Philosophieren heißt sterben lernen/ Philosophie im Kontext

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„For those who have lived philosophically, it is death which is preferable to life, and which allows the true fulfillment of their goals.“[1]

Platon glaubt an die – zumindest mögliche – Unsterblichkeit der Seele und daran, dass die Weisen und Guten nach dem Tod eine bessere Existenz führen würden als die Schlechten. Ferner beschäftigt er sich intensiv mit der pythagoreischen Idee der Seelenwanderung.[2] „Phaidon“ und andere Dialoge Platons sind darauf ausgelegt, den Leser vom Wert der Philosophie an sich zu überzeugen, indem sie die Anwendung der Philosophie auf bestimmte Bereiche des Lebens zeigen.[3] In „Phaidon“ zeigt er vor allem, wie die Philosophie eine Stütze und Hilfe für einen vernünftigen Umgang mit dem Tod ist. Durch ein philosophisches Leben bereitet man sich zum einen auf die Trennung von Seele und Körper vor, zum anderen beschäftigt man sich mit dem Thema Tod und wird so auf gewisse Weise vertraut mit ihm. Der Philosoph legt seine Furcht vor dem Tode ab und strebt ihn als Ziel seines Lebens an. Platon zeigt damit auf, wie man mit Hilfe der Philosophie ein sinnvolles Leben führen und sich auf den Tod vorbereiten kann.

Hierbei gilt es, vorsichtig zu sein: Der Begriff „Tod“ wird hier von Platon nicht singulär verstanden, sondern lässt sich unterschiedlich deuten. Zum einen ist der Tod der Prozess der Lösung von Seele und Körper, also eine Macht der Trennung, die sich auch graduell vollziehen kann, zum anderen ein Zustand, also das tatsächliche Getrennt-sein beider. Im Folgenden werde ich für ersteres den Begriff, den Platon apothnêiskein nennt, den deutschen Ausdruck „Sterben“ verwenden, für den Zustand des Todes – oder griechisch tethnanai, „tot sein“[4] – schlicht den Begriff „Tod“. Davon abgesehen wird die Philosophie mit den Musenkünsten in Beziehung gesetzt und ihr zentraler Begriff, der logos, mit seinem „Gegenstück“, dem Mythos in Verbindung gebracht.

Wie sich schon abzeichnet, ist die Frage nach Sokrates’ Gelassenheit angesichts des Todes damit in einem größeren Rahmen zu sehen. Sokrates setzt die Philosophie in Beziehung zu den Dingen, die seine Hörer kennen und schätzen. Er vergleicht sie auch mit der pythagoreischen Philosophie, für die einige der Anwesenden stellvertretend stehen, und setzt sie in Bezug zum orphischen Mysterienkult, dem einige Anwesende angehört haben. Seine Lehre ist ebenfalls dazu gedacht, eine Anleitung für die richtige Lebensführung zu geben und sich auf ein Leben nach dem Tode vorzubereiten.

Damit konkurriert seine Lehre direkt mit den damals weit verbreiteten Mysterienschulen. Ein wichtiger Bestandteil des damaligen Kultes war die Beschäftigung mit den musischen Künsten, vor allem der Musik und der Dichtung. Aus diesem Grunde nimmt Sokrates zu Beginn des Dialogs bald auf diese Themen Bezug. Sein Gedanke der richtigen Lebensführung mittels der Philosophie wird damit in Verbindung mit den musischen Künsten und dem Mythos gebracht und verknüpft. Dann wird erklärt, wie man sich durch sein philosophisch geführtes Leben auf den Tod vorbereiten kann. Dadurch erreicht der Philosoph eine gewisse Zuversicht und Hoffnung im Angesicht des Todes und kann ihm ruhig entgegentreten.[5]

Hier zeigt Sokrates wieder, dass die richtige Lebensführung nach seiner Ansicht ausgewogen ist: Das Philosophieren wird in einen spirituellen Kontext gesetzt. Der Philosoph bereitet sich ja durch das Philosophieren auf den Tod vor. Sokrates selbst scheint gut vorbereitet zu sein und seinen Tod nicht zu fürchten.[6] Er ist vielmehr der Ansicht, „[...]es gehört sich [...] über die Wanderung nach dort [zum Hades] [...] nachzusinnen und sich Mythen auszudenken.“[7]

Mythos und Logos[Bearbeiten]

Sokrates sieht hier einen Zusammenhang zwischen Philosophieren und dem Mythos. Es ist als ein Teil der musischen Künste nicht nur als Suche nach dem logos mit Hilfe des nous anzusehen, sondern auch als Hilfsmittel für eine spirituelle Lebensführung und Vorbereitung auf den Tod, das den Geheimlehren der Mysterienschulen in nichts nachsteht, diese sogar übertrifft. Sokrates verwendet hier ein drastisches Bild: Diejenigen, die die Mysterien gegründet haben, werden im Hades im Matsch liegen, während die Initiierten und Gereinigten, die ein philosophisches Leben geführt haben, unter den Göttern weilen.[8] Diese Sicht des Todes in einem mythologischen Zusammenhang schafft eine direkte Verbindung zwischen logos und mythos und zeigt auf, dass ein philosophisches Leben nicht nur aus dem Streben nach der Wahrheit besteht, sondern zugleich eine religiöse Dimension hat. Gotshalk drückt es so aus: „[...] it was born and developed within a divine presence enjoying towards self-knowledge“.[9]

Ein philosophisches Leben ist also nicht nur auf die Suche nach dem logos ausgelegt, auch der mythos wird als Bild gebraucht, um Dinge darzustellen, die durch den Verstand (nous) allein nicht begriffen werden können. Er „rahmt“ damit den logos sozusagen ein. Er ist also Gegenstück und Ergänzung zugleich. Dies ist auch im Aufbau des Dialogs selbst zu erkennen: Der erste Gesprächsgegenstand ist Sokrates' Beschäftigung mit dem Mythendichter Äsop. Hier behauptet Sokrates noch von sich selbst, kein Mythendichter zu sein. Dennoch endet der Dialog mit einem von Sokrates erzählten Schlussmythos, in dem er beschreibt, was mit der Seele geschieht, wenn diese den Körper verlässt. Sokrates sieht das philosophische Leben als ein „Auf-etwas-zu“ an, zu dem die Götter die Menschen anhalten, dem philosophisch richtig gelebten Leben wird also auch ein mythisch-spiritueller Aspekt zugeschrieben.

Philosophie als Musenkunst[Bearbeiten]

Sokrates beschäftigt sich also mit dem Mythos, und zwar auf eine für ihn sehr untypische Weise: Er setzt Äsops Sätze in Verse, betreibt Dichtung und hat sogar einen Lobgesang auf Apollon verfasst. Damit werden viele Beispiele für die Musenkünste aufgezählt und es stellt sich die Frage: Was hat Philosophie mit den Musenkünsten gemeinsam?

Sokrates selbst sagt, die Philosophie sei „die höchste Form des Musischen“ und beschäftigt sich sein Leben lang mit dem Philosophieren, da ihn ein Traum immer wieder dazu auffordert, sich musisch zu betätigen. Dies zeigt eine ironische Parallele zu der höchsten Form der Musik, der theoria, eine feierliche Prozession der Athener nach Delos zu Ehren des Apollon, wegen der sein Todesurteil verschoben wurde. Sokrates dagegen ehrt im Kerker Apollon auf seine ganz persönliche Weise: Er bringt ihm als theoria sein philosophisches Nachdenken über das Leben und den Tod im letzten Dialog mit seinen Schülern dar. Dadurch bekräftigt er seine – wenn auch vielleicht unkonventionelle – Liebe zur Musenkunst und gibt somit die Hauptanliegen seines Lebens zu erkennen: die Suche nach dem Logos und dem Mythos.[10]

Sokrates legt außerdem durch seinen Lobgesang und die Widmung seiner theoria „in Anlehnung an orphisch-pythagoreische Traditionen die Entscheidung über den physischen Tod ganz in Gottes Hand“.[11] Er spricht damit einem Philosophen das Recht ab, über sein Leben vollständig selbst zu verfügen. Sokrates zeigt, dass dieser den Göttern verpflichtet ist und unter deren Obhut steht. Nichtsdestotrotz besitzt er eine gewisse Selbstbestimmung, wenn nicht über sein Leben an sich, dann doch über die Art und Weise, wie er dieses Leben verbringt.

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  1. Rowe 1997: S. 427
  2. ebd.
  3. ebd. S. 427–428
  4. vgl. Gotshalk 2001 S. 27–28
  5. vgl. Dilman 1992: S. 26
  6. vgl. 58c
  7. vgl. 61e
  8. vgl. Gotshalk 2001: S. 26/27
  9. ebd. S. 23
  10. vgl. Theodorakopoulos 1972: S. 66/67
  11. vgl. Zehnpfennig 1991: S. XX