Einführung in das Christentum/ Sünde und Gnade

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Der Begriff der "Sünde" ist ein theologisch sehr strapazierter Begriff, der in seiner ursprünglichen Bedeutung kaum noch verstanden wird. Sünde bedeutet auf der einen Seite die willentliche Entfernung des Menschen von Gott durch den Bruch der Weisung Gottes, wie sie im Alten und Neuen Testament geschrieben ist. Auf der anderen Seite ist der Mensch aber auch von Geburt an "sündig", weil er nicht gottgleich ist und in der Freiheit auch die Möglichkeit hat, sich und anderen zu schaden.

Der griechische Ausdruck αμαρτια (hamartia) des Neuen Testaments und das hebräischen Wort chat’at des Alten Testamentes bedeuten Verfehlen eines Ziels – konkret und im übertragenen Sinn, also Verfehlung – und wurde von Luther in deutschen Bibelübersetzungen mit Sünde wiedergegeben. Neben hamartia sind noch mehrere andere hebräische Begriffe von Luther mit Sünde übersetzt worden. Bei den anderen Begriffen zeigt sich das gesamte Spektrum der Sünde (Tat- und Unterlassungssünden).

Das deutsche Wort Sünde hat eine gemeinsame Wurzel mit Worten anderer germanischer Sprachen (Englisch sin, Altenglisch synn, Altnorwegisch synd). Der Ursprung ist nicht genau geklärt. Möglicherweise geht das Wort auf die indogermanische Wurzel *es- zurück, das Partizip des Verbes sein, soviel wie seiend im Sinne von „derjenige (der es war) seiend“ bedeutend. Im Deutschen wurde Sünde erstmals als christlicher Begriff gebraucht.

Eine falsche, volksetymologische Deutung führt es auf das germanische sund zurück, weil Sund eine Trennung bezeichne. Allerdings bezeichnet „Sund“ im Gegenteil etymologisch eine Enge, also eine Verbindung, zum Beispiel eine Landenge.

Die meisten Religionen enthalten eine Aussage, was aus ihrer Sicht das "Grundproblem" der Menschen ist. Beispielsweise wird in vielen animistischen Religionen angenommen, dass die verschiedenen Geister und ihr Einfluss auf das Leben der Menschen im Zentrum stehen. Dieses Grundproblem wird versucht zu lösen, indem man die Geister mit Opfergaben und Zeremonien besänftigt. Das Grundproblem der Menschen aus Sicht des christlichen Glaubens ist unsere Trennung von Gott. Wir Menschen sind unfähig, diese Trennung aus eigener Kraft zu überwinden. Die Lösung dieses Grundproblems besteht darin, dass Gott selbst menschliche Gestalt angenommen hat. Er kam als Jesus von Nazareth auf diese Erde und schaffte das, was außer ihm niemand anderes geschafft hat: Er "erfüllte" Gottes Gebote und war dadurch als einziger nicht durch seine Schuld von Gott getrennt. Seine Kreuzigung und Auferstehung ist das zentrale Ereignis des Christentums. Bei der Kreuzigung starb er stellvertretend für unsere Sünden (also für unsere Schuld) und war stellvertretend für uns der Trennung von Gott ausgesetzt. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass er während seiner Kreuzigung "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" ruft (Mt. 28,46) ruft. Anschließend ist er am dritten Tag wieder auferstanden. Durch den Tod von Jesus sind wir von unseren Sünden befreit, und durch seine Auferstehung werden auch wir auferstehen und ewig leben.

Im griechischen Urtext des Neuen Testaments wird für Sünde in der Regel das Wort "Harmatia" verwendet. Ursprünglich wurde damit das Verfehlen eines Ziels, etwa beim Bogenschießen, bezeichnet. In der Bibel wurde dieser Begriff verwendet, um auszudrücken, dass wir Menschen durch die Sünde das Ziel, das Gott eigentlich für unser Leben vorgesehen hat, verfehlen.

Der Mensch ist gerufen, sich an Gottes Weisungen und Gebote zu halten. Dennoch weiß Gott um die Unmöglichkeit, alle diese Weisungen zu erfüllen, und will ihm trotz aller Entfremdung nahe sein. Durch die Taufe kommt der Mensch in den Stand der Gnade, d.h. er wird von Gott aus reiner Liebe angenommen. Sichtbare Zeichen für die Gnade Gottes sind die Sakramente, in denen sich Gott zeichenhaft den Menschen zuwendet.