Benutzer:Thirunavukkarasye-Raveendran/Häufige Wörter Ungarisch 17
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- Die Geschichte Ungarns - 2. - Die Kelten in Pannonien (bis 1. Jh. v.Chr.)
- DIE GESCHICHTE UNGARNS
- Vorgeschichte und Urgeschichte
Die Kelten in Pannonien (bis 1. Jh. v.Chr.)
[Bearbeiten]- 1. Die keltische Epoche bildet in der Geschichte des Karpatenbeckens einen Abschnitt von rund vier Jahrhunderten.
- 2. Sie reicht vom fünften bis zum ersten Jahrhundert vor Christus.
- 3. Mit ihr beginnt zugleich die überlieferte Geschichte der Region, denn die Kelten werden in antiken Schriftquellen genannt.
- 4. Davor lag die namenlose Welt der vorgeschichtlichen Kulturen, die allein durch Funde bekannt ist.
- 5. Die Kelten waren kein einheitliches Volk mit einem Staat, sondern eine Vielzahl verwandter Stämme.
- 6. Verbunden waren diese Stämme durch Sprache, Kunst, Religion und Lebensweise.
- 7. Politisch jedoch blieben sie dauerhaft zersplittert und ohne gemeinsame Führung.
- 8. Ihren Ursprung hatte die keltische Welt in Mitteleuropa nördlich der Alpen.
- 9. Von dort breiteten sich keltische Gruppen über weite Teile des Kontinents aus.
- 10. Diese Ausbreitung erreichte zwischen dem fünften und dritten Jahrhundert auch das Karpatenbecken.
- 11. Die Einwanderung war ein langgezogener Vorgang aus vielen kleinen Vorstößen.
- 12. Sie verband kriegerische Eroberung mit allmählicher friedlicher Zuwanderung.
- 13. Die Kelten trafen auf eine bereits seit der Steinzeit besiedelte Region.
- 14. Einwanderer und alteingesessene Bevölkerung vermischten sich über die Generationen.
- 15. Die einheimischen Gruppen übernahmen vielfach die überlegene keltische Kultur und Technik.
- 16. Diesen Vorgang der kulturellen Angleichung bezeichnet man als Keltisierung.
- 17. Am stärksten keltisch geprägt wurde das westliche Transdanubien.
- 18. Im Karpatenbecken siedelten Stämme wie die Boier, die Skordisker und die Eravisker.
- 19. Die keltische Gesellschaft war deutlich nach Rang und Besitz gegliedert.
- 20. An ihrer Spitze stand eine schmale Oberschicht aus Fürsten und Adel.
- 21. Das Kriegertum genoss hohes Ansehen und prägte das keltische Selbstverständnis.
- 22. Mächtige Anführer umgaben sich mit bewaffneten Gefolgsleuten.
- 23. Den größten Teil der Bevölkerung bildeten die Bauern, die alle anderen mit Nahrung versorgten.
- 24. Am unteren Rand der Gesellschaft standen die unfreien Sklaven.
- 25. Eine einflussreiche Sondergruppe bildeten die Druiden als Träger von Religion, Recht und Wissen.
- 26. Die keltische Welt beruhte ganz auf mündlicher Überlieferung und kannte kaum Schrift.
- 27. Die Kelten lebten in vielfältigen Siedlungsformen vom Einzelhof bis zur befestigten Stadt.
- 28. Die bedeutendste Siedlungsform war das Oppidum, eine große befestigte Großsiedlung.
- 29. Oppida gelten als die ersten stadtartigen Orte nördlich der antiken Mittelmeerwelt.
- 30. Sie vereinten Festung, Markt, Werkstatt, Herrschaftssitz und Kultplatz an einem Ort.
- 31. Ihre gewaltigen Mauern bezeugen eine straff organisierte und leistungsfähige Gesellschaft.
- 32. Die Oppida waren zugleich die Mittelpunkte von Handwerk und Handel.
- 33. Das keltische Handwerk erreichte ein hohes Niveau, besonders in der Eisenverarbeitung.
- 34. Töpferscheibe, Münzprägung und Glasherstellung zeugen vom technischen Fortschritt.
- 35. Die keltische Welt des Karpatenbeckens war weiträumig in den Handel eingebunden.
- 36. Ihre günstige Lage an Flüssen und Verkehrswegen begünstigte den Austausch.
- 37. Gehandelt wurden Eisen, Salz, Vieh, Felle, Getreide und auch Sklaven.
- 38. Aus der antiken Mittelmeerwelt gelangten Wein, feines Geschirr und Luxuswaren in die Region.
- 39. Der Besitz solcher Importgüter war ein sichtbares Zeichen von Rang und Reichtum.
- 40. Mit den Waren wanderten auch Techniken, Münzwesen und kulturelle Anregungen.
- 41. Die enge Bindung an Rom brachte Wohlstand, machte die Kelten aber zugleich verwundbar.
- 42. Im ersten Jahrhundert vor Christus geriet die keltische Welt von mehreren Seiten unter Druck.
- 43. Aus dem Osten griffen die Daker unter ihrem König Burebista an.
- 44. Aus dem Norden drängten germanische Stämme nach.
- 45. Aus dem Süden rückte die Großmacht Rom an die Donau heran.
- 46. Die politische Zersplitterung machte die Kelten ihren geeinten Gegnern unterlegen.
- 47. Kriege, Verluste und der Verfall der Oppida schwächten die keltische Welt zusätzlich.
- 48. Unter Kaiser Augustus eroberte Rom schließlich das westliche Karpatenbecken.
- 49. Aus dem unterworfenen Land entstand die römische Provinz Pannonia.
- 50. Damit endete die keltische Epoche, und die Geschichte des Karpatenbeckens trat in ihren römischen Abschnitt ein.
Die Ankunft der Kelten: Migration und Besiedlung (5.-3. Jahrhundert v.Chr.)
[Bearbeiten]- 1. Mit den Kelten betritt erstmals ein Volk die Geschichte des Karpatenbeckens, dessen Name aus antiken Schriftquellen überliefert ist.
- 2. Bis zur Eisenzeit kannte man die Bewohner der Region nur über ihre archäologischen Hinterlassenschaften.
- 3. Die Kelten dagegen werden von griechischen und römischen Schriftstellern ausdrücklich erwähnt und benannt.
- 4. Damit endet für das Karpatenbecken die schriftlose Urgeschichte und die eigentliche Geschichte beginnt.
- 5. Der Begriff Kelten bezeichnet allerdings kein einheitliches Volk mit einem gemeinsamen Staat.
- 6. Gemeint ist vielmehr eine große Gruppe von Stämmen, die durch Sprache, Kunst und Lebensweise verbunden waren.
- 7. Die keltischen Stämme sprachen verwandte Sprachen, die zur indogermanischen Sprachfamilie gehören.
- 8. Sie teilten ähnliche religiöse Vorstellungen, Kunstformen und gesellschaftliche Ordnungen.
- 9. Politisch jedoch blieben sie zersplittert, denn jeder Stamm handelte selbständig und oft auch gegeneinander.
- 10. Die Griechen nannten diese Stämme Keltoi, die Römer bezeichneten sie als Galli, also Gallier.
- 11. Beide Begriffe meinen weitgehend dieselbe Völkergruppe.
- 12. Die Ursprünge der keltischen Welt liegen in Mitteleuropa, nördlich der Alpen.
- 13. Als Kernraum ihrer Herausbildung gelten Gebiete im heutigen Süddeutschland, in Ostfrankreich und im Alpenvorland.
- 14. Dort entwickelte sich in der älteren Eisenzeit die sogenannte Hallstattkultur.
- 15. Aus dieser Hallstattkultur ging in der jüngeren Eisenzeit die Latènekultur hervor.
- 16. Die Latènekultur gilt als die eigentliche, voll ausgeprägte Kultur der Kelten.
- 17. Sie ist nach dem Fundort La Tène am Neuenburger See in der heutigen Schweiz benannt.
- 18. Von ihrem mitteleuropäischen Kernraum aus breiteten sich die Kelten in mehreren Wellen über weite Teile Europas aus.
- 19. Diese Ausbreitung erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte und erfasste sehr unterschiedliche Regionen.
- 20. Keltische Gruppen gelangten bis auf die Britischen Inseln, nach Spanien, Norditalien und auf den Balkan.
- 21. Auch das Karpatenbecken geriet im Zuge dieser Bewegungen in den keltischen Einflussbereich.
- 22. Die Wanderung ganzer Bevölkerungsgruppen in neue Gebiete bezeichnet man als Migration.
- 23. Die keltische Migration war kein einmaliger Vorgang, sondern ein langgezogener Prozess.
- 24. Sie vollzog sich im Karpatenbecken vor allem zwischen dem fünften und dem dritten Jahrhundert vor Christus.
- 25. Über die Beweggründe dieser Wanderungen gibt es in der Forschung mehrere Erklärungen.
- 26. Ein wichtiger Grund war vermutlich das Wachstum der Bevölkerung in den keltischen Kernländern.
- 27. Wo Land und Nahrung knapp wurden, suchten Gruppen nach neuen Siedlungsräumen.
- 28. Auch die Aussicht auf fruchtbares Ackerland und auf Beute trieb keltische Verbände in die Ferne.
- 29. Antike Schriftsteller berichten zudem von keltischen Kriegerscharen, die als Söldner in fremde Dienste traten.
- 30. Manche dieser Gruppen ließen sich nach ihren Feldzügen dauerhaft in eroberten Gebieten nieder.
- 31. Die keltische Ausbreitung war daher teils kriegerische Eroberung, teils allmähliche Einwanderung.
- 32. Im Karpatenbecken überlagerten sich beide Vorgänge über mehrere Generationen hinweg.
- 33. Es handelte sich nicht um den Zug eines einzigen großen Heeres, sondern um viele kleinere Vorstöße.
- 34. Einzelne Stämme, Sippen und Kriegergruppen wanderten unabhängig voneinander ein.
- 35. Ihre Bewegungen folgten den großen Flusstälern, die als natürliche Wege dienten.
- 36. Vor allem die Donau bildete eine Hauptachse der keltischen Ausbreitung nach Osten.
- 37. Entlang der Flüsse fanden sich Wasser, fruchtbares Land und Verbindungswege zugleich.
- 38. Die ersten keltischen Gruppen erreichten das westliche Karpatenbecken im Verlauf des fünften Jahrhunderts vor Christus.
- 39. Dieser westliche Teil, das heutige Transdanubien, wurde am frühesten und am stärksten keltisch geprägt.
- 40. Transdanubien bezeichnet das Gebiet Ungarns westlich der Donau.
- 41. Von dort dehnte sich der keltische Einfluss allmählich weiter nach Osten und Süden aus.
- 42. Im vierten und dritten Jahrhundert vor Christus war das Karpatenbecken weithin keltisch bestimmt.
- 43. Die einwandernden Kelten trafen jedoch nicht auf ein menschenleeres Land.
- 44. Das Karpatenbecken war bereits seit der Steinzeit durchgehend besiedelt.
- 45. In der älteren Eisenzeit lebten dort Träger der einheimischen Hallstattkultur sowie eingewanderte Steppenvölker.
- 46. Zu diesen Steppenvölkern zählten unter anderem die Skythen im Osten der Region.
- 47. Die Kelten verdrängten diese älteren Bevölkerungsgruppen nicht einfach vollständig.
- 48. Vielmehr vermischten sich Einwanderer und Alteingesessene über die Generationen miteinander.
- 49. Aus dieser Vermischung entstand eine Bevölkerung, die sowohl keltische als auch einheimische Züge trug.
- 50. Die einheimischen Gruppen übernahmen vielfach die überlegene keltische Kultur und Technik.
- 51. Diesen Vorgang der kulturellen Angleichung an die Kelten bezeichnet man als Keltisierung.
- 52. Keltisierung bedeutet, dass sich Sprache, Sachkultur und Lebensweise einer Region keltisch ausprägten.
- 53. Sie vollzog sich nicht durch Zwang allein, sondern auch durch friedliche Übernahme und Nachahmung.
- 54. Die keltische Kultur war jener der Vorbewohner technisch und handwerklich überlegen.
- 55. Daher setzte sie sich im Karpatenbecken weithin als bestimmende Kultur durch.
- 56. Ein berühmtes Ereignis macht die Wucht der keltischen Wanderungen besonders deutlich.
- 57. Im Jahr 387 vor Christus zogen keltische Krieger nach Italien und eroberten die Stadt Rom.
- 58. Dieser Vorfall hinterließ bei den Römern einen tiefen und lang nachwirkenden Schrecken.
- 59. Auch wenn dieses Ereignis Italien betraf, zeigt es die Reichweite und Schlagkraft der Kelten.
- 60. Eine zweite große Bewegung führte keltische Heere weit nach Südosten.
- 61. Im Jahr 279 vor Christus fielen keltische Verbände in Griechenland ein.
- 62. Sie bedrohten sogar das berühmte Heiligtum von Delphi.
- 63. Diese Feldzüge nach Südosten verliefen zum Teil durch das Karpatenbecken.
- 64. Die Region diente dabei als Durchgangsraum und als Ausgangsbasis für weitere Vorstöße.
- 65. Ein Teil dieser nach Südosten ziehenden Kelten kehrte später in das Karpatenbecken zurück.
- 66. Andere Gruppen zogen sogar bis nach Kleinasien weiter.
- 67. Dort ließen sie sich dauerhaft nieder und wurden als Galater bekannt.
- 68. Diese weiträumigen Züge belegen die außergewöhnliche Beweglichkeit der keltischen Stämme.
- 69. Für das Karpatenbecken sind die Namen mehrerer keltischer Stämme überliefert.
- 70. Im westlichen Transdanubien siedelten unter anderem die Boier.
- 71. Die Boier waren ein mächtiger keltischer Stamm, der auch in Norditalien und Böhmen Spuren hinterließ.
- 72. Der Name der Landschaft Böhmen wird auf den Stamm der Boier zurückgeführt.
- 73. Im Süden des Karpatenbeckens, im Bereich der Save- und Draumündung, siedelten die Skordisker.
- 74. Die Skordisker gingen aus den Resten der nach Griechenland gezogenen Kelten hervor.
- 75. Sie bildeten an der mittleren Donau ein mächtiges und kriegerisches Stammesgebilde.
- 76. Im nördlichen Karpatenbecken werden in späterer Zeit die Eravisker fassbar.
- 77. Die Eravisker siedelten im Raum des heutigen Budapest und waren teils keltisch, teils einheimisch geprägt.
- 78. Die Stammesnamen zeigen, dass das Karpatenbecken keine politische Einheit bildete.
- 79. Es war in zahlreiche selbständige Stammesgebiete aufgeteilt, die nebeneinander bestanden.
- 80. Diese Stämme verband die gemeinsame keltische Kultur, nicht aber eine gemeinsame Herrschaft.
- 81. Die einwandernden Kelten brachten ihre eigene materielle Kultur in das Karpatenbecken mit.
- 82. Diese Kultur ist durch die Funde der Latènezeit deutlich zu erkennen.
- 83. Kennzeichnend waren neuartige Waffen, Trachtbestandteile, Schmuckstücke und Keramikformen.
- 84. Besonders typisch für die keltische Tracht war die Fibel, eine kunstvoll gearbeitete Gewandspange.
- 85. Eine Fibel diente als Verschluss für Kleidungsstücke und zugleich als Schmuck.
- 86. Ebenso kennzeichnend war der Halsring aus Metall, der sogenannte Torques.
- 87. Der Torques galt als Zeichen von Rang, Würde und keltischer Zugehörigkeit.
- 88. Die keltische Kunst bevorzugte geschwungene Linien, Spiralen und stilisierte Pflanzenmuster.
- 89. Diese eigenwillige Formensprache unterscheidet sich deutlich von der Kunst der Vorbewohner.
- 90. Anhand solcher Funde lässt sich die Ausbreitung der Kelten im Karpatenbecken nachzeichnen.
- 91. Wo latènezeitliche Funde auftreten, ist mit keltischer Anwesenheit oder keltischem Einfluss zu rechnen.
- 92. Die Kelten waren zudem für ihre fortgeschrittene Eisenverarbeitung bekannt.
- 93. Ihre Schmiede stellten hochwertige Werkzeuge und wirksame eiserne Waffen her.
- 94. Mit der keltischen Einwanderung erreichte die Eisentechnik im Karpatenbecken einen neuen Höchststand.
- 95. Auch in der Landwirtschaft brachten die Kelten Fortschritte, etwa verbesserte eiserne Geräte.
- 96. Die einwandernden Gruppen lebten überwiegend von Ackerbau und Viehzucht.
- 97. Daneben spielten Handwerk, Handel und der Krieg eine wichtige Rolle in ihrer Lebensweise.
- 98. Die keltische Gesellschaft war kriegerisch geprägt und kannte ein angesehenes Kriegertum.
- 99. Diese kriegerische Ausrichtung erklärt zum Teil die Wucht und Reichweite der Wanderungen.
- 100. Über die einwandernden Kelten berichten auch antike Schriftsteller.
- 101. Griechische und römische Autoren beschrieben die Kelten als großgewachsen und kampflustig.
- 102. Solche Schilderungen sind jedoch von Vorurteilen und Übertreibungen geprägt.
- 103. Die antiken Autoren sahen die Kelten als fremde, oft bedrohliche Barbaren.
- 104. Ihre Berichte müssen daher kritisch und vorsichtig ausgewertet werden.
- 105. Eine zuverlässigere Quelle bilden die archäologischen Funde der Latènezeit.
- 106. Funde und Schriftquellen ergänzen einander, müssen aber sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
- 107. Mit der dauerhaften Niederlassung der Kelten wandelte sich das Bild der Besiedlung.
- 108. Es entstanden Dörfer, Gehöfte und Bestattungsplätze keltischer Prägung.
- 109. Die keltische Einwanderung war damit nicht nur ein militärischer, sondern auch ein dauerhafter siedlungsgeschichtlicher Vorgang.
- 110. Aus den anfänglich fremden Eroberern wurden über die Generationen ansässige Bewohner der Region.
- 111. Bis zum dritten Jahrhundert vor Christus hatte sich das Karpatenbecken zu einem keltisch geprägten Raum entwickelt.
- 112. Diese keltische Epoche sollte bis zum ersten Jahrhundert vor Christus andauern.
- 113. Sie endete erst, als von Süden her die Macht des Römischen Reiches an die Donau heranrückte.
- 114. Die Ankunft der Kelten bildet somit den Beginn der überlieferten Geschichte des Karpatenbeckens.
- 115. Mit ihr endgültig vorüber ist die namenlose Welt der vorgeschichtlichen Kulturen.
- 116. Wie die keltische Gesellschaft im Inneren aufgebaut war, behandelt das folgende Kapitel.
Keltische Gesellschaft: Fürsten, Krieger und Handwerker
[Bearbeiten]- 1. Die keltische Gesellschaft im Karpatenbecken war kein gleichförmiges Ganzes, sondern deutlich in Ränge gegliedert.
- 2. Über die Stellung eines Menschen entschieden vor allem seine Herkunft, sein Besitz und seine Aufgabe in der Gemeinschaft.
- 3. Diese Aufteilung in höhere und niedrigere Stände bezeichnet man als gesellschaftliche Schichtung.
- 4. Die Forschung erschließt den Aufbau dieser Gesellschaft aus zwei Arten von Quellen.
- 5. Zum einen liefern archäologische Funde, vor allem Gräber und Siedlungen, wichtige Hinweise.
- 6. Zum anderen berichten antike griechische und römische Schriftsteller über das Leben der Kelten.
- 7. Diese Schriftquellen beziehen sich meist auf die Kelten Galliens, lassen sich aber in Grundzügen übertragen.
- 8. Sie sind jedoch von der Außensicht der Antike geprägt und müssen kritisch ausgewertet werden.
- 9. Aus dem Zusammenspiel beider Quellengruppen ergibt sich das Bild einer gestuften Standesgesellschaft.
- 10. An der Spitze der keltischen Gesellschaft stand eine schmale, mächtige Oberschicht.
- 11. Diese Oberschicht bestand aus vornehmen Familien, deren Rang sich über Generationen vererbte.
- 12. Ihre Angehörigen werden in der Forschung oft als Adel oder als Fürsten bezeichnet.
- 13. Ein keltischer Fürst war ein Anführer, der über Land, Vieh, Gefolgsleute und Reichtum verfügte.
- 14. Seine Macht beruhte auf Grundbesitz, auf Abhängigen und auf der Gefolgschaft bewaffneter Krieger.
- 15. Manche keltischen Stämme wurden von Königen geführt, deren Würde erblich war.
- 16. Antike Quellen berichten jedoch, dass das Königtum bei vielen Stämmen später zurückgedrängt wurde.
- 17. An die Stelle der Könige traten dann jährlich gewählte Amtsträger aus dem Adel.
- 18. Ein solcher oberster Amtsträger wird in den Quellen mit dem lateinischen Wort Vergobret bezeichnet.
- 19. Die Macht lag in diesem Fall nicht bei einem Einzelnen, sondern bei der Versammlung der Vornehmen.
- 20. Die politische Ordnung der Kelten war damit von Stamm zu Stamm verschieden.
- 21. Gemeinsam war den Stämmen, dass die Oberschicht die entscheidende politische Rolle spielte.
- 22. Der Reichtum und Rang der Fürsten zeigte sich besonders deutlich in ihren Bestattungen.
- 23. Vornehme Tote wurden mit kostbaren Beigaben ins Grab gelegt.
- 24. Zu diesen Beigaben zählten Waffen, Goldschmuck, fein gearbeitete Gefäße und mitunter ganze Wagen.
- 25. Solche reich ausgestatteten Gräber werden in der Forschung als Fürstengräber bezeichnet.
- 26. Sie bilden einen deutlichen Gegensatz zu den schlicht ausgestatteten Gräbern der einfachen Bevölkerung.
- 27. Aus diesem Unterschied schließt die Forschung auf die ausgeprägte soziale Ungleichheit der Kelten.
- 28. Eine zweite bedeutende Gruppe der keltischen Gesellschaft bildeten die Krieger.
- 29. Das Kriegertum genoss bei den Kelten hohes Ansehen und prägte ihr Selbstverständnis stark.
- 30. Viele Krieger entstammten der adligen Oberschicht oder standen ihr nahe.
- 31. Ein vornehmer Kelte umgab sich mit einer Schar bewaffneter Gefolgsleute.
- 32. Diese Gefolgsleute waren ihrem Anführer durch Treue und gegenseitige Verpflichtung verbunden.
- 33. Der Anführer gewährte Schutz, Unterhalt und Anteil an der Beute.
- 34. Die Gefolgsleute leisteten dafür Kriegsdienst und persönliche Treue.
- 35. Diese auf gegenseitiger Bindung beruhende Ordnung bezeichnet man als Gefolgschaftswesen.
- 36. Die Größe der Gefolgschaft bestimmte maßgeblich das Ansehen und die Macht eines Fürsten.
- 37. Die Bewaffnung eines keltischen Kriegers war für ihre Zeit hoch entwickelt.
- 38. Zur typischen Ausrüstung gehörte ein langes Schwert aus Eisen.
- 39. Hinzu kamen Lanze, Speer und ein großer, meist hölzerner Schild.
- 40. Vornehme Krieger trugen darüber hinaus einen Helm und gelegentlich ein Kettenhemd.
- 41. Das Kettenhemd, ein Schutzpanzer aus verflochtenen Eisenringen, gilt sogar als keltische Erfindung.
- 42. Manche Krieger zogen nach antiken Berichten ohne Rüstung oder sogar unbekleidet in die Schlacht.
- 43. Damit wollten sie ihren Mut und ihre Todesverachtung sichtbar zur Schau stellen.
- 44. Antike Autoren beschreiben die Kelten als kühne, ungestüme, aber wenig ausdauernde Kämpfer.
- 45. Wohlhabende Krieger kämpften beritten oder vom zweirädrigen Streitwagen aus.
- 46. Der Streitwagen diente vor allem dazu, einen Krieger rasch an den Ort des Kampfes zu bringen.
- 47. Die Reiterei gewann im Lauf der Zeit gegenüber dem Streitwagen an Bedeutung.
- 48. Krieg, Beutezüge und Söldnerdienst waren feste Bestandteile der keltischen Lebenswelt.
- 49. Keltische Krieger traten häufig als Söldner in den Dienst fremder Mächte.
- 50. Sie kämpften für griechische Herrscher, für Karthago und für andere antike Staaten.
- 51. Der Sold und die Beute aus solchen Diensten flossen in die keltische Welt zurück.
- 52. Eine dritte wichtige Gruppe bildeten die Handwerker und Spezialisten.
- 53. Die keltische Kultur zeichnete sich durch ein besonders weit entwickeltes Handwerk aus.
- 54. An erster Stelle stand dabei die Verarbeitung des Eisens.
- 55. Keltische Schmiede galten als hervorragende Fachleute ihrer Kunst.
- 56. Sie fertigten wirksame Waffen, hochwertige Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte.
- 57. Auch die Bearbeitung von Bronze, Gold und Silber stand auf hohem Niveau.
- 58. Feinschmiede stellten kunstvollen Schmuck wie Fibeln, Halsringe und Armreife her.
- 59. Eine bedeutende technische Errungenschaft des keltischen Handwerks war die schnelldrehende Töpferscheibe.
- 60. Mit ihrer Hilfe ließ sich Keramik rascher, gleichmäßiger und in größerer Menge herstellen.
- 61. Damit näherte sich die Töpferei einer fast werkstattmäßigen Erzeugung an.
- 62. Weitere Handwerkszweige waren die Glasherstellung, die Holzbearbeitung und das Münzprägen.
- 63. Aus Glas fertigten keltische Handwerker farbige Perlen und Armringe.
- 64. Die hohe handwerkliche Spezialisierung setzte voraus, dass nicht jeder seine Nahrung selbst erzeugte.
- 65. Handwerker konnten sich ihrem Gewerbe widmen, weil andere die Lebensmittel erzeugten.
- 66. Den größten Teil der keltischen Bevölkerung bildeten jedoch die Bauern.
- 67. Die Bauern erzeugten durch Ackerbau und Viehzucht die Nahrungsgrundlage der gesamten Gesellschaft.
- 68. Sie bauten Getreide an und hielten Rinder, Schweine, Schafe und Pferde.
- 69. Eiserne Pflüge, Sicheln und Sensen erleichterten ihre Arbeit erheblich.
- 70. Ohne die Erträge der Bauern wären weder Adel noch Krieger noch Handwerker zu ernähren gewesen.
- 71. Viele Bauern lebten als freie Angehörige des Stammes, andere in Abhängigkeit von einem Fürsten.
- 72. Abhängige Bauern mussten Abgaben leisten oder auf dem Land eines Vornehmen arbeiten.
- 73. Am unteren Rand der Gesellschaft standen die Unfreien oder Sklaven.
- 74. Sklaven galten nicht als Personen mit eigenen Rechten, sondern als Besitz ihres Herrn.
- 75. Viele von ihnen waren Kriegsgefangene oder wurden im Handel erworben.
- 76. Sklaven verrichteten harte Arbeit in der Landwirtschaft, im Haushalt und im Handwerk.
- 77. Der Handel mit Sklaven war ein einträglicher Zweig der keltischen Wirtschaft.
- 78. Eine besondere und einflussreiche Gruppe bildeten die Druiden.
- 79. Die Druiden waren die Träger des religiösen Wissens und der geistigen Überlieferung.
- 80. Sie leiteten Opferhandlungen, religiöse Feste und kultische Zeremonien.
- 81. Zugleich wirkten sie als Richter und entschieden über Streitfälle und Rechtsfragen.
- 82. Druiden besaßen außerdem Wissen über Naturkunde, Zeitrechnung und Heilkunde.
- 83. Ihre umfassende Bildung und ihr religiöses Ansehen verschafften ihnen großen Einfluss.
- 84. Das Wissen der Druiden wurde nicht aufgeschrieben, sondern mündlich weitergegeben.
- 85. Die Ausbildung eines Druiden konnte daher viele Jahre in Anspruch nehmen.
- 86. Neben den Druiden gab es Sänger und Dichter, die sogenannten Barden.
- 87. Die Barden besangen die Taten der Helden und bewahrten die Überlieferung des Stammes.
- 88. Da die Kelten ihre Geschichte nicht aufzeichneten, kam der mündlichen Erinnerung großes Gewicht zu.
- 89. Die keltische Gesellschaft beruhte ganz auf der mündlichen Weitergabe von Wissen und Recht.
- 90. Schrift wurde, wenn überhaupt, nur in geringem Umfang und für besondere Zwecke verwendet.
- 91. Das Fehlen einer eigenen Geschichtsschreibung erschwert die Erforschung der Kelten erheblich.
- 92. Über das Leben der keltischen Frauen ist nur wenig gesichert bekannt.
- 93. Die Stellung der Frau war wohl höher als in manchen anderen antiken Gesellschaften.
- 94. Reich ausgestattete Frauengräber zeigen, dass auch Frauen Rang und Ansehen besitzen konnten.
- 95. In der Regel lag die politische und militärische Macht jedoch in den Händen der Männer.
- 96. Die Grundeinheit der keltischen Gesellschaft war die Familie und die weitere Verwandtschaft.
- 97. Mehrere verwandte Familien bildeten zusammen eine Sippe.
- 98. Die Verwandtschaft bot dem Einzelnen Schutz, Rückhalt und gegenseitige Verpflichtung.
- 99. Über der Sippe stand der Stamm als größere politische Gemeinschaft.
- 100. Ein Stamm umfasste ein bestimmtes Gebiet und besaß eine eigene Führung.
- 101. Wichtige Entscheidungen wurden auf der Versammlung der waffenfähigen freien Männer beraten.
- 102. Diese Volks- oder Stammesversammlung bildete ein Gegengewicht zur Macht der Fürsten.
- 103. Eine staatliche Ordnung im späteren Sinne kannten die keltischen Stämme jedoch nicht.
- 104. Die Bindungen beruhten auf Verwandtschaft, Treue und persönlicher Gefolgschaft.
- 105. Religion und Kult durchdrangen das gesamte Leben der keltischen Gesellschaft.
- 106. Die Kelten verehrten zahlreiche Götter, die mit Naturkräften und Lebensbereichen verbunden waren.
- 107. Heilige Orte lagen oft in der Natur, etwa in Hainen, an Quellen oder an Flüssen.
- 108. An solchen Stätten wurden Opfergaben für die Götter niedergelegt.
- 109. Die Kelten glaubten an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod.
- 110. Dieser Glaube erklärt die reichen Beigaben, die man den Toten mit ins Grab gab.
- 111. Insgesamt war die keltische Gesellschaft straff gegliedert und zugleich vielfältig.
- 112. Fürsten und Adel lenkten die Politik, Krieger sicherten Macht und Beute.
- 113. Handwerker schufen Werkzeuge, Waffen und Schmuck von hoher Qualität.
- 114. Bauern trugen mit ihrer Arbeit die gesamte Gesellschaft, Unfreie standen an deren unterem Rand.
- 115. Druiden und Barden bewahrten Glauben, Recht und Überlieferung des Stammes.
- 116. Diese gegliederte Gesellschaft prägte das Karpatenbecken über mehrere Jahrhunderte.
- 117. Wie sich diese Ordnung in den keltischen Siedlungen und den befestigten Oppida widerspiegelte, zeigt das folgende Kapitel.
Keltische Siedlungen und Oppida: Zentren der Macht
[Bearbeiten]- 1. Die keltische Bevölkerung des Karpatenbeckens lebte nicht in einer einzigen Siedlungsform, sondern in sehr unterschiedlichen Niederlassungen.
- 2. Die Spannweite reichte vom einzelnen Bauerngehöft bis zur großen, befestigten Stadt.
- 3. Welche Form vorherrschte, hing von der Zeitstellung, der Landschaft und der Aufgabe der Siedlung ab.
- 4. Die Forschung erschließt diese Siedlungswelt fast ausschließlich aus archäologischen Funden.
- 5. Schriftliche Beschreibungen keltischer Orte im Karpatenbecken sind kaum überliefert.
- 6. Über die Siedlungen Galliens berichtet immerhin der römische Feldherr Caesar in seinen Aufzeichnungen.
- 7. Seine Schilderungen lassen sich in Grundzügen auch auf das Karpatenbecken übertragen.
- 8. Den größten Teil der keltischen Bevölkerung bildeten Bauern, die auf dem Land lebten.
- 9. Die häufigste Siedlungsform war daher das ländliche Dorf oder der einzelne Bauernhof.
- 10. Ein keltisches Gehöft bestand meist aus mehreren Gebäuden, die einem Familienverband dienten.
- 11. Zu einem solchen Hof gehörten Wohnhäuser, Vorratsbauten, Werkstätten und Ställe.
- 12. Häufig war das Gehöft von einem Zaun oder einem Graben umgeben.
- 13. Diese Umfriedung schützte vor Vieh, wilden Tieren und unerwünschten Eindringlingen.
- 14. Mehrere solcher Gehöfte konnten lockere, weilerartige Siedlungen bilden.
- 15. Die keltischen Wohnhäuser bestanden überwiegend aus vergänglichen Baustoffen.
- 16. Verwendet wurden Holz, Lehm, Flechtwerk und Stroh oder Schilf für die Dächer.
- 17. Die Wände entstanden oft in Flechtwerkbauweise, bei der ein Rutengeflecht mit Lehm verstrichen wurde.
- 18. Tragende Pfosten aus Holz bildeten das Gerüst des Hauses.
- 19. Da diese Baustoffe im Boden vergehen, sind von den Häusern meist nur die Pfostenlöcher erhalten.
- 20. Aus der Anordnung dieser Pfostenlöcher rekonstruiert die Archäologie den ursprünglichen Grundriss.
- 21. Eine verbreitete Bauform war das sogenannte Grubenhaus.
- 22. Bei einem Grubenhaus war der Boden gegenüber der Umgebung leicht eingetieft.
- 23. Solche eingetieften Bauten dienten häufig als Werkstätten oder Vorratsräume.
- 24. Zur Aufbewahrung von Getreide legten die Kelten Vorratsgruben in den Boden.
- 25. In gut abgedichteten Gruben ließ sich Korn über längere Zeit lagern.
- 26. Neben den einfachen ländlichen Siedlungen gab es größere und bedeutendere Ortschaften.
- 27. In der mittleren Latènezeit bildeten sich vielerorts offene, unbefestigte Großsiedlungen heraus.
- 28. Solche Siedlungen waren Mittelpunkte für Handwerk, Handel und das Leben einer ganzen Umgebung.
- 29. In ihnen arbeiteten Schmiede, Töpfer und andere Handwerker oft in eigenen Bereichen.
- 30. Die bedeutendste und eindrucksvollste Siedlungsform der Kelten war jedoch das Oppidum.
- 31. Das Wort Oppidum stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie befestigter Ort oder Stadt.
- 32. Der römische Feldherr Caesar verwendete diesen Begriff für die großen keltischen Befestigungen.
- 33. In der Forschung bezeichnet Oppidum eine große, befestigte, stadtartige Siedlung der späten Latènezeit.
- 34. Die Oppida gelten als die ersten stadtähnlichen Siedlungen nördlich der antiken Mittelmeerwelt.
- 35. Sie entstanden überwiegend im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus.
- 36. Die Epoche ihrer Blüte wird daher auch als Oppidazivilisation bezeichnet.
- 37. Ein Oppidum unterschied sich von einem Dorf durch seine Größe, seine Befestigung und seine Vielfalt an Aufgaben.
- 38. Es vereinte Wohnen, Handwerk, Handel, Verwaltung und Kult an einem Ort.
- 39. Oppida wurden meist an gut zu verteidigenden und verkehrsgünstigen Stellen angelegt.
- 40. Bevorzugt wurden Bergkuppen, Hochflächen, Landzungen und Flussschleifen.
- 41. Eine erhöhte Lage erleichterte die Verteidigung und bot Überblick über das Umland.
- 42. Die Nähe zu Flüssen und Wegen sicherte zugleich die Anbindung an den Handel.
- 43. Das auffälligste Merkmal eines Oppidums war seine gewaltige Befestigungsmauer.
- 44. Diese Mauer umschloss oft eine sehr große Fläche von vielen Hektar.
- 45. Die keltische Befestigungsmauer war kein einfacher Wall, sondern eine durchdachte Konstruktion.
- 46. Caesar beschrieb eine besondere keltische Bauweise, die er murus Gallicus nannte.
- 47. Der Ausdruck murus Gallicus bedeutet wörtlich gallische Mauer.
- 48. Bei dieser Bauweise wurde ein Gerüst aus Holzbalken mit Steinen und Erde gefüllt.
- 49. Die Balken waren durch lange Eisennägel miteinander verbunden.
- 50. Die Vorderseite der Mauer bestand aus sorgfältig gesetztem Steinwerk.
- 51. Diese Verbindung aus Holz, Stein und Erde war zugleich stabil und widerstandsfähig.
- 52. Sie hielt sowohl Rammböcken als auch dem Feuer besser stand als eine reine Steinmauer.
- 53. Neben dem murus Gallicus gab es im Karpatenbecken auch andere Mauerbauweisen.
- 54. Verbreitet waren etwa Mauern mit einer senkrechten, durch Pfosten gegliederten Holzfront.
- 55. Diese Bauart wird in der Forschung als Pfostenschlitzmauer bezeichnet.
- 56. Vor der Mauer lag häufig ein tiefer Graben als zusätzliches Hindernis.
- 57. Der Zugang erfolgte durch sorgfältig angelegte und gut zu verteidigende Tore.
- 58. Die Tore waren oft als eingezogene Zangentore gestaltet, die Angreifer in die Enge führten.
- 59. Die Befestigung diente dem Schutz, war aber zugleich ein sichtbares Zeichen von Macht.
- 60. Eine mächtige Mauer zeigte den Reichtum und die Organisationskraft der Gemeinschaft.
- 61. Der Bau eines Oppidums erforderte die geplante Zusammenarbeit vieler Menschen.
- 62. Holz, Stein, Erde und Eisen mussten beschafft, herangeschafft und verbaut werden.
- 63. Eine solche Leistung setzte eine ordnende und lenkende Führung voraus.
- 64. Die Errichtung der Oppida belegt daher eine straff gegliederte Gesellschaft.
- 65. Im Inneren waren die Oppida häufig planvoll gegliedert.
- 66. An manchen Orten lassen sich regelrechte Straßenzüge und abgegrenzte Bereiche erkennen.
- 67. Es gab Wohnbereiche, Handwerksviertel, freie Plätze und mitunter heilige Bezirke.
- 68. Diese Gliederung zeigt, dass die Oppida nicht zufällig wuchsen, sondern geordnet angelegt wurden.
- 69. Das Oppidum war vor allem ein bedeutendes Zentrum des Handwerks.
- 70. In seinen Werkstätten arbeiteten Spezialisten verschiedener Gewerbe nebeneinander.
- 71. Schmiede verarbeiteten Eisen zu Werkzeugen und Waffen.
- 72. Feinschmiede fertigten Schmuck aus Bronze, Silber und Gold.
- 73. Töpfer stellten mit Hilfe der Töpferscheibe große Mengen an Keramik her.
- 74. Auch Glashandwerker, Holzbearbeiter und Münzpräger waren in den Oppida tätig.
- 75. Die handwerkliche Erzeugung erreichte hier einen fast werkstattmäßigen Umfang.
- 76. Das Oppidum war zugleich ein wichtiger Mittelpunkt des Handels.
- 77. Auf seinen Märkten wurden einheimische Erzeugnisse und fremde Waren getauscht.
- 78. Über Fernhandelswege gelangten Güter aus der antiken Mittelmeerwelt in die Oppida.
- 79. In vielen Oppida wurden eigene Münzen geprägt.
- 80. Das Münzgeld erleichterte den Handel und zeugt von einer entwickelten Wirtschaft.
- 81. Das Oppidum war außerdem ein Mittelpunkt der politischen Macht.
- 82. Hier residierten vermutlich die führenden Familien und Amtsträger des Stammes.
- 83. An solchen Orten wurden Beratungen abgehalten, Recht gesprochen und Entscheidungen getroffen.
- 84. Manche Oppida dürften als Hauptorte ganzer Stämme gedient haben.
- 85. Auch der Kult hatte in den Oppida seinen Platz.
- 86. In einigen Befestigungen sind abgegrenzte heilige Bezirke nachgewiesen.
- 87. So vereinte das Oppidum die Aufgaben von Festung, Stadt, Markt, Werkstatt und Herrschaftssitz.
- 88. Es war ein Mittelpunkt für ein ganzes Umland aus Dörfern und Gehöften.
- 89. Die Bauern der Umgebung versorgten das Oppidum mit Nahrungsmitteln.
- 90. Im Gegenzug bot das Oppidum Schutz, Handwerkserzeugnisse und einen Handelsplatz.
- 91. Zwischen dem Oppidum und seinem Umland bestand somit eine enge wechselseitige Verbindung.
- 92. Im Karpatenbecken sind mehrere bedeutende keltische Oppida und Zentralorte bekannt.
- 93. Ein wichtiges Zentrum lag im Gebiet des heutigen Budapest auf dem Gellértberg.
- 94. Diese Höhensiedlung auf dem Gellértberg war ein Mittelpunkt des Stammes der Eravisker.
- 95. Sie kontrollierte einen wichtigen Donauübergang und das umliegende Land.
- 96. Auch im westlichen Transdanubien lagen befestigte keltische Zentralorte.
- 97. Diese Orte sicherten Verkehrswege und beherrschten ihre jeweilige Umgebung.
- 98. Im nördlichen Bergland des Karpatenbeckens entstanden ebenfalls befestigte Höhensiedlungen.
- 99. Die Lage und Verteilung dieser Zentren zeigt die politische Zersplitterung der keltischen Welt.
- 100. Jeder Stamm besaß seine eigenen Mittelpunkte, eine übergeordnete Hauptstadt gab es nicht.
- 101. Nicht alle keltischen Zentralorte des Karpatenbeckens erreichten die Größe der westlichen Oppida.
- 102. Im östlichen Teil der Region blieben großstädtische Oppida weitgehend aus.
- 103. Dort herrschten ländliche Siedlungen und kleinere befestigte Plätze vor.
- 104. Die Oppidazivilisation war damit im Karpatenbecken regional unterschiedlich stark ausgeprägt.
- 105. Am deutlichsten zeigte sie sich im Westen, der den keltischen Kernländern am nächsten lag.
- 106. Eine besondere Rolle spielten die Plätze, an denen Eisenerz verhüttet wurde.
- 107. In erzreichen Gegenden entstanden eigene Zentren der Eisengewinnung.
- 108. Dort wurde das Erz im Rennverfahren zu Eisen verarbeitet.
- 109. Solche Plätze versorgten die Schmiede der gesamten Umgebung mit Roheisen.
- 110. Die Eisenverhüttung gehörte damit zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der keltischen Siedlungswelt.
- 111. Insgesamt bildeten die keltischen Siedlungen ein gestuftes Netz.
- 112. An dessen Grundlage standen die einzelnen Höfe und kleinen Dörfer.
- 113. Darüber lagen größere offene Siedlungen mit Handwerk und Handel.
- 114. An der Spitze standen die befestigten Oppida als Zentren der Macht.
- 115. Dieses Netz spiegelte die gestufte Ordnung der keltischen Gesellschaft wider.
- 116. Die Oppida waren das sichtbarste Zeichen der hoch entwickelten keltischen Kultur im Karpatenbecken.
- 117. Mit dem Niedergang der keltischen Macht verloren auch die Oppida ihre Bedeutung.
- 118. Welche Kräfte zu diesem Niedergang führten, behandelt eines der folgenden Kapitel.
Handelsbeziehungen: Die Kelten und die antike Welt
[Bearbeiten]- 1. Die keltische Welt des Karpatenbeckens war keine in sich abgeschlossene, sondern eine weithin vernetzte Welt.
- 2. Über den Handel stand sie mit nahen und fernen Regionen in vielfältiger Verbindung.
- 3. Handel bedeutet den Austausch von Waren zwischen Menschen, Orten und ganzen Völkern.
- 4. Schon in der Bronzezeit hatte das Karpatenbecken an einem weiträumigen Austausch teilgenommen.
- 5. In der keltischen Eisenzeit erreichten diese Handelsbeziehungen jedoch einen neuen Umfang.
- 6. Ein wesentlicher Grund dafür war die günstige geografische Lage des Karpatenbeckens.
- 7. Die Region lag im Schnittpunkt großer europäischer Verkehrswege.
- 8. Sie bildete ein Bindeglied zwischen dem Norden und Süden sowie zwischen dem Westen und Osten des Kontinents.
- 9. Die wichtigsten Verkehrsadern waren dabei die großen Flüsse.
- 10. Vor allem die Donau verband das Karpatenbecken mit weit entfernten Regionen.
- 11. Auf den Flüssen ließen sich Waren bequemer und in größerer Menge befördern als über Land.
- 12. Daneben bestanden Landwege, die alten Handelsstraßen folgten.
- 13. Eine besonders bedeutende Landverbindung war die sogenannte Bernsteinstraße.
- 14. Die Bernsteinstraße führte von der Ostsee quer durch Mitteleuropa bis an die Adria.
- 15. Sie verlief durch das westliche Karpatenbecken und band die Region in den Fernhandel ein.
- 16. Über diese Route gelangte vor allem ein begehrter Rohstoff in den Süden: der Bernstein.
- 17. Bernstein ist versteinertes Harz urzeitlicher Bäume und galt als kostbarer Schmuckstoff.
- 18. Er wurde an den Küsten der Ostsee gesammelt und nach Süden gehandelt.
- 19. Das Karpatenbecken diente dabei als Durchgangsraum und als Zwischenstation des Bernsteinhandels.
- 20. Der Handel der keltischen Zeit lässt sich grob in zwei Bereiche gliedern.
- 21. Der erste Bereich war der Austausch innerhalb des Karpatenbeckens und mit den keltischen Nachbarn.
- 22. Der zweite Bereich war der Fernhandel mit den hoch entwickelten Kulturen der antiken Mittelmeerwelt.
- 23. Innerhalb der keltischen Welt wurden vor allem Rohstoffe und Handwerkserzeugnisse getauscht.
- 24. Eisen und eiserne Werkzeuge zählten zu den wichtigsten Handelsgütern.
- 25. Da Eisenerz nicht überall vorkam, war der Austausch von Eisen unverzichtbar.
- 26. Auch Salz war ein begehrtes und weithin gehandeltes Gut.
- 27. Salz diente vor allem der Haltbarmachung von Fleisch und anderen Nahrungsmitteln.
- 28. Es stammte aus den Salzlagerstätten der Karpaten und der Alpenregion.
- 29. Weitere wichtige Handelswaren waren Keramik, Schmuck, Felle, Wolle und Vieh.
- 30. Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden ebenfalls gehandelt.
- 31. Die handwerklichen Zentren, besonders die Oppida, waren die Knotenpunkte dieses Austauschs.
- 32. In ihnen trafen die Erzeugnisse vieler Werkstätten zusammen und wurden weiterverteilt.
- 33. Der Fernhandel verband die keltische Welt mit den großen Mächten des Mittelmeerraums.
- 34. Zu diesen Mächten zählten die griechischen Städte, die Etrusker und später vor allem Rom.
- 35. Aus dem Süden gelangten hochwertige und kostbare Erzeugnisse in das Karpatenbecken.
- 36. Ein besonders begehrtes Importgut war der Wein.
- 37. Wein wurde im Mittelmeerraum erzeugt und von dort nach Norden gehandelt.
- 38. Die keltische Oberschicht schätzte den Wein als Getränk bei festlichen Gelagen.
- 39. Der Wein wurde in großen Tongefäßen, den sogenannten Amphoren, befördert.
- 40. Eine Amphora ist ein zweihenkliges Tongefäß mit spitzem Boden zur Lagerung und zum Transport.
- 41. Die Funde solcher Amphoren belegen den Weinhandel sehr anschaulich.
- 42. Wo Amphorenscherben gefunden werden, ist mit dem Import von südländischem Wein zu rechnen.
- 43. Neben dem Wein gelangte auch hochwertiges Tafelgeschirr in die keltische Welt.
- 44. Dazu gehörten fein gearbeitete Bronzegefäße und kostbares Tongeschirr aus dem Süden.
- 45. Solche Gefäße dienten dem Ausschenken und dem standesgemäßen Genuss des Weins.
- 46. Auch Luxuswaren wie Glas, Schmuck und feine Textilien wurden eingeführt.
- 47. Diese Importgüter waren teuer und blieben weitgehend der Oberschicht vorbehalten.
- 48. Der Besitz südländischer Waren war ein sichtbares Zeichen von Rang und Wohlstand.
- 49. Ein keltischer Fürst zeigte seine Stellung auch durch fremde, kostbare Gegenstände.
- 50. Der Import von Luxusgütern war damit eng mit der gesellschaftlichen Schichtung verbunden.
- 51. Dem Strom der Importe stand ein Strom von Ausfuhrgütern gegenüber.
- 52. Handel beruht auf Austausch, daher mussten die Kelten den Importen eigene Waren entgegensetzen.
- 53. Eine wichtige Ausfuhrware der keltischen Welt waren Rohstoffe.
- 54. Dazu gehörten Metalle, vor allem Eisen, sowie Salz und Felle.
- 55. Auch landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Getreide und Vieh wurden in den Süden geliefert.
- 56. Ein besonders bedeutendes und zugleich düsteres Ausfuhrgut waren Sklaven.
- 57. Der Handel mit unfreien Menschen war in der antiken Welt weit verbreitet.
- 58. Die Mittelmeermächte, besonders Rom, hatten einen großen Bedarf an Sklavenarbeit.
- 59. Viele dieser Sklaven stammten aus Kriegsgefangenen der keltischen Stämme.
- 60. Krieg und Sklavenhandel waren damit eng miteinander verbunden.
- 61. Der Sklavenhandel brachte den keltischen Anführern erheblichen Gewinn.
- 62. Antike Berichte deuten an, dass Sklaven mitunter gegen Wein eingetauscht wurden.
- 63. Dieser Austausch zeigt, wie unmittelbar Import und Export miteinander verzahnt waren.
- 64. Eine wichtige Errungenschaft, die den Handel erleichterte, war das Münzgeld.
- 65. Münzen sind genormte Metallstücke mit festgelegtem Gewicht und Wert.
- 66. Vor der Einführung der Münze beruhte der Handel auf dem unmittelbaren Tausch Ware gegen Ware.
- 67. Diese Form des Austauschs ohne Geld bezeichnet man als Tauschhandel oder Naturaltausch.
- 68. Der Tauschhandel war umständlich, da beide Seiten die jeweils angebotene Ware benötigen mussten.
- 69. Mit dem Münzgeld ließ sich der Wert einer Ware einfach und einheitlich ausdrücken.
- 70. Die Kelten lernten den Gebrauch der Münze von den Griechen kennen.
- 71. Anfangs ahmten keltische Münzpräger griechische Vorbilder unmittelbar nach.
- 72. Besonders die Goldmünzen makedonischer Könige dienten als Vorlage.
- 73. Allmählich entwickelten die keltischen Stämme jedoch eigene Münzbilder und Münztypen.
- 74. Die ursprünglichen griechischen Motive wurden dabei umgeformt und verändert.
- 75. Im Karpatenbecken prägten verschiedene keltische Stämme ihre eigenen Münzen.
- 76. Diese bestanden je nach Wert aus Gold, Silber oder Bronze.
- 77. Die Verbreitung keltischer Münzen zeigt die Reichweite des Handels.
- 78. Wo Münzen eines Stammes auftauchen, lassen sich Handelsverbindungen erschließen.
- 79. Das Münzwesen belegt insgesamt einen hohen Entwicklungsstand der keltischen Wirtschaft.
- 80. Über den Warenaustausch hinaus vermittelte der Handel auch Wissen und Ideen.
- 81. Mit den Waren wanderten Techniken, Moden, Kunstformen und Vorstellungen.
- 82. So gelangten Anregungen der antiken Mittelmeerkultur in die keltische Welt.
- 83. Die keltische Kunst nahm fremde Motive auf und formte sie eigenständig um.
- 84. Der Handel war damit zugleich ein Weg des kulturellen Austauschs.
- 85. Über die Handelswege verbreitete sich später auch die Schrift in geringem Umfang.
- 86. Manche keltischen Münzen und Gegenstände tragen Inschriften in fremden Schriftzeichen.
- 87. Diese Schriftkenntnis blieb jedoch auf wenige Bereiche und Personen beschränkt.
- 88. Die keltische Welt blieb im Kern eine Kultur der mündlichen Überlieferung.
- 89. Der zunehmende Handel mit Rom hatte auch tiefgreifende Folgen.
- 90. Die keltische Oberschicht gewöhnte sich an südländische Waren und Lebensweisen.
- 91. Damit wuchs die Abhängigkeit vom Handel mit dem Mittelmeerraum.
- 92. Zugleich brachte der Handel Rom genaue Kenntnisse über die keltischen Gebiete.
- 93. Händler und Reisende berichteten über Wege, Reichtümer und Verhältnisse im Norden.
- 94. Dieses Wissen sollte später der römischen Eroberung den Weg ebnen.
- 95. Der Handel verband die keltische Welt mit Rom, machte sie aber auch verwundbar.
- 96. Wirtschaftliche Verflechtung und politische Bedrohung lagen damit eng beieinander.
- 97. Im Karpatenbecken lassen sich die Handelsbeziehungen vor allem an den Funden ablesen.
- 98. Importierte Amphoren, Bronzegefäße und Münzen bezeugen den Austausch mit dem Süden.
- 99. Solche Funde häufen sich besonders in den Oppida und an den großen Verkehrswegen.
- 100. Die Oppida waren die wichtigsten Mittelpunkte des keltischen Handels.
- 101. In ihnen liefen die Fäden des Nah- und Fernhandels zusammen.
- 102. Sie waren Märkte, Werkstätten und Umschlagplätze zugleich.
- 103. Auch befestigte Plätze an Flussübergängen kontrollierten den Handel und seine Wege.
- 104. Wer einen wichtigen Übergang beherrschte, konnte vom durchziehenden Handel Abgaben erheben.
- 105. Die Beherrschung der Verkehrswege war damit eine Quelle von Macht und Reichtum.
- 106. Insgesamt war die keltische Wirtschaft des Karpatenbeckens stark auf Austausch ausgerichtet.
- 107. Sie verband bäuerliche Erzeugung, hoch entwickeltes Handwerk und weiträumigen Handel.
- 108. Der Handel sicherte den Wohlstand der Oberschicht und die Versorgung der Zentren.
- 109. Das Karpatenbecken war dadurch fest in das Wirtschaftsgefüge des antiken Europa eingebunden.
- 110. Diese enge Verbindung zur antiken Welt prägte die letzte Epoche der keltischen Selbständigkeit.
- 111. Zugleich kündigte sich in den wachsenden Beziehungen zu Rom bereits das Ende dieser Epoche an.
- 112. Welche Kräfte den Niedergang der keltischen Macht herbeiführten, behandelt das folgende Kapitel.
Der Niedergang der Kelten: Druck von außen und innere Konflikte
[Bearbeiten]- 1. Die keltische Vorherrschaft im Karpatenbecken war kein dauerhafter Zustand, sondern eine zeitlich begrenzte Epoche.
- 2. Ihre Blütezeit lag im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus.
- 3. Im ersten Jahrhundert vor Christus geriet die keltische Welt jedoch zunehmend in die Krise.
- 4. Am Ende dieser Entwicklung stand der Verlust der keltischen Selbständigkeit im gesamten Karpatenbecken.
- 5. Der Niedergang der Kelten war kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein längerer Vorgang.
- 6. Er erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte und verlief in den einzelnen Regionen unterschiedlich.
- 7. Mehrere Ursachen wirkten dabei zusammen und verstärkten einander gegenseitig.
- 8. Diese Ursachen lassen sich grob in äußeren Druck und innere Schwächen unterteilen.
- 9. Der äußere Druck ging von mehreren Seiten zugleich auf die keltische Welt ein.
- 10. Aus dem Osten drängten kriegerische Steppen- und Reitervölker heran.
- 11. Aus dem Norden rückten germanische Stämme nach.
- 12. Aus dem Süden näherte sich die wachsende Macht des Römischen Reiches.
- 13. Hinzu kamen innere Konflikte, die die keltischen Stämme von innen her schwächten.
- 14. Die politische Zersplitterung der Kelten war dabei eine entscheidende Schwäche.
- 15. Die keltische Welt bildete niemals einen einheitlichen Staat.
- 16. Sie bestand aus zahlreichen selbständigen Stämmen ohne gemeinsame Führung.
- 17. Diese Stämme verband zwar eine gemeinsame Kultur, nicht aber ein gemeinsamer Wille.
- 18. Häufig bekämpften sich die keltischen Stämme gegenseitig in Fehden und Kriegen.
- 19. Bündnisse zwischen Stämmen waren meist kurzlebig und unzuverlässig.
- 20. Gegen einen geschlossen auftretenden Gegner blieben die Kelten daher uneinig und schwach.
- 21. Ein zerstrittenes Vielvölkergebiet konnte einer geeinten Großmacht wenig entgegensetzen.
- 22. Diese innere Uneinigkeit erleichterte allen äußeren Gegnern das Vordringen.
- 23. Eine erste schwere Bedrohung erwuchs den Kelten aus dem Osten.
- 24. Aus den Steppen drangen die Daker in das Karpatenbecken vor.
- 25. Die Daker waren ein kriegerisches Volk, das im Gebiet des heutigen Rumänien siedelte.
- 26. Im ersten Jahrhundert vor Christus erstarkten die Daker zu einer bedeutenden Macht.
- 27. Unter einem mächtigen König schlossen sich die dakischen Stämme zusammen.
- 28. Dieser König trug den Namen Burebista.
- 29. Burebista einte die Daker und schuf ein schlagkräftiges Reich.
- 30. Etwa um die Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus führte er Krieg gegen die Kelten.
- 31. Seine Heere stießen aus dem Osten tief in das Karpatenbecken vor.
- 32. Besonders schwer trafen die dakischen Angriffe die keltischen Stämme an der mittleren Donau.
- 33. Die Boier und die Skordisker erlitten durch die Daker schwere Niederlagen.
- 34. Der mächtige Stamm der Boier wurde von Burebista entscheidend geschlagen.
- 35. Diese Niederlage schwächte die keltische Macht im Karpatenbecken nachhaltig.
- 36. Antike Quellen sprechen von einer regelrechten Verwüstung der betroffenen Gebiete.
- 37. Manche Landstriche sollen nach den dakischen Kriegen weithin entvölkert gewesen sein.
- 38. Dieser entvölkerte Raum wurde später als boische Einöde bezeichnet.
- 39. Die dakischen Angriffe zerstörten die politische Ordnung mehrerer keltischer Stämme.
- 40. Damit war die keltische Vorherrschaft im östlichen Karpatenbecken weitgehend gebrochen.
- 41. Eine zweite Bedrohung erwuchs den Kelten aus dem Norden.
- 42. Von dort her drängten germanische Stämme nach Süden.
- 43. Die Germanen waren eine Völkergruppe, die nördlich der keltischen Welt siedelte.
- 44. Im Lauf des ersten Jahrhunderts vor Christus dehnten sie ihren Einflussbereich aus.
- 45. Germanische Gruppen drangen in zuvor keltisch besiedelte Gebiete ein.
- 46. So gerieten die Kelten auch von Norden her unter Druck.
- 47. Im nördlichen Karpatenbecken machten sich germanische Stämme bemerkbar.
- 48. Die keltische Bevölkerung wurde dort verdrängt, unterworfen oder mit den Germanen vermischt.
- 49. Der germanische Vorstoß verschob die alten Volksgrenzen weiter zuungunsten der Kelten.
- 50. Die größte und folgenreichste Bedrohung kam jedoch aus dem Süden.
- 51. Dort erhob sich die wachsende Macht des Römischen Reiches.
- 52. Rom hatte sich von einer Stadt zu einer beherrschenden Großmacht entwickelt.
- 53. Schritt für Schritt dehnte das Reich seine Grenzen nach Norden und Osten aus.
- 54. Schon zuvor hatte Rom keltische Gebiete in Italien und Gallien unterworfen.
- 55. Der römische Feldherr Caesar eroberte zwischen 58 und 51 vor Christus ganz Gallien.
- 56. Damit fiel das große keltische Kernland im Westen unter römische Herrschaft.
- 57. Diese Eroberung zeigt, wie überlegen das geeinte Rom den zersplitterten Kelten war.
- 58. Nach Gallien rückte das römische Vordringen auch dem Karpatenbecken näher.
- 59. Rom richtete sein Augenmerk zunehmend auf den Raum an der mittleren Donau.
- 60. Die Donau bot sich als natürliche und gut zu sichernde Reichsgrenze an.
- 61. Die Gebiete bis zur Donau gerieten damit in den Blick der römischen Eroberungspolitik.
- 62. Die jahrzehntelangen Handelsbeziehungen hatten Rom gut über die Region unterrichtet.
- 63. Händler und Reisende hatten Wege, Reichtümer und Verhältnisse bekannt gemacht.
- 64. Dieses Wissen erleichterte die spätere militärische Eroberung erheblich.
- 65. So wurde die einstige Quelle des Wohlstands für die Kelten zu einer Gefahr.
- 66. Die wirtschaftliche Verflechtung mit Rom hatte die keltische Welt zugleich verwundbar gemacht.
- 67. Zu den äußeren Bedrohungen traten innere Schwächen der keltischen Gesellschaft hinzu.
- 68. Die fehlende politische Einheit war dabei nur eine von mehreren Schwächen.
- 69. Die jahrelangen Kriege hatten viele keltische Stämme erschöpft und ausgeblutet.
- 70. Verluste an Menschen, Vieh und Vorräten schwächten die Widerstandskraft.
- 71. Manche Gebiete waren durch Krieg und Verwüstung dünn besiedelt.
- 72. Die Niederlagen gegen Daker und Germanen untergruben das Ansehen der keltischen Führung.
- 73. In dieser Lage zerfielen Bündnisse, und einzelne Stämme suchten ihr eigenes Heil.
- 74. Manche keltischen Gruppen verbündeten sich sogar mit den Feinden anderer Stämme.
- 75. Diese Uneinigkeit beschleunigte den Verfall der keltischen Macht zusätzlich.
- 76. Mit dem Niedergang der politischen Ordnung verfielen auch die großen Oppida.
- 77. Viele befestigte Zentralorte verloren ihre Bedeutung oder wurden aufgegeben.
- 78. Handwerk, Handel und Münzprägung gingen in den betroffenen Gebieten zurück.
- 79. Die einst blühende Oppidazivilisation des Karpatenbeckens zerfiel allmählich.
- 80. Der Untergang der Oppida ist ein deutliches Zeichen des keltischen Niedergangs.
- 81. Den letzten und entscheidenden Schritt vollzog schließlich das Römische Reich.
- 82. Unter dem ersten römischen Kaiser Augustus begann die planmäßige Eroberung der Donauländer.
- 83. Augustus wollte die Reichsgrenze dauerhaft an die Donau verlegen.
- 84. Römische Heere stießen dazu in das Gebiet des westlichen Karpatenbeckens vor.
- 85. Um die Zeitenwende unterwarf Rom das Gebiet des heutigen Transdanubien.
- 86. Die dort lebenden keltischen Stämme verloren ihre Selbständigkeit.
- 87. Das eroberte Land wurde in das Römische Reich eingegliedert.
- 88. Aus dem unterworfenen Gebiet entstand später die römische Provinz Pannonia.
- 89. Damit endete im westlichen Karpatenbecken die keltische Eigenständigkeit endgültig.
- 90. Die keltische Bevölkerung verschwand jedoch nicht mit dem Verlust der Macht.
- 91. Die Menschen blieben im Land und lebten unter römischer Herrschaft weiter.
- 92. Stämme wie die Eravisker bestanden als Bevölkerungsgruppen innerhalb der Provinz fort.
- 93. Allmählich vermischten sich die Kelten mit Römern und zugewanderten Gruppen.
- 94. Sie übernahmen mit der Zeit die römische Sprache, Kultur und Lebensweise.
- 95. Diesen Vorgang der kulturellen Angleichung an Rom bezeichnet man als Romanisierung.
- 96. Die keltische Kultur ging dabei nicht spurlos unter, sondern in der römischen auf.
- 97. Manche keltischen Götter, Namen und Bräuche lebten unter römischer Herrschaft weiter.
- 98. So bildete sich eine vermischte keltisch-römische Kultur heraus.
- 99. Im östlichen Karpatenbecken verlief die Entwicklung etwas anders.
- 100. Dieses Gebiet wurde nicht römisch, sondern blieb zunächst unter dakischem Einfluss.
- 101. Auch dort hatte die keltische Vorherrschaft jedoch bereits ihr Ende gefunden.
- 102. Der Niedergang der Kelten war damit im gesamten Karpatenbecken besiegelt.
- 103. Rückblickend war der keltische Niedergang das Ergebnis vieler zusammenwirkender Ursachen.
- 104. Druck von Dakern, Germanen und Römern traf auf eine innerlich zerstrittene Welt.
- 105. Die politische Zersplitterung machte die Kelten ihren geeinten Gegnern unterlegen.
- 106. Kriege, Verluste und der Verfall der Oppida schwächten die keltische Gesellschaft weiter.
- 107. Die enge Bindung an Rom erwies sich am Ende als verhängnisvoll.
- 108. Mit der römischen Eroberung endete die rund vierhundertjährige keltische Epoche des Karpatenbeckens.
- 109. Zugleich begann mit ihr ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Region.
- 110. An die Stelle der keltischen Stammeswelt trat die geordnete Herrschaft des Römischen Reiches.
- 111. Aus dem eroberten Land wurde die römische Provinz Pannonia.
- 112. Mit ihrer Einrichtung beginnt das folgende große Kapitel der Geschichte des Karpatenbeckens.