Lehren, Lernen und Bildung metaphorisch verstehen/ Denkwerkzeuge/ Bildungstheorien/ Theorie der Halbbildung

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Einleitung[Bearbeiten]

Laut der Wikipediaenzyklopädie im Jahre 2015 etablierte sich der Begriff "Halbbildung" Ende des 19. Jahrhunderts vor allem im Bildungsbürgertum als Bezeichnung für den Bildungsstand von aufstrebenden, nicht aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Menschen. 1959 greift Theodor W. Adorno diesen Begriff auf und setzt ihn mit seiner "Theorie der Halbbildung" in einen bildungswissenschaftlichen Kontext. Aufgrund dieses Umstands wird Adorno als der Gründer dieser Theorie gehandelt, weshalb er zugleich deren bedeutendster Repräsentant ist.

Gegenstandsbereich[Bearbeiten]

Die Theorie an sich hinterfragt kritisch den Bildungsbegriff der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und besonders dessen Relation zu gesamtgesellschaftlichen Gedankenströmungen. Vereinfacht ausgedrückt, versucht er zu erläutern, wie es möglich war, dass der Existenz einer durch Institutionen geleiteten und in den gesellschaftlichen Wertevorstellungen verankerten Bildung zum Trotz, zwei fatale Kriege über die Welt hereinbrechen konnten. Theodor W. Adorno versucht sein formuliertes Problem mit vielen Perspektiven, nicht nur mit der pädagogische Fachdisziplin oder Bindestrichsoziologie, zu analysieren. Die Halbbildung kann man somit weder der pädagogischen Fachdisziplin noch der "Bindestrichsoziologie" zuordnen. Die pädagogische Fachdisziplin beschäftigt sich mit der Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung, hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen.

,,Isolierte pädagogische Reformen allein, wie unumgänglich auch immer, helfen nicht" (Adorno 1972, S. 196).

Die sogenannte "Bindestrichsoziologie" befasst sich zudem mit gesellschaftlichen Teilgebieten wie Familie und Wirtschaft. Nach Theodor Adorno reicht es ebenfalls nicht aus Reflexionen und Untersuchungen über soziale Faktoren zu erstellen, die die Bildung beeinflussen oder beeinträchtigen.

,,Die allerorten bemerkbaren Symptome des Verfalls von Bildung, auch in der Sicht des Gebildeten selber, erschöpfen sich nicht in den nun bereits seit Generationen bemängelten Unzulänglichkeiten des Erziehungssystems und der Erziehungsmethoden." (Adorno 1972, S. 196).

Daraufhin entwarf Adorno seine Theorie der Halbbildung, diese besagt: "Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind." (Adorno 1972, S. 205).

Normative Dimension[Bearbeiten]

Da es sich bei der Theorie der Halbbildung in erster Linie um eine Kritik an dem Bildungsbegriff des 20. Jahrhunderts handelt, ist die normative Dimension dieser Theorie fast ausschließlich implizit enthalten. Lediglich in einem Satz definiert er konkret, was er unter normativer Bildung versteht:

,,Bildung sollte sein, was dem freien, im eigenen Bewußtsein gegründeten, aber in der Gesellschaft fortwirkenden und seine Triebe sublimierenden Individuum rein als dessen eigener Geist zukäme." (Adorno 1972, S.201).

Aus diesem Zitat lassen sich im Großen und Ganzen 3 wichtige Charakteristika der Bildungsvorstellung von Adorno entnehmen:

1. Quintessenz dieser Aussage ist, dass er Bildung als einen individuellen Prozess wahrnimmt, welcher angetrieben von Übung und Assoziationsvermögen, wie er selbst sagt, ,,im je Einzelnen Tradition stiftet" (Theodor W. Adorno, Theorie der Halbbildung, s.206)., sprich Verhaltensweisen induziert, die je nach Ausrichtung eine Art "eigene Tradition" schaffen. Diese bildet daraufhin das Fundament für die Art und die Menge des Wissenserwerbs.

2. Im weiteren Verlauf seines Textes konkretisiert er die Phrase "...rein als dessen eigener Geist...", indem er von einem a priori gegebenen Naturzustand spricht, der das Fundament der Bildung legt und vor allem nicht von gesellschaftlichen Gepflogenheiten, wie beispielsweise des sozialen Hintergrunds, abhängt: ,,Fraglos ist in der Idee der Bildung notwendig die eines Zustands der Menschheit ohne Status und Übervorteilung..." (Adorno 1972, S.202). Er erachtet folglich eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft für die Etablierung der von ihm geforderten Bildung als unabdingbar.

3. In dem obrigen Zitat spricht er von "... dem freien...". Hiermit spielt er auf einen wichtigen Grundpfeiler seines normativen Bildungsbegriffs an: Objektivität. Indem er davor warnt, sich unter Verwendung der Halbbildung in eine Art eigenen Kosmos zurückzuziehen und jeglichen neuen Input von Beginn an abzulehnen, plädiert er indirekt dafür, Sachverhalte möglichst aus einer objektiven Sichtweise heraus zu betrachten, welche mit einer grundlegenden Offenheit gegenüber Neuem einhergeht. Als Ziel dieser Geisteshaltung soll das Formen der eigenen Urteilsfähigkeit stehen:

,,...eines in sich einstimmigen Leben, das ins Urteil mündet..." (Adorno 1972, S.206).

Analytische Dimension[Bearbeiten]

Die analytische Dimension stellt den Focus auf bestimmte Facetten. In diesem Fall wird auf die Bildung fokussiert und gezeigt was die Bildung ausmacht. Nach Theodor W. Adorno ist die Bildung Kultur mit subjektiver Wahrnehmung. Darüber hinaus besitzt die Kultur einen Doppelcharakter.

,,Er weist auf die Gesellschaft zurück und vermittelt zwischen dieser und der Halbbildung." (Adorno 1972, S. 197).

Der Doppelcharakter besteht einerseits aus der Geisteskultur und andererseits aus der Kultur als reale Lebensgestaltung. Die Kultur als reale Gestaltung des Lebens ist somit der Gegensatz zur Geisteskultur. Wenn der kulturelle Doppelcharakter verloren geht, entsteht die Halbbildung. Laut Adorno ist das reale Leben indifferent, Kultur dagegen nicht. Dies bedeutet, dass man in der Kultur nicht zwischen zwei oder mehreren Meinungen schwankt sondern eine absolute Stellung bezieht.

,,Zugleich aber ist in solcher Vergeistigung von Kultur deren Ohnmacht virtuell bereits bestätigt, das reale Leben der Menschen blind bestehen, blind sich bewegenden Verhältnissen überantwortet. Dagegen ist die Kultur nicht indifferent. Wenn Max Frisch bemerkte, daß Menschen, die zuweilen mit Passion und Verständnis an den sogenannten Kulturgütern partizipierten, unangefochten der Mordpraxis des Nationalsozialismus sich verschreiben konnten, so ist das nicht nur ein Index fortschreitend gespaltenen Bewußtseins, sondern straft objektiv den Gehalt jener Kulturgüter, Humanität und alles, was ihr innewohnt, Lügen, wofern sie nichts sind als Kulturgüter. Ihr eigener Sinn kann nicht getrennt werden von der Einrichtung der menschlichen Dinge. Bildung, welche davon absieht, sich selbst setzt und verabsolutiert, ist schon Halbbildung geworden." (Adorno 1972, S.198).

Er belegt seine Aussage mit den Schriften Wilhelm Diltheys, die sich mit dem Phänomen der zum Selbstzweck verkommenen Bildung beschäftigt. Damit zeigt er, dass die in der normativen Ebene unter 1. gegliederte Anforderung an die Bildung praktisch nicht erfüllt wird:

,,Zu belegen wäre das an den Schriften Wilhelm Diltheys, der mehr wohl als jeder andere den Begriff von Geisteskultur als Selbstzweck dem gehobenen deutschen Mittelstand schmackhaft gemacht und den Lehrern überantwortet hat." (Adorno 1972, S. 198).

Literaturverzeichnis[Bearbeiten]