Soziologische Klassiker/ Geschlechterforschung/ Moral

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Theorien zur Moral[Bearbeiten]

Gilligan[Bearbeiten]

Das Bewusstsein für Moral lässt sich im menschlichen Entwicklungsprozess nach dem kognitiven Entwicklungspsychologen Lawrence Kohlberg in sechs Stufen einteilen, wobei die höchste mit dem größten moralischen Grad an Reife verbunden ist. Gilligan verwies bei diesem Konzept auf die gefühlte Grundproblematik der Wissenschaft, einer, die sich selbst als geschlechtsneutral versteht, den Androzentrismus. Nach Kohlberg gelangen Frauen wesentlich seltener, ebenso wie Kinder, an den obersten Grad der Moral, der Gerechtigkeit, was er damit erklärt, dass Frauen in der Sozialisation Defizite aufweisen. Gilligan zeigt jedoch auf, dass das spezifisch männliche hierbei als Norm und allgemeingültig zu verstehen ist. Daraufhin stellt Gilligan in einer an Kohlberg anlehnenden Studie eine These auf, die zwei gleichberechtigte Formen moralischen Urteilens beinhaltet. Die für Männer spezifische Form der Moral orientiert sich an abstrakten Prinzipien (Fairness, Regeln und Rechte als Leitfaden), die für Frauen spezifischen hingegen an sozialen Prinzipien, wie Fürsorgen und Anteilnahme an anderen. Diese zwei Formen beinhalten einander widersprechende Verantwortlichkeiten, wobei beide nicht unbedingt typisch männlich oder weiblich sein müssen. Dennoch haben ihre Studien die Frau als warmes Wesen über den kalten Mann da stehen lassen. Frausein hat hier die Bedeutung von Bessersein gegenüber der bisher dominierenden Männerwelt. Gilligan traf mit ihren Studien einen empfindlichen Nerv der Zeit der 80er Jahren. Frauen waren bereit sich von alten Weiblichkeitsmuster zu lösen und ihr Leben eigenständig zu meistern. Dabei kamen Bedürfnisse und Sehnsüchte nach Autonomie und der Wunsch nach innerer Abgrenzung zum Vorschein.

Dieter Otten[Bearbeiten]

Otten beschäftigt sich in einer Studie mit geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Vorstellungen und Einstellungen über Moral und Ethik. Er stellt sich die Frage, ob Frauen den Männern moralisch überlegen sind. Ziel dieser Studie war es, mit Hilfe sensibler Fragen die Moral, Ethik, Religion, Wertvorstellungen, Normen und Sexualität betreffen, eine Struktur männlicher und weiblicher Alltagsauffassungen herauszuarbeiten. Durch eine Moralskala (Bewertung von Mogeln beim Kartenspiel, Betrug, Diebstahl, Körperverletzung, Tötungsdelikt) wird deutlich, dass Frauen den “amoralischen Charakter der Sätze sofort” [1] erkennen.

Auffallend ist dabei, dass Frauen bei Anstieg der Schwere eines Delikts dazu neigen, diese Verhaltensweise nicht mal gelegentlich durchgehen zu lassen. Gewalthandlungen werden von den meisten Frauen komplett abgelehnt. Im Gegensatz dazu lässt sie moralische Flexibilität bei Männern am häufigsten beim Karten spielen erkennen. Der Mann verbindet mit Mogeln kein moralisch verwerfliches Handeln. Betrachtet man die männliche Bereitschaft und Akzeptanz amoralischer Verhaltensweisen bei “wahren Delikten”, so kann man den Schluss ziehen, dass ein wesentlich größerer Teil dazu neigt Eigentumsdelikte, körperliche Gewalt und sogar Tötung in Kauf zu nehmen. Welches Delikt mit welchen moralisch verwerflichen Vorstellungen verbunden wird, kann kulturell variabel sein. Auch die Schulbildung zeigt, dass sich ein ähnlich deckungsgleiches Muster einstellt, wenn es um ethische und moralische Verhaltensweisen geht. Ottens Ergebnisse zeigen: “Bis zu einem Drittel der erwachsenen Männer halten es durchaus für in Ordnung, moralisch verwerfliche, deviante (außerhalb der Norm liegend) oder kriminelle Akte zu begehen. Fast 74 Prozent halten Lügen für eine normale Alltagsstrategie, mehr als die Hälfte würde um des eigenen Vorteils willen betrügen, und noch gut ein Viertel ist bereit, Gewalt anzuwenden, wenn es dem eigenen Vorteil entspricht.” [2] Ähnliche und fast schon erschreckend gleiche Ergebnisse erhält die amerikanische Geschlechterforscherin Carol Gilligan, die im Besonderen auf die verschiedene Herangehensweise an moralische Problemstellungen eingeht. “Gilligan vertritt die Ansicht, dass Männer dazu neigen, ethische Fragen nach den Prinzipien zu lösen, nach denen sie beim Spielen Regeln anwenden.” [3] Frauen hingegen verhalten sich im Konflikt interessenorientiert und versuchen einen Ausgleich der verschiedenen Interessen zu erreichen. Diese geschlechtspezifisch unterschiedliche Herangehensweise an Konflikte, erklärt sich Gilligan, durch eine unterschiedlich ausgeprägte männliche und weibliche Auffassung von moralischen Werten. Beide Geschlechter haben unterschiedliche Bezugsrahmen und Horizonte. Dennoch lehnt sie die Behauptung ab, Frauen seinen moralischer, weil sie aufgrund von Angst keine Regeln brechen wollen und eher konform sind. Vielmehr unterscheiden sich beide Geschlechter, weil sie unterschiedliche Systeme bevorzugen moralischen Fragen gegenüber zu treten. Männer orientieren sich dabei an Regelwerken, die es einzuhalten gilt. Diese werden auch als Zwang und Pflicht wahrgenommen, selbst wenn eine Regel als eher ungeeignet erscheint, um eine Problematik anzugehen, verhält sich der Mann regelloyal und verfolgt einen abstrakten Befehl(das würde auch erklären, warum Männer bereit sind auf Befehl einer Regel zu töten). Frauen folgen anderen Regeln, ihnen geht es meist um den Menschen, dem gegenüber sie sich verpflichtet fühlen.

In der Philosophie erhält die Moral einen hohen Stellenwert und unterscheidet sich strikt von dem Begriff der Ethik. “Unter Moral wird mehr die gesellschaftliche Praxis des richtigen Handelns verstanden: Sie kann, muss aber nicht aus einem Regelwerk abgeleitet werden.” [4] Ethik dagegen steht für ein Regelwerk oder ein System des richtigen Handelns.

Ergebnis (auch in Gilligans Studie) ist, dass die Frauen in den Tests im Prinzip moralisch urteilen, Männer hingegen eher dazu tendieren, dann unmoralisch über Werte und Einstellungen zu urteilen, wenn es ihr Regelsystem ihnen befiehlt. Zu moralischen Urteilen kommen sie dann, wenn ihr Regelwerk Verhaltensweisen darlegt, an denen sie sich richten können. Im Näheren geht Otten auf die unterschiedliche Orientierung an männlichen und weiblichen Werten in der Praxis ein. Dabei lehnt er die Bewertung von moralischem (weiblichen) und unmoralischem (männlichen) Verhalten ab, sondern will aufzeigen in welcher unterschiedlichen Weise sie zu moralisch vertretbaren oder moralisch verwerflichen Mechanismen greifen. Deutlich verweist er auf das Vorhandensein eines Regelwerkes und die dazugehörige Moralauffassung, an dem sich der Mann orientiert. Daher sieht ein Mann die Bejahung von moralisch fragwürdigen Notsituationen, wie z.B. das Töten eines Menschen nicht unbedingt als moralisch verwerflich, solange es von seinem Regelwerk verlangt wird. Das weibliche Moralverständnis würde selbst in einer Notsituation die Lebensinteressen der betroffenen Person berücksichtigen und käme demnach zu einem anderen Handlungsergebnis. “Das heißt nicht unbedingt, dass die moralische Strategie”, die der Frau zugeschrieben wird, “der ethischen”, welcher der Mann eher neigt zu folgen, “überlegen sein muss. Es bedeutet nur, dass männliche Ethik unter bestimmten sozialen Umständen in die Katastrophe führen kann, weibliche Moral wohl kaum. ” [5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Otten (2000)
    Männerversagen: Über das Verhältnis der Geschlechter im 21.Jahrhundert'
    Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach
  • Matina Löw und Bettina Mathes [Hrsg.] (2005)
    Schlüsselwerke der Geschlechterforschung'
    Erste Auflage
    VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Otten, 2000 Seite 80
  2. Vgl. Otten, 2000 Seite 80 - 81
  3. Vgl. Otten, 2000 Seite 81
  4. Vgl. Otten, 2000 Seite 82
  5. Vgl. Otten, 2000 Seite 83