Soziologische Klassiker/ Lipset, Seymour

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Biographie in Daten[Bearbeiten]

 Seymour Martin Lipset

  • geboren am 18. März 1922 in New York
  • gestorben am 31. Dezember 2006 in Arlington in Virginia
  • Seymour Lipset war ein Soziologe, dessen Arbeiten sich hauptsächlich auf die Politiksoziologie, Gewerkschaftsorganisation, soziale Schichtung, öffentliche Meinung und die „Sociology of Intellectual Life“ konzentrierten.


  • Lipset war der Sohn eines russisch-jüdischen Immigranten.
  • Er war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau, Elise, hatte er drei Kinder: David, Daniel, und Cici.
  • 1987 starb Elise.
  • 1990 heiratete er seine zweite Frau Sydnee.


Wissenschaftlicher Werdegang[Bearbeiten]

  • 1949 promovierte er im Fach Soziologie an der Columbia University.
  • 1950–1956: Lehrbeauftragter an der Columbia University.
  • 1956–1966: Lehrbeauftragter an der University of California.
  • 1960 verließ er die Socialist Party of America.
  • 1962–1966: Leiter des Institute of International Studies.
  • 1975–1990: Munro Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Stanford University sowie George D. Markham Professor of Government und Soziologie an der Harvard University.
  • 1979–1980: Präsident der American Political Science Association.
  • 1992–1993: Präsident der (beiden) American Sociological Association.
  • 1997: Mit dem Helen Dinnerman Prize (vergeben von der World Association for Public Opinion Research) geehrt.
  • 2006: Fellow Senior an der Hoover Institution und Hazel Professor of Public Policy an der George Mason University bis zu seinem Tod.


Werke[Bearbeiten]

  • Agrarian Socialism: The Cooperative Commonwealth Federation in Saskatchewan, a Study in Political Sociology. (1950)
  • We'll Go Down to Washington. (1951)
  • Union Democracy. (1956)
  • Social Mobility in Industrial Society. (1959)
  • Economic Development and Political Legitimacy. (1959)
  • Political Man: The Social Bases of Politics. (1960)
  • The First New Nation. (1963)
  • Social Structure and Mobility in Economic Development. (1966)
  • Student Politics. (1967)
  • Revolution and Counterrevolution: Change and Persistence in Social Structures. (1968)
  • Prejudice and Society. (1968)
  • The Politics of Unreason: Right Wing Extremism in America, 1790–1970. (1970)
  • The Divided Academy: Professors and Politics. (1975)
  • The Confidence Gap: Business, Labor, and Government in the Public Mind. (1987)
  • Continental Divide: The Values and Institutions of the United States and Canada. (1989)
  • "Liberalism, Conservatism, and Americanism", Ethics & International Affairs. (1989)
  • Jews and the New American Scene. (1995)
  • American Exceptionalism: A Double-Edged Sword. (1996)
  • "Steady Work: An Academic Memoir". In: Annual Review of Sociology, Vol. 22. (1996)
  • It Didn't Happen Here: Why Socialism Failed in the United States. (2001)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Die Modernisierungstheorie[Bearbeiten]

In dieser Theorie beschäftigte sich Seymour Martin Lipset mit der Korellation zwischen Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung. Es gibt weiter Vertreter der Modernisierungstheorie, welche inhaltlich nicht sonderlich von diesem hier beschriebenen Ansatz abweichen.

Die klassische Modernisierungstheorie besagt, dass mit steigender wirtschaftlicher Entwicklung die Chance einer Demokratisierung wächst. Lipset ging von dieser aus und stützte sie empirisch durch vergleichende Untersuchungen in (hauptsächlich) europäischen und lateinamerikanischen Ländern. Er behauptet, dass in entwickelten Staaten die Demokratie eine höhere Chance hat weiter zu bestehen, als in weniger entwickelten Staaten. Obwohl er vermerkte, dass die Wandlung vom autoritären zum demokratischen Regime nicht mit dem Entwicklungsstand in Zusammenhang stehen würde.


Merkmale für wirtschaftliche Entwicklung[Bearbeiten]

Bei den Untersuchungen in den einzelnen Ländern bezog sich Lipset auf folgende, die Demokratisierung begünstigenden Merkmale für die wirtschaftliche Entwicklung:

  1. Bildung
  2. Verstädterung
  3. Industrialisierung
  4. Wohlstand

Das Resultat bestätigte seine Annahme: war in einem Land Demokratie vorzufinden, erreichte es auch hohe Werte bei jedem der vier sozioökonomischen Merkmale.


Bedingungen für Demokratisierung[Bearbeiten]

  1. Vergrößerung der Mittelschicht
  2. Wirtschaftliche Sicherheit der Unterschicht (in relativem Maße)
  3. Vertikale Mobilität
  4. Hoher Organisierungsgrad der Bürger
  5. Egalitäres Wertsystem (in relativem Maße)


Kritik an der Modernisierungstheorie[Bearbeiten]

Schon zu Beginn der Modernisierungstheorie stand die Korrelation von Wohlstand, Wertwandel und Demokratie im Mittelpunkt. Man ging davon aus, dass wachsender Wohlstand einen Wertwandel zur Folge hat, welcher sich besonders in dem Bedürfnis nach Mit- und Selbstbestimmungsrecht (demokratisch) äußert.

Der Hauptkritikpunkt dieser Theorie besteht in dem nicht miteinbezogenen Wertwandel. Dieser konnte zur Zeit der Entstehung dieser Theorie allerdings gar nicht miteinbezogen werden, da die benötigten Daten dafür nicht vorhanden waren. Es gab zu wenig repräsentative Daten aus Umfragen in Gesellschaften. Erst später standen in diesem Bereich durch die „Weltwertstudie“ von Ronald Inglehart (beinhaltet ca. sechzig Gesellschaften weltweit, in denen Umfragen gemacht wurden) verwendbare Daten zur Verfügung.


Die Cleavage-Theorie[Bearbeiten]

Die Cleavage-Theorie ist der Versuch, Wahlergebnisse auf relativ dauerhafte soziale Konflikte zurückzuführen (das englische Wort cleavage bedeutet „Spaltung“) und die mögliche Größe der Anhängerschaft einer Partei zu bestimmen. Die Cleavage-Theorie wurde 1967 von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan aufgestellt.

Die Theorie besagt, dass sich politische Parteisysteme aufgrund vier sozialer Konflikte bildeten. Diese Bildung vollzog sich im 19. Jahrhundert und war das Ergebnis von Konflikten zwischen sozialen Gruppen deren Organisation Kontakte zu Politikern knüpften, um ihre Interessen gegenüber anderen durchzusetzen. Aus diesen (dann) längerfristigen Kontakten entwickelten sich erst die politischen Parteien.

Die vier sozialen Konflikte (oder Cleavages) sind:

  1. Besitzer-Arbeiter
  2. Stadt-Land
  3. Staat-Kirche
  4. Zentrum-Peripherie


Die sozialen Konflikte im Detail[Bearbeiten]

  • Besitzer/Arbeiter (oder auch Klassenkonflikt)
    Darunter wird der Konflikt zwischen Arbeiter und Kapitalinhaber verstanden, sowie allgemein die Arbeiterbewegung und die Industrielle Revolution.
  • Stadt/Land
    Die Industrielle Revolution sowie der Interessenskonflikt zwischen Stadt (industriell Präferenz) und Land (agrarische Präferenz) sind hier Teil dieser Konfliktlinie.
  • Staat/Kirche
    Hier stehen im Mittelpunkt die Konflikte über offene Moral und Erziehung, die zwischen der Kirche und dem Staat herrschen. Weiters ist auch die Nationale Revolution (französische Revolution > Säkularisierung) Teil dieser Konfliktlinie.
  • Zentrum/Peripherie
    stellen die geographischen Konflikte dar, sowie Nationale Revolution, Konflikte zwischen der nationsbildenden Kultur (zentral) und der in Bezug auf Sprache, Religion, und allgemeine Ethnien, andersgearteter Bevölkerung (peripher). Der letzte beinhaltete Konflikt besteht zwischen dem sich modernisierenden Zentrum und der relativ traditionell bleibenden lokalen Peripherie (Elite).


Dimensionen der Cleavage-Theorie[Bearbeiten]

  • Funktionale Dimension
    Beinhaltet Konflikte über/um:
    1. Verteilung von Ressourcen
    2. Moral, Ideologien, historische Deutungen.
  • Territoriale Dimension
    Beinhaltet Konflikte über/um:
    1. Kontrolle, Organisation, politische Möglichkeiten, etc. des Systems
    2. Lokale Opposition und nationalen Eliten im System.

Die Dimensionen geben die so genannten „Eingangschwellen“ vor. Diese definieren, in welchen Formen sich die Konflikte in Parteisystemen auswirken können.


Kritik an der Cleavage-Theorie[Bearbeiten]

Die Cleavage-Theorie war erfolgreich bei der Erklärung der Entstehung und Entwicklung von Parteisystemen in Industriestaaten (besonders in Europa), doch 1980 war ein Umschwung der Parteisysteme zu erkennen, der zur Folge hatte, dass sich immer weniger Bürger relativ dauerhaft an eine Partei binden wollten. Dies steht im Widerspruch mit der besagten Theorie. Weiters liefert sie keinen Aufschluss über fallende Wahlbeteiligung, Protestwahlverhalten, rechtspopulistische und ökonomische Parteien. So ist man in wissenschaftlichen Kreisen der Meinung, dass die Cleavage-Theorie heute nur noch bedingt anwendbar ist.


Extremismus der Mitte[Bearbeiten]

Dies ist eine Theorie die 1958 von Seymour Martin Lipset aufgestellt wurde. Sie besagt, dass der Ausgangspunkt von Extremismus in Gesellschaften, in jeder sozialen Schicht liegen kann. Am Bekanntesten ist in dieser Beziehung Lipsets Beurteilung der Wahlerfolge der NSDAP, wobei er den Erfolg dieser, vorwiegend auf den Extremismus der unteren Mittelschicht zurückführte. Daher hat diese Theorie auch ihren Namen. Als Gründe für die Unterstützung der NSDAP seitens der Mittelschicht sind von Lipset die wirtschaftliche Not, sowie die (scheinbare) Bedrohung durch Großkapital und organisierte Arbeiterschaft angeführt worden. Lipset kam zu dem Schluss, dass die Bedrohung des Status eines Menschen mit der Tendenz zum Rechtsradikalismus in Verbindung steht.


Internetqeullen[Bearbeiten]