Soziologische Klassiker/ Elias, Norbert
Grundstruktur des Kapitels:
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[Bearbeiten] Biographie in Daten
Elias Norbert
- geboren am 22. Juni 1897in Breslau (heute Wroclaw)
Eltern: Herman Elias: Kaufmann und Inhaber einer Textilfabrik
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- Sophie Elias: Hausfrau
Kinder: keine Geschwister: keine Ehe: keine
- 1903-1915: zunächst Hausunterricht, danach Eintritt in die öffentliche Schule; 1915: Abitur
- 1915: freiwillige Tätigkeit als Telegrafist im ersten Weltkrieg, zunächst an der Ost-, später an der Westfront
- Zwei Jahre später ist Elias aufgrund eines Zusammenbruchs nicht mehr felddienstfähig, er wird Sanitätssoldat in Breslau
- 1917-1924: Studium der Medizin, der Philosophie und Psychologie in Breslau, Freiburg und Heidelberg
- Zwischendurch muss Elias einer Erwerbsarbeit nachgehen, um seine Eltern aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu unterstützen und um seine Studien zu finanzieren.
- 1924: Dr. phil. (Philosophie) an der Universität Breslau. Sein Doktorvater: Richard Hönigswald; Dissertation: Idee und Individuum
- 1924-1930: Heidelberg: Fortsetzung seines Studiums der Soziologie. Einverständnis von Alfred Weber für die Habilitation.
- Habilitationsschrift: "Die Bedeutung der Florentiner Gesellschaft und Kultur für die Entstehung der Wissenschaft"
- 1930-1933: Frankfurt am Main: Elias ist Assistent bei Karl Mannheim. Keine erfolgreiche Beendigung seines Habilitationsverfahren aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten (Institut der Soziologie wird geschlossen)
- Habilitationsschrift: „Der höfische Mensch“; Die Schrift wird erst 1969 unter dem Titel "Die höfische Gesellschaft" in veränderter Form publiziert
- 1933-1935: Exil in Frankreich
- Danach lässt er sich für sieben Jahre in London nieder
- 1935-1990: Exil in Großbritannien; danach Annahme der britischen Staatsbürgerschaft
- 1935-1939: Entstehung von "Über den Prozess der Zivilisation"; Unterstützung durch eine jüdische Flüchtlingsorganisation
- 1939-1940: Er lehrt als Senior Research Assistant an der London School of Economics and Political Science in London (auch Karl Mannheim unterrichtete dort)
- 1940-1941: Befürchtung einer Invasion der deutschen Soldaten; Internierung als feindlicher Ausländer im "Alien Internment Camp at Huyton" nahe Liverpool, dann auf der Isle of Man. Elias hält dort Vorträge; Aufführung seiner "Ballade vom armen Jakob"
- 1941-1954: Cambridge: Lecturer bei der "Workers Educational Association" (Labour Party). Danach unterrichtet er als Lecturer Soziologie, Psychologie, Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte an den Extension Courses (Volkshochschulkurse) der University of London in Leicester
- Zusammenarbeit mit Psychoanalytiker Sigmund Heinrich Foulkes
- 1954-1975: Elias lässt sich in Leicester nieder
- 1954-1962: Lecturer of Sociology an der University of Leicester; starke Beteiligung am Aufbau des dortigen Department of Sociology
- 1962: Versetzung in Ruhestand
- 1962-1964: Professor of Sociology an der University of Ghana in Accra
- 1964-1990: Rückkehr aus Ghana; Arbeit als Privatgelehrter; Zahlreiche Gastprofessuren in Deutschland und Amsterdam
- 1975-1990: fester Wohnsitz in Amsterdam
- 1977: Ehrung: Er erhält den zum ersten Mal vergebenen Theodor Adorno-Preis; seit dem Exil: seine erste bedeutende öffentliche Anerkennung seiner Arbeit in Deutschland
- 1.8.1990: gestorben in Amsterdam
[Bearbeiten] Historischer Kontext
- Der erste Weltkrieg bricht aus und nach dem Abitur meldet sich Elias als Kriegsfreiwilliger. Seiner Meinung nach hat ihn der Krieg verändert. Er meint damit nicht Gewalt, Tod und Grausamkeit, sondern das Erlebnis "der relativen Machtlosigkeit des Einzelnen im Gesellschaftsgefüge." Außerdem lernt er durch die schrecklichen Erlebnisse, Selbstdisziplin zu entwickeln und die eigenen Ansprüche zu verringern. Diese Fähigkeiten haben ihm später bei wissenschaftlichen Arbeiten oft geholfen, an seine Wünsche und Ziele zu glauben und diese auch zu erreichen.
- Aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann sein Habilitationsverfahren mit der Schrift „Der höfische Mensch“ nicht abgeschlossen werden. Das Institut der Soziologie wird geschlossen. Das Werk erscheint erst 1969 mit dem Titel „Die höfische Gesellschaft“.
- Da Elias jüdischer Abstammung ist, hat er 1933 keine andere Wahl, als ins Exil, zuerst nach Frankreich und dann nach England, zu gehen. Es ist nicht leicht für ihn, aber aufgrund seiner starken Selbstdisziplin hält er durch. In dieser Zeit entsteht unter anderem sein bekanntes Werk „Über den Prozess der Zivilisation.“
[Bearbeiten] Theoriegeschichtlicher Kontext
Einen großen Einfluss auf Elias' Werk übt sein strenger Doktorvater Richard Hönigswald, insbesondere im Rahmen der Doktorarbeit mit dem Thema „Idee und Individuum. Ein Beitrag zur Philosophie der Geschichte“, aus. Elias entwickelt aufgrund seiner Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften (Medizinstudium) einen kritischen Blick gegenüber der Philosophie, insbesondere der Kantianischen Philosophie. Er entwickelt Zweifel an der Figur des „vereinzelten Menschen“. Hönigswald kann diese Kritik nicht teilen und verlangt Änderungen seiner Arbeit, die Elias durchführen muss.
An der Universität in Heidlberg macht Elias Bekanntschaften mit den Hauptvertretern des Instituts der Soziologie: Alfred Weber, der Kultursoziologe und Karl Mannheim, der junger Privatdozent ist. Außerdem lernt Elias in einer Studentengruppe Hans Gerth, Richard Löwenthal, Heinrich Taut und Svend Riemer kennen. Die teilweise gegensätzlichen Sichtweisen zwischen Alfred Weber (idealistisch) und Karl Mannheim (materialistisch) werden v.a. auf dem 6. Deutschen Soziologentag (1928 in Zürich)deutlich. Elias äußert sich öffentlich kritisch zu den beiden Soziologen und zeigt damit, dass er den Argumenten berühmter Soziologen standhalten kann. Ein Jahr darauf wechselt Mannheim nach Frankfurt und gibt Elias die Chance, als sein Assistent mitzugehen. Elias nimmt an und folgt seinem Vorbild.
[Bearbeiten] Werke
- 1924 Idee und Individuum (Dissertation)
- 1939 Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen
- 1969 Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie
- 1977 Zur Grundlegung einer Theorie sozialer Prozesse
- 1983 Über den Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart
- 1987 Die Gesellschaft der Individuen
- 1991 The Symbol Theory
[Bearbeiten] Das Werk in Themen und Thesen
Hauptwerk: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Zwei Bände)
Während seines Exilaufenthalts findet Elias im Lesesaal des Britischen Museums zufällig Benimmbücher verschiedener Epochen. Diese wecken sein Interesse und er beginnt über die ungeplanten und langfristigen Veränderungen der Gesellschaft nachzudenken. So entsteht sein größtes Werk „Über den Prozess der Zivilisation“.
Die Prozesse der Zivilisation sind, so Elias, der Grund für die Veränderung des menschlichen Verhaltens. Elias beschäftigt sich mit der Zivilisierung der Sitten vom 13. bis ins 18. Jahrhundert und erörtert diese an Beispielen wie Tischsitten und Benimmregeln. Auch sein Werk „Die höfische Gesellschaft“ befasst sich mit einer ähnlichen Problematik. Die Prozesse zeigen eine lang andauernde Umwandlung/Entwicklung von Außenzwängen in Innenzwänge an, die nicht rational geschehen. Die Verhaltensänderungen der Individuen sind stark abhängig von den Veränderungen der Gesamtgesellschaft und umgekehrt. So hält Elias fest, dass der Auslöser für den Prozess der Zivilisation die Konkurrenz der Menschen um die Macht ist:
"Die Angst vor dem Verlust oder auch nur vor der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist eines der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge."
"Es ist eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden."
Im zweiten Band beschäftigt sich Elias mit der Enwicklung von stabilen Zentralorganen in Form von Gewalt- und Steuermonopolen. Bevor diese entstanden sind, hatten die Ritter und Krieger ein relativ freies und eigenständiges Leben. Doch auch sie mussten sich nach Zwängen und Vorschriften richten, die von den Figurationen ausgingen. Das heißt, dass alle Ritter zusammenhelfen mussten, um die Bauern und Handwerker zu schützen, aber auch um ihre Macht aufrecht zu erhalten.
Außerdem handelt Elias' Werk von der Entwicklung der Staatenbildung, die von den Prozessen der sozioökonomischen Funktionsteilung abhängig ist, wie zum Beispiel die Zunahme der Arbeitsteilung und der Handelsverflechtungen, die Verstädterung und der Aufstieg des Bürgertums (dritte Stand).
Aus seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht Elias folgende Schlussfolgerung:
"Die „Umstände“, die sich ändern, sind nichts was gleichsam von „außen“ an den Menschen herankommt; die „Umstände“, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst."
Somit stellt sich Elias gegen die damalige Vorstellung von der Zweiteilung zwischen „der Gesellschaft“ und „dem selbstständigen Individuum“.
[Bearbeiten] Rezeption und Wirkung
- Es dauert lange, bis Norbert Elias die öffentliche Anerkennung in Deutschland für sein größtes Werk "Über den Prozess der Zivilisation" durch den ersten Adorno- Preis im Jahr 1977 erhielt. Nach Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung in Prag und der ungünstigen Situation in Westdeutschland, wo in den Sozialwissenschaften vorrangig Marx rezipiert wurde, blieb das Werk zunächst ein Geheimtipp unter wenigen (siehe Zitat von Thomas Mann). Schließlich tritt doch noch der große Erfolg ein, der bis heute anhält. Elias' Werk ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.
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- Thomas Mann: „Das Buch von Elias ist wertvoller als ich dachte. Namentlich die Bilder aus dem späten Mittelalter und der ausgehenden Ritterzeit.“
- Als Lecturer of Sociology an der University of Leicester ist er stark am Aufbau des dortigen Department of Sociology beteiligt und unterstützt somit die Verbreitung der Gesellschaftswissenschaft.
- Elias Prozesstheorie ist vor allem für die nachkommenden Sozialwissenschaftler von großer Bedeutung und Anreiz, sich selber seine Gedanken darüber zu machen. Das kann man besonders deutlich an folgenden Sätzen erkennen:
- „Die Zivilisation, sie ist noch nicht zu Ende.“(Titelblatt)
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- „Und das heißt: Unsere Zukunft ist offen, die der Individuen und die der Gesellschaften, die sie miteinander bilden. Nichts ist endgültig und festgelegt.“ (Letzter Satz des zweiten Bandes)
[Bearbeiten] Literatur
- Kaesler, Dirk [Hrsg.] (2003):
- "Klassiker der Soziologie, Band I Von Auguste Comte bis Norbert Elias, 4. Auflage"
- München
- Kaesler, Dirk/ Vogt, Lydia [Hrsg.] (2000):
- "Hauptwerke der Soziologie"
- Stuttgart
- Korte, Hermann [Hrsg.] (1995):
- "Einführung in die Geschichte der Soziologie, 3. Auflage"
- Opladen
[Bearbeiten] Internetquellen
- Biografie Norbert Elias bei den 50 Klassikern der Soziologie abgerufen am 15.4.2006