Traktorenlexikon: UTB

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UTOS-Schlepper (45 E?) 1963 auf Rügen

UTB (Uzina Tractorul Brașov; Traktorenwerke Brașov) war ein 1948 – bzw. als Vorläufer I.A.R. bereits 1925 – gegründeter rumänischer Traktorenhersteller mit Sitz in Brașov (Kronstadt) in Siebenbürgen.

Seit Gründung der Werke bis etwa 1999/2000 wurden über 1,32 Milionen Schlepper unter den beiden Markennamen UTB und – insbesondere für den Export – Universal (bzw. kombiniert UTB/Universal) sowie in den 1950er Jahren zwischenzeitlich mit abweichender Herstellerbezeichnung UTOS (Uzina Tractorul Orașul Stalin) produziert; davon wurden über 720.000 in etwa 115 Länder weltweit exportiert.[1] 2006 waren es laut UTB-Angaben etwa 760.000 exportierte Traktoren.[2] In Rumänien nahm UTB als ehemaliges Staatsunternehmen noch Ende der 1990er Jahre mit 95 Prozent Marktanteil eine dominierende Stellung ein.[1]

2007 ging das UTB-Werk in Liquidation über und wurde an einen Immobilieninvestor verkauft, der seitdem auch die Markenrechte hält. Eine erneute reguläre Produktionsaufnahme unter dem Namen UTB ist nicht absehbar.

Geschichte[Bearbeiten]

IAR 22, erster rumänischer Traktor
UTB-Schlepper beim Ausheben eines Vorflutgrabens 1984
UTB-Traktor in Rumänien, (noch) nicht identifiziertes Modell

1925 wurde der UTB-Vorläufer I.A.R. (Intreprinderea Aeronautică Română) als rumänisch-französisches Joint-Venture für die Flugzeugproduktion gegründet.[3] Fünf Jahre später nahm I.A.R. die Produktion von Flugzeugtriebwerken auf. Anschließend (1938–45) wurde I.A.R. ein „autonomes Staatsunternehmen“ (Rüstungsproduktion). Bis 1945 wurden 19 verschiedene Flugzeugtypen hergestellt.[3]

Erster rumänischer Traktor 1946

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Betrieb unter sowjetischem Einfluss 1946 auf Traktorenproduktion umgestellt, und mit dem IAR 22 wurde noch im selben Jahr der erste rumänische Traktor hergestellt.[3] Bereits 1947 wurde I.A.R. jedoch zur Staatlichen Stahlproduktion (Intreprinderea Metalurgica de Stat) umgewandelt, die wiederum 1948[3] – im Rahmen der kommunistischen Industrieverstaatlichung als 100-prozentiges Staatsunternehmen konstruiert – zu Uzina Tractorul Brașov (UTB) wurde. Von 1950 bis Ende 1960 firmierten die Traktorenwerke offiziell unter der Bezeichnung UTOS (Uzina Tractorul Orașul Stalin), was der damaligen Umbenennung der Großstadt Brașov in Orașul Stalin (Stalinstadt) folgte.

Im Jahr 1960 begann die Entwicklungsarbeit für den neuen Traktor U 650 (65 PS), der ab 1963 in Serienfertigung ging.[3] Zwischen 1963 und 1968 wurden 45-PS-Motoren in Fiat-Lizenz produziert[3] und der Raupenschlepper S 1300 wurde von 130 PS auf 150 PS „hochfrisiert“.

1968 bis 1976 wurden die Modellfamilien U 445 nach Fiat-Design und U 650 mit eigenem Design weiterentwickelt. Im Jahr 1970 stellten die UTB-Werke bei einem 23 verschiedene Modelle umfassenden Programm 28.500 Traktoren her. Im darauffolgenden Jahr wurde die 30.000-Stück-Marke überschritten.

Von 1977 bis 1990 ging die Entwicklung weiter vom 26-PS-Fiat-Modell bis hin zu 70 PS, 80 PS und 100 PS starken Traktoren.[3] 1990 arbeiteten ungefähr 23.000 Menschen in Rumänien für UTB.[4] Die Produktionskapazität des Werks war auf bis zu 45.000 Traktoren pro Jahr angelegt.[4]

Privatisierung ab 1990

Nach der rumänische Revolution Ende 1989 begann 1990 die Privatisierung des Staatsunternehmens und UTB wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Hauptaktionäre wurden mit ca. 80 % die rumänische Behörde zur Verwertung von Staatsvermögen bzw. „Privatisierungsagentur“ A.V.A.S. (Autoritatea pentru Valorificarea Activelor Statului, The Authority for State Assets Recovery) und mit ca. 17 % die private rumänische Investmentgesellschaft SIF Transilvania.[3] Die UTB-Privatisierung ging in den Folgejahren mit erheblichen Rationalisierungsmaßnahmen (Arbeitsplatzverlusten) und entsprechenden Protesten einher.

Von 1990 bis zum Jahr 2000 erstreckte sich die Motoren-Produktion über Maschinen von 20 bis 100 PS mit 2, 3, 4 und 6 Zylindern.

Vor der Privatisierung und noch bis 1992 umfassten die Hauptabsatzmärkte etwa 30 bis 40 Länder. Von 1992 bis 1998 waren es 25 bis 30 Länder und anschließend bis 2004/2005 nur noch 15 Länder, worunter Iran, Ägypten, die USA, Türkei und Pakistan die wichtigsten waren. Die Einnahmen aus dem Exportgeschäft beliefen sich von 1990 bis 2001 auf insgesamt ca. 520 Millionen US$, was ungefähr 90.000 in diesem Zeitraum exportierten Traktoren entspricht.[2]

Im Dezember 1999 erfolgte die Aufteilung von UTB in neun unabhängige Firmen:[1]

  • S.C. Tractorul UTB S.A. – Traktorenproduktion
  • S.C. Motor UTB S.A. – Motorenproduktion
  • S.C. Turfor UTB S.A. – Gießerei und Schmiede
  • S.C. Masini Unelte UTB S.A. – Maschinenwerkzeug und Prozesstechnik
  • S.C. Scudiver UTB S.A. – Einbauten, Armaturen u.a.
  • S.C. Awe HD UTB S.A. – Kabinen und Verdecke
  • S.C. Frimut UTB S.A. – Reparaturen und Ersatzteile
  • S.C. Reutcom UTB S.A. – Technische Entwicklung
  • S.C. Prorem UTB S.A. – Elektrotechnische Reparaturen

2002 wurde die letzte Serie 4 (U 684 DT) auf den Markt gebracht (?). Im selben Jahr erfolgte die Zertifizierung der 48-, 52- und 68-PS-Motoren entsprechend europäischer und US-amerikanischer Abgasnormen. 2004 wurden die Traktoren der Serie 4 daran angeglichen, womit dann die gesamte Modellpalette den zu der Zeit geltenden internationalen Normen entsprach.[3]

Auf Grund allgemeiner Privatisierungsbestrebungen und sich abzeichnender wirtschaftlicher Schwierigkeiten suchte die rumänische Privatisierungsagentur A.V.A.S als Hauptaktionär mehrfach nach Käufern für UTB. Unter anderem wollte 2003 der rumänische Landmaschinenhersteller MYO-O etwa drei Viertel der UTB-Anteile erwerben, zog sein Angebot aber nach Bekanntwerden der zu übernehmenden Schulden wieder zurück.[5] 2004 stand dann der Landmaschinenhersteller Landini in ernsthaften Übernahmeverhandlungen mit der A.V.A.S. Ein Kauf kam letztlich jedoch nicht zustande. 2005 wurden dann erneut Verkaufsverhandlungen mit MYO-O und daneben mit dem indischen Traktorenhersteller Mahindra geführt, die 2006 ebenso scheiterten.[4]

Bis 2005/2006 wurden insgesamt rund 760.000 UTB-Traktoren exportiert. Nach Kontinenten verteilte sich der Absatz wie folgt:[2]

  • Asien: 320.000 Schlepper
  • Europa: 245.000 Schlepper
  • Nordamerika: 95.000 Schlepper
  • Afrika: 72.000 Schlepper
  • Südamerika: 22.000 Schlepper
  • Australien: 6.000 Schlepper

Produktionsende 2007

UTB hatte allein im Jahr 2006 Verluste von 46 Millionen € eingefahren und damit Gesamtschulden von rund 250 Mio. € angehäuft, davon etwa 200 Mio. € gegenüber dem rumänischen Staatshaushalt.[6] 2006 haben noch etwa 2300 Menschen in dem nahe des Stadtzentrums gelegenen UTB-Werk gearbeitet (16 Jahre zuvor war es noch die zehnfache Menge).[6] Die Produktion lief bereits Ende 2006 nur noch eingeschränkt.

Blick auf die UTB-Werke in Brașov (Bildmitte vertikal)

Am 23. Februar 2007[6] wurde die Produktion schließlich eingestellt und die Fabrik in Brașov geschlossen. Am selben Tag beantragte SC Tractorul U.T.B. SA Brașov die Einleitung eines „freiwilligen Liquidationsverfahrens“ (Konkurs).[7] Anschließend wurden die letzten gut 1900 Angestellten entlassen. Im Rahmen einer Liquidationsauktion erwarb dann am 5. Juli 2007 ein rumänischer Immobilieninvestor (S.C. Flavus Invest S.R.L. bzw. Flavus Investiții SRL, Bukarest) das gesamte rund 126 ha Grundstücksfläche umfassende UTB-Werksgelände[6] – Traktorenproduktion, Gießerei und Schmiede – und plant dort seither einen der größten Neubau-Gebäudekomplexe Osteuropas, u.a. mit einem Einkaufs- und Kongresszentrum. Der Kaufpreis betrug 77 Mio. € und schließt neben den Grundstücken und aufstehenden Gebäuden samt Maschinen auch die Markenrechte mit ein.[6] Entgegen zuvor von der A.V.A.S. verbreiteten Informationen besteht durch den Übernahmevertrag keine rechtliche Verpflichtung, die tatsächliche Traktorenproduktion (auch für Ersatzteile; Garantie, Gewährleistung und Kundendienst) für weitere 10 Jahre fortzusetzen; bei der entsprechenden Vertragsklausel geht es lediglich um die formelle Weiterregistrierung des Geschäftszwecks „Produktion von Traktoren und anderen Landwirtschaftsmaschinen“ im Handelsregister.[6] Der Investor Flavus erklärte zudem eindeutig, ausschließlich an der Immobilienentwicklung interessiert zu sein.[6][8]

Im September 2007 startete die Europäische Kommission zum Verkauf des Industriegeländes an Flavus Invest ein Prüfverfahren bezüglich eventuell rechtswidriger staatlicher Beihilfen und ggf. Nichtigkeit des Kaufvertrags.[7][6] Probleme gab es 2007/08 auch mit mehrfach wechselnden Liquidatoren, die mit der Konkursabwicklung beauftragt waren.[7] Abschließend entschied die Europäische Kommission am 2. April 2008, dass die UTB-Abwicklung keine unrechtmäßige staatliche Beihilfe darstelle, und dass der erzielte – im Vergleich zu denn 2003 bis 2006 im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich verhandelten Werten geringe – Verkaufserlös durchaus als marktgerecht gelten kann.[6]

Lizenzproduktion U 650 ab 2008 und Weiteres

Ende 2008 wurde bekannt, dass Flavus Invest eine Teillizenz für den Traktorenbau (einschließlich produktionstechnischer Daten, einiger Formen und Maschinen) an einen ägyptischen Investor[9] bzw. an die rumänischen Roman-Werke verkauft hat (Roman ist ebenso wie UTB in Brașov ansässig und fertigt v.a. Lkw und Busse).[8] Die Lizenz bezieht sich ausschließlich auf den Nachbau des alten UTB-Modells U 650 (mit 65 PS und ohne Fahrerkabine) nur für den ägyptischen Markt. Der robuste U 650 gehört zu den Traktorentypen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Nordafrika häufig gekauft wurden und einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Die Nachbau-Fertigung startete 2008 im Roman-Werk (also nicht mehr im UTB-Werk). Verwendet wurden/werden dabei neben Motoren und Zylinderköpfen aus Indien auch Getriebe einer Firma aus Sfântu Gheorghe in Rumänien. Die restlichen Komponenten stammen von Roman selbst. 2009 sollten etwa 1000 ehemalige UTB-Arbeiter bei Roman für die Traktorenproduktion eingestellt werden.[8] Der erste Produktionsauftrag umfasste 600 bis Mitte 2009 zu liefernde Exemplare mit Aussicht auf Folgeaufträge. Auf Grund von Nichterfüllung der EU-Abgasnormen ist das „neue alte“ Exportmodell des U 650 nicht für den europäischen Markt zugelassen. Der Verkaufspreis lag 2009 bei etwa 9.700 €/Stk.[8]

Desweiteren wurde Ende 2008 bekannt, dass Flavus Invest mit dem chinesischen Unternehmen HOYO-SHK Modern Agricultural Equipment über das umfassende UTB-Marken- und Lizenzpaket verhandelte. Dieses beabsichtigte, mehrere Millionen US$ in den Aufbau eines neuen Traktorenwerks im Bezirk Brașov zu investieren und dort günstige Traktoren vor allem für den rumänischen Markt zu produzieren.[10] Im Juni 2010 nahm Hoyo – jedoch mit neuer Modellpalette und unter eigenem Markennamen – die Fertigung in einem Werk in der wenige Kilometer südwestlich von Brașov gelegenen Stadt Râşnov auf.[11]

Typen[Bearbeiten]

Es wurden Schlepper mit folgenden Typenbezeichnungen vertrieben (Liste unvollständig):

I.A.R.-Modelle[Bearbeiten]

Noch nicht näher zugeordnete ältere Modelle[Bearbeiten]

U 630
Universal 650? (Baujahr 1996)
U 1010 DT

Raupenschlepper:

Serie 4[Bearbeiten]

Falls jemand weiß, seit wann es diese „Serie“ gab bzw. welche Modelle dazu gerechnet werden … bitte ergänzen.

Letzte Angebotspalette 2006[Bearbeiten]

UTB 650 M

Informationen zu den folgenden, bereits 2003 so gelisteten Modellen sind auf Englisch z.B. über archive.org einsehbar.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: UTB-Traktoren – Bilder, Videos und/oder Audiodateien
Wikipedia: Uzina Tractorul Brașov – enzyklopädische Informationen

Quellen[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 utb.ro: Company Profile. (Archivversion mit Stand 18. Oktober 2000)
  2. 2,0 2,1 2,2 utb.ro: Foreign Market. (Archivversion mit Stand 8. Februar 2006)
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 3,8 utb.ro: History. (Archivversion mit Stand 8. Februar 2006)
  4. 4,0 4,1 4,2 wall-street.ro: Mahindra pluseaza pentru Tractorul pe Bursa din Bombay. Bericht über Verkaufsverhandlungen, 30. Mai 2006 (Rumänisch)
  5. bankaustria.at: Rumänien – Ehrgeizige Reformziele – Warten auf Umsetzung. CEE-Report, 2/2003, S. 11.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 6,6 6,7 6,8 eur-lex.europa.eu: Entscheidung der Kommission vom 2. April 2008 über die staatliche Beihilfe C 41/07 (ex NN 49/07), die Rumänien dem Unternehmen Tractorul gewährt hat. (Bekannt gegeben unter Aktenzeichen K(2008) 1102).
  7. 7,0 7,1 7,2 recolta.eu: Tractorul Brasov – neputinta si interese ascunse. Bericht zur Privatisierung/Liquidation, 25. Oktober 2008 (Rumänisch)
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 mediafax.ro: Roman Braşov a produs primul tractor pentru piaţa egipteană. 24. November 2008 (Rumänisch)
  9. topagrar.com: Rumänien baut wieder Schlepper. 17. Dezember 2008
  10. informatia.ro: Roman SA Braşov a cumpărat licenţa pentru tractorul U650 din Egipt. 26. November 2008 (Rumänisch)
  11. mediafax.ro: Chinese Constructor Hoyo Starts Tractor Production At Rasnov Plant, C Romania 21. Juni 2010 (Englisch)
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