Soziologische Klassiker/ Beck-Gernsheim, Elisabeth

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Beck-Gernsheim Elisabeth

  • geboren 1946 in Freiburg
  • Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie in München
  • Postgraduierten-Stipendien: Doktorandenstipendium der Universität München; interkulturelles Austauschstipendium der Stiftung Studienkreis; Habilitationsstipendium der DFG; Heisenbergstipendium der DFG
  • Nach der Habilitation (1994) Gastprofessur für Mikrosoziologie an der Universität Gießen; Gastprofessur für Sozialpsychologie an der Universität München
  • Professorin für Soziologie zunächst an der Universität Hamburg, dann (seit 1994) an der Universität Erlangen-Nürnberg
  • Fellowships: 1996 Universität Cardiff; 1997 - 1998 Wissenschaftskolleg zu Berlin; 2002 - 2003 Hamburger Institut für Sozialforschung
  • Familienstand: verheiratet mit Beck Ulrich (Soziologe)

Forschungsschwerpunkte:

  • Arbeit und Beruf
  • Familie und Geschlechterverhältnisse
  • Migration und multikulturelle Gesellschaft
  • Technik und Technikfolgen

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Während ihres Studiums in München wurde Beck- Gernsheim Zeitzeugin der umtriebigen 60-er Jahre, die die Universität in einen Ort verwandelten, an dem häufige Demonstrationen und Revolutionen stattfanden. Diese Unruhen brachten herkömmliche Weltanschauungen ins Wanken und führten u.a. zur Entstehung der Frauenbewegung, die die alte Geschlechterordnung in Frage stellte. In den 70-er Jahren thematisierten Politik, Medien und Öffentlichkeit den Geburtenrückgang, der bereits 10 Jahre zuvor eingesetzt hatte. Besonders spannend empfand Beck- Gernsheim die beiden einander radikal entgegengesetzten Positionen der Frauen einerseits, die sich von ihrer traditionellen Unterdrückung befreien wollten („Mein Bauch gehört mir“) und der Machthaber in Politik, Wissenschaft und Medien andererseits, die die sinkende Anzahl an Geburten beklagten und die wachsende Selbstverwirklichung der Frauen dafür verantwortlich machten. Der gesellschaftliche Wandel der Frauenbiographien motivierte Beck- Gernsheim dazu, ihre Habilitation über Geburtenrückgang und Kinderwunsch zu verfassen. Sie selbst beschrieb diese Zeit als turbulent, da sie sich an eine Thematik heranwagte, die gesellschaftlich wirksame Weltbilder und Werte und damit auch die dahinter stehenden Machtstrukturen der Geschlechterverhältnisse hinterfragte. Auch die aktuellen Interessen von Beck- Gernsheim decken sich mit den neueren gesellschaftlichen Entwicklungen: Sie bindet die Herausforderungen der Medizin- und Gentechnologie, die den Begriffen Schwangerschaft, Mutterschaft und Elternschaft eine neue Bedeutung verleihen, ebenso in ihren weiteren Forschungsbereich ein wie die globalen Migrationsbewegungen, deren soziologische Konsequenzen sie wissenschaftlich herausfordern und faszinieren. Was sie allerdings als Einschränkung empfindet, ist die universitäre Innovations- Ideologie (Bologna- Prozess u.ä.), die durch ihre starke Bürokratisierung Forschungsprozesse verzögert und damit motivationshemmend wirkt.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Im Jahre 1968 lernte Beck- Gernsheim bei der Vorbereitung für ein Proseminar ihren Mitstudenten und zukünftigen Ehemann Ulrich Beck kennen, mit dem sie über aktuelle soziologische und gesellschaftliche Themen diskutierte. Er wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter, der ihr stets als kompetenter Gesprächspartner zur Seite stand und sie auch in schwierigen beruflichen Situationen unterstützte. Einen nicht geringen Einfluss auf Beck- Gernsheims Schaffen hatte auch der sie bei der Promotion betreuende Professor Karl Martin Bolte, bei dem sie ihre erste Assistentenstelle antrat und der sie für die Leitung des Projekts „Frau und Beruf“ gewinnen konnte. In dieser Phase kooperierte sie mit Ilona Oster, mit der sie lebhafte und intensive Diskussionen über die gesellschaftliche Lage von Frauen führte. Im Rahmen dieses Projekts kam es auch zu Beck-Gernsheims feministischer Inspiration. Karl Martin Bolte war es auch, der sie in eine Kommission zum Thema Geburtenrückgang berief, die für Beck- Gernsheim eine intensive Auseinandersetzung mit den Gebieten der Bevölkerungsentwicklung und des Geburtenrückgangs zur Folge hatte. Das eigenständige Forschungsprojekt „Elternschaft und gesellschaftliche Individualisierungsprozesse“ entstand in Zusammenarbeit mit Maria S. Rerrich, die beruflich wie privat äußerst fruchtbar war.

Werke[Bearbeiten]

Dissertation und Habilitationsschrift[Bearbeiten]

  • Wissenssoziologie im Bezugsrahmen des Theoretischen Pluralismus: Untersuchungen zur wechselseitigen Kritik von Wissensoziologie, Wissenschaftstheroie und Sozialpsychologie, München 1973
  • Geburtenrückgang und Kinderwunsch. Zur Sozialgeschichte der Mutterschaft im 19. und 20. Jahrhundert, München 1986

Bücher[Bearbeiten]

  • Der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt. Zur Ideologie und Realität von Frauenberufen. Aspekte-Verlag und Campus:Frankfurt 1976
  • Mitmenschlichkeit als Beruf. Eine Analyse des Alltags in der Krankenpflege (zusammen mit Ilona Ostner). Campus: Frankfurt 1979
  • Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie. Fischer: Frankfurt 1980
  • Vom Geburtenrückgang zur Neuen Mütterlichkeit? Über private und politische Interessen am Kind. Fischer: Frankfurt 1984. Eine japanische Übersetzung mit eigenem Vorwort ist 1992 im Verlag Keisho Shobo,Tokio erschienen.
  • Die Kinderfrage. Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit. C.H. Beck: München 1988
  • Mutterwerden - der Sprung in ein anderes Leben. Fischer: Frankfurt 1989
  • Das ganz normale Chaos der Liebe. (zusammen mit Ulrich Beck) Suhrkamp: Frankfurt 1990
  • Technik, Markt und Moral. Über Reproduktionsmedizin und Gentechnologie. Fischer: Frankfurt 1991
  • Bundesminister für Forschung und Technologie (Hrsg.): Die Erforschung des menschlichen Genoms. Ethische und soziale Aspekte. Erster Bericht des vom Bundesminister für Forschung und Technologie einberufenen Arbeitskreises Genforschung. Campus: Frankfurt 1991 (der Band ist das gemeinsame Produkt der Mitglieder des Arbeitskreises)
  • Riskante Freiheiten. Zur Individualisierung der Lebensformen in der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt 1994 (herausgegeben zusammen mit Ulrich Beck)
  • Welche Gesundheit wollen wir? Dilemmata des medizintechnischen Fortschritts. Suhrkamp: Frankfurt 1995
  • Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen. Beck: München 1998
  • Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Im Dschungel der ethnischen Kategorien. Suhrkamp: Frankfurt 1999
  • Mujeres y transformaciones sociales (Frauen und soziale Transformationen). El Roure: Barcelona 2001 (zusammen mit Judith Butler und Lidia Puigvert. Eine englische Übersetzung ist 2003 bei Peter Lang (New York u.a.) erschienen. Titel der englischen Ausgabe: Women and Social Transformation.
  • Individualization. Institutionalized Individualism and its Social and Political Consequences. Sage: London 2001(zusammen mit Ulrich Beck). Eine spanische Übersetzung ist 2003 bei Paidós (Barcelona-Buenos Aires_Mexiko)erschienen. Eine italienische und eine koreanische Übersetzung erscheinen 2006. Teilweise wiederabgedruckt in Hugh Lauder/Phillip Brown/Jo-Anne Dillabough/A.H.Halsey (Hrsg.): Education, Globalization & Social Change. Oxfprd: Oxford University Press 2006, S.143 - 151
  • Wir und die anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Frankfurt: Suhrkamp 2004
  • Die Kinderfrage heute. Über Frauenleben, Kinderwunsch und Geburtenrückgang. München: Beck 2006


Neben den oben genannten Werken liegen zahlreiche Beteiligungen an Herausgeberschaften und eine Vielfalt von soziologisch relevanten Aufsätzen vor.

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Das halbierte Leben (1980)[Bearbeiten]

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Arbeitsteilung, die in Beruf und Familie vorherrscht, auf Männer und Frauen auswirkt. Beide Geschlechter werden in stereotypes Rollenverhalten gezwängt (Männer im Beruf, Frauen im Haushalt) und damit in ihrem Entwicklungspotential eingeschränkt. Doch Frauen, die ausbrechen und Karriere machen wollen, kommen meist im Privatleben zu kurz und haben keine Zeit für eine eigene Familie. Beck- Gernsheim fordert Änderungen im gesellschaftspolitischen Bereich, etwa eine familiengerechtere Organisation des Berufslebens, um Familie und Beruf für Männer wie Frauen kompatibel zu machen.

Zitat: "Die Berufsarbeit ist nicht so sehr zugeschnitten auf den »familienfreien Mann«, sondern genauer auf den »familienfreien Ehemann«. Idealtypisch gefordert ist eine Ehebeziehung, in der keinerlei Anforderungen und Ansprüche an den Mann herangetragen werden, im Gegenteil möglichst nur Entlastung und Befreiung von allen Alltagssorgen erfolgt. Dies freilich scheint eine sehr einseitige und eingeschränkte Ehebeziehung, und die Versuchung liegt nahe, sie als andere, perfektere Version von Junggesellendasein zu bezeichnen." <Beck-Gernsheim, Elisabeth (1980): Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie; Frankfurt, S.72</ref>

Die Kinderfrage (1988)[Bearbeiten]

Das Buch beschäftigt sich mit der Entscheidung von Frauen in der heutigen Gesellschaft, ein Kind zu bekommen. Oftmals wird Nachwuchs bewusst verhindert oder geplant. Familiengründung ist zu einer ambivalenten Angelegenheit geworden: einerseits erinnert das Muttersein an traditionelle Rollenaufteilung und Abhängigkeit vom Mann, andererseits ermöglicht es ein Entkommen aus dem rationalisierten Berufsalltag. Beck- Gernsheim gibt fundierte Einblicke in das Dilemma von modernen Frauen, die an sie gestellten, zum Teil unerfüllbaren Erwartungen und ihre individuellen Lösungsstrategien und stellt klare Forderungen an die Politiker.

Wir und die Anderen (2004)[Bearbeiten]

Beck- Gernsheim erklärt die angebliche Traditionsorientierung der Einwanderer mit der "reaktiven Ethnizität", d.h. die Tradition ist ein Rückgriff auf die Kultur des Heimatlandes aufgrund der Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung und der Politik im Einwanderungsland. Um sich in ihrer Identität zu bestärken, brauchen Migrant/inn/en andere Menschen gleicher Herkunft, weswegen die Familie in ihrer Bedeutung noch zunimmt. Gleichzeitig aber zeigt Beck-Gernsheim, dass Migrant/inn/en ständig mit der Mehrheitskultur in Kontakt stehen, etwa in Öffentlichkeit, Kultur und Beruf und dadurch zu einer Balanceleistung gezwungen sind, in zwei Welten gleichzeitig zu leben. Diese besondere Leistung beschreibt Beck- Gernsheim als eine äußerst kreative. Somit entlässt sie MigrantInnen aus der üblichen Opferrolle und spricht ihnen eine sehr aktive Rolle in der Gestaltung ihrer Identität zu.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Elisabeth Beck- Gernsheim gehört zur ersten Generation von Professorinnen an der Universität. Zudem beschäftigt sie sich mit einem neuen Wissenschaftsbereich an den Hochschulen, nämlich der Frauen- und Geschlechterforschung, wo sie sich stets vor einer männlichen Mehrheit bewähren musste. Sie führte bei all ihren soziologischen Perspektiven die Geschlechterperspektive ein und gilt daher zusammen mit Kolleginnen aus ihrer Generation (Ulrike Vogel, Ute Gerhard u.a.) als Pionierin in der Soziologie und der Frauen- und Geschlechterforschung, in der ihre Thesen zu Frauen im Spannungsverhältnis zwischen Beruf und Familie, Migrant/inn/en, multikultureller Gesellschaft und der Triade Technik, Macht und Moral für die Gegenwart bedeutsam sind.

Laufende Lehrveranstaltungen an der Universität Erlangen-Nürnberg:

  • Bevölkerungsentwicklung

Forschungsprojekte:

  • Wer ist Jude? Wer ist Schwarzer? Wer ist Deutscher? Zur sozialen Konstruktion von Nationalität und Ethnizität

Literatur[Bearbeiten]

  • Vogel, U. [Hrsg.](2006):
    "Wege in die Soziologie und die Frauen- und Geschlechterforschung. Autobiographische Notizen der ersten Generation von Professorinnen an der Universität"
    Wiesbaden
  • Beck- Gernsheim, E. (1980):
    "Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie"
    Frankfurt
  • Beck- Gernsheim, E. (1988):
    "Die Kinderfrage. Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit"
    München
  • Beck- Gernsheim, E.(2004)
    "Wir und die anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten"
    Frankfurt

Internetquellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]