Soziologische Klassiker/ Elias, Norbert

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten[Bearbeiten]

Elias Norbert

  • geboren am 22. Juni 1897in Breslau (heute Wroclaw)


Eltern: Herman Elias: Kaufmann und Inhaber einer Textilfabrik

Sophie Elias: Hausfrau

Kinder: keine Geschwister: keine Ehe: keine


  • 1903-1915: zunächst Hausunterricht, danach Eintritt in die öffentliche Schule; 1915: Abitur
  • 1915: freiwillige Tätigkeit als Telegrafist im ersten Weltkrieg, zunächst an der Ost-, später an der Westfront
    Zwei Jahre später ist Elias aufgrund eines Zusammenbruchs nicht mehr felddienstfähig, er wird Sanitätssoldat in Breslau
  • 1917-1924: Studium der Medizin, der Philosophie und Psychologie in Breslau, Freiburg und Heidelberg
    Zwischendurch muss Elias einer Erwerbsarbeit nachgehen, um seine Eltern aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu unterstützen und um seine Studien zu finanzieren.
  • 1924: Dr. phil. (Philosophie) an der Universität Breslau. Sein Doktorvater: Richard Hönigswald; Dissertation: Idee und Individuum
  • 1924-1930: Heidelberg: Fortsetzung seines Studiums der Soziologie. Einverständnis von Alfred Weber für die Habilitation.
    Habilitationsschrift: "Die Bedeutung der Florentiner Gesellschaft und Kultur für die Entstehung der Wissenschaft"
  • 1930-1933: Frankfurt am Main: Elias ist Assistent bei Karl Mannheim. Keine erfolgreiche Beendigung seines Habilitationsverfahren aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten (Institut der Soziologie wird geschlossen)
    Habilitationsschrift: „Der höfische Mensch“; Die Schrift wird erst 1969 unter dem Titel "Die höfische Gesellschaft" in veränderter Form publiziert
  • 1933-1935: Exil in Frankreich
    Danach lässt er sich für sieben Jahre in London nieder
  • 1935-1990: Exil in Großbritannien; danach Annahme der britischen Staatsbürgerschaft
  • 1935-1939: Entstehung von "Über den Prozess der Zivilisation"; Unterstützung durch eine jüdische Flüchtlingsorganisation
  • 1939-1940: Er lehrt als Senior Research Assistant an der London School of Economics and Political Science in London (auch Karl Mannheim unterrichtete dort)
  • 1940-1941: Befürchtung einer Invasion der deutschen Soldaten; Internierung als feindlicher Ausländer im "Alien Internment Camp at Huyton" nahe Liverpool, dann auf der Isle of Man. Elias hält dort Vorträge; Aufführung seiner "Ballade vom armen Jakob"
  • 1941-1954: Cambridge: Lecturer bei der "Workers Educational Association" (Labour Party). Danach unterrichtet er als Lecturer Soziologie, Psychologie, Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte an den Extension Courses (Volkshochschulkurse) der University of London in Leicester
    Zusammenarbeit mit Psychoanalytiker Sigmund Heinrich Foulkes
  • 1954-1975: Elias lässt sich in Leicester nieder
  • 1954-1962: Lecturer of Sociology an der University of Leicester; starke Beteiligung am Aufbau des dortigen Department of Sociology
  • 1962: Versetzung in Ruhestand
  • 1962-1964: Professor of Sociology an der University of Ghana in Accra
  • 1964-1990: Rückkehr aus Ghana; Arbeit als Privatgelehrter; Zahlreiche Gastprofessuren in Deutschland und Amsterdam
  • 1975-1990: fester Wohnsitz in Amsterdam
  • 1977: Ehrung: Er erhält den zum ersten Mal vergebenen Theodor Adorno-Preis; seit dem Exil: seine erste bedeutende öffentliche Anerkennung seiner Arbeit in Deutschland
  • 1.8.1990: gestorben in Amsterdam


Historischer Kontext[Bearbeiten]

  • Der erste Weltkrieg bricht aus und nach dem Abitur meldet sich Elias als Kriegsfreiwilliger. Seiner Meinung nach hat ihn der Krieg verändert. Er meint damit nicht Gewalt, Tod und Grausamkeit, sondern das Erlebnis "der relativen Machtlosigkeit des Einzelnen im Gesellschaftsgefüge." Außerdem lernt er durch die schrecklichen Erlebnisse, Selbstdisziplin zu entwickeln und die eigenen Ansprüche zu verringern. Diese Fähigkeiten haben ihm später bei wissenschaftlichen Arbeiten oft geholfen, an seine Wünsche und Ziele zu glauben und diese auch zu erreichen.
  • Aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann sein Habilitationsverfahren mit der Schrift „Der höfische Mensch“ nicht abgeschlossen werden. Das Institut der Soziologie wird geschlossen. Das Werk erscheint erst 1969 mit dem Titel „Die höfische Gesellschaft“.
  • Da Elias jüdischer Abstammung ist, hat er 1933 keine andere Wahl, als ins Exil, zuerst nach Frankreich und dann nach England, zu gehen. Es ist nicht leicht für ihn, aber aufgrund seiner starken Selbstdisziplin hält er durch. In dieser Zeit entsteht unter anderem sein bekanntes Werk „Über den Prozess der Zivilisation.“

(siehe zum historischen und theoretischen Umfeld auch den Norbert Elias gewidmeten Artikel zum Brain Drain soziologischer Theorien)

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Einen großen Einfluss auf Elias' Werk übt sein strenger Doktorvater Richard Hönigswald, insbesondere im Rahmen der Doktorarbeit mit dem Thema „Idee und Individuum. Ein Beitrag zur Philosophie der Geschichte“, aus. Elias entwickelt aufgrund seiner Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften (Medizinstudium) einen kritischen Blick gegenüber der Philosophie, insbesondere der Kantianischen Philosophie. Er entwickelt Zweifel an der Figur des „vereinzelten Menschen“. Hönigswald kann diese Kritik nicht teilen und verlangt Änderungen seiner Arbeit, die Elias durchführen muss.

An der Universität in Heidlberg macht Elias Bekanntschaften mit den Hauptvertretern des Instituts der Soziologie: Alfred Weber, der Kultursoziologe und Karl Mannheim, der junger Privatdozent ist. Außerdem lernt Elias in einer Studentengruppe Hans Gerth, Richard Löwenthal, Heinrich Taut und Svend Riemer kennen. Die teilweise gegensätzlichen Sichtweisen zwischen Alfred Weber (idealistisch) und Karl Mannheim (materialistisch) werden v.a. auf dem 6. Deutschen Soziologentag (1928 in Zürich)deutlich. Elias äußert sich öffentlich kritisch zu den beiden Soziologen und zeigt damit, dass er den Argumenten berühmter Soziologen standhalten kann. Ein Jahr darauf wechselt Mannheim nach Frankfurt und gibt Elias die Chance, als sein Assistent mitzugehen. Elias nimmt an und folgt seinem Vorbild.

(siehe zum historischen und theoretischen Umfeld auch den Norbert Elias gewidmeten Artikel zum Brain Drain soziologischer Theorien)

Werke[Bearbeiten]

  • 1924 Idee und Individuum (Dissertation)
  • 1939 Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen
  • 1969 Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie
  • 1970 Was ist Soziologie? München.
  • 1977 Zur Grundlegung einer Theorie sozialer Prozesse
  • 1982 Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Frankfurt a. M.
  • 1983 Engagement und Distanz. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Frankfurt a. M.
  • 1983 Sport im Zivilisationsprozess. Studien zur Figurationssoziologie. Münster.
  • 1983 Über den Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart
  • 1984 Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Frankfurt a. M.
  • 1985 Humana condition. Betrachtungen zur Entwicklung der Menschheit am 40. Jahrestag eines Krieges. Frankfurt a. M.
  • 1987 Die Gesellschaft der Individuen
  • 1989 Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.
  • 1990 Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.
  • 1990 Elias, Norbert. Über sich selbst. Frankfurt a. M.
  • 1991 The Symbol Theory
  • 1991 Mozart. Zur Soziogenese eines Genies. Frankfurt a. M.

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Hauptwerk: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Zwei Bände)

Band 1

Die Dialektik zwischen höfischer Aristokratie und bürgerlicher Intelligenzschicht in Deutschland: Die Höflichkeit der gehobenen Schichten wurde als rein äußerlich und trügend entlarvt. Der Unnatur höfischer Gesellschaften stellte die deutsche Intelligenzschicht das Ideal eines natürlichen Lebens und wahre Tugend entgegen. Verinnerlichung, tiefe Gefühle und Bildung der einzelnen Persönlichkeit, anstatt Oberflächlichkeit, Zeremoniell und äußerliche Kommunikation.
Diese Dialektik spiegelt sich auch in den Ausdrücken „Zivilisation“ und „Kultur“ wider. Elias ortet die begriffliche Verwendung von „Zivilisation“ im französischen und englischen Sprachraum des 17. und 18. Jahrhunderts, während der Ausdruck „Kultur“ eher im deutschen Sprachgebrauch anzutreffen ist.

Deutschland Frankreich
Kultur“ bringt den Stolz auf die eigenen Leistungen und das eigene Wesen zum Ausdruck. Der Ausdruck bezieht sich auf geistige, religiöse oder gesellschaftliche Fakten (vgl. S90). Zivilisation“ bezeichnet den Stolz auf die Bedeutung der eigenen Nation, auf den Fortschritt des Abendlandes und der Menschheit. Sie bezieht sich auf politische, wirtschaftliche, religiöse, technische, moralische oder gesellschaftliche Fakten (vgl. S90).
Ein französisch sprechender Adel und eine deutschsprachige mittelständische Intelligenzschicht stehen sich gegenüber. Tiefgehende Bildung der Obrigkeit findet sich selten (vgl. S119). Das höfische Bürgertum und die höfische Aristokratie sprechen die gleiche Sprache, lesen die gleichen Bücher und haben annähernd dieselben Manieren (vgl. S133).
Höchste Regierungsposten bleiben ausschließlich dem Adel vorbehalten. Zutritt des Mittelstandes auch zu den höchsten Regierungsposten.
Die bürgerliche Intelligenz stellt der Obrigkeit ein radikal anderes Modell gegenüber. Anstelle der falschen Zivilisation soll eine echte Zivilisation treten (vgl. S139). Eine höfische Reformintelligenz strebt nach einer Modifikation des Bestehenden (vgl. S139).
Bürgerliche Schichten spielen keine politische Rolle. Die Intelligenzschicht ist auf die Sphäre des Geistes und der Ideen beschränkt (vgl. S142). Bürgerliche Schichten spielen auch eine politische Rolle. Man ist aktiv und reformfreudig (kurzfristig auch revolutionär) (vgl. S142).

Entscheidend ist für Elias, dass Zivilisation kein Zustand, sondern, wie der Titel seiner Abhandlung impliziert, ein Prozess ist. „Die Zivilisation, die wir gewöhnlich als Besitztum betrachten, das uns so, fertig, wie sie uns erscheint, einfach zukommt, ohne zu fragen, wie wir eigentlich dazu gekommen sind, ist ein Prozeß oder Teil eines Prozeßes, in dem wir selbst stehen.“ (S166).
Dabei ist es so, dass der Standard des guten Benehmens einer bestimmten Zeit auch durch einen ganz bestimmten Begriff repräsentiert wird. Der Prozess der Zivilisation ist anhand der Begriffe „Courtoisie“, „Civilité“ und „Civilisation“ bzw. deren Verwendung in der französischen Sprache dokumentiert. Sie markieren drei Abschnitte der gesellschaftlichen Entwicklung, wobei es grundsätzlich so ist, dass neue (gehobene) Sitten von der aristokratischen Oberschicht zum Bürgertum diffundieren. „[…] wandelt sich Empfinden und Affektlage zunächst in der Oberschicht, und der Aufbau der Gesamtgesellschaft läßt diesen veränderten Affektstandard sich langsam über die Gesellschaft hin ausbreiten.“ (S246).
Die Bedeutung des Begriffs „Civilité“ verfestigte sich im Bewusstsein der Menschen im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts, beeinflusst von einer Schrift des Erasmus von Rotterdam, mit dem Titel: „De civilitate morum puerilium“ (1530), die einen Kodex für das Benehmen der Menschen in der Gesellschaft vorstellt. Erasmus war keines Falls der erste Verfasser eines derartigen Textes. Das Mittelalter kannte eine ganze Reihe sogenannter Courtoisieschriften, deren Inhalte bei Erasmus z. T. wiederkehren, aber in erweiterter und verfeinerter Form. Der auf Formen der Beziehung und des Verhaltens hin konditionierte Affekthaushalt des Mittelalters (Courtoisie) wird somit in mancher Hinsicht und in verschiedenen Nuancen als unangebracht und peinlich dargestellt. Der Begriff „Courtoisie“ kommt im Laufe des 17. Jahrhunderts gänzlich aus der Mode und wird von „Civilité“ abgelöst. „Ja, das Wort „courtoisie“ erscheint jetzt geradezu als ein bourgeoiser Begriff.“ (S229). Ganz ähnlich verliert im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam der Begriff „Civilité“ an Gewicht. „Civilisation“ wird zum Ausdruck einer neuen Form des Selbstbewusstseins. Er dokumentiert das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle und der Schamgrenze, was man auch als Verfeinerung der Zivilisation bezeichnen kann. Im 19. Jahrhundert scheint der Prozess der Zivilisation weitgehend abgeschlossen. „Man möchte diesen Prozess nur noch bei anderen Völkern, eine Zeitlang auch noch bei den unteren Schichten der eigenen Gesellschaft vollziehen.“ (S230).
„[…] die Menschen [drängen] im Laufe der Zivilisierungsbewegung alle das zurück, was sie an sich selbst als „tierische Charaktere“ empfinden.“ (S253). Das peinlich gewordene wird hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlegt (z. B. die Verrichtung menschlicher Notdurft). Dies geht einher mit der Tatsache, dass zuerst Höherstehende von sozial Niedrigerstehenden (allenfalls Gleichstehenden) eine Zurückhaltung der Affekte forderten, während, nachdem bürgerliche Schichten zur Oberschicht aufgestiegen sind, die Familie zur vorherrschenden Stätte der Produktion von Triebverzicht wird. Aber nicht nur die Abflachung gesellschaftlicher Hierarchien, sondern auch das zunehmende Maß sozialer Differenzierung (und gegenseitiger Abhängigkeit (Arbeitsteilung)) spielt dabei eine gewichtige Rolle. Die Formen des Angewiesenheit und der Abhängigkeit verstärken sich. Dies trägt zur Regelung des Affektlebens in Form von Selbstzucht bzw. Selbstzwänge bei.

Im Prozess der Zivilisation sind die Zurückhaltung, die Angst, die Scham oder die Peinlichkeit gegenüber einer Übertretung gesellschaftlicher Zwänge, also Angst und Scham vor Menschen. Der Appell an die menschliche Rationalität spielt dabei kaum eine Rolle und tritt erst im 19. Jahrhundert (meist in Form von hygienischen Vorschriften) in Erscheinung. Hingegen dient seither fast ausschließlich die gesundheitliche Begründung als Instrument der Konditionierung, um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen.

Band 2
Bevor sich in Europa absolutistische Höfe als Machtzentren etablieren konnten, war das gesellschaftliche Gefüge von einer fragilen Balance geprägt. Der Besitz von Grund und Boden (bzw. die Verfügungsgewalt darüber) galt im Umfeld einer vergleichsweise schwach ausgebildeten Geldwirtschaft als bedeutsamstes Gut. Zentralisierte, königliche Macht zeichnete sich durch eine kriegerische Unterwerfung und Eroberung von Land aus. Im Zuge der Verwaltung dieser Ländereien waren Könige darauf angewiesen, Personen ihres Vertrauens als Territorialherren einzusetzen, die aber stets bestrebt waren, sich von der Zentralgewalt zu emanzipieren. „In immer neuen Schüben schicken kriegsstarke Erobererkönige ihre Vertrauten, Verwandten, Bediensteten als Beauftragte ins Land, und in immer neuen Schüben kämpfen die Beauftragten von ehemals oder deren Nachkommen als Stammesfürsten oder Territorialherren gegen die Zentralgewalt um die Erblichkeit und die faktische Unabhängigkeit ihres Gebietes, das ursprünglich eine Art von Lehen war.“ (S28). Elias spricht dabei von dezentralisierenden oder zentrifugalen Kräften. Hingegen wurde die Zentralherrschaft geduldet, wenn diese für militärischen Schutz vor externen Bedrohungen benötigt wurde oder wenn es neu erobertes Land zu verteilen gab. Im Sinn der Stabilität wurden sie so zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben.
Der eben beschrieben Mechanismus verunmöglichte aber zugleich die Ausbildung eines straffer organisierten Beamtentums, das einen stabilen und mit friedlichen Mitteln arbeitenden zentralen Herrschaftsapparat ermöglicht hätte. Man war in einem Automatismus gefangen der einer bestimmten Form der wirtschaftlichen Beziehungen (Naturalwirtschaft) entsprach: agrarische Selbstversorgung, geringe Entwicklung des Austausches von Produkten, unterentwickeltes Straßennetz, schlechte Transportmittel, geringe Interdependenz zwischen verschiedenen Gebieten. Anstelle einer wirtschaftlichen Integration manifestierte sich eine kriegerische Integration: „Die kriegerische Integration, der Zusammenschluss zur Abwehr gemeinsamer Feinde“ (S45).
Die Vermehrung oder die Verringerung der Bevölkerung (demographische Entwicklung) erachtet Elias als einen der wichtigsten Motoren der Veränderung im Aufbau der Beziehungen und der Institutionen. „Überbevölkerung nennen wir also zunächst ein solches Wachstum der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes, daß bei bestehendem Gesellschaftsaufbau für immer weniger Menschen die Befriedigung ihrer Standardbedürfnisse möglich ist.“ (S54). Resultat aus diesem Zustand ist für Elias das Streben nach Kolonisation, sowohl nach außen (Inbesitznahme freier aber fern liegender Ländereien) als auch nach innen (Rodung von Wäldern, Trockenlegung von Sümpfen u. dgl.). Es beginnen sich innerhalb von Gesellschaften tiefgreifende Veränderungen zu vollziehen. „Die Bevölkerung expandiert unter dem Druck von Bodensperre und Bevölkerungswachstum nicht nur in die Weite, sie expandiert gewissermaßen auch im Innern; sie differenziert sich, sie setzt neue Zellen an, sie bildet neue Organe, die Städte.“ (S69). Jene fortschreitende Differenzierung der Arbeit, forciert auch Arbeitsteilung und steigert die zwischenmenschliche Abhängigkeit. Neben der Bildung großer Märkte wird auch Geld als universalisierbares Tauschmittel zunehmend relevant. Man braucht es umso dringender, je länger die Austauschketten innerhalb einer Gesellschaft sind.
Jene, die sich als reichere Grundherren etablieren konnten, haben in den nun vorherrschenden Bedingungsrahmen einen deutlichen Vorteil. „An den Höfen der großen Grundherren sammelt sich kraft ihrer direkten oder indirekten Verflechtung in das Handelsnetz, sei es in Naturalien, sei es in geprägtem oder ungeprägtem Edelmetall, ein Reichtum, der dem Gros der kleineren Grundherren fehlt“ (S99). Es setzt sich gewissermaßen ein Monopolmechanismus in Gang. Die langsam wachsende Monetisierung begünstigte die wenigen großen Feudal- und Gutsherren, die Lebensbedingungen der kleineren Gutsherren oder Ritter veränderten sich vorerst kaum.
An den Höfen großer Herren wächst hingegen das Verlange, ihrer Stellung durch Glanz und Schmuck des Hofes Ausdruck zu verleihen, sie erlangen dadurch kulturelle Bedeutung. Mit anderen Worten, die feudalen Höfe bilden um das 12. Jahrhundert die Zentren der Geschichtsschreibung einerseits und versammeln andererseits Dichter bzw. Minnesänger zur höfischen Unterhaltung um sich. Beide Bereiche erfüllen aber auch eine Funktion als Instrument im Machtkampf zwischen konkurrierenden Feudalhöfen. Es ist durchaus augenscheinlich, dass der Minnesang der eigentlich ritterlichen Geistesart widerspricht. Dennoch entwickelt sich in dieser höfischen Geselligkeit eine Form menschlicher Beziehungen, die bereits in der Richtung einer strengeren Regulierung von Trieben liegt. „[…] im beschränkten Kreise des Hofes und gefördert vor allem durch die Anwesenheit der Herrin werden friedlichere Umgangsformen zur Pflicht.“ (S112f). „Die Ritter wie die bürgerlichen Sänger sind sozial abhängige Existenzen; und die gesellschaftliche Basis ihres Singens, ihrer Haltung, ihrer Trieb- und Affektlage bildet das Dienstverhältnis.“ (S113).
Die Koexistenz mehrerer großer Feudalhöfe war jedoch weder durch Frielichkeit noch durch Stabilität gekennzeichnet. Elias beschreibt am Beispiel Frankreichs sehr detailiiert, wie sich über einen generationenübergreifenden und kriegerischen Prozess eine monompolisierte Herrschaft über eine großes, mit heutigen Nationalstaaten vergleichbares, Gebiet etablieren konnte. „[...], daß immer mehr aus dem Konkurrenzkampf ausscheiden müssen und in dierekte oder indirekte Abhängigkeit von einer immer kleineren Anzahl geraten.“ (S153). Elias spricht hierbei von einer Gesetzlichkeit des Monopolmechanismus. „Es ist charakteristisch für die Strenge, mit der dieser Monopolmechanismus arbeitet, daß sich analoge Prozesse annähernd zu der gleichen Zeit ziemlich in allen Territorien des westfränkischen Gebiets abspielen.“ (S170).
Während, wie weiter oben beschrieben, historisch vorausgehend eine zentralisierte Verwaltung noch nicht zu errichten bzw. für längere Zeit aufrechtzuerhalten war, spielen nun Bereichen wie Geld, Handwerk, Handel, eine bedeutsamere Rolle. „Menschengruppen, die sich mit alledem spezialistisch befassen, das Bürgertum, haben ein eigenes, soziales Schwergewicht bekommen; die Verkehrsmittel haben sich entwickelt; all das bietet der Herrschaftsorganisation eines größeren Gebietes Chancen, die früher gefehlt haben.“ (S189). Gekennzeichnet ist diese Situation durch ein gesteigertes Ausmaß an Interdependenzen und differenzierten Funktionen. „Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalernten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.“ (S. 285).


Stellt man Bd. 1 und Bd. 2 gegenüber, so beschreiben diese zwei Seiten ein und derselben Medaillie. Bd. 1 befasst sich mit der Psychogenese individueller Affekt- und Triebstrukturen, stellt also eine mikrostrukturelle Betrachtung dar, während Bd. 2 den Prozess der Zivilisierung hinsichtlich der Gesellschaftlichen Makrostruktur untersucht. Diese zwei Aspekte bilden eine dialektische Einheit: Der Wille und die rationale, zweckgerichtete Überlegung einzelner Menschen stehen der Zwanghaftigkeit von Entwicklungsresultaten fernab jeglicher individuellen Intention gegenüber. „[Die Veränderung] vollzieht sich als Ganzes ungeplant, aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung.“ (S323). Dies intendiert zugleich eine der zentralen Fragen, nach deren Klärung Elias strebt: „Wie kommt es überhaupt in dieser Menschenwelt zu Gestlatungen, die kein einzelner Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind, als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Struktur?“ (S324). Den entscheidenden Faktor findet Elias dabei in der zwischenmenschlichen Interdependenz. „Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingend und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden.“ (S324). Die Genese der Zivilisation folgt zwar einer Ordnung, diese läßt sich jedoch weder naturgesetzlich noch als Resultat von Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Geistes erklären.
Die fortschreitende Differenzierung gesellschaftlicher Funktionen kann als allgemeinste Determinante dieses Transformationsprozesses herausgestellt werden. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt werden. Das Gewebe der Aktionen immer genauer und straffer durchorganisiert sein. Zwischenmenschliche Abhängigkeiten nehmen verstärkt zu. Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. Die fortschreitende Funktionsteilung geht mit einer totalen Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. Und erst daraus resultierte die Möglichkeit einer Monopolisierung von Kräften, die eine stabile Ordnung jenseits rein militärischer Integration ermöglicht. „Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer zugleich Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind. Ungekehrt: Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst stets durch einen größeren Fürsten- oder Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungskette, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einzelnen Menschen von anderen größer sind.“ (S332). Während sich in der Kriegergesellschaft militärisch überlegene Akteure durchsetzten, sind mit fortschreitender Zivilisierung jene im Vorteil, die ihre Affekte unter Kontrolle haben. Wer vom eigenen Grund und Boden lebt, steht in relativ kurzen Abhängigkeitsketten und eine starke Beschränkung der Triebe und Affekt ist nicht nötig, vielleicht nichtmal hilfreich. Anders verhält es sich in einer Gesellschaft in der aus kriegerischen Rittern eine Schicht von Höflingen geworden ist. Hierin spiegelt sich der viel zitierte „Zwang zum Selbstzwang“.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

  • Es dauert lange, bis Norbert Elias die öffentliche Anerkennung in Deutschland für sein größtes Werk "Über den Prozess der Zivilisation" durch den ersten Adorno- Preis im Jahr 1977 erhielt. Nach Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung in Prag und der ungünstigen Situation in Westdeutschland, wo in den Sozialwissenschaften vorrangig Marx rezipiert wurde, blieb das Werk zunächst ein Geheimtipp unter wenigen (siehe Zitat von Thomas Mann). Schließlich tritt doch noch der große Erfolg ein, der bis heute anhält. Elias' Werk ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.
  • Thomas Mann: „Das Buch von Elias ist wertvoller als ich dachte. Namentlich die Bilder aus dem späten Mittelalter und der ausgehenden Ritterzeit.“
  • Als Lecturer of Sociology an der University of Leicester ist er stark am Aufbau des dortigen Department of Sociology beteiligt und unterstützt somit die Verbreitung der Gesellschaftswissenschaft.
  • Elias Prozesstheorie ist vor allem für die nachkommenden Sozialwissenschaftler von großer Bedeutung und Anreiz, sich selber seine Gedanken darüber zu machen. Das kann man besonders deutlich an folgenden Sätzen erkennen:
    Die Zivilisation, sie ist noch nicht zu Ende.“(Titelblatt)
  • Und das heißt: Unsere Zukunft ist offen, die der Individuen und die der Gesellschaften, die sie miteinander bilden. Nichts ist endgültig und festgelegt.“ (Letzter Satz des zweiten Bandes)


Literatur[Bearbeiten]

  • Elias, Norbert (1997):
    Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band: Wandlung des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes.
    Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Elias, Norbert (1997):
    Über den Prozess der Ziviliasation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band: Wandlung der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation.
    Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Kaesler, Dirk [Hrsg.] (2003):
    "Klassiker der Soziologie, Band I Von Auguste Comte bis Norbert Elias, 4. Auflage"
    München
  • Kaesler, Dirk/ Vogt, Lydia [Hrsg.] (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Korte, Hermann [Hrsg.] (1995):
    "Einführung in die Geschichte der Soziologie, 3. Auflage"
    Opladen

Internetquellen[Bearbeiten]