Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst
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Verfasser: Hans-Peter Haack
Letzte Änderung: 6. November 2008
Der Beitrag ist in die Internet-Bibliographie der Universitätsbibliothek der FU Berlin über Thoms Mann [1] aufgenommen unter der Rubrik Spezialthemen.
[Bearbeiten] Zusammenfassung
Wenn Thomas Mann von Kunst spricht, hat er das Sprachkunstwerk im Sinn.
Im gegenwärtigen Wortgebrauch wird Kunst häufig mit bildender Kunst gleichgesetzt. Auf diese Kunstgattung treffen Thomas Manns kunsttheoretische Äußerungen nur bedingt zu, auf die Literatur ohne Wenn und Aber, auch auf die Erwartungen an die Gegenwartsliteratur. In ihrer treffsicheren, pointierten Form zählen sie zu dem Besten, was zur Kunstwirkung von Dichtung und Literatur gesagt worden ist.
Was ist Kunst? Picasso soll einmal geantwortet haben, er wisse es nicht. Doch wenn er es wüsste, würde er es für sich behalten.
Thomas Mann ist dieser Frage nicht ausgewichen. Er hat sie sich ein Leben lang immer wieder gestellt - und beantwortet. Seine Kunstauffassung teilt er in Einschaltungen mit, die über das gesamte schriftstellerische und essayistische Werk verstreut sind, von der frühen Novelle Tonio Kröger bis zu dem großen Alterswerk Doktor Faustus.
Der primär an der Handlung interessierte Leser wird die Kunstbemerkungen als retardierend empfinden und ihnen nur halbe Aufmerksamkeit schenken. Doch herausgelöst und zusammengetragen ergeben sie ein Instrumentarium für die Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst.
Von der Kunst, insbesondere der Dichtung, dem "Kunstwerk höchster Artikulation" [1] erwartete Thomas Mann die Gestaltung von Gegensätzen und Aporien. "Zweideutigkeit als System" [2] und "künstlerische Paradoxie" [3] hat er diese vexatorische Simultanität genannt. Damit unterscheidet er sich von seinem Bruder und Schriftsteller-Rivalen Heinrich Mann. Eindeutige Aussagen in der Kunst, bei Heinrich Mann nicht ungewöhnlich, hielt Thomas Mann für unkünstlerisch. Im Briefwechsel seiner frühen Jahre hat er dies dem älteren Bruder wiederholt vorgeworfen. Thomas Manns Prosa macht aus dem ´Entweder - Oder´ ein janusköpfiges ´Sowohl – Als auch´; sie zeigt "die Zweideutigkeit des Lebens selbst." [4]
Thomas Mann: „Wahrheit ist drei- bis vierdimensional und kann höchstens gestaltet, aber niemals gesagt werden.“ [5] Doppelbödigkeit und Ironie sind für Thomas Mann Stilmittel. Sie bedeuten ihm Objektivität, denn sie zeigen die Kehrseite.
Q u e l l e n :
- ↑ Mann Thomas: Einführung. In: Franz Masareel. Zürich: Oprecht [1948], S. 9 - 15
- ↑ Mann, Thomas: Doktor Faustus. Stockholm: Bermann-Fischer Verlag 1947, S.74
- ↑ a. a. O., S.744
- ↑ a. a. O., S.301
- ↑ Thomas Mann am 17.11.1915 an Ernst Bertram

