Neue Erkenntnistheorie/ Die neue Erkenntnistheorie
Die neue Erkenntnistheorie
[Bearbeiten]Die beiden transzendentalen Differenzen
Im letzten oder vorletzten Jahr habe ich versucht die deontologische Ethik und den Kategorischen Imperativ (Ki) bei Kant neuzubegründen, was mir zum Teil vielleicht auch gelungen ist. Ich habe in dem Zusammenhang immer gesagt, dass das, was ich da für die Kritik der praktischen Vernunft (KdpV) versucht hätte, auch einmal für die Kritik der reinen Vernunft (KdrV) geleistet werden würde, wenn auch nicht unbedingt von mir. Ich fühlte mich dazu weder in der Lage, noch berufen. Aber ich habe dieses Projekt nie ganz aus den Augen verloren, und mich immer wieder von Neuem dem Thema genähert. Und jetzt endlich, da ich die Grundlagen einer wirklichkeitsgemäßen Erkenntnistheorie im Sinne einer wirklichen Erkenntnisphänomenologie einigermaßen abgesichert habe, kann ich nun auch die ersten Vorüberlegungen zu einer Neubegründung der Erkenntnistheorie formulieren. Dieser für mich so notwendigen und längst überfälligen Neubegründung der Erkenntnistheorie liegen zunächst die beiden, schon von Thomas von Aquin vorformulierten, und von mir selber zum Teil neugefassten, transzendentalen Differenzen zu Grunde:
1. transzendentale Differenz: Die Differenz zwischen dem die Sinne affizierenden Ding an sich und der Wahrnehmung (Erscheinung).
2. transzendentale Differenz : Die Differenz zwischen äußerer Anschauung und innerer Anschauung. Erkenntnis ist jetzt etwas Einheitliches, sie bildet jetzt eine Einheit. Da liegt der Unterschied etwa zu Thomas von Aquin.
Ich will einmal versuchen, den Zusammenhang kurz zu skizzieren. Mir ist dieses neue Paradigma nämlich außerordentlich wichtig, und für mein eigenes Denken absolut zentral...
Literaturhinweis: - Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie (S.104-134)
Wenn ich einmal primäre Qualitäten aufführen sollte, so fielen mir spontan die folgenden ein:
- Stoff - Form - Struktur - Bewegung
Ob es noch weitere primäre Qualitäten gibt, weiß ich im Augenblick nicht. Alle übrigen Qualitäten sind jedenfalls ziemlich eindeutig sekundärer Natur. Zumindest vom materialistischen Standpunkt, den ich an dieser Stelle selber einnehmen möchte, einfach, weil er mir am natürlichsten erscheint. Wir kennen die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten natürlich von Locke. Locke hat aber den Fehler gemacht, dass er statt der Wahrnehmungsqualitäten des Sehsinns nur die Wahrnehmungsqualitäten des Tastsinns als primäre Qualitäten gelten ließ. Ein unverzeihliches Missverständnis. Der Tastsinn ist ein Nahsinn, und daher sekundär (subjektiv). Für die primären Qualitäten kommt nur ein Fernsinn in Frage, und zwar der Sehsinn. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die Farben ebenfalls nur sekundäre Qualitäten sind...
Die Dialektik der Erkenntnis
An die 1. transzendentale Differenz wäre nun meine obige Schrift „Zur Erkenntnistheorie“ anschlussfähig. Stellt sich dann nur noch die Frage, was denn an die 2. transzendentale Differenz anschlussfähig ist. Und da muss man etwas weiter ausholen. Eine Beantwortung dieser Frage erfordert nämlich einiges an Hintergrundwissen.
Kant hat nicht etwa eine Erkenntnistheorie geschrieben, sondern eine Erkenntnismetaphysik. Er setzt die Erkenntnistheorie praktisch voraus, und über wenige Andeutungen kommt er nicht hinaus. Daher ist seine Erkenntnistheorie im eigentlichen Sinne auch rudimentär geblieben. So sagt Kant lediglich, Anschauungen ohne Begriffe sind blind und Begriffe ohne Anschauung sind leer. Das steckt praktisch der ganze Ansatz zu einer wirklichen Erkenntnisphänomenologie schon drin. Das wird, da von ihm nicht weiter ausgeführt, nun von Steiner aufgegriffen, der Kant hier zitiert, um seinem eigenen Ansatz eine Grundlage zu geben. Steiner fragt nun zunächst, wie Erkenntnis überhaupt zustande kommt, denn um die Beantwortung dieser Frage geht es ja der Erkenntnistheorie. Steiner führt nun aus, dass zwei Elemente zusammenkommen müssen, wenn Erkenntnis entstehen soll, nämlich 1. die Wahrnehmung (These) und 2. das Denken (Antithese). Beide gehen nun in die Erkenntnis ein (Synthese) und stellen die volle (geistige) Wirklichkeit her. Erkenntnis kommt also durch einen dialektischen Prozess zustande. Wir können bei Steiners Ansatz auch von einer Dialektik der Erkenntnis sprechen. Das Denken verbindet sich dabei zunächst mit der Wahrnehmung. Das Denken verbindet sich immer mit irgendwas. So sagt Steiner, das Denken sei das "Sich-Verbinden" mit der Welt. Das ist ein ungeheuer bedeutsamer Satz. Das Denken kann sich nun aber nicht nur mit der Wahrnehmung (äußere Anschauung) verbinden, sonder auch mit der Vorstellung (innere Anschauung). Problematisch ist das Ganze nur, weil auch Steiner, genau wie Kant, diese zweite Seite der Erkenntnis weglässt. Damit fehlt aber beiden die 2. transzendentale Differenz, wie sie von mir konzipiert wurde. Da nun die beiden Erkenntnistheorien von Kant und Steiner gleichermaßen rudimentär geblieben sind, kann man beide Ansätze auch ohne Weiteres als gleichberechtigt nebeneinander stellen. Allein es muss uns darum gehen, das Ganze endlich einmal zuendezudenken. Das wir uns richtig verstehen: Die 2. transzendentale Differenz liegt nun nicht mehr zwischen der sinnlichen und der geistigen Erkenntnis, wie dies noch bei Thomas von Aquin der Fall ist, sondern zwischen der äußeren Anschauung (Wahrnehmung) und der inneren Anschauung (Vorstellung) die überhaupt erst eine kohärente und vollständige Darstellung des Erkenntnisprozesse ermöglicht. Die Erkenntnis selber bildet dann wieder eine Einheit. Auf diese Weise wird dann auch die Einheit des Wissens beim Menschen hergestellt.