. Sie setzte sich wieder sehr gerade hin.
- 44. Lemberger legte die Akte auf den Tisch und schwieg.
- 45. Helene Roth schaute auf die Akte, dann auf ihn. „Wann haben Sie es gemerkt?", fragte sie. „Gerade eben", sagte Lemberger ruhig.
- 46. Sie nickte, als hätte sie das erwartet.
- 47. Das Geständnis war kurz und sehr sachlich.
- 48. Sagl hatte einen alten Fehler in ihrer Buchhaltung aufgehoben.
- 49. Er hatte nie damit gedroht, aber er hatte das Papier behalten.
- 50. Helene hatte gewusst, dass dieses Dokument noch irgendwo lag.
- 51. Das allein hatte schon gereicht.
- 52. Sie hatte drei Jahre lang mehr gearbeitet als alle anderen, für weniger Geld.
- 53. Dann hatte sie den Fehler selbst korrigiert, aber das Dokument war noch da gewesen. „Ich wollte, dass das aufhört", sagte sie.
- 54. Lemberger fragte, ob sie jemanden um Hilfe gebeten hatte. „Wen?", sagte sie, und das klang nicht bitter, nur sehr müde.
- 55. Lemberger schrieb alles auf und ließ sie dann gehen.
- 56. Er fuhr am Abend zurück in die Stadt.
- 57. Es hatte angefangen zu schneien, und die Straße durch den Berg war schmal.
- 58. Er dachte an Rosa, die gesagt hatte, Sagl war eigentlich in Ordnung.
- 59. Er dachte an Emil, der nicht aufgeschaut hatte.
- 60. Alle hatten gewusst, wie es im Hotel zuging.
- 61. Keiner hatte etwas gesagt.
- 62. Das war nicht Angst, das war einfach so.
- 63. Lemberger fuhr durch den Schnee und fragte sich, ob das Urteil irgendetwas ändern würde.
- 64. Für Helene Roth würde es ihr Leben verändern.
- 65. Für die anderen würde alles bleiben, wie es war.
4
- Das letzte Glas
- 1. Kommissarin Drechsel fuhr am Mittwochmorgen in das Dorf Niederbruck, weil der Tierarzt Dr.
- 2. Halberstam tot in seiner Praxis gefunden orden war.
- 3. Sein Assistent hatte ihn entdeckt, als er morgens die Praxis aufschloss.
- 4. Der Arzt vom Gesundheitsamt sprach von einem Herzanfall.
- 5. Drechsel schrieb das in ihr Notizbuch und schaute sich um.
- 6. Halberstam lag hinter seinem Schreibtisch auf dem Boden, ruhig, als hätte er sich schlafen gelegt.
- 7. Auf dem Tisch stand ein Weinglas, das noch zur Hälfte gefüllt war.
- 8. Das war das Erste, was ihr auffiel: Der Mann hatte getrunken, aber das Glas war nicht leer.
- 9. Sie fotografierte alles, bevor sie irgendetwas anfasste.
- 10. Das Glas stand leicht schräg, so als hätte jemand es schnell abgestellt.
- 11. Die Flasche, aus der es eingeschenkt worden war, stand im Regal, der Korken war wieder eingesetzt.
- 12. Jemand hatte sich Zeit genommen, den Korken einzusetzen, aber nicht, das Glas gerade hinzustellen.
- 13. Drechsel notierte das.
- 14. Sie öffnete die Schreibtischschublade und fand Briefe, ordentlich mit einem Gummiband zusammengehalten.
- 15. Sie nahm sie mit.
- 16. Am Nachmittag begann sie mit den Befragungen.
- 17. Halberstams Frau Renate saß ihr gegenüber mit den Händen im Schoß und sprach ruhig über ihren Mann.
- 18. Er sei fleißig gewesen, verlässlich, und habe das Dorf über dreißig Jahre lang betreut.
- 19. Drechsel fragte, ob er Feinde gehabt habe.
- 20. Renate Halberstam schüttelte den Kopf, ohne zu zögern.
- 21. Das war so schnell, dass es wie eine einstudierte Antwort wirkte.
- 22. Der Assistent, ein junger Mann namens Florian, war nervöser.
- 23. Er sagte, Halberstam sei manchmal schwierig gewesen, wollte aber nicht erklären, was er damit meinte.
- 24. Drechsel ließ ihn reden, bis er von selbst aufhörte.
- 25. Der Pfarrer nannte Halberstam einen Mann mit Grundsätzen, und dabei lächelte er leicht, auf eine Art, die nicht warm war.
- 26. Drechsel fragte, welche Grundsätze er meine.
- 27. Der Pfarrer sagte, Halberstam habe immer gewusst, was er wert sei.
- 28. Das sagte er so, dass es kein Lob war.
- 29. Am nächsten Morgen las sie die Briefe.
- 30. Es waren keine Liebesbriefe.
- 31. Es waren Schreiben, in denen Halberstam anderen Dorfbewohnern erklärte, was er wisse und was es kosten würde, wenn er schwieg.
- 32. Die meisten waren nie abgeschickt worden – sie dienten wohl als Erinnerung, was er in der Hand hatte.
- 33. Einer war an eine Frau Brendel adressiert, die Grundschullehrerin.
- 34. Drechsel fuhr zu ihr.
- 35. Britta Brendel öffnete die Tür, bevor Drechsel klingeln konnte, als hätte sie gewartet.
- 36. Sie war eine kleine Frau mit ruhigen Augen, die nichts verrieten.
- 37. Drechsel legte den Brief auf den Tisch.
- 38. Brendel schaute ihn an, dann schaute sie Drechsel an.
- 39. Ich dachte, er hätte ihn vernichtet, sagte sie.
- 40. Drechsel sagte nichts.
- 41. Brendel setzte sich, als ob ihre Beine nachgegeben hätten.
- 42. Wie viel wissen Sie schon?, fragte sie.
- 43. Drechsel sagte: Genug.
- 44. Das Geständnis dauerte etwa zwanzig Minuten.
- 45. Brendel erzählte alles genau: das Glas, den Wein, das Mittel aus dem Medizinschrank ihres verstorbenen Mannes.
- 46. Halberstam hatte sie seit Jahren erpresst, weil er wusste, dass sie einmal einen Schulbericht gefälscht hatte.
- 47. Sie hatte das getan, um einen Schüler zu schützen – und er hatte es benutzt.
- 48. Er hat nie viel verlangt, sagte sie.
- 49. Nur genug, damit ich nicht vergesse, wer er ist.
- 50. Drechsel schrieb mit, ohne sie zu unterbrechen.
- 51. Als Brendel fertig war, fragte sie, ob sie ihre Katze versorgen lassen dürfe, bevor sie mitkomme.
- 52. Drechsel sagte ja.
- 53. Sie wartete in der Küche, während Brendel das Tier fütterte.
- 54. Sie dachte daran, dass die anderen Briefe noch auf ihrem Schreibtisch lagen.
- 55. Weitere vier Empfänger.
- 56. Keiner von ihnen hatte sie angerufen.
- 57. Abends schrieb Drechsel ihren Bericht im Auto, weil das Gasthaus im Dorf zu laut war.
- 58. Sie schrieb klar und sachlich, so wie sie immer schrieb.
- 59. Aber hinter dem letzten Satz saß sie noch eine Weile.
- 60. Sie dachte an Renate Halberstam, die so schnell den Kopf geschüttelt hatte.
- 61. Sie dachte an Florian, der schwierig gesagt hatte und nicht weitergeredet hatte.
- 62. Sie dachte an den Pfarrer, der über Grundsätze gesprochen hatte, als wäre das ein Witz.
- 63. Alle hatten etwas gewusst oder geahnt.
- 64. Keiner hatte etwas getan.
- 65. Nicht weil sie Angst hatten.
- 66. Sondern weil es leichter war, nichts zu tun.
- 67. Drechsel startete den Motor und fuhr aus dem Dorf.
- 68. Sie dachte, dass das Urteil über Brendel einfach sein würde.
- 69. Das andere – die vier unversandten Briefe, die schweigende Witwe, der lächelnde Pfarrer – das würde keiner verurteilen.
- 70. Das war das Schwierigste an diesem Beruf: nicht die Mörder, sondern die Gleichgültigkeit, die sie möglich gemacht hatte.
5
- Was der Nebel zurücklässt
- 1. Inspektor Ravensberg kam am frühen Morgen in Starkenfeld an, als der Nebel noch so tief über dem Hafen hing, dass man die Kaimauer kaum sehen konnte.
- 2. Das Haus des Notars Witkowski lag am Ende der Hauptstraße, zurückversetzt hinter einemgepflegten Eisenzaun, der aussah, als wäre er gestern erst gestrichen worden.
- 3. Die Haustür stand offen.
- 4. Drinnen war alles so aufgeräumt, dass Ravensberg unwillkürlich innehielt.
- 5. Witkowski lag im Arbeitszimmer auf dem Boden, beide Hände flach auf den Dielen, als hätte er sich im letzten Moment noch einmal besonnen.
- 6. Der Arzt, der ihn als Erster untersucht hatte, sprach von Herzversagen; Ravensberg notierte das Wort und setzte ein Fragezeichen dahinter.
- 7. Auf dem Schreibtisch stand eine halb geleerte Kaffeetasse, die leicht aus ihrer Untertasse gerückt war – ein kleines Missverhältnis in einem Raum, der sonst keines kannte.
- 8. Neben dem Kamin lag ein Buch aufgeschlagen auf dem Boden, obwohl der Sessel, aus dem es hätte fallen können, gut drei Meter entfernt stand.
- 9. Ravensberg hob es auf und legte es auf den Tisch.
- 10. Er fotografierte die Tasse, das Buch und die leicht angelehnte Schranktür, hinter der Witkowskis Mandantenakten in akkurat beschrifteten Mappen hingen.
- 11. Eine fehlte.
- 12. Nicht der leere Platz war das Problem, sondern dass kein anderer Ordner gerückt worden war, um die Lücke zu kaschieren.
- 13. Jemand hatte die Mappe genommen und entweder nicht daran gedacht oder nicht daran denken wollen, dass das Fehlen auffallen würde.
- 14. Ravensberg stand eine Weile am Fenster und sah auf den Garten, in dem noch nichts blühte.
- 15. Er fuhr mit dem Finger über das Fensterbrett und fand keinen Staub.
- 16. Er begann seine Befragungen am selben Nachmittag, weil er wusste, dass in kleinen Orten Geschichten sich schneller verändern als Fakten.
- 17. Witkowskis Tochter Irene empfing ihn in einem Wohnzimmer, dessen Ordnung dieselbe Angestrengtheit hatte wie alles andere in diesem Haus.
- 18. Sie beschrieb ihren Vater als einen ruhigen, pflichtbewussten Mann, der keine Feinde gehabt habe und sich um die Angelegenheiten anderer nie gekümmert habe.
- 19. Ravensberg hörte zu, ohne zu unterbrechen, und vermerkte, dass sie das Wort Feinde benutzte, obwohl er es nicht eingeführt hatte.
- 20. Der Bürgermeister, ein Mann namens Hollenbeck, empfing ihn mit der geschäftsmäßigen Herzlichkeit von jemandem, der gelernt hat, Vertrauen zu simulieren.
- 21. Witkowski sei ein Stützpfeiler der Gemeinschaft gewesen, sagte er; man werde ihn vermissen.
- 22. Das sagte er so, wie man sagt, dass das Wetter schön war – als Feststellung über etwas, das sich nicht mehr ändern lässt und das man deshalb auch nicht mehr betrauern muss.
- 23. Nur der alte Brückenwächter Starobin, den Ravensberg beim Hafenausgang traf, sagte etwas anderes.
- 24. Er zuckte die Schultern und meinte, Witkowski habe seine Sachen gehabt wie jeder andere auch.
- 25. Ravensberg fragte, was für Sachen.
- 26. Starobin sah aufs Wasser.
- 27. Sachen eben, sagte er und ging.
- 28. Am dritten Tag bat Ravensberg Witkowskis Sekretärin Margot Seifried zu einem zweiten Gespräch.
- 29. Sie war eine Frau Ende fünfzig, die so still saß, als hätte sie gelernt, möglichst wenig Raum einzunehmen.
- 30. Er fragte sie nach der fehlenden Akte.
- 31. Sie schwieg einen Moment – nicht das Schweigen des Überlegens, sondern das Schweigen von jemandem, der prüft, wie viel Kraft das Weiterlügen noch kosten wird.
- 32. Dann sagte sie, Witkowski habe die Mappe selbst entnommen, kurz bevor er gestorben sei.
- 33. Ravensberg fragte, wann sie das gesehen habe.
- 34. Sie sagte, am Dienstagabend, gegen halb sieben.
- 35. Er fragte, was in der Akte gewesen sei.
- 36. Sie faltete die Hände.
- 37. Ein Darlehensvertrag, sagte sie.
- 38. Und?
- 39. Und ein Brief.
- 40. Von wem?
- 41. Sie sah ihn an, als wäre die Frage unnötig, weil die Antwort so offensichtlich war, dass das Aussprechen sie beleidigen würde.
- 42. Von mir, sagte sie schließlich.
- 43. Was folgte, war kein Zusammenbruch.
- 44. Margot Seifried schilderte den Ablauf mit einer Sachlichkeit, die Ravensberg an das Protokoll eines Buchhalters erinnerte: die Tassen, der Tee, der Zusatz aus dem Medizinschrank.
- 45. Der Grund war ein Dokument, das Witkowski seit Jahren aufbewahrt hatte und das ihr gesamtes Erspartes, das Erbe ihrer Mutter, für eine Schuld beanspruchte, die sie nie eingegangen war.
- 46. Er hatte sie damit nie erpresst – er hatte es nur aufbewahrt, mit der umsichtigen Sorgfalt eines Mannes, der alles verwahrt, was sich eines Tages als nützlich erweisen könnte.
- 47. Das war das Schlimmste, sagte sie: dass er nicht böse gewesen sei.
- 48. Nur berechnend, auf eine Weise, die so alltäglich war, dass sie selbst ihm gegenüber nie einen anderen Namen dafür gehabt hatte.
- 49. Ravensberg schrieb seinen Bericht in der einzigen Gaststätte des Ortes, am Fenster, mit Blick auf die Straße.
- 50. Er trank Kaffee, der nicht gut war.
- 51. Hollenbeck kam um halb neun herein, sah ihn und setzte sich ans andere Ende der Theke.
- 52. Sie sprachen nicht.
- 53. Ravensberg dachte daran, dass in diesem Ort alle gewusst oder geahnt hatten, was Witkowski tat.
- 54. Dass sie es nicht als ihr Problem betrachtet hatten, war keine Ausnahme – es war das Normalste der Welt.
- 55. Er zahlte, zog den Mantel an und ging zum Wagen.
- 56. Die Straße war leer, der Nebel war wieder da.
- 57. Auf der Fahrt zurück in die Stadt dachte er nicht an Margot Seifried.
- 58. Er dachte an Irene, die das Wort Feinde benutzt hatte, ohne dass er es eingeführt hatte, und die danach so ruhig weitergesprochen hatte, als wäre nichts gewesen.
- 59. Er dachte an Starobin, der aufs Wasser gesehen hatte.
- 60. Er dachte an Hollenbeck, der sich ans andere Ende gesetzt hatte.
- 61. Es wäre möglich gewesen, dass einer von ihnen in dieser Nacht in der Küche gestanden und Margot Seifried nicht aufgehalten hatte.
- 62. Es wäre ebenso möglich gewesen, dass keiner von ihnen es je für nötig gehalten hatte, irgendetwas aufzuhalten.
- 63. Ravensberg fuhr und wusste, dass er die Wahrheit gefunden hatte – ordentlich, vollständig, beweisbar.
- 64. Er wusste auch, dass sie das Leichteste an diesem Fall gewesen war.
111
[Bearbeiten]1
- Das rote Heftchen
- 1. Tanja backt jeden Tag Brot.
- 2. Sie wohnt in Golikino.
- 3. Das ist ein kleines Dorf.
- 4. Ihre Nachbarin heißt Baba Ljuba.
- 5. Baba Ljuba ist alt.
- 6. Sie wohnt allein.
- 7. Eines Tages klopft Tanja an ihre Tür.
- 8. Baba Ljuba macht nicht auf.
- 9. Tanja öffnet die Tür.
- 10. Sie geht hinein.
- 11. Baba Ljuba sitzt am Tisch.
- 12. Sie bewegt sich nicht.
- 13. Sie ist gestorben.
- 14. Auf dem Tisch stehen zwei Tassen.
- 15. Tanja schaut die Tassen an.
- 16. Eine Tasse ist leer.
- 17. Eine Tasse ist halbvoll.
- 18. Der Tee ist noch warm. "Wer war hier?", denkt Tanja.
- 19. Sie trinkt den Tee in der fremden Tasse.
- 20. Am nächsten Tag geht Tanja durch das Dorf.
- 21. Sie bringt Brot zu den Leuten.
- 22. Alle wissen, dass Baba Ljuba gestorben ist. "Sie war sehr nett", sagt Frau Bobrowa. "Das ist sehr traurig", sagt der alte Wassili.
- 23. Tanja fragt: "Hat jemand Baba Ljuba besucht?"
- 24. Frau Bobrowa schüttelt den Kopf. "Nein, ich war nicht da", sagt sie.
- 25. Tanja geht zum Laden.
- 26. Sie kauft Mehl.
- 27. Sie fragt den Ladenbesitzer.
- 28. Er wird rot.
- 29. Er spricht über das Wetter.
- 30. Tanja fragt: "Wo ist Baba Ljubas rotes Heftchen?" "Welches Heftchen?", fragt er.
- 31. Aber er schaut zur Seite.
- 32. Die Leute in Golikino schweigen.
- 33. Alle schweigen auf dieselbe Art.
- 34. Zwei Tage später geht Tanja zu Baba Ljubas Haus.
- 35. Sie öffnet die Schublade neben dem Bett.
- 36. Darin ist ein Stück Papier.
- 37. Tanja liest das Papier.
- 38. Da sind Namen von Leuten aus dem Dorf.
- 39. Neben den Namen stehen Zahlen.
- 40. Das ist ein Geheimnis.
- 41. Tanja sieht den Namen von Bürgermeister Nikolai.
- 42. Er ist dreimal da.
- 43. Tanja faltet das Papier zusammen.
- 44. Sie schaut aus dem Fenster.
- 45. Der Garten sieht nicht gut aus.
- 46. Das Gras ist sehr hoch.
- 47. Baba Ljuba hat lange nicht im Garten gearbeitet.
- 48. Tanja geht nach Hause.
- 49. Sie kocht Tee.
- 50. Sie legt das Papier auf den Tisch. "Was mache ich jetzt?", denkt sie.
- 51. Bürgermeister Nikolai ist ein mächtiger Mann.
- 52. Er kennt alle im Dorf.
- 53. Tanja kennt seine Frau und seine Kinder.
- 54. Seine Kinder gehen zur Schule.
- 55. Baba Ljuba hat das Heftchen lange gehabt.
- 56. Sie hat nie etwas gesagt. "Warum hat sie nichts gesagt?", fragt Tanja sich.
- 57. Tanja weiß die Antwort nicht.
- 58. Sie trinkt den Tee.
- 59. Sie denkt lange nach.
- 60. Dann nimmt sie die Bibel.
- 61. Sie legt das Papier in die Bibel.
- 62. Sie stellt das Buch ins Regal. "Das bleibt hier", sagt sie.
- 63. Am nächsten Morgen bäckt Tanja wieder Brot.
- 64. Frau Bobrowa kommt und kauft ein Brot. "Wie geht es dir?", fragt Frau Bobrowa. "Gut", sagt Tanja.
- 65. Das Dorf lebt weiter.
2
- Rosas Notizbuch
- 1. Fjodor Saizew ist früher Lehrer gewesen, aber jetzt ist er in Rente.
- 2. Er wohnt in Kamenka, einem kleinen Dorf.
- 3. Seine Nachbarin Rosa Timofejewna war alt und hat allein gewohnt.
- 4. Am Mittwoch hat Fjodor sie besucht.
- 5. Er hat an die Tür geklopft, aber niemand hat geöffnet.
- 6. Die Tür war offen, und Fjodor ist hineingegangen.
- 7. Rosa hat am Tisch gesessen und sich nicht bewegt.
- 8. Sie ist gestorben.
- 9. Auf dem Tisch waren zwei Tassen.
- 10. Eine war leer und eine war halbvoll.
- 11. Fjodor hat die halbvolle Tasse angeschaut.
- 12. Der Tee war noch warm.
- 13. Rosa hatte nie Besuch gehabt, denn sie mochte keine Leute.
- 14. Aber heute standen da zwei Tassen.
- 15. Fjodor hat den Tee in der fremden Tasse getrunken.
- 16. Er hat nicht gewusst, warum er das getan hat.
- 17. Am nächsten Tag ist Fjodor durch das Dorf gegangen.
- 18. Er hat bei den Nachbarn geklingelt und sein Beileid gesagt.
- 19. Alle haben von Rosas Tod gewusst. "Das ist sehr traurig", hat Nadja Morosowa gesagt. "Sie war eine gute Nachbarin", hat der alte Grigorij gesagt.
- 20. Fjodor hat gefragt, wer Rosa zuletzt besucht hatte.
- 21. Nadja hat den Kopf geschüttelt. "Ich weiß das nicht."
- 22. Beim Lebensmittelladen hat Fjodor Brot gekauft.
- 23. Er hat den Ladenbesitzer gefragt: "Hat jemand Rosa besucht?"
- 24. Der Ladenbesitzer ist rot geworden.
- 25. Er hat über den Herbstregen gesprochen.
- 26. Fjodor hat Rosas Notizbuch erwähnt. "Welches Notizbuch?", hat der Mann gefragt.
- 27. Aber Fjodor hat gesehen, dass der Mann gelogen hat.
- 28. Die Leute in Kamenka haben nichts gesagt, aber alle auf die gleiche Art.
- 29. Das hat Fjodor nicht vergessen.
- 30. Drei Tage nach Rosas Tod ist Fjodor wieder in ihr Haus gegangen.
- 31. Er hat gesagt, er will das Fenster schließen.
- 32. Das Schlafzimmer war ordentlich und sauber.
- 33. Fjodor hat die Schublade am Bett aufgemacht.
- 34. Darin war ein Stück Papier.
- 35. Das war Rosas Handschrift.
- 36. Fjodor hat das Papier langsam gelesen.
- 37. Es war eine Abschrift aus Rosas Notizbuch.
- 38. Rosa hat Namen von Leuten aus dem Dorf aufgeschrieben.
- 39. Neben den Namen waren Daten und Beträge.
- 40. Die Leute haben Rosa für etwas bezahlt, aber nicht für Gemüse oder Eier.
- 41. Fjodor hat den Namen von Pawel Krutow gefunden.
- 42. Krutow war der Vorsitzende des Kolchos.
- 43. Sein Name war dreimal da.
- 44. Fjodor hat das Papier auf das Fensterbrett gelegt.
- 45. Er hat in den Garten geschaut.
- 46. Die Beete waren nicht gepflegt, denn Rosa war lange krank gewesen.
- 47. Fjodor ist nach Hause gegangen und hat Tee gekocht.
- 48. Das Papier hat er auf den Tisch gelegt.
- 49. Er hat gewusst, was er tun sollte.
- 50. Er sollte zur Polizei in die Stadt fahren.
- 51. Aber Krutow ist ein mächtiger Mann.
- 52. Krutow hat Fjodors Sohn geholfen, als er studieren wollte.
- 53. Und die anderen Namen – das waren Fjodors Nachbarn.
- 54. Rosa hat das Notizbuch viele Jahre gehabt, aber sie hat nie etwas gesagt.
- 55. Warum hat sie das getan?
- 56. Hat sie die Leute schützen wollen?
- 57. Oder hatte sie Angst gehabt?
- 58. Fjodor hat den Tee getrunken und nachgedacht.
- 59. Dann hat er das Papier gefaltet.
- 60. Er hat die Bibel vom Regal genommen.
- 61. Er hat das Papier in die Bibel gelegt.
- 62. Er hat das Buch zurückgestellt. "Das ist nicht einfach", hat er laut gesagt.
- 63. Am nächsten Morgen ist Fjodor früh aufgestanden.
- 64. Er hat Kaffee getrunken und sich angezogen.
- 65. Dann ist er durch das Dorf spaziert.
- 66. Es war noch früh, und alles war still.
- 67. Die Kinder sind zur Schule gegangen.
- 68. Der Traktor hat auf dem Feld gearbeitet.
- 69. Kamenka war ein normales Dorf.
- 70. Und Fjodor wollte, dass es so bleibt.
3
- Das Wäschebuch
- 1. Katja Wolkowa führt seit zwanzig Jahren den Laden in Borjowka.
- 2. Sie verkauft dort Mehl, Salz und alles, was die Leute brauchen.
- 3. Marija Beljajewa hatte für fast jeden im Dorf die Wäsche gewaschen.
- 4. Am Donnerstag wollte Katja die fertige Wäsche bei ihr abholen.
- 5. Sie hat geklopft, aber niemand hat geöffnet.
- 6. Die Tür war offen, also ist Katja hineingegangen.
- 7. In der Küche roch es nach kaltem Herd und Kräutertee.
- 8. Marija saß am Tisch und rührte sich nicht.
- 9. Sie war gestorben.
- 10. Katja stand still und schaute.
- 11. Dann hat sie die zwei Tassen auf dem Tisch gesehen.
- 12. Beide waren benutzt, und der Tee in der zweiten Tasse war noch warm. "Marija hatte doch nie Besuch", dachte Katja.
- 13. Die alte Frau hatte immer gesagt: "Besucher machen nur Mühe."
- 14. Trotzdem hat Katja sich gesetzt.
- 15. Sie hat die fremde Tasse genommen und den Tee ausgetrunken.
- 16. Er schmeckte nach Zitronenmelisse und Honig.
- 17. Katja wusste selbst nicht genau, warum sie das getan hatte.
- 18. Am nächsten Tag hat Katja die Wäsche an alle zurückgebracht.
- 19. Sie hat jeden Haushalt besucht, dem Marija Wäsche gewaschen hatte.
- 20. Alle wussten schon, dass Marija gestorben war. "Das ist sehr traurig", sagte Frau Nossowa und nahm ihr Bündel.
- 21. Katja fragte, wer Marija zuletzt besucht hatte.
- 22. Frau Nossowa schaute zur Seite. "Ich war nicht da.
- 23. Ich weiß es nicht."
- 24. Bei Herrn Tscherenkow war es ähnlich.
- 25. Er ist rot geworden, als Katja die Frage gestellt hat. "Welches Notizbuch meinen Sie?", hat der Doktor Ssawin gefragt.
- 26. Aber er hatte seltsam geschaut, als Katja es erwähnt hatte.
- 27. Die Leute sprachen über das Wetter, die Ernte, das Wochenende.
- 28. Nur über das Notizbuch hat keiner gesprochen.
- 29. Katja hat verstanden: Alle wussten Bescheid, aber keiner wollte reden.
- 30. Zwei Tage später ist sie noch einmal zu Marija gegangen.
- 31. Offiziell wollte sie der Katze Futter bringen.
- 32. Das Schlafzimmer war ordentlich und roch nach Lavendel.
- 33. Katja hat die kleine Schublade am Bett aufgemacht.
- 34. Ganz unten lag ein zusammengefaltetes Stück Papier.
- 35. Es war Marijas Handschrift: klein, sauber, ordentlich.
- 36. Katja hat das Blatt aufgemacht und gelesen.
- 37. Es war eine Abschrift aus dem Wäschebuch.
- 38. Marija hatte aufgeschrieben, was sie in den Taschen der Wäsche gefunden hatte.
- 39. Briefe, Fotos, Zettel – und daneben immer die Namen der Leute.
- 40. Dann waren da Mittel aufgelistet, die kein Arzt verschreibt.
- 41. Und daneben: wer sie bestellt hatte und wann.
- 42. Da war auch der Name von Direktor Gruschew.
- 43. Dreimal, mit Datum.
- 44. Katja hat das Blatt zusammengefaltet.
- 45. Sie hat aus dem Fenster geschaut.
- 46. Im Garten lagen Äpfel auf dem Boden, weil niemand sie gepflückt hatte.
- 47. Die Äste hingen tief, aber niemand war mehr da, der sich darum kümmerte.
- 48. Zu Hause hat Katja Tee gekocht und sich an den Tisch gesetzt.
- 49. Das Blatt lag vor ihr.
- 50. Sie wusste, was sie tun müsste. "Ich sollte zur Polizei gehen", dachte sie.
- 51. Aber dann hat sie an Direktor Gruschew gedacht.
- 52. Er hatte ihrer Tochter Lena die Stelle in der Stadt vermittelt.
- 53. Ohne Gruschew wäre Lena heute noch hier.
- 54. Katja hat an die anderen Namen auf dem Blatt gedacht.
- 55. Das waren ihre Nachbarn und ihre Kunden.
- 56. Leute, die sie jeden Tag gesehen hat.
- 57. Marija hatte das Notizbuch jahrelang bei sich gehabt, aber sie hat nie etwas gesagt.
- 58. Vielleicht hatte Marija das aus einem guten Grund getan.
- 59. Vielleicht wollte sie die Leute schützen.
- 60. Katja hat den Tee getrunken, langsam, bis die Tasse leer war.
- 61. Dann hat sie die Bibel aus dem Regal genommen.
- 62. Sie hat das Blatt hineingelegt und das Buch zugeklappt.
- 63. Sie hat es zurück ins Regal gestellt. "Das ist keine leichte Entscheidung", sagte sie halblaut.
- 64. Aber sie hat es getan.
- 65. Am nächsten Morgen hat Katja den Laden geöffnet wie immer.
- 66. Frau Nossowa ist früh gekommen und hat Salz gekauft. "Wie geht es dir?", hat sie gefragt. "Es geht", hat Katja geantwortet.
- 67. Das stimmte nicht ganz.
- 68. Aber es war genug.
4
- Die Schrift der Hebamme
- 1. Als Olga Alexandrowna die Küche der toten Fekla betrat, standen da zwei Tassen auf dem Tisch, und das frische Brot daneben war noch nicht ganz kalt.
- 2. Fekla Spiridowna, die Hebamme von Michailowka, war einundachtzig Jahre alt gewesen und am Dienstagmorgen gestorben.
- 3. Niemand hatte sie zuletzt besucht – so hieß es jedenfalls.
- 4. Aber zwei Tassen lügen nicht.
- 5. Olga kannte Fekla gut genug, um zu wissen, dass sie Brot nicht für sich allein buk.
- 6. Sie setzte sich auf den Stuhl, der nicht Feklas war.
- 7. Die andere Tasse war halbvoll, der Tee noch lauwarm.
- 8. Olga trank ihn aus, ohne lange zu überlegen.
- 9. Er schmeckte nach Pfefferminze und etwas, das sie nicht benennen konnte.
- 10. Es war ihr, als müsste sie das tun, obwohl sie nicht hätte sagen können, warum.
- 11. Das kleine Notizheft, das Fekla immer in der Schürzentasche getragen hatte, war nirgendwo auf dem Tisch.
- 12. Olga suchte kurz mit dem Blick, ohne aufzustehen.
- 13. Es lag nirgends in der Küche.
- 14. Das bedeutete etwas, auch wenn sie noch nicht wusste, was.
- 15. Am nächsten Morgen backte Olga einen Pflaumenkuchen und machte sich auf den Weg durch das Dorf.
- 16. Zuerst besuchte sie Anja Lubjankina, die als Erste von Feklas Tod gehört hatte.
- 17. Anja sprach viel über Feklas gütige Art und die bevorstehende Beerdigung, aber das Notizheft erwähnte sie mit keinem Wort.
- 18. Bei der Witwe Prochorowa war es genauso: viele Erinnerungen, aber immer die falschen.
- 19. Beim Lebensmittelhändler Suslow kaufte Olga Mehl und fragte beiläufig, ob jemand Fekla kurz vor ihrem Tod noch besucht hatte.
- 20. Suslow wurde verlegen und sprach über den Regen, obwohl es seit einer Woche nicht geregnet hatte.
- 21. Am Nachmittag traf sie die Tochter des Pfarrers, die sagte, sie habe an Feklas Fenster noch spät abends Licht gesehen.
- 22. Mehr wollte das Mädchen nicht sagen, und Olga drängte es nicht.
- 23. Das Dorf schwieg über das Notizheft so gleichmäßig, dass es wie Absicht wirkte.
- 24. Wer zufällig schweigt, schweigt unterschiedlich.
- 25. Hier schwiegen alle auf dieselbe Art.
- 26. Olga kannte dieses Schweigen aus ihrer Zeit als Briefträgerin.
- 27. Es war das Schweigen von Menschen, die einen Brief erhalten haben, über den man nicht spricht.
- 28. Sie saß abends auf der Bank vor ihrem Haus und rauchte, obwohl sie seit Jahren nicht mehr geraucht hatte.
- 29. Dann schrieb sie auf einem Zettel, wer das Thema gewechselt hatte, sobald sie Feklas Namen nannte.
- 30. Es waren fast alle.
- 31. Drei Tage nach Feklas Tod kehrte Olga in das leerstehende Haus zurück, um die Blumen zu gießen.
- 32. Das Schlafzimmer war aufgeräumt und roch nach altem Holz und trockenem Lavendel.
- 33. Olga öffnete die Schublade am Nachttisch, ohne genau zu wissen, was sie suchte.
- 34. Unter einem alten Tuch und einem Rosenkranz lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier.
- 35. Die Handschrift war Feklas: runde Buchstaben mit kleinen Kreisen über dem ü.
- 36. Es war eine Abschrift von einigen Seiten aus dem Notizheft, in Bleistift geschrieben.
- 37. Olga las langsam.
- 38. Auf den ersten Seiten waren harmlose Kräutermittel gegen Fieber und Schlaflosigkeit aufgeführt.
- 39. Dann kamen andere Rezepturen, für Mittel, die kein Arzt verordnet hätte, und dahinter Namen von Personen, die sie bestellt hatten.
- 40. Manche der Namen kannte Olga aus dreißig Jahren im Dorf.
- 41. Den Namen von Pjotr Semjonowitsch Norin, dem Gemeinderatsvorsitzenden, fand sie dreimal, mit Datumsangaben.
- 42. Olga legte das Blatt auf das Fensterbrett und sah in den verwilderten Garten.
- 43. Die Sonnenblumen waren umgefallen, weil niemand sie rechtzeitig gebunden hatte.
- 44. Sie dachte daran, wie lange Fekla dieses Wissen bei sich getragen hatte, ohne jemanden damit zu belasten.
- 45. Vielleicht war das eine Art Schutz gewesen.
- 46. Für die anderen.
- 47. Nicht für Fekla.
- 48. Olga fuhr nach Hause, kochte Wasser auf und setzte sich an den Küchentisch.
- 49. Die Abschrift lag vor ihr, und sie betrachtete sie, ohne sie anzufassen.
- 50. Was das Gesetz von ihr wollte, wusste sie: zum Polizeiposten in Woronki fahren, zwanzig Kilometer.
- 51. Pjotr Semjonowitsch kannte den Polizeichef persönlich.
- 52. Das wusste das ganze Dorf.
- 53. Olga zog kurz in Betracht, ob Fekla sie als diese Person ausgewählt hatte.
- 54. Sie hatte die Abschrift nicht vernichtet, obwohl sie die Gelegenheit gehabt hatte.
- 55. Sie hatte sie in der Schublade gelassen, so als sollte jemand sie finden.
- 56. Olga fragte sich, ob sie gemeint war.
- 57. Aber dann dachte sie an Mascha, Pjotrs junge Frau, die in Michailowka aufgewachsen war und bei Olga manchmal Kaffee trank.
- 58. Sie dachte an Maschas Kinder, die in die Dorfschule gingen, die Pjotr mitfinanziert hatte.
- 59. Gerechtigkeit war nicht immer eine klare Rechnung.
- 60. Manchmal war sie gar keine Rechnung, sondern eine Frage, die man nicht laut stellen durfte.
- 61. Olga faltete das Blatt sorgfältig und schob es in die Bibel, die auf dem Regal stand.
- 62. Sie wählte eine Stelle in der Mitte, zwischen zwei Seiten, die sie selbst nicht kannte.
- 63. Dann trank sie den Tee.
- 64. Der Wind hatte zugenommen, und die Laterne vor dem Haus schwang hin und her.
- 65. Olga saß noch lange am Tisch, während draußen die Schatten länger wurden.
- 66. Sie dachte an die Briefe, die sie in dreißig Jahren getragen hatte: gute und schlechte, erwartete und gefürchtete.
- 67. Manche davon hätte sie nicht zustellen sollen.
- 68. Manche hätte sie verbrennen sollen.
- 69. Aber sie hatte immer zugestellt, weil das ihr Beruf gewesen war und weil sie damals nicht hatte wissen können, was die Briefe bedeuteten.
- 70. Heute hatte sie zum ersten Mal etwas nicht getan, was sie hätte tun sollen.
- 71. Sie wusch die Tasse, trocknete sie ab und stellte sie in den Schrank.
- 72. Draußen war es jetzt dunkel.
- 73. Sie schlief gut.
5
- Was der Tee noch wusste
- 1. Als Irina Pawlowna das Haus der toten Natascha Grigorjewna betrat, roch es nach Wacholder, trockenem Thymian und dem stillen Zustand von Räumen, in denen man aufgehört hat aufzuräumen.
- 2. Die Kräuterhändlerin aus Krasnoje war still gestorben, wie man hier zu sterben pflegte: ohne Zeugen, ohne das Aufheben, das Städter für ihre Toten veranstalteten.
- 3. Niemand hätte gefragt.
- 4. Wäre da nicht die Sache mit den Tassen gewesen.
- 5. Sie standen auf dem Küchentisch, beide benutzt, die eine schräg in die andere gestellt, als hätte jemand es eilig gehabt, aber nicht eilig genug.
- 6. Irina hatte Natascha vierzig Jahre lang gekannt, lange genug, um zu wissen, dass diese Frau kein Geschirr auf dem Tisch stehen ließ.
- 7. Nicht aus Reinlichkeit.
- 8. Aus Überzeugung.
- 9. Sie setzte sich auf den Stuhl, der nicht Nataschas war, und ließ sich Zeit.
- 10. Die zweite Tasse hob sie an die Nase: Kamille, Honig, und hinter beidem eine Bitternote, die eine ehemalige Feldsher nicht hätte ignorieren können.
- 11. Sie trank.
- 12. Es war kein Durst, der sie dazu trieb, sondern das Bedürfnis, durch das Trinken zu teilen, was die Tote zuletzt geteilt hatte, um zu verstehen, wer ihr gegenübergesessen hatte.
- 13. Der Tee war noch warm.
- 14. Draußen rief jemand nach einem Kind, und das Kind antwortete nicht.
- 15. Irina ließ den Blick durch die Küche wandern: die schiefe Ikone über dem Herd, die Einmachgläser, die schlafende Katze auf dem Fensterbrett.
- 16. Das Büchlein, das Natascha seit Jahren in der Schürzentasche getragen hatte, war nicht da.
- 17. Noch am Nachmittag brach Irina mit einem Glas eingemachter Pflaumen auf, das eigentlich für den Winter gedacht gewesen wäre.
- 18. Bei den Schwestern Worobiowa traf sie auf die Art von Schweigen, das schlechter verbirgt, was es verbirgt, je sorgfältiger es kultiviert wird.
- 19. Man sprach über Fedors kranken Enkel, über den Preis für Heizöl, über den ungewöhnlich frühen Frost – mit einer Präzision, die zeigte, dass man genau wusste, worüber man nicht sprach.
- 20. Irina hörte zu, trank den angebotenen Tee bis auf den Grund und machte keine Notizen.
- 21. Beim Krämer Parfjonowitsch erwähnte sie beiläufig, Natascha habe das Büchlein sonst nie aus der Hand gegeben, und wartete, was das auslösen würde.
- 22. Es löste nichts aus.
- 23. Parfjonowitsch nickte und sortierte Mehlsäcke, als hätte er die Bemerkung nicht gehört.
- 24. Der Pfarrer empfing sie zwischen welkenden Bohnenreihen und sprach so ausführlich über Nataschas stilles Wesen, dass Irina das Gegenteil hinter jedem Lob zu hören meinte.
- 25. Nur die alte Gromowa, deren Taubheit sie ehrlicher machte als ihre Nachbarn, murmelte beim Abschied: "Das Büchlein hat jemandem nicht gepasst."
- 26. Mehr sagte sie nicht.
- 27. Das Dorf schwieg über das Büchlein mit der konzertierten Unauffälligkeit von Menschen, die alle denselben blinden Fleck kultivieren, ohne dies je miteinander besprochen zu haben.
- 28. Aber gerade dieses Schweigen – seine Gleichförmigkeit, seine beinahe choreografierte Sorgfalt – war für Irina eine Auskunft.
- 29. Es hatte die Kontur einer Aussage, aus der man die erste Seite herausgerissen hatte.
- 30. Abends schrieb sie auf einem Zettel, wer gerötet hatte, wer den Blick gesenkt hatte und wer das Thema zu schnell gewechselt hatte.
- 31. Es waren zu viele.
- 32. Am dritten Tag kehrte sie unter dem Vorwand zurück, nach der Katze zu sehen.
- 33. Das Schlafzimmer roch nach Lavendel und angehaltenem Atem.
- 34. Die Ikone der Gottesmutter hing schief über dem Bett, was Natascha zu Lebzeiten nie geduldet hätte.
- 35. In der Schublade des Nachttischs, unter Wollknäueln, einem Rosenkranz und einem Gebetsbuch mit gesplittertem Einband, lag ein sorgfältig gefaltetes Blatt.
- 36. Irina erkannte die Handschrift sofort: die kleinen, gedrängten Buchstaben einer Frau, die sparsam gewesen war – mit Worten wie mit allem anderen.
- 37. Es war eine Abschrift – nicht das Büchlein selbst, das fehlte, sondern Nataschas eigenhändig angefertigte Kopie jener Seiten, die sie offenbar als stille Versicherung zurückbehalten hatte.
- 38. Sie faltete das Blatt auf dem Fensterbrett auseinander.
- 39. Die ersten Seiten enthielten Rezepturen, die Irina aus ihrer Feldsher-Zeit kannte: Baldriantinktur, Weidenbastabsud, Schafgarbenessig gegen Magenbeschwerden.
- 40. Dann kamen die anderen.
- 41. Rezepturen für Mittel, die kein Arzt verordnet hätte – gegen Schwangerschaften, gegen Schmerzen, die man nicht benennt –, und hinter jedem Eintrag Namen von Personen, die sie bestellt hatten.
- 42. Namen, die Irina kannte.
- 43. Der Name des Bürgermeisters Gerasim Bolschakow stand zweimal darunter, mit Datum und Menge, in der sachlichen Klarheit einer Buchführung ohne Urteil.
- 44. Irina legte das Blatt auf das Fensterbrett und sah in den Garten.
- 45. Die Brennnesseln standen mannshoch, die Beerensträucher ungepflegt, die Beete aufgegeben – als hätte Natascha sehr genau gewusst, dass sich das Jäten nicht mehr lohnen würde.
- 46. Die Katze saß draußen auf dem Gartenzaun und beobachtete sie durch das Glas.
- 47. Irina beobachtete sie zurück.
- 48. Zu Hause kochte sie Tee und setzte sich an ihren eigenen Tisch, der kleiner war als Nataschas und weniger Spuren trug.
- 49. Die Abschrift legte sie mit dem Rand bündig zur Tischkante, ohne sie zu berühren, und betrachtete sie.
- 50. Die Frage, was sie tun müsste, stellte sich nicht.
- 51. Das wusste sie.
- 52. Die Frage war, was aus Krasnoje würde, wenn sie es täte: aus den Familien, aus dem Gleichgewicht, das ein kleines Dorf braucht, um ein kleines Dorf zu bleiben.
- 53. Hätte sie die Abschrift zur Miliz in der Kreisstadt gebracht, wäre Bolschakow nicht der Einzige gewesen, dem ein Verfahren gedroht hätte – das war das Wesen der Liste.
- 54. Bolschakow hatte ihr vor drei Jahren die Rente gerettet, als die Bezirksbehörde einen Formfehler zum Anlass genommen hatte, die Zahlung einzufrieren.
- 55. Er war kein guter Mensch, aber er war das, was Krasnoje von einem Bürgermeister verlangen konnte.
- 56. Irina dachte an die anderen Namen auf dem Blatt.
- 57. Töchter, die jetzt Kinder hatten.
- 58. Söhne, die Felder bestellten.
- 59. Natascha hatte das Büchlein ihr Leben lang aufbewahrt, es aber nie benutzt.
- 60. Das musste etwas bedeuten.
- 61. Vielleicht: dass Schuld erinnert, aber nicht eingetrieben werden sollte.
- 62. Vielleicht auch nur, dass Natascha Angst gehabt hatte.
- 63. Beides war wahr, und beides spielte keine Rolle mehr.
- 64. Irina trank den Tee bis auf den Grund.
- 65. Dann faltete sie die Abschrift – einmal, zweimal, viermal – auf ein Format, das in das alte Gesangbuch passte, das ihr Mann ihr zur Hochzeit geschenkt hatte.
- 66. Zwischen Seite vierundzwanzig und fünfundzwanzig, wo der erste Psalm begann, den sie nicht mehr auswendig konnte.
- 67. Das Gesangbuch stellte sie zurück ins Regal, zwischen die Jahrbücher der Kolchose, die niemand mehr aufschlug.
- 68. Es war kein Frieden, was sie empfand, und es war auch keine Gewissheit.
- 69. Es war das Wissen, dass Krasnoje mit einem Wissen weiterleben würde, so wie es immer gelebt hatte: mit dem Großteil der Wahrheit unter den Dielen.
- 70. Draußen ging eine Gestalt über die Hauptstraße.
- 71. Am Gang erkannte Irina den Bürgermeister: der selbstgewisse Schritt eines Mannes, der vergessen hat, dass man vergessen werden kann.
- 72. Er schaute nicht herein.
- 73. Irina stand am Fenster, bis er außer Sichtweite war.
- 74. Dann spülte sie die Tasse, trocknete sie ab und stellte sie in den Schrank.
112
[Bearbeiten]1
- Alles in Ordnung
- 1. Paul Winter ist Polizist in Gotha.
- 2. Heute Morgen hat er eine neue Aufgabe bekommen.
- 3. Es geht um Hildegard Kunkel, 71 Jahre alt.
- 4. Sie wohnt in der Gartenstraße und lebt allein.
- 5. Niemand hat sie als vermisst gemeldet.
- 6. Ein Ladenbesitzer hat die Polizei angerufen.
- 7. Paul liest die Akte.
- 8. Es gibt keine Familie in der Kartei.
- 9. Paul schreibt "ungeklärt" auf das Formular.
- 10. Er weiß nicht genau, was das Wort bedeutet.
- 11. Aber es gibt kein anderes. "Was machst du heute?", fragt sein Kollege Nico. "Ich besuche einen Laden", sagt Paul.
- 12. Nico nickt.
- 13. Paul nimmt seine Jacke und geht.
- 14. Der Laden heißt "Szabo's Ecke" und ist fünf Minuten entfernt.
- 15. Der Besitzer heißt Árpád Szabo und ist ungefähr fünfzig Jahre alt. "Frau Kunkel kommt jeden Tag", sagt er. "Seit zwölf Tagen ist sie nicht mehr gekommen." "Kennen Sie sie gut?", fragt Paul. "Ja", sagt Szabo. "Sie kauft immer Brot und Milch." "Hat sie Familie?", fragt Paul. "Ich glaube nicht." "Sie lebt allein."
- 16. Paul schreibt alles auf. "Hat sie etwas gesagt?", fragt er.
- 17. Szabo nickt. "Sie hat gesagt, dass sie bald wegfährt." "Wann hat sie das gesagt?", fragt Paul. "Vor etwa zwei Wochen."
- 18. Paul notiert das. "Haben Sie Angst?", fragt Paul. "Ja", sagt Szabo. "Sie ist eine nette Frau."
- 19. Paul bedankt sich. "Ich hoffe, ihr geht es gut", sagt Szabo. "Ich auch", sagt Paul.
- 20. Er geht zurück ins Büro.
- 21. Im Büro sucht Paul in der Datenbank.
- 22. Er findet einen Eintrag aus dem Jahr 2022.
- 23. Hildegard Kunkel ist damals auch verschwunden.
- 24. Sie ist nach zwei Wochen zurückgekommen.
- 25. Niemand weiß, wo sie gewesen ist.
- 26. Der Fall ist geschlossen worden.
- 27. Paul liest das zweimal.
- 28. Es gibt keine neue Information.
- 29. Er schreibt seinen Bericht.
- 30. Er schreibt: "Keine neuen Erkenntnisse."
- 31. Dann schreibt er: "Wiedervorlage in einer Woche." "Und?", fragt Nico. "Nichts", sagt Paul. "Okay", sagt Nico.
- 32. Das Gespräch ist zu Ende.
- 33. Paul legt die Akte ins Regal.
- 34. Im Regal stehen viele andere Akten.
- 35. Sie sehen alle gleich aus.
- 36. Paul trinkt seinen Kaffee.
- 37. Er ist schon kalt.
- 38. Um halb sechs macht Paul seinen Computer aus. "Tschüs", sagt er zu Nico. "Tschüs", sagt Nico.
- 39. Paul geht die Treppe runter und dann nach Hause.
- 40. Draußen ist es dunkel.
- 41. Er geht zu Fuß.
- 42. Er kommt am Laden von Herrn Szabo vorbei.
- 43. Das Licht ist noch an.
- 44. Paul geht weiter.
- 45. Er denkt: "Morgen komme ich wieder."
- 46. Die Akte ist noch da.
- 47. Vielleicht gibt es neue Informationen.
- 48. Vielleicht nicht.
- 49. Das ist die Arbeit.
2
- Kein Alarm
- 1. Sandra Lehr arbeitet als Polizistin in Mainz.
- 2. Heute Morgen hat sie eine neue Akte bekommen.
- 3. Der Name auf der Akte ist Heinrich Obst.
- 4. Er ist 67 Jahre alt und wohnt in der Bremserstraße 9.
- 5. Bis jetzt hat ihn niemand als vermisst gemeldet oder angezeigt.
- 6. Ein Nachbar hat angerufen, denn das Balkonlicht bei Obst brennt seit zehn Tagen.
- 7. Sandra hat "ungeklärt" auf das Formular geschrieben.
- 8. Das Wort hat ihr nicht gefallen, aber es hat kein anderes gegeben. "Was hast du heute?", hat ihr Kollege Klaus gefragt. "Eine Akte ohne Anzeige", hat Sandra gesagt.
- 9. Klaus hat genickt und seinen Kaffee getrunken.
- 10. Sandra hat ihre Jacke genommen und ist gegangen.
- 11. Der Nachbar heißt Ralf Birk und wohnt gegenüber von Obst.
- 12. Er ist ungefähr sechzig Jahre alt und lebt allein.
- 13. Sandra hat an seiner Tür geklingelt.
- 14. Er hat die Tür sofort geöffnet. "Ich mache mir Sorgen", hat er gesagt. "Das Licht geht nicht aus."
- 15. Sandra hat gefragt, ob er Heinrich Obst gut gekannt hat. "Wir haben manchmal gesprochen", hat Birk gesagt. "Aber nicht oft." "Hat er Familie?", hat Sandra gefragt. "Er hat eine Schwester, glaube ich.
- 16. Aber die kommt selten."
- 17. Sandra hat das aufgeschrieben. "War er in letzter Zeit anders?", hat sie gefragt.
- 18. Birk hat nachgedacht. "Er ist ruhiger geworden", hat er gesagt. "Aber ich weiß es nicht genau." "Hat er etwas mitgenommen, zum Beispiel einen Koffer?", hat Sandra gefragt. "Das habe ich nicht gesehen", hat Birk gesagt.
- 19. Sandra hat sich bedankt und ist zur Wohnungstür von Obst gegangen.
- 20. Sie hat geklingelt, aber niemand hat geöffnet.
- 21. Durch den Briefkastenschlitz hat sie Werbung auf dem Boden gesehen.
- 22. Dann ist Sandra zurück ins Büro gefahren.
- 23. Zurück im Büro hat Sandra in der Datenbank gesucht.
- 24. Es hat einen alten Eintrag gegeben: Heinrich Obst, 2021.
- 25. Er ist damals auch verschwunden.
- 26. Er ist nach zehn Tagen zurückgekommen.
- 27. Niemand hat gefragt, wo er gewesen ist.
- 28. Der Fall ist geschlossen worden, denn es hat kein Verbrechen gegeben.
- 29. Sandra hat das gelesen und kurz nachgedacht.
- 30. Sie hat eine Schwester in der Kartei gefunden: Ingrid Obst, Kaiserslautern.
- 31. Sie hat dort angerufen.
- 32. Die Schwester hat nicht gewusst, wo Heinrich ist. "Er macht das manchmal", hat sie gesagt. "Er braucht Zeit für sich." "Haben Sie Angst?", hat Sandra gefragt. "Nein", hat die Schwester gesagt. "Er kommt immer wieder."
- 33. Sandra hat das aufgeschrieben.
- 34. Sie hat ihren Bericht fertig gemacht.
- 35. Unter "Ergebnis" hat sie geschrieben: Keine neuen Informationen.
- 36. Unter "Nächste Schritte" hat sie geschrieben: Wiedervorlage. "Und?", hat Klaus gefragt. "Nichts", hat Sandra gesagt. "Wie erwartet", hat Klaus gesagt.
- 37. Sandra hat die Akte ins Regal gelegt.
- 38. Das Regal ist fast voll.
- 39. Alle anderen Akten sehen genauso aus.
- 40. Um Viertel nach fünf ist Sandra gegangen.
- 41. Es war schon dunkel.
- 42. Sie ist die Treppe runtergelaufen und durch die Hintertür hinausgegangen.
- 43. Auf der Straße war es kalt, aber sie hat nicht auf den Bus gewartet.
- 44. Sie ist gelaufen.
- 45. Sie hat an Ralf Birk gedacht, der sich wirklich Sorgen gemacht hat.
- 46. Das ist selten, hat sie gedacht.
- 47. Die meisten Menschen machen sich keine Sorgen.
- 48. Oder sie zeigen es nicht.
- 49. Sie hat auch an die Schwester gedacht: "Er kommt immer wieder."
- 50. Vielleicht hat das gestimmt.
- 51. Vielleicht ist Heinrich Obst irgendwo und es geht ihm gut.
- 52. Aber das hat nicht in der Akte gestanden, denn niemand hat es gewusst.
- 53. Neue Akte, neues Formular, dasselbe Ergebnis.
- 54. Das ist nicht schlimm, hat Sandra gedacht.
- 55. Sie hat die Straße überquert und ist nach Hause gegangen.
3
- Was das Formular nicht fragt
- 1. Lukas Pietsch kam um kurz nach acht ins Büro und hängte seine Jacke an den Haken.
- 2. Auf seinem Schreibtisch lag eine neue Akte, die jemand in der Nacht dorthin gelegt hatte.
- 3. Er machte sich einen Kaffee und setzte sich, bevor er die erste Seite aufschlug.
- 4. Der Name oben auf dem Formular war Margit Wendland, 58 Jahre, Beruf ungeklärt.
- 5. Niemand hatte sie als vermisst gemeldet.
- 6. Ihr Arbeitgeber hatte angerufen, weil sie seit acht Tagen nicht erschienen war. "Sie hat sich nie abgemeldet", hatte die Frau am Telefon gesagt. "Das ist nicht ihre Art."
- 7. Pietsch las die Akte bis zum Ende.
- 8. Es gab keine Angehörigen, die man hätte kontaktieren können.
- 9. Das Formular verlangte eine Kategorie.
- 10. Er schrieb "ungeklärt" und dachte nicht weiter darüber nach.
- 11. Es war das einzige Wort, das für solche Fälle vorgesehen war.
- 12. Sein Kollege Seeger fragte, was er heute mache. "Eine Vermisste, vielleicht", sagte Pietsch.
- 13. Seeger nickte und schaute wieder aus dem Fenster.
- 14. Pietsch zog seinen Mantel an und nahm die Akte mit.
- 15. Die Wäscherei lag in einer Seitenstraße, zwanzig Minuten zu Fuß vom Revier.
- 16. Es roch nach Dampf und Waschmittel, und die Maschinen liefen alle gleichzeitig.
- 17. Die Inhaberin hieß Petra Stark und war ungefähr fünfzig Jahre alt.
- 18. Sie trocknete sich die Hände ab, als Pietsch hereinkam. "Margit war neun Jahre bei uns", sagte sie. "So etwas passiert uns nicht." "Hat sie sich je krank abgemeldet?", fragte Pietsch. "Natürlich, wie jeder." "Aber sie hat immer Bescheid gegeben." "Haben Sie versucht, sie zu erreichen?" "Das Handy ist abgeschaltet."
- 19. Pietsch schrieb das in sein Heft. "Hatte sie Freunde hier, soweit Sie das wissen?"
- 20. Stark schüttelte den Kopf. "Sie hat nicht viel erzählt, das war eben ihre Art", sagte sie. "War sie glücklich hier?", fragte Pietsch.
- 21. Stark sah ihn kurz an. "Ich kann nur sagen, dass sie ihre Arbeit gemacht hat."
- 22. Pietsch bedankte sich und verließ die Wäscherei.
- 23. Zurück im Büro suchte Pietsch in der Datenbank nach Margit Wendland.
- 24. Es gab einen Eintrag aus dem Jahr 2019.
- 25. Sie war damals für fast zwei Wochen verschwunden und dann zurückgekehrt, ohne Erklärung.
- 26. Der Sachbearbeiter hatte "Fall abgeschlossen" notiert und nichts weiter.
- 27. Pietsch lehnte sich zurück und schaute kurz an die Decke.
- 28. Er dachte darüber nach, warum das System solche Fragen nicht stellte.
- 29. Das System fragte nach Fakten, nicht nach Gründen.
- 30. Er öffnete den Bericht auf seinem Computer und begann zu tippen.
- 31. Unter "Maßnahmen" schrieb er: Arbeitgeber befragt, Datenbank geprüft, keine neuen Erkenntnisse.
- 32. Unter "Nächste Schritte" schrieb er: Wiedervorlage in sieben Tagen.
- 33. Seeger stellte wortlos eine Tasse Kaffee auf seinen Schreibtisch. "Irgendwas?", fragte er. "Nichts.
- 34. Wie immer", sagte Pietsch.
- 35. Er unterschrieb den Bericht und schloss das Fenster auf dem Bildschirm.
- 36. Die Akte legte er ins Regal neben der Tür, zu sieben anderen, die genauso aussahen.
- 37. Er hatte nicht das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben.
- 38. Er hatte auch nicht das Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben.
- 39. Er hatte einfach das getan, was das System von ihm erwartete.
- 40. Um halb sechs schloss Pietsch seinen Computer und stand auf.
- 41. Er zog seine Jacke an und nahm die Tasche vom Haken.
- 42. Seeger war schon gegangen, und das Büro war jetzt fast still.
- 43. Nur der Drucker am Ende des Raums summte leise vor sich hin.
- 44. Auf dem Parkplatz war es kalt, und die Straßenlaternen fingen gerade an zu leuchten.
- 45. Er holte sein Fahrrad aus dem Unterstand und fuhr los.
- 46. Die Stadt war ruhig, und die meisten Läden hatten schon geschlossen.
- 47. Er dachte an Margit Wendland, aber er wusste nicht, was er dabei denken sollte.
- 48. Vielleicht war sie irgendwo.
- 49. Vielleicht war sie zurückgekehrt, bevor er morgen ins Büro kam.
- 50. Wahrscheinlich nicht.
- 51. Die Akte würde morgen noch im Regal stehen, genau dort, wo er sie hingelegt hatte.
- 52. Pietsch bog in seine Straße ein und stieg vom Rad.
- 53. Zu Hause brannte Licht.
- 54. Er schloss das Fahrrad ab und ging die Treppe hinauf.
- 55. Morgen würde er wiederkommen.
- 56. Das war nicht gut und nicht schlimm.
- 57. Es war einfach das, was er jeden Morgen tat.
4
- Der offene Vorgang
- 1. Denis Halmann legte die Akte auf seinen Schreibtisch und öffnete sie, ohne sich zu setzen.
- 2. Es war ein Freitag im November, und das Revier in der Nähe des Bahnhofs war um diese Zeit fast leer.
- 3. Gudrun Fellner, 62 Jahre, zuletzt gesehen am 28.
- 4. Oktober.
- 5. Keine Vermisstenanzeige, kein besorgter Angehöriger, kein Hinweis aus der Nachbarschaft.
- 6. Das Sozialamt hatte sich gemeldet, weil Fellner drei Termine in Folge nicht wahrgenommen hatte.
- 7. Das sei ungewöhnlich für sie gewesen, stand im Bericht.
- 8. Halmann fragte sich, ob "ungewöhnlich" das richtige Wort war.
- 9. Vielleicht war sie einfach gegangen.
- 10. Manche Menschen gingen, ohne es zu melden, und das war ihr gutes Recht.
- 11. Aber das Formular verlangte nach einer Bearbeitung, also bearbeitete er den Fall.
- 12. Er trank seinen Kaffee aus, obwohl er längst kalt war, und nahm seinen Mantel vom Haken.
- 13. Sein Kollege Bremer fragte, wohin er gehe, und Halmann nannte die Adresse, ohne weitere Erklärung. "Klingt nach einem Nieten-Fall", sagte Bremer.
- 14. Halmann zog die Tür hinter sich zu und nahm die Treppe.
- 15. Das Sozialamt lag zehn Minuten entfernt, in einem Gebäude, das so aussah, als wäre es für etwas anderes gebaut worden.
- 16. An der Rezeption saß eine junge Frau mit einem Namensschild: K.
- 17. Moser.
- 18. Sie war die Sachbearbeiterin, die den Fall gemeldet hatte, und sie wirkte erleichtert, dass jemand gekommen war. "Ich kannte Frau Fellner nicht gut", sagte sie, "aber sie kam immer pünktlich."
- 19. Pünktlichkeit schien die einzige Eigenschaft zu sein, die Behörden an Menschen wahrnahmen, sodass alles andere an ihnen unsichtbar blieb.
- 20. Moser zeigte ihm die Terminliste auf ihrem Bildschirm: drei ausgefallene Termine, einer nach dem anderen, alle ohne Abmeldung.
- 21. Fellner habe manchmal von ihrer Tochter gesprochen, sagte Moser, aber einen Namen habe sie nie erwähnt.
- 22. Eine Adresse für die Tochter gebe es in der Akte nicht.
- 23. Halmann notierte das und fragte, ob Fellner je etwas gesagt habe, das ihn stutzen lassen sollte.
- 24. Moser dachte einen Moment nach. "Sie hat mal gesagt, sie würde am liebsten irgendwohin fahren, wo sie niemand kennt", sagte sie. "Das sagen viele", antwortete Halmann. "Ja", sagte Moser, "aber bei ihr klang es nicht nach einem Wunsch, sondern nach einem Plan."
- 25. Halmann schrieb das auf, ohne zu wissen, ob es nützlich sein würde.
- 26. Meistens waren solche Hinweise entweder alles oder nichts.
- 27. Er bedankte sich und ging.
- 28. Zurück im Büro las Halmann die Akte noch einmal, diesmal gründlicher.
- 29. Gudrun Fellner hatte in den letzten vier Jahren dreimal die Adresse gewechselt, immer innerhalb desselben Stadtteils.
- 30. Es gab einen Eintrag aus dem Jahr 2020: Sie war verschwunden und nach zwei Wochen zurückgekehrt, ohne dass jemand gefragt hatte, woher.
- 31. Der Sachbearbeiter hatte den Fall geschlossen, weil es keinen Straftatbestand gab.
- 32. Das war korrekt.
- 33. Es war auch das Problem.
- 34. Das System konnte Menschen nur schützen, wenn sie in eine Kategorie passten, und Fellner passte in keine.
- 35. Sie war nicht Opfer, nicht Verdächtige, nicht hilflos im rechtlichen Sinne.
- 36. Sie war einfach weg.
- 37. Halmann rief bei der Meldebehörde an und fragte nach einer Ummeldung.
- 38. Es gab keine, nicht seit dem vergangenen Jahr.
- 39. Er rief die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses an, weil das Protokoll es verlangte.
- 40. Dort war sie nicht.
- 41. Er trug alle Ergebnisse in den Bericht ein, obwohl "Ergebnisse" das falsche Wort war.
- 42. Es waren Nicht-Ergebnisse, einer nach dem anderen, wie Antworten auf Fragen, die man lieber nicht stellte.
- 43. Bremer kam herein und fragte, wie es laufe. "Wie immer", sagte Halmann.
- 44. Bremer nickte und ging wieder.
- 45. Das war das Gespräch, das man führte, wenn man nichts zu sagen hatte und trotzdem nicht schweigen wollte.
- 46. Halmann schloss den Bericht und legte die Akte in das Regal für offene Fälle. "Offen" bedeutete hier: nicht abgeschlossen, aber auch nicht mehr aktiv bearbeitet.
- 47. Es war ein Zustand, der genau für solche Fälle erfunden worden war.
- 48. Halmann fand das weder zynisch noch beruhigend.
- 49. Es war einfach so.
- 50. Um kurz nach sechs verließ Halmann das Revier und ging zur Bushaltestelle zwei Straßen weiter.
- 51. Es regnete nicht mehr, aber die Luft roch noch danach, schwer und kühl.
- 52. Er wartete auf den Bus und dachte an das, was Moser gesagt hatte: Es habe geklungen wie ein Plan.
- 53. Wenn das stimmte, war Fellner nicht verloren.
- 54. Sie war irgendwo, und vielleicht war dieses Irgendwo besser als das hier.
- 55. Aber das war keine Schlussfolgerung, die man in einen Bericht schreiben konnte.
- 56. Das System arbeitete mit Fakten, nicht mit Wahrscheinlichkeiten.
- 57. Schon gar nicht mit Hoffnung.
- 58. Der Bus kam fünf Minuten zu spät, was in dieser Stadt als pünktlich galt.
- 59. Halmann stieg ein, fand einen Platz am Fenster und sah zu, wie die Stadt an ihm vorbeizog.
- 60. Nasse Straßen, Lichtfenster, Menschen mit Schirmen oder ohne.
- 61. Er dachte nicht mehr an Fellner, weil das keinen Zweck hatte.
- 62. Oder er versuchte es zumindest.
- 63. Morgen würde er wieder ins Büro kommen, und die Akte würde dort sein, wo er sie gelassen hatte.
- 64. Vielleicht gab es neue Informationen, vielleicht nicht.
- 65. Das war der Rhythmus dieser Arbeit, und Halmann hatte sich damit abgefunden, nicht aus Resignation, sondern weil es das Klügste war.
- 66. Der Bus hielt.
- 67. Er stieg aus.
- 68. Zu Hause wartete nichts Besonderes, und das war an einem Tag wie diesem genug.
5
- Die Geduld des Verfahrens
- 1. Es war ein Mittwoch im Oktober, als Vera Natzke die Akte auf ihren Schreibtisch legte, mit der sachlichen Ruhe, die man erst nach Jahren lernt.
- 2. Stanislav Oborin, 69 Jahre alt, zuletzt gesehen am dritten Oktober, Verwandte nicht ermittelbar, keine Meldung.
- 3. Niemand hatte ihn vermisst gemeldet.
- 4. Entdeckt worden war sein Verschwinden durch ein Paket, das zweimal an seine Adresse zugestellt worden war und schließlich ungeöffnet an die Poststelle zurückgekehrt war.
- 5. Natzke kannte diese Art von Fall, bei der nicht die Abwesenheit selbst Alarm schlug, sondern ihr Echo in einem bürokratischen Nebengleis.
- 6. Das seit Jahren mit halbfertigen Akten belegte Büro hatte die gedämpfte Geschäftigkeit eines Orts, in dem nichts Wesentliches geschah, aber alles sorgfältig dokumentiert wurde.
- 7. Das Formular verlangte nach einer Kategorie.
- 8. Sie wählte "ungeklärt", weil dies das einzige Wort war, das die Bürokratie für eine Abwesenheit bereithielt, die kein Verbrechen und kein freiwilliger Abgang war.
- 9. Hinter ihr summte der Drucker.
- 10. Irgendwer druckte etwas aus, das vermutlich ebenfalls niemals gelesen werden würde.
- 11. Der Raum roch nach Papierstaub und altem Kaffee, nach den Jahren, in denen sich beides zu einer eigenen Atmosphäre verdichtet hatte.
- 12. Natzke mochte diesen Geruch, ohne dass sie dafür einen Grund hätte angeben können.
- 13. Er war einfach der Geruch des Orts, an dem sie arbeitete.
- 14. Sie blätterte zurück zur ersten Seite, auf der ein Passfoto klebte, das Oborin im Alter von 62 Jahren zeigte.
- 15. Das Gesicht war das eines Mannes, der in Fotos nie richtig hineinzusehen schien, als ließe er sich nur widerwillig festhalten.
- 16. Sie kannte diesen Ausdruck.
- 17. Viele der Gesichter in ihren Akten hatten ihn, als wäre das Fehlen in Menschen angelegt, bevor es sich im Außen vollzog.
- 18. Die Kollegin am Nebentisch fragte, ob Natzke an der Sammelbestellung für die Kantine teilnehmen wolle.
- 19. Natzke sagte nein, ohne aufzublicken.
- 20. Dann stand sie auf, nahm ihren Block und fuhr mit dem Aufzug ins Erdgeschoss.
- 21. Die Adresse in der Akte gehörte zu einem Mietblock in Lichtenberg: vier Stockwerke, verwitterte Fassade, ein Treppenhaus mit dem gedämpften Licht, das solche Häuser immer zu haben schienen.
- 22. Auf Klingeln öffnete die Nachbarin, Frau Kordt, vielleicht siebzig, mit dem misstrauischen Blick einer Person, die Besuche nicht gewöhnt ist.
- 23. Sie kannte Oborin vom Sehen.
- 24. Das hieß: Sie grüßte ihn manchmal am Briefkasten, wenn beide gleichzeitig die Post holten, was selten gewesen war.
- 25. An sein Gesicht konnte sie sich nur so erinnern, wie man sich an Dinge erinnert, die man nie absichtlich beobachtet hat. "Er war ruhig", sagte sie, und Natzke hörte darin weniger eine Beschreibung als einen Entlassungsschein.
- 26. Ruhige Menschen machten keine Probleme, und wer keine Probleme machte, den bemerkte man nicht, und wen man nicht bemerkte, den vermisste man nicht.
- 27. Das war keine Böswilligkeit; es war die ungeschriebene Logik des städtischen Nebeneinanderlebens.
- 28. Frau Kordt bot keinen Kaffee an, und Natzke fragte nicht danach.
- 29. Sie notierte: "Nachbarin, keine relevanten Angaben."
- 30. Der Hausmeister, den sie im Keller antraf, war ein Mann, dessen Antworten so knapp ausfielen, als kosteten ihn Worte etwas.
- 31. Er sei einmal durch das Schlüsselloch gegangen, weil Milch vor der Tür gestanden habe, sagte er; das sei vor über einer Woche gewesen.
- 32. Ob er daraufhin die Polizei informiert habe, fragte Natzke.
- 33. Er zuckte die Schultern, als wäre das eine Idee gewesen, auf die zu kommen man erst einmal kommen müsste. "Das ist nicht meine Aufgabe", sagte er, und technisch gesehen hatte er recht.
- 34. Sie fragte sich, ob er hätte anrufen sollen – nicht aus Pflicht, sondern weil es das gewesen wäre, was ein anderes System von ihm erwartet hätte.
- 35. Aber das war nicht das System, in dem sie beide lebten.
- 36. Natzke notierte seine Aussage mit der Vollständigkeit, die das Verfahren verlangte.
- 37. Sie fuhr zurück zum Revier.
- 38. Am frühen Nachmittag lag die Akte wieder vor ihr, diesmal auf dem Boden neben dem Stuhl, weil der Schreibtisch neu belegt war.
- 39. Beim zweiten, gründlicheren Durchlesen fand Natzke einen Eintrag aus dem Jahr 2018.
- 40. Stanislav Oborin war damals ebenfalls verschwunden gewesen, nicht durch eine Vermisstenanzeige entdeckt, sondern durch eine Anfrage des Sozialamts, das seine Akte nicht bedienen konnte.
- 41. Er war nach drei Wochen zurückgekehrt, ohne Erklärung, ohne Begleitung.
- 42. Der damalige Sachbearbeiter hatte vermerkt: "Sache erledigt."
- 43. Zwei Wörter, ein Punkt.
- 44. Natzke fragte sich, ob der Mann, der das geschrieben hatte, je in Betracht gezogen hatte, dass "erledigt" und "verstanden" nicht dasselbe waren.
- 45. Wahrscheinlich nicht, und wahrscheinlich war das auch vernünftig.
- 46. Das System hatte weder die Kapazität noch das Mandat, Fragen zu verfolgen, auf die die Betroffenen selbst keine Antwort wollten.
- 47. Sie legte die Akte zu einem Stapel, der bereits acht ähnliche enthielt, alle mit demselben geduldigen Weg durch die Bürokratie.
- 48. Dabei fiel ihr auf, dass "vergessen" das falsche Wort war.
- 49. Die Akten wurden nicht vergessen; sie wurden aufbewahrt, mit einer Sorgfalt, die das Gegenteil von Gleichgültigkeit war und trotzdem dasselbe erreichte.
- 50. Sie tippte ihren Bericht in das System, das langsam war und jede Eingabe mit einem leisen Ton quittierte, als läge ihm daran, höflich zu bleiben.
- 51. Das Feld "Ermittlungsstand" füllte sie mit einer Formel, die für solche Fälle vorgesehen war: knapp, korrekt, unverbindlich.
- 52. Das Feld darunter fragte nach den nächsten Schritten.
- 53. Sie schrieb: "Weiterverfolgung bei neuen Hinweisen."
- 54. Das war keine Lüge und keine Wahrheit; es war das, was das Formular brauchte, damit es geschlossen werden konnte.
- 55. Sie legte die Akte dorthin, wo alle endeten, deren Inhalt das System nicht lösen, aber auch nicht loslassen konnte.
- 56. Um halb sieben verließ Natzke das Gebäude durch den Seitenausgang, dessen Tür an der oberen Schraube seit Jahren lose saß.
- 57. Der Regen hatte aufgehört; die Pflastersteine auf dem Parkplatz glänzten unter den Natriumlampen, die ihr Licht so abgaben, als schuldeten sie es jemandem.
- 58. Sie zog ihren Mantel zu.
- 59. Ihr Auto stand am Ende der Reihe, ein dunkelblauer Polo, dessen Lack an der Fahrertür begann, den Winter zu zeigen.
- 60. Sie blieb einen Moment stehen, bevor sie einstieg, ohne dass sie hätte sagen können, warum.
- 61. Oborin war heute nirgends aufgetaucht, weder lebend noch anderweitig, und morgen würde seine Akte auf einem anderen Schreibtisch liegen, falls die Rotation es so vorsah.
- 62. Sie hatte heute nichts gelöst.
- 63. Das stimmte, und es stimmte auch nicht: Sie hatte das Verfahren um einen Tag vorangetrieben, in der Richtung, in die Verfahren sich immer bewegten – nach vorn, ohne vorwärtszukommen.
- 64. Das war keine Niederlage.
- 65. Jedenfalls war es das, was sie sich sagte.
- 66. Sie dachte an das Passfoto in der Akte, an den widerwilligen Blick des Mannes, der sich hatte festhalten lassen, als wäre er bereits dabei gewesen, zu verschwinden.
- 67. Vielleicht hatte er gewusst, wohin er ging, und vielleicht war das, verglichen mit dem, was das System über ihn wusste, ein Vorteil.
- 68. Natzke fuhr nach Hause.
- 69. Sie würde morgen wiederkommen.
- 70. Die Akte würde da sein oder nicht.
- 71. Beides war, auf seine Art, dasselbe.
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