Neue Erkenntnistheorie/ Thomas: Der Aufbau der Erkenntnis
Der Aufbau der Erkenntnis nach Thomas von Aquin
[Bearbeiten]Im Anschluss an Aristoteles wendet Thomas die Akt-Potenz-Lehre auf das Erkenntnisproblem an. Wir zeigen den Akt-Potenz-Aufbau der Erkenntnis von den zwei entscheidenden Differenzen her, die wir als die Scharniere des Erkenntnisproblems kennen.
Die erste Differenz
Es geht hier um die Differenz zwischen physisch-empirischem Wirkungszusammenhang [äußeres physische Ding, Ding an sich] und sinnlicher Erkenntnis [Wahrnehmung]. Sinnliche Erkenntnis ist zwar Auswirkung einer physisch-empirischen Einwirkung, aber sie ist Auswirkung auf einer prinzipiell andersartigen Sinnebene. Darum stellt die empirische Affektion ein einzelwissenschaftlich unlösbares Problem dar.
„Die Sinnlichkeit ist eine passive Potenz, die darauf angelegt ist, vom äußeren Sinnending verändert zu werden. Das äußere Verändernde als solches wird durch die Sinnlichkeit wahrgenommen und auf Grund der Verschiedenartigkeit der sinnlichen Potenz differenziert.“ (Thomas von Aquin: Sth I. 78, 3)
Eine passive Potenz ist eine solche, die den Akt von einem andern empfängt. Sinnlichkeit ist eine passive Potenz, da ihr Akt durch äußere Einwirkung zustande kommt. Allerdings rezipiert (= nimmt auf) die Sinnlichkeit diese äußere Einwirkung in ihrer Weise also sinnlich, und je nach der Eigenart der (äußeren und inneren) Sinne.
Die zweite Differenz
Hier geht es um den Unterschied zwischen sinnlicher und geistiger (intellektueller) Erkenntnis. Auch hier handelt es sich um zwei prinzipiell verschieden Sinnebenen.
„Es gibt eine Tätigkeit der Seele, die so sehr die körperliche Natur übersteigt, dass sie durch kein körperliches Organ vollzogen wird, eine solche in die Tätigkeit der vernünftigen Seele.“ (Sth I. 78, 1)
Der Intellekt setzt zwar die Sinnlichkeit voraus, die sich ihrerseits „im körperlichen Organ“ vollzieht. Er selbst ist jedoch in seinem Vollzug strikt immateriell.
Hinweis:
Man sehe sich auch die Graphik in dem Werk von Arno Anzenbacher (Einführung in die Philosophie) ans (S.128) – „Abb.16: Der Aufbau der Erkenntnis nach Thomas von Aquin“.
Die vier Differenzen
Thomas unterscheidet also zwei Differenzen: 1. die zwischen dem äußeren physischen Ding oder dem Ding an sich, wie Kant sagen würden, und der Sinnlichen Wahrnehmung, und 2. die zwischen der sinnlichen Erkenntnis und der rein intellektuellen, rationalen Erkenntnis.
Ich möchte gerne an dieser Stelle noch zwei weiter transzendentale Differenzen der Erkenntnis zwischenschalten, nämlich 1. die zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und dem Denken, deren Synthese zur sinnlichen Erkenntnis führt und 2. die zwischen dem Denken und der Vorstellung, deren Synthese zur intellektuellen, rationalen Erkenntnis führt.
Die Synthese aus Denken und Wahrnehmen führt zur sinnlichen Erkenntnis, womit die 2. transzendentale Differenz beschrieben ist.
Die Synthese aus Denken und Vorstellen führt zur geistigen, rationalen Erkenntnis, womit die 3. transzendentale Differenz beschrieben ist.
Wir müssen also vier transzendentale Differenzen unterscheiden:
1. die zwischen Ding an sich und Wahrnehmung;
2. die zwischen Wahrnehmung und Denken;
3. die zwischen Denken und Vorstellung;
4. die zwischen sinnlicher Erkenntnis und geistiger, rationaler Erkenntnis.
Zusammenfassung
[Bearbeiten]1. transzendentale Differenz
1. transzendentale Differenz meint die Differenz zwischen Realität und Wirklichkeit bzw. zwischen Ding an sich und Erscheinung Daher Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften Primäre Eigenschaften gehen auf das Ding an sich Beispiele: Form, Struktur, Gestalt, Bewegung Sekundäre Eigenschaften gehen nur auf die Dinge, wie sie uns „erscheinen“ Beispiele: Farbe, Temperatur, Geruch, Geschmack Das Ding an sich ist also in Teilen erkennbar (Kritischer Realismus) Es gibt dazu aber auch noch etliche weitere Positionen
2. transzendentale Differenz
2. transzendentale Differenz meint die Differenz zwischen Wahrnehmung und Denken Beides zusammen führt zu Wahrnehmungserkenntnis als Synthese
Wahrnehmungserkenntnis
Synthese
Wahrnehmung Denken
These Antithese
3. transzendentale Differenz
3. transzendentale Differenz meint die Differenz zwischen Denken und Vorstellen Beides zusammen führt zu reiner Erkenntnis als Synthese Wichtige Erweiterung der klassischen Erkenntnistheorie
Reine Erkenntnis
Synthese
Denken Vorstellen
These Antithese
'4. transzendentale Differenz
4. transzendentale Differenz meint die Differenz zwischen Wahrnehmungserkenntnis und reiner Erk. Wahrnehmungserkenntnis und reine Erkenntnis stehen sich gegenüber Ebenfalls wichtige Erweiterung der klassischen Erkenntnistheorie
Wahrnehmungserkenntnis und Vosrstellungserkenntnis
[Bearbeiten]Wahrnehmungserkenntnis
- Denken auf Wahrnehmung bezogen
- Wahrnehmung
- Empirismus
- Synthetische Urteile a posteriori
Vorstellungserrkenntnis
- Denken auf Vorstellung bezogen
- Vorstellung
- Rationalismus
- Synthetische und analytische Urteile "zugleich" (Transzendentale Urteile)