Soziologische Klassiker/ Cooley, Charles Horton

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Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten[Bearbeiten]

Cooley Charles Horton

  • geboren am 17. August 1864 in Ann Arbor, Michigan
  • gestorben am 8. Mai 1929 in Ann Arbor, Michigan


  • US-amerikanischer Soziologe
  • Mutter: Mary Elizabeth Cooley (geboren Horton), Beruf: Hausfrau
  • Vater: Thomas McInyre Cooley, Beruf: Professor der Rechte, Mitglied des „Supreme Court of Michigan“
  • Geschwister: Edgar Arthur Cooley, Fannie Carrie Cooley, Thomas Benton Cooley, Frances Eugene Cooley, May B. Cooley
  • Ehe: 1890 Elsie Jones, Tochter eines Universitätsprofessors der Medizin
  • Kinder: Margaret Horton Cooley (verheiratet Kennedy), Rutger Horton Cooley, Mary Elizabeth Cooley


Lebensdaten[Bearbeiten]

  • 17.8.1864 geboren als das Vierte von insgesamt sechs Kindern in Ann Arbor, Michigan. Cooley war bereits während in seiner Jugendzeit kränklich
  • 1880-1887: Besuch des Colleges in Ann Arbor; 1887 B.A.
  • 1887-1890: Leben in Washington, D.C. als Statistiker bei der Interstate Commerce Commission tätig, später beim Bureau of the Census in Washington, D.C.
  • 1890-1929: Leben in Ann Arbor, Michigan; Studium der Nationalökonomie und Soziologie an der Universität Michigan in Ann Arbor
  • 1894: Ph.D. (Political Economy), Dissertation: "The theory of transportation"
  • 1892-1929: Mitglied der Universität Michigan in Ann Arbor
  • 1892-1895: Instructor am Department of Political Science
  • 1899-1904: Assistant Professor für Nationalökonomie an der Universität Michigan
  • 1904-1907: Associate Professor of Political Economy
  • 1907-1929: Full Professor of Sociology

Charles Horton Cooley lebte vorwiegend in Ann Arbor und verbrachte die Sommermonate in Crystal Lake in Northern Michigan. Er lebte ein eher zurückgezogenes und wenig abenteuerliches Leben. Cooley lehnte diverse berufliche Angebote, wie etwa ein bedeutendes Angebot der Columbia University in New York, ab. Im Jahr 1905 wurde er Mitbegründer der "American Sociological Association".

  • Am 8.Mai 1929 starb Charles Horton Cooley an Krebs in Ann Arbor, Michigan.


Werke und Publikationen[Bearbeiten]

  • Report on transportation business in the United States at the Eleventh Census. (Washington, D.C.,1890) – mit Henry Carter Adams, Ephraim Douglass Adams & Thomas Jondrie Vivian.
  • The theory of transportation. - Zugleich Philosophische Dissertation (University of Michigan, Ann Arbor 1894).
  • Genius, fame, and the comparison of races. (Philadelphia, 1897).
  • Human nature and the social order. (New York, 1902).
  • Social organization. A study of the larger mind. (New York, 1909).
  • Social process. (New York, 1918).
  • Life and the student. Roadside notes on human nature, society, and letters. (New York, 1927)
  • Sociological theory and social research. Being selected papers of Charles Horton Cooley. (New York, 1930).
  • Introductory sociology (Charles Horton Cooley, Robert Cooley Angell und Lowell Juilliard Carr, New York, 1933).
  • On self and social organization. (Chicago, University of Chicago Press 1998).


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Charles Horton Cooley gilt als einer der Mitbegründer des Symbolischen Interaktionismus. Er war Anhänger der Theorie über die soziale Evolution von Herbert Spencer, allerdings distanzierte er sich von dem Individualismus Spencers, welcher vor allem in seinem ökonomischen Liberalismus zum Ausdruck kam. George Herbert Mead und Charles Cooley beeinflussten sich gegenseitig.


Cooley verstand die menschliche Natur und die Persönlichkeit als sozial generiert. Für Cooley ist die menschliche Natur ein Produkt der Kommunikation. Erst wenn der Mensch sein "Selbst" durch die Interaktion mit seinen Mitmenschen entwickelt, wird er zur menschlichen Person. Hier betont Cooley die Bedeutung der Primärgruppe, in welcher sich diese Kommunikation und Interaktion abspielt. Die Kommunikation gilt als das Instrument der Sozialisation des Individuums und als der Mechanismus, durch welchen sich soziale Beziehungen erst entwickeln und existieren können. Anhand der Kommunikation werden verschiedene Vorstellungen, die Menschen voneinander haben, ausgetauscht. Dabei versteht Cooley die Kommunikation als aktiven Prozess interdependenter Verhaltens- und Erfahrungsweisen.


"Looking-Glass Self"[Bearbeiten]

Nach dem Verständnis von Cooley erarbeitet man sich das „Selbst“ in der Interaktion mit anderen. Das „Selbst“ beruht auf der Organisation der wahrgenommenen Vorstellungen im Bewusstsein („Spiegelbild-Selbst“). Cooley versteht die Gegenseitigkeiten der Vorstellungen, die Menschen voneinander haben, als die (so genannten) „harten Tatsachen“, mit denen sich die Soziologie befasst. Analog dazu sind diese Vorstellungen die Verknüpfung zwischen dem „self“ und „society“. Diese Vorstellungen sind Bestandteile eines soziomentalen Prozesses. In diesem Zusammenhang spricht Cooley auch von „social mind“, was inhaltlich mit dem, was Émile Durkheim mit dem Begriff „Kollektivbewusstsein“ ("conscience collective") bezeichnet, vergleichbar ist. Diese Vorstellung begreift er wiederum als einen Teil des Kommunikationsprozesses. Demnach sind diese – in eine Interaktion integrierten – Wahrnehmungen einem ständigen Wandeln unterlegen. Cooley beschreibt das Selbst und die Gesellschaft als dynamische Prozesse. Ebenso wie bei George Herber Mead gibt es bei Cooley keine klare Trennung von Selbst und Gesellschaft, er sieht sie als „Zwillinge“ und „wie zwei Seiten einer Medaille“ an. Selbst und Gesellschaft sind ineinander übergehende Prozesse und gehören beide zur intersubjektiven Konstitution der Wirklichkeit. Das Selbst entsteht ab dem Zeitpunkt, wenn ein Kind zu reflektieren beginnt, welche Wirkung es auf seine Mitmenschen hat und sobald es auf die Bewertung anderer reagieren kann.


Primär- und Sekundärgruppen[Bearbeiten]

Die Primärgruppe (primary group)[Bearbeiten]

Primärgruppen haben eine besondere Bedeutung für die Ausformung der Sozialnatur des Menschen.

  • Sie sind die ersten Gruppen und die wichtigsten, die einem Individuum eine komplette Erfahrung vom sozialen Ganzen geben.
  • Das Individuum erfährt zeitlich am frühesten und am intensivsten, dass noch andere Menschen da sind und es von ihnen abhängig ist.
  • In Primärgruppen gibt es eine dauerhafte face-to-face-Interaktion.
  • Die Funktion der Primärgruppe im Hinblick auf ein größeres soziales Ganzes ist die Integration des Individuums in das größere Ganze.
  • Das Ziel der Primärgruppe ist die Vermittlung eines Wir-Gefühls.
  • Primärgruppen sind die Quelle des Individuums als soziales Wesen und die Verbindung des Ichs zur Gesamtgesellschaft. Ebenso sind sie auch Quelle und Ursprung aller sozialen Institutionen.
  • Die Primärgruppe ist die Kinderstube (nursery) der menschlichen Natur.
  • Primärgruppen sind universal, was bedeutet, dass es sie zu allen Zeiten und an allen Orten gibt. Allerdings haben sie von Gesellschaft zu Gesellschaft eine unterschiedliche Prägung. Aufgrund dieser Prägung entsteht ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein.
  • In Primärgruppen werden Normen und Werte vermittelt, welche in der Gesamtgesellschaft gültig sind.
  • Émile Durkheims soziale Tatsachen (fait sociaux) werden in den Primärgruppen begründet. Primärgruppen selbst sind universale Tatsachen.
  • Die wichtigste Primärgruppe ist die Familie.


Die Sekundärgruppe (secundary group)[Bearbeiten]

Primärgruppen beanspruchen das gesamte Individuum, die Sekundärgruppe hingegen beansprucht den Menschen nur unter bestimmten Aspekten. Das bedeutet, dass die Primärgruppe die gesamte Identität eines Individuums umfasst, während die Sekundärgruppe nur eine bestimmte Rolle beansprucht (z.B.: Schüler). Beide Gruppen können sich (auch ineinander) wandeln. Die Primärgruppe kann sachlich werden, die Sekundärgruppe kann sich zur emotionalen Gruppe entwickeln.


Die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärgruppe entspricht auch Ferdinand Tönnies' Einteilung in Gemeinschaft und Gesellschaft. Beides bezieht sich auf zwei unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens von Menschen und des Zusammenhandelns bzw. des Zusammenwollens.


Ebenso lassen sich die Pattern variables von Talcott Parsons anwenden um den Unterschied zwischen Primärgruppe und Sekundärgruppe zu veranschaulichen.


Folgt man Parsons' Pattern variables, so gelten für die Gemeinschaft bzw. Primärgruppe folgende Eigenschaften:

  • diffus
  • partikularistisch
  • zuschreibungsorientiert
  • kollektivorientiert
  • affektiv

Für Gesellschaft bzw. Sekundärgruppe gilt:

  • spezifisch
  • universalistisch
  • leistungsorientiert
  • selbstorientiert
  • affektiv neutral


Cooley's Gegenwartsdiagnostik[Bearbeiten]

Charles Cooley sieht die amerikanische Gesellschaft geprägt von einer starken, ökonomisch begründeten Unsicherheit. Cooley unterscheidet hier in zwei verschieden Arten von Ungleichheit. Einerseits die Ungleichheit aufgrund der Kaste (der soziale Status wird vererbt), andererseits die Ungleichheit durch die Klasse (der Status wird aufgrund von Beruf, Einkommen und Lebensstil erworben). Cooley ortet das Problem moderner Gesellschaften auf der einen Seite in dem Widerspruch von Familientraditionen und Familieninteressen, auf der anderen Seite in der individuellen Chancengleichheit (gesellschaftliches Ideal). Für moderne Gesellschaften typisch, sei die Abnahme an Bedeutung der Primärgruppe und das Zunehmen der Sekundärgruppe, sowie auch die moderne Massenkommunikation. Cooley mein weiters, dass das soziale System Amerikas funktionaler und gerechter werden würde, sich also somit verbessern würde. In Zukunft von großer Bedeutung wäre es also, die Verknüpfung zwischen Primär- und Sekundärgruppen wiederherzustellen. Weiters wäre es wichtig ein Programm für soziale Reformen und Erziehung zu entwickeln, durch welches Sekundärbeziehungen näher an „primary relations“-Ideale herangeführt werden könnten.


Literatur[Bearbeiten]

  • Marshall, Cohen J. (1982):
  • "Charles Horton Cooley and the Social Self in American Thought"
    New York


Internetquellen[Bearbeiten]