Mittelhochdeutsch: Teil 2b

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[Bearbeiten] Schwache Verben:

Die swV zerfallen, sprachgeschichtlich gesehen, in drei Klassen, abhängig von der ursprünglichen, urgerm. Endung: diese lautete bei der ersten Klasse für den Infinitiv -jan, für die zweite -ôn, für die dritte -ên. Im Mhd. wurden durch die allgemeine Endsilbenabschwächung alle Endsilbenvokale zu unbetontem e, in den Endungen gibt es also keine Unterschiede mehr. Trotzdem ist die ursprüngliche Klassenzugehörigkeit für die Verben der 1. Klasse noch wichtig, und zwar aus zwei Gründen, einem semantischen und einem formalen. Der semantische Grund: die schwachen Verben der 1. Klasse bildeten ursprünglich nicht nur eine formale, sondern auch eine semantisch gut abgrenzbare Gruppe. Sie sind alle von einem anderen Wort abgeleitet; wenn sie von einem starken Verb abgeleitet sind, geben sie den Grund oder die Ursache (lat. causa) an, der den Zustand bewirkt, den jenes ausdrückt; man nennt sie daher Kausativa. Z. B.: führen ist Kausativ zu fahren (wenn ich jemanden führe, bewirke ich, daß er fährt), legen zu liegen (wenn ich etwas lege, bewirke ich, daß es liegt) usw. Analog, wenn sie von einem Substantiv oder Adjektiv abgeleitet sind, bewirken sie dessen Zustandekommen, z. B. zählen zu Zahl: das Zählen bewirkt, daß ich eine Zahl feststelle. Der formale Grund: diese Klasse ist dadurch gekennzeichnet, daß sie, formal gesehen, im Urgerm. mit einem -j-hältigen Suffix gebildet wurden, also den Infinitiv auf -jan hatten; im Präteritum, das mit dem Suffix d gebildet wurde, also konsonantisch, erscheint statt des Halbvokals j der Vokal i. Der Wechsel von i und j ist selbstverständlich, denn vor Vokal kann man zwar j sprechen, aber nicht i, und umgekehrt vor einem Konsonanten nur i, nicht j. Das Präteritum ging also auf ­ida aus. Das j bzw. i bewirkten i-Umlaut der vorhergehenden Silbe, also der Stammsilbe, und zwar das j, das wir im Präsens finden, sowohl in kurzer als auch in langer Stammsilbe, das i, wie es das Präteritum hatte, nur in kurzer Stammsilbe. Dann schwand das j bzw. i. Diese Klasse von Verben zerfällt also in Untergruppen: 1. solche mit langer Silbe (d.h. mit langem Vokal oder mit Kurzvokal, auf den mehr als ein Konsonant folgt) mit umlautfähigem Vokal. In ihnen hat im Mhd. das Präsens Umlaut, das Präteritum nicht; erst im Nhd. hat man neue Präteritalformen analog zum Präsens gebildet: hœren - hôrte - gehôrt, drücken - druhte - gedruht, füeren - fuorte - gefuort, füllen - fulte - gefult, wenden - wante - gewant u.v.a. Diese Untergruppe ist auch für Leser ohne sprachwissenschaftliches Interesse relevant, weil man Schwierigkeiten hat, sie im Wörterbuch aufzufinden, wenn man eine Präteritalform vorfindet und nicht weiß, unter welchem Infinitiv man nachschlagen soll. 2. solche mit kurzer Silbe. Diese haben in allen Formen den Umlaut und daher in Präsens und Präteritum den selben Vokal, sie bereiten also keine Schwierigkeiten bei der Suche im Wörterbuch. Daß sie formal in diese Gruppe gehören, ist nur dann wichtig, wenn man sich für die Wortfamile interessiert, z. B. daß zemen - zemte - gezemt ‚zähmen’ zu zam gehört und ‚bewirken, daß etwas zahm wird’ bedeutet. 3. Verben, die zwar ursprünglich mit dem Suffix -jan bzw. -ida gebildet wurden, deren Stammvokal aber nicht umlautfähig ist, so daß man sie bereits im Mhd. formal nicht mehr von den Verben der 2. oder 3. Klasse unterscheiden kann, z. B. mit dem Stammvokal -ei-, wie in teilen - teilte - geteilt. In der Praxis der Lektüre mhd. Texte spielt es keine Rolle, zu wissen, welcher Klasse sie zugehören. Die großen historischen Grammatiken geben Interessierten Aufschluß darüber. 4. einzelne Formen, in denen sich die Umlaute anders verteilen als es die im Anfängerunterricht nur teilweise behandelten Umlautbedingungen erwarten lassen oder einzelne Endungen scheinbare Ausnahmen bewirkten. Z. B. heißt es mhd. gebrennet (ahd. gebrennit, das i bewirkte i-Umlaut von a zu e), aber gebranter (ahd. gebrantêr, kein i-Umlaut). Viele Verben sehen wie Kurzwurzelige aus, waren aber langwurzelig, z. B. zeln lautete zur Umlautzeit zellen; daher das Präteritum zalte. Diese Regeln und Ausnahmen im Detail vorzuführen, hat keinen Sinn; es genügt, wenn Sie wissen, daß Sie überlegen müssen, unter welchem Infinitiv sie eine Verbalform im Wörterbuch suchen. 5. Das semantische Interesse kann nur befriedigt werden, wenn Sie wissen, in welchem Verhältnis der Stammvokal des abgeleiteten Verbs zum Grundwort steht. Wenn die Ableitung von einem Nomen erfolgte, ist es leicht: zeln - zalte - gezalt zu zal: der Stammvokal des Nomens, mit bzw. ohne i-Umlaut. Wenn die Ableitung von einem starken Verb erfolgte, ist der Stammvokal des Kausativs immer der der 1.3. Pers. Sg. Prät., mit bzw. ohne i-Umlaut: setzen - satzte - gesatzt zu sitzen mit dem Stammvokal wie saz, aber im Präsens mit i-Umlaut von a zu e; füeren - fuorte - gefuort zu varn wie fuor. Das Stammsilben-e in setzen entspricht also der Ablautstufe von saz, ^nicht der von sitzen; das in wenden ‚verursachen, daß sich etwas umdreht (windet)’ der von wand, nicht der von winden usw.

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat.
suochen gesuocht
ich suoche < suohte <
dû suochest < suohtest < suoche
er/si/ez suochet suoche suohte <
wir suochen < <
ir suochet < suohtet <
si suochent suochen suohten <

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. hœren gehôrt ich hœre  hôrte  dû hœrest  hôrtest  hœre er/si/ez hœret hœre hôrte  wir hœren  hôrten  ir hœret  hôrtet  si hœrent hœren hôrten 

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. nern genert Ich ner (nere)  nerte  dû nerst (nerest)  nertest  ner (nere) er/si/ez nert (neret) ner (nere) nerte  wir nern (neren)  nerten  ir nert (neret)  nertet  si nernt (nerent) nern (neren) nerten  Besonderheiten der Endungen einiger swV: Gelegentlich fehlt in der 2. Sg. das Endungs-t. Diese Erscheinung ist im Konj. häufiger als im Ind. und bei manchen Verben häufiger als bei anderen. Häufige Fälle sind: Konj. Präs. 2. Sg.: dû habes(t), hœres(t) Konj. Prät. 2. Sg.: möhtes Scheinbares Fehlen des -te im Präteritum: Wenn der Wortstamm auf -t endet, wird meist die Lautfolge -tete vermieden; z. B. statt ahtete steht meist ahte (nicht immer: NL Hs. B hat angestete zu angesten ‚ängstigen’); wenn aber die Hs. statt dessen z. B. ahtet hat, habe ich zu ahtete normalisiert, um Verwechslungen mit dem Präsens vorzubeugen. Starkschwache Mischbildungen In einigen Fällen wurden zu starken Verben in Analogie zu ähnlich klingenden schwachen auch schwache Präteritalformen gebildet, die von den Autoren wahlweise nebeneinander verwendet werden; insbesondere begunde neben began zu beginnen. Sprachgeschichtlich interessanter sind die Fälle, in denen schon von ‚Anfang’ an Ablaut und Dentalsuffix kombiniert wurden. Das wichtigste Beispiel hiefür ist bringen - brâhte - gebrâht. Es zeigt eine Reihe von Eigenheiten, die man je nach Lernertyp leichter auswendig lernt, wie beim Erstspracherwerb auch, oder sich mit Hilfe einer sprachgeschichtlichen Erklärung leichter merkt (die ich für diesen Lernertyp gebe, ohne sie im Mittelhochdeutschkurs abzuprüfen): 1. Bei diesen Wörtern trat das Dentalsuffix ohne Bindevokal an den Stamm; dadurch wurde der stammschließende Konsonant stimmlos und erscheint daher in den germ. Sprachen als h. Im Präs. folgt auf ihn ein Vokal, also blieb er stimmhaft: g. 2. Vor h schwand n und wurde der davor stehende Vokal gedehnt (s. oben unter ‚Ersatzdehnung’). Da das n vor anderen Lauten, also auch g, erhalten blieb, unterscheiden sich bei diesen Verben Präs. und Prät. stark. Verben deren Vokalwechsel nicht auf Ablaut zurückgeht, die also rein swV sind, die aber vom synchron mhd. Standpunkt ähnliche Vokalwechsel zeigen, reihe ich hier ein: denken - dâhte - gedâht, dünken - dûhte (diuhte) - gedûht, würken - worhte - geworht: diese zeigen, wie bei bringen besprochen, bindevokallose Präterita. fürhten - vorhte - gevorht zählt ebenfalls dazu, hat aber wegen des stammschließenden t auch im Präs. das h. Da das letztgenannte, fürhten, einen Vokalwechsel hat, der es wie ein stV aussehen läßt, wurden hin und wieder starke Formen gebildet: ein PPP unervorhten ‚nicht furchtsam, mutig’ kommt öfters vor. Auch zu einigen anderen swV wurden gelegentlich starke Formen gebildet, so wie wir oben schwache Formen zu stV erwähnten. Präterito-Präsentia: Der Name dieser Gruppe bedeutet: ‚durch das Präteritum werden die Präsensformen ausgedrückt’. Der Form nach entspricht auch nhd. ich weiß, da ohne Endungs-e, eher ich ritt als ich reite. Noch deutlicher ist es im Mhd.: ich weiz - si wizzen entspricht im Stammvokal und im Fehlen des t der Endung der 3. Pl. genau reit - riten, nicht rîte - rîtent. Die Erklärung ist, daß bei einem Übergang von einem Aspektsystem zu einem Tempussystem Verben mit Perfektbedeutung als Präsensformen verstanden werden: mhd. wizzen (mhd. z aus germ. t, germ. t aus idg. d) gehört zum idg. *vid- ‚sehen’ (lat. video). ‚ich weiß’ bedeutet: ‚ich habe gesehen (und deswegen weiß ich)’. Der gramm. Ausdruck ‚Zeit’ trifft das Gemeinte nicht genau: viele Sprachen besitzen Kategorien, für die der Ausdruck ‚Zeit’ ungünstig ist; z. B. das Englische das Present Perfect: I have come kann auch heißen: ‚ich bin jetzt da’. Auch die anderen idg. Sprachen haben Prät.-Präs.: z. B. lat. novi ‚ich weiß’ ist eine Vergangenheitsform der Bedeutung ‚ich habe kennengelernt’. Wenn die Perfektformen Präsensbedeutung haben und auch grammatisch als Präsentien kategorisiert werden, brauchen diese Verben ein neues Präteritum. Dieses wird in Analogie der swV gebildet, mit einigen bei den betreffenden Verben genannten Besonderheiten. In die 1. AR gehören wizzen und eigen ‚besitzen, haben’. Von eigen ist nur das PPP gebräuchlich, also ‚in jemandes Besitz gekommen sein’, das ebenfalls eigen lautet; es wird meist als Adj. empfunden, nicht als Verbalform. Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind./ Konj. PPP / Imperat. wizzen gewist/gewest ich weiz wizze wesse / wisse / weste / wiste dû weist wizzest wesses(t) usw. wizze er/si/ez weiz wizze wesse usw. wir wizzen  wessen usw. ir wizzet  wesset usw. si wizzen  wessen usw. Das Präteritum von wizzen ist dadurch gekennzeichnet, daß sich verschiedene alte und zu anderen Verben analog gebildete neue Formen nebeneinander finden – aber alle mit s, nie mit z, das dem Präsens vorbehalten ist (umgekehrt gilt die Regel nicht ganz: die 2. Sg. Ind. Präs hat ein s). Es gibt zwar bei diesem Wort nur wenige Formen, in denen eine Unterscheidung von Ind. und Konj. möglich ist, aber die Unterscheidung zwischen Präsens und Präteritum ist immer eindeutig. In die 2. AR gehört nur tugen ‚taugen, zu etwas nützlich sein’ (leeres Feld bedeutet: Form nicht belegt – viele Formen werden mhd. schon von dem neuen swV taugen ‚nützlich sein’ gebildet; außerdem wird es meist unpersönlich verwendet, ‚es ist gut zu ...’, und steht daher meist in der 3. Pers.): Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. tugen (-ü-) tugt ich touc tuge (-ü-) tohte töhte

er/si/ez touc tuge (-ü-) tohte töhte wir tugen (-ü-)  tohten töhten

si tugen (-ü-)  tohten töhten In die 3. AR gehören vier Verben: gunnen ‚gönnen’ (Kontraktion aus ge-unnen; das ge- hat verstär-kende Funktion, das Simplex unnen wird nie gebraucht; das Gegenteil, ‚mißgönnen’, wird erbunnen oder verbunnen gebildet), kunnen ‚können’, dürfen, turren ‚wagen, Mut haben, sich getrauen’. Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. gunnen (-ü-) gegunnet (-n) ich gan gunne (-ü-) gunde (gonde) gunde (-ü-) dû ganst gunnest (-ü-) gundest (-o-) gundest (-ü-) er/si/ez gan gunne (-ü-) gunde (-o-) gunde (-ü-) wir gunnen (-ü-)  gunden (-o-) gunden (-ü-) ir gunnet (-ü-)  gundet (-o-) gundet (-ü-) si gunnen (-ü-)  gunden (-o-) gunden (-ü-)

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. kunnen (künnen) ich kan kunne (-ü-) kunde (-o-) kunde (-ü-) dû kanst kunnest (-ü-) kundest (-o-) kundest (-ü-) er/si/ez kan kunne (-ü-) kunde (-o-) kunde (-ü-) wir kunnen (-ü-)  kunden (-o-) kunden (-ü-) ir kunnet (-ü-)  kundet (-o-) kundet (-ü-) si kunnen (-ü-)  kunden (-o-) kunden (-ü-)

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. durfen (dürfen) bedorft ich darf durfe (-ü-) dorfte dorfte (-ö-) dû darft (darfst) durfest (-ü-) dorftest dorftest (-ö-) er/si/ez darf durfe (-ü-) dorfte dorfte (-ö-) wir durfen (-ü-)  dorften dorften (-ö-) ir durfet (-ü-)  dorftet dorftet (-ö-) si durfen (-ü-)  dorften dorften (-ö-)

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. turren (dürfen) ich tar turre (-ü-) torste torste (-ö-) dû tarst turrest (-ü-) torstest torstest (-ö-) er/si/ez tar turre (-ü-) torste torste (-ö-) wir turren (-ü-)  torsten torsten (-ö-) ir turret (-ü-)  torstet torstet (-ö-) si turren (-ü-)  torsten torsten (-ö-)

In die 4. AR gehört Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. suln (soln) ich sol sul(e), sül(e) solde (-te)  oder mit Umlaut (sölde, sölte usw.) dû solt sul(e)st, sül(e)st soldest (-test) er/si/ez sol sule (sul) solde (-te) wir sul(e)n, (-ü-)  solden (-ten) ir sult (-ü-)  soldet (-tet si sul(e)n (-ü-)  solden (-ten) suln / sol sind die mhd. Standardformen, in älteren Texten finden sich noch Reste der alten Form ich schal usw. (engl. shall). Der Bedeutung nach verbindet es die bloße Angabe des Zukünftigen wie im Engl. shall mit der Bedeutung ‚sollen’; darüber s. Hilfszeitwörter. In die 5. AR gehört

Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. suln (soln) ich sol sul(e), sül(e) solde (-te)  oder mit Umlaut (sölde, söl-te usw.) dû solt sul(e)st, sül(e)st soldest (-test) er/si/ez sol sule (sul) solde (-te) wir sul(e)n, (-ü-)  solden (-ten) ir sult (-ü-)  soldet (-tet si sul(e)n (-ü-)  solden (-ten) mugen mac mohte möhte

In die 6. AR gehört

müezen muoz muose müese ### Im Prät. steht im NL außer muose auch die jüngere Form muoste in der 3. Sg.; in den anderen belegten Personen (1. Sg., 1.3. Pl.) steht jedoch nie -t-. Das Verbum sîn Eine Sonderstellung in der grammatikalischen Verwendung hat sîn, da es von drei verschiedenen Stämmen gebildet wird. Die Ursache dafür ist, daß jedes dieser drei Verben ursprünglich unterschiedliche Dauer bzw. Zustandsform (Aktionsart) ausdrückte und daher nur in Tempora benutzt werden konnte, die den entsprechenden Aspekt kennzeichneten. Während sich im Nhd. für jede Form eines ganz durchgesetzt hat, sind im Mhd. für einige Formen noch alternative Formen möglich. Z. B. die Infinitive sîn und wesen sind völlig synonym. wesen konjugiert wie ein normales stv. 5. AR: wesen - (Ind. Präs. nicht gebräuchlich; für den Konj. ein Beleg im NL: si wesen ‚sie seien’ B 1050,3). Das Präteritum wird ausschließlich von wesen gebildet: was - wære - was - wâren - wâret - wâren; gewesen. Konj.: wære usw. Präs. Ind.: bin - bist - ist - Pl.: sîn - sît (birt) - sint. Präs. Konj.: sî - sîst - sî - sîn - sît - sîn. Imperat.: sî oder wis. Sehr oft findet man die Form gesîn, sie ist aber kein PPP, sondern ein Inf.: daz enkunde niht gesîn ‚das konnte nicht sein’ = ‚geschehen’ (‚sein’ in einer perfektiven Aktion, aber kein PPP!); außer in alemannischen Texten. Im Alemannischen heißt gesîn ‚gewesen’, das ist einer der wichtigsten semantischen Unterschiede zum Bairischen. wellen Das Wort für ‚wollen’ zeigt als Indikativ Formen des Optativs (Wunschmodus). Das Präteritum ist das eines normales swV. Es gibt zahlreiche Nebenformen; ich nenne hier nur die in den zentralen Texten um 1200 benutzten. Das PPP wird mhd. üblicherweise nicht benutzt. Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. wellen ich wil welle wolde, wolt(e)  dû wilt wellest woldest  er/si/ez wil welle wolde, wolt(e)  wir wellen  wolden  ir wellet  woldet  si wellent wellen wolden 

tuon Dieses Wort ist im Dt. sowohl das einzige Verb, bei dem die Reduplikation noch erhalten ist, als auch eines der wenigen Verben, die ursprünglich ohne Bindevokal zwischen Stamm und Endung gebildet wurden und in der 1. Sg. die Endung idg. -mi, durch die Endsilbenaschwächung reduziert zu mhd. -n, trugen. Inf. / Präs. Ind. Präs. Konj. Prät. Ind. Prät. Konj. PPP / Imperat. tuon getân ich tuon tuo wolde, wolt(e)  dû tuost  woldest  tuo er/si/ez tuot tuo wolde, wolt(e)  wir tuon  wolden  ir tuot  woldet  si tuont tuon wolden 

Kontrahierte Verben Fallweise lange, fallweise kontrahierte Formen zeigen lân neben lâzen ‚lassen’ und hân neben haben; letztgenanntes hat in der Bedeutung ‚halten’ meist die langen Formen, in der Verwendung als Hilfsverb oft die kontrahierten. Nicht kontrahiert kontrahiert Nicht kontrahiert kontrahiert Inf. lâzen lân Imperat. 2. Sg. lâz lâ 2. Pl. lâzet lât Präs. Ind. Konj. 1. Sg. lâze lân lâze lâ 2. lâzest lâst lâzest lâst 3. lâzet lât lâze lâ 1. Pl. lâzen lân lâzen lân 2. lâzet lât lâzet lât 3. lâzent lânt lâzen lân Prät. Ind. Konj. 1. Sg. liez lie lieze 2. lieze liezest 3. liez lie lieze 1. Pl. liezen liezen 2. liezet liezet 3. liezen liezen PPP lân Inf. haben hân Imperat. 2. Sg. habe 2. Pl. habet Präs. Ind. Konj. 1. Sg. habe hân habe (h â) 2. habest hâst habest (hâst) 3. habet hât habe (hâ) 1. Pl. haben hân haben (hân) 2. habet hât habet (hât) 3. habent hânt haben (hân) Prät. Ind. im NL meist hete, hetest, hete, heten, hetet, heten. In anderen Dialekten gelten andere Formen, z. B. ich hæte, ich hâte, ich hête. Prät. Konj. im NL hæte, hætest, hæte, hæten, hætet, hæten In anderen Dialekten hete u.a. Formen. PPP gehabet (selten, wird von den meisten Autoren gemieden)

Hilfszeitwörter für Vergangenheit und Zukunft Die Umschreibung der Vergangenheit mit haben ist im Mhd. noch relativ selten; man verwendete meist das einfache Prät. Für die Zukunft dient, ähnlich wie im Englischen, suln und wellen, aber mit klarer Unterscheidung zwischen etwas, das man gerne und freiwillig tun wird, wil, und etwas, das man aus Höflichkeit, Verpflichtung oder Zwang heraus tun wird, sol (die nicht mehr aktuelle, aber früher propagierte Verwendung im Englischen I shall - you will ist grammatikalisierte Höflichkeit). In einer Übersetzung ist es eine Frage der Stilistik, ob man den (meist vorherrschenden) Aspekt des Futurs wählt und in jedem Fall mit ‚werden’ übersetzt, oder das (meist zu starke) ‚sollen’ oder ‚wollen’ wählt. Das gehört zu den ganz feinen stilistischen Nuancen, die die Übersetzung nie nachbilden kann, und die daher prinzipiell gegen den Konsum von Übersetzungen von Dichtung sprechen, deren Originalsprache man lernen könnte. Werden ist im Mhd. noch nicht als Hilfszeitwort für die Zukunft gebräuchlich; nur für das Passiv.

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