Das Neumarktareal und die Brühlsche Terrasse in der Romantik
Dieses Buch steht im Regal Geschichte sowie im Regal Reisen und Landeskunde.
Zusammenfassung des Projekts
[Bearbeiten]- Ansprechpartner: Methodios
- Sind Co-Autoren erwünscht? Ja.
Zielgruppe
[Bearbeiten]Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Dresdner und an Dresden-Reisende, aber auch an alle romantisch Interessierte. Vorkenntnisse zum Thema sind nicht notwendig.
Kurzbeschreibung
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In der Romantik fand die größte städtebauliche Veränderung in der Geschichte Dresdens statt:
- Die Residenz- und Festungsstadt wurde entfestigt, die Festungsanlagen wurden demoliert.
Die Brühlsche Terrasse ist der größte und beeindruckendste Rest der alten Festungsstadt Dresden. An sie schließt sich südlich das sogenannte Neumarktareal an. Dieses liegt zwischen dem Kurländer Palais und dem Taschenbergpalais.
Nachdem im Neumarktareal wenigsten die 1945 zerstörte alte Straßenstruktur wieder aufgebaut wurde, kann die alte Festungsstadt durch die Brühlsche Terrasse und deren südliche Nachbarstraßen hier wieder erfahrbar gemacht werde.


Das Buch beginnt in den 1790er Jahren und endet mit der Deutschen Revolution von 1848/1849 und der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstandes (1849). Es führt demzufolge noch in den Originalzustand vor der Entfestigung ab 1809-1812 (beendet 1820-1830) ein und zeigt die Entwicklung bis zum Ende der Romantik, die mit Niederlage, Tod, Verwundung, Inhaftierung, Flucht und Ausweisung vieler Dresdner im Jahr 1849 ein für allemal vorbei war. Neben dem prominenten Richard Wagner und dem „Demokraten I. Klasse“ und „Haupträdelsführer“ Gottfried Semper verlor Dresden auch weniger prominente Bürger wie Samuel Erdmann Tzschirner (Tzschirnerplatz), Leo von Zychlinski, Gustav Blöde, Adolph Diedrich Kindermann (des Landes verwiesen), Hermann Lungkwitz und sein Schwager Richard Petri (beide in die USA emigriert) und Hermann Köchly (Kreuzschullehrer, später u. a. Rektor der Züricher Universität) sowie unzählige andere, womit sich der Charakter der Stadt wesentlich änderte.
Das Lebensgefühl der Romantik in Dresden
[Bearbeiten]Maria Coelestine Hübener (1827-1919), die unter dem Pseudonym Margarete Nicolaus 1913 das Buch "Sonnenkind" herausbrachte, schrieb dort eingangs die beiden Sätze:
- "Als ich jung war, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ging es in den Bürgerkreisen meiner lieben Vaterstadt Dresden viel stiller und einförmiger zu als jetzt. Wie anspruchlos waren unsere Freuden, wie einfach unsere Genüsse! Und doch, trotz mancher Entbehrungen, steht meine Jugend wie in Sonnenglanz getaucht in meiner Erinnerung, und die gesunde Fröhlichkeit, welche von ihr ausstrahlt, hat ausgereicht für ein langes Leben."[1]
Maria Coelestine Hübener wurde am 8. April 1827 als Tochter des Hofbildhauers Christian Gottlieb Kühn (1780-1828) im Haus "auf Hofapothekers" in der Pirnaischen Vorstadt auf der Rampischen Gasse Nr. 155 geboren und wuchs dort auch auf.
In Sonnenkind heißt es dazu:
[5] " ... das alte Stammhaus seiner [Christian Gottlieb Kühns] Väter und Großväter ... Dieses stand in der äußeren Rampischen Gasse und war ursprünglich ein langgestrecktes Gebäude, in dessen großen Grasgarten die Lämmer weideten und zu welchem ausgedehnte Felder vor dem Rampeschen Schlage gehörten. Das Haus hieß nach einem längst verstorbenen Besitzer "auf Hofapothekers" und hatte weitläufige Räume zur Abhaltung [6] von festlichen Schmäusen und Zusammenkünften der Bürger. Es war fast ein Jahrhundert lang darin Schankwirtschaft betrieben worden, denn mein Großvater Karl August Krohn [Pseudonym für Kühn] hatte, wie sein Vater und Großvater vor ihm, das Küferhandwerk erlernt und war wie diese Kurfürstlicher Hofschröter geworden. ... Karl August Krohn hatte nach dem Tod seines Vaters, und nachdem er seine sechs Soldatenjahre abgedient hatte, das Grundstück und die Speisewirtschaft übernommen und war immer mehr auf einen grünen Zweig gekommen. Denn sein Garten, den eine schöne Kastanienallee und eine breitästige uralte Linde zierte, bot mit seinen zahlreichen Bänken und Tischen den Gästen willkommenen Aufenthalt, und die Bewirtung bei den Schmäusen ließ nichts zu wünschen übrig. Die Potage der alten Mutter Krohn war berühmt, und es gab bei Festlichkeiten ganze Berge von Semmel zu reiben. Die Weine aber aus den festgewölbten alten Kellern waren wohlgepflegt. Immerhin ging alles sehr einfach und ehrbar zu, die Mutter Krohn, eine Tochter des Hoffuhrmanns Tieftrunk [Pseudonym] aus der Schloßgasse, hielt streng auf Zucht und Ordnung und stand ihrem Sohn Karl August in der Wirtschaft treu zur Seite, bis er ihr eine junge Frau, auch eine Elbsche, ins Haus brachte."[2]
Der 24 Jahre ältere, am 28. September 1803 geborene Adrian Ludwig Richter schreibt über die Zeit um 1810:
- "Ich will aber jetzt auf die Großeltern zurückkommen, denn beide, sowohl die von väterlicher wie mütterlicher Seite, repräsentierten noch die alte Zeit, das vorige Jahrhundert, und zwar in seiner kleinbürgerlichen Gestalt. Mir haben sich die Bilder von ihnen und ihrer Umgebung bis ins kleinste lebendig erhalten; denn es waren charakteristisch ausgeprägte Typen bürgerlichen Kleinlebens, während die Dinge im elterlichen Hause viel mehr verblaßt sind, denn sie hatten das modern-nüchterne Gepräge der neuen Zeit und übten unendlich weniger poetischen Reiz auf mich aus! – Die Müller-Großeltern wurden oft besucht. Das kleine Kaufmannslädchen, durch welches man den Eingang in das noch kleinere und einzige Stübchen nehmen mußte, war ein höchst interessantes Heiligtum. Das Fenster außen garniert mit hölzernen, gelb und orange bemalten Kugeln, welche Zitronen und Apfelsinen vorstellten, die aber niemals in natura vorhanden waren und auch bei der armen Kundschaft keine Käufer gefunden haben würden; dann der große, blanke Messingmond, vor welchem abends die Lampe angezündet wurde, und der dann mit seinem wunderbar blendenden Glanz das Lädchen zu einem Feenpalast verwandelte; die vielen verschlossenen Kästen, der anziehende Sirupständer, dessen Inhalt so oft in den schönsten Spirallinien auf das untergehaltene Dreierbrot sich ergoß, die Büchsen mit bunten Zuckerplätzchen, Kalmus, Ingwerblättchen, Johannisbrot – und schließlich der Duft dieser Atmosphäre: welche ahnungsvolle Stätte voll Herrlichkeit!"
- "Endlich der Kaufherr selbst, mit baumwollener Zipfelmütze und kaffeebrauner Ladenschürze geschmückt, wie hastig und eifrig fuhr er in die Kästen, langte dem Barfüßler für ein Pfennig Pfeffer, ein Pfennig Ingwer, ein Pfennig neue Würze und drei Pfennig Baumöl freundlichst zu, der Barfüßler verschwand, und die Klingel an der Türe bimmelte unaufhörlich der ab- und zugehenden Kundschaft vor und nach!"
"Die Großmama, eine ruhige, etwas stolze Frau, bewegte sich gemächlich aus dem Stübchen zur Küche und aus der Küche in die Stube; und selten war sie anderswo zu erblicken; ich kann mich aber nicht erinnern, daß sie mit mir oder überhaupt viel gesprochen, oder das Gesicht einmal in andere Falten gezogen hätte; deshalb interessierte sie mich auch nicht. Mehr aber der alte Stahl, ein Holländer und Landsmann der Großmama, die eine geborene van der Berg war. Dieser erhielt einige Tage in der Woche den Tisch bei Müllers, saß dann tagüber am Fenster, ließ die Daumen umeinanderkreisen, und ich stellte mich gern vor ihm hin und bewunderte seine Perücke mit dem ehrwürdigen großen Haarbeutel, und besonders die blitzenden Stahlknöpfe auf dem hechtgrauen Frack. Er war ein Zeuge der Pariser Revolution, hatte bei der Schweizergarde gedient, und als diese am 10. August 1792 in Versailles meistens bei Verteidigung des Königs umgebracht wurde, war Stahl einer der wenigen, welche glücklich entkamen. Er hatte sich mehrere Tage in einer Schleuse verkrochen und in Gesellschaft der Ratten zugebracht, bis er sich nachts zu einem Freund retten konnte. Das Entsetzlichste indes, was er erzählte, war mir die Mitteilung, daß man in seinem Vaterlande Käse sogar in die Suppe schütte, wobei ich freilich an unsere landläufigen spitzen Quarkkäse dachte, was mir Schauder einflößte."
- Ein Hauptvergnügen verschaffte mir der dicke Stoß Bilderbogen, welche im Laden zum Verkauf lagen und die ich alle mit Muße betrachten konnte. Außer der ganzen sächsischen Kavallerie und Infanterie war da auch »die verkehrte Welt« mit herrlichen Reimen darunter, das Gänsespiel, die Kaffeegesellschaft, Jahreszeiten und dergleichen, alle in derbem Holzschnitt und grell bunt bemalt. Der ehrbare Meister und Verleger dieser Kunstwerke war ein Friedrichstädter Mitbürger, Rüdiger, den ich auch mehrmals mit ehrfurchtsvoller Bewunderung die Schäferstraße hinabwandelnd gesehen habe. – Großer Dreimaster, zwei Haarwülste und Haarbeutel, apfelgrüner Frackrock, Schnallenschuhe und langes spanisches Rohr, schritt er ehrenfest daher! – Requiescas in pace, Freudenspender der Jugend, du Adam und Stammvater der Dresdener Holzschneider, ehrwürdiges Vorbild und Vorläufer!"
- "Endlich der von den Nebengebäuden eingeschlossene Hof mit dem daranstoßenden, sehr großen Garten, welch ein Schauplatz süßester Freuden! Da wurde mit der Jugend der Nachbarschaft ein Vogelschießen veranstaltet, am Johannistag um eine hohe Blumenpyramide von Rosen und weißen Lilien getanzt, oben die herrlich duftende Vorratskammer besucht, wo die süßen Zapfenbirnen und anderes frisches und trockenes Obst in Haufen lagen, unten der Schweinestall mit seinen Insassen rekognosziert, und welch ein Festtag, wenn das Tier geschlachtet wurde! Zwar durfte ich bei dieser Exekution nicht zugegen sein und hörte die durchdringenden Seufzer nur von ferne; aber dann sah ich das schöne Fleisch gar appetitlich zerlegen, das Wellfleisch kochen, und das kleine, einfenstrige Wohnstübchen war für den Metzgermeister zum Wurstmachen hergerichtet. Ein Geruch von süßem Fleisch, kräftigem Pfeffer und Majoran durchwürzte die Luft, und welche Wonne, zu sehen, wie die hellen langen Leberwürstlein samt den teils schlanken, teils untersetzten oder gar völlig korpulenten Blut- und Magenwürsten in dem Brodeln des großen Kessels auf- und untertauchten, endlich herausgefischt und probiert wurden. – Wie lebendig wurde es dann im Lädchen, die Klingel bimmelte ohne Aufhören, denn »Müllers hatten ein Schwein geschlachtet«, und so kamen die Kinder in Scharen mit Töpfchen und Krügen, und immer wiederholte sich die Bitte: »Schenken Sie mir ein bißchen Wurstbrühe«, oder »für zwei Pfennig Wurstbrühe, Herr Müller!« Der cholerische, sonst gute Herr Müller konnte sich der Scharen gar nicht mehr erwehren, die Klingel bimmelte völlig Sturm, mit immer größeren Schritten lief er hinter der Ladentafel scheltend und polternd einher und glich so wegen der Kürze des Raumes einem im Käfig herumtrabenden gereizten Tiger. Endlich stand die Zipfelmütze bolzgerade in die Höhe, und das Wetter brach los: »Ihr Racker, jetzt packt euch alle, nun kommt die Hetzpeitsche!« und im Nu stürzte und purzelte die ganze kleine Bande zur Ladentüre hinaus, wobei einige der Kleinsten noch mit ihren Töpfchen übereinanderfielen. Der gute alte Müller stand mit der drohenden Hetzpeitsche wie der Donnergott Jovis unter der offengebliebenen Tür, und als die Schar in die Ferne sich verlaufen hatte, schloß er diese dann eigenhändig!"
- Dies kleine Müllerlädchen mit seiner Kundschaft, die in einem armen Stadtviertel eine recht bunt-charakteristische ist, hat gewiß auf mein künstlerisches Gestalten in späteren Jahren viel Einfluß gehabt; unbewußt tauchten diese Geister alle auf und standen mir Modell."
- "Dies waren nun die Eindrücke aus der Menschenwelt. Der Garten bot nun anderes. Noch bis heute berührt mich der Anblick der Blumen – aber nur die allbekannten, welche ich in der Jugend sah, ganz eigentümlich und tief. In der Farbe und Gestalt, im Geruch und Geschmack' mancher Früchte oder Blumen liegt für mich eine Art Poesie, und ich habe die Früchte mindestens ebensogern nur gesehen als gegessen. Der Garten hatte Rosenbüsche in Unzahl. Wie oft guckte ich lange, lange in das kühle, von der Sonne durchleuchtete Rot eines solchen Rosenkelches, und der herausströmende Duft mitsamt der himmlischen Farbenglut zauberte mich in ein fernes, fernes Paradies, wo alles so rein, so schön und selig war! – Ich wußte freilich nichts von Dante; jetzt aber meine ich, er habe wohl auch in solche Rosenglut geschaut und kein besser irdisch Bild für seine Paradiesvision sich erdenken können, und in den Kelch setzt er die Reinste der Reinen!"
- "Es stand am Ende des Gartens ein uralter Birnbaum, zwischen dessen mächtigen Ästen ich mir einen Sitz zurechtgemacht hatte und da stundenlang in dem grünen Gezweig träumerisch verbrachte, um mich die zwitschernden Finken und Spatzen, mit welchen letzteren ich zur Zeit der Reife die Birnen teilte, die der alte Baum in Unzahl trug. Von diesem verborgenen Aufenthalt überblickte man den ganzen Garten, mit seinen Johannis- und Stachelbeersträuchern, den Reihen wild durcheinander wachsender Rosen, Feuerlilien, brennender Liebe, Lack und Levkoien, Hortensien und Eisenhut, Nelken und Fuchsschwanz – wer nennt alle ihre Namen! Dann zur Seite die Gemüsebeete, und über die Gartenmauer hinüber die gelben Kornfelder und die fernen Höhen von Roßtal und Plauen! Das war nun mein Bereich, wo ich mich einsam oder in Gesellschaft von Spielgenossen oder tätig beim Begießen der Gurken, des Kopfsalats, der Zwiebeln und Bohnen beschäftigte."
- "Ob sich bei solch müßigem Treiben auf einem für das Kindesalter geeigneten reichen Schauplatze Phantasie und Gemüt nicht noch besser ausbilden sollte, als in den jetzt beliebten Kleinkindergärten, wo systematisch gespielt wird, stets mit »bildender« Belehrung und von »liebevoller Aufsicht« umgeben?"
Anmerkungen
[Bearbeiten]- ↑ Margarete Nicolaus: Sonnenkind. Ein Lebensbild. Verlag C. Ludwig Ungelenk, Dresden 1913, S. 1. - (Größe: 13,5 x 19,5 cm; Umfang 159 S.) - Mit Titelbild (Sonnenkinds Mutter [in jungen Jahren]) und Abbildungen auf Tafeln und im Text. Illustrierter Pappband, Vorderdeckel mit Titelschild. dazu ein aufgezogenes Porträtfrontispiz., der Pappband mit floralem Bezug in einem gleichen Schuber.
- ↑ Margarete Nicolaus: Sonnenkind. Ein Lebensbild. Verlag C. Ludwig Ungelenk, Dresden 1913, S. 5f. - (Größe: 13,5 x 19,5 cm; Umfang 159 S.) - Mit Titelbild (Sonnenkinds Mutter [in jungen Jahren]) und Abbildungen auf Tafeln und im Text. Illustrierter Pappband, Vorderdeckel mit Titelschild. dazu ein aufgezogenes Porträtfrontispiz., der Pappband mit floralem Bezug in einem gleichen Schuber.