Philosophieren heißt sterben lernen/ Einleitung

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Philosophieren heißt Sterben lernen – dieser Titel verursacht ein wenig Unbehagen und wirkt auf sonderliche Weise provokativ. Dass Platon mit dieser Aussage wohl kaum den Freitod im Auge hat, liegt auf der Hand. Aber was bezweckt er dann mit der Aussage, was will er uns über die Beziehung zwischen der Philosophie und dem Sterben lernen deutlich machen? Dieser Frage soll in der folgenden Arbeit nachgegangen werden und anhand der Übersetzung des Dialogs von Barbara Zehnpfennig [1]nach einer möglichen Interpretation gesucht werden. Für das Verständnis wichtige griechische Begriffe sind kursiv hervorgehoben.

Hauptfigur des Dialoges „Phaidon“ ist, wie in vielen frühen und mittleren Dialogen Platons, Sokrates, der berühmte Philosoph, sein Lehrer. Dieser ist für sein kritisches Hinterfragen der Dinge und seine Streitgespräche berühmt. In diesen Gesprächen bringt er seine Gesprächspartner dazu einzusehen, dass sie von einem Thema, von dem sie vorgaben, viel zu wissen, zugeben, dass sie nicht genau wissen, was es bedeutet. Vor allem aber sind die Umstände seines Todes bekannt: Er wurde zum Tode durch den Giftbecher verurteilt, weil er die Jugend verderbe und gottlos sei. In Platons Text wird sein letzter Tag im Gefängnis beschrieben. Phaidon, einer der damals Anwesenden, erzählt Euchekrates, wie sich dieser Tag genau abspielte und erklärt hierdurch Sokrates' Ansicht über das philosophische Leben und den Tod. Hierbei verschwimmen die Ansichten von Sokrates mit denen Platons. Im folgenden wird davon ausgegangen, dass Sokrates als eine literarische Figur Platons dessen Meinung vertritt.

Der Dialog beginnt damit, dass Sokrates die Fesseln abgelöst werden und er seine Frau und Kinder nach Hause bringen lässt, ohne sich auf besondere Weise von ihnen zu verabschieden. Er verhält sich so, als wäre sein Todestag ein Tag wie jeder andere. Er deutet an, dass nun, nachdem der Schmerz der Fesseln abgeklungen ist, das Angenehme, das Philosophieren mit seinen Zuhörern, käme.

Daraufhin beginnen die Anwesenden, über seine Beschäftigung mit den Musenkünsten zu reden und wenden sich bald dem Philosophieren zu. Das Thema hierbei liegt nahe: Es geht um den Tod von Sokrates und bald auch um den Tod im Allgemeinen. Seine Zuhörer sind verwundert und stellen sich die Frage, der auch im Folgenden nachgegangen werden soll: Wieso kann Sokrates dem Tod so gelassen und voller Zuversicht entgegentreten?


  1. Vgl. Zehnpfennig, 1991.sofern nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich die Fußnoten auf die von Schleiermacher übernommene Kapitelzählung des Textes."