Schilddrüse: Amiodaron

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Zurück zur Übersicht


Strukturformel des Amiodarons

Die Schilddrüse und Amiodaron

Einleitung[Bearbeiten]

Amiodaron ist ein Medikament zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Es besitzt eine dem Thyroxin (T4) verwandte chemische Struktur. Es enthält mit 37 % Gewichtsanteilen sehr viel Iod. Bei einer üblichen täglichen Erhaltungsdosis von 200 mg Amiodaron werden durch Dejodierung täglich etwa 7 mg Jodid freigesetzt. Der Tagesbedarf an Jodid ist demgegenüber mit 150 – 200 mikrog viel niedriger, d.h durch den Stoff entsteht ein ausgeprägter Iodüberschuß. Gleichzeitig ist die Abbaurate des Amiodarons mit einer Halbwertszeit von 40 – 60 Tage sehr lang.

Amiodaron enthält nicht nur viel Jod, es ist auch mit den Schilddrüsenhormonen strukturverwandt.


Unter Amiodaron kommt es häufig ( circa 40 % der Fälle) zu Veränderungen der Schilddrüsenhormonparameter kommen, die oft vom betroffenen Patienten gar nicht bemerkt werden.

Diese Veränderungen an der Schilddrüse werden

  • durch den hohen Jodgehalt oder
  • durch immunbedingte zytotoxische Effekte ( zytotoxisch = Zellzerstörend)

verursacht.

In der Peripherie führt Amiodaron zu einer

  • Hemmung der Deiodase, d.h T4 wird weniger in T3 umgewandelt
  • Hemmung der Schilddrüsenhormonrezeptoren.

Eine Radiojodtherapie kann man unter Amiodaron bis zu einem Jahr nach Absetzen des Medikamentes nicht durchführen, da das Radiojod nicht in die Schilddrüse aufgenommen wird.

Voruntersuchung[Bearbeiten]

  • Vor Einleitung einer Amiodarontherapie sollten folgende Untersuchungen durchgeführt werden
    • TSH basal
    • FT3 und FT4
    • TPO-AK
    • TRAK
    • Sonographie der Schilddrüse
    • Bei Knoten > 1 cm SD-Szintigramm

Verlaufskontrolle[Bearbeiten]

  • TSH basal alle 6 Monate
  • FT3 und FT4 alle 6 Monate

Es kann unter der Amiodaronbehandlung zu folgenden typischen Krankheitsbildern an der Schilddrüse kommen:

Laborveränderungen unter Amiodaron[Bearbeiten]

Anfangs[Bearbeiten]

hemmende Wirkung von Jod auf die SD ( Wolff-Chaikoff-Effekt)

  • vorübergehender Abfall des fT4-Spiegel
  • vorübergehende TSH-Erhöhung

Weiterer Verlauf[Bearbeiten]

Amiodaron hemmt die Deiodase und den SD-Hormonrezeptor

  • erhöhtes fT4
  • erniedrigtes fT3,
  • erhöhtes reverses T3
  • TSH
    • vorübergehender TSH-Anstieg (bis zu 20 mU/L)
    • später TSH-Spiegel wieder normal oder leicht erniedrigt.

Typische Laborkonstellation der Amiodarondauertherapie beim euthyreoten Patienten[Bearbeiten]

  • fT4-Anstieg um 20 bis 30 %,
  • fT3-Abfall in den unteren Normbereich,
  • TSH im unteren Normbereich beziehungsweise erniedrigt

Amiodaron-induzierte Unterfunktion der Schilddrüse (AIH)[Bearbeiten]

Durch das Amiodaron kann eine bereits vorhanden Autoimmunthyreoiditis verstärkt oder erst manifest werden, die dann zu einer Schilddrüsenunterfunktion führt. Bei Patienten mit positiven TPO-Antikörpern besteht dafür ein ca. 7-fache erhöhtes Risiko. Wie üblich wird die resultierende Unterfunktion einfach durch die Tabletteneinnahme von T4 behandelt. Wegen der Hemmung der Umwandlung von T4 nach T3 durch das Amiodaron ist die erforderliche Thyroxindosis meist etwas höher als üblich. Therapieziel ist ein TSHwert zwischen 1 und 2 , also im mittleren Normbereich. Amiodaron kann , wenn eine wichtige Indikation vorliegt, trotzdem weiter gegeben werden.

Amiodaron-induzierte Überfunktion Typ 1 (AIT I)[Bearbeiten]

Durch die exszessive Jodzufuhr kann es unter der längeren Therapie mit Amiodaron zur Ausbildung bzw zur schnelleren Manifestation heißer Knoten oder fokaler autonomer Bezirke kommen. Wie üblich findet man im Ultraschall vermehrt durchblutete und szintigrafisch warme oder heiße Knoten. Die Therapie wird wie üblich mit Thyreostatika durchgeführt. Wobei man meist Thiamazol ( bis 40 mg) und Perchlorat ( beispielsweise 3 x 15 gtt) kombiniert. Bei den relativ hohen Thiamazoldosen ist die Gefahr der Agranulozytose und der dosisabhängigen Leukopenie höher als bei den sonst üblichen niedrigeren Thiamzoldosen unter 20 mg / Tag. Deswegen sind regelmäßige Kontrollen des Blutbildes notwendig. Alternativ kann oder muß eine definitive Sanierung der Schilddrüse durch eine Operation erfolgen.

Amiodaron-induzierte Überfunktion Typ 2 (AIT II)[Bearbeiten]

Auch die Amiodaron-induzierte Überfunktion Typ 2 tritt häufig erst nach monatelanger Dauertherapie mit Amiodaron ein. Typischerweise findet sich sonografisch ein homogenes Gewebe ohne vermehrte Durchblutung. Der Uptake im Szintigramm ist erniedrigt. Chrakteristisch sind die oft stark erhöhten Interleukin-6-Serumspiegel. Die AIT 2 ist meist milder als die AIT 1 und spricht nicht auf Thyreostatika an. Sie endet nicht selten in einer Unterfunktion, welche dann wieder mit einem Hormonersatz behandelt wird.

Patienten, bei denen sich bereits vor der Amiodaronbehandlung SD-Antikörpern oder eine subklinische Hypothyreose nachweisen lassen, sind stärker gefährdet, eine Amiodaron-induzierte Hypothyreose zu bekommen.

Da Thyreostatika bei der AIT 2 wirkungslos sind, muß mit Steroiden behandelt werden. (z. B. Prednison 40 mg / Tag über 2 – 3 Monate)

Bei Mischtypen oder unsicherer Einordnung von AIT 1 und AIT 2 ist eine Kombinationstherapie von Thyreostatika mit Steroiden angezeigt und Amiodaron sollte abgesetzt werden. Wenn Amiodaron nicht abgesetzt werden kann oder wenn die Tablettentherapie nicht wirksam ist, ist eine operative Entfernung der Schilddrüse notwendig.

Literatur[Bearbeiten]

  • Amiodarone Trials Meta-Analysis Investigators: Effect of prophylactic amiodarone on mortality after acute myocardial infarction and in congestive heart failure: meta-analysis of individual data from 6 500 patients in randomized trials. Lancet 1997; 350: 1417–24.

Trip MD, Wiersinga WM, Plomp TA: Incidence, predictability, and pathogenesis of amiodarone-induced thyrotoxicosis and hypothyroidism. Am J Med 1991; 91: 507–11.

Martino E, Bartalena L, Bogazzi F, Braverman LE: The effect of amiodarone on the thyroid. Endocrine Rev 2001; 22: 240–54.

Basaria S, Cooper DS: Amiodarone and the thyroid. Am J Med 2005; 118: 706–14.

Harjai KJ, Licata AA: Effects of amiodarone on thyroid function. Ann Intern Med 1997; 126: 63–73.

Kahaly GJ, Dillmann WH: Thyroid hormone action in the heart. Endocrine Reviews 2005; 26: 704–28.

Brabant G, Kahaly GJ, Schicha H, Reiners C: Milde Formen der Schilddrüsenfehlfunktion. Dtsch Arztebl 2006; 103(31–32): A 2110–5.

Dietlein M, Schicha H: Amiodarone-induced thyrotoxicosis due to destructive thyroiditis. Therapeutic recommendations. Exp Clin Endocrinol Diab 2005; 113: 145–51.

Hermida JS, Jarry G, Tcheng E et al.: Radioiodine ablation of the thyroid to allow the reintroduction of amiodarone treatment in patients with a prior history of amiodarone-induced thyrotoxicosis. Am J Med 2004; 116: 345–8.

Goldschlager N, Epstein AE, Naccarelli G, Olshansky B, Singh B: Practical guidelines for clinicians who treat patients with amiodarone. Arch Intern Med 2000; 160: 1741–8.

Bartalena L, Wiersinga WM, Tanda ML, Bogazzi F, Piantanida E, Lai A, Martino E: Diagnosis and management of amiodarone-induced thyrotoxicosis in Europe: results of an international survey among members of the European Thyroid Association. Clin Endocrinol 2004; 61: 494–502.

Bartalena L, Grasso L, Brogioni S, Aghini-Lombardi F, Braverman LE, Martino E: Serum Interleukin-6 in amiodarone-induced thyrotoxicosis. J Clin Endocrinol Metab 1994; 78: 423–7.

Bartalena L, Bogazzi F, Braverman LE, Martino E: Effects of amiodarone administration during pregnancy on neonatal thyroid function and subsequent neurodevelopment. J Endocrinol Invest 2001; 24: 116–30.

Bartalena L, Brogioni S, Grasso L, Bogazzi F, Burelli A, Martino E: Treatment of amiodarone-induced thyrotoxicosis, a difficult challenge: results of a prospective study. J Clin Endocrinol Metab 1996; 81: 2930–3.

Brennan MD, Erickson DZ, Carney JA: Nongoitrous (type I) amiodarone-associated thyrotoxicosis: evidence of follicular disruption in vitro and in vivo. Thyroid 1995; 5: 177–83.

Bogazzi F, Bartalena L, Brogioni S et al.: Color flow doppler sonography rapidly differentiates type I and type II amiodarone-induced thyrotoxicosis. Thyroid 1997; 7: 541–5.

Bogazzi, F.; Dell’Unto, E.; Tanda, M.L.; Tomisti, L.; Cosci, C.; Aghini-Lombardi, F.; Sardella, C.; Pinchera, A.; Bartalena, L.; Martino, E.: Long-term outcome of thyroid function after amiodarone-induced thyrotoxicosis, as compared to subacute thyroiditis. J Endocrinol Invest. 2006 Sep;29(8):694–9.

Bogazzi F, Bartalena L, Cosci C et al.: Treatment of type II amiodarone-induced thyrotoxicosis by either iopanoic acid or glucocorticoids: a prospective, randomized study. J Clin Endocrinol Metab 2003; 88: 1999–2002.


Eaton SEM, Euinton HA, Newman CM, Weetman AP, Bennet WM: Clinical experience of amiodarone-induced thyrotoxicosis over a 3-year period: role of colour-flow Doppler sonography. Clin Endocrinol 2002; 56: 33–8.

O'Sullivan AJ, Lewis M, Diamond T: Amiodarone-induced thyrotoxicosis: left ventricular dysfunction is associated with increased mortality. Eur J Endocrinol 2006; 154: 533–6.

Woolf SH, Sox HC: The expert panel on preventive services: continuing the work of the USPSTF. Am J Prev Med 1991; 7: 326–30.

Wolff J: Perchlorate and the thyroid gland. Pharmacol Rev 1998; 50: 33–8.

Dickstein G, Shechner C, Adawi F, Kaplan J, Baron E, Ish-Shalom S: Lithium treatment in amiodarone-induced thyrotoxicosis. Am J Med 1997; 102: 454–8.

Hamoir E, Meurisse M, Defechereux T, Joris J, Vivario J, Hennen G: Surgical management of amiodarone-associated thyrotoxicosis: too risky or too effective? World J Surg 1998; 22: 537–42.

Ryan LE, Braverman LE, Cooper DS, Ladenson PW, Kloos RT: Can amiodarone be restarted after amiodarone-induced thyrotoxicosis? Thyroid 2004; 14: 149–53.

Kathofer S, Thomas D, Karle CA: The novel antiarrhythmic drug dronedarone: comparison with amiodarone. Cardiovasc Drugs Rev 2005; 217–30.

Links[Bearbeiten]