Entstehungsgeschichte der Hutterer

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Dieses Buch steht im Regal Geschichte sowie im Regal Religion.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Tirol ist nicht nur das „Heilige Land“ für Katholiken. Nein, es ist auch Ursprungsland einer nicht unbedeutenden evangelischen Freikirche, die sich Hutterer nennen. Die Hutterer waren eine der ersten Freikirchen. Sie traten im 16. Jahrhundert für die Trennung von Kirche und Staat ein und bekamen deshalb die volle Härte von Kirche und Staat zu spüren. Ihrem Modell der freien Religionsausübung folgten bald andere reformwillige Christen in ganz Europa, sodass eine Vielzahl von Freikirchen entstanden. Heute im 21. Jahrhundert zählt man weltweit an die 600 Millionen Mitglieder in den verschiedenen freikirchlichen Bewegungen. Die Hutterer selbst wurden über Jahrhunderte verfolgt und gejagt. Ihre Mitgliederzahl reduzierte sich zeitweise auf einige hundert Brüder und Schwestern. Ihre Flucht begann im 16. Jahrhundert in Tirol und endete schließlich im 19. Jahrhundert in USA und Kanada. Heute leben ca. 40.000 Hutterer in über 400 Kolonien oder Bruderhöfe in der Neuen Welt. Sie leben nach wie vor in Gütergemeinschaft und haben ihre Traditionen weitgehend bewahrt. Die Hutterer entlehnen ihren Namen einem ihrer ersten Vorsteher, dem Südtiroler Jakob Hutter. Seine bewegende Lebensgeschichte wollen wir in Folge nachzeichnen.[1]

Hintergründe

Gesellschaftliche, politische und religiöse Hintergründe

Das 16. Jahrhundert war eine Epoche geprägt von enormen gesellschaftlichen, kirchlichen und sozialen Veränderungen.

Das Bild des Menschen änderte sich

Der Humanismus (von lateinisch humanitas: Menschlichkeit) rief die Menschen „zurück zu den Quellen“. Die Antike erfuhr eine Renaissance, man las wieder die griechischen Philosophen und studierte die antiken Sprachen. Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536) veröffentlichte das Neue Testament in griechischer Sprache. Weil ihm keine authentischen Texte für die Offenbarung des Johannes vorlagen, übersetzte er die Offenbarung von Latein ins Griechische. Die Programme einer humanistischen Theologie und Erziehung ebneten den Weg für die Reformation.

Das Gesicht der Erde veränderte sich

Durch die Entdeckung Amerikas durch Christophorus Columbus 1492 änderte sich die Perspektive der Europäer. Auf einmal tat sich eine neue Welt mit ungeahnten Möglichkeiten auf. Neue Waren gelangten nach Europa und durch den Bau erster Globen setzte sich die Sichtweise der Erde in Kugelgestalt endgültig um.

Der Zugang zum geistigen Wissen änderte sich

Es war die Stunde von Gutenberg, da Vinci und Kolumbus. Mit der Erfindung des Buchdruckes mit bewegbaren Lettern um 1452 begann Johannes Gutenberg den Druck seiner ersten Bibel und machte das Wissen einer breiten Bevölkerung zugänglich. Die Vervielfältigung von Schriften und Büchern geschieht nicht mehr in einigen wenigen Schreibsälen (scriptoria) der mittelalterlichen Klöster. Bücher werden nun für Normalsterbliche erschwinglich, die das Wissen mit einem Mal auch denen zugänglich machten, die bisher davon ausgeschlossen waren. Im 13. Jahrhundert wurden Bücher noch auf Pergament geschrieben. Für eine handgeschriebene Pergamentbibel brauchte man etwa 170 Kalbshäute. Doch die Entwicklung des Leinenpapiers sollte die Buchherstellung noch vor der Erfindung des Buchdrucks revolutionieren. Die erste Papiermühle entstand in Nürnberg um 1390. Hatten vorher die Häute für ein Buch zwischen 60 und 100 Gulden gekostet, so war nun ein Werk aus Papier ungleich billiger: Nur noch 12 Gulden musste man dafür bezahlen. Zum Vergleich: ein Ochse kostete rund acht Gulden.

Die Kirche veränderte sich

1517 schlägt Luther die 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg. Was als innerkatholische Reformation begann, sollte sich mehr und mehr von der katholischen Kirche abspalten. Als die Glaubwürdigkeit der Kirche schwer angeschlagen war, findet eines der wichtigsten Konzile der Kirchengeschichte in der Stadt Trient statt. Das Konzil von Trient wird am 13. Dezember 1545 im Trientner Dom von Papst Paul III. eröffnet und sollte mit Unterbrechungen 18 Jahre lang dauern. Das Konzil bringt einschneidende Reformen zur Festigung der katholischen Kirche hervor, zugleich besiegelt es jedoch die klare Abgrenzung zu den reformierten Kirchen.

Die Gesellschaft veränderte sich

Zwischen diesen enormen Ereignissen im Norden und Süden Europas liegt die Stadt Brixen. Michael Gaismair, der hier als Gerichtsschreiber und Zöllner des Fürstbischofs tätig war, ließ den historischen Freiheitswillen der Tiroler Bauern neu aufleben. Er besetzte mit seinen Bauern die bischöfliche Stadt, ließ das geistliche Regiment vertreiben, das Kloster Neustift plündern und richtete sich in der Hofburg als neuer Machthaber ein. In den Bauernkriegen von 1525 forderte er vom Landesfürsten die Abschaffung der Vorrechte für Adel und Geistlichkeit. In Meran beruft er gegen den Willen von Erzherzog Ferdinand I. einen Landtag der Bürger und Bauern ein. Dieser „Bauernlandtag“ erstellt eine neue, für die Bauern günstige Landesordnung. In Wirklichkeit jedoch wollte der Landesfürst die Aufstandbewegung nur beruhigen um diese schließlich militärisch niederzuschlagen.
1526 entwirft Gaismair eine neue Landesverordnung, als Staats- und Gesellschaftsmodell, das auf dem Gedankengut der Reformation und dem Evangelium aufbaut. Er strebt ein selbständiges Tirol an, das den Charakter einer christlich sozialen und demokratischen Bauernrepublik werden soll. Alle Menschen sollten gleich sein, Gemeinnutz soll vor Eigennutz stehen und das Wort Gottes Grundlage aller Gesetze sein. Gaismair ist es nie gelungen, diese letzte Landesverordnung umzusetzen. Eine Übermacht von kaiserlichen Söldnerheeren zwingen ihn zum Rückzug und zur Flucht nach Venedig. 1532 ließ ihn die Regierung in Innsbruck durch einen gedungenen Mörder in Padova liquidieren.

Anfänge der Täuferbewegung

In diese Zeit der allgemeinen Verunsicherung hinein, kam ein pazifistischer Reformer mit Namen Jakob Hutter . Hutter hörte das Evangelium das erste Mal im Hause seines Lehrmeisters, von dem protestantischen Winkelprediger Wölfl, ein Gefährte Gaismairs. Jakob Hutter und die anderen Täuferprediger fanden eine von Kirche und Regierung enttäuschte und betrogene Gesellschaft vor. Die Hauptleidtragenden dieser Misere waren die Bauern und Knappen. Sie stellten auch den Großteil der damaligen Gesellschaft. Sie waren die ersten, die in dieser „reinen Lehre“ die Hoffnung auf ein neues, besseres und gerechtes Leben schöpften.

Gesetzliche Grundlage

Der Zweite Reichstag zu Speyer 1529 , ist ein Meilenstein auf dem Weg zu neuzeitlicher Gewissensfreiheit. Die 19 evangelischen Reichstände konnten ihre religiöse Gewissensfreiheit politisch durchsetzen. Auf der anderen Seite wurde ein Mandat verabschiedet, das die Todesstrafe gegen die Täufer reichsrechtlich verfügte. Während die Reformation einen starken Rückhalt bei den deutschen Fürsten verfügte, wurden die Täufer von keinem der Reichstände vertreten.

Wiedertäufermandat von Speyer[2]

  1. Wer wiedergetauft oder sich der Wiedertaufe unterzogen hat, ob Mann oder Frau, ist mit dem Tode zu bestrafen, ohne dass vorher noch ein geistliches Inquisitionsgericht tätig zu werden braucht.
  2. Wer sein Bekenntnis zu den Wiedertäufern widerruft und bereit ist, für seinen Irrtum zu sühnen, soll begnadigt werden. Er darf jedoch nicht Gelegenheit erhalten, sich durch Anweisung in ein anderes Territorium einer ständigen Aufsicht zu entziehen und eventuell rückfällig zu werden. Die Hartnäckigkeit auf täuferischen Lehre zu beharren, soll mit dem Tode bestraft werden.
  3. Wer die Wiedertäufer anführt oder ihre Anweisungen vorantreibt, soll "keines wegs" also auch bei Widerruf nicht, begnadigt werden.
  4. Wer nach einem ersten Widerruf rückfällig geworden ist und abermals widerruft, soll nicht mehr begnadigt werden. Ihn trifft die volle Strafe.
  5. Wer die Taufe für seine neugeborenen Kinder verweigert, fällt ebenfalls unter die Strafe, die auf die Wiedertaufe steht.
  6. Wer von den Täufern in ein anderes Territorium entwichen ist, soll dort verfolgt und der Bestrafung zugeführt werden.
  7. Wer von den Amtspersonen nicht bereit ist, nach diesen Anordnungen streng zu verfahren, muss mit kaiserlicher Ungnade und schwerer Strafe rechnen.

Legislative Entwicklung

Die gesamte Täuferbewegung war ein Affront gegen das Corpus - Christianum - Denken, wonach unter einer Herrschaft nur ein Glaubensbekenntnis möglich sei. Das erste derartige Mandat wurde nicht von einem katholischen Kaiser erlassen, sondern am 7. März 1526 im reformierten Zürich. Dieses Mandat bildete die Grundlage für das Todesurteil über den Täufervorsteher Felix Manz zu Beginn des Jahres 1527.[3]

In rascher Folge zogen schweizerische, süd- und mitteldeutsche, sowie österreichische Regierungen nach. Das Mandat Kaiser Karls V. vom 4. Januar 1528 dehnte die Verfolgung auf das ganze Reichsgebiet aus.

Bereits im März 413 wurde im römischen Recht die Todesstrafe für die "Wiedertaufe" festgelegt und in der Gesetzessammlung des byzantinischen Kaisers Justinian I. erneut kodifiziert. Darauf berief sich der Reichstag von Speyer.[4]

Anfänge

Reformation in Deutschland und in der Schweiz

Wir schreiben das Jahr 1517. Martin Luther schlägt, genervt vom Ablasshandel, 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Dies war der Beginn der Spaltung der (West-)Kirche in mehrere Konfessionen, von denen Katholiken und Lutheraner lediglich die zwei größten darstellten. Was Luther für Deutschland, war Ulrich Zwingli für die deutsche Schweiz. Er versuchte Staat und Kirche zu einer Theokratie (Gottesherrschaft) zu vereinen. Zwinglis Mitkämpfer, der Züricher Patriziersohn Konrad Grebel , drang auf Zwingli ein, dass "man sich von den Gottlosen in der Stadt absondere und eine reine Kirche und Gemeinde der rechten Kinder Gottes, die den Geist Gottes haben und von ihm regiert und geführt werden, einrichte" [5]. Dieses Bestreben kann man als die Geburtsstunde der Freikirche betrachten. Es kam daraufhin der Bruch mit Zwingli. Als dann Konrad Grebel am 21.01.1524 in Zollikon bei Zürich den Churer Augustinermönch Jörg genannt Blaurock, Konrad Grebel taufte, war damit auch das schweizerische Täufertum geboren.

Die Anfänge des Täufertums in Zürich

Felix Manz , ein Mitstreiter Zwinglis und späterer Weggefährte Grebels, sollte der erste Täufermärtyrer werden. Er wurde wegen seiner "wiedertäuferischen" Gesinnung dem Scharfrichter übergeben, "der soll ihm die Hände binden, ihn in ein Boot setzen und zu der unteren Hütte der Limmat (Fluss durch Zürich) fahren. Dort soll er ihm die gebundenen Hände über die Knie herunterziehen und einen Stock zwischen den Armen und Schenkel hindurch stoßen. So gebunden soll er ihn ins Wasser werfen und im Wasser sterben und verderben lassen, damit der Gerechtigkeit genug geschehe" [6].

Georg Blaurock (Georg Cajakob), wurde ebenfalls dem Scharfrichter übergeben, als zugezogener jedoch nicht hingerichtet, "sondern bei nacktem Oberleibe von Zürich mit Ruten ausgetrieben" [7]. Damit war tragischerweise der erste freikirchliche Märtyrer ein Opfer der eben eingesetzten reformatorischen Bewegung. Jörg Blaurock verließ Zürich und reiste 1529 in Begleitung eines Rittners namens Hans Langecker predigend durch Graubünden, durch den Vinschgau, ins Etschtal und ins Eisacktal.

Die Anfänge des Täufertums in Südtirol

In Südtirol fand Blaurock einen sehr fruchtbaren und von den "Lutherischen" schon beackerten Boden vor. Den Boden aus welchem das Täufertum erwuchs, hat viel mit dem Protestantismus gemeinsam. Wie in der Schweiz und in Deutschland so zeigte sich auch in Tirol, dass die Täufer aus der Reformation entsprangen.[8]

Jörg Blaurock (1492–1529)

Der Einfluß der schweizer Täufer im südlichen Tirol

Wir schreiben das Jahr 1525. Der ehemalige katholische Priester Georg Cajakob genannt Blaurock, befand sich auf dem Weg von Chur nach Zürich. Er besuchte den Zürcher Reformator Ulrich Zwingli. Zwingli war damals 41 Jahre alt und Blaurock 33. Cajakob war von einfacher Herkunft, Sohn eines Bündner Bauers und ein Mann von auffallender Erscheinung. Sein Haar war schwarz, seine Augen feurig und sein Auftreten impulsiv. Obwohl er ein Studium an zwei Universitäten absolvierte, blieb er ein einfacher Mann des Volkes, dem theologische Spitzfindigkeiten genauso wenig interessierten wie die Meinung der kirchlichen und politischen Obrigkeiten. Ihm gingen die Reformen unter Zwingli zu wenig weit. Zu viele unbiblische katholische Traditionen blieben unangetastet erhalten. "Es begab sich, dass Ulrich Zwingli und Konrad Grebel, ein Adeliger, und Felix Manz, anfingen in Glaubenssachen sich mit einander zu besprechen und haben erkannt, dass die Kindstaufe unnötig sei, auch denselben für kein Tauf erkennt. Das hat Ulrich Zwingli nicht gewollt und fürgeben; es würde einen Aufruhr geben. Indem begab sich, dass einer aus Chur zu ihnen kam, nämlich ein Pfaffe mit Namen Georg vom Haus Jakob, den man sonst genannt Blaurock; denn als man einesmals ein Gespräch gehabt von Glaubenshändeln in einer Versammlung, da redete dieser Georg auch dazu sein Erkenntnis. Da fragte man, welcher jetzt geredet hätte? Darauf einer sprach: Der im blauen Rock hätte geredet.[9]"

Blaurock kommt nach Südtirol

Die stark bewaldeten Gebirgsgegenden von Tirol boten den verfolgten Täufern aus der Schweiz, Bayern und Salzburg mehr Sicherheit. Aus diesem Grund kamen schon seit etlichen Jahren versprengte Täufer nach Tirol. In Tirol fanden Täuferversammlungen, an denen oft 70 und mehr Leute teilnahmen, bei Nacht statt, in den Wäldern, in alten Steinbrüchen, in tiefen Schluchten, in verlassenen Hütten, oder wo man sonst ungestört zu bleiben hoffte. Bewaffnete Reiter wurden besonders auf Ketzerjagd angesetzt und für ihr rücksichtsloses Durchgreifen belohnt. Leonhard Schiemer, ein Tiroler Täuferführer, wurde im Januar 1528 verhaftet und hingerichtet. König Ferdinand schrieb am 16. Januar desselben Jahres an die Regierung in Innsbruck: "An die gnädigen Herren ausgegangener Befehl, dass der Leonhard Schiemer um seiner Missetat willen das Leben verwirkt hat, und den Tod verschuldet hat. Maister Hans, der Züchtiger soll ihn nehmen und zu Pulver verbrennen".[10]

Schon wenige Monate später folgten seinem Leiden weitere Vorsteher der Gemeinde wie Hans Schlaffer und Michael Kürschner. Jörg Blaurock kam mit Flüchtlingen aus Tirol in Berührung. Sie erzählten ihm, dass die Südtiroler Gemeinden keinen Vorsteher mehr hätten. Blaurock verstand dies als Ruf Gottes nach Südtirol. Zusammen mit dem Rittner Weber, Hans Langegger kam er nach Südtirol. Schnell wurde er einer der volkstümlichsten Prediger, welche die Bewegung in Südtirol je hatte: Hunderte ließen sich taufen. Blaurock wählte Klausen als Stützpunkt und dehnte seine "Feldzüge" über Deutschnofen bis nach Neumarkt und Kaltern aus. Die Spuren seiner Tätigkeit finden wir in Völs, Tiers, Breitenberg, Deutschnofen, Ritten, Leifers, Klausen, Gufidaun und an noch vielen anderen Orten. Anfangs war der Versammlungsort "jenseits der Brücke von Klausen" im Gebiet von Gufidaun. Als die Zahl der Gläubigen jedoch wuchs, erkannte er die größere Gefahr und verlegte die Versammlungen an weitere abgelegene Orte, die er häufig wechselte.

Blaurocks Gefangennahme

Diese Aktivitäten blieben König Ferdinand I, dem alles evangelische und jüdische verhasst war, nicht verborgen. So schrieb er durch die Regierung in Innsbruck am 22. Mai 1527 an Jakob Trapp, Pfleger von Glurns und Mals folgenden Befehl: "Die Regierung gibt Befehl, nach dem Priester aus dem Engadin zu fahnden, der der Wiedertauf und anderer Sachen halber, sonderlich weil er entgegen den Satzungen der Kirche die Messe nach dem Morgenessen gelesen, gefangen zu nehmen sei."[11]

Die Regierung in Innsbruck schrieb daraufhin dem Pfleger von Gufidaun, Hans Preu: "Mit Befremden habe sie vernommen, dass aus anderen Gerichten flüchtige Täufer im Gericht Gufidaun Versammlungen abhalten. Unter Androhung von Strafe wird ihm befohlen, künftig nach dem Inhalt der Mandate vorzugehen und derartige Leute gefangen zu setzen. Entsprechende Schreiben gehen an Georg von Firmian, dem Gerichtsherrn von Gufidaun, der ersucht wird, einen geschickteren und tauglicheren Pfleger als Preu einzusetzen."[12]


Diese ernstlichen Worte setzten den Pfleger von Gufidaun unter Druck, und es gelang ihm, gegen Mitte August 1529, Blaurock mit Langegger aufzugreifen. Er setzte sie in den Turm von Schloss Summersberg in Gufidaun und schickte einen Bericht an die Regierung in Innsbruck. Diese antwortete am 19. August 1529 folgenderweise: "Regierung an Hans Preu, Pfleger von Gufidaun. Sie beantwortet das Schreiben vom 14. VII. in dem er über die Gefangennahme zweier Täufer, Georg von Chur (Blaurock) und Hans Langegger vom Ritten berichtet. Der Pfleger hat gewünscht, dass die beiden anderswo peinlich (unter Folter) verhört werden. Nach Ansicht der Regierung sei er verpflichtet, gegen die beiden Principalverfürer und Täufer gemäß dem Mandat vorzugehen." Preu wurde weiter bedroht, sollten die Gefangenen auskommen, müsste er dies mit seinem eigenen Leben büßen."[13]

Hans Preu wurde von der Regierung als "der lutherischen Sekte anhängig"[14] bezeichnet. Da Luther wie auch Zwingli, die Verfolgung der Täufer in ihren Ländern auch guthießen, könnte dies zu seinem Sinneswandel beigetragen haben

Blaurocks Urteil und Hinrichtung

Die Anklage an Blaurock lautete: "dass er priesterlich Amt und Stand verlassen, nichts von der Kindertaufe halte und die Leute von neuem taufe, auch dass er nichts von der Messe halte, desgleichen nicht glaube, dass Christus leiblich in der Hostie sei, wenn sie durch den Pfaffen konsekriert werde. Idem, dass er nichts halte von der Beicht, so den Pfaffen geschieht, und dass die Mutter Christi nicht anzurufen oder anzubeten sei."[15]

Das Urteil lautete, gemäß dem Mandat von König Ferdinand: Tod durch Verbrennung bei lebendigem Leibe. Am 6. September 1529 wurde das Urteil auf der Holzschranne bei Klausen zusammen an Blaurock und seinem Mitstreiter Hans Langegger vollstreckt. "Als er auf dem Richtplatze war, hat er ernstlich zum Volke geredet und sie zur Schrift angewiesen."

Jakob Hutter (ca. 1500–1536)

Jacob Hutter

"Nach dieser Zeit, als die Lieb der Wahrheit angefangen hat unter dem Volk zu brennen, sind um das Zeugnis der Wahrheit willen in der Grafschaft Tirol viele getötet und umgebracht worden, sonderlich an diesen gemeldeten Orten: in den Gerichten Gufidaun, Kaltern, Terlan und Kuntersweg. Desgleichen im Inntal, zu Steinach, zu Imst, zu Petersberg, zu Stans, Innsbruck, Hall, Schwaz, Rattenberg, Klopfenstein und Kitzbühl. An diesen Orten hat eine große Summe von Gläubigen mit ihrem Blut die Wahrheit beständig bezeugt durch Feuer, Wasser und Schwert. Also hat sich das Volk Gottes unter aller Trübsal täglich gemehrt. Unter solchen aber kam einer mit Namen Jakob, seines Handwerks ein Hueter, gebbürtig von Moos, eine halbe Meile von Bruneck im Pustertal gelegen. Der nahm den Gnadenbund eines guten Gewisses in der christlichen Tauf an, mit rechter Ergebung nach göttlicher Art zu wandeln. Als aber die Gaben Gottes bei ihm reichlich wurden gespürt, wurde er zum evangelischen Dienst erwählt und bestätigt."[16]

Anfänge des Dienstes

Über die Kindheit von Jakob Hutter ist uns wenig überliefert. Wir wissen, dass er in Bruneck notdürftig unterrichtet wurde und dass er das Hutmacher-Handwerk in Prags erlernte. Dann griff er zum Wanderstab und zog als Geselle durch die Welt, bis er sich schließlich in Spital in Kärnten niederließ. Die ersten Kontakte zu der neuen evangelischen Glaubensrichtung sind in Stegen gewesen. Wölfl von Götzenberg gibt später zu Protokoll "er sei zu Stegen bei dem Hutter gewesen, hab auch gepredigt und es sei viel Volk da gewesen."[17] Die erste Gemeinde deren Vorsteher Hutter wurde, entstand in Welsberg. Dort versammelte Hutter die Gemeinde abwechselnd im Haus seines Verwandten Balthasar Hutter oder im Hause des Sensenschmiedes Andre Planer und bei einem Schneider Caspar Schwarz. Im Hause von Balthasar taufte er an einem Tag zehn Personen. Darauf reagierte die Regierung in Innsbruck am 23. Mai 1529 mit einer ernstlichen Rüge am Pfleger vom Landgericht in Toblach: "Diese Personen verbreiten nicht nur die lutherische und andre verbotene Lehren, sie bieten auch verbotene Bücher feil und halten in der Nacht heimliche Versammlungen und Sinagog ab, wo sie diese falsche verbotene Lehre ausgießen und predigen. Auch rissen sie eine Säule an der Straße zu Welsberg nieder, in welche unser Frauen Bildnis gehauen war. Diese Personen seien zu ergreifen und gefangen zu setzen und wohl zu verwahren."[18] Dieses Schreiben gelangte noch gar nicht nach Toblach, als am 21. Mai, also 2 Tage bevor die Rüge an ihn geschrieben wurde, der Pfleger einen Brief an die Regierung nach Innsbruck mit der Nachricht der Gefangennahme von "14 Wiedertäufer und lutherischen Personen schickte"[19]. Bei der Gefangennahme gelang es einigen zu entkommen, unter denen war auch Jakob Hutter. Am 24 Juli wurden die protokollierten Aussagen der Gefangenen vom "gütlichen und peinlichen Verhör" nach Innsbruck gesandt. Darin ist unter anderem zu lesen, dass "Balthasar Hutter und Andre Planer nicht wiedergetauft seien. Jakob Hutter sei ein rechter Vorsteher und habe um Geld getauft[20]. „Er sei durch Flucht der Verhaftung entkommen. In der unteren Stube hätten sie Abendmahl gehalten, welches sie Brotbrechen nennen. Die Ursl, des Tillen Tochter und andere, hätten aus einem Evangelium vorgelesen. Die Weiber von Andre Planer und Balthasar Hutter, welche sich wiedertaufen ließen und zur Zeit noch säugende Kinder haben und deshalb zu Hause bleiben durften, mögest du, wenn nimmer Not ist, dass ihre Kinder weiter saugen, gefangen nehmen[21]." Wir erfahren nichts mehr über das weitere Schicksal der Gefangenen, weil die Regierung in Innsbruck zu diesen Fall nicht mehr Stellung nimmt. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie alle zum Tode verurteilt wurden. Wir erfahren hingegen etwas zu Agnes Hutter, Jakob Hutters leibliche Schwester. Auch sie wohnte im Gericht Toblach und wurde zur selben Zeit dem Malifitzgericht überstellt und verurteilt.

Die Verfolgung "der Frommen im Lande" wurde täglich unerträglicher. Die Kerker und Verliese waren zeitweise dermaßen überfüllt, dass man neue Gefangene anderswo unterbringen musste. Von den Flüchtenden zurückgelassene Kinder und Alte gehörten zum Alltag. Der Besitz der Verurteilten wurde in der Regel eingezogen und von den Pflegern verkauft um damit die aufwendigen Gerichtskosten zu bezahlen. Auch für die Erziehung der verwaisten Kinder wurde das Vermögen herangezogen. Das Geld von vermögenden Täufern wurde von der Regierung zum Bau von kirchlichen Einrichtungen eingefordert[22]. Nicht selten kam es dabei zu Unregelmäßigkeiten und das konfiszierte Vermögen wurde veruntreut.[23]


Hutter sucht eine neue Heimat

„Da erinnerte sich die Gemeinde, dass Gott der Herr in der Marktgrafschaft Mähren, zu Austerlitz (heute: Slavkov, Tschechische Republik) in der Stadt, ein Volk in seinem Namen gesammelt, in einem Herzen, Sinn und Gemüt zu wandeln, dass sich je eins um das andere solle mit Treue annehmen. Aus diesem Grund wurden sie veranlasst, den Jakob Hutter, auch den Simon Schützinger mitsamt ihren Gefährten zu der Gemeinde nach Austerlitz zu schicken, sich aller Handlungen zu erkundigen“[24].Hutter übertrug für die Zeit seiner Abwesenheit die Leitung der Gemeinde an Jörg Zaunring, einem Vorsteher vom Ritten.[25]

Mähren, das gelobte Land

Die Täufer wurden mehr und mehr in die Illegalität getrieben und mussten lernen, ihre Überzeugungen geheim zu halten und die Versammlungen in den „Untergrund“ zu verlegen. So wird vielfach berichtet, dass die Gottesdienste in abgelegenen Höhlen[26], nachts mitten im Wald oder auf Booten, in der Mitte von Seen abgehalten wurden. Es ist ein Kennzeichen aller christlichen Bewegungen seit Pfingsten, dass sich trotz tödlicher Hindernisse das Volk Gottes unter Verfolgung immer mehr ausgebreitet hat. Der erste Höhepunkt der Ausbreitung fand zwischen 1527 und 1530, der zweite zwischen 1570 und 1580 statt. Schon früh begannen sich die Blicke der Taufgesinnten nach solchen Ländern außerhalb des Reichsgebiets zu richten, in denen eine tolerante Landesherrschaft möglicherweise die freie Religionsausübung gestattete. Auf diese Weise wurde die Markgrafschaft Mähren für nahezu ein Jahrhundert zum gelobten Land der Täufer. Das Gebiet gehörte zwar ebenfalls zum Habsburgischen Imperium, aber nach den Hussitenkriegen war dort unter dem mährischen Adel eine Situation der religiösen Toleranz entstanden, in der sich eine „rechtlich abgesicherte Tradition konfessioneller Vielfalt“ ausbilden konnte. In Mähren wurde den deutschen Täufern von den Feudalherren neben der Religionsfreiheit auch Siedlungsland, Befreiung von Frondienst, Zins und Steuer und Hilfe beim Aufbau von Häusern angeboten.[27]

Bei Nacht und Nebel verließen zahlreiche Täuferfamilien im süddeutschen Raum Haus und Hof und zogen nach Mähren. So entstanden schon vor dem ersten Besuch Jakob Hutters im mährischen Austerlitz und Nikolsburg die ersten Siedlungen mit Täuferflüchtlingen.

Hutters erster Besuch in Mähren

Nach der Hinrichtung des Begründers der mährischen Gemeinde, Balthasar Hubmaier wurde der Oberrösterreicher Jakob Wiedemann ihr Vorsteher. Mit diesem verhandelte Hutter wegen der Aufnahme der Brüder von den tirolischen Gemeinden und erhielt sofort eine feste Zusage. An der Spitze der ersten Auswanderer stellte er Jörg Zaunring, und beauftragte ihn, die in Mähren weiterhin eintreffenden Brüder zu sammeln und zu betreuen. Hutter entsandte von Tirol „immer ein Volk nach dem anderen mitsamt allem ihrem Vermögen um mit den Gläubigen in Mähren Gemeinschaft zu haben“.

Machtkämpfe in Mähren

Durch das Zusammenströmen der verschiedenen Elemente zerbrach die Einheit der mährischen Gemeinden sehr bald. Von Besorgnis erfüllt mahnte Jakob Hutter, „in der empfangenen Gnade zu verharren.“ Die Zersetzung riss indes immer weiter ein. Es kam zu Spaltungen wegen der Lehre. Die Einen meinten, man dürfe sich den bürgerlichen Pflichten und dem Eid nicht entziehen, denn auch Christus sei in Kapernaum Bürger gewesen und habe als solcher seine Schuldigkeit getan. Schließlich kam es, dass sich die Partei der Unzufriedenen um den Schweizer Reublin scharte und am 8. Jänner 1531 Austerliz demonstrativ verließ. Von der Äbtissin des Klosters Mariasaal in Brünn wurde ihnen in Auspitz eine Niederlassung eingeräumt. Man schickte daraufhin je zwei Abgesandte nach Tirol, um die Entsendung eines Schiedsrichters nach Mähren zu erwirken.

Jakob Hutter wurde mit der wichtigen Mission betraut den Zwist zu schlichten. Er traf im Frühjahr 1531 in Begleitung seines Gehilfen Simon Schützinger bei den mährischen Gemeinden ein und stellte nach gründlicher Untersuchung der Streitfälle fest, dass die Austerlitzer in Unrecht seien, da sie sich fleischlicher Freiheiten am Eigentum erlaubten und mit Ungläubigen geheiratet hätten. In der Folgezeit musste man jedoch wahrnehmen, dass sich auch Reublin nicht als Führer der „waren, reinen Christen“ eignete. Hutter schlug nun Jörg Zaunring den Austerlitzern als Leiter vor und begab sich, nachdem die Wahl durch die Gemeinde bestätigt worden war nach Tirol zurück, „weil Gott dort ein großes Werk hatte“.

Es währte nicht lange, da wurden Hutter und Schützinger wieder nach Mähren zurückgerufen, da die Vorsteher aufs neue Verfehlungen begangen hatten und als unwürdig ihrer Ämter enthoben werden sollten. Zaunring selbst wurde von Hutter wegen unerlaubter Wiedervereinigung mit seiner ehebrecherischen Ehefrau aus der Gemeinschaft zeitweise entfernt.[28]

Jakob Hutter wird Bischof

Anfangs gab es unter den „Stäblern“, den pazifistischen Täufern, noch keine Führungspersönlichkeiten und keine Bezeichnung für die geistliche Funktion innerhalb der Gemeinde. Dies sollte sich erst ändern, als unter den Gemeinschaften in Mähren ein heftiger Streit um die Leitung der Bewegung entstand. Die einen waren für Jakob Hutter; die anderen für Simon Schützinger. „Gabriel (ein Diener des Worts) aber ließ sich nicht hindern und ermahnte das Volk mit dem Exempel des schrecklichen Kora, dass wo sie den einfältigen Simon (Schützinger) würden achten und den Jakob (Hutter) um seiner schönen Rede willen lieber hören, so werde sie Gott strafen, wie einst die Rotte Koras. Sie sollen aus dem Jakob keinen Abgott machen, denn es sehe so aus, als hätte er einen hochfahrenden, stolzen Geist. Aber nach vielen langen Worten zeigte er an, der Jakob hätte nicht die Gaben eines solchen Hirtenamtes diesem Volk zu dienen, sondern nur eines Apostelamtes.“[29]

Um die Probe aufs Exempel zu stellen, wurde von Hutter eine Hausdurchsuchung beantragt und als man bei seinem Kontrahenten Simon Schützinger „in einer Truhe suchte, fanden sie von Leilachen und Pfaidten nur gar zu viel Überfuß; auch vier Pfund Berner, alles Sechser. Da sprach ihm der Jakob zu im Namen und in der Kraft des Herrn, er solle sein Herz offenbaren, ob er von diesem Geld gewusst habe und ob noch weiteres vorhanden wäre. Da bekannte er, er habe davon gewusst und zog unter dem Dach noch vierzig Gulden hervor.“
Damit war der Machtkampf zugunsten Jakob Hutters entschieden: „Als sie aber so fleißig im Gebet waren und Gott ihnen allen ein einig Herz und Sinn gegeben hat, nahmen sie den Jakob Hutter als Schenkung Gottes auf, dass er ihr Bischof und Hirte sein sollte, und verbanden sich in großer Lieb zusammen“.
Hutter kannte in seinem Dienst keine falsche Bescheidenheit und schrieb in ähnlichem Wortlaut wie der Apostel Paulus 1536 einen Brief aus dem Etschland mit folgender Worten: „Jakob, ein unwürdiger Diener Gottes, ein Apostel unseres Herrn Jesu Christi ......“.[30]

Er übergab die Leitung seinem Gehilfen Schützinger und begab sich wieder nach Tirol. Aufgrund seines Organisationstalentes und seiner Verbindungen, gehörte Hutter bald zu den steckbrieflich meistgesuchtesten Personen Österreichs.

Gründung der Bruderhöfe

Die mährischen Bruderhöfen

Infolge des ständigen Zuzugs von außen, waren die Gemeinden vor die Aufgabe gestellt, immer neue und meist mittellose Brüder und Schwestern in den „Haushaben“ zu integrieren. Einem jeden wurde seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechend ein Platz in der Gemeinschaft zugewiesen. Auf diese Weise wurden vor allem die handwerklichen und landwirtschaftlichen Qualifikationen der Neuankömmlinge auf alle stark wachsenden Siedlungen aufgeteilt. Die Hutterer nannten diese Siedlungen „Haushaben“ und später auch „Bruderhöfe“. Auf einem Hof lebten zwischen 200 und 400 Personen. Wuchs die Haushabe weiter, dann kam es zur Teilung und zur Gründung einer neuen Haushabe. Am Ende der friedlichen Periode in Mähren gab es über 100 Haushaben oder Bruderhöfe, von denen jede einzelne eine funktionierende Lebens- und Arbeitsgemeinschaft war. Die Zahl der Erwachsenen Täufer gegen Ende des 16. Jahrhunderts dürfte bei 25.000 gelegen sein. In dieser Lebensgemeinschaft wurde vieles von dem umgesetzt, was Michael Gaismair mit militärischen Mitteln in Tirol erreichen wollte. Während Gaismair noch auf der Seite der Venezianer gegen den Kaiser kämpfte, erlebten seine Familienangehörigen auf den Bruderhöfen die Erfüllung seines Traumes von einer gerechten und klassenlosen Gesellschaft[31].

Handwerksberufe

Die hutterischen Haushaben wurden zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Mähren[32]. Landwirtschaft, Viehzucht, Gartenbau und Weinbau florierten. Sie waren Mühlenbauer, Schmiede, Kupferschmiede, Sensen- und Sichelschmiede, Uhrmacher, Messerschmiede, Zimmerleute, Tischler, Wagner, Gerber, Sattler, Buchbinder, Schneider, Hutmacher, Seiler, Maurer, Bäcker, Bauern usw.. Besondere Berühmtheit erlangten die mährischen Bruderhöfe durch die Herstellung keramischer Erzeugnisse und durch die Tätigkeit ihrer Chirurgie (damals noch ein Handwerk). Die hutterische Keramik, die Habaner Keramik[33] wird heute noch in vielen slowakischen und tschechischen Museen ausgestellt. Sie belieferten in der Blüte Fürsten- und Königshöfe mit Tellern, Vasen und Krügen.

Das hutterische Schulwesen

Eine weitere bahnbrechende Errungenschaft war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Im 16. Jahrhundert genossen nur adelige Kinder oder Kinder aus reichen Kaufmannsfamilien eine Schulbildung. Peter Walpot (1521-1578) der erste hutterische Schulmeister, lehrte in seiner allgemeinen Schulordnung über Hygiene genauso wie über Pädagogik. Hier nun einige interessante Auszüge: „Wenn ein Kind zur Schule gebracht wird, so muss sein Gesundheitszustand auf das sorgsamste untersucht werden. Wenn es eine böse Sucht hat, wie Fäule und Franzosen u. dgl., so muss es während des Schlafens, Essens, Trinkens und des Waschens von den übrigen Kindern abgesondert werden. Hat ein Kind einen Schaden, so soll es nicht verborgen werden. Wenn die Schulmutter den kranken Mund eines Kindes gereinigt hat, so soll sie nicht mit ungewaschenen Fingern den Mund der gesunden Kindern untersuchen. Man soll die Kinder nicht zu heiß baden. Kein Kranker darf zusammen mit einem Gesunden baden. Den Schlaf der kleinen Kinder haben die Schwestern zu überwachen. Man hüte sich, sie zu schlagen, wenn sie etwa im Schlafe aufschreien. Die Mädchen werden zur Winterszeit um 5 Uhr zum Spinnen geweckt, die Buben um 6 Uhr. Abends soll man darauf achten, dass die Kinder nicht zu früh nach dem Essen zu Bett gehen. Im Sommer mögen sie bis zum Sonnenuntergang aufbleiben. Brot und Fleisch teilt der Schulmeister den großen Kindern zu, Äpfel und Birnen im Einverständnis mit der Schulmutter. Die Speise soll den Kindern gereicht werden, wie sie es wünschen, ohne auf sie einen Zwang auszuüben. Man sei mit den Kindern nicht unnützerweise streng. Wenn ein Kind beim Spinnen einen Fehler macht, hüte man sich sofort dreinzuhauen. Die großen Buben züchtigt der Schulmeister und die Mädchen die Schulmutter. Da wo der Rute notwendig ist, soll sie in Gottesfurcht geschehen, gegen Schalkhafte, Verlogene, Diebische, mit Ernst, nach dem Verdienst ihrer Tat. Man soll sie nicht in einen dunklen Raum sperren. Allzu strenge Züchtigung wie das schlagen auf den Kopf oder auf den Mund ist strengstens untersagt. Den Kleinen, die zum ersten mal in die Schule kommen, soll man nicht die Köpfe zu brechen versuchen. Die Schulmeister haben die Aufgabe den Kindern lesen und schreiben zu lernen.„[34]

Viele Flüchtlinge die in Mähren ankamen, konnten weder lesen noch schreiben. Sie besuchten von Anfang an einen Unterricht damit sie die Bibel lesen konnten.

Der schulische Alltag begann bei den Kindern schon in der Wiege. Da alle Frauen arbeiteten, gaben sie die Kinder nach der 8. Woche in die „Klankinderschuel“ in welcher sie bis zum 5. Lebensjahr blieben. Danach besuchten sie bis zum 15. Lebensjahr die Pflichtschule. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Hutterer des 16. Jahrhunderts die Erfinder des Kindergartens waren.[35]

Hutterische Katakomben

Ein weiterer Erfahrungsschatz aus der alten Heimat waren spezifische Kenntnisse des Bergbaus[36]. In Tirol gab es im 16. Jahrhundert viele Minen und tausende von Knappen. Da die Bruderhöfe nie sicher vor den plündernden Söldnerheeren des Kaisers oder von den brandschatzenden Türken waren, entstand unter den Bruderhöfen ein ausgeklügeltes Höhlensystem, welches erst in unserem Jahrhundert wieder entdeckt wurde. Hier entzogen sie sich teilweise den Überfällen und brachten ihre Schätze und Schriften in Sicherheit.

Verfolgung und Flucht aus Tirol

In Tirol wütete inzwischen ein erbitterter Kampf gegen die Ausbreitung des Täufertums. Immer mehr und wirksamere Mandate wurden erlassen. So liest man in einer Mitteilung der Regierung von König Ferdinand I. an den Hauptmann von Rattenberg folgendes: "Es ist zu bedenken, dass die wiedertäuferischen Personen und Vorsteher, bei Nacht über die Vochentaler Brücke gehen. Die Brücke soll bewacht und verdächtige Personen gefangen werden. Nach unserer Meinung, soll die Brücke beim Kloster Voldöpp abgetragen werden, damit man nicht über diese ausweichen kann[37]." So waren die Täufer gezwungen die Vochentaler Brücke zu benützten und diese lies der König bewachen.

Fluchtwege nach Mähren

Die meisten Täufer flüchteten entweder über den Brenner, oder über die Krimmler Tauern. Als die Fluchtwege ausgeforscht waren und ein Durchkommen immer schwieriger wurde, wurden andere Fluchtwege gesucht.

In Hall, Schwaz, Rattenberg und Kufstein schifften sich die Täufer auf die Innschiffe ein und fuhren so über den Inn in die Donau bis Wien. Von dort ging es wieder zu Fuß weiter bis Austerlitz. Jakob Hutter und viele andere Vorsteher und Diener, verstanden es meisterhaft diese Fluchtwege zu organisieren. So wurden entlang der Fluchtwege die Almhütten regelmäßig mit Brot, Würste, Speck und andern Lebensmittel ausgestattet. Auch die Flößer und Schiffsleute, denen es nicht erlaubt war, Flüchtlinge aufzunehmen, wurden für deren Dienst entsprechend entlohnt. "Die Regierung sei keineswegs gewillt, länger zuzusehen, dass auf dem Innstrom und auf der Donau Nacht für Nacht auf Schiffen und Flößen Wiedertäufer aus dem Land fahren. Personen, die ihnen Vorschub leisten, werden an Leib und Gut bestraft. Jeder Schiffer muss seine Fährgäste fragen, ob sie Wiedertäufer seien; wer sich dazu bekenne, muss gefangen genommen werden. Lässt einer einen Wiedertäufer wissentlich mitfahren, soll er dieselbe Strafe erleiden wie diese selbst". Die Flüchtenden sammelten sich im Volderwald. Für 4 Pfund Berner konnten sie auf die Schiffe „aufsitzen“[38]

Die Flüchtlinge wurden auch mit genügend finanziellen Mitteln versorgt um auf der langen und gefahrvollen Reise keinen Mangel zu leiden.

Unter den Schiffleuten müssen die Täufer sehr viel Einverständnis und Unterstützung gefunden haben. Anders lässt sich eine solche Massenflucht nicht erklären. Das erfolgreiche Zusammenwirken der Abgewanderten setzt nicht allein den guten Willen der Schiffer voraus, sondern auch eine sehr gut funktionierende Organisation, der die Behörden wie es scheint nie recht bei kamen[39]

Verfolgung und Vertreibung in Mähren

Auch im gelobten Land Mähren wurde das Bleiben für die Täufer immer schwieriger. Nicht nur innere Machtkämpfe der verschiedenen Täufergruppen aus Deutschland die gruppenweise in Mähren Zuflucht suchten machten ihnen zu schaffen, sondern ein neues kaiserliches Edikt aus dem Jahr 1535, das die Vertreibung der Täufer aus Mähren forderte. König Ferdinand hatte in Österreich und Bayern eine neue Verfolgungswelle gegen die Täufer ausgelöst, die auch auf das Nikolsburger Gebiet übergriff. Das hutterische Geschichtsbuch schildert diese gefahrvolle Zeit folgendermaßen: „Also nahm der Jakob Hutter sein Bündel auf den Rücken. Das gleiche taten seine Gehilfen und alle Brüder und Schwestern, mit ihnen die Kinder und sie zogen alle Paar um Paar miteinander dem Jakob Hutter, ihrem Hirten nach, hindurch durch einen Haufen gottloser, verruchter Räuber. Diese knirschten vor Bosheit mit ihren Zähnen und hatten nur Lust zu rauben und zu schlagen. So wurde das Häuflein der Gerechten wie eine Herde Schafe ins Feld getrieben. Nachdem sie aber auf das weite Feld gezogen sind und sich auf dem Grund der Herren der Liechtensteiner von Nikolsburg gelagert hatten,.... wurden das fromme Heer bei der Regierung verklagt und beschuldigt, sie seien mit Geschützen und Gewehre gerüstet. Da schickte der Landeshauptmann seine Diener und Boten um das Lager der Frommen zu besichtigen. Da haben sie statt Büchsen und Brächsen viel Kinder und Kranke vorgefunden. Daraufhin hat Jakob Hutter, der damals der Gemeinde vornehmste Diener und Hirte war dem Landeshauptmann einen Brief geschrieben.“[40]

Hutters Brief an den Landeshauptmann von Mähren

"Wir Brüder und Liebhaber Gottes und seiner göttlichen Wahrheit und wahrhaftige Zeugen unseres Herrn Jesus Christus, die wir aus vielen Ländern vertrieben wurden und schließlich hierher ins Mährenland gekommen sind haben uns versammelt und gewohnt unter dem Herrn von Marschalch durch den Schutz und Schirm des Allerhöchsten. Ihm geben wir allen Preis und Ehre und Lob ewiglich. Wir lassen Euch wissen, lieber Landeshauptmann des Landes Mähren, dass Eure Diener zu uns gekommen sind und uns Euren Befehl und Botschaft überbracht haben. Folgendes geben wir mündlich und schriftlich zu Antwort: Wir haben die Welt und alles gottlose Wesen verlassen und glauben an den allmächtigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus. Wir sind nur deshalb verfolgt, verachtet und beraubt von allen unseren Gütern, weil wir ihm dienen und seinen Willen tun und seine Gebote halten. Besonders der König Ferdinand, der grausame Tyrann und Feind der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit, der hat viele der Unsrigen ohne Barmherzigkeit umbringen, töten und ermorden lassen. Der hat uns auch von allen unserer Gütern, Haus und Hof beraubt und hat uns vertrieben und verfolgt. Nun sind wir da in der Wüste und auf der wilden Haide, unter dem lichten Himmel. Dies alles nehmen wir an mit großer Geduld und loben Gott dabei, der uns würdig gemacht hat um seines Namens Willen zu leiden..... Dass man aber uns beschuldigt, wir hätten uns mit viel tausend Menschen aufs Feld gelegt und wollen kriegen; wer immer diesen Unsinn sagt, ist ein Lügner. Wir haben keine äußerlichen Waffen, weder Spieße noch Büchsen. Jedermann kann dies sehen. Darum sage ich Ach und Weh und abermals Weh in Ewigkeit, ihr mährischen Herren, dass Ihr dem grausamen Tyrannen und Feind der göttlichen Wahrheit, dem König Ferdinand habt zugesagt und eingewilligt, die Gottesfürchtigen aus Euren Landen zu vertreiben. Ihr fürchtet den sterblichen und unnützen Menschen mehr, denn den lebendigen und allmächtigen Gott und Herrn, dass ihr elende Witwen und Weisen des Herrn verfolgt und vertreibt. Euch möge Gott der Herr, seine väterliche Heimsuchung und Warnung zu erkennen geben und Euch seine Barmherzigkeit mitteilen, durch unseren Herrn Jesum Christum, nach seinem göttlichen Willen. Amen."[41]

Hans Ammon Tuechmacher wird neuer Leiter in Mähren

„Nachdem der Landeshauptmann das Schreiben der Gemeinde empfangen und gelesen hat, schickte er seine Diener abermals hin, um Jakob Hutter gefangen zu nehmen. Als sie ihn in Schäckowitz im Haus nicht gefunden hatten und ihn auch im Lager unter dem Volk nicht fanden, nahmen sie den Wilhelm Griesbacher von Kitzbühl, einen Diener der zeitlichen Notdurft (finanzielle Verwalter) und den Loy Salztrager von Hall aus dem Inntal und setzten sie gefangen. Sie führten beide nach Brünn, wo sie unter Recken und Brennen peinlich nach dem Geld und Schätzen befragt wurden. Nach diesem Bekenntnis haben sie den Wilhelm ohne Schuld lebendig dem Feuer überantwortet und verbrannt, aber der Loy ist wegen der großen Marter und Pein von der Wahrheit abgeirrt. Zuletzt hat auch er Buße getan und ist im Herrn entschlafen. Weil aber der Jakob Hutter in großer Gefahr war, durfte er die Gemeinde nicht mehr öffentlich lehren; auch durfte er sich nicht mehr sehen lassen. Da wurde einhellig von der ganzen Gemeinde beschlossen, dass er in die Grafschaft Tirol ziehen soll, um dem Herrn seine Heiligen zu versammeln. So hat der Jakob Hutter die Gemeinde dem Hans Tuechmacher anbefohlen. So wurde der Jakob mit viel Weinen und großem Herzleid der Gnade Gottes befohlen und mit würdigem und ernstlichem Gebet der Heiligen abgefertigt. Das Volk der Gemeinde auf der Haide zog unterdessen von einem Ort zum anderen. Als man ihnen jedoch allen Proviant und sogar das Wasser zu trinken verbot, mussten sie sich zu je 8 bis 10 Personen zusammenschließen und konnten nicht mehr beieinander bleiben. So zogen sie weiter, ganz erbärmlich mit nassen Augen, ohne zu wissen wo Gott ihnen einen Ort zu wohnen würde zeigen. Hans Tuechmacher hat mit seinen Gehilfen ein ganzes Jahr das Volk hin und her im Land besucht und mit einem jeden seine Notdurft (Unterhalt) soviel als möglich war, geteilt."[42]

In dieser schwierigen Zeit kehrten einige wieder in ihre Heimat zurück.

Als der Kaiser jedoch wieder mit den Türkenkriegen beschäftigt war, kehrten die Täufer zu ihren "Haushaben" zurück, und der Zuzug aus dem "Oberland" (süddeutsches Sprachgebiet) setzte wieder unvermindert ein.

Hutter kehrt nach Südtirol zurück

Hutter und andere Vorsteher der Gemeinde besuchten alle Jahre die Gemeinden im "Oberland". Dies geschah meistens in den Sommermonaten. Zu Winteranfang wollte man zurück in Mähren sein. Im Sommer konnten sie sich frei und schnell in Wäldern und Bergen bewegen und hinterließen keine Spuren. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die meisten Täufer in den Wintermonaten gefangen wurden. Für Jakob Hutter war dies nun schon die fünfte Missionsreise zurück in seine Heimat.

Jagd auf Hutter

Hutters Ankunft in Tirol wurde durch Spitzel an die Regierung verraten. Am 10. Oktober 1535 schon schrieb die fürstbischöfliche Regierung in Brixen an die Regierung in Innsbruck: "Etliche aus Mähren vertriebene Wiedertäufer sollen wieder in das Land an der Etsch und ins Eisacktal gekommen sein. Sie sollen Versammlungen abgehalten und getauft haben. Unter ihnen soll sich auch Jakob Hutter und ein anderer Vorsteher befinden. Sie sollen ausgeforscht werden, damit die Sekte, wie die kgl. Mandate befohlen, ausgerottet werden könne."[43]

"Es sei zum höchsten geboten, die Sekte auszurotten, weil sie Tag für Tag zunehme. Ohne Rücksicht auf Unkosten sollen die Vorsteher und Anhänger der Sekte wie jene, die ihnen Unterschlupf gewähren, ausgeforscht und verhaftet werden. Die Brixner Regierung werde jede verlangte Hilfe leisten."[44]

"Der Pfleger von Gufidaun sei aufmerksam gemacht worden, dass sich auch in seinem Gebiet Wiedertäufer aufhalten und dass er nach ihnen fahnden soll[45]. „Obwohl den Untertanen bei strenger Strafe verboten wurde, Wiedertäufern Unterschlupf zu gewähren, leistet die Bevölkerung von Lüsen den Wiedertäufern und ihren Vorstehern Vorschub. Deshalb sei zu vermuten, dass der Großteil von ihnen der Sekte angehört."[46]

Hutters letzte Tage

Hutter reiste als Kaufmann verkleidet, um unerkannt zu bleiben. In Bruneck habe er sich unter das Kirchenvolk gemischt und der Predigt von Kuranten Stefan zugehört und darauf gesagt: "Der Paff wisse die rechte Wahrheit wohl, aber ihm sei das Maul verstopft, dass er die Wahrheit nicht reden darf."

Strategie der Verfolger

Dies sind die letzten Worte des großen Täuferapostels an seine Gemeinde. Hutter ahnte, dass die Zeit seines Abscheidens nahe war. Trotzdem versuchte er nicht, durch Flucht sein Leben und das seiner Frau in Sicherheit zu bringen, sondern besuchte eine Gemeinde nach der andern und stärkte sie im Glauben. Dabei bewegte er sich geschickt zwischen den Grenzen vom Bistum Trient und Brixen. Wurde er in einem Gebiet verfolgt, flüchtete er in das nächste. Was er jedoch zu jener Zeit noch nicht wissen konnte war eine geheime Abmachung der Regierung in Innsbruck und dem Bischof von Brixen, das es nun möglich machte die Täufer in ein benachbartes Bistum hinein zu verfolgen und zu verhaften.

"Da zu vermuten sei, dass sich Jakob Hutter und andere Vorsteher sich an den Grenzen der weltlichen Gerichte aufhalten, um bei der Verfolgung der Verhaftung zu entgehen, sei mit dem König ein Abkommen getroffen worden, jede Obrigkeit, ob geistlich oder weltlich, sei befugt, einen aufgespürten Wiedertäufer, wenn dieser in das Gericht einer anderen Obrigkeit entflieht, auch dorthin zu verfolgen, um ihn zu verhaften. Nachträglich soll der Gefangene zur Bestrafung der Obrigkeit ausgeliefert werden, in deren Gebiet er gefangen genommen wurde. Diese Abmachung sei aufs genaueste zu befolgen, um alle Anhänger und Förderer der Sekte ins Gefängnis zu bringen."[47]

Verhaftung und Hinrichtung

Anfang November wurde dann das Gerücht laut, wonach sich Hutter im Gufidauner Gebiet aufhalten sollte. Der Verfolgungseifer der Tiroler Behörden steigerte sich von Stunde zu Stunde. Ständig wurde nach neuen Mitteln gesucht, um Hutter endlich in die Falle zu locken. Niemand wusste dies jedoch so gut wie der gehetzte selbst. Im Bewusstsein, dass seine Freiheit und Lebensdauer nur noch eine Frage der Zeit war, schrieb er in einem Abschiedsbrief an seine Brüder: "Herzliche Brüder und Schwestern. Wir erwarten nun täglich und stündlich und augenblicklich die Schergen des Richters und die Knechte des Henkers und alle Trübsal. Wir haben uns auch dahin gerichtet und setzten uns nichts anders vor. Der Herr gebe uns Kraft und Stärke, in seiner Wahrheit zu bleiben."[48] "Nicht lange danach begab es sich im Jahr 1535, dass Jakob Hutter in der St. Andreasnacht (30. November) bei Klausen am Eisack durch Betrug und Verräterei aus Gottes Verhängnis gefangen ward"[49], so knapp und nüchtern beschreibt das hutterische Geschichtsbuch die Gefangennahme ihres Gründers. Katharina, seine Frau, bekannte im anschließenden Verhör weitere Details, „demnach sei Jakob mit ihr und einer weiteren Begleitperson der Anna Stainer von Herschwang zum Obern gezogen (oberhalb St. Lorenzen). Dort haben sie sich eine Zeitlang aufgehalten, und als es zu gefährlich wurde, sind sie durch die Wälder hindurch nach Klausen gezogen, an der Wachhütte vorbei sind sie über die Brücke gegangen und sind um Mitternacht in des Mesners Haus gekommen."[50]

Im Haus des Mesners

Den Grund, warum sie in des Mesners Haus wollten[51], erfahren wir von des Mesners Frau. Interessant ist, dass die schwangere Katharina von Anna Stainer, des Hansen Stainers Tochter von St. Georgen begleitet wurde, und dass sie Einlass suchten im Haus der Anna, des Jakob Stainers Tochter. So könnte man vermuten, dass die beiden miteinander verwandt waren. Anna, die Frau des Mesners bekannte: "Sie habe seit der Zeit ihrer Widerrufung niemand von der Wiedertäuferischen Sekte mehr beherbergt oder Unterkunft gegeben. Als aber in der St. Andreas Nacht ungefähr um 12 Uhr jemand an die Haustüre klopfte und Einlass wollte, wollte sie nicht öffnen, denn kurz zuvor ist eine Rotte von Betrunkenen auf der Gasse gewesen. Als jedoch weiter geklopft wurde und sie zwei Frauen sah, hat sie aufgetan. Es waren zwei Frauen und ein Mann vor der Türe, die begehrten sich etwas wärmen. Als sie die Personen dann besser angesehen hatte, erkannte sie, dass es Personen waren, die mit der Wiedertäuferischen Sekte befleckt waren. Sie hat sie eine kleine Weile aus Barmherzigkeit und um Gottes Willen etwas aufwärmen lassen. Sie mussten jedoch das Haus innert einer Stunde wieder verlassen. Sie habe ihnen auch nichts zu essen und zu trinken gegeben. Als die beiden Frauen und der Hutter das Haus wieder verlassen wollten, sei die Obrigkeit von Klausen gekommen und alle drei seien gefangen worden."[52] Die hier erwähnte Obrigkeit waren Christoph Mairhofer, der Stadtrichter von Klausen, und Hans Melchior von Kestlan, der Unterhauptmann von Säben. Beide haben nach Hausdurchsuchungen in Klausen mit ihren Knechten, wie zwischen König Ferdinand dem Landesfürsten und Bischof Georg von Brixen vereinbart, noch das landesfürstliche Gufidaun durchsucht, sind dort in das Mesnerhaus eingedrungen und haben die drei festgenommen. Alle drei Festgenommenen, wie auch die Frau des Mesners, wurden auf Schloss Branzoll unterhalb vom Kloster Säben gebracht. Dort fanden auch die schon erwähnten Verhöre der Frauen statt. Beide sagten unter Androhung von Folter aus. In Hutters Tasche fanden sich Briefe des Hans Tuechmacher aus Mähren.

Gleich am nächsten Tag setzte der Bischof die Landesregierung über diesen triumphalen Erfolg in Kenntnis, was natürlich auch in Innsbruck die größte Befriedigung hervorrief.

„Gütliches“ und „peinliches“ Verhör in Innsbruck

Am 9. Dezember wurde Hutter bei strenger Winterkälte in den Kräuterturm nach Innsbruck überführt. Damit er nicht reden konnte, wurde er während des Transportes geknebelt. Als man ihn peinigte und marterte und vieles andere mit ihm anfingen, versuchten sie ihn mit der Heiligen Schrift. Einige „Pfaffen“ versuchten aus ihm den Teufel auszutreiben und setzten ihn deshalb ins eiskalte Wasser, führten ihn dann wieder in eine warme Stube und schlugen ihn dabei mit Ruten. In die Wunden gossen sie Branntwein und zündeten diesen an. Dann setzten sie ihm einen Hut mit einem Federschmuck auf den Kopf und führten ihn in die Kirche. Hutter ließ all dies geduldig über sich ergehen. Als die Regierung ihm eine lange Liste von Fragen vorlegte, beantwortete er ihnen nichts.[53]

Hutters Hinrichtung unter dem Goldenen Dachl

Als Hutter in Innsbruck unter dem Goldenen Dachl, inmitten von viel Volk zum Feuer geführt wurde sprach er: "Nun kommt her, ihr Widersprecher. Lasset uns den Glauben im Feuer probieren. Dieses Feuer schadet meiner Seele so wenig, wie der brennende Ofen dem Sadrach, Massach und Abednego!"[54]

Die „neue Hofburg“ mit dem Goldenen Dachl , war damals Regierungssitz des Kaisers. Normalerweise fanden dort keine Hinrichtungen statt. Der Kaiser wollte demnach diese Hinrichtung aus nächster Nähe mitverfolgen.

Jakob Hutter wurde am 25. Februar 1536 lebendig verbrannt.

Katharina Hutter

Katharina Prust, die Ehefrau Jakob Hutters, ist in Sand in Taufers, einem Seitental des Pustertales geboren und aufgewachsen. Ihr Leben war gekennzeichnet von einem Enthusiasmus für das Evangelium. Wie so vieler ihrer Glaubensgenossinnenen musste auch sie den Märtyrertod erleiden. Ihr Leben ist ein Spiegel vieler Täuferfrauen aus jener Zeit.

Flucht und erneute Verhaftung und Hinrichtung

Inzwischen brach aber ein Streit zwischen Adam Preu dem Pfleger und Gerichtsinhaber von Gufidaun und dem Bischof von Brixen aus. Laut Vereinbarung hätten die Gefangenen dem Pfleger von Gufidaun übergeben werden müssen. An diese Abmachung wollte sich jetzt jedoch der Bischof nicht mehr halten und ließ die Gefangenen in seinem Herrschaftsgebiet auf Schoß Branzoll sicher verwahren. Die Regierung in Innsbruck kam jedoch dem Pfleger Preu entgegen und verlegte Katharina Hutter und ihre Begleiterin nach Gufidaun. Die Regierung organisierte unterdessen einen gelehrten Priester aus Brixen, der die beiden Frauen bekehren sollte. Da Katharina bereits einmal Widerrufen hat und „relapsi“ geworden ist, konnte sie keine Gnade mehr erwarten. Trotzdem ist von einem Todesurteil nichts bekannt. Im Gegenteil, ein gelehrter Priester sollte sie von ihrem Irrtum abbringen. Katharina Hutter ist kurz nach dem 28. April 1536 aus dem Gefängnis in Gufidaun entkommen. Wohin sich Katharina nach ihrer Flucht begeben hat ist nicht bekannt. Auch finden wir weder in den Gerichtsakten noch in den hutterischen Schriften irgend einen Hinweis über den Verbleib ihres Kindes. Wie schon erwähnt, war Katharina zum Zeitpunkt der Verfolgung, hochschwanger. Ob sie bei ihrer Gefangennahme noch schwanger war wissen wir nicht. Schwangeren Frauen wurde bis zu ihrer „Niederkunft“ Hafterleichterung gewährt. Die Neugeborenen wurden in der Regel engen Verwandten oder einem andern Vormund anvertraut. Die Regierung gab diesen Personen einen Teil des eingezogenen Vermögens der verurteilten Eltern. Hat sie ihr Kind schon vor ihrer Gefangennahme zur Welt gebracht, ist es denkbar, dass sie ihr Kind anderen Geschwistern zur Erziehung gegeben hat. Möglicherweise befand sich das Kind von Katharina und Jakob Hutter im Gericht Schönegg (Pfalzen), wo Katharina zwei Jahre später verhaftet und hingerichtet wurde.[55]

Anhang

Siehe auch

Weblinks

Anmerkungen

  1. Die Geschichte der Täufer in Tirol, Stefan Kuhn
  2. Die Täufer von Hans-Jürgen Goertz, Evangelische Verlagsanstalt Berlin; Seite 121 - 122
  3. Seminar zur Täufergeschichte, Theologisches Seminar Beröä; XIV. Gesetze gegen die Täufer
  4. Johann Loserth, Art. "Reichsabschiede", ML, II, S. 450
  5. Nitsche, Geschichte der Wiedertäufer, S. 9
  6. Gerichtsurteil, Bulliger II, S.382
  7. Das Täufertum, S.230
  8. Chronik von Meran, Coeleftin Stampfer 1867, Verlag der Wagner'schen Universitäts Buchhandlung S. 34
  9. Das große Geschichtsbuch der Hutterischen Brüder, R. Wolkan 1923, Seite 34
  10. Ratsprotokoll Rattenberg Bd.1523-1532, Bl. 145-148, Quellen zur Geschichte der Täufer G. Mecenzeffy, Österreich II; S. 58.25 Gütersloher Verlagshaus
  11. LRAT, C.D. 1527-1529, Bl.27; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy Österreich II; S. 3, 15, Gütersloher Verlagshaus
  12. LRAT, C.D. 1527-1529, Bl. 496-497; Quellen zur Geschichte der Täufer, Grete Mecenzeffy II; S. 277,20, Gütersloher Verlagshaus
  13. LRAT, C.D. 1527-1529, Bl.491; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy II; S. 274,25; 275,29; Gütersloher Verlagshaus
  14. Ebenda Bl. 263-264; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy II, S.498,1 Gütersloher Verlagshaus
  15. Das große Geschichtbuch der Hutterischen Brüder, R. Wolkan 1923; Seite 41
  16. Große Geschichtsbuch der hutterischen Brüder, R. Wolkan 1923, S.64-65
  17. FBHA, Hofratsprotokoll Brixen 1515 I.8.1530 VIII.2, Bd.1, S.759-766
  18. LRAT, C.D. 1527-1529. Bl. 412-413; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy II; S 237,30;Gütersloher Verlagshaus
  19. LRAT, C.D. 1527-1529, Bl.414-415; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy II; S 239, 5 Gütersloher Verlagshaus
  20. Die erste Erwähnung der Gütergemeinschaft. Bei der Taufe, verpflichteten sich die Täuflinge auf privates Eigentum zu verzichten. Der Vorsteher breitete, so wie die ersten Apostel in Jerusalem, den Mantel aus und jeder gab hinein, was er besaß. Aus diesem Grund liest man häufig, dass ein Bruder alles verkaufte, sich taufen lies und sofort nach Mähren flüchtete.
  21. LRAT, C.D.1527-1529, Bl.469-470; Quellen zur Geschichte der Täufer, G. Mecenzeffy II; S 264,25 - 265,15 Gütersloher Verlagshaus
  22. Daher hat der Bischof vor seiner Abreise befohlen, alle in seinem Bistum heimgefallenen Güter einzuziehen, um die Unkosten zu decken." FBHA Brixen 1533 I 3-1534 XII 31, Bd.13, S.993-994. "Remigius und Christoff Heug von Eyrs im Gericht Schlanders haben wider Verbot Wiedertäufer beherbergt und seien dafür um 1000 fl. gestraft worden. Dieses Geld sei dem tirolischen Kammermeister Hans Schauber ausgezahlt worden. Da es für den Bau des Stiftes und Kollegium, (Stiftskirche in der die Statuen von Maximilian I. u. Ferdinand I. stehen) in Innsbruck verwendet werden soll, möge der Salzmeier es vom Kammermeister übernehmen." TLA, E.u.B. 1556, Bl. 190
  23. So im Fall von Augustin Heyrling, Pfleger von Stein am Ritten;Quelle: Die Wiedertäufer im Eisacktal, Karl Kuppelwieser, Dissertation, S. 128-135
  24. Das große Geschichtsbuch der hutterischen Brüder, R.Wolkan 1923, S. 64
  25. Das Täufertum im Pustertal, Band 1, Katharina Sinzinger, 1950 Dissertation Innsbruck
  26. Die Regierung beklagt sich beim Georg Frh. von Firmian, dass im Gericht Gufidaun, in einer Höhle nahe einer Brücke und einer Schmelzhütte sich ungefähr hundert Männer und Frauen versammelt hätten. Ebenda Bl. 263-164, Quellen zur Geschichte der Täufer, Gütersloher Verlagshaus, Seite 498. Die Reste einer eingestürzten Höhle ist heute noch neben der alten Schmelzhütte am Eingang des Vilnössertales erhalten.
  27. Das Adelsgeschlecht der Liechtensteiner residierte in Nikolsburg und stand in den Diensten Ferdinand I. Sie beteiligten sich in den Türkenkriegen und waren Protestantisch.
  28. Das gr. Geschichtsbuch der hutterischen Brüder; S. 70-81
  29. Das gr. Geschichtsbuch der hutterischen Brüder S. 79
  30. Das gr. Geschichtsbuch der hutterischen Brüder S. 81
  31. [1] Erhard Gaysmair, ein Vetter von Michael Gaysmair, bewirtschaftete den Gaysmairhof "Oberflas" bei Sterzing. Er zog mit seiner Familie "in die Wiedertaufe". Codex 1460 f.1; Die Wiedertäufer im Eisacktal, Kuppelwieser S.146)
  32. F. Hruby, Die Wiedertäufer in Mähren, S. 23ff
  33. J. Kybalová – J. Novotná, Habánská fjáns, S.7ff
  34. Aus den hutterischen Epistel, Volume 2, Die Schulen der mährischen Wiedertäufer S.129-133
  35. Aus den hutterischen Epistel, Volume 2, Die Schulen der mährischen Wiedertäufer S.129-133
  36. Erhard Gaysmair, ein Vetter von Michael Gaysmair, bewirtschaftete den Gaysmairhof "Oberflas" bei Sterzing. Er zog mit seiner Familie "in die Wiedertaufe". Codex 1460 f.1; Die Wiedertäufer im Eisacktal, Kuppelwieser S.146
  37. TLA, CD., 1532-1536, Bl. 22-23; M.G. Österr III S. 42,25-43,5 2 Österr..III, M.G. 453,30 3 , Bl 19; Österr..III, M.G. , 36, 34, Gütersloher Verlagshaus
  38. Schlern Schriften, Die Wiedertäufer im Wipptal von Franz Kolb 1951 S. 54
  39. Schlern Schriften, Die Wiedertäufer im Wipptal von Franz Kolb 1951 S. 54
  40. Das große Geschichtsbuch der hutterischen Brüder, R.Wolkan 1923, S. 109
  41. Das große Geschichtsbuch der hutterischen Brüder, R.Wolkan 1923, S. 110-114
  42. Das große Geschichtsbuch der hutterischen Brüder, R.Wolkan 1923, S. 107-116
  43. FBHA Brixen, Hofreg. 1533 VIII 2-1536 VIII 22, Bd.14, S.276-277; Österr..III, M.G. 277,1-7
  44. FBHA Brixen, Hofreg. 1533 VIII 2-1536 VIII 22, Bd.14, S.322-326; Österr..III, M.G. 282, 7-11
  45. Ebenda S. 326-328; Österr..III, M.G. 282, 20
  46. FBHA Brixen, Hofreg. 1535 I 5-1537 X 14, Bd. 15, S.258-259; M.G III 284, 22-25;Gütersloher Verlagshaus
  47. Quellen zur Geschichte der Täufer XIV. Band, Österreich III. Teil; Gütersloher Verlagshaus; (FBHA Brixen, Hofreg. 1533 VIII2-1536 XII 22, Bd. 14, S.328-331; M.G III 282, 30-283,9)
  48. (Die ander Epistel von Jakob Hutter an die Gemeind in Mähren, Handschrift Nr. 190,212-219 Pressburger Domcapitels; im Cod VIIIg 39 zu Pest; Anabatismus in Tirol, Loserth S.128-129
  49. Gr. Hutt. Geschichtsbuch 118,1
  50. TLA, PA XVIII/235, Or.; Österr..III, M.G., S.301
  51. Das Mesner Haus steht heute noch unmittelbar hinter der abgerissenen Brücke auf der anderen Seite des Eisack (Fluss durch das Eisacktal)
  52. TLA, PA XVIII/235, Or. , Österr. III, M.G., S.302, 1-26) Gütersloher Verlagshaus
  53. Das gr. Geschichtsbuch der hutterischen Brüder S. 118
  54. Die hutterischen Epistel 1527-1767, Volume 1, Seite 1
  55. Die Hutterer in Tirol, Werner O. Packull, Universitätsverlag Wagner . Innsbruck, S. 289