Mensch und Kosmos: Zeit und Raum

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Zahlreiche Male sagt Seth unmissverständlich, dass es die von uns als Aufeinanderfolge von Augenblicken empfundene Zeit nicht gibt. Wenn es aber keine Zeit gibt, dann gibt es auch nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Zeit sei – so Seth – eine Illusion, ein Teil des Tarnungs- oder Verschleierungssystems – der Camouflage –, das unsere dreidimensionale Realität insgesamt darstelle, und hinter dem sich eine größere Realität verberge. Auch erklärt Seth immer wieder, alles Geschehen, alle Ereignisse seien simultan. Er verwendet dabei meist die (englischen) Wörter »simultaneous« oder »at once«, also Begriffe, in denen Zeit nicht vorkommt. (Es gibt scheinbar Ausnahmen, doch ist zu bedenken, dass im Englischen und Amerikanischen time nicht nur Zeit, sondern auch Mal bedeutet, also at one time auch auf einmal bedeuten kann.) In der deutschen Übersetzung dagegen finden sich immer wieder unlogische oder zumindest bedenkliche Aussagen wie: »Es gibt keine Zeit, alles findet gleichzeitig oder zur selben Zeit statt.« Wie aber können zwei Ereignisse zur selben Zeit stattfinden, wenn es keine Zeit gibt? Man kann solche Widersprüche nur vermeiden, indem man Begriffe wie simultan oder zugleich verwendet.

Universum-Flammarion Holzstich (Paris 1888) Kolorit Heikenwaelder Hugo (Wien 1998)

Wir haben hier also drei Aussagen zum Thema Zeit:

  1. Es gibt keine Zeit, das heißt, keine Aufeinanderfolge von Augenblicken.
  2. Es gibt nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, oder: es gibt keinen Unterschied zwischen den dreien.
  3. Alle Ereignisse sind simultan.

Genau besehen sind diese drei Aussagen gleichwertig, äquivalent: Aus jeder der drei Aussagen folgen die beiden anderen.

In ihren schlichtesten Formen: »Es gibt keine Zeit« oder »Zeit ist eine Illusion« finden wir diese Aussage auch in anderen philosophischen Systemen, insbesondere in manchen Formen des Buddhismus. Doch steht sie in denkbar krassem Widerspruch zu unseren elementarsten alltäglichen Erfahrungen. Erleben wir nicht ständig, wie die Zeit abläuft? Sehen wir nicht auf jeder Uhr die Zeit förmlich verstreichen? Macht uns nicht jede Sanduhr anschaulich, wie die Zeit verrinnt? Wie die Augenblicke – die Sandkörner – von der Zukunft durch die Gegenwart in die Vergangenheit fallen? Erfahren wir nicht alle unser Leben als Abfolge von Geburt, Kindheit und Jugend, von Reifen, Altern und Sterben? Soll wirklich gestern gleich heute gleich morgen sein? Was sollen wir im Ernst mit der Aussage »Es gibt keine Zeit« anfangen?

Manche der philosophischen oder religiösen Systeme, die sie verkünden, bieten gleichzeitig eine radikale Lösung an, indem sie sagen, nicht nur die Zeit, sondern a l l e s, was uns im Leben begegnet, ja das Leben selbst, sei eine Illusion, eine Maja. Dieses Lösungsangebot ist zweifellos von stark fatalistischer Natur; dem, der es annimmt, müsste alles gleichgültig sein oder gleichgültig werden. Auch die Aussage Seths, die Zeit und unser dreidimensionaler Raum seien Illusionen und Teile eines Tarnungssystems, könnte in diesem Sinn gedeutet werden: Alles ist eine Maja. Aber an anderer Stelle sagt Seth ausdrücklich, das Tarnungssystem sei real, wenn auch hinter ihm eine größere Realität stehe, und das Tarnungssystem und unser Leben darin habe Sinn und große Bedeutung. Die dreidimensionale Realität sei für uns ein wichtiges, ja ein unentbehrliches Trainingsfeld. Er erklärt, unsere Zeitvorstellung sei durch psychische und physiologische Besonderheiten der Menschen bedingt und in unserer dreidimensionalen Realität für uns notwendig. Er weist darauf hin, dass das, was für uns die Zeit ist, in einem – allerdings geheimnisvoll bleibenden – Zusammenhang mit einer Bewegung des Raumes steht und dass die Beschäftigung mit dem Phänomen der Zeit uns viel über die Natur der fünften Dimension lehren würde, was allerdings gleichfalls geheimnisvoll und unverständlich bleibt – bleiben muss.

Im Folgenden führe ich die wichtigsten einschlägigen Zitate aus dem Seth-Material (SM) und aus Gespräche mit Seth an. Das früheste überlieferte Zitat ist leider – wie Seth selbst sagt – so gut wie unverständlich (SM, Kap. 4). Erst sehr viel später gemachte Aussagen sind etwas besser zu verstehen.

Eure Vorstellung vom Wesen der Zeit ist falsch. Zeit, wie ihr sie erfahrt, ist eine Illusion, die von euren Sinnen verursacht wird. Sie zwingen euch, Abläufe in zeitlichen Abschnitten wahrzunehmen, aber das entspricht nicht der Natur der Abläufe. Mit Hilfe eurer Sinne könnt ihr die Realität nur in kleinen Portionen wahrnehmen, und so scheint es euch, dass immer nur ein Moment existiert und dann für immer vergangen ist, dass dann der nächste Moment kommt und genauso verschwindet wie der vorige.
Aber alles im Universum existiert simultan. Die ersten je gesprochenen Worte hallen noch immer durch das Universum, und das letzte Wort, das – nach euren Begriffen – dereinst einmal gesprochen werden wird, wurde schon gesagt; denn es gibt keinen Anfang (und kein Ende, wäre hinzuzusetzen). Nur eure Wahrnehmung ist es, die begrenzt ist.
Es gibt weder Gegenwart, noch Vergangenheit, noch Zukunft. Es gibt sie nur für jene, die in der dreidimensionalen Realität existieren. Da ich nicht mehr in ihr bin, kann ich wahrnehmen, was ihr nicht wahrnehmen könnt. Es gibt aber auch in euch einen Teil, der nicht in der materiellen Realität eingesperrt ist und dieser Teil weiß, dass es nur ein ewiges Jetzt gibt. Dieser Teil, der das weiß, ist euer inneres Ich. (SM, Kap. 12)

Hier sagt Seth also, dass unser Zeitverständnis einerseits durch unsere Wahrnehmung und unsere Sinnesorgane bedingt ist, andererseits auch durch die dreidimensionalen Realität, in der wir leben. Außerdem besteht ein Zusammenhang mit unserem Nervensystem:

Eure Vorstellungen von Raum und Zeit werden von eurem Nervensystem bestimmt. Das (schon erwähnte) Tarnungssystem wird von eurem inneren Ich so schlau erschaffen und aufrechterhalten, dass ihr gezwungen seid, eure Aufmerksamkeit ganz auf die erschaffene physische Realität zu richten. Aber die anderen Realitäten dahinter existieren natürlich auch, ob ihr sie wahrnehmt oder nicht.

Es folgt dann der Versuch einer Erklärung, der aber schon sprachlich so mangelhaft ist, dass er scheitern muss:

Tatsächlich existiert die »Zeit« insofern, als an den Nervenenden Impulse überspringen. Dabei nehmt ihr Aussetzer (oder Lücken, Fehlstellen...) wahr, weil dies kein simultaner Vorgang ist (Simultan wozu? Ein einzelner Vorgang kann nicht simultan sein. Der Satz kann also nur bedeuten, dass es sich um einen Vorgang handelt, der Zeit beansprucht, der in seinen einzelnen Teilen nicht simultan ist.). Wenn aber zwischen jeder Wahrnehmung (es muss wohl heißen: zwischen je zwei Wahrnehmungen) eine Lücke ist, scheinen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehr überzeugend und logisch zu sein. (SM, Kap. 18)
Die Welt erscheint euch so, wie sie es tut, wegen eurer psychologischen Struktur. Würdet ihr das Gefühl eurer persönlichen Kontinuität primär durch Assoziationsvorgänge gewinnen statt aus der Vertrautheit mit einem Ich, das sich durch die Zeit bewegt, dann würdet ihr die physische Realität auf völlig andere Weise erfahren. Gegenstände aus der Vergangenheit und solche aus der Gegenwart könnten dann zusammen (at once) wahrgenommen werden, und ihre Gegenwärtigkeit würde durch assoziative Verbindungen gerechtfertigt werden. Nehmen wir einmal an, euer Vater hätte während seines Lebens acht Lieblingsstühle besessen. Wenn eure Wahrnehmungsmechanismen sich primär auf intuitive Assoziationen anstatt auf die zeitliche Reihenfolge gründen würden, dann könntet ihr diese Stühle alle auf einmal (at one time) wahrnehmen, oder: wenn ihr einen sehen würdet, wäret ihr euch auch der anderen bewusst. So ist die Umgebung kein separates Ding an sich, sondern das Ergebnis von Wahrnehmungsmustern, und diese wiederum werden von psychologischen Strukturen bestimmt. (515)

Auch hier, in Gespräche mit Seth, wiederholt Seth:

Es gibt keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dennoch ist es kein Widerspruch, wenn ich Begriffe wie »vergangene Existenzen« benutze. (510)
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren in diesem Sinne in Wirklichkeit nicht. (518)
Schlicht gesagt: Die Zeit ist keine Reihe von Augenblicken. Die Worte, die ihr sprecht, die Handlungen, die ihr ausführt, scheinen in der Zeit Platz einzunehmen, so wie ein Stuhl oder Tisch Platz im Raum einzunehmen scheint. Diese Erscheinungen (gemeint sind wohl Raum und Zeit) sind jedoch Bestandteile der komplizierten Kulissen, die ihr »im Voraus« aufgestellt habt, und solange das Spiel währt, müsst ihr sie als real annehmen. (521)
Die Wahrnehmungen der Seele hängen nicht von der Zeit ab, weil die Zeit eine physische Tarnung ist, die auf die nichtphysische Realität nicht angewendet werden kann. (528)
Was ihr von der Zeit wahrnehmt, ist ein Teil anderer Ereignisse, die in euer System eindringen und oft als Bewegung im Raum gedeutet werden, oder als etwas, das Ereignisse von einander trennt – wenn nicht räumlich, so doch auf eine Weise, die ohne Zuhilfenahme des Zeitbegriffs nicht definiert werden kann. – Was die Ereignisse von einander trennt, ist jedoch nicht die Zeit, sondern eure Wahrnehmung. Ihr nehmt die Ereignisse »eines nach dem anderen« wahr. Die Zeit, wie sie euch erscheint, ist in Wirklichkeit eine psychische Anordnung der Erfahrungen. (KANT sagt: apriorisch gegebene Bedingungen unserer Erfahrungen.) Der scheinbare Anfang und das scheinbare Ende eines Ereignisses, die scheinbare Geburt und der scheinbare Tod sind einfach andere Dimensionen der Erfahrung ähnlich wie Höhe, Breite und Gewicht. Euch dagegen kommt es so vor, als würdet ihr einem Ende entgegenwachsen, während »Ende« ein Teil einer besonderen Erfahrung ist, oder, wenn ihr wollt, eines persönlichen Geschehens. (582)

Es kann also kein Zweifel bestehen: Seth behauptet, es gebe in Wirklichkeit oder im Grunde keine Zeit, unsere Wahrnehmung der Zeit sei eine Illusion, ein notwendiger Bestandteil unserer dreidimensionalen Realität, ein Teil des Tarnungssystems, hinter dem sich die wahre Realität verberge. In Wahrheit sei alles Geschehen simultan. (Übrigens hat auch Albert Einstein einmal geschrieben, die Zeit sei eine Illusion.)

Diese Aussagen sind für den gesunden Menschenverstand eine ungeheure Provokation – mehr noch: ein Ärgernis. Sie widersprechen allen unseren Erfahrungen, die sich ja in der Zeit abspielen. Das bedeutet: Alle Vorgänge, die wir erleben oder uns auch nur vorstellen, haben eine gewisse Dauer, sie benötigen zu ihrem Ablauf eine Zeitspanne. Diese Zeitspanne besteht aus einer dichten Folge von »Augenblicken«, »Momenten« oder »Zeitpunkten«, die gleichsam an uns vorbei- oder durch uns hindurchfließen und die einer nach dem anderen uns »gegenwärtig« sind. Zuvor waren sie noch »zukünftig«, danach sind sie »vergangen«. Die Gegenwart kann daher beschrieben werden als der eine Zeitpunkt zwischen der Zukunft und der Vergangenheit. Unser Leben und Wirken findet immer nur in diesem »Gegenwartspunkt« statt. Künftige Ereignisse können wir allenfalls mehr oder weniger ungenau prognostizieren, einige davon können wir durch unser gegenwärtiges Handeln beeinflussen, viele werden überraschend über uns hereinbrechen. Vergangenes können wir nicht mehr verändern, allenfalls können wir daraus für gegenwärtiges und künftiges Handeln lernen.

Was würde es in Anbetracht dieser Überlegungen bedeuten, wenn es keine Zeit gäbe? Offensichtlich gäbe es dann auch keine Zukunft und keine Vergangenheit, sondern nur eine ständige Gegenwart. Alles Zukünftige wäre dann bereits vorhanden und alles Vergangene noch immer gegenwärtig. Und genau das behauptet Seth:

Alles im Universum existiert simultan. Die ersten je gesprochenen Worte hallen noch immer durch das Universum, und das letzte Wort, das – nach euren Begriffen – dereinst einmal gesprochen werden wird, wurde schon gesagt. (SM, Kap. 12)


Von der Zeit wurde lange als selbstverständlich angenommen, sie sei »absolut«, das heißt, sie verfließe losgelöst von allem, unabhängig und unbeeinflussbar (Newton). Der Raum wurde – ebenfalls selbstverständlich – als dreidimensional betrachtet; dass er auch anders als »euklidisch« sein könnte, wurde wohl erstmals von Gauss erwogen. (Ein euklidischer Raum ist ein Raum, in dem die Gesetze der euklidischen Geometrie gelten. Zum Beispiel: Die Winkelsumme eines ebenen Dreiecks beträgt 180°, und es gilt der Satz des Pythagoras.) Trigonometrische Messungen, die Gauss eigens an einem Dreieck von etwa 180 km Seitenlänge anstellte, ergaben keine über die damalige Messgenauigkeit hinausgehenden Abweichungen von der euklidischen Metrik. Während so über den Raum immerhin Erwägungen und Untersuchungen angestellt wurden, blieb die Newtonsche Annahme einer absoluten Zeit bis ins 20. Jahrhundert hinein eine zwar niemals auch nur im Mindesten bezweifelte, aber im Grunde doch unbewiesene und unbegründete Hypothese. Durch Einsteins Spezielle Relativitätstheorie (1905) erst wurde diese Hypothese widerlegt, und es wurde bewiesen, dass es keine absolute Zeit gibt. Das bedeutet im Einzelnen:

  1. Die Dauer eines Vorgangs ist keine absolute Größe, sondern wird von relativ zueinander bewegten Beobachtern unterschiedlich beurteilt.
  2. Zwei Vorgänge A und B, die für einen bestimmten Beobachter gleichzeitig stattfinden, sind für andere, relativ zum ersten bewegte Beobachter nicht gleichzeitig, und zwar kann der Vorgang A – je nach Bewegung des Beobachters – für diesen vor, aber auch nach dem Vorgang B stattfinden.

Allerdings ist damit die Existenz der Zeit schlechthin nicht in Frage gestellt; es gibt beliebig viele verschiedene »Systemzeiten« für die einzelnen »Bezugssysteme«, nur gibt es keine absolute Zeit mehr. Nach Minkowski (1908) ist die Zeit jedoch sehr eng mit dem Raum verbunden, sie stellt mit ihm zusammen eine höhere Einheit, ein »vierdimensionales raum-zeitliches Kontinuum« dar, in dem die Zeit die Rolle einer vierten Dimension spielt. Leider ist Minkowski bei dieser Interpretation ein Fehler unterlaufen, der unbemerkt geblieben ist, weil er bei den praktischen Anwendungen der Physik in der Technik nicht stört, und weil nur relativ wenige Physiker sich für die »Metaphysik der Physik« interessieren.

Bei aufmerksamer Betrachtung des »Minkowski-Raumes« (so wird das raum-zeitliche Kontinuum genannt) erkennt man jedoch, dass sich die dreidimensionalen Bezugssysteme der einzelnen, relativ zueinander bewegten Beobachter mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung einer vierten (natürlich ebenfalls räumlichen) Dimension bewegen, die mit den drei Dimensionen des uns geläufigen Raumes einen vierdimensionalen Raum mit einer besonderen Metrik bildet, die man als pseudoeuklidisch bezeichnet. In diesem Raum gibt es im Grunde keine Zeit. An ihre Stelle tritt die Bewegung längs der vierten Koordinatenachse, und der zeitliche Abstand zweier Ereignisse (oder die Dauer eines Ereignisses) wird ersetzt durch den räumlichen Abstand zweier Punkte in Richtung der vierten Dimension

In diesem vierdimensionalen Raum ist die »Zukunft« nun der Teil des Raumes, der »über« dem jeweiligen Beobachter ist (in Richtung der Bewegung seines Bezugssystems); die »Vergangenheit« ist der Teil des Raumes, der »unter« ihm liegt. Das Entscheidende aber ist Folgendes: Eine genauere Untersuchung zeigt, dass in dem vierdimensionalen Raum die »vergangenen« Ereignisse noch immer vorhanden sind, und zwar »unter« dem Beobachter, und dass die »künftigen« Ereignisse bereits vorhanden sind, nämlich »über« ihm. (Dies schließt allerdings nicht aus, dass ein Teil dieser Ereignisse von dem Beobachter sehr wohl noch beeinflusst werden kann - dieses Weltbild ist also keineswegs fatalistisch.) Der Beobachter allerdings kann weder die unter ihm befindlichen (»vergangenen«), noch die über ihm befindlichen (»zukünftigen«) Ereignisse wahrnehmen, da seine Wahrnehmung auf die drei Dimensionen seines Raumes – das heißt: auf die Gegenwart – beschränkt ist. Seth sagt dazu:

Nur eure Wahrnehmung ist es, die beschränkt ist.– Es gibt weder Gegenwart, noch Vergangenheit, noch Zukunft. Es gibt sie nur für jene, die in der dreidimensionalen Realität existieren. Da ich nicht mehr in ihr bin, kann ich wahrnehmen, was ihr nicht wahrnehmen könnt. (SM, Kap. 12)

Die Beschränkung unserer Wahrnehmung auf die drei Dimensionen des uns vertrauten Raumes, die uns die räumliche Wahrnehmung »vergangener« und »künftiger« Ereignisse unmöglich macht, ist auch der Grund dafür, dass der Mensch die Zeit gleichsam erfunden hat, um die Ereignisse, die in der vierten Dimension über- oder untereinander angeordnet sind, und die er nur nacheinander in der Gegenwart wahrnehmen kann, irgendwie zu ordnen, nämlich buchstäblich »auf die Reihe zu bringen«.

Nimmt man nun noch die den Physikern vertraute Tatsache hinzu, dass unser Raum gekrümmt ist – etwas, was sich leicht sagen, aber unmöglich vorstellen lässt – dann kommen wir zu einem Raum mit fünf Dimensionen, und Seths geheimnisvolle Bemerkung, dass die Beschäftigung mit der Zeit uns viel über die Natur der fünften Dimension lehren wird, wird verständlich.

Zum Schluss dieses Kapitels noch einige Anmerkungen zum Raum. Ein eindimensionaler »Raum« ist eine mathematische Linie von der Dicke und der Höhe null, also ein Gebilde, das sich nur in einer Richtung, eben in einer Dimension erstreckt. Ein zweidimensionaler »Raum« ist eine mathematische Fläche ohne Ausdehnung nach »oben« oder »unten«, das heißt senkrecht zur Fläche. Ein dreidimensionaler Raum ist der uns vertraute Raum mit Ausdehnungsmöglichkeiten in drei Richtungen: Länge, Breite und Höhe. Räume mit mehr als drei Dimensionen sind für uns nicht vorstellbar, obgleich sie mathematisch untersucht werden können. Eine Dimension steht also stets senkrecht auf allen vorhergehenden Dimensionen.

Man kann nun sagen: Ein fünfdimensionaler Raum verhält sich zu einem dreidimensionalen etwa so, wie sich ein dreidimensionaler Raum zu einem eindimensionalen verhält. So wie das Dasein in einem dreidimensionalen Raum an Gestalten und Körpern, an Gestaltungs- und Erlebnismöglichkeiten dem Dasein in einem eindimensionalen Raum unendlich überlegen ist (und hier ist das so oft strapazierte und missbrauchte Adjektiv unendlich nicht nur am Platz, sondern unvorstellbar untertreibend), so ist das Dasein im fünfdimensionalen Raum dem in einem dreidimensionalen unendlich überlegen. Hier hätten wirklich unendlich viele »parallele Universen« Platz (von denen nicht nur Seth, sondern neuerdings auch einige Physiker und Philosophen sprechen), hier wäre reichlich Raum für die unendlich vielen möglichen Realitätssysteme, von denen Seth immer wieder spricht. Selbst die kühnste Fantasie reicht nicht aus, sich auszudenken – geschweige denn sich vorzustellen – was in einem fünfdimensionalen Raum möglich ist. Im Seth-Material und in Gesprächen mit Seth finden sich eine Reihe von Aussagen über den Raum:

Ihr existiert inmitten von vielen anderen Realitätssystemen, aber ihr nehmt sie nicht wahr. Und selbst wenn einmal ein Geschehnis von diesen Systemen in eure dreidimensionale Existenz durchbricht, seid ihr nicht imstande, dieses zu deuten, denn es wird durch den Durchbruch entstellt. (514)
Eure Vorstellung vom Raum ist höchst irrig. Der Raum, wie ihr ihn wahrnehmt, existiert einfach nicht. Die Illusion dieses Raumes wird nicht allein durch eure physischen Wahrnehmungsmechanismen hervorgerufen, sondern auch durch angenommene geistige Muster – durch Muster, die das Bewusstsein sich aneignet, sobald es eine bestimmte »Evolutionsstufe« innerhalb eures Systems erreicht. (519)
Das Universum, das ihr wahrnehmt, scheint aus Galaxien, Sternen und Planeten zu bestehen, die sich in unterschiedlicher Entfernung von euch befinden. Dies ist im Grunde eine Illusion. Eure Sinnesorgane und eure Existenzform als physische Wesen programmieren euch dazu, das Universum auf solche Weise zu sehen. Das euch bekannte Universum ist eure Deutung von Ereignissen, die in eure dreidimensionale Realität hineinragen. Die Vorgänge selbst sind geistiger Natur. (519)
Andere Bewusstseinsformen koexistieren innerhalb des gleichen »Raumes«,in dem sich eure Welt befindet. Sie nehmen eure physischen Gegenstände nicht wahr, denn ihre Realität hat eine andere Tarnungsstruktur. Ihr nehmt sie nicht wahr, und sie nehmen euch nicht wahr. Dies ist jedoch eine verallgemeinernde Aussage, denn verschiedene Punkte eurer Realität können zusammenfallen und tun es gewissermaßen auch. (524)
Eure ganze Raumvorstellung ist derart verzerrt, dass jede Erklärung auf Schwierigkeiten stößt. (537)
Alles, was ihr in eurer dreidimensionalen Existenz wahrnehmt, ist nur eine Projektion einer größeren Realität in diese Dimension. (539)

Fast alle diese Aussagen können zwanglos gedeutet werden als Aussagen über eine fünfdimensionale Welt, wovon unser vermeintliches Raum-Zeit-Kontinuum ein vierdimensionaler Ausschnitt oder eine Projektion ins Vierdimensionale ist (Der Ausdruck der "Projektion ins Vierdimensionale" ist keineswegs eine Metapher, sondern ein mathematischer Begriff.). Seths Versuche, diesen fünfdimensionalen Raum mit Hilfe einer Analogie von Drähten und Ebenen anschaulich zu machen, sind natürlich – wie alle vergleichbaren Versuche – zum Scheitern verurteilt, da sie sich alle bemühen, etwas anschaulich zu machen, was unserer Anschauung entzogen ist.

Die Aussage: »Die Ereignisse sind geistiger Natur« (The events are mental) kann nur verstanden werden im Zusammenhang mit der Konzeption »Das Universum als Ideenkonstruktion«, auf das ich an dieser Stelle noch nicht eingehen will.