Martin Heidegger/ Sein und Zeit/ Sechstes Kapitel §§ 39–44

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Das sechste Kapitel als zentrales Bindeglied zwischen den beiden Teilen von „Sein und Zeit“
Durch die in Kapitel 2–5 ausgebreitete Analyse ergab sich: Die durchschnittliche Alltäglichkeit des Daseins kann bestimmt werden als das verfallend-erschlossene, geworfen-entwerfende In-der-Welt-sein, dem es in seinem Sein bei der Welt und im Mitsein mit Anderen um das eigenste Seinkönnen selbst geht.[1] Dieses Strukturganze soll nun im sechsten Kapitel in seiner Ganzheit sichtbar gemacht werden: das Sein des Daseins wird als Sorge bestimmt. Heideggers Anliegen ist es also, in den folgenden Paragraphen 1.) zu zeigen, dass durch die Bestimmung der einzelnen Existenzialien und der Struktur des In-der-Welt-seins nicht das aus dem Blick gerät, dass Dasein immer ein Ganzes ist und 2.) erneut zu bewähren, dass die ontologischen, phänomenologischen und existenzialen Bestimmungen eine ontische, phänomenale und existenzielle Entsprechung haben und es sich nicht um eine davon abgehobene Konzeption handelt.

Den Begriff der Sorge versucht Heidegger dabei nicht von einer Idee des Menschen abzuleiten, sondern ihn als von sich aus angemessene Bestimmung zu erweisen. Um ein paradigmatisches Herangehen zu vermeiden, wird Heidegger als „vorontologische Bewährung“ der Sorge die Cura-Fabel anführen.[2]

In der Angst als Grundbefindlichkeit wird Heidegger den phänomenalen Boden für das Erfassen des Seins des Daseins als Sorge suchen (§ 40). Innerhalb des Zusammenhangs von Sorge, Weltlichkeit, Zuhandenheit und Vorhandenheit wird anschließend Realität zum Thema und das hiermit verbundene Problem von Idealismus und Realismus (§ 43), an welche Analyse Heidegger seine Auffassung des Wahrheitsbegriffes anknüpft (§ 44).

Das sechste Kapitel verbindet außerdem die beiden Teile von „Sein und Zeit“, also den ersten Teil, in welchem die Existenzialien herausgearbeitet werden und den zweiten Teil, welcher diese auf ihre Zeitlichkeit hin interpretiert. Heidegger bereitet die zeitliche Interpretation vor, indem er die Bestimmung der Sorge umformuliert als „Sich-vorweg-schon-sein-in(-der-Welt) als Sein-bei (innerweltlich begegnendem Seienden)“. Die Worte vorweg, schon und bei verweisen hierbei auf die zeitlichen Dimensionen von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart.

Die Befindlichkeit der Angst erschließt dem Dasein sein In-der-Welt-Sein
Bei der bereits in § 30 gelieferten Analyse der Furcht stellte sich heraus, dass das Wovor der Furcht immer ein innerweltlich Seiendes ist – womit man sagen könnte Furcht ist intentional. Die Angst hingegen hat keine konkreten Gegenstand: das Wovor der Angst ist unbestimmt, kennt kein Hier und Dort aus dem sich das Bedrohliche nähert. Trotz dieser Unbestimmtheit aber führt die Angst zu einer Flucht des Daseins. Das Dasein flieht aber nichts Innerweltlichem sondern sich selbst. „Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt-sein als solches.“[3] In der Flucht aber flieht das Dasein nicht aus der Welt sondern in diese als Welt, d. h. flieht sich selbst, um verfallend in der Welt und im Man aufzugehen.

Befindlichkeiten haben eine erschließende Funktion. Grunsätzlich ist für Heidegger jede Befindlichkeit dazu geeignet das In-der-Welt-sein zu erschließen, die Angst zeichnet sich jedoch in einer besonderen Weise aus. In der Befindlichkeit der Angst sinkt für das Dasein die Bewandtnisganzheit des Zuhandenem zur Unbedeutsamkeit in sich zusammen. Wenn die Welt jedoch für das Dasein an Bedeutsamkeit verliert, so kann es sich nicht mehr in die Welt und das Besorgen flüchten. Auch die öffentlichen Angebote des Man werden für das Dasein bedeutungslos und bieten keine Möglichkeit zur Flucht. Damit wird dem Dasein sein In-der-Welt-sein als Möglichsein bewusst: Die Angst holt das Dasein aus seinem verfallendem Aufgehen in der Welt und bringt es vor die Welt und vor sich selbst als Möglichsein.[4]

In der Angst ist dem Dasein unheimlich (als Nicht-zuhause-sein): Die alltägliche Vertrautheit bricht in sich zusammen, das Dasein ist auf sich vereinzelt und kann sich nicht mehr ohne Weiteres in das Man flüchten. Für Heidegger ist diese Unheimlichkeit das ursprünglichere Phänomen gegenüber dem beruhigt-vertrautem In-der-Welt-Sein, d. h., das Dasein muss sich ein Zuhause, in dem sich wohnen lässt, erst schaffen.

Das Wovor der Angst ist also das In-der-Welt-sein mit seinen drei Strukturelementen, die durch die Grundbefindlichkeit der Angst jeweils folgendermaßen erschlossen werden:

Alltägliches Moment des In-der-Welt-seins Durch die Angst erschlossen
Wohnen bei … unheimliches In-sein
Verfallen an die Welt Unbedeutsamkeit, Belanglosigkeit der Welt
Aufgehen im Man Möglichsein, Selbst-sein-können

Bestimmung des Seins des Daseins als Sorge
Dasein ist Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht. Es wird durch die Angst vor sein Seinkönnen gebracht. Das Ganze der herausgearbeiteten Strukturmomente belegt Heidegger nun mit dem Terminus der Sorge. Gleichzeitig reformuliert er Existenzialität, Faktizität und Verfallen so, dass deren zeitlicher Aspekt hervortritt:

Dasein ist auch immer schon ungefragt in eine Welt geworfen (Faktizität). Es muss sich also selbst übernehmen, was es im Lebensvollzug tut. Dieses Sich-vorweg-sein beinhaltet: Dasein ist in seinem Seinkönnen immer schon „über sich hinaus“. Um aber gegenwärtig für sich zu sorgen, ist es auf die Welt angewiesen und als verfallenes zunächst und meist beim besorgten innerweltlichen Zuhandenen. Heidegger fasst dementsprechend Sorge als „Sich-vorweg-schon-sein-in-(der-Welt-) als Sein-bei (innerweltlich begegnendem Seienden).“ Damit umfasst Sorge nicht bloß die Existenzialität, sondern auch Geworfenheit und Verfallen:

Strukturmoment der Sorge Ontologischer Charakter Zugehörige Ekstase der Zeitlichkeit
Sich-vorweg-sein Existenzialität Zukunft
Schon-sein-in-der-Welt Faktizität Vergangenheit
Sein-bei Verfallen Gegenwart

Die Bestimmung des Seins des Daseins als Sorge ist so grundlegend, dass für Heidegger sowohl Theorie als auch Praxis nur als Ausprägungen der Sorge zu verstehen sind. Ebenso sind Wollen, Wünschen, Hang und Drang in der Sorge verwurzelt, ein Sachverhalt, den Heidegger nur kurz skizziert: Wollen braucht ein Gewolltes, während Wünschen auf Unerfüllbares geht und somit Möglichkeiten eher verschließt denn eröffnet. Der Hang ist durch ein passives Gelebt-Werden charakterisiert, es wird etwas nachgehangen, während hingegen der Drang sich durch ein Hin-zu um jeden Preis auszeichnet und so unter Umständen Befindlichkeit und Verstehen überrennt.

In § 42 möchte Heidegger dann eine vorontologische Bewährung der Bestimmung des Seins des Daseins als Sorge liefern, indem er die Cura-Fabel des Hyginus zitiert (der lateinische Text findet sich hier). Bedeutung gewinnt dieses Zeugnis für Heidegger durch das nicht konzeptionelle Selbstverständnis des Daseins als Sorge und den Ursprung des Begriffs der Sorge in der Geschichte.

Realität und „Außenwelt“
Das Verfallen des Daseins an die Welt bringt es nach Heidegger mit sich, dass Realität (im Sinne der Vorhandenheit: „etwas ist wirklich vorhanden“) und Sein fälschlich miteinander identifiziert werden, weshalb entsprechend Substanzialität als Grundbestimmung des Seins angenommen wird. So wird jedoch das Reale als unabhängig vom Dasein gedacht, als etwas, dem ein eigenständiges Sein außerhalb des Daseins zukomme. Zwar gibt es für Heidegger Daseins-unabhängiges Seiendes, dessen Sein ist jedoch nur im Verbindung mit dem Dasein zu verstehen.

Erst durch die Missachtung der ontologischen Differenz, ergibt sich die Vorstellung eines Seins unabhängig vom Dasein und es stellt sich die Frage, wie das Subjekt „nach draußen“ kommt, in die „Sphäre des Realen“. Solche Fragen erweisen sich jedoch aus der Sicht Heideggers als Scheinprobleme. Heidegger greift im Folgenden verschiedene Spielarten dieser Denkweise auf und versucht auf ihre unausgesprochenen Prämissen aufmerksam zu machen. Dabei ist grundsätzlich festzuhalten, dass alle „Außenwelt“-Probleme von einer Situation ausgehen, die es so nicht gibt, denn es wird doch die Frage nach der „Außenwelt“ notwendigerweise vom Dasein selbst in seinem In-der-Welt-sein gestellt, daher ist „[d]ie Frage, ob überhaupt eine Welt sei und ob deren Sein bewiesen werden könne, […] als Frage, die das Dasein als In-der-Welt-sein stellt – und wer anders sollte sie stellen? – ohne Sinn.“[5] Wenn Kant es einen „Skandal der Philosophie“ nannte, dass der Beweis für die Existenz der „Außenwelt“ immer noch fehle, so kontert Heidegger: „Der ‚Skandal der Philosophie‘ besteht nicht darin, dass dieser Beweis bislang noch aussteht, sondern darin, dass solche Beweise immer wieder erwartet und versucht werden“.[6] Ob man die „Außenwelt“ nun versucht zu beweisen, an sie glaubt, oder sie voraussetzt, allen diesen Positionen ist die nach Heidegger verfehlte Auffassung gemeinsam, dass sie völlig unbegründet ein weltloses selbstgenügsames, mentales, innerliches Subjekt ansetzen, welches sich anschließend erst seiner Welt versichern muss.[7]

Somit bleibt nicht die von Heidegger als Scheinproblem identifizierte Frage nach der „Außenwelt“ und ihrer Erscheinungen zu klären, sondern vielmehr die Frage, warum die Welt als „Außenwelt“ immer wieder zum Problem wird – dies entspricht einem Wandel von einer erkenntnistheoretischen Frage hin zu einer hermeneutischen, die nach den „Motiven“ für die Verfehlung des Problems sucht. Für Heidegger liegt der Grund hierfür im Verfallen des Daseins, das in seinem Seinsverständnis zunächst vom Vorhandenen ausgeht. Das Dasein findet dann als Vorhandenes zunächst und sicher nur das Innere (des Bewusstseins, der Person, des Subjekts, des Erkenntnisapparats) vor, von wo aus dann der Absprung in die vermeintliche „Außenwelt“ erfolgen soll.[8]

Realismus und Idealismus
Für Heidegger ergibt sich Folgendes zum klassischen philosophischen Gegensatz zwischen Realismus und Idealismus: Der Realismus hat Recht damit, dass die „Außenwelt“ real vorhanden sei, aber die dahinter liegende Beweisbedürftigkeit und Beweisbarkeit der „Außenwelt“ lehnt Heidegger ab. Hingegen hat der Idealismus für Heidegger einen grundsätzlichen strukturellen Vorzug, insofern jener betont, Sein und Realität seien nur im „Bewusstsein“, d. h. Sein ist nur für das Dasein. In dieser Lesart erweist sich der Idealismus daher als sinnvoll, da er betont, dass Sein nicht aus Seiendem erklärt werden kann. Idealismus darf allerdings nicht heißen, dass man alle Realität auf ein ontologisch nicht geklärtes Subjekt zurückführt.[9]

Diese Passage unterstreicht, warum Heidegger von manchen Interpreten dem Idealismus zugezählt wird. Heidegger gibt hier jedoch nur Sympathien aufgrund von Strukturähnlichkeiten zwischen idealistischem Weltzugriff und ontologischer Verfasstheit des Daseins zu erkennen. Letztlich lehnt Heidegger die Unterscheidung von Idealismus und Realisms als ontologisch zu kurz greifend ab.

Heidegger bringt sich mit seiner Ablehnung des „Außenwelt“-Problems in eine gewisse Nähe zu Positionen Max Schelers und Wilhelm Diltheys, die Realität ebenfalls nicht im Bezug auf das Erkennen auslegen, sondern auf einen praktischen und voluntativen Lebensvollzug und der damit verbundenen Widerständigkeit der Welt hin. Er kritisiert sich aber auch, da sie nicht die dieser zugrunde liegende Struktur der Sorge in den Blick bringen.[10]

Realität und Sorge
Realität ist für Heidegger ein ontologischer Titel, der auf innerweltlich Seiendes bezogen ist. Das heißt aber: in der Welt – in der ja Innerweltliches begegnet – ist Realität immer schon vorausgesetzt. Was innerweltlich begegnet, sind Zuhandenes und Vorhandenes als Modi der Realität. Zuhandenes und Vorhandenes gründen in der Sorge. Insofern zeigt sich auch die Realität als in der Sorge gründend.

Heideggers Betrachtungen zur Realität stellen heraus: Nur solange Dasein ist, gibt es Sein, denn Sein ist vom Seinsverständnis des Daseins abhängig. Es gibt kein An sich, wenn Dasein nicht existiert, mit anderen Worten: Die Frage nach dem eigenständigen Charakter der Erscheinungen und Dinge in der Welt ist unsinnig, wenn sie nicht zugleich das Dasein als dasjenige, was Welt hat, in den Blick nimmt. Die ontologische Differenz von Sein und Seiendem lässt sich daher auch so fassen: Sein ist in gewisser Weise von Dasein abhängig, jedoch nicht Seiendes. Man könnte sagen, Sein bezieht sich darauf, wie die Dinge dem Dasein begegnen, die Dinge als Seiende aber werden weder durch das Dasein geschaffen noch „hören sie auf“ mit seinem Tode. Wenn Heidegger Realität als in der Sorge gründend erfasst, so daher auch nicht in dem Sinne, dass Realität durch Sorge erst „erzeugt“ wird.

Wahrheit
Zwar wurde schon bei den Griechen Wahrheit und Sein identifiziert, jedoch nicht explizit. Um den Zusammenhang von Wahrheit und Sein zu klären, bespricht Heidegger zunächst den traditionellen Wahrheitsbegriff, um anschließend seine Herkunft aus dem ursprünglichem Phänomen der Wahrheit zu zeigen.

Der traditionelle Wahrheitsbegriff
Traditionell versteht man, so Heidegger, als den Ort der Wahrheit die Aussage (das Urteil). Wahrheit selbst wird als Übereinstimmung definiert, so in der bekannten Formulierung als „adaequatio intellectus et rei“ (Übereinstimmung von Erkenntnis und Gegenstand).[11] Heidegger geht der Art dieser Beziehung nach und fragt, was übereinstimmen soll: psychischer Prozess und realer Gegenstand oder idealer Gehalt des Urteils und realer Gegenstand? Und als was kann man dann die Beziehung von Idealem auf Reales verstehen: als ideal oder real? Die Untersuchung kommt Heideggers Meinung nach so nicht voran, weshalb Heidegger ein Beispiel gibt, um zu zeigen, was konkret bei einem ausgesprochenem und zu prüfenden Urteil geschieht:[12] Jemand steht mit dem Rücken gegen eine Wand und macht die Aussage: „Das Bild hinter mir hängt schief“. Wenn er sich nun umdreht, um die Wahrheit der Aussage zu prüfen, entdeckt er, ob das Bild wirklich schief hängt. Dieses Entdecken ist für Heidegger die ontologische Vollzugsweise von Wahrheit. Wahrheit liegt damit nicht in einer Übereinstimmung von Erkennen und Gegenstand (ist also keine Subjekt-Objekt-Beziehung), sondern in der Entdecktheit von Seiendem. Dass aber etwas entdeckt werden kann, ist nur möglich auf Grund des In-der-Welt-Seins. Wird die Richtigkeit einer Aussage bewertet, dann geschieht dies als Bewährung durch Entdecken.[13] In der Unterscheidung von Richtigkeit und Wahrheit zeigt sich, dass Heidegger versucht, Wahrheit ursprünglicher zu fassen als es eine Theorie tut, welche die Richtigkeit von Aussagen als Begriff für Wahrheit nimmt. Für Heidegger ist das ontologische Wahrheitsgeschehen des Entdeckens Grundlage auch für Übereinstimmungstheorien. Dies wird er im Folgenden zu zeigen versuchen.

Die Genese des traditionellen Wahrheitsbegriffes
Die Definition der Wahrheit als Entdecktheit findet sich nach Heidegger schon im vorphilosophischen Verständnis der alten Griechen. Wahrheit, griechisch: Aletheia (ἀλήθεια, „Das Unverborgene“), übersetzt Heidegger etymologisch als Unverborgenheit – in Heideggers Interpretation bedeutet dieses Wahrheitsverständnis: Seiendes wird durch ein Entdecken aus der Verborgenheit herausgenommen. Durch den Rekurs auf diese Auffassung versteht Heidegger seine Arbeit auch als ursprüngliche Wiederaneignung.[14]

Um den unzertrennlichen Zusammenhang von Wahrheit und Dasein zu betonen, spricht Heidegger auch vom Wahrsein: „Wahrsein als entdeckend-sein ist eine Seinsweise des Daseins.“ Damit ergibt sich ein Vorrang des Daseins als „primär wahr“, das meint „Dasein ist immer in der Wahrheit“, weil überhaupt nur durch es so etwas wie Wahrsein möglich ist: Dasein entdeckt im praktischen Lebensvollzug und Verhalten zur Welt die Dinge (auch) in Bezug auf sich, es erschließt die Welt auf sich hin, was Heidegger als Erschlossenheit bezeichnet. Das Wahrsein wiederum gründet also in dieser Erschlossenheit als einem Existenzial des Daseins. Ohne Dasein ist deshalb auch kein Wahrsein, sobald aber Dasein ist, ist dieses auch primär in der Wahrheit, so zwar, dass es als Verfallenes und durch die Herrschaft des Man notwendig in der Unwahrheit ist.[15] Diese zunächst widersprüchlich klingende Formulierung gewinnt an Plausibilität, wenn man sich ein Beispiel vor Augen führt: Dasein ist in seiner Existenz zu entdecken, seine Faktizität (die konkrete Lebenssituation) lässt jedoch nicht alles Entdecken zu, so kann zum Beispiel eine mittelalterliche Nonne sich nicht vorstellen Computerspezialistin zu werden, diese Möglichkeit ist ihr notwendig verdeckt. Solche notwendigen Verdeckungen sind der Grund, warum Heidegger behauptet, dass Dasein sei gleichursprünglich Entdecken und Verdecken, in der Wahrheit und in der Unwahrheit. Gleichursprünglich meint dabei, dass keine der beiden Seiten auf die andere zurückgeführt werden kann.

Angesichts des ungewöhnlichen Wahrheitsbegriffs der Entdecktheit und der Behauptung, dass dieser grundlegender als andere Theorien ist, muss Heidegger darstellen, wie es zum allgemein verbreiteten Begriff von Wahrheit, als Übereinstimmung verstanden, kommt. Dies geschieht, so Heidegger, dadurch, dass zwar Wahrheit auf der Entdecktheit und Erschlossenheit basiert. Meist wird sich hierüber in der Aussage ausgesprochen. Die Aussage ist sozusagen als etwas in der Welt, wozu sich nun auch andere Menschen verhalten können. Damit bekommt sie den Charakter des Zuhandenen. Soll dieses Zuhandene nun auf seine Richtigkeit überprüft werden, dann tut man dies meist indem man es als Vorhandenes auffasst und mit dem Vorhandenen, auf welches sich die Aussage bezieht, vergleicht. Dieser Bezug als Übereinstimmung zweier Vorhandener hat dann selbst wiederum den Charakter der Vorhandenheit.[16] In der Gesamtbetrachtung diese Vorgangs zeigt sich: Es ist Wahrheit als Erschlossenheit zur vorhandenen Übereinstimmung von innerweltlich Seiendem geworden. Damit ist die Abkünftigkeit der Theorie „Wahrheit als Übereinstimmung“ aus der Erschlossenheit des Dasein gezeigt.

Die Seinsart der Wahrheit
„Wahrheit gibt es nur, sofern und solange Dasein ist“.[17]. Wegen dieses Zusammenhangs kann man auch sagen „Sein – nicht Seiendes – gibt es nur, sofern Wahrheit ist.“[18] Dasein ist wegen der Erschlossenheit wesenhaft in der Wahrheit. Heidegger betont zwar, dass Wahrheit nur relativ auf das Sein des Daseins ist, meint damit jedoch nicht, dass Wahrheit der Beliebigkeit des Subjekts überlassen wird. Auf die Frage, ob Wahrheit für das Erkennen der Welt vorgesetzt werden muss, antwortet Heidegger: „Die Wahrheitsvoraussetzung müssen wir machen, weil sie mit dem Sein des Wir schon gemacht ist.“[19] Es kann also auch nicht bewiesen werden, dass es Wahrheit notwendigerweise gibt, denn die Notwendigkeit des Daseins kann und braucht nicht bewiesen zu werden. Auch der Skeptizismus muss nicht widerlegt werden, denn es hat nie einen wirklichen Skeptiker gegeben – man kann sich nicht aussuchen, ob man ins Dasein kommt und somit Erschlossenheit als Existenzial sein eigen nennt: Dasein existiert faktisch, ist also immer schon in der Welt.[20]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. SZ, Seite 181
  2. Vgl. SZ, Seite 183
  3. SZ, Seite 186
  4. Vgl. SZ, Seite 187
  5. SZ, Seite 202
  6. SZ, Seite 205
  7. SZ, Seite 206
  8. SZ, Seite 206
  9. SZ, Seite 208
  10. SZ, S. 209
  11. SZ, Seite 214
  12. SZ, Seite 217
  13. SZ, Seite 218
  14. SZ, Seite 220
  15. SZ, Seite 222
  16. SZ, Seite 224
  17. SZ, Seite 226
  18. SZ, Seite 230
  19. SZ, Seite 228
  20. SZ, Seite 229