Soziologische Klassiker/ Geschlechterforschung/ Sozialisation

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Definitionen[Bearbeiten]

Unter „Sozialisation“ auch Vergesellschaftung genannt, versteht man den Prozess den ein Individuum durchläuft, in dem es sich in soziale Gruppen eingliedert, sich die in der Gruppe bestehenden sozialen Normen und Werte aneignet und die mit bestimmten Positionen verbundenen Rollenerwartungen erlernt.[1]

Erkennt das Individuum diese Werte und Normen und die betreffenden Verhaltensstandart als selbstverständlich an, so spricht man von Internalisierung. Der Sozialisationsprozess beginnt direkt nach der Geburt und in den Sozialisationsinstanzen (Kindheits- und Jugendphase) werden durch die wichtigsten Interaktionspartnern Werte, Einstellungen und Rollenerwartungen erlernt, die für die Entwicklung des sozialen Selbst bzw. der sozialkulturellen Persönlichkeit von höchster Wichtigkeit sind.

Die Sozialisation kann nicht nur auf die Sozialisationsinstanzen beschränkt werden, sondern tritt bei jeglichem Kenntniserwerb neuer sozialer Rollen oder Eingliederung in neue Gruppen, in Kraft. Somit ist die Sozialisation ein lebenslanger Prozess.

Geschlechteridentität

Das Bewusstsein des Individuums über sein Geschlecht. Bei der Geschlechteridentität durchläuft das Individuum verschiedene Ebenen. Am Anfang steht die Kernidentität (core-identity), die sich in der Kindheitsphase entwickelt. Darauf folgt die Geschlechterrollenidentität (gender-role-identity) in der die Rollenerwartung an das eigene Verhalten und das Verhalten anderer definiert wird. Zu letzt bildet sich die sexuelle Ebene des Individuums.[2]

Da die Geschlechteridentität durch einen gesellschaftlichen Lernprozess hervorgerufen wird und die Vergesellschaftung ein andauernder Faktor ist, wird es nie zu einer vollendeten Identitätsbildung kommen.

Sozialisationstheorien[Bearbeiten]

Sozialisation bei Parsons[Bearbeiten]

“In die Soziologie hat das Konzept der Geschlechterrolle vor allem durch die Arbeiten von Talcott Parsons Eingang gefunden. Mit der Verknüpfung von psychoanalytischer Entwicklungstheorie und strukturfunktionalistischer Soziologie hat Parsons die elaborierteste und theoretisch anspruchsvollste Version der Geschlechterrollentheorie vorgelegt. Parsons´ Bezugsrahmen ist nicht die Geschlechter-, sondern die Familiesoziologie. Die Sozialisation in der Kernfamilie steht im Fokus, und der Aneignung der männlichen Geschlechtsrolle gilt eine besondere Aufmerksamkeit.” .”[3]

Um die Rolle der Frau und des Mannes wahrnehmen zu können, muss sich jedes Geschlecht Verhaltensmuster aneignen, die während des Sozialisationsprozesses in der Familie erworben werden (können). Parsons sieht die geschlechtsspezifische Sozialisation als Angleichung an ein gesellschaftlich vorgegebenes Werte- und Normensystem. Die " soziale Geschlechtsrollendifferenzierung macht sich den anatomischen Unterschied zu Nutzen, um die Rollen eindeutig bestimmten Kategorien von Akteuren zuzuweisen, die Inhalte der Rollen sind jedoch durch jenen Unterschied nicht präformiert.".”[4]

Parsons erklärt die große Bedeutung von den Geschlechterrollen anhand der Verwirklichung angestrebter Ziele eines gesellschaftlichen Systems. Deshalb versteht er die Sozialisation als notwendige Aufwärmübung für gesellschaftliche Handlungsmechanismen, die erst durch die Geschlechtertrennung ermöglicht werden können.

Meuser[Bearbeiten]

Geschlechtsrollentheorie:

Der Begriff der Geschlechterrolle meint das Konzept, welches den sozialwissenschaftlichen Diskurs über das Verhältnis der Geschlechter bestimmte, wobei vor allem Probleme und Kennzeichen der männliche Geschlechterrolle und der damit verbundenen Identifikation im Mittelpunkt psychologischen Interesses standen. In den USA diente das Konzept der männlichen Geschlechtsrolle als psychologisch grundlegende Erklärung zum Verständnis männlicher Erfahrung und Wahrnehmung. Um theoretisch die Rolle des Mannes zu fassen, gelten hierfür zwei Aspekte. Der erste Aspekt umfasst die unmittelbare Verbindung der Geschlechterrolle mit dem biologischen Geschlecht, welches seine Identität durch den Erwerb und Besitz bestimmten Eigenschaften und Merkmale erfährt. Der zweite Aspekt umfasst die Übereinstimmung geschlechtsspezifischer Skalen von typisch männlichen und weiblichen Eigenschaftsmustern. Der Normalfall von Heterosexualität zeigt sich in den viel verwendeten Modifikationen Maskulinitäts- und Femininitätsskalen. Als extremste Form der Abweichung gilt die Homosexualität, die aufgrund fehlender Instinktsteuerung erklärt wird.


Hagemann-White Sozialisation „männlich“-„weiblich“?[Bearbeiten]

Hagemann-White vertritt die Auffassung, dass bisherige empirische Studien keinen Zusammenhang nachweisen können zwischen biologischen und physischen Eigenschaften und dem Geschlechterunterschied.[5]

Viel mehr wird durch die geschlechterspezifische Erziehung ein Sozialcharakter anerzogen. In ihren Werken versucht sie zu veranschaulichen, in wie weit die Sozialisation zu den Geschlechterunterschieden führt.

In der Familie[Bearbeiten]

Hagemann-White bezieht sich in ihrer Studien auf mehrere Untersuchungen (u.a. vom Moss 1974, Newson&Newson 1978, Fagot 1975) die ergaben, dass bis zum Vorschulalter weder motorische noch geistige Unterschiede bestehen. Daraus folgert sie, dass das gezielte Fördern bzw. nicht Fördern der beiden Geschlechter zu Unterschieden führt. Zum Beispiel in dem unterschiedlichen Angebot der Sportaktivitäten, werden unterschiedlich nach Geschlecht, bestimmte Motoriken trainiert (Jungen Fußball,Mädchen Bodenturnen). Daraus resultiert laut Hagemann-White auch der Unterschied des räumlichen Denkens, das bei Fußball spielen gefördert wird.[6]

Zudem ist zu beobachten das Jungen in der Schule generell mehr gefördert werden als Mädchen. Es gibt spezielle Förderklassen für leseschwache Kinder, aber es existiert kein vergleichbares Angebot zur Förderung des räumliches Denkvermögen auf Seiten der Mädchen.

Laut Hagemann-White „unterscheiden“ sich die Geschlechter in Eigenschaften die erlern- und verbesserbar sind. Das allgemeine Vorurteil, dass Jungen ein besseres mathematisches Denkvermögen besitzen als Mädchen, erklärt Hagemann-White durch Statistiken, die deutlich machen, dass viel mehr Jungen als Mädchen Mathematik in der Schule belegen.

Zudem zeigen die Variablen „Schicht“ und „Geschlecht“ einen starken Zusammenhang, wenn es um die kognitiven Eigenschaften der Geschlechter geht. Somit zeigt sich, dass es sich nur um erlernte Eigenschaften handeln kann.

Bedingt durch Geschlechternormen kann dasselbe Verhalten geschlechterspezifisch eine andere Bedeutung haben. Eine große Rolle spielen zudem die Altersnormen, die dafür sorgen, dass sich die Geschlechternormen verändern. Das bedeutet, dass in verschiedenen Altersphasen 'Weiblichkeit' und 'Männlichkeit' unterschiedlich definiert werden. Daraus lässt sich schließen, dass auch die Erziehung sich alterspezifisch auswirkt.

Tendenziell haben die Erziehenden von vornherein unterschiedliche Erwartungen und Auffassung an die „männlichen“ oder „weiblichen“ Kinder. Für Akteure spielt das Geschlecht eine zentrale Rolle. Bevor jegliche Interaktion statt finden kann, müssen Informationen vorhanden sein, im Zweifelsfall (z.B. Kleinkindern) muss vermutet werden.

In unserer Kultur gilt das Geschlecht als primäre Information, die selbst bei der flüchtigsten Interaktion realisiert wird.[7]

Nachdem Mädchen stärker der Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt sind, werden sie mehr eingeschränkt was ihre Mobilität außerhalb des Wohnraumes betrifft. Im Gegensatz zu männlichen Kindern, spielen sie viel mehr drinnen und werden so automatisch stärker und ungewollt dem „Druck der normativen Erwartungen der Eltern“ ausgesetzt. Die Söhne können sich so unabsichtlich stärker dem Vorschriften und Erwartung der Eltern entziehen, da sie sich öfter außer Haus befinden.


Erziehung in öffentlichen Einrichtungen[Bearbeiten]

In erzieherischen Einrichtungen gehört es zum Erziehungsalltag, dass „weibliche“ und „männliche“ Kinder unterschiedlich angesprochen und behandelt werden. Dies führt verstärkt zur geschlechtlichen Rollenzuweisung des Individuums.[8]

Diese Vorgehensweise verstärkt zudem die Abgrenzung der beiden Geschlechter zueinander. Vor allem die Bildung einer „Subkultur der Jungen in ihrer Abgrenzung gegen alles Weibliche“ ist zu erkennen.

Laut Studien (DETAILS) erhalten die „männlichen“ Kinder durchschnittlich mehr Aufmerksamkeit als die 'weiblichen' und lernen somit sich mehr in den Mittelpunkt zustellen. 'Gehorsamkeit' und 'Fleiß' sind Eigenschaften die den Mädchen zugeschrieben werden und von den Jungen wird verlangt diese 'Weiblichkeit' anzunehmen. Da kann es zu einem sozialen Druck kommen, dem sich die männlichen Kinder ausgesetzt fühlen. Im Gegensatz dazu steht es den Mädchen frei sich 'männliche' Eigenschaften an zu eignen. Weder das Erlangen noch das nicht Erlangen wird bei Mädchen getadelt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hartfiel und Hillmann [Hrsg.] (1982)
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Dritte Auflage
    Alfred Kröner Verlag Stutgart
  • Fuchs-Heinritz, Lautmann, Rammstedt, Wienold [Hrsg.] (2007)
    Lexikan zur Soziologie
    Vierte Auflage
    Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden
  • Carol Hagemann-White (1984)
    Sozialisation: weiblich-männlich?
    Leske Verlag und Budrich GmbH Meisenheim
  • Michael Meuser (1998)
    Geschlecht und Männlichkeit: Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster
    Leske + Budrich, Opladen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Fuchs-Heinritz, 2007, S. 605
  2. Vgl. Hartfiel und Hillmann, 1982, S.255
  3. Meuser, Michael (1998):Geschlecht und Männlichkeit,Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Leske+Budrich, Opladen, Seite 52
  4. Meuser, Michael (1998):Geschlecht und Männlichkeit,Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Leske+Budrich, Opladen, Seite 53
  5. Vgl.Hagemann-White, 1984 S.9
  6. Vgl. Hagemann-White, 1984, S.48
  7. Vgl. Hagemann-White, 1984, S.50
  8. Vgl. Hagemann-WHite, 1984, S. 63