Geschichte und Politik Tibets/ Tibet unter chinesischer Herrschaft

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Helmut Forster Latsch und Paul Ludwig Renz beschreiben ausführlich die Folgen der chinesischen Okkupation bis in die Gegenwart[1]. Mao Tsetungs Prinzip der „Neuen Demokratie“, welches eine Industrialisierung und Modernisierung Chinas vorsah, zeigte sich bereits ein halbes Jahr nach der Besetzung Tibets durch die Landreform. Tibet war unter der feudalen Hierokratie des Dalai Lama von der Landwirtschaft abhängig gewesen. Jedes tibetische Dorf funktionierte größtenteils unabhängig von den anderen. Die große Zahl Mönche in jedem Dorf wurde von den übrigen Dorfbewohnen miternährt, während erstere für das religiöse Wohl der Gemeinschaft sorgten. Mit der Landreform 1952 werden die tibetischen Großgrundbesitzer enteignet und das Land wird auf die einzelnen Bauern verteilt. Die Bauern werden in Genossenschaften zusammengeschlossen, die nach Mao Tsetungs Fünf-Jahres-Plan wirtschaften sollen. Dieser Plan sieht im wirtschaftlichen Bereich auch eine Entwicklung der Schwerindustrie in Tibet vor. Tsetung verspricht sich durch seine Planung für China den so genannten „großen Sprung“, der China wirtschaftlich dem Westen überlegen machen soll.

Jedoch schlägt dieser Plan fehl, die Umsiedlung von Arbeitskräften in die Industrie bedeutet einen Verlust für die Bauern. Zusätzlich kommt im Laufe der Jahre des Fünf-Jahres-Plans eine Fehlplanung hinzu. Hungersnöte machen sich in ganz China breit, Aufstände werden gewaltsam niedergeschlagen. 1958 sterben in China ca. 20 Millionen Menschen den Hungertod.

Neben dem Versuch, China durch den „großen Sprung“ wirtschaftlich innerhalb kürzester Zeit an die Weltspitze zu bringen, verfolgt Mao Tsetung weiter Visionen. Er will die Gesellschaft zu einer gleichen, militärischen Fabrik und zum sozialistischen Menschen erziehen, und ein vereintes Reich ohne Privateigentum, Konfuzianismus, Religion und deren Traditionen[2].

Um seine Ziele zu erreichen, werden die Regionen Tibets fest in das chinesische Provinzsystem eingegliedert. Es wird ein Verbot von Religion, Sitten und Bräuchen, lokalen Trachten und Sprachen erlassen. Unruhen in Tibet werden durch die stark vertretene Volksbefreiungsarmee aufgelöst, allein bis 1958 werden 800 Klöster zerstört und Tausende Mönche verhaftet oder erhängt. Jedoch verdankt es Tibet seiner Unzugänglichkeit, dass zumindest in Zentraltibet noch viele Jahre nach der Okkupation auf traditionelle Art und Weise gelebt werden kann. Erst mit der Verbesserung der Infrastruktur Tibets wird der Einfluss Chinas wirksam. Das tibetische Volk wird durch Propaganda an die chinesische Kultur gewöhnt, durch den Bau chinesischer Schulen und Krankenhäuser wird das Versorgungs- und Bildungssystem Tibets im Vergleich zur Zeit des Feudalsystems deutlich gebessert. 1954 werden in Tibet 40000 chinesische Familien angesiedelt. In den Schulen und öffentlichen Einrichtungen wird Chinesisch zur offiziellen Amtssprache[3].

Während der 1950er Jahre wird der innenpolitische Druck in Tibet immer größer. Zwar existiert die tibetische Regierung in Lhasa immer noch, ihr Einfluss wird aber zunehmend beschnitten. Die Osttibeter, die von der chinesischen Okkupation am härtesten getroffen wurden, werden gewaltbereit und antichinesisches Gedankengut macht sich breit, worauf Mao Tsetung die Präsenz der Volksbefreiungsarmee weiter erhöht. Die Lage spitzt sich derart zu, dass 1959 Hunderttausende vor dem Palast des Dalai Lama gegen China in Tibet protestieren. Der Aufstand wird gewaltsam niedergeschlagen, wobei nach unbestätigten Angaben ca. 87000 Tibeter getötet werden[4].

Während des Aufstandes ist der Dalai Lama gezwungen ins Ausland zu fliehen. In Dharamsala in Indien errichtet er eine tibetische Exilregierung auf den Säulen des Buddhismus und der Demokratie. Zehntausende Tibeter folgen ihm ins Exil.

Im selben Jahr lässt Mao Tsetung die „Demokratischen Reformen“ durchführen, durch die Tibet endgültig an China angepasst und seine Tradition gewandelt werden sollen, was gleichbedeutend mit der gewaltsamen Entfernung der Religion aus dem tibetischen Gesellschafts- und Regierungssystem ist. Die noch lebenden Teilnehmer des Aufstandes sowie Führungspersönlichkeiten der ehemaligen tibetischen Regierung werden inhaftiert und sogar gefoltert. Eine internationale Juristenkommission prüft die Geschehnisse in Tibet und wirft China Völkermord und Kulturzerstörung vor[5].

Erst am 9. September 1976 entspannt sich die Lage ein wenig. Mao Tsetung stirbt und seine Kulturrevolution mit ihm. Der Liberalist Deng Xiaoping übernimmt die Staatsführung und führt viele marktwirtschaftliche Reformen durch. Bei einer Reise durch Tibet stellt er entsetzt fest, wie schlimm die Lage vor Ort wirklich ist und entlässt den Provinzverwalter Ren Rong. Deng Xiaoping versucht den Dalai Lama zur Rückkehr nach Tibet zu bewegen, doch dieser weigert sich, da die chinesische Regierung jegliche Diskussion über das Problem der Forderung nach tibetischer Unabhängigkeit abschlägt. Auch werden immer noch tibetische Oppositionelle, die die Souveränität Tibets fordern, verfolgt und verhaftet[6].

In den 1980ern nehmen die kommunistischen Kräfte Chinas wieder zu, China geht einen Weg zwischen Liberalismus und Kommunismus. Innere Unruhen können nicht verhindert werden, 1989 ist die Situation so angespannt, dass das Kriegsrecht über Tibet verhängt wird. Im selben Jahr erhält der XIV. Dalai Lama den Friedensnobelpreis, da er sich für die Freiheit Tibets auf gewaltlosem Weg einsetzt.
Trotz des zunehmenden internationalen Interesses am tibetischen Buddhismus und an Tibet selbst hält China an seiner Politik fest. Auch in den 90ern werden Zehntausende Chinesen in Tibet angesiedelt. In der tibetischen Hauptstadt Lhasa leben nur noch 10 Prozent Tibeter selbst, während auf dem Land die tibetische Bevölkerung noch überwiegt.

Langsam, aber kontinuierlich schwindet die tibetische Kultur und Religion aus dem eigenen Land und wird von der chinesischen, atheistischen Kultur abgelöst.



  1. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz S.111-232.
  2. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz S.111-115.
  3. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz, S. 124.
  4. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz, S. 146-167.
  5. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz, S. 174.
  6. Vgl. H. Forster-Latsch und P. L. Renz, S. 195.