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Gotisch/ Band1/ Infinitivsatz

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Akkusativ mit Infinitiv

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Ähnlich wie das Lateinische (Accusativum cum Infinitivo, Nominativum cum Infinitivo) besaß auch das Gotische komplexere Infinitivkonstruktionen. Bei diesen Konstruktionen nimmt ein Prädikat (P) eine Infinitivphrase (IP) als Objekt. Im Deutschen existieren Akkusative mit Infinitive (kurz AcI) u. a. nach Verben der Wahrnehmung: "Ich höre (P) dich klopfen (IP)". Die Infinitivphrase besitzt

(a) ein eigenes Subjekt, das im Gotischen - nach Abhängigkeit des Prädikats - im Akkusativ oder im Dativ steht, dem sog. Subjektsakkusativ und
(b) ein Infinitiv, dem sog. Prädikatsinfinitiv, das wiederum Objekte regieren kann.

In deutschen Beispiel löste das Verb "hören" (P) die Infinitivkonstruktion (unterstrichen) aus. Man kann das Beispiel auch als ein dass-Satz umschreiben: "Ich höre, dass du klopfst". Im Gotischen treten Infinitivkonstruktionen nach deutlich mehr Verben auf, darunter Verben des Wollens, Hoffens, Anfangens, Beendens, Könnens, Wissens, Befehlens, Gedenkens, Wagens, Fürchtens, Leugnens, Sprechens, Habens, u.v.m.:

Beispiel (Akkusativ mit Infinitiv)
... jah ana wiga frah siponjans seinans qiþands du im: hvana mik qiþand mans wisan?
"Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer, sagen die Leute, dass ich sei?"
(Mk 8,27)

Auch wenn wörtliche Übersetzungen in einzelnen Fällen möglich ist: die Faustregel besagt, dass man Infinitivkonstruktionen mit einem dass-Satz auflöst, in dem das Subjektsakkusativ als Subjekt (wohl gemerkt im Nominativ) und das Prädikatsinfinitiv als flektiertes Prädikat erscheint. Daneben können Infinitivkonstruktion auch nach Ausdrücken wie goþ ist, gadob ist, swaei etc.:

Beispiel (Akkusativ mit Infinitiv nach goþ ist)
jah andhafjands Paitrus qaþ du Iesua: rabbei, goþ ist unsis her wisan, jah gawaurkjam hlijans þrins, þus ainana jah Mose ainana jah ainana Helijin.
"Und Petrus antwortete und sprach zu Jesus: Rabbi, es ist gut für uns hier zu sein; wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine."
(Mk 9,5)

In einigen Fällen hat der Infinitiv auch eine passive Bedeutung. Eine Übersetzung mit einem dass-Satz ist hier selten möglich:

Beispiel (AcI mit passivischer Bedeutung des Infinitivs)
warþ þan gaswiltan þamma unledin jah briggan fram aggilum in barma Abrahamis; gaswalt þan jah sa gabeiga jah gafulhans warþ.
"Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben."
(Lk 16,22)
Beispiel ()
lagjiþ jus in ausona izwara þo waurda, unte sunus mans skulds ist atgiban in handuns manne.
"Lasst diese Worte in eure Ohren dringen; denn der Menschensohn wird übergeben in die Hände der Menschen."
(Lk 9,44)

Finaler AcI

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Nach Verben der Bewegung bezeichnet der Infinitiv den Zweck. Dieser wird im Deutschen gewöhnlich mit einem um zu + Infinitiv übersetzt. Steht das Prädikat im Imperativ, können die Verben oft auch kopulativ verbunden werden:

Beispiel (finaler AcI)
jah qaþ du imma: gagg þwahan in swumsl Siloamis, þatei gaskeirjada insandiþs. galaiþ jah afþwoh jah qam saihvands.
"und sprach zu ihm: Geh und wasche dich im Teich Siloah; das heißt übersetzt: gesandt! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder."
"und sprach zu ihm: Geh, um dich im Teich Siloah zu waschen; das heißt übersetzt: gesandt! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder."
(Joh 9,7)

Nominativ mit Infinitiv

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Die Infinitive wisan und wairþan haben anstelle eines Akkusativs ein Nominativ neben sich, weshalb diese Konstruktion als Nominativ mit Infinitiv (NcI) bezeichnet wird. Diese erscheinen nach den prädikativen Verben wiljan, magan, skulan, þugkjan und usbidan:

Beispiel (NcI)
skal nu aipiskaupus ungafairinonds wisan, ainaizos qenais aba, andaþahts, [gariuds], froþs, gafaurs, gastigods, laiseigs,
"Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren,"
(1. Tim 3,2)

Dativ mit Infinitiv

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Ferner existierte im Gotischen auch ein Dativ mit Infinitiv (DcI). Das Dativobjekt war ursprünglich vom Prädikat abhängig, wurde später aber als zum Infinitiv gehörig empfunden und steht daher meist nach dem Infinitiv. Als gesichert gelten die Beispiele, in denen das Prädikat warþ "wurde" ist:

Beispiel (DcI)
Jah warþ in sabbato anþaramma frumin gaggan imma þairh atisk, jah raupidedun ahsa siponjos is jah matidedun bnauandans handum.
"Und es begab sich an einem Sabbat, dass er durch die Kornfelder ging; und seine Jünger rauften Ähren aus und zerrieben sie mit den Händen und aßen."
(Lk 6,1)

du + Infinitiv

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Um einen Zweck zu bezeichnen kann im Gotischen ein du vor das (substantivierte) Infinitiv gestellt werden. Diese Konstruktion ist vergleichbar mit der deutschen (um) zu + Infinitiv-Phrase und kann auch entsprechend übersetzt werden. Gelegentlich muss der Infinitiv auch passivisch übersetzt werden:

Beispiel (du + Infinitiv):
Atsaihviþ armaion izwara ni taujan in andwairþja manne du saihvan im; ...
"Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ..."
(Mk 6,1)

Hinweis: Trotz der Ähnlichkeit sind dt. zu und engl. to nicht mit got. du verwandt, da got. /d/ nicht westgerm. /t/ bzw. dt. /z/ entspricht.