Adventskalender 2007: Türchen 13

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»Die Leiden und Freuden des Winters«[1] – Teil 1[Bearbeiten]

Peterle hatte seinen Aufsatz über „Die Leiden und Freuden des Winters“ geschrieben. Alle Buben im Deutschen Reich schreiben im Dezember Aufsätze über „Die Leiden und Freuden des Winters“. Peterle war auf seine Dichtung sehr stolz und trug das Diarium zu seinem Freunde, dem alten Gottlieb Peuker, der in seiner kleinen Stube im Hinterhause der Hartmannschen Besitzung mit der Tabakspfeife am Tische saß. [...]

Er setzte sich breit an den Tisch, hustete dreimal und begann: „Die Leiden und Freuden des Winters. Der Winter is eine schlechte Zeit.“

„Nee, nee,“ sagte Gottlieb, „das is nich wahr. Die Ernte is viel schlechter.“

„Das hat aber der Lehrer gesagt“, verteidigte sich Peterle und las weiter: „Der Winter ist eine schlechte Zeit. Er beginnt am 21. Dezember.“

„Warum is denn nu das grade so 'ne Schlechtigkeit vom Winter, daß a am 21. Dezember beginnt?“ erkundigte sich Gottlieb.

Peterle sah ihn mißmutig an.

„Nu, wenn a doch amal am 21. Dezember anfängt. Das macht a doch! Und schlecht is a einmal. Laß mich ock lesen! Am 21. Dezember. Auf dem Felde erfrieren die Hasen und die Rehe, und der Fuchs geht auf Raub aus.“

„Peterle,“ warf Gottlieb dazwischen, „haste schon amal 'n erfrorenen Hasen gesehen? Nich? Ich hab' schon zwei Stück gesehen. Und lebendige hab' ich aber mehr gesehen. Viel mehr! Und haste schon amal 'n Fuchs auf Raub ausgehen gesehen? Nich? Ich auch nich! Bei uns gibt's ja gar keene Füchse.“

„Aber wenn's doch nu amal anderswo welche gibt! Laß mich ock lesen! Der Schnee liegt höher als ein Haus, und das arme Mütterchen sucht Holz im Walde.“

„Was für a armes Mütterchen?“

„Nu, halt a armes Mütterchen.“

„Wenn die ock nich etwa gar in dem haushohen Schnee stecken bleibt. Sowas sollte das alte Weib lieber nich riskieren.“

„Vater Gottlieb, du bist aber – Na, laß mich ock lesen! Die armen Leute frieren in den Stuben und haben nichts zu essen.“

„Na, lange werden das die armen Leute aber nich aushalten. Da is bloß gutt, daß ich und du so reiche Kerle sind. Da frieren wir doch nich und haben auch was zu essen.“

„Gottlieb, wenn du so bist, da – da mag ich überhaupt nich mehr.“

„Nu, ich kann doch nich dafür, daß wir reich sind. Na, da lies weiter! Jetzt kommen wohl die Freuden des Winters dran?“

Peterle sagte mit knurriger Stimme:

„Nee, noch ein Leiden! Wenn Eiszapfen am Dache hingen, dann fallen sie unachtbaren Kindern auf den Kopf.“

Er machte eine Pause, weil er wieder einen Einwurf erwartete, aber Gottlieb nickte nur ernsthaft mit dem Kopfe, als wollte er sagen: „Ja ja, diese Eiszapfen! Sie sind eine rechte Landplage!“

„Der Winter hat aber auch seine Freuden. Die Kinder laufen Schlittschuh.“

„Ach, fährst du jetzt auch Schlittschuh?“

„Nee, ich hab' ja gar keene. Aber andre! Laß mich ock lesen! Und manche fahren lustig auf dem kleinen Handschlitten.“

„Da haste auch keenen?“ fragte Gottlieb.

Peterle schüttelte den Kopf.

„Der Schnee ist wie ein Leichentuch. Nee, verflixt, das paßt nich zu a Freuden. Das paßt bloß vornehin zu a Leiden. Da wär' ich Leichentuch ausstreichen und Brautkleid darüber schreiben. Das is alles dasselbe. Wie ein Brautkleid! Der liebe Niklas bringt schöne Geschenke. Und am schönsten ist das heilige Weihnachtsfest. Fertig!“ „Nu ja ja“, sagte Gottlieb. „Voriges Jahr haste ja nischt zu Weihnachten gekriegt. Aber du kannst's ja schreiben. 's is a recht hübscher Aufsatz. Ich tät'n ja anders machen.“

„Du?“ fragte Peterle abfällig. „Wie willst du 'n denn machen, wenn du alles gar nich mit in der Schule gehört hast?“

„Nu, ich werd' amal probieren. Ich werd' amal denken, ich bin der Peterle und mach' 'n Aufsatz. Wenn bloß das Schreiben nich wär', ich kann noch schlechter als du!“


Morgen geht's weiter ... Freudiges gesicht


  1. Auszug aus Der Sohn der Hagar (Zwölftes Kapitel) von Paul Keller.
Das Türchen vom 12. Dez. Das Türchen vom 14. Dez.