Lehren, Lernen und Bildung metaphorisch verstehen/ Denkwerkzeuge/ Bildungstheorien/ Theorie der Materialen Bildung

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Einleitung[Bearbeiten]

Direkte Vertreter der materialen Bildungstheorie, sind laut Jank und Meyer, nur schwer auszumachen, aber Elemente der klassischen Bildungstheorie vertreten Wilhelm von Humboldt, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Johann Friedrich Herbart und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209 f.). Alle berufen sich in einem gewissen Umfang auf die materiale Bildungstheorie und stellen sich die Frage: „Mit welchen Inhalten und Gegenständen müssen sich junge Menschen auseinander setzen, um zu einem selbstbestimmten und vernunftgeleiteten Leben in Menschlichkeit, in gegenseitiger Anerkennung und Gerechtigkeit, in Freiheit, Glück und Selbsterfüllung zu kommen?“ (Jank/Meyer 2011, S. 209).

Gegenstandsbereich[Bearbeiten]

Die Theorie der materialen Bildung beschreibt, nach Jank und Meyer, die reine Vermittlung von Inhalten an Individuen. Der Bezugspunkt ist das Objekt, in diesem Fall die zu lernenden Wissensinhalte. Der Lernende soll sich, mit Hilfe eines Vermittlers, konkrete Inhalte aneignen und damit zu einem Menschen werden (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209 fff.). Nach der Meinung von Jank und Meyer, besagt die Kernannahme der Theorie, dass die Lerninhalte als faktisch Gegebenes angenommen werden; dies ist bis heute noch in den Lehrplänen zu erkennen. Beide gehen davon aus, dass die Vermittlung von Lehr-Lern-Stoff erziehende und bildende Wirkung auf die Lernenden hat. Befürworter dieser Lehrplanstrukturierung sind Schleiermacher und Humboldt als Mitwirkende der Bildungsreform 1809 und 1815. In diesem Kontext ist zu sagen, dass Bildung für die Vertreter der materialen Bildung ein Beherrschen bestimmter vorgegebener Inhalte darstellt. Wer sich diese Inhalte aneignet ist – laut der gegebenen Definition – gebildet (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209 fff.).

Normative Dimension[Bearbeiten]

In diesem Zusammenhang ist auch ein Wissenskanon zu verstehen, über den ein jeweils in einer bestimmten Zeit und Kultur gebildeter Mensch verfügen soll. Diese Forderung basiert auf dem Konzept einer materialen Bildung (Bildungstheorie des Objektivismus). Laut der Darstellung von Jank und Meyer, teilt sich die materiale Bildung in zwei Richtungen auf. Einmal die Bildungstheorie des Klassischen. Diese sieht den Schwerpunkt in den seit Jahrhunderten unveränderten Inhalten wie zum Beispiel Sprachen wie Latein, Altgriechisch oder der Kunst und Literatur (vgl. Jank/Meyer 2011. S. 209 fff.). Es gilt die normative Regel: „Gebildet ist, wer Goethe und Schiller gelesen und Beethovens Neunte gehört hat und an ihnen sittlich gereift ist“ (Jank/Meyer 2011, S. 213). Hier ist zu erkennen, dass die Quantität von gelesenen Werken unbedeutend ist, denn bedeutend ist nur, ob man die qualitativ wichtigen Werke gelesen hat. Wobei diese auch von Subjekten ausgewählt und für wichtig empfunden wurden, da sich die Werke wie bereits erwähnt über die Zeit hinweg nicht verändert haben.

Die Bildungstheorie des Objektivismus setzt, laut Jank und Meyer, einen anderen Schwerpunkt. Hier wird ein Augenmerk auf die Relevanz und Wichtigkeit von Sachinhalten gelegt. Es erfolgt die Aufstellung eines Kanons von Fächern und Bildungsinhalten, diese Aufstellung ähnelt einer enzyklopädischen Liste. Diese Liste orientierten sich ursprünglich an der 1771 bis 1781 in Paris herausgegeben Encyclopédie der Aufklärungsphilosophen Denis Diderot und Jean Le Rond d`Alembert (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209 fff.). Nach der objektivistischen Theorie ist gebildet, „wer möglichst viel Wissen enzyklopädisch angehäuft hat“ (Jank/Meyer 2011, S. 213).

Jank und Meyer beziehen sich in ihrem Werk auf den deutschen Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki, der die bildungstheoretische Didaktik stark beeinflusst hat, indem er sich systematisch mit der materialen sowie formalen Bildungstheorie auseinandergesetzt und aus beiden Theorien die kategoriale Bildungstheorie abgeleitet hat. Klafki formuliert die Ausgangsthese, die besagt, dass Bildung und Erziehung die Aufgabe habe, dem unmündigen Menschen zu seiner Mündigkeit zu verhelfen. Mit dieser These gehen, laut Klafki, aber auch mehrere Bedingungen einher, denn erstens kann das Individuum nur durch Bildung zur Selbstbestimmung gelangen, indem der Prozess des Gebildetseins und die Bildung, die erworben wird, als Weg und Ziel gekennzeichnet werden (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209).

Die zweite Bedingung, laut Jank und Meyer, unter der Klafkis These stimmt, setzt eine bewusste Reflexion voraus, denn die Fähigkeit der Selbstbestimmung ist keine angeborene, sondern ist nur durch Auseinandersetzung mit der Welt erlern- und erfahrbar. Die weitere Voraussetzung ist, dass Bildung nur durch eigene Anstrengung, mit Hilfe eines Vermittlers, erworben werden kann. Die Selbsttätigkeit zum Lernen ist ein wichtiges Merkmal des Bildungsprozesses und ohne diesen auch nicht umsetzbar. Die vierte und letzte Bedingung formuliert, dass der Bildungsprozess nur in der Gemeinschaft realisiert werden kann, da sich nur durch die Auseinandersetzung mit anderen Individuen Bildung entfalten kann. Ebenfalls spielen Faktoren wie Erziehung und Unterricht eine zentrale Rolle (vgl. Jank/Meyer 2011, S. 209).

Laut Klafki, sieht die klassische Bildungstheorie Bildung für alle Individuen vor; dieser Anspruch ist bis in unsere heutige Zeit allerdings noch nicht vollkommen realisiert worden. Probleme stellen die ökonomisch-gesellschaftlich-politischen Bedingungen sowie die Ausrichtung, die größtenteils auf das männliche Geschlecht abzielt, dar (vgl. Klafki 2007, S. 20 fff.). Klafki zieht im Weiteren einen Vergleich um seine Aussage zu untermauern. Nach Humboldt sollte der Mensch in Wechselwirkung mit der Welt stehen und so Bildung erfahren. Hegel wiederum formuliert, dass im Bildungsprozess, durch Vermittlung von subjektiven als auch objektiven Inhalten, das Subjekt zu einem sittlich gereiften Menschen wird. Hegel legt dem vollständig ausgereiften Objektiven, Allgemeinen einen höheren Stellenwert als dem Subjekt bei, da dieses noch unvollständig ist und sich noch vervollständigen muss (vgl. Klafki 2007, S. 20 fff.).

Insgesamt bleibt somit festzustellen, dass die materiale Bildungstheorie zwar selten in Reinform vertreten wird, jedoch in vielen Auseinandersetzungen und Theorien zur Bildung zumindest in Teilen enthalten ist.

Analytische Dimension[Bearbeiten]

Dietrich Schwanitz, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Gedanke der materialer Bildung Der Leitgedanken materialer Bildung drückt sich unter anderem in den enzyklopädischen Werken, die das Wissen beinhalten, die ein gebildeter Erwachsener wissen muss, aus. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das populärwissenschaftliche Buch „Bildung. Alles, was man wissen muss“ von Dietrich Schwanitz. Dieses Buch wurde zum erfolgreichen Bestseller und machte den deutschen Anglistik-Professor Dietrich Schwanitz (1940 – 2004) bekannt.

Schwanitz führt in seinem Buch Bildung auf Wissen und Können zurück. Im ersten Teil des Buchs wird unter der Überschrift „Wissen“ ein Katalog von Wissensinhalten vor allem aus den Bereichen Literatur, Kunst, Musik, Geschichte und Philosophie beschrieben und vorgestellt, der nach Auffassung Schwanitz‘ zum Bildungskanon eines gebildeten Menschen unserer Zeit und unseres Kulturkreises gehört und unverzichtbar sein soll. Die Wissensinhalte sollen Sicherheit vermitteln und einen Maßstab darstellen. Bildung geht hier von Wissensobjekten aus. Nach Schwanitz soll das grundlegende kulturelle Wissen durch die Frage definiert werden, ob und in welchem Ausmaß die Wissensinhalte zur Selbsterkenntnis des Menschen führen. Folgerichtig zeigt Schwanitz ebenso auf, welche Bildungsinhalte verzichtbar und sogar überflüssig sind (Abschnitt: „Was man nicht wissen sollte“).

Ziel der Bildung nach Schwanitz ist somit einerseits die Kenntnis bestimmter Wissensinhalte (materialer Bildungsaspekt). Andererseits beschreibt er in seinem Buch im zweiten Teil unter dem Titel „Können“ auch Regeln zur Kommunikation Gebildeter und den Umgang gebildeter Menschen untereinander. Hier wird ein eher formales Bildungsverständnis erkennbar. Schwanitz‘ Buch stellt also u.E. ein Beispiel für die von ihm vertretene Bildungsnorm des Materialismus, aber auch der formalen Bildungstheorie, dar. Detaillierte Bildungsprozesse erläutert er dagegen in „Bildung. Alles, was man wissen muss“ nach unserem Verständnis nicht.

Zu fragen wäre, nach welchen Kriterien eine Auswahl des wissenswerten – sowie des nicht wissenswerten – Wissens erfolgen soll, um als gebildeter Mensch zu gelten. Mit welchen Zielen und Bildungsansprüchen soll ausgewählt werden? Was soll das Bildungsideal sein? Ändert sich das Bildungsideal nicht? Was ist „wertvolles“ Wissen, was soll man nicht wissen und warum? Schwanitz‘ Buch „Bildung. Alles was man wissen muss“ hat viel Kritik und Diskussionen über Bildung veranlasst. Beispielsweise wurde angemerkt, dass „listenhafte Zusammenstellungen“ wie in diesem Buch wahre Bildung verfehlen, stattdessen aber als Bildung getarntes Wissen beinhalten. Ein zentraler Kritikpunkt ist auch, dass die Naturwissenschaften nicht integriert sind. Als Reaktion darauf schrieb Ernst Peter Fischer als Ergänzung „Die andere Bildung“ (vgl. Wikipedia, Artikel „Bildung. Alles was man wissen muß.“). Als einen weiteren Vertreter der materialen Bildungstheorie kann man den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) einordnen. Er ist zwar kein Pädagoge, dennoch spricht er in seinem Werk der „Phänomenologie des Geistes“ über Bildung. Für Hegel ist Bildung ein Prozess, der die Sozialisierung des Individuums und den Prozess der Verwirklichung geistiger Ordnung zum Inhalt hat. „Wodurch hier also das Individuum hier Gelten und Wirklichkeit hat, ist die Bildung“ (G.W.F. Hegel, 1988). Diese Bildung gehört laut Hegel zur Natur des Menschen, der ebenso ursprünglich Natur- wie Kulturwesen ist. Hegel unterscheidet dabei zwei Arten, wie sich das Individuum bildet: Einmal bildet es sich, in dem es sich kultiviert, und andererseits dadurch, wie die Verhaltensmuster und Institutionen in den Individuen durch sogenannte „Staatsmacht“ und „Reichtum“ lebendig werden. Mit „Staatsmacht“ ist gemeint, dass sich das Individuum verwirklicht, indem es sich dem allgemeinen Willen unterordnet, den Gesetzen gehorcht und bereit ist, sein Privatwohl falls nötig zurückzustellen. „Die Staatsmacht ist, wie die einfache Substanz, so das allgemeine Werk; die absolute Sache selbst, worin den Individuen ihr Wesen ausgesprochen und ihre Einzelheit schlechthin nur Bewusstsein ihrer Allgemeinheit ist “ (G.W.F Hegel, 1988). Mit „Reichtum“ ist das Allgemeine, „das beständig werdende Resultat der Arbeit und des Tuns aller“ gemeint.

Diskussion und Ausblick[Bearbeiten]

Ausgehend von der materialen Bildungstheorie ist eine Person dann als gebildet zu bezeichnen, wenn diese in vielfältigen Themenbereichen über ein umfangreiches Wissen verfügt. Allgemeinbildung kann jedoch zum Beispiel nach Jank und Meyer definiert werden als „die Fähigkeit eines Menschen, in der Auseinandersetzung mit der Welt selbstbestimmt, kritisch, sachkompetent und solidarisch zu denken, zu handeln und sich weiterzuentwickeln.“ (Jank/Meyer 2011, S. 211) Das in der materialen Bildungstheorie geförderte Wissen kann somit zwar Teilbereiche, wie beispielsweise die Sachkompetenz, der Allgemeinbildung abdecken. Es bleibt jedoch zu fragen, inwiefern durch reines Aneignen von Sachwissen Aspekte wie die Reifung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit, kritisches Denken und auch solidarisches Handeln gefördert werden. Auch der zentrale Aspekt der Selbstbestimmung bleibt, im Hinblick auf streng vorgegebene wertvolle Inhalte, deren Beherrschung dann Bildung ausmacht, im materialen Bildungskonzept fragwürdig. Aus diesen Gründen vertreten daher auch viele Bildungstheoretiker zwar Teile der Materialen Bildung, erweitern diese jedoch um die fehlenden Aspekte, die für eine umfassende Bildung gleichermaßen wichtig sind (vgl. Klafki 2007, S. 20 fff.). Zudem übersteigt das heute verfügbare Wissen bei Weitem das für einzelne Subjekte erfassbare. In der materialen Bildungstheorie ist daher mit den sich rasant verändernden soziokulturellen Bedingungen immer wieder neu festzulegen, was genau die Lerninhalte ausfüllen soll. Der damit verbundene Prozess einer Kanonisierung ist jedoch problembehaftet, da er immer aus interessengeleiteten Entscheidungen besteht und damit auch stets der Sicherung der hinter dem Kanon stehenden Machtverhältnisse dient (vgl. Künzli 2007, S. 25 f.). Insgesamt bleibt somit festzustellen, dass ein materiales Bildungskonzept allein zu kurz greift, wenn es um eine umfassende Bildung des Einzelnen geht. Hierfür sind materiale wie auch formale − das heißt vom Subjekt ausgehende, methoden- und kompetenzbezogene − Aspekte zu verbinden. (Jank/Meyer 2011, S. 213). Dennoch bleibt eine Basis von zentralen Wissenseinheiten, auf denen der Lernende aufbauen kann, u.E. unverzichtbar.

Literaturverzeichnis[Bearbeiten]

  • Dörpinghaus,Poenitsch,Wigger, Einführung in die Theorie der Bildung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2013.
  • G.W.F Hegel, Phänomenologie des Geistes, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1988, S.323ff.
  • Jank &Meyer, Didaktische Modelle, 10 Auflage, Cornelsen Verlag, Berlin, 2011, S.209-213.
  • Klafki, Wolfgang, Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik: Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik, 6.Auflage, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2007, S.20-25.
  • Künzli, Rudolf, Kanon des Lernens, 2007, In: Göhlich & Wulf, Zirfas (Hrsg.), Pädagogische Theorien des Lernens, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2014, S.23-41.
  • Schwanitz, Dietrich, Bildung: Alles was man wissen muss, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2002.
  • Posselt, Reflexion von Bildungstheorien im Kontext von Kunst und Pädagogik, Diplomica Verlag,Hamburg, 2013 .

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