Soziologische Klassiker/ Eisenstadt, Shmuel Noah

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Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten[Bearbeiten]

Eisenstadt Shmuel Noah

  • geboren: am 10. September 1923 in Warschau, Polen


Eltern: jüdischer Abstammung, Anhänger des Zionismus
Vater: Zahnarzt in Warschau, 1890 - 1930
Mutter: Bankangestellte in Tel Aviv, 1896 - 1986

Wohnort: Jerusalem
Familienstand: Verheiratet
Kinder: drei


  • Ausbildung:
vor 1940 Geula-Gymnasium in Tel Aviv
1940-44 Studium der Geschichte, Jüdischen Geschichte und Soziologie, Hebräische Universität Jerusalem
1947 promoviert mit der Dissertationsschrift zu "Wesen und Grenzen des Sozialen" an der Hebräischen Universität Jerusalem
1947-48 Postdoktorand an der London School of Economics


  • Berufliche Daten:
1948-49 Mitglied der Israelischen Armee
1950 Übernahme der Leitung des Fachbereichs für Soziologie, Hebräische Universität Jerusalem
seit 1958 etliche Gastprofessuren and den Universitäten in Chicago, Washington, Massachusettes, Uppsala, Hong Kong, Heidelberg, Konstanz, Erfurt, Wien u.a.
1959 Erhalt der Professur für Soziologie, Hebräische Universität Jersualem
1990 Emeritierung


  • Andere Tätigkeiten:
1960-64 Vorsitzender des "Israel Council of Community Relations"
1969-71 Präsident der "Israeli Sociological Association"
1995-99 Vorsitzender des "Academic Advisory Council", Ben Zvi Instiut

Eisenstadt ist Miglied vieler Akademien - unter anderen auch der "American Acedemy of Arts and Science". Ihm wurden neben dem Balzan und dem Maximum-Planck noch zahlreiche andere Preise zuerkannt.


  • Wichtige private Ereignisse:

Eisenstadts Vater stirbt frühzeitig und so emigriert er 1935 mit seiner Mutter nach Palästina.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

  • Zionismus
  • Gründung des Staates Israel in einer sicherheitsprekären Umwelt
  • Flucht europäischer Juden vor dem Nationalsozialismus
  • Holocaust

Eisenstadt, erlebte die Zeit des zweiten Weltkriegs in seinen Jugendjahren, welche ihn und seine Werke besonders dadurch prägte, dass er selbst ein Jude ist. Seine Eltern waren - wie auch später erselbst - Anhänger des Zionismus und nach dem frühzeitigen Tod des Vaters emigrierte Eisenstadt mit seiner Mutter nach Palästina. Als Student, zur Zeit des britischen Mandats, war er Mitglied der Hagana, einer zionistischen Bewegung in Palästina, welche für die Staatsunabhängigkeit kämpfte.

Die Entstehung der jüdischen Gemeinschaft Jischuw in Palästina, die Gründung des Staates Israel, sowie die instabile und politsch schwierige Lage des neuen jungen Staates waren Themen seiner Forschungsprojekte. Hinzu kam jedoch noch die Immigration von vielen europäischen Juden, die vor dem Nazi-Regime flüchteten, die Einwanderung Holocaustüberlebender und vor allem der starke Zustrom sogenannter "orientalischer Juden", die aus dem Nahen Osten ins Land kamen, welche zu Gegenständen seiner empirischen Forschung wurden. Besonderes Augenmerk legte Eisenstadt auch auf die Sozialisationsmuster der Jugendlichen, die in Kibuzzim oder Moschawim aufwuchsen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Einstieg in die Soziologie

Durch den Einfluss seines akademischen Lehrers, dem Religions- und Sozialphilosophen Martin Buber, welcher selbst eine persönliche Beziehung zu Georg Simmel pflegte, betrat Eisenstadt schon sehr früh und bereits mit eigenen Fragen das intellektuelle Feld der Soziologie. Er promovierte 1947 bei Buber und wurde anschließend zu seinem Assistenten. Allgemein anzumerken ist, dass sich Shmuel Noah Eisenstadts kultur- und zivilisationstheoretische Konzepte, durch das Wechselspiel zwischen theoretischer und historisch-komparativer Fragestellung und durch eine Theoriediskussion auszeichnen.


Besonders stark beeinflusst sind Eisenstadts Werke von:

Talcott Parsons (pattern variables)
Max Weber (Charisma-Begriff)
Emile Durkheim
Sowie von seinem Freund und Lehrer Edward Shils


Werke[Bearbeiten]

The Absorption of Immigrants (1954)
Form Generation to Generation, Age Groups and Social Structure (1956)
The Political System of Empires (1963)
Essays on Comparative Institutes (1965)
Modernization, Protest and Change (1966)
Israeli Society (1967)
The Protestant Ethic and Modernization (1968)
Political Sociology (1970)
Social Differentation and Stratification (1971)
Jewish Civilization (1992)
Multiple Modernities (2000)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Eisenstadt befasst sich hauptsächlich mit der Erklärung des Sozialen Wandels und mit den Entwicklung und Bestandsbedingungen sozialer Ordnung. Eisenstadt erklärt diese Phänomene anhand seiner eigenen Theorie, welche, grob ausgedrückt, eine Erweiterung des Strutkurfunktionalismus darstellt.


From Generation to Generation[Bearbeiten]

Shmuel Eisenstadt beschäftigte sich vor allem bis Mitte der 1960er Jahre mit dem Strukturfunktionalismus. In dieser Zeit galt sein Interesse besonders den jugend- und migrationssoziologischen Frühschriften, die großteils auf Parsons Konzept der "pattern variables" sowie dem AGIL Schema basieren.

"From Generation to Generation" ist der Analyse von Altersgruppen und deren Auftreten in den Gesellschaften gewidmet, welche primär auf die Frage nach Steuerungsmechanismen und Aufrechterhaltung von Gleichgewichtszuständen gerichtet ist. Eisendstadt vertritt darin die These, dass sich das Auftreten von Altersgruppen und ihrer rollenspezifischen Differenziertheit auf die Initiative einzelner Akteure und deren gesellschaftlichen Positionierungen zurückführen lässt. Einhergehend mit diesem Prozess wird auch der Umstand beleuchtet, dass es für Jugendliche zur Entstehung einer Diskontinuität zwischen der askriptiven,partikularistischen Familienrolle und der leistungsbezogenen, universalistischen Rolle in der Gesellschaft kommt. Seine strukturfunktionalistische Theorie wird in diesem Werk um akteurstheoretische Einflüsse erweitert, da Eisenstadt auch die Frage stellt, wie Jugendliche diese Diskontinuitäten überwinden und er letztendlich auf die Reduktion von psychischen Spannungen, Wahrnehmung von Identifikationsangeboten und Rollenspezialisierung verweist.

Offen bleibt, durch welche Mechanismen im Prozess der Differenzierung das Problem der sozialen Integration gelöst wird, bzw. wie unterschiedliche institutionelle Sphären ihre Grenzen konstituieren. Diese Fragestellung war ausschlaggebend dafür, dass Eisenstadt sein strukturfionalistisches Konzept um struktur- und symboltheoretische Theorien erweiterte. Dabei griff er die Theorie von Max Weberes Kultursoziologie bzw. genauer gesagt dessen Protestantimus-Kapitalismus-These auf und untersuchte die durch Ausdifferenzierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems enstandenen Probleme.

The Absorption of Immigrants[Bearbeiten]

Shmuel N. Eisenstadt erläutert 1954 in seiner Studie: The Absorption of Immigrants A Comparative Study Based Mainly on the Jewish Community in Palestine and The State Israel” seine Theorien zur Assimilation bzw. Absorption von Migranten im Zusammenhang mit der jüdischen Migration nach Israel.


The Political System of Empires[Bearbeiten]

Dieses Werk, das sich vordergründig mit dem sozialen Wandel der Gesellschaftsstruktur beschäftigt, baut auf der Untersuchung von historischen, zentralisierten, bürokratischen Reichen - wie zum Beispiel der Han- und Tang oder Byzanz auf und gilt als Meilenstein für die neuere historische Soziologie. Eisenstadt greift in diesem Werk die vielkritisierte Schwachstelle von Parsons' Gesellschatstheorie, die Erklärung des sozialen Wandels, auf.

Um Entstehungs- und Bestandsbedingungen von Herrschaft zu erläutern, bezieht sich der Autor auf auf die strukturfunktionalistische Sichtweise des politischen Systems mit Webers Herrschaftssoziologie. Eisenstadt dementiert, dass all diese Großreiche aus politischen Krisen entstanden, in welchen einzelne machtinteressierte Akteure sich, in Zusammenarbeit mit dem Volk, gegen die führende Herrschaft auflehnten und die Kontrolle übernahmen. Eine hinreichende Bedingung für das Entstehen zentralisierter Reiche sei die Kombination des kreativen Handelns politischer Herrscher mit sozialer Differenzierung innerhalb der anderen Teilsysteme bzw. institutionellen Sphären. Durch die Differenzierung können sich neue soziale Gruppen entwickeln, welche die Durchsetzung ihrer eigenen Kontrollinteressen fordern. Daher sei die Institutionalisierung bürokratisch-traditionaler Herrschaft von permanent neuen Konfliktkonstellationen und Wandlungstendenzen begleitet. Diese Analyse wird als Abkehr von funktionalistischen und evolutionistischen Denkfiguren gesehen, da Eisenstadt Austauschbeziehungen akteurs- und konflikttheoretisch umdeutet.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Shmuel Noah Eisenstadt zählt zu den wichtigsten Soziologen des 20. Jahrhunderts und seine Werke zur Jugend- und Migrationssoziologie sind auch heute wie auch für die Zukunft von großer Bedeutung.

In den 70er Jahren musste Eisenstadt jedoch, besonders durch die Abkehr vom Strukturfunktionalismus in der israelischen Soziologie, einen Teil seiner Anerkennung einbüßen. Ein Jahrzehnt später aber, begründete er mit seinem Werk "Vielfalt der Moderne" seine sehr bedeutende, bis heute anhaltende Stellung in der Soziologie.

Eisenstadt lebt mit seiner Frau in Jerusalem und ist noch immer aktives Mitglied der Hebräischen Universität Jerusalem.


Literatur[Bearbeiten]

  • Goerg W. Oesterdiekhoff [Hrsg.] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Berndorf, Wilhelm/ Knospe, Horst (1980)
    "Internationales Soziologenlexikon, Band II, 2. neu bearbeitete Auflage"
    Stuttgart
  • Eisenstadt, Shmuel Noah (2005):
    "Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel Naoh Eisenstadt bis zur Postmoderne"
    München
  • Eisenstadt, Shmuel Noah
    "Persönlicher Curriculum Vitae von Shmuel Noah Eisenstadt, über E-Mail von seiner Sekretärin"
  • Han, Petrus (2006):
    "Theorien zur internationalen Migration - Ausgewählt interdisziplinäre Migrationstheorien und deren zentrale Aussagen"
    Stuttgart
  • Han, Petrus (2005):
    "Soziologie der Migration-Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage"
    Stuttgart