Soziologische Klassiker/ Haug, Frigga

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Haug Frigga

  • geboren am 28.11.1937 in Mülheim a. d. Ruhr (in Nordrhein-Westfalen)


  • Eltern:

Vater: Heinz Langenberger, Diplom-Volkswirt

Mutter: Melanie Langenberger, geb. Kassler, Dipl. Volkswirtin


  • Geschwister:

Solveig Ehrler, geb. Langenberger (verstorben)

Harald Langenberger (verstorben)

Heinz-Reiner Langenberger


  • Kinder:

"Else" Laudan


Lebenslauf[Bearbeiten]

  • Allgemeines: Frigga Haug ist eine international renommierte Sozialwissenschaftlerin und Dr. Phil. in Soziologie und Psychologie.


  • 1959 - 1970: Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund
  • 1965: Frigga Haug erfüllt seit 1965 für die Zeitschrift "Das Argument" und den Argument Verlag verschiedenste Funktionen als Redakteurin, Mitherausgeberin, Geschäftsführerin und Verlagsleiterin. Die autonome Frauenredaktion gründete sich mit dem Heft 129 im Jahr 1981.
  • ab 1969: Mitglied der Frauenbewegung, im Aktionsrat zur Befreiung der Frau, später Sozialistischer Frauenbund Westberlin
  • 1971 - 1976: Lehraufträge an der Medizinischen Fakultät; Assistentin am Psychologischen Institut der FU Berlin
  • 1976: Promotion in Psychologie
  • 1977: Lehrstuhlvertretung am Institut für Klinische Psychologie in Kopenhagen
  • 1978: Habilitation für Sozialpsychologie
  • 1979: Gemeinsam mit Wolfgang Fritz Haug gründet sie die Berliner Volksuniversität und ist dort 19 Jahre lang, bis 1996, tätig
  • 1980 – 2001: Einstellung als Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg. Weiters ist sie Gastreferentin und hält zahlreiche Gastprofessuren in Kopenhangen/Dänemark/Österreich (Innsbruck und Klagenfurt), Sydney/Australien, Toronto/Kanda, Durham NC /USA und erhält diverse andere Lehraufträge im In- und Ausland.
  • Bis dato: Vorsitzende im Institut für Kritische Theorie; Mitglied der Kommission für Psychologie, Pädagogik und Medizin im Bund demokratischer Wissenschaftler; Redakteurin der Zeitschrift "Forum Kritische Psychologie"


Forschungsschwerpunkte:

  • weibliche Vergesellschaftung und Frauenpolitik
  • Arbeit und Automation
  • sozialwissenschaftliche Methoden und Lernen


Auszeichnungen:

  • Zwei Festschriften – zum 50. und 60. Geburtstag:
  • Hauser (Hg.), "Viele Orte überall" Hamburg 1987
  • Meyer-Siebert, Merkens, Nowak, Rego Diaz (Hg.): "Die Unruhe des Denkens nutzen", Hamburg 1998


Weitere wichtige Ereignisse:

  • 1960: Heirat mit Peter Laudan (geschieden 1965)
  • 1965: zweite Ehe mit Wolfgang Fritz Haug


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Frigga Haugs Kindheit haben besonders die Erlebnisse in der Zeit des zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Armut wie auch der Tod ihres Vaters, welcher vor Stalingrad fiel, geprägt. Auch die enge Atmosphäre der Adenauer-Ära und die Mädchenoberschule, welche sie besuchte, hatte Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung. Vor allem blieb ihr der Sprung in eine andere Stadt – die Freie Universität als Aufbruch und als Produkt des Kalten Kriegs und damit die Stadt zwischen den Fronten - in Erinnerung.

Haug war Mitglied der 58-er Bewegung – eine Antiatombewegung, die Ostermarschbewegung, und gründete 1958 die Zeitschrift „Das Argument“. Um gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam zu rebellieren, trat sie dem sozialistischen deutschen Studentenbund bei und brach schließlich aufgrund der Geburt ihrer Tochter und Umzug nach Köln das Studium ab. Zwei Jahre später kehrte sie nach Berlin zurück, es kam zur Scheidung von ihrem ersten Mann und zur Ermordung von Benno Ohnesorg auf einer Demonstration in West Berlin gegen den Schah von Persien. Weiters wirkte Frigga Haug im Frauenbund, einer Gruppe, die sich 1968 als Aktionsrat zur Befreiung der Frau gebildet hatte. Dieser spaltete sich in eine Gruppe, die sich fortan Brot und Rosen nannte und eine zweite, die zunächst weiter den alten Namen trug, sich aber 1970 in "Sozialistischer Frauenbund Westberlin" umbenannte. Dieser Frauenbund bestand bis etwa 1980.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Die Soziologin wurde vorallem von den Vertretern der Chicago School – welche ihr die Anziehung empirischer Arbeit vermittelte (wie Lazarsfeld u.a.;) beeinflusst. Durch die Ethnomethodologie und Ethnosoziologie erlangte Haug die Faszination für die Alltags und auch die Rollentheorie. Während der Studentenzeit kam das Interesse für Marx hinzu – der sie nach eigenen Angaben: "... bis heute herausfordert und wohl der einflussreichste unter ihren Lehrern war". Von großer Bedeutung war auch die Kritische Psychologie mit Klaus Holzkamp, ihrem Doktorvater. Die Kritische Psychologie will die bürgerliche Psychologie als Ganzes in eine kritische Subjektwissenschaft umzubauen. Haug war an der Bildung dieser Subjektwissenschaft insofern beteiligt, als sie als Lehrende am Institut für Kritische Psychologie unterrichtete und Studien zur Entwicklung der Arbeit und der Automation entwickelte. In der Reihe der Schriften für Kritische Psychologie gab Frigga Haug den Band- "Gesellschaftliche Produktion und Erziehung" heraus.

Die feministischen Schriftstellerinnen, allen voran Marge Piercy, aber auch Ursula K. Le Guin und die Theoretikerin Donna Haraway, lehrten Frigga Haug die Respektlosigkeit gegen die Biologietheorie. Des Weiteren befasste sie sich mit Industriesoziologie, betrieb über 15 Jahre Automationsforschung und beschäftigte sich mit dem Grenzgebiet zwischen Literatur und Philosophie – Brecht und Gramsci. Rosa Luxemburg, Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung und entschiedene proletarische Internationalistin, wie auch die als Idol der Frauenbewegung geltende Literatin Virginia Woolf, hatten Einfluss auf Haugs Arbeiten. Durch die Literatur von Irmtraud Morgner und Christa Wolf wurde sie zur Entwicklung der Methode der Erinnerungsarbeit inspiriert.


Werke[Bearbeiten]

Dies sind ihre wichtigsten Werke, wobei sie zusätzlich eine große Zahl von Artikeln, auch in Zusammenarbeit mit anderen Autoren, verfasste.

  • Kritik der Rollentheorie und ihrer Anwendung in der bürgerlichen deutschen Soziologie. Frankfurt/M. 1972, 3. Aufl.1975, 4. überarbeitete und aktualisierte Aufl. 1994
  • zusammen mit Projekt Automation und Qualifikation (PAQ): Automation in der BRD. Berlin 1975, 3. Aufl. 1979
  • Gesellschaftliche Produktion und Erziehung. Kritik des Rollenspiels. Frankfurt/M. 1977
  • zusammen mit PAQ: Theorien über Automationsarbeit. Berlin 1978
  • zusammen mit PAQ: Entwicklung der Arbeitstätigkeiten und die Methode ihrer Erfassung. Berlin 1978, 2. Aufl. 1979
  • zus. mit PAQ: Automationsarbeit: Empirische Untersuchungen. Band 1 Berlin 1980
  • (Hrsg.): Frauenformen. Alltagsgeschichten und Entwurf einer Theorie weiblicher Sozialisation. Berlin 1980, 3.Aufl. 1988; gänzlich überarbeitete und aktualisierte Auflage unter neuem Titel: Erziehung zur Weiblichkeit.Berlinund Hamburg 1991
  • (Hrsg.): Gesellschaftliche Arbeit und Individualentwicklung. Studien zur Kritischen Psychologie Band 20. Köln 1980
  • zus. mit PAQ: Automationsarbeit: Empirische Untersuchungen. Band 2 Berlin 1981
  • zus. mit PAQ: Automationsarbeit: Empirische Untersuchungen. Band 3 Berlin 1981
  • (Hrsg.): Sexualisierung der Körper. Frauenformen 2. Berlin 1983, 2. Aufl. 1988; 3. überarbeitete Auflage 1991
  • zus. mit PAQ: Zerreißproben. Automation im Arbeiterleben. Empirische Untersuchungen. Band 4 Berlin 1983
  • zus. mit Projekt Sozialistischer Feminismus: Gechlechterverhältnisse und Frauenpolitik. Berlin 1984
  • (Hrsg. zusammen mit K. Hauser) Subjekt Frau. Kritische Psychologie der Frauen 1. Berlin 1985, 2. Aufl. 1988
  • (Hrsg. zusammen mit K. Hauser) Der Widerspenstigen Lähmung. Kritische Psychologie der Frauen 2. Berlin 1986;2. Aufl. 1989
  • zusammen mit PAQ: Widersprüche der Automationsarbeit. Ein Handbuch. Berlin 1987
  • (Hrsg. zusammen mit G. Brosius): Frauen\Männer\Computer. Empirische Untersuchungen zur Büroarbeit. Berlin 1987
  • Female Sexualization. A Collective Work of Memory. London 1987
  • zusammen mit Frauenredaktion (Hrsg.): Frauenbewegungen in der Welt. Bd. 1: Westeuropa. Berlin 1988; Bd. 2: Dritte Welt. Berlin und Hamburg 1989; Bd. 3: Außereuropäische kapitalistische Länder, Berlin und Hamburg 1990
  • zusammen mit Hauser, K. (Hrsg.): Küche und Staat. Die Politik der Frauen. Berlin 1988
  • zusammen mit Projekt Automation und Qualifikation (Hrsg.): Politik um die Arbeit. Berlin 1988
  • Erinnerungsarbeit. Berlin und Hamburg 1990; 2. Aufl. 1993
  • zus. mit Hauser, K. (Hrsg.): Die andere Angst. Berlin 1991. 2. Aufl. Hamburg 1994
  • Beyond Female Masochism. Memorywork and Politics. London 1992
  • zus. mit Eva Wollmann (Hg.): Hat die Leistung ein Geschlecht? Erfahrungen von Frauen. Berlin und Hamburg 1993
  • Haug, Frigga mit Brigitte Hipfl (Hg.): Sündiger Genuss? Filmerfahrungen von Frauen. Hamburg 1995
  • Frauen-Politiken. Berlin/Hamburg 1996
  • zus. mit Michael Krätke (Hg.): Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Berlin und Hamburg 1996
  • Jedem nach seiner Leistung. Kriminalroman, Berlin und Hamburg 1996
  • Jedem nach seinen Bedürfnissen. Kriminalroman. Berlin und Hamburg 1997
  • (zus. mit S. Wittich-Neven (Hg.): Von Lustmolchen und Köderfrauen. Zur Politik um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Berlin und Hamburg 1997
  • Vorlesungen zur Einführung in die Erinnerungsarbeit. The Duke Lectures. Hamburg 1999 - amerikanische Ausgabe in Vorbereitung
  • Lernverhältnisse. Selbstbewegungen und Selbstblockierungen. Hamburg. 2003 ; 2.A 2004
  • (Hg.) Historisch-Kritisches Wörterbuch des Feminismus. Hamburg 2003
  • (Hg. zus. mit Katrin Reimer) Politik ums Kopftuch. Hamburg 2005
  • (Hg.) Nachrichten aus dem Patriarchat. Hamburg 2005
  • Sternschnuppen. Zukunftserwartungen von Schuljugend. Hamburg 2006
  • Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik. Hamburg 2007
  • Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Hamburg 2008, 3. Aufl. 2011
  • (Hg.) Briefe aus der Ferne. Anforderungen an ein feministisches Projekt heute. Hamburg 2010
  • (Hg. zusammen mit Sabine Gruber und Stephan Krull) Arbeiten wie noch nie!? Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Hamburg 2010
  • (Hg.) Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus. Band 2: Hierarchie/Antihierarchie bis Köchin. Hamburg 2011


Kleine Studienbücher[Bearbeiten]

  • Für eine sozialistische Frauenbewegung. Berlin 1978
  • zusammen mit überregionalem Frauenprojekt: Frauengrundstudium 1. Berlin 1980
  • zusammen mit PAQ: Bildungsökonomie und Bildungsreform. Berlin 1980
  • (Hrsg.): Frauen - Opfer oder Täter? Diskussion Berlin 1981, 6. Aufl. 1988
  • zusammen mit Projekt Arbeiterbewegung und Frauenbewegung: Frauenpolitik. Opfer-Täter-Diskussion 2. Berlin 1982
  • zusammen mit Frauenredaktion im Argument: Frauengrundstudium 2. Berlin 1982
  • zus. mit Frauenredaktion: Frauen und Moral. Frauengrundstudium 3. Berlin 1984
  • (Hrsg.): Massenmedien und soziale Herrschaft. Materialanalysen Berlin 1986



Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Haugs Buch "Kritik der Rollentheorie" erweckte großes und Interesse und erreichte in kürzester Zeit 70.000 Auflage. ZurArbeits- und Automationsforschung schrieb Haug 9 Bücher, in welchen sie sich mit der Theoriekritik, der historischen und der empirischen Forschung beschäftigt. Die Bücher stehen vor allem unter der zentralen These, dass die Entwicklung der Produktivkräfte für die Arbeitenden nicht dequalifizierend wirken müsse (wie dies allgemein damals die Auffassung war). Vielmehr vertrat Haug den Standpunkt, dass diese Entwicklung höhere Anforderungen stellen und hervorbringen könne und sah dies als Chance zu Entstehung einer neue Gewerkschaftspolitik. Das Buch "Zerreißproben – Automation im Arbeiterleben“ zeugt von der Widerspruchsorientierung der angewandten Methode.

Zu Haugs einflussreichsten Werken zählt in der feminischten Theorie und Praxis die Entwicklung (mit wechselnden Gruppen) der Methode der kollektiven Erinnerungsarbeit. An vielen Orten der Welt (Australien, Kanada, USA, Skandinavien, Finnland, Österreich) bestehen Forschungen und Veröffentlichungen, die sich darauf beziehen. Erinnerungsarbeit beruht auf der Annahme, dass die Menschen ihre eigene Geschichte und so auch sich selbst machen, Frauen also auch an ihrer eigenen Unterdrückung mitwirken und sich daher auch selbst befreien müssen.

Im Kontext von Marxismus und Feminismus ist die wichtigste These: Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse – nachlesbar im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Stichwort Geschlechterverhältnisse – eine These, die das Denken des Zusammenhangs von Frauenunterdrückung und Produktionsweise neu und radikal zu fassen ermöglicht.

Haug hat in der Entwicklung der empirischen Methoden gewirkt und in der Lerntheorie kritische Thesen zu Lernblockierungen angemerkt mit der zentralen Aussage, dass Verlernen Grundvoraussetzung von Lernprozessen ist.

Frigga Haugs Werke wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. So etwa der als Klassiker geltende Band "Sexualisierung der Körper" ins englische als auch koreanische, einer der Bände zur Erinnerungsarbeit ins Finnische (zur Zeit noch in Bearbeitung), der Aufsatz: "Frauen – Opfer oder Täter?" in 7 Sprachen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Persönliche Stellungnahme von Frigga Haug:

"Ich war immer streitbar, hatte immer eine große Menge von Anhängern, ebenso auch Feinde. Erinnerungsarbeit ist gewiss eine Schule – ebenso der feministische Marxismus, der marxistische Feminismus – die Thesen und Veröffentlichungen zur Automationsforschung gehören zum offiziellen Kanon der Industriesoziologie. Mein Lernbuch wird wie andere Schriften von mir weiter in der Universitätsausbildung benutzt; in der Erwachsenenbildung, Frauengruppen usw. werden Erinnerungsarbeit und die entsprechenden Bücher vielfach gelesen. Das historisch-kritische Wörterbuch des Feminismus ist ein Grundlagenwerk der theoretischen Arbeiten der zweiten Frauenbewegung."


Literatur[Bearbeiten]

  • Haug, Frigga:
    "Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. 3. Auflage 2011. Originalsausgabe"
    Hamburg, 2008

Internetquellen[Bearbeiten]