Geschichte der Menschheit: Brasilien im 20. Jahrhundert

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Republik[Bearbeiten]

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Kaffee praktisch das einzige Exportgut Brasiliens. Da die Nachfrage das Angebot übertraf, war damit eine ausreichende wirtschaftliche Grundlage gegeben, aber eine sehr gefährdete. Während des Ersten Weltkriegs ging die Nachfrage nach Kaffee stark zurück.

Die Ära Vargas[Bearbeiten]

Als dann 1930 die Kaffee-Preise nochmals einbrachen, führte Getúlio Vargas, der "Vater der Armen", einen Aufstand an und wurde so Präsident. In den ersten Monaten seiner Regierungszeit wuchs die Wirtschaft Brasiliens spürbar. 1937 wurde die Herrschaft Vargas als "wohlwollende Diktatur" festgeschrieben.

1942 erklärte er nach einer Serie von U-Boot-Angriffen auf brasilianische Schiffe den Krieg gegen die Achsenmächte. Er entsandte ein 25.000 Mann starkes Expeditionskorps und eine Fliegerstaffel nach Italien, die unter anderem in der Schlacht um Monte Cassino eingesetzt wurde. Trotz dieser recht geringen Anzahl gelang es ihnen, mit britischer Hilfe insgesamt über 20.000 deutsche und italienische Gefangene zu machen, während nur ca. 500 Brasilianer ums Leben kamen.

1945 wurde Vargas von der Armee abgesetzt. Doch 1951 wählte das Volk erneut Vargas zum Präsidenten. Weil sich die USA gegen die sozialistische Politik Brasiliens stellte und daraufhin Rechte und die Armee Vargas' Rücktritt forderten, beging dieser 1954 Selbstmord. Damit machte er sich zum Märtyrer und erschwerte dadurch eine Rückkehr zu konservativer Politik. Nach raschem Wechsel mehrerer Präsidenten brachte erst die Wahl von Juscelino Kubitschek (1956) eine gewisse Stabilität. Er sorgte mit Hilfe der Partido Trabalhista Brasileiro (PTB) für neue ausländische Investoren, die die brasilianische Wirtschaft in den späten 1950er Jahren ankurbelten. Er plante auch die neue Hauptstadt Brasília.

Militärdiktatur[Bearbeiten]

1964 putschte das Militär, unterstützt durch verdeckte Operationen des US-Geheimdienstes CIA[3], und zwang den damaligen Präsidenten Goulart ins Exil. Das neue Regime unter General Humberto Castelo Branco unterdrückte die linke Opposition und entzog etwa 300 Personen die politischen Rechte. Ein 1965 verabschiedetes Gesetz schränkte die bürgerlichen Freiheiten ein, sprach der Nationalregierung weitere Machtbefugnisse zu und bestimmte die Wahl des Präsidenten und Vizepräsidenten durch den Kongress.

Der ehemalige Kriegsminister Marschall Artur da Costa e Silva, Kandidat der Regierungspartei ARENA (Aliança Renovadora Nacional; deutsch: Allianz zur nationalen Erneuerung) wurde 1966 zum Präsidenten gewählt. Die Brasilianische Demokratische Bewegung (MDB, Movimento Democrático Brasileiro), die einzige legale Oppositionspartei, weigerte sich aus Protest einen Kandidaten für die Wahl aufzustellen, weil die Regierung alle ernst zu nehmenden Gegenkandidaten nicht zugelassen hatte. 1966 gewann die ARENA auch die National- und Parlamentswahlen.

Das Jahr 1968 stand im Zeichen von Studentenunruhen und Streiks. Das Militärregime reagierte mit politischen Säuberungsaktionen und Zensur. Im August 1969 wurde Costa e Silva entmachtet. Das Militär bestimmte General Emílio Garrastazu Médici zu seinem Nachfolger, der Kongress wählte ihn zum Präsidenten. Unter Médici wurden die Repressionen verstärkt, und in der Folge nahmen die revolutionären Aktivitäten zu. Der römisch-katholische Klerus erhob seine kritische Stimme immer öfter und prangerte die schlechten Lebensbedingungen der armen Bevölkerung an.

1974 wurde General Ernesto Geisel, nach seiner Militärkarriere Präsident der „Petrobras“, der staatlichen Ölmonopolgesellschaft, zum brasilianischen Präsidenten gewählt. Aufgrund der relativen politischen Stabilität und gezielter Förderung der Industrie war die Zeit der Militärmachthaber zugleich eine Zeit des Wirtschaftsbooms; viele Investoren - auch aus Deutschland - haben in den 1970er Jahren in Brasilien investiert.

1979 wurde General João Baptista de Oliveira Figueiredo neuer Präsident. Anfang der 1980er Jahre schwächte die Militärregierung die Repression deutlich ab, bis schließlich 1985, auch aus Mangel an eigenen Optionen aus dem Militärkader und bereits inmitten einer Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation, freie Wahlen zugelassen wurden.

Demokratie[Bearbeiten]

Der Wahlsieger Tancredo Neves verstarb 1985 unter bis heute ungeklärten Umständen noch vor seinem Amtsantritt. Im selben Jahr wurde das Wahlrecht für Analphabeten eingeführt. 1987 fand man auf Yanomami-Land im Bundesstaat Roraima Gold, was viele illegale Goldgräber auf den Plan rief. Im Jahr 1988 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die zwar vorsah die Sozialausgaben zu erhöhen, aber weder eine Landreform noch den Schutz der Indios enthielt. 1988 wird auch der Gewerkschafter und Umweltschützer Chico Mendes ermordet. 1989 wurde ein erster Umweltschutzplan beschlossen. Die Inflation lag in diesen Jahren bei bis zu 1000 %. Am 26. April 1991 wurde Mercosur (portugiesisch Mercosul) gegründet. Dieser Gemeinsame Markt des Südens, den die Staaten Argentinien, Paraguay und Uruguay gemeinsam mit Brasilien gründeten, ist ein Binnenmarkt mit mehr als 230 Millionen Einwohnern, der die Wirtschaft der Mitgliedsländer und dadurch die Stellung Lateinamerikas in der Welt stärken sollte.

1992 fand der UN-Umweltgipfel in Rio de Janeiro statt. Außerdem trat Präsident Fernando Collor de Mello nach Korruptionsvorwürfen von seinem Amt zurück. 1993 konnte die Bevölkerung Brasiliens in einem Referendum über die Staatsform entscheiden. Die Wahl fiel dabei eindeutig auf die Republik. 1994 wurde eine umfassende Währungsreform beschlossen. Durch die neue Währung („Plano Real“ eingeführt von Fernando Henrique Cardoso) endete die Hyperinflation vorerst. Zur weiteren Sanierung des Haushalts beschließt das Parlament zwar die Privatisierung von Staatsmonopolen, lehnt eine Verfassungsänderung allerdings ab. 1999 wird Fernando Henrique Cardoso erneut zum Präsidenten gewählt, obwohl das Land in einer wirtschaftlichen Krise steckte, auch der Real wurde wieder abgewertet. In den nächsten beiden Jahren konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Von 2002 bis 2006 stieg der Real gegenüber dem Euro, welches dem Kapitalexport Brasiliens in diesem Zeitraum nicht schadete.

Seit 2003 ist Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT Präsident Brasiliens. Er hat soziale Programme wie „Null Hunger“ (Fome Zero) oder eine Landreform als Ziele propagiert. Viele Unterstützer werfen ihm aber vor, sie zugunsten einer (nach makroökonomischen Daten erfolgreichen) liberalen Wirtschaftspolitik zu vernachlässigen. 2004 führte Brasilien erstmals in seiner Geschichte UN-Friedenstruppen an, das Militär entsandte 1.470 Soldaten nach Haiti. Silva kooperiert mit anderen linken lateinamerikanischen Staatschefs wie Hugo Chavez und Nestor Kirchner.