Verwirklichungschancen/ Die Grundidee
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Wie kann es sein, dass Menschen in Armut leben, verhungern und es in vielen Gegenden der Welt selbst an grundlegenden Mitteln für ein menschenwürdiges Leben fehlt? Die Menschheit verfügt doch über die Techniken und Möglichkeiten, diesen Mangel zu überwinden! Dabei ist die Frage nicht auf das Verhältnis von Entwicklungsländern und Industrieländern beschränkt. Auch in den reichen Gesellschaften, die über einen Überfluss an materiellen Gütern erfügen, gibt es Obdachlosigkeit, Diskriminierung, Ausgrenzung, medizinische Unterversorgung und unverschuldete Armut. Amartya Sen hat sowohl Hungersnot als auch religiöse Gewalt schon als Kind erlebt. Er schildert dies eindrücklich in seiner autobiographischen Skizze, die er anlässlich der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises geschrieben hat.[1] Vor diesem Hintergrund ist sein Werk als ein Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen in aller Welt, insbesondere aber in den Entwicklungsländern zu lesen.
Der Capabilities Approach ist ein Konzept, die angesprochenen Probleme zu untersuchen, zu strukturieren und Hinweise darauf zu geben, an welchen Stellen Verbesserungen notwendig sind. Er ist normativ, weil er nicht nur aufzeigt, wo und welche menschenunwürdigen Lebensbedingungen es gibt, sondern auch Grundanforderungen formuliert, inwiefern die Gesellschaft für alle ein Mindestmaß an Voraussetzungen für ein gutes und gelingendes Leben schaffen sollte. Er befasst sich also mit dem Wohlergehen (Well-Being) in den ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Sphären des menschlichen Lebens. Die Attraktivität des Ansatzes liegt auch darin, dass er nicht nur die Darstellung und Beurteilung von Armut ermöglicht, sondern in gleicher Weise auf Fragen der Ungleichheit in den reichen Gesellschaften der Industrieländer angewendet werden kann. Das Konzpt der Verwirklichungschancen umfasst damit Themen, die nahezu alle Felder der Politik betreffen. Es reicht von den Menschenrechten über Wirtschaft, Bildung, Gesundheit bis hin zur Sozialpolitik und zu Verteilungsfragen.
Die traditionellen Antworten der politischen Philosophie zum Konflikt zwischen Arm und Reich stammen aus dem 19. Jahrhundert. Zum einen forderte der Sozialismus in allen seinen Spielarten zur Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit eine Umverteilung von Macht und Gütern. Zum anderen behauptete der Liberalismus, dass mit Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand auch das Elend der Benachteiligten zu überwinden sei. Diese Positionen spiegeln sich in den politischen Debatten in den unterschiedlichsten Schattierungen bis ins 21. Jahrhundert wider. Es ist richtig, dass die Industriegesellschaften einen weitgehenden Wohlstand erreicht haben, doch die Verteilung des Wohlstandes ist sehr ungleich und die Armut in den Unterschichten ist noch vorhanden. Schlimmer ist, dass die Armut in den unterentwickelten Regionen der Welt katastrophale Ausmaße angenommen hat und es keinen Konsens auf internationaler Ebene gibt, diese Zustände systematisch zu beseitigen.
Die politische Theorie, sei es beispielsweise die kritische Theorie der Frankfurter Schule auf der einen Seite, sei es der Marktliberalismus eines Friedrich Hayek auf der anderen Seite, verharrte lange in den althergebrachten Grundpositionen. Nach Marx und Mill hat sich die Diskussion über die richtige Gestaltung der Gesellschaftsordnung weitgehend auf die Ökonomie verlagert. Deren Modelle waren auf den rational handelnden Menschen ausgerichtet, wobei rationales Handeln mit dem Verfolgen des Eigeninteresses gleichgesetzt wurde. Wohlfahrt wurde mit Nutzenmaximierung und Nutzenmaximierung mit Einkommensmaximierung gleichgesetzt. Man schuf in der Volkswirtschaftslehre eine Makroebene, die sich mit dem richtigen Verhältnis von Angebot und Nachfrage befasst, und eine Mikroebene, in der die Entscheidungen des Individuums mit Methoden der Theorie der rationalen Wahl (Rational choice) und der Spieltheorie untersucht wurden. Am Ende wurde als Empfehlung für die Politik der klassische Gegensatz von Eingriffen und Laissez-faire auch in der ökonomischen Theorie fortgeschrieben. Stärker steuernden Konzepten des Keynesianismus stehen libertäre Ansätze wie der Monetarismus, Thatcherismus oder Reaganomics gegenüber. Allen diesen Ansätzen ist gemein, dass sie im Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit keine Antwort haben.
Geld ist nicht alles. Einsichten dieser Art haben sich zwar immer gehalten, haben sich aber nicht in der allgemeinen Wirtschaftpolitik niedergeschlagen. International bekämpft man Handelshemmnisse, um dem Markt einen möglichst großen Spielraum zu schaffen. Dies war auch lange Politik der Weltbank. Lediglich in den Bereichen der Entwicklungspolitik (und national in der Sozialpolitik) wurde die Frage der Grundbedürfnisse (basic needs) diskutiert. Die politische Philosophie war in dieser Phase weitgehend sprachlos, bis John Rawls sein bahnbrechendes Buch „eine Theorie der Gerechtigkeit“ im Jahr 1971 veröffentlichte. Rawls kommen mehrere grundlegende Verdienste zu.
- Zunächst unterzog er den bis dahin vor allem im anglo-amerkanischen Raum dominierenden und mit der Wohlfahrtsökonomie eng verschränkten Utilitarismus einer grundlegenden Kritik.
- Zum zweiten entwickelte er ein klares, einfach strukturiertes, allgemein nachvollziehbares und in sich schlüssiges (kohärentes) Konzept eines sozialen Ausgleichs in einem modernen, demokratischen Rechtsstaat.
- Drittens knüpft seine außerordentlich tiefe und breite Begründung gedanklich an die Vertragstheorien von Locke, Rousseau und Kant an und liefert damit den modernen Gesellschaften westlicher Prägung eine theoretische Grundlage ihres Selbstverständnisses, die in Einklang mit ihren Traditionen steht.
- Nicht zu unterschätzen ist viertens, dass Rawls’ Theorie die ökonomischen Vorstellungen der Sozialwahl und der Entscheidungstheorie mit einbezieht, also einen ideologischen Konflikt mit den dominierenden ökonomischen Sichtweisen vermeidet.
Für das Konzept der Verwirklichungschancen ist die Theorie von Rawls in zweierlei Hinsicht von großer Bedeutung. Sowohl Amartya Sen als auch Martha Nussbaum als die maßgeblichen Protagonisten dieses Ansatzes betonen, dass ihre Gedanken stark von Rawls beeinflusst sind und dass ihr eigenes Konzept nicht im grundsätzlichen Widerspruch zur Theory of Justice steht. Darüber hinaus formulieren beide Kritik an Rawls, um aufzuzeigen in welcher Hinsicht der Capabilities Approach bessere Lösungen für eine Konzeption sozialer Gerechtigkeit und ein Mindestmaß eines guten Lebens bietet.
Ziel des Capabilities Approaches ist es, den Wohlstand in einer Gesellschaft mit mehreren Kenngrößen und nicht nur mit dem Einkommen als eindimensionalem Maßstab zu erfassen, wie es bis dahin in der Wohlfahrtsökonomie üblich war. Im Vordergrund steht die Frage, was der Mensch für ein gutes, gelingendes Leben benötigt. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass jemand sagen kann, sein Leben sei wertvoll? Untersuchungsgegenstand kann sowohl die individuelle als auch die gesamtgesellschaftliche Lebenssituation sein. Als Informationsbasis dienen die individuellen Verwirklichungschancen, die aggregiert auch für Institutionen und die Politik den Informationskern und die Entscheidungsgrundlage bilden.[2] Materielle Güter und Ressourcen werden für diesen Zweck nur als, allerdings wichtige, Mittel und nicht als Selbstzweck betrachtet. Es geht vielmehr um Befähigungen, über die der Mensch verfügen muss, damit er sein Leben erfolgreich gestalten kann. Lebensziele stellen den eigentlichen, intrinsichschen, Wert dar. Mittel haben nur eine instrumentelle Funktion, diese Ziele zu erreichen. Gegenstand empirischer Untersuchungen sind allerdings oft die Mittel wie Einkommen, Vermögen oder Bildung, weil entsprechende Daten über Zwecke und deren Erreichung zumeist nicht zur Verfügung stehen.
Die Frage nach den Befähigungen geht über die Konzepte, die sich auf den Lebensstandard und die Menschenrechte konzentrieren, insoweit hinaus, als sie die Forderung an die Gesellschaft beinhaltet, aktiv zur Entwicklung eines besseren Lebens aller Mitglieder der Gesellschaft beizutragen. Der Ansatz ist geeignet, Ungleichheit und Armut mehrdimensional unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren zu beschreiben und Zielsetzungen sowie deren Erreichung für gesellschaftliche Entwicklungen darzustellen. Aus diesem Grunde wird der Ansatz insbesondere im Bereich der Entwicklungspolitik sowie in Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit zunehmend diskutiert und verwendet.
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- ↑ Autobiography veröffentlicht auf der Homepage des schwedischen Nobelpreiskomitees
- ↑ „The capability approach to a person's advantage is concerned with evaluating it in terms of his or her ability to achieve various valuable functionings as a part of living. The corresponding approach to social advantage - for aggregate appraisal as well as for the choice of institutions and policy - takes the set of individual capabilities as constituting an indispensable and central part of the relevant informational base of such information.“, Amartya Sen: Capability and Well-Being, in: Amartya Sen und Martha Nussbaum (Hrsg.): The Quality of Life, Oxford 1993, 30