Mehr wilde Natur durch Gartenrenaturierung/ Nachruf auf den deutschen Wald – Ein Essay

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Zurück zu „Weitere Besucher“ Zurück zu „Weitere Besucher“        Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“ Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“         Vor zu „Weblinks & Informationen“ Vor zu „Weblinks & Informationen“

Nachruf auf den deutschen Wald – Ein Essay

Die Sternstunde des Raubbaus an den deutschen Laubwäldern war zweifellos die Bevölkerungsexplosion bis zum Spätmittelalter. Landwirtschaft, Metallverhüttung und Glasschmelze mittels Köhlerei (Holzkohlenmeiler), Bauholz (Häuser, Schiffe), Papier, und Heizmaterial.

Während der zweiten großen Pest-Pandemie 1347–1352 wurden schätzungsweise 25 Millionen Menschen – ca. ein Drittel der Gesamtbevölkerung Europas – vom Schwarzen Tod dahingerafft. Nachfolgende Hungersnöte und Seuchen hielten die Bevölkerungszahlen lange niedrig und der Wald hatte ein paar Jahrhunderte Zeit, sich etwas zu erholen.

Viele Dichter und Denker waren von den letzten Resten wilder Schönheit, Naturnähe und seiner geheimnisvollen Fremdartigkeit angetan und schöpften daraus neue Kreativität in allen Künsten – auch neue gesellschaftliche Denkformen. Die derzeitige Epoche der Romantik von 1795–1840 und die Verklärung des deutschen Waldes eröffnet uns zufällig einen dokumentarisch realen Blick auf diese Zeit:

Einsamer Baum, C.D. Friedrich

Einsamer Baum, 1822. Eine Eiche: der Rest der sogenannten Hutewälder. Im Mittelalter (500–1500 n. Chr.) wurden die Schweine zur Mast in die Buchen- und Eichenwälder getrieben. Nicht nur um leckere Bucheckern und Eicheln zu fressen, sondern auch um durch Verbiss eine Waldverjüngung zu verhindern.

In C.D. Friedrichs Bildern spiegelt sich der bereits fortgeschrittene Niedergang der Wälder durch den Raumgriff der schnell wachsenden Bevölkerung deutlich wider, und es ist äußerst fraglich, ob Friedrich einen intakten Wald per Definition – a. den Urwald – überhaupt noch sehen bzw. erleben durfte. Der Urwald in Europa bestand einst vorwiegend aus Laubbäumen von zumeist Buche, dann Eiche bis hin zu vereinzelten Weißtannen (Nadelbaum).

Von 1750 an ging der Waldbestand in Deutschland durch rücksichtslosen Raubbau so weit wie nie zuvor in der Geschichte zurück, bis 1850 weite wüstenartige Landstriche zurückblieben.

Um eine fatale Holznot zu vermeiden, wurde die sogenannte nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt, kurz dem b. Forst: Eine Form von Monokulturen und Plantagen mit kälteliebenden Kiefern und (gezüchteten) Fichten aus Sibirien und dem Kaukasus. Der Borkenkäfer wurde dabei auch gleich mitgebracht. Gezüchtet in dem Sinne, daß die Bäume nur noch glatte Stämme hervorbrachten, aus denen sich nach der Trocknung auch gerade Bretter sägen ließen. Ein natürlich gewachsener Baum hat stets eine natürliche, leicht spiralförmige Windung, die ihn im Wind weitaus biegsamer macht, als dies bei einem glatten Stamm der Fall ist.

Da es dem Menschen an den Sinnen eines wahren Waldbewohners (Reh, Luchs, Bär, Dachs usw.) mangelt, treibt er weiter die Idealvorstellungen seines kollektiven Gedächtnisses voran und schafft freie Sicht für die Jagd und Raum für die Landwirtschaft: Die sogenannte Kulturlandschaft. Neben den letzten 1,9 % (2018) sogenannter naturnaher Wälder, auch c. Bannwälder oder Biosphärenreservate [1]genannt, deren Rodung in der Geschichte nur durch steiniges und unzugängliches Gelände verhindert wurde, steht nun der Forst gegenüber, der rein holzwirtschaftlichen Interessen und der Jagdlust dient. Was in den Himmel wächst, braucht auch einen feuchten Boden: Neben der Rodung rundet ganz allgemein die Verdichtung nahezu aller Böden durch schweres Gerät wie Pflug, Traktor bis zum Harvester, das Bild der Schäden ab. Die Gesellschaft erliegt weiterhin der Illusion Wald und blendet die Plünderung der Wälder in ganz Europa aus.

Unter weiteren schädlichen Umwelteinflüssen (Kohlekraftwerke z. B.) rächte sich die Einführung der nachhaltigen Forstwirtschaft bereits keine 100 Jahre später, allerdings mit erster öffentlicher Wahrnehmung in den 1980er Jahren: mit Stürmen, Hitze und Wassermangel. Die Bäume waren in der Borke bereits so schwach, daß sie sich gegen den Borkenkäfer nicht ernsthaft wehren konnten. Zur Paarungszeit frisst sich der Borkenkäfer durch die Borke der Fichte, die sich mittels Austreiben von Baumharz gegen den Angriff wehrt. Gelingt das Durchfressen jedoch werden über Lockstoffe [2]jede Menge weitere Borkenkäfer herbeigerufen. Baum für Baum wird so zur Kinderstube des Käfers, deren Larven sich an der Rinde des Baums zu schaffen machen und den lebenswichtigen Saftfluß unterbrechen. Und so brachen und knickten die kranken Baumbestände im Sturm großflächig um. Diese Ära wurde das große Waldsterben genannt. Das aber per se keines war, sondern die unvermeidliche Folge menschlicher Eingriffe, also etwa der Ansiedlung von Bäumen, die aus der Taiga [3]stammen, in Mitteleuropa. Die Forstwirtschaft ist bis heute profitorientiert, sperrt sich gegen ökologisch nachhaltige Veränderungen und ignoriert gar ihre eigenen Gesetze.

Mischwälder in der Forstwirtschaft setzen sich nur langsam durch. An den Erntepraktiken ändert sich jedoch nichts, es sei denn ein Kreis oder Gemeinde, private Waldbesitzer o.Ä. leisten sich Rückepferde [4]samt Personal.

In manchen Kreisen und Gegenden setzten sich jedoch andere Meinungen und Erkenntnisse durch und mittlerweile läßt man so manches, betroffene Gebiet [5]ohne Kahlschlag um den letzten Euro herauszuholen, schlicht in Ruhe. Denn die Natur erholt sich ganz von selbst – ohne Zutun des Menschen. Innerhalb von 5 Jahren wachsen verschiedenartige Bäume, ob gepflanzt oder durch Tiere verbreitet, aufgrund steter Lichteinstrahlung bereits bis zu 2 m hoch[6]. Bis sich daraus ein naturnaher Mischwald vollständig entwickelt hat – mit allen Altersstrukturen von Baumarten, dem Wisent und dem Raubtierbesatz von Bär, Luchs und Wolf – müssen gut 500 Jahre vergehen. Nur werden wir das nicht mehr erleben. Und der ursprüngliche Urwald, der Buchenwald? Warten wir die nächste Eiszeit ab – sofern die Buche den Klimawandel übersteht.

„Man rettet den Wald ja nicht, in dem man O Tannenbaum singt!“

Horst Stern's unvergesslicher Schußsatz an die Fernsehgemeinde Deutschlands in der TV Sendung „Bemerkungen über den Rothirsch.“ Heilig Abend 1972 um 20:15 Uhr.



Anm.: Dieser Essay wendet sich nicht gegen die Forstwirtschaft im Allgemeinen, denn Holz bleibt unbestritten ein nicht wegzudenkender Bau- bzw. Rohstoff. Hier geht es um die Art der Bewirtschaftung und den Mangel an Flächen für naturnahe, sich selbst überlassene Wälder.


Weitere Zeitdokumente von Caspar David Friedrich 1747–1840:

  • Winterlandschaft, 1811
  • Frau in der Morgensonne, 1818
  • Tageszeitenzyklus, 1821–1822
  • Sturzacker, 1820–1830

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. laut Bundesumweltamt
  2. Sexualhormone
  3. gleich Borealer Nadelwald, ein weltumspannendes, nördliches Nadelwaldgebiet
  4. Rückepferde sind zumeist kräftige Kaltblüter, die gefällte Baumstämme ohne Bodenschädigungen aus dem Wald schaffen
  5. wie dem heutigen Naturreservat Bayrischer Wald
  6. Vergleichsweise wäre im Urwald eine 2 m hohe Jungbuche aufgrund der Beschattung durch ihren Mutterbaum nahezu 100 Jahre alt


Zurück zu „Weitere Besucher“ Zurück zu „Weitere Besucher“        Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“ Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“         Vor zu „Weblinks & Informationen“ Vor zu „Weblinks & Informationen“