A Poem a Day/ 07. Juli: Der römische Brunnen (Conrad Ferdinand Meyer)

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Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;

Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer (7. Version, 1882)

Giardino della villa Borghese, a Roma.jpg

Kommentar[Bearbeiten]

Ein weiser Ausspruch sagt um ein gutes Gedicht (Musikstück, Liedtext) zu schreiben, braucht es

  • 10% Inspiration

und

  • 90% Transpiration

wobei aber nicht immer klar ist, wann was stattfindet. Mitunter hört man von Musikern, dass diese einen Text an einem Nachmittag fix und fertig erstellt haben. Angehende Künstler meinen, es ihren Vorbildern gleich tun zu müssen. Sie übersehen, wieviele Jahre sich die besagten Musiker schon mit Texten befassen. Wieviele Gedichte, Reime und Ideen ungenutzt in ihrem Hinterstübchen auf ihren Einsatz warten.

Es mag durchaus sein, dass ein Künstler 'von der Muse geküsst' eine plötzliche Inspiration hat, und dazu einen Schaffensdrang, die ein Werk in kürzester Zeit entstehen lassen.

Aber in der Mehrzahl der Fälle hat man eine Idee, einen Funken der Inspiration, den man dann jedoch im Schweiße seines Angesichts ausarbeiten muss. Oder es bedarf jahrelanger Übung, um ein Werk in kürzester Zeit entstehen zu können.

Bei diesem Gedicht haben wir die seltene Möglichkeit, einen solchen Schaffensprozess mitzuverfolgen.

Während eines Aufenthalts in Rom 1858 sah der Dichter in der Villa Borghese einen Brunnen den er mit ein paar Strichen skizzierte.

Erst 11 Jahre später, erscheint die erste Fassung des Gedichtes. Im Nachfolgenden kann man sehen, über wie viele Jahre Meyer an dem Gedicht gefeilt hatte, bis es seine endgültig Form erhielt.

Glücklicherweise dauern nicht alle Schaffensprozesse jahrzehntelang. Aber man sieht an diesem Beispiel, dass ein richtiger Künstler sein Leben lang an seinen Fähigkeiten arbeitet.

Der Brunnen

'(4. Version, 1866)'


In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von dem harten
Geleucht’ der Mittagssonne,

Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.

Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,
Sie fluten in die dritte:

Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich.

Der schöne Brunnen

'(6. Version, 1870)'


Der Springquell plätschert und ergießt
Sich in der Marmorschale Grund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Rund;

Und diese gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich,
Und alles strömt und alles ruht.

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