Mathe für Nicht-Freaks: Archiv/ Artikelreihe für MWP und Mathe-LMU.de/ Artikel zu OER

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Open Educational Resources[Bearbeiten]

Das Symbol für freie Bildungsmaterialien (erstellt von Jonathas Mello und lizenziert unter CC-BY 3.0)

Wie frei lizenzierte Materialien in der Lehre helfen

Wer die eigenen Seminarunterlagen, Handouts oder Online-Materialien nicht immer von Grund auf neu erfinden will, der findet im Internet einen riesigen Fundus an Inhalten. So kann man zum Beispiel die eigenen Materialien mit Fotos und Zeichnungen bebildern. Oder man übernimmt die Texte Dritter, wenn sie gut zum Thema passen. Doch Materialien aus dem Internet und das Urheberrecht – das ist nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Frei lizenzierte Materialien, sogenannte Open Educational Resources (OER), versprechen hier klare Verhältnisse - und neue Formen der Zusammenarbeit.

Definition: Was ist das?[Bearbeiten]

Die UNESCO macht sich schon seit 2002 für das Thema OER stark. Sie definiert es wie folgt:

„Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt.“ (UNESCO, 2013, S. 6)

Die Definition macht deutlich, dass Inhalte noch nicht als OER bezeichnet werden können, wenn sie „nur“ kostenfrei zugänglich veröffentlicht wurden. Es ist eine explizit ausgewiesene offene/freie Lizenz notwendig. („Offen“ und „frei“ wird im Folgenden synonym gebraucht.)

Geschichte: Woher kommt das?[Bearbeiten]

Die Idee von OER ist eng mit der Digitalisierung von Bildungsmaterialien verbunden. Angefangen hat es an den Hochschulen, als erstmals Vorlesungen aufgenommen und zusammen mit Kursmaterialien online zur Verfügung gestellt wurden. Dabei ist klar geworden, dass viele von Professorinnen und Professoren verwendete Präsentationen nicht jeden gesetzlichen Ansprüchen genügten – und somit technisch gesehen strafbar sind. Auch viele Lehrende verwenden rechtlich problematisches Material. Seit 2012 ist das Thema auch in der Politik etabliert, viele staatliche Stellen bieten seitdem freies Bildungsmaterial (vgl. Blees, Deimann, Hirschmann, Muuß-Merholz & Seipel, 2015a).

Merkmale: Wie geht das?[Bearbeiten]

Lehr-Lern-Materialien gibt es in vielen Formen, zum Beispiel als Präsentation, Handout, Lehrbuch oder Übungen. Nicht nur die Digitalisierung eröffnete neue Lernorte und -formen (e-Learning etc.), auch für die „Offline-Bildung“ werden häufig digitale Materialien aus eigener Herstellung, von Kolleginnen und Kollegen, Verlagen oder aus dem Internet neu zusammengestellt. Was dabei erlaubt ist und was nicht, lässt sich auf der Website kopierregeln.de nachlesen. Und eine Warnung gibt es dort auch dazu:

„Verstöße gegen das Urheberrechtsgesetz sind kein Kavaliersdelikt. Sie sind strafbar. Als Sanktion sieht das Gesetz Geld- und sogar Freiheitsstrafen vor.“

Open Educational Resources sind eine Möglichkeit, die durch das Urheberrecht gesetzten Grenzen und die damit verbundene Verunsicherung zu überwinden. Im Kern geht es um einen einfachen Kniff: Der Urheber versieht sein Werk bei der Veröffentlichung mit einem Hinweis „Du kannst dieses Material gerne weiterverwenden.“ Aus dem üblichen „alle Rechte vorbehalten“ wird ein „manche Rechte vorbehalten“. Damit kann jedermann solche Materialien bei sich speichern, in neuen Kontexten nutzen, an andere weitergeben, bearbeiten und neu zusammenstellen. Juristische Grundlage dafür sind freie Lizenzen in Form von sogenannten „Jedermann-Lizenzen“, wie sie beispielsweise von der gemeinnützigen Organisation Creative Commons bereitgestellt werden. Diese haben den Vorteil, dass sie bereits rechtssicher erprobt sind und für bald 1 Milliarde Inhalte im World Wide Web angewendet werden (vgl. Creative Commons, o.J.).

Handlungsfelder: Wo brauche ich das?[Bearbeiten]

Open Educational Resources mag als Begriff noch wenig bekannt sein. Die damit verbundenen Potenziale gehören jedoch zur täglichen Praxis der Akteure im Bildungsbereich. Die möglichen Vorteile im Überblick:

  • Effizienz: Zu den allermeisten Themen gibt es bereits gute Materialien. Wenn diese als OER freigegeben werden, können Praktikerinnen und Praktiker darauf aufbauen und müssen nicht von vorne beginnen.
  • Rechtssicherheit: OER dürfen per Definition weitergegeben werden, beispielsweise an Teilnehmende einer Veranstaltung oder im Internet.
  • Anpassbarkeit: Viele vorhandene Materialien dürfen bearbeitet werden. Damit können sie für den individuellen Einsatz verändert und angepasst werden.
  • Zusammenarbeit: In der Lehre ist kollaboratives Arbeiten das Gebot der Stunde. OER können helfen, eine Kultur des Teilens zu fördern.
  • Qualität und Vielfalt: Wenn sich die Idee von OER gemeinsam mit einer guten Feedbackkultur ausbreitet, kann mittelfristig eine Erhöhung der Materialqualität erreicht werden. OER erlauben das Ausbessern von Fehlern, Verbesserungen, Erweiterungen und vielfältige Varianten.
  • Didaktik: Auch auf pädagogischer Ebene sind OER interessant. Im Sinne von projektorientiertem Lernen können auch Lernende selbst zu Produzierenden von Materialien werden, die anschließend weiterverwendet werden können.

Gleichzeitig sind der Idee von offen geteilten Materialien auch Grenzen gesetzt. Dabei geht es insbesondere um:

  • Vertraulichkeit: Gerade in der betrieblichen Weiterbildung sind Materialien häufig nicht nur sehr individuell, sondern auch „Betriebsgeheimnis“.
  • Aufwand: OER erleichtern die Arbeit, wenn man auf die Arbeiten Anderer zurückgreifen kann. Gleichzeitig ergibt sich für die korrekte Auszeichnung mit Lizenzen und für die Recherche guter freier Bildungsmaterialien ein Mehraufwand.
  • Qualität: In vielen Bereichen wird gerne auf die bewährten Materialien von Verlagen zurückgegriffen, weil damit ein gewisses Qualitätsversprechen verbunden wird. Für OER müssen sich entsprechend vertrauenswürdige Institutionen noch etablieren.

Ein kurzes Zwischenfazit: Freie Bildungsmaterialien haben ein großes Potential für die Lehre und für Bildungsprojekte. Dieses Potenzial ist aber in vielen Fällen mit grundlegenden Fragen oder gar kulturellen Veränderungen verbunden.

Diskussion: Was wird diskutiert?[Bearbeiten]

Das Thema OER hat auch auf politischer Ebene stark an Bedeutung gewonnen. Im Bundeshaushalt 2015 sind erstmals gesondert Mittel für OER ausgewiesen. Es ist zu erwarten, dass das Thema in der Folge auch in die Breite getragen wird. Hier kommt es darauf an, inwieweit das Konzept in der Praxis Akzeptanz findet und ob eine „Kultur des Teilens“ etabliert wird (vgl. Blees, Deimann, Hirschmann, Muuß-Merholz & Seipel, 2015b und Schöb, Sahlender, Brandt, Fischer & Wintermann, 2015).

Internationale Bezüge: Wie sieht man das woanders?[Bearbeiten]

Auf internationaler Ebene wird das Thema OER von verschiedenen Akteuren voran getrieben, darunter die UNESCO, die OECD und die EU-Kommission. Letztere hat 2013 eine Initiative „Die Bildung öffnen: Innovatives Lehren und Lernen für alle mithilfe neuer Technologien und frei zugänglicher Lehr- und Lernmaterialien“ gestartet. In Europa ist besonders Großbritannien hervorzuheben, wo bereits zahlreiche Aktivitäten in der Erwachsenenbildung mit OER verbunden werden. Auch in den USA sind einige groß angelegte OER-Projekte zu verzeichnen (vgl. Blees, 2015).

Der Artikel entstand auf der Basis des Artikels Open Educational Resources von Jöran Muuß-Merholz für die Plattform wb-web.de. Dieser Artikel steht wie sein Original unter einer freien CC-BY-SA 3.0 Lizenz und wurde von Andreas Häfner sowie Stephan Kulla überarbeitet. Der ursprüngliche Artikel wurde am 13.04.2016 um 14:49 abgerufen. URL: https://wb-web.de/wissen/medien/open-educational-resources.html

Quellen[Bearbeiten]

  • Blees, I. (2015): Internationale Einordnung: Der Blick ins Ausland. In: Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. Gütersloh. S. 37–43.
  • Creative Commons (o.J.): „State of the Commons”. Abgerufen von https://stateof.creativecommons.org/ (10.07.2015).
  • Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.) (2013): „Was sind Open Educational Resources?“ Und andere häufig gestellte Fragen zu OER. Bonn. Abgerufen von http://www.unesco.de/oer-faq.html (08.07.2015).
  • Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. Gütersloh. Abgerufen von http://open-educational-resources.de/oer-whitepaper-weiterbildung/ (08.07.2015).
  • Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Ausblick und Erwartungen: Welche Faktoren beeinflussen die zukünftige Entwicklung? In: Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale. Gütersloh. S. 58–65.
  • Schöb, S., Sahlender, M., Brandt, P., Fischer, M., Wintermann, O. (2015): Information und Vernetzung – Bedarfe und Erwartungen von Lehrkräften an online-gestützte Fortbildungsangebote. Eine Umfrage der Universität Tübingen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Abgerufen von http://www.die-bonn.de/id/31564/about/html/ (08.07.2015)