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Gotisch/ Band1/ Bedingungssatz

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Konjunktionale Bedingungssätze

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Die meisten Bedingungssätze werden mit Konjunktionen eingeleitet. Die Wahl der Konjunktion und des Modus hängen von der Realität der Bedingung, aber auch von der Negation der Bedingung ab. Als Grundregel lässt sich folgendes Schema festlegen:

reale Bedingung: jabai + Indikativ
potentiale Bedingung: jabai + Optativ Präsens
irreale Bedingung: jabai + Optativ Präteritum
Negation des Eintritts der Bedingung: niba(i) + Indikativ
disjunktiv-hypothetisch: jaþþe - jaþþe + Indikativ oder Optativ

jabai

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jabai ist die häufigste konditionale Konjunktion und kann in positiven, wie negativen Sätzen verwendet werden. Mit Indikativ drückt er eine reale Bedingung aus ("Wenn A eintritt, dann B"):

Reale Bedingung
jabai mik frijoþ, anabusnins meinos fastaid.
"Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote ein."
(Joh 14,15)

Nach jabai ... ni erscheint der Nachsatz mit ni þau (vgl. Mk 11,26). Der Optativ Präsens drückt mit jabai eine mögliche Bedinung aus ("Wenn A eintreten würde, dann B"):

Potentiale Bedingung
jabai hvas þuk ananauþjai rasta aina, gaggais miþ imma twos.
"Wenn dich jemand zu einer Meile nötigen sollte, so geh mit ihm zwei."
(Mt 5,41)

Man beachte, dass der Nachsatz hier ein Gebot enthält und selbst nicht potential ist. Der Optativ kann ferner auch in indirekter Rede den Indikativ ersetzen:

Optativ für Indikativ in indirekter Rede
... jah þu qiþis: jabai hvas mein waurd fastai, ni kausjai dauþau.
"... du sprichst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken."
(Joh 8,52)

Tritt jabai mit Optativ Präteritum auf, so gilt die Bedingung als irreal ("Wenn A eingetreten wäre, dann B"):

Irreale Bedingung
jabai þis fairhvaus weseiþ, aiþþau so manaseds swesans frijodedi
"Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb."
(Joh 15,19)

niba, nibai

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Soll nicht die im Verb enthaltene Satzhandlung, sondern das Eintreten der Bedingung selbst verneint werden, so verwendet man eine eigene, die Negation in sich enthaltende Konjunction niba bzw. nibai "wenn nicht, es sei denn, außer".[1] Dies darf nicht verwechselt werden mit der Negation der (verbalen) Bedingung, wofür jabai ni, verwendet wird.

(1) Verneinung des Eintritts der Bedingung (Verb im Indikativ)
ni manna mag kasa swinþis galeiþands in gard is wilwan, niba faurþis þana swinþan gabindiþ; jah <þan> þana gard is diswilwai.
"Niemand aber kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; und dann wird er sein Haus ausrauben."
(Mk 3,27)
(2) Negation der verbalen Satzhandlung (Verb im Indikativ)
jabai ni afletiþ mannam missadedins ize, ni þau atta izwar afletiþ missadedins izwaros.
"Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben."
(Mt 6,15)

Beide Sätze können im Deutschen mit "wenn ... nicht" wiedergegeben werden. In (2) wird aber lediglich das Verb "vergeben" negiert, so dass die Formulierung jabai ... ni ausreichend ist. In (2) deckt der Skopus der Negation die ganze Phrase ("zuvor ... fesseln") ab, auch wenn die Negation des Verbs "fesseln" hier keinen inhaltlichen Unterschied ergeben würde. Anstelle von jabai ni kann auch bei einer negierten Bedingung ein niba stehen, doch ist dieser dann mit einem Optativ verbunden.

(3) Negation der verbalen Satzhandlung (Verb im Optativ)
niba taujau waurstwa attins meinis, ni galaubeiþ mis;
"Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht;"
(Joh 10,37)

þande

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Die Konjunktion þande "wenn, solange als" kann in realen Bedingungen anstelle von jabai erscheinen:

þande sunja qiþa', duhve ni galaubeiþ mis?
"Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht?"
(Joh 8:46)

jaþþe ... jaþþe

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jaþþe ist eine disjunktiv-hypothetische Konjunktion und kann mit "wenn ... oder" oder "gleich ob ... oder" übersetzt werden. Die Konjunktion verbindet Satzteile und erscheint entsprechend gewöhnlich mindestens zweimal im Satz, jeweils vor der Bedingung. Ihm können sowohl Indikativ als auch Optativ folgen. Man beachte auch, dass jaþþe ... jaþþe auch "entweder ... oder ..." bedeuteen kann, womit kein Bedingungssatz vorliegen muss.

jaþþe nu matjaiþ jaþþe drigkaiþ jaþþe hva taujiþ, allata du wulþau gudis taujaiþ.
"Und wenn ihr nun esst oder' trinkt oder was ihr auch tut, (dann) tut alles zu Ehren Gottes" oder
"Gleich ob ihr nun esst oder' trinkt oder was ihr auch tut, tut alles zu Ehren Gottes" oder
(1. Kor 10,31)

Konjunktionslose Bedingungssätze

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Die Bedingungssätze ohne Konjunktion sind alle irreal. Eingeleitet werden sie folgendermaßen:

positiv mit
blindai weseiþ, ni þau habaidedeiþ frawaurhtais
"Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünden"
(Joh 9,41)
negativ mit der Negation
jah ni frauja gamaurgidedi þans dagans, ni þauh ganesi ainhun leike.
"Solange der Herr diese Tage nicht gekürzt hat, soll kein Fleisch gerettet werden."
(Mk 13,20)
  1. Delbrück: Der Germanische Optativ im Satzgefüge. In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur 29 (2009). S. 257