Reinkarnation: Teil V

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Die Reinkarnationsidee als Erklärung verschiedener Phänomene[Bearbeiten]

Nach Stevenson (a. a. O. S. 257) besteht „die Möglichkeit, dass Reinkarnation, wenn es sie gibt, solche ungewöhnlichen Verhaltensweisen erklären könnte, die im Rahmen der heutigen Psychologie und Psychiatrie nicht befriedigend verstanden werden. Darüber hinaus mag Reinkarnation sogar dazu verhelfen, einige zur Zeit rätselhafte biologische und medizinische Phänomene zu erklären.“ Ich beschränke mich im Folgenden meist auf eine Aufzählung der Phänomene und einige wenige Beispiele. Im Übrigen verweise ich auf das Buch Stevensons, in dem zahlreiche eindrucksvolle Beispiele angeführt sind.

 

Ungewöhnliches Verhalten in der Kindheit[Bearbeiten]

Darunter versteht Stevenson ein Verhalten mit folgenden Merkmalen:

Erstens ist das Verhalten für die Familie des Subjektes ungewöhnlich; andere Familienmitglieder weisen es überhaupt nicht oder in viel geringerem Umfang als das Subjekt auf. Zweitens habe ich von keinerlei (postnataler) Erfahrung gehört, die das Subjekt gemacht hätte und die dieses Verhalten erklären könnte; noch ist mir irgendein Vorbild in seiner Familie oder Nachbarschaft bekannt geworden, das es hätte nachahmen können, um dies Verhalten zu erwerben.

Dazu gehören unter anderen Phobien im Kleinkindalter und in der frühen Kindheit, z. B. Phobien gegenüber Flugzeugen, Waffen mit Klingen, Gewässer (manchmal besonders ausgeprägt an einem bestimmten Ort), Brücken, Schlangen u.a. In den aufgeführten Beispielen konnte das ungewöhnliche Verhalten stets zwanglos aus einem erinnerten Erlebnis in einer früheren Inkarnation erklärt werden. Ferner:

 

Ungewöhnliche Interessen und Spiele in der Kindheit[Bearbeiten]

Hier nennt Stevenson zunächst etliche prominente Beispiele von Menschen, die in ihrer Kindheit ungewöhnliche Interessen gezeigt haben: Georg Friedrich Händel, die Gefängnisreformerin Elizabeth Fry, Florence Nightingale, Heinrich Schliemann, der schon als Siebenjähriger ankündigte, er werde Troja entdecken. Jean-Francois Champollion, der Begründer der Ägyptologie, drückte ein Interesse an diesem Thema aus, als er noch ein Kind war; und seinen späteren Erinnerungen zufolge hatte er beschlossen, die ägyptischen Hieroglyphen zu entschlüsseln, als er noch keine zwölf Jahre alt war. Michael Ventris, ein Engländer, der die mykenische Schrift (Linear B) entschlüsselte, kaufte und studierte ein deutsches Buch über die ägyptischen Hieroglyphen, als er gerade sieben Jahre alt war, und mit vierzehn schwor er sich, zu versuchen, die mykenische Schrift zu entziffern.

Stephenson schreibt dazu:

Heute gängige Theorien der Persönlichkeit bieten keine angemessene Erklärung für das Interesse an ihrer späteren Berufung, das die Kinder in einem sehr frühen Alter und gegen die Gleichgültigkeit oder Opposition ihrer Familie zeigten. Es scheint mir angebracht, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass diese Interessen von früheren Leben herrührten, obwohl keines dieser Kinder bildhafte Erinnerungen an ein früheres Leben besaß. Als Stütze für diese Hypothese kann ich Kinder der von mir untersuchten Fälle zitieren, die solche bildhaften Erinnerungen hatten und ebenfalls schon früh ungewöhnliche Interessen zeigten, die aus dem erinnerten früheren Leben herzurühren schienen. (Es folgen mehrere Beispiele.)

Ungewöhnliche Begabungen und Fähigkeiten in der frühen Kindheit[Bearbeiten]

Prominente Beispiele von "Wunderkindern" aus der westlichen Welt zitiere ich hier nach Lama Govinda (a. a. O. S. 227): Voltaire konnte bereits im Alter von drei Jahren sämtliche Fabeln La Fontaines auswendig; Stuart Mill beherrschte im gleichen Alter die griechische Sprache und schrieb mit sechs Jahren eine Geschichte Roms. William Thomson, der spätere Lord Kelvin, löste im Alter von neun Jahren mathematische Probleme ohne Hilfe Erwachsener und bezog mit zehn Jahren die Universität. Keines dieser Wunderkinder scheint seine Fähigkeiten auf ein früheres Leben zurückgeführt zu haben (was nicht weiter verwunderlich ist, da sie alle in einer Umgebung aufwuchsen, die der Reinkarnationsidee ablehnend oder ignorant gegenüberstand), dennoch sollte, wie oben bei den ungewöhnlichen Interessen, die Reinkarnation als Erklärungsmöglichkeit erwogen werden. Auch dieser Vorschlag wird durch – allerdings weniger auffällige und "wundersame" – Beispiele aus Stephensons Fallsammlung gestützt.

 

Andere Phänomene[Bearbeiten]

Stichworte für weitere Phänomene, zu deren Erklärung nach Stevenson die Reinkarnationsidee beitragen könnte, sind:

Abhängigkeiten und Süchte – Temperament – Frühreife Sexualität – Schwierigkeiten mit der Annahme der eigenen Geschlechtsidentität – Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen, insbesondere auch siamesischen Zwillingen – Eltern-Kind-Beziehungen – Scheinbar irrationale Aggressionen – Ungewöhnliche Gelüste während der Schwangerschaft – Linkshändigkeit – Muttermale und angeborene Missbildungen – Einmaligkeit des Individuums – Grenzen von Vererbung und Umwelteinflüssen.

Auf alle diese Themen geht Stevenson im Detail ein.

Den aufgezählten ungewöhnlichen Verhaltensweisen möchte ich folgende hinzufügen:

Der Gesichtsaudruck und insbesondere der Blick mancher neu geborener Kinder, der bei aller gebotenen Vorsicht vor Projektionen nicht anders als von tiefer Trauer oder gar hellem Entsetzen erfüllt gedeutet werden kann.

Das anscheinend unbegründete, anhaltende Schreien von Säuglingen. Ein besonders auffälliger (und für die Eltern entnervender) Sonderfall dieses Phänomens ist das allabendliche, stundenlang währende panische Geschrei eines Kindes, das sich bester Gesundheit und – tagsüber – fröhlichster Laune erfreut. Diese Erscheinung kann über ein Jahr anhalten und verschwindet charakteristischerweise zu der Zeit, da – den Untersuchungen Stevensons zufolge – eventuell vorhandene Erinnerungen an ein früheres Leben zu verblassen beginnen. Ferner: Regelmäßig sich wiederholende nächtliche Alpträume von Kleinkindern.

Diese Verhaltensweisen könnten auf erschreckende Erfahrungen (eventuell im Zusammenhang mit einer bestimmten Tageszeit oder dem Eintritt der Dunkelheit) in einem früheren Leben hinweisen.

 

Hindernisse für den Glauben an die Möglichkeit der Reinkarnation[Bearbeiten]

Mangelnde Vertrautheit mit der Idee der Reinkarnation[Bearbeiten]

Die Menschen leiden weltweit unter Neoideophobie (ein von Stevenson geprägter Begriff, der „Angst vor neuen Ideen" bedeutet). „Zu den größten Schmerzen, die die menschliche Natur befallen, gehört der von neuen Ideen ausgelöste Schmerz.“ (Bagehot) Wir neigen dazu, das Ungewohnte zu ignorieren und es mit Vorurteilen zu betrachten, ehe wir relevante Belege untersuchen. „Um voll und ganz an ein Phänomen glauben zu können, muss man daran gewöhnt sein.“ (Richert)

Die Hauptursache für die mangelnde Vertrautheit der Menschen im Westen mit der Idee der Reinkarnation ist sicherlich in dem über viele Jahrhunderte währenden Einfluss der christlichen Kirchen zu finden: Vertreter der Reinkarnationsidee sind im Westen vor 350 Jahren noch verbrannt worden. Man mag dagegen einwenden, das Christentum habe heute keinen entscheidenden Einfluss mehr auf die westliche Gesellschaft. Das schließt aber nicht aus, dass manche seiner Ideen noch immer nachwirken. Dies gilt vor allem für solche, die auch in das Weltbild des naturwissenschaftlichen Materialismus passen, der als eine der Ersatzreligionen das religiöse Vakuum ausgefüllt hat.

Ein weiterer Grund ist die mangelnde persönliche Erfahrung der Menschen im Westen mit der Reinkarnation, verbunden mit dem unter Gebildeten weit verbreiteten Aberglauben, man dürfe als Realität nur anerkennen, was man selbst erlebt hat. Nun schließt aber gerade die Ablehnung eines Phänomens die Möglichkeit weitgehend aus, damit persönliche Erfahrungen zu machen, und so entsteht ein Teufelskreis: Weil man nichts davon wissen will, sieht man auch offensichtliche Belege nicht, und weil man diese nicht sieht, lehnt man das Phänomen ab und will nichts davon wissen und so weiter.

 

Lebensmüdigkeit[Bearbeiten]

Oft lässt sich die Ablehnung der Reinkarnation auch auf eine mehr oder weniger latente Lebensmüdigkeit zurückführen, insbesondere bei älteren Menschen. Die typische Reaktion in einem solchen Fall ist dann der entsetzte Ausruf: „Nein! Nicht noch einmal!“ oder „Bloß nicht!“ Weniger drastisch, aber vom gleichen Ursprung ist eine Äußerung, wie sie schon oben zitiert wurde: „Das empfinde ich als sehr bedrückend.“

Lebensmüdigkeit steht nur scheinbar im Widerspruch zu der Angst vor dem Tod, die offenbar eine große Mehrheit der Menschen im Westen empfindet. Viele tödliche Krankheiten wie auch der Missbrauch von Alkohol und Nikotin sind oft nichts anderes als verkappte Selbstmordversuche.

Die Ablehnung der Reinkarnation durch lebensmüde Menschen ist verständlich und dennoch verkehrt. Sie gleicht der Reaktion eines Menschen, der gerade von einem üppigen Mahl aufsteht und gefragt wird, was er morgen essen wolle. Allein der Gedanke ans Essen bereitet ihm Übelkeit, was aber nicht ausschließt, dass er nach einiger Zeit wieder hungrig ist und sich auf die nächste Mahlzeit freut.

 

Das Gehirn als Voraussetzung geistiger Prozesse[Bearbeiten]

„Die meisten Wissenschaftler heute, und sicherlich alle Gehirnforscher, glauben, unser Geist (und auch unsere Erinnerungen) sei nichts weiter als Manifestationen der Tätigkeit unseres Hirns.“ (Stephenson, a. a. O. S. 325) Sie folgern daraus, dass mit dem Gehirntod alle geistigen Prozesse enden und die Übertragung von Erinnerungen in ein späteres Leben ausgeschlossen sei. Daher brauche man sich gar nicht erst mit dem Gedanken der Reinkarnation auseinander zu setzen. Das Verhalten dieser Wissenschaftler gleicht aufs Haar der von ihnen als unwissenschaftlich angeprangerten Haltung der Kardinäle der Inquisition, die sich weigerten, durch Galileis Fernrohr zu sehen und die Monde des Jupiter zu betrachten, weil sie ja schon im Voraus wussten, dass es diese nicht gibt.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der materialistischen Auffassung geistiger Prozesse findet sich a. a. O. S. 325 ff.

 

Individuelle Verantwortung oder Zufall beim persönlichen Schicksal?[Bearbeiten]

Hierzu möchte ich wieder Stevenson zitieren (a. a. O. S. 337 ff.):

Ich nähere mich dem Thema dieses Abschnittes mit einiger Furcht, mich des Moralisierens oder sogar eines predigerhaften Verhaltens schuldig zu machen - oder für schuldig gehalten zu werden. Ich möchte diese Fehler gerne vermeiden. Jedoch ist mir beim Nachdenken über die vielen Argumente für die Reinkarnation und über die Belege dafür, so unvollkommen sie auch sein mögen, die Frage gekommen, ob es wohl irrationale - ebenso wie rationale - Hindernisse gibt, daran zu glauben. Wenn ja, so mag ein irrationaler Einwand dagegen die Bürde von Verantwortlichkeit für das eigene persönliche Schicksal sein, die die Vorstellung der Reinkarnation uns auferlegt. Reinkarnation ist eine Doktrin der Hoffnung: sie legt nahe, dass ein Mensch in einem zukünftigen Leben von den Anstrengungen profitieren kann, die er in diesem Leben unternimmt. Die Hoffnung wird jedoch nur durch persönliche Bemühungen erfüllt, und dies mag mehr sein, als die meisten Menschen akzeptieren können. Passivität ist ein tiefer Wesenszug des heutigen Menschen. Wir können dies leicht beobachten, ohne auf die Möglichkeit der Reinkarnation Bezug nehmen zu müssen. Viele Kranke lassen sich lieber mit Medikamenten zu Tode kurieren, ehe sie ihre Lebensweise ändern - nämlich weniger essen, weniger Alkohol trinken und überhaupt nicht rauchen. Im gesellschaftlichen Bereich geben je tausend ihre Stimme für eine Gesetzgebung, die die Fehler des Nachbarn beseitigen soll, für je zehn, die wie, ich glaube Beethoven, sagen: „Herr, höre nicht auf, an meiner Vervollkommnung zu arbeiten“, und für je einen, der - mit Beethoven - tatsächlich an seiner Selbst-Verbesserung arbeitet. Wenn ein Mensch die Verantwortung für das Ergebnis e i n e s Lebens nicht annehmen kann, so wird er es nicht begrüßen, wenn er gebeten wird, sie für zwei oder mehr Leben zu übernehmen. Trotzdem bleibt es eine Wahrheit, dass, wie Baudelaire schrieb: „Es kann keinen Fortschritt geben - echten moralischen Fortschritt, meine ich - außer im Innern eines individuellen Menschen und durch diesen Menschen selbst.“

Der durchschnittliche Mensch des Westens sucht auf verschiedene Art und Weise persönliche Verantwortung für seine Bedingungen und seine Lebensweise zu vermeiden. Das Christentum hat eine Reihe von Ausflüchten angeboten, die von der Idee der Prädestination (der Vorbestimmung unseres Schicksals, auch des Schicksals nach unserem Tode) bis zur Sühne aller unserer Sünden durch Christi Tod am Kreuze reicht. Die moderne Wissenschaft bietet das Konzept des Zufalls an, aber diese Idee stammt ursprünglich von Spielern und Versicherungen, nicht von Wissenschaftlern. Bereits im achtzehnten Jahrhundert konnte Gibbon (mit einiger Selbstgefälligkeit, scheint es mir) schreiben: „Wenn ich das allgemeine Los der Sterblichkeit betrachte, so muss ich zugeben, dass ich in der Lotterie des Lebens einen großen Preis gezogen habe. ... das doppelte Glück meiner Geburt in einem freien und aufgeklärten Lande, in einer vornehmen und reichen Familie, entspricht einem glücklichen Zufall von eins zu Millionen.“ Die Metaphern, die verwendet werden, um das Konzept des Zufalls auszudrücken, ändern sich von Zeit zu Zeit; und ich erwähnte in Kapitel 9, dass in seiner modernen Verkleidung die Einmaligkeit eines individuellen Menschen angeblich meistenteils aus der Zufallssortierung der Chromosomen in die Keimzellen seiner Eltern herrührt. Viele andere Namen verwenden wir und haben wir verwendet, um das gleiche Konzept auszudrücken: Zufall, Glück, Schicksal. Was immer das Etikett sein mag, die Idee dient dazu, dem Menschen, der sie verwendet, zu ersparen, auch nur einen Anteil von Verantwortung dafür zu übernehmen, was ihm zustößt. Ich glaube, die meisten westlichen Menschen finden die Idee des Zufalls etwas anziehend; und in dem Maße, wie sie dies tun, mögen sie die Idee der Reinkarnation für unsympathisch halten.


Einige Menschen finden den Gedanken, Zufall sei die herrschende Kraft in ihrem Leben, unattraktiv; und doch mögen sie immer noch danach streben, die persönliche Verantwortung dafür zu vermeiden. Zwei Generationen lang haben nun die westliche Psychiatrie und Psychologie diese Gruppe mit Zusicherungen besänftigt, alle ihre Probleme seien auf Fehler ihrer Eltern zurückzuführen oder auf die Gesamtheit aller anderen - also auf das, was wir Gesellschaft nennen.


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Literatur[Bearbeiten]

Hobbs-Scharner, Ulrike; Der Tod - ein großes Geheimnis?, HMHE-Verlag 2007

Lama Anagarika Govinda; Der Weg der weißen Wolken, Scherz 1966

Rupert Sheldrake, Das schöpferische Universum, Meyster 1983

Stevenson, Ian; Wiedergeburt, Zweitausendeins 1992

Sugrue, Thomas; Edgar Cayce, Knaur 1981

Zürrer, Ronald; "Reinkarnation" - Die umfassende Wissenschaft der Seelenwanderung, Sentient Press, Zürich, 1989



Zur Selbstprüfung mit Humor, siehe:

Conrad, Jo; Inkarnationsvertrag, Bignose Media 2002 http://www.joconrad.de/Inkarnationsvertrag.html