Soziologische Klassiker/ Millar, John

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

John Millar

  • geboren am 22. Juni 1735
  • gestorben am 30. Mai 1801 an Rippenfellentzündung in Glasgow


Vater: James Millar (Minister) Mutter: Ann, eine Tochter von Archibald Hamilton of Westburn


1735: John wurde als erstes Kind von vier Geschwistern im ersten Jahr nach der Liebesheirat der Eltern geboren. Die Hochzeit der Eltern wurde von ihren Familien nicht gutgeheißen, da sie nicht den jeweiligen Ständen entsprachen. Deshalb wurde die Mutter (Ann) von ihrer Familie ferngehalten und John Millar wuchs bis zu seinem siebten Lebensjahr bei seinem Vater auf.

1742 kam Millar in die Grundschule in Hamilton. Dort lernte er nicht nur Latein, sondern auch Griechisch. Schon in seinen Kindheits- und Jugendjahren lernte er viele bedeutende Denker kennen, die sein Leben und Werk nachhaltig prägten. Darunter befanden sich unter anderen David Hume, James Watt und William Cullen, ein Cousin seiner Mutter.

1746 ging er zur Universität in Glasgow und wurde ein Freund von William Morehead, später von Herbershire, dem Onkel von Francis Jeffrey. Millar studierte in Glasgow Recht und nahm nach dem Abschluss der Studien ein Angebot als Privatlehrer für den Sohn von Lord Kames an.

1759 heiratet John Millar Margaret Craig, eine Frau aus Glasgow, die ihm wegen ihrer Intelligenz imponierte. In den ersten achtzehn Jahren der Ehe wurden dreizehn Kinder geboren. Darunter befanden sich fünf Buben und acht Mädchen. Zwei Kinder starben nach der Geburt. Alle Söhne kamen an die Universität des Vaters, wo die Familie Millar außerordentlich gut vertreten war.

1760 wurde der schottische Moralphilosoph Anwalt und zeigte vielversprechende Ansätze. Im Jahr 1761 nahm er eine professorship for law an der University of Glasgow an und behielt sie bis zu seinem Tod im Jahr 1801. Er hielt Vorlesungen in civil law, jurisprudence und auch english law, die äußerst beliebt waren. John Millar hatte den Crown Chair of Civil Law in the University of Glasgow. Er war ein Schüler und später ein guter Freund von Adam Smith. Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Werken Millar´s wieder.

1801:Millar hinterließ nach seinem Tod vier Söhne und sieben Töchter. Alle Söhne machten Karriere an der university of Glasgow, Militär oder als writer to the signet. Eine der Töchter war die Mutter von Allan Thompson (professor for surgery, university of Edinburgh).


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Schottland im 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das 18. Jahrhundert war eine Zeit, in der sich das Land wirtschaftlich sowie gesellschaftlich in einer problematischen Lage befand. Die Vertreibung der Hochländer sowie das Verbot der Gälischen Sprache und der Ausübung ihrer Kultur führte zu einer zunehmenden Orientierungslosigkeit der Bevölkerung. Ein weiterer Störfaktor der Gesellschaft war der Anschluss Schottlands an England durch den act of union. Durch ihn herrschte in der Bevölkerung Unzufriedenheit. Dieser act of unit zog unter anderem Konsequenzen in der Thronfolge nach sich, welche die Bevölkerung als Einmischung in ihre Kultur und Politik auffasste. Die wirtschaftliche Lage war durch die wenigen Exportgüter und durch die eher primitive Agrargesellschaft geschwächt, ebenso der Handel.

Im Gegensatz dazu etablierte sich aber eine geistige Elite in Schottland, die von einem auflkärerischen Wandel durchwirkt war, durch welchen die Sozialwissenschaften aufblühen konnten, ein markantes Zeichen dieser Zeit. Das 18. Jahrhundert war also auch das Jahrhundert der Aufklärung und der Emanzipation des Geistes.

Die Arbeit von John Millar zeigt in ihren Theorien und Erkenntnissen, dass er von dieser Aufbruchstimmung beeinflusst wurde. Vorallem seine Erkenntnisse auf dem Wirtschaftlichen Gebiet und seine Schichtungstheorien können auf seine Gedanken über die gesellschaftlichen Veränderungen in seinem Heimatland zurückgeführt werden.


Die Rolle Edinburghs in der Aufklärung[Bearbeiten]

Viele Philosophen und Gelehrte aus den verschiedensten Bereichen befanden sich zu dieser Zeit in Edinburgh, wo augrund des Anschlusses an England viele Adelige die Stadt verlassen hatten, um Richtung London, der neuen Hauptstadt, zu gehen. Nun konnte sich in der Stadt die intelektuelle Szene entwickeln. Diese Gesinnung wurde auch in Glasgow spürbar, wo sich John Millar aufhielt. Aufgrund von Schiffsverbindungen kam er auch in Berührung mit dem Handel, der dort getrieben wurde.

In Edinburgh stand die größte Universität des Landes, wo auch viele bekannte Professoren unterrichteten. Unter ihnen befanden sich bereits bekannte Namen wie James Watt, William Cullen, Adam und David Hume. Mit ihnen stand John Millar schon in seinen frühen Jahren in Kontakt.

Millar war von diesem neuen Geist, der auch, wie oben erwähnt, Glasgow erreicht hatte, beeinflusst. Millars Überlegungen zur sozialen Ungleichheit sind geprägt von den Einflüssen seiner Zeit. Er versuchte, die Ursache der sozialen Ungleichheiten in den Strukturbedingungen einer Gesellschaft zu finden. Auch die Verbindung von sozialer Ungleichheit und dem Handel kann auf den Einfluss der Zeit zurückzuführen sein.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Der schottische Philosoph und Historiker Millar war Anhänger der Lehre von Adam Smith und ebenfalls ein berühmter Mitbegründer der modernen Philosophie, sowie ein bedeutender Moralphilosph. Als Professor an der Glasgow University genoss er einen guten Ruf, er ging auf die Interessen seiner Studenten ein. Auch in seinem Privatleben war seine Lehrtätigkeit präsent. Er lud Studenten zu sich nach Hause ein, diskutierte mit ihnen und vertiefte seine Vorlesungsinhalte. John Millar war außerdem ein gewähltes Mitglied in der Literary Society of Glasgow, die 1752 gegründet wurde.

Mit Thomas Reid, Professor für Moralphilosophie an der Universität Glasgow und der nachfolgende Lehrende von Adam Smith, der diesen Lehrstuhl zuvor besetzte, verband ihn eine Kollegenschaft, die geprägt war von Diskussionen über Theorien. Trotz ihrer verschiedenen Ansichten blieb ihre Freundschaft aufrecht.

Bei John Millar wird der Einfluss von Adam Smith besonders deutlich. Millar bezeichnet Adam Smith als den Newton der Moraliphilosophie. Um Millars Lehre verstehen zu können, ist ein kurzer Einblick in das Werk von Adam Smith nötig.

Seine Theorie der moralischen Gefühle besteht im Wesentlichen aus der Frage, wie es zu moralischen Urteilen kommt und was das Wesen von moralischen Urteilen ist, beziehungsweise welche Funktion sie erfüllen.

Fixer Bestandteil dieser Theorien ist die Empathie, die Smith allerdins noch als Sympathie bezeichnete, der Sinnhaftigkeit aber eher der Empathie (sich in andere hineinversetzen können) entspricht. Mit Hilfe der Empathie können Handlungen von anderen in gewissen Situationen mit der Vorstellung des eigenen Handelns verglichen werden. Dadurch kann man laut Adam Smith feststellen, ob die Handlung angemessen oder unangemessen war.

Eine weitere Theorie von Smith ist die Theorie der Affekte. Er unterscheidet asoziale und soziale Affekte, die sich wiederum hinsichtlich der Akzeptanz oder eben der Nichtakzeptanz der Affekte von den anderen Menschen unterscheiden. Dies ist laut Smith notwendig, um Schichtung aufrechtzuerhalten. Smith glaubt an eine natürliche Ordung, die er auch als unsichtbare Hand bezeichnet.

Weiters beschäftigte sich Smith mit seiner Theorie über den Ursprung des Wohlstands der Völker. Arbeitsteilung, Tausch, Bedürfnislehre und Wirtschaftsstufenlehre haben Erwähnung gefunden und sind unter anderem auch Grundlage für die Theorien von John Millar.

Im Verlgeich der Theorien von Millar und Smith wird man feststellen, dass es sich bei Millars Thesen nicht um eine gespiegelte Variante von Adam Smiths Werk handelt, sondern eher um eine Art symbiontische Beeinflussung, die erst beide Theorien zu einem Ganzen vereint.


Werke[Bearbeiten]

Millar, John (1771): Observations Concerning the Distinction of Ranks in Society. John Murray, London (Disputatio in Latein)

Millar, John (1779): The Origin of the Distinction of Ranks: or, An Equiry into the Circumstances which Give Rise to INfluence an Authority in the Different Members of Society. Murray, London

Millar, John (1787): An Historical VIew of the English Government: From the Settlement of the Saxons in Britain to the Accession of the Hause of Steward. Murray, London

Millar, John (1796): Letters of Crito. London


Millars Werke in Thesen und Themen[Bearbeiten]

Schichtung[Bearbeiten]

Mit Schichtung meint Millar nicht nur die ökonimische Schichtung sondern auch, wie oben erwähnt, die Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft. Die ökonomischen Faktoren sind für ihn aber die Ursachen für die verschiedenen Verhältnisse von den einzelnen Schichten zueinander. Die einzelnen Schichten hat John Millar in seiner Wirtschaftsstufenlehre aufgelistet:

Wirtschaftsstufenlehre
1. Urkultur (Jäger und Sammler)
2. Weide- und Hirtenwirtschaft
3. Ackerbaukultur
4. Handwerkliches Gewerbe
5. Manufaktur

Eine weitere Funktion, die der Soziologe den ökonomischen und technischen Faktoren zuschreibt, ist, dass sie die Veränderungen und Unterschiede in Gesellschaften erst verursachen. Ohne sie würde eine Gesellschaft stillstehen. Hier sind eindeutige Parallelen zu Marx sichtbar, der sich ebenfalls auf die Vorrangstellung von ökonomischen Faktoren stützt.


Soziale Ungleichheit[Bearbeiten]

Soziale Ungleichheit entsteht, so Millar, durch die Anhäufung von Eigentum. Ohne Eigentum würde Gleichheit der Menschen in der Gesellschaft herrschen. In seiner Theorie der sozialen Ungleichheit beschäftigt sich Millar mit verschiedenen Teilbereichen, die unter den Menschen ungleich verteilt sind: Boden/Land, Güter (durch Handel).

Allerdings behauptet er, dass erst wenn in einer Gesellschaft ein Überschuss erwirtschaftet wird, Ungleichheit entstehen kann, da erst dann jeder Eigentum anhäufen möchte und zwar in Form von Boden und Gütern. Ist dies bereits der Fall, wird die Gesellschaft in verschiedne Schichten aufgeteilt.


The Origin of the Distinction of Ranks[Bearbeiten]

In seinem Hauptwerk "Vom Ursprung des Unterschieds in den Rangordnungen und Ständen der Gesellschaft" gibt es drei Punkte mit denen er sich vorrangig beschäftigte:

1. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft:
Seine These zu diesem Thema: Je luxuriöser die Gesllschaft ist, desto unbedeutender die Stellung der Frau, weil unter anderem der Beitrag den sie für die Gesellschaft leisten muss, um deren Überleben zu sichern, immer geringer wird. Millar nimmt dabei als Ausgangspunkt eine Verfeinerung der Sitten an.

2. Unterschiede in den Stufen der Entwicklung von Ökonomien:
Millar untersuchte, welche technologischen und ökonomischen Entwicklungen zu welchen Regierungsformen führen.

3. Sklaverei:
Mit zunehmender Technologisierung der Gesellschaft nimmt die Sklaverei ab.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Das Werk von John Millar war sehr bedeutend. Durch seine Überlegungen konnte die moderne Soziologie vorangetrieben werden, wenn sie nicht sogar einen Teil zu ihrer Entwicklung beitgetragen haben. Millars Ideen und Gedanken waren Teil einer Bewegung der Aufklärung, der auch viele andere bedeutende Philosophen wie Locke, Berkley, Hobbes, sowie Descartes, Voltaire und Rousseau angehörten. Die Aufklärung war überall in Europa präsent.

Millars Werke können al solche bezeichnet werden, die die Publikation in einer freien Sozialwissenschaft eingeleitet haben. "Origin of Distician of Ranks" war eines der ersten Werke in einer moderneren, offeneren Zeit. Erst spät, als Werner Sombart Millars Buch in seine Überlegungen miteinbezog, wurden dessen Verdienste bewusst. Auch sein Einfluss auf das Rechtsverständnis, sowie politische, historische und soziale Entwicklungen zeigte erst später seine Früchte.

Als Professor an der University of Glasgow zog Millar die Studenten in seinen Bann. Einer der Studenten schrieb in einem Brief: "His eyes, his voice, his figure, were commanding, as if nature had made him for the purpose of giving dignity and fascinating to oral instuctio."


Literatur[Bearbeiten]

  • Lehmann (1960):
    "John Millar of Glasgow"
    Camebridge
  • Millar (1779):
    "Vom Ursprung des Unterschieds in den Rangordnungen und Ständen der Gesellschaft"