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Die besten Ideen von Joachim Stiller/ Die besten Märchen von Joachim Stiller

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Die besten Märchen von Joachim Stiller

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Der Eisvulkan

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Weit entfernt, in den südlichen Bergen, lebte Sauroman, ein böser Zauberer. Er war sehr gefürchtet, und berüchtigt für seine Bösartigkeit. Sauroman hatte die gesamten südlichen Berge in eine einzige Schnee- und Eiswüste verwandelt. Doch er war schon sehr alt, und so kam der Tag, an dem er sich auf sein Lager legte, um zu sterben. Er verfluchte die Stunde seines Todes, tat noch einen letzten Atemzug und verschied, als mit mal die Erde fürchterlich erbebte und auf dem Gipfel einer der Berge ein Eisvulkan ausbrach und die halbe Erde mit Eis und Schnee bespuckte. Sauroman indes wurde von den Eismassen begraben, und man hat nie wieder etwas von ihm gesehen.

Zur gleichen Zeit spielte die kleine Marie im Garten des Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte. Es war Hochsommer, als plötzlich die Erde erbebte. Marie schaute auf und sah in der Ferne den Eisvulkan, der seine Eismassen über die Welt spie, als sie von einer scharfen Spitze am linken Auge getroffen wurde. Ein einzelner Eissplitter war ihr gerade ins linke Auge geflogen und hatte es verletzt. Die kleine Marie schrie laut auf, sie hatte das Gefühl, erblinden zu müssen, und das Auge begann fürchterlich zu brennen. Marie rief nach ihrer Mutter, die sofort zu Hilfe eilte. „Mama, irgend etwas hat mich am Auge getroffen. Es tut fürchterlich weh und ich kann gar nichts mehr sehen.“

„Wir werden zu Meister Gandalf gehen. Der weiß sicherlich Rat. So etwas geht nicht mit rechten Dingen zu“ Meister Gandalf war der Älteste im Dorf und die Leute sagten, er habe magische Kräfte. Die Mutter nahm also die kleine Marie bei der Hand und sie gingen durch das Dorf zu Meister Gandalf. Er öffnete selber die Tür und bat beide herein. Dann ließ er sich schildern, was geschehen war. Er schaute der kleinen Marie auch in ihr linkes Auge, konnte so aber nichts entdecken. „Es ist der Fluch Sauromans,“ sagte Meister Gandalf. Sauroman ist gestorben und der Eisvulkan ist ausgebrochen. Ich kenne aber eine Gute Medizin. Ich muss nur ein paar Kräuter aus dem Kamillegarten holen. Daraus werde ich einen Tee Kochen, mit dem wir das Auge behandeln.“

Meister Gandalf setzte Wasser auf und ging in den Garten, und nach einiger Zeit kam er mit einer Hand voll Kamillekräutern zurück. In der Zwischenzeit begann das Wasser zu kochen. Meister Gandalf bespuckte die Kräuter leicht, und warf sie in das jetzt kochende Wasser, während er einige Beschwörungsformeln murmelte. Er nahm den Topf vom Herd. Der Tee musste erst zehn Minuten abkühlen, denn so war er noch zu heiß.

„Und nun nehmen wie dieses saubere Tuch, tränken es mit dem Tee und legen es feucht auf Dein Auge,“ sagte Meister Gandalf. Er wiederholte die Prozedur einige Male, und ganz plötzlich löste sich der Splitter und wurde fortgespült. „Es tut schon gar nicht mehr weh“, sagte die kleine Marie. Auch die Rötung war erheblich zurückgegangen. So wurde Marie wieder Gesund, nachdem Sauroman sie noch in der Stunde seines Todes verhext hatte. (2009)

Das Treppauf-Treppab-Triptrap

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"Tim wohnte mit seinen Eltern und einer ganzen Reihe Bediensteter in einem großen Schloss am Rande eines großen Waldes, mitten auf dem Land. Es war ein wirklich großes Schloss mit vielen Erkern, Winkeln, Zinnen und Türmchen, und natürlich auch mit geheimen Gängen und verbotenen Zimmern, die kaum jemand je zu Gesicht bekam, geschweige denn, betreten würde.

Tim hatte viel Phantasie. Überall im Schloss sah er unheimliche Gestalten und oft genug begab er sich im Schloss auf die Suche nach unbekannten Räumen. Vielleicht würde er ja irgendwann einmal einen echten Schatz finden, der irgendwo versteckt sein sollte. An seinem neunten Geburtstag ging er wieder einmal auf die Suche und so stromerte er gedankenverloren durch das Schloss. Da führte ihn der Weg in einen Teil des Schlosses, den er noch nicht kannte. Er stieg Treppen hinauf und Treppen hinunter, und plötzlich hörte er eine ganz feine Stimme rufen, das sauste auch schon auf einer der Treppen etwas unbekanntes an Tim vorbei: „Platz da“, rief die Stimme, „ich habe keine Zeit zu verlieren.“ Und, husch husch, war die Erscheinung auch schon verschwunden. Tim lauschte, aber es war alles ganz still. Er wollte weitergehen, da hörte er die Stimme schon wieder, diesmal aus einer ganz anderen Richtung. Und, potz Blitz, da kam die Erscheinung schon wieder vorbeigesaust.

„Halt, warte,“ rief Tim, als plötzlich vor ihm ein kleines Männlein stand.

„Wer ruft mich, ich habe keine Zeit.“

„Ich bin Tim,“ sagte Tim, „ich wohne in diesem Schloss.“

„So, so,“ rief das Männlein mit einer wundersamen, glockenhellen Stimme. „Ich kenne keinen Tim.“

„Das macht nichts,“ entgegnete Tim. „Aber wer, um alles in der Welt bist Du, und wie heißt Du?“

„Oh, du fragst mich nach meinem Namen? Ich bin das Treppauf-Treppab-Triptrap. Und da Du mich nach meinem Namen gefragt hast, muss ich Dir von nun an immer zu Diensten sein. Du brauchst mich nur zu rufen. Jetzt habe ich aber keine Zeit mehr.“ Und schwups, da sauste das Treppauf-Treppab-Triptrap auch schon über die Treppen davon.

Eine Woche später zog es Tim wieder in diesen Teil des Schlosses. Er stieg wieder die Treppen hinauf und hinunter. Tim lauschte zwischendurch immer wieder nach dem sonderbaren Männlein, aber es war alles ganz still. Plötzlich kam er an den Fuß einer langen Treppe, die in einen der Türme führte. Vorsichtig stieg er hinauf, und ganz oben stand er vor einer verschlossen Tür. Tim lauschte wieder, aber es war nichts zu hören. Er öffnete die Tür und trat in den Raum. Der Raum, eine Art Kammer, war erfüllt von dem Lichtschein eines in der Mitte lodernden Herdfeuers, über dem ein Kessel hing, in dem irgend etwas kochte. Tim blieb wie angewurzelt stehen. Da sah er hinter dem Feuer eine alte Hexe, die sich nach ihm Umdrehte. „Ah, ein kleiner Junge, wie appetitlich.“

Die Hexe erhob ihren Zauberstab und richtete ihn auf Tim, murmelte ein paar Worte und ein Blitz verwandelte Tim in ein Stück Holz. Er konnte sich nun nicht mehr bewegen.

„Hey, alte Hexe,“ rief Tim, „lass mich sofort los.“

„Oh, mein Bübchen, ich werde Dich kleinhacken, und dann kommst Du in mein Süppchen.“

Da fing Tim bitterlich an zu weinen. Er flehte die Hexe an: „Bitte, lass mich frei, ich tue auch, was Du willst.“

„Na gut,“ sagte die Hexe. „Wenn Du mir eine Frage beantwortest, bist Du frei.“

Da hörte Tim auf zu weinen und er sagte: „Und wie lautet die Frage? Ich werde Dir jede Frage beantworten.“

„Mein Bübchen, verrate mir, wie viele Treppenstufen das Schloss hat, dann bist Du frei. Ich wette aber, dass Du diese Frage niemals beantworten kannst. Nun, was ist?“

Tim überlegte. Nein, er wusste die Antwort nicht. Aber plötzlich kam ihm eine Idee. Er wollte das kleine Männlein von letzter Woche rufen und es bitten, ihm zu helfen. Und so rief er, so laut er nur konnte: „Treppauf-Treppab-Triptrap, wo bist Du, ich brauche Deine Hilfe.“ Noch im selben Augenblick stand das kleine Männlein vor ihm, so schnell war es herbeigeeilt.

„Platz da – ich habe keine Zeit – sehr zu Diensten – wer ruft mich – was kann ich tun?“

„Ich brauche Deine Hilfe,“ sagte Tim zu dem kleinen Männlein und erklärte ihm die ganze Situation. „Weißt Du vielleicht die Antwort auf die Frage, wie viele Treppenstufen das Schloss hat?“

„Nichts leichter als das, ich brauche sie nur zu zählen, bin gleich wieder da.“ Und das sauste das Treppauf-Treppab-Triptrap auch schon los. Nur wenige Augenblicke später stand es wieder von Tim. „Ich habe alle Treppenstufen Treppauf und Treppab gezählt, es sind 2345.“

Da stampfte die Hexe vor Wut mit dem Fuß auf. „Das hat Dir der Teufel gesagt.“ Es gab eine Große Rauchwolke, und im selben Augenblick war die Hexe verschwunden. Auch die seltsame Kammer war verschwunden und es sah nur noch so aus, wie auf einem ganz gewöhnlichen Dachboden. Auch Tim war nicht mehr in ein Stück Holz verwandelt, sondern war wieder der, der er vorher auch war, ein kleiner Junge von gerade einmal neun Jahren. Das Treppauf-Treppab-Triptrap war inzwischen ebenfalls wieder verschwunden. Tim stieg nun die Treppe herunter, und begab sich wieder in den Teil des Schlosses, den er besser kannte. So ging für ihn das Abenteuer dieses Tages zu ende." (2009)

Das Märchen vom Jüngling, der auszog, das Glück zu suchen

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Nero Muck war ausgezogen, um das Glück zu suchen. Er hatte seiner Familie den Rücken gekehrt und seine lange und einsame Wanderschaft ins Ungewisse angetreten, wenn es sein musste, bis ans Ende der Welt. Nero wusste, er würde erst zurückkehren, wenn er am Ziel seines Wünschens und seiner Träume angelangt sei, wenn er das Glück gefunden hätte.

Und so machte er sich auf den Weg, bekleidet mit nichts, als einem dünnen Tuch; er trug einen Stock, an dem er ein Bündel gebunden hatte, mit einem Leib Brot und etwas Trockenobst.

Nero wanderte von Dorf zu Dorf, kam durch Wälder, durchquerte Wüsten und Flüsse, bis er in ferne, fremde Länder kam. Sein Vorrat war natürlich schnell erschöpft. Doch immer, wenn Nero in ein Dorf kam, fand sich jemand, der ihm gegen kleine Gefälligkeiten Kost und Logis bot.

Eines Tages kam Nero in ein gebirgiges, orientalisches Land. Schon lange hatte er niemanden mehr gesehen, er hatte Hunger und es dunkelte bereits. Da sah er auf einem Berg ein großes Haus stehen, aus dessen Fenstern ein Lichtschein drang. Nero ging auf das Haus zu, und es schien, als sei es ein Palast, so prächtig war der Bau, mit Zinnen und Türmchen, mit bunten Glasfenstern und mit einer goldenen, runden Kuppel hoch über der Mitte. Er trat näher und fand eine große und schwere, aber verschlossenen Tür, an die er dreimal laut mit dem angebrachten Eisenring klopfte. Nach einer Weile öffnete ein ihm ein kleines Männlein die Tür, und er bat ihn, einzutreten: "Der König erwartet Euch bereits.“

Das Männlein führte Nero in einen großen Saal, direkt unterhalb der Kuppel, und dort saß der König ganz vorne auf vielen seidenen Kissen. Der König wies Nero einen Platz an, auf den er sich setzen solle.

Nach einer Weile sagte der König:

„Ich biete Dir etwas zu Essen, zu Trinken und Unterkunft in meinem Palast. Du kannst so lange bleiben, wie Du willst, nur musst Du mir dafür einen Dienst erweisen.“ Nero antwortete:

„Gerne bin ich dazu bereit, was es auch sei, denn ich bin auf der Suche nach dem Glück.“

„Das ist gut“, sagte der König. „Du sollst mir ein Buch aus einem Verließ holen, dass ein Zauberer dort zurückgelassen hat. Mein Diener ist dafür leider nicht kräftig genug, und ich selber bin zu schwer. Komm mit mir in den Hof; dort ist der Eingang.“

Sie gingen in den Hof, wo der Diener eine Falltür öffnete. Er trug eine Lampe bei sich die er entzündete. Sie hatte eine blaue Flamme, aber das Licht blendete nicht.

„Bind Dir dieses Seil um und nimm die Lampe, damit du besser sehen kannst, ich lasse dich dann hinab,“ erklärte der König. „Unten wirst Du das Buch finden, es liegt genau in der Mitte, auf einem großen, steinernen Altar, und wenn du es hast, ziehe drei mal am Seil, dann ziehe ich Dich wieder herauf.“

Und so geschah es. Nero wurde in das Verlies hinabgelassen. Unten fand er auch den Altar mit einem alten Buch, dass in Silber eingebunden und über und über mit Edelsteinen besetzt war, die den Buchstaben „M“ formten.

Nero nahm das Buch und zog, wie geheißen, drei Mal am Seil. Der König holte ihn herauf, doch als Nero fast oben war sagte der König plötzlich:

„Nun gib mir zuerst das Buch!“

„Nein!“ entgegnete Nero, „Ich gebe es dir erst, wenn du mich herausgezogen hast.“

Doch der König wollte erst das Buch.

„Nein!“ rief Nero noch einmal.

Da ließ der König das Seil los und Nero fiel in die Tiefe. Er hörte noch, wie sich die Falltür über ihm krachend schloss.

Nero jammert, haderte mit seinem Schicksal und sagte leise: „Da bin ich armer Tor schön in die Falle gegangen. Nun ist es um mich geschehen, und mein Glück werde ich nicht finden.“

Er wusste auch wirklich nicht, was er tun sollte. Da fiel sein Blick auf das Buch, dass ihn schon die ganze Zeit so lebhaft interessierte und neugierig machte. Er schlug es auf und es war voller geheimer Schriftzeichen und Formeln. In dem Buch standen sämtliche kosmischen Geheimnisse der Welt und der Schöpfung. Es war das weiseste und wertvollste Buch, das er je gesehen hatte. Nun wusste Nero, dass er sein Glück doch noch gefunden hatte. Doch wie sollte er sich aus seiner ausweglosen Lage befreien?

Nero dachte eine Weile nach und überlegte, dass er in einer Höhle im Berg sein müsse. Vielleicht gäbe es ja einen geheimen Ausgang. Nero nahm die blaue Lampe und suchte die Höhle ab. Da tauchte plötzlich vor ihm eine dunkle, schattige Stelle auf, es sah aus, als sei hier ein versteckter Gang nach draußen. Nero ging weiter, und in der Tat führte hier ein kleiner, schmaler Gang ins Ungewisse. Der Jüngling nahm das Buch und die Lampe, und machte sich auf den Weg.

Nach etwa einer Stunde Wanderung schimmerte plötzlich in der Ferne ein schwaches Licht. Der Gang verbreiterte sich und Nero Muck hatte den Ausgang der Höhle gefunden. Die Sonne ging gerade unter und Nero beschloss, die Nacht erst einmal hier zu verbringen.

Am nächsten Morgen, er streckte seine Glieder und begrüßte den Tag, wollte er sich gerade auf den Weg machen, da sah er es überall im Höhleneingang funkeln und glitzern. Als er sich umsah, erkannte er lauter Edelsteine, die schönsten und größten Diamanten. Nero stopfte sich so viel in die Tasche, wie er nur tragen konnte. Er würde nun nicht nur Weise werden, sondern war auch reich, noch reicher als der König.

Voller Glück trat Nero den langen weg nach Hause an. Er wanderte wieder durch viele Länder, überquerte Flüsse und Gebirge, bis er in sein Heimatdorf kam. Dort nahm er sich eine Geliebte und einige Tage später wurde die Hochzeit gefeiert. Sie lebten mit vielen Kindern glücklich und ohne Sorgen bis an ihr Lebensende.

Noch viele Generationen später erzählten sich die Menschen allerlei sagenhafte Geschichten über die große Weisheit und die Güte von Nero Muck, doch niemand wusste zu sagen, wie er diese Gnade erlangt hatte.

Nero Muck war ausgezogen, um das Glück zu suchen. Er hatte seiner Familie den Rücken gekehrt und seine lange und einsame Wanderschaft ins Ungewisse angetreten, wenn es sein musste, bis ans Ende der Welt. Nero wusste, er würde erst zurückkehren, wenn er am Ziel seines Wünschens und seiner Träume angelangt sei, wenn er das Glück gefunden hätte.

Und so machte er sich auf den Weg, bekleidet mit nichts, als einem dünnen Tuch; er trug einen Stock, an dem er ein Bündel gebunden hatte, mit einem Leib Brot und etwas Trockenobst.

Nero wanderte von Dorf zu Dorf, kam durch Wälder, durchquerte Wüsten und Flüsse, bis er in ferne, fremde Länder kam. Sein Vorrat war natürlich schnell erschöpft. Doch immer, wenn Nero in ein Dorf kam, fand sich jemand, der ihm gegen kleine Gefälligkeiten Kost und Logis bot.

Eines Tages kam Nero in ein gebirgiges, orientalisches Land. Schon lange hatte er niemanden mehr gesehen, er hatte Hunger und es dunkelte bereits. Da sah er auf einem Berg ein großes Haus stehen, aus dessen Fenstern ein Lichtschein drang. Nero ging auf das Haus zu, und es schien, als sei es ein Palast, so prächtig war der Bau, mit Zinnen und Türmchen, mit bunten Glasfenstern und mit einer goldenen, runden Kuppel hoch über der Mitte. Er trat näher und fand eine große und schwere, aber verschlossenen Tür, an die er dreimal laut mit dem angebrachten Eisenring klopfte. Nach einer Weile öffnete ein ihm ein kleines Männlein die Tür, und er bat ihn, einzutreten: "Der König erwartet Euch bereits.“

Das Männlein führte Nero in einen großen Saal, direkt unterhalb der Kuppel, und dort saß der König ganz vorne auf vielen seidenen Kissen. Der König wies Nero einen Platz an, auf den er sich setzen solle.

Nach einer Weile sagte der König:

„Ich biete Dir etwas zu Essen, zu Trinken und Unterkunft in meinem Palast. Du kannst so lange bleiben, wie Du willst, nur musst Du mir dafür einen Dienst erweisen.“ Nero antwortete:

„Gerne bin ich dazu bereit, was es auch sei, denn ich bin auf der Suche nach dem Glück.“

„Das ist gut“, sagte der König. „Du sollst mir ein Buch aus einem Verließ holen, dass ein Zauberer dort zurückgelassen hat. Mein Diener ist dafür leider nicht kräftig genug, und ich selber bin zu schwer. Komm mit mir in den Hof; dort ist der Eingang.“

Sie gingen in den Hof, wo der Diener eine Falltür öffnete. Er trug eine Lampe bei sich die er entzündete. Sie hatte eine blaue Flamme, aber das Licht blendete nicht.

„Bind Dir dieses Seil um und nimm die Lampe, damit du besser sehen kannst, ich lasse dich dann hinab,“ erklärte der König. „Unten wirst Du das Buch finden, es liegt genau in der Mitte, auf einem großen, steinernen Altar, und wenn du es hast, ziehe drei mal am Seil, dann ziehe ich Dich wieder herauf.“

Und so geschah es. Nero wurde in das Verlies hinabgelassen. Unten fand er auch den Altar mit einem alten Buch, dass in Silber eingebunden und über und über mit Edelsteinen besetzt war, die den Buchstaben „M“ formten.

Nero nahm das Buch und zog, wie geheißen, drei Mal am Seil. Der König holte ihn herauf, doch als Nero fast oben war sagte der König plötzlich:

„Nun gib mir zuerst das Buch!“

„Nein!“ entgegnete Nero, „Ich gebe es dir erst, wenn du mich herausgezogen hast.“

Doch der König wollte erst das Buch.

„Nein!“ rief Nero noch einmal.

Da ließ der König das Seil los und Nero fiel in die Tiefe. Er hörte noch, wie sich die Falltür über ihm krachend schloss.

Nero jammert, haderte mit seinem Schicksal und sagte leise: „Da bin ich armer Tor schön in die Falle gegangen. Nun ist es um mich geschehen, und mein Glück werde ich nicht finden.“

Er wusste auch wirklich nicht, was er tun sollte. Da fiel sein Blick auf das Buch, dass ihn schon die ganze Zeit so lebhaft interessierte und neugierig machte. Er schlug es auf und es war voller geheimer Schriftzeichen und Formeln. In dem Buch standen sämtliche kosmischen Geheimnisse der Welt und der Schöpfung. Es war das weiseste und wertvollste Buch, das er je gesehen hatte. Nun wusste Nero, dass er sein Glück doch noch gefunden hatte. Doch wie sollte er sich aus seiner ausweglosen Lage befreien?

Nero dachte eine Weile nach und überlegte, dass er in einer Höhle im Berg sein müsse. Vielleicht gäbe es ja einen geheimen Ausgang. Nero nahm die blaue Lampe und suchte die Höhle ab. Da tauchte plötzlich vor ihm eine dunkle, schattige Stelle auf, es sah aus, als sei hier ein versteckter Gang nach draußen. Nero ging weiter, und in der Tat führte hier ein kleiner, schmaler Gang ins Ungewisse. Der Jüngling nahm das Buch und die Lampe, und machte sich auf den Weg.

Nach etwa einer Stunde Wanderung schimmerte plötzlich in der Ferne ein schwaches Licht. Der Gang verbreiterte sich und Nero Muck hatte den Ausgang der Höhle gefunden. Die Sonne ging gerade unter und Nero beschloss, die Nacht erst einmal hier zu verbringen.

Am nächsten Morgen, er streckte seine Glieder und begrüßte den Tag, wollte er sich gerade auf den Weg machen, da sah er es überall im Höhleneingang funkeln und glitzern. Als er sich umsah, erkannte er lauter Edelsteine, die schönsten und größten Diamanten. Nero stopfte sich so viel in die Tasche, wie er nur tragen konnte. Er würde nun nicht nur Weise werden, sondern war auch reich, noch reicher als der König.

Voller Glück trat Nero den langen weg nach Hause an. Er wanderte wieder durch viele Länder, überquerte Flüsse und Gebirge, bis er in sein Heimatdorf kam. Dort nahm er sich eine Geliebte und einige Tage später wurde die Hochzeit gefeiert. Sie lebten mit vielen Kindern glücklich und ohne Sorgen bis an ihr Lebensende.

Noch viele Generationen später erzählten sich die Menschen allerlei sagenhafte Geschichten über die große Weisheit und die Güte von Nero Muck, doch niemand wusste zu sagen, wie er diese Gnade erlangt hatte.

Das Märchen vom grünen Frosch und dem stolzen Adler

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Eine Tierparabel, frei nach dem uralten Indianermärchen: „Wie die Maus zum Adler wurde.“

Eines Tages verlief sich ein kleiner, grüner Frosch auf einer großen und unüberschaubaren Wiese. Das sah ein Adler, der hoch oben in den Lüften seine Kreise zog. Der Adler stürzte herab, griff sich den Frosch und hob ihn hoch bis über die Wolken. Der Frosch jammerte, er hatte große Angst und sagte zum Adler: „Lass mich sofort wieder herunter!“ Da dachte sich der Adler: „Du bist nur ein kleiner grüner Frosch, und ich bin ein stolzer Adler; du wirst mir nicht schmecken!“

Und der Adler flog tiefer, landete neben der Wiese, und setzte den kleinen grünen Frosch an einem schönen Tümpel wieder auf die Erde.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn Du ein Adler sein willst, so lass dem Frosch das Leben!

1. Erklärung der Tierparabel:

Also, grundsätzlich ging es mir um die Darstellung zweier Perspektiven: a) der Froschperspektive, und b) der Adlerperspektive. Die Froschperspektive nehme ich immer ein, wenn ich etwas von innen oder von unten betrachte. Die Adlerperspektive nehme ich hingegen immer ein, wenn ich etwas von außen, oder von oben betrachte. Beide Perspektiven sind existentiell. Der Mensch kann immer nur zwischen diesen beiden Perspektiven wählen. Beispiele dafür gibt es viele. Ich kann etwa ein Auto von außen betrachten, oder mich in das Auto hineinsetzen, und es von innen betrachten. Ich kann ein Haus von außen oder von innen betrachten. Ich kann ein soziales System im Sinne der Systemtheorie von außen betrachten, oder aber, als Mitglied eines solchen Interaktionssystems, von innen. Ich kann mir das Weltall so vorstellen, dass ich eine Perspektive wähle, bei der ich mich "außerhalb" des Weltalls befinde (Luftballonparadigma), oder aber ich wähle eine Perspektive, bei der ich mich selber "innerhalb" des Weltalls befinde. Eine für meine Begriffe sehr wichtige Unterscheidung in der Kosmologie.

2. Erklärung der Tierparabel:

Eine ganz spaßige Erklärung der Tierparabel ist die politische Erklärung: Der Frosch steht dann für die Partei der Grünen, und der Adler steht dann für die CDU...